Mittwoch, 31. Dezember 2025

Vom Schreiben

 Eines Tages wirst du das Buch schreiben, verstehst du? Aber du musst aufhören, dir Gedanken über seine Form oder über die Geschichte oder darüber zu machen, ob die Leute es lesen werden. Du musst einfach niederschreiben, was du weisst. Das ist das ganze Geheimnis – einfach alles, was du selbst erfahren hast. Und dann wird was dabei herauskommen – glaub mir, alles andere ist Schwindel. Jene glatten, sorgfältig geplanten Bücher, alles Schwindel, mindestens von deinem Standpunkt aus. Du gehörst zu der Art von Schriftstellern, die einfach mitten hineinspringen müssen, die versuchen müssen, zu fliegen oder zu kriechen oder zu singen, oder was weiss ich.

Peter Viertel: Weisser Jäger, schwarzes Herz

Sonntag, 28. Dezember 2025

I've come full circle

In my twenties, in the times of long hair and rock music, I had no doubt at all that the state, institutions as well as their represenatives had no clue at all about anything. To me, they not only lived on another planet, it was a planet I had no interest in.

That youthful arrogance vanished with age and the so-called necessities of life, I even started to become interested in politics, culture and the media that I then, strangely enough, did not equate with maintaining the status quo.

Now in my seventies, I realise that I've come full circle. It is nowadays beyond me how anyone can believe that people holding office or representing institutions have any clue what is going on. Once again, these people seem to me more than distant, I am not even willing to contemplate their talking points.

I've also come to realise that it wasn't youtful arrogance that made me think the way I do – rather it was the feeling that to live a life as a so-called valuable member of society was surely not a good way to live for, in my view, all these people were willing to adapt to a system I had no sympathy for.

"O heróico num ser humano é não pertencer a um rebanho" (The heroic thing about a human being is not to belong to a herd.), according to José Saramago. He is right, of course. How baffling, however, that the ones who make the herd a herd think of themselves as individuals.

Mittwoch, 24. Dezember 2025

Lightly my darling

Kyoto, Japan, 29 September 2025

It's dark because you are trying too hard. Lightly child, lightly. Learn to do everything lightly. Yes, feel lightly even though you're feeling deeply. Just lightly let things happen and lightly cope with them. Lightly, lightly – it's the best advice ever given me. So throw away your baggage and go forward. There are quicksands all about you, sucking at your feet, trying to suck you down into fear and self-pity and despair. That's why you must walk so lightly. Lightly my darling.

Aldous Huxley

Sonntag, 21. Dezember 2025

Geht ein Philosoph übers Wasser

Otto A. Böhmer, geboren 1949, ein geistreicher Fabulierer der Sonderklasse, gehört zu den wenigen Autoren, die mich alle paar Zeilen zum Lachen bringen (nur gerade zwei andere fallen mir ein: Nigel Barley und Hans Peter Duerr). Die Tatsache, dass mich ein Philosoph und zwei Ethnologen heiter zu stimmen vermögen, ist an sich schon bemerkenswert, zeichnet doch beide Professionen eine überaus ernste Bedeutungshuberei aus, die im wesentlichen darauf hinausläuft, das Leben als Denksportaufgabe und sich selber besonders wichtig zu nehmen.

Frohgestimmt nahm ich also das Buch zur Hand und war dann etwas irritiert, als ich bereits auf der ersten Seite auf Sätze stiess, die ich in bester Erinnerung habe (das ist selten genug; die meisten Bücher, auch wenn ich sie gerne gelesen habe, habe ich bereits nach wenigen Wochen fast vollständig vergessen). Nun gut, dass ein Vielschreiber wie Otto A. Böhmer sich bei sich selber bedient, soll ihm nachgesehen werden, denn auch beim wiederholten Lesen, haben sie nichts von ihrer Originalität verloren.

Über die masslos überteuerten Flughafenpreise haben sich vermutlich die meisten schon geärgert, doch ist die Absurdität der Ausbeutung unseres Konsums selten so auf den Punkt gebracht worden: "... nachdem er einen grosszügig überteuerten Tee getrunken hatte, in dem ein Beutel schwamm, der schon mehrfach benutzt worden war ..."

Der Protagonist dieses Romans, Professor Prenzlau, soll auf einem Kreuzfahrtschiff, "philosophisch beglaubigte Lebensweisheiten" ausgeben. Um zum Schiff zu gelangen, muss er allerdings zuerst einmal zur Anlegestelle kommen und zwar per Flugzeug, doch Fliegen ist auch nicht, was es einmal war, wie die Flugbegleiterin klarstellt. "Die goldenen Zeiten für Alkoholiker an Bord sind vorbei."

Auf dem Schiff wird Prenzlau dann von der Entertainment-Chefin Carla Mares begrüsst, schliesslich gehört Lebensberatung zur Unterhaltungssparte. Er fügt sich, obwohl er sich über vieles echauffieren kann, von Windrädern über den Islamischen Staat zur amerikanischen Nahost-Politik, doch für den Moment versagt er sich sogar, "einen kleinen bösen Gedankenmonolog zur Lage des Individuums im Grossen und Ganzen", da er sich einzugewöhnen hat.

Bei einer Lesung von Gerry Stubenrauch, dem Prenzlau nicht gerade zugetan ist, fallen dann Worte, die so recht eigentlich Geht ein Philosoph übers Wasser bestens charakterisieren: "leicht und heiter, still und traurig." Inklusive der Böhmer'schen Bodenhaftung: "wie dumm doch manche Leute waren, die sich für kritisch und aufgeklärt hielten".

Prenzlau leidet unter seinem Gewicht, wird auf See, ohne sein Dazutun, jedoch leichter, dafür ist er nicht mehr so konzentriert wie auch schon. "Sie (die Konzentration) ist jetzt anderweitig unterwegs." Eine pragmatische Philosophie, von Alltäglichkeiten informiert, und deswegen hilfreich, zeichnet dieses Buch aus, das auch die heutigen Aufgeregtheiten als wenig neu erkennt. "Man besprach Vermögensfragen, klagte über die Unsicherheit der Zeit und die allgemeine Orientierungslosigkeit ...".

Grossartig, die Schilderung des Taxifahrers bzw. des Busfahrers auf Lanzarote. Letzterer, erfährt man, kennt die Insel so gut, da er vermutlich "schon die ersten Vulkanausbrüche im September 1736 mitgemacht, sich alles gemerkt und danach beschlossen (hatte), Busfahrer zu werden."

Doch Otto A. Böhmer ist nicht nur ein begabter Betrachter der Absurditäten des menschlichen Dasein, er ist auch ein profunder Menschen- bzw. Goethe-Kenner, wie seine Ausführungen zu dem 25Jährigen Dichter, der nebenbei als Rechtsanwalt tätig ist, zeigen. Und er ist ein Intellektueller, der die Grenzen des Intellektes kennt. "Prenzlau war traurig. Intellektuelle Einwönde gegen ein solches Gefühl, das einfach da war und zu Herzen ging, standen ihm nicht zur Verfügung."

PS: Professor Prenzlau ist Mitglied der Schopenhauer-Gesellschaft, was unter anderem zur Folge hat, dass man einiges über Schopenhauer lernt. Etwa dass dieser "eher ein Mann des unnachgiebigen Monologs (war), als dass er auf Diskussionen aus gewesen wäre. In seinen Schriften steckt vielleicht auch gerade deswegen ein Quantum Weisheit, wie es die allermeisten seiner Kollegen nicht zusammenbekommen haben."

Otto A. Böhmer
Geht ein Philosoph übers Wasser
Roman
der blaue reiter, Hannover 2025

Mittwoch, 17. Dezember 2025

Veränderungen

 Wie war ich doch einst von allem, restlos allem, das ich mit Bildung assoziierte, begeistert. Das ging von Klöstern über Bibliotheken zu Buchhandlungen, von Universitäten über Schriftsteller zu Schauspielerinnen, vom Theater über den Film zum Briefmarkensammeln. Dass etwas, was auch nur irgendwie mit Kultur im Zusammenhang stand, aufbewahrt, studiert und gepflegt gehörte, war mir selbstverständlich.

Der Welt des Wissens begegnete ich mit Ehrfurcht, von gescheiten Menschen war ich beeindruckt. Die Angst, womöglich nicht zu genügen, begleitete mein Jusstudium. Dass ich es dann im Schnelldurchlauf hinter mich brachte, verwunderte mich mehr als es mich freute. 

Der Respekt vor akademischen Titeln und anderen sozialen Zuschreibungen verlor sich, als ich in späteren Jahren weitere Abschlüsse an ausländischen Universitäten erwarb. Dass Diplome von sogenannt renommierten Lehranstalten selten mehr als Bestätigungen des Angepasst-Seins waren, ernüchterte mich.

Die Hoffnung, dass Wissen einen erfüllen und befreien sollte, weigerte sich hartnäckig ihren Abschied zu nehmen. Nach wie vor suchte ich in Büchern und scharfsinnigen Auseinandersetzungen nach Antworten  auf die Rätsel des Lebens, obwohl es mich zunehmend nervte, Abhandlungen von mehreren hundert Seiten über einen einzigen Gedanken zu lesen. Die Erkenntnis von Joseph Campbell, dass die Menschen nicht so sehr die Frage nach Sinn beschäftigte, sondern sie the experience of being alive vermissten, verstand ich nur intellektuell, also gar nicht.

Ich trottete weiter in den mir bekannten Pfaden, hörte nicht auf, mich darüber aufzuregen, dass die Welt nicht so war, wie sie meines Erachtens sein sollte. Und obwohl ich zu kapieren begann, dass die Welt der Kultur, von der ich mir Erlösung von meinem Leiden am Leben erhoffte, genauso eitel, korrupt und hohl war wie alles, das sich am Beifall orientiert, schaffte ich es nicht, davon abzulassen. Und sie einfach locker zu nehmen, entsprach schlicht nicht meinem Temperament.

Doch nach und nach begann ich in meinen Gefühlen einen Gedanken (Gefühle und Gedanken, die beide im Hirn entstehen, vermag ich nicht zu unterscheiden) auszumachen, der mir schon einmal, viele Jahre ist es her, den Weg gewiesen hat. So sick and tired of being so sick and tired. Ich gewöhnte mir an, darauf zurückzukommen, so dass ich mit der Zeit begriff, dass ich so nicht mehr leben wollte. Und eigenartigerweise genügte das, um mich neu zu orientieren ...

Sonntag, 14. Dezember 2025

Was Philosophie war, ist und sein kann

In unseren egomanischen Zeiten, in denen ein zum Präsident gewählter alter Mann alles ausschliesslich auf sich bezieht, ist die Auseinandersetzung mit der vorliegenden Schrift von Ulrich Steinvorth, geb. 1941, emeritierte Professor für Praktische Philosophie an der Universität Hamburg, überaus willkommen, weil da unter anderem auch auf Platons Ideen Bezug genommen wird, denen wir "ein erfahrungsunabhängiges Wissen von Tugenden und mathematischen Gegenständen" verdanken.

Aus der Wertneutralität folgt nicht, dass die Welt bedeutungslos ist. So sprach etwa Aristoteles "allen Dingen tele zu, naturgegebene Ziele, denen sie notwendig folgen." Sehr schön zeigt Autor Steinvorth auf, wie sowohl Platon als auch Aristoteles ihrer Zeit und deren Vorstellungen verhaftet sind, mithin an Götter glauben, die für das Gute bzw. Vollkommene stehen.

Spannend an dieser kurzen historischen Einführung, die auch für Laien verständlich geschrieben ist, sind insbesondere die Bezugnahmen zur Wissenschaft. Dass die Natur, weil sinnvoll, göttlichen Ursprungs sei, wird auch von Wissenschaftlern behauptet. Ulrich Steinvorth sieht das anders. "Die Natur ist auch ohne Schöpfer sinnvoll."

Zu den Fragen, mit denen sich der Autor intensiv auseinandersetzt, gehört die Willensfreiheit. Er lehnt die deterministische Sicht ab, führt den Trotz an, der nicht als vorgegebene Reaktion angesehen werden könne. Auch die Moral kommt nicht zu kurz – Kant nennt Willensfreiheit ohne Moralität Willkür , wobei Professor Steinvorth darauf hinweist, dass im Konfliktfall die Frage nach dem Sinn hinter die Moral zurücktritt, "weil die Moral der Erhaltung eines überlebenswerten Lebens dient." Es ist unser Lebenswille, der uns am Leben hält. Und diesem ist alles untergeordnet, was nur schon deswegen einleuchtet, da sich alle Fragen erübrigen, wenn man nicht mehr am Leben ist.

Was Philosophie war, ist und sein kann zeigt dieses Werk auf originelle Art und Weise. "Die Wissenschaft unterscheidet sich von der Theologie dadurch, dass sie Sinn und Absicht als immanent ansieht." Die Seinsfrage wurde im 17. Jahrhundert zur Domäne der Wissenschaft, die Sinnfrage wurde der Philosophie überlassen, die sie jedoch dem Glauben zuwies. Dann merkte man, dass diese Zuteilung zu einfach war. "Denn die Wissenschaft konnte die Seinsfrage und der Glaube die Sinnfrage nicht vollständig beantworten."

Dazu kam die Frage, wozu die Philosophie denn eigentlich noch gut sein sollte bzw. was ihre Aufgabe war? Mit "Wie die Philosophie ihre Aufgabe der Sinnklärung lösen könnte" ist ein Kapitel überschrieben, worin Ulrich Steinvorth dafür plädiert, dass etwas "um seiner willen getan oder erlebt werden" muss, damit Sinn erfahren werden könne. Es lohnt sich, bei diesem Gedanken zu verweilen, auch weil ein solches Verweilen als sinnvoll erlebt werden kann.

Was Philosophie war, ist und sein kann ist ein vielfältig anregendes Werk, das gelegentlich auch meinen Widerspruch hervorrief, wenn etwa Donald Trump oder Wladimir Putin als Ideologen bezeichnet werden, was ja impliziert, dass sie wissen, was sie tun. Nur ist es eben so, dass die meisten Menschen nicht wissen, warum sie tun, was sie tun, und Psychopathen schon gar nicht (was ihr Verhalten keineswegs entschuldigt oder gar rechtfertigt). Auch ist der Untertitel, Eine kurze historische Einführung, insofern etwas irreführend, als Autor Steinvorth viel mehr (und anderes) vorlegt, und in erster Linie zeigt, dass und wie zu philosophieren hilfreich und bereichernd ist, so man sich dabei auch mit den Erkenntnissen aus Physik und Psychologie etc. auseinandersetzt.

Ein Buchtitel (Was Philosophie war, ist und sein kann), der hält, was er verspricht. Eine Seltenheit!

Ulrich Steinvorth
Was Philosophie war, ist und sein kann
Eine kurze historische Einführung
Reclam, Dietzingen 2025

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Sadhguru: Death

Da ich Sadhgurus Die Weisheit eines Yogi in guter Erinnerung habe, gehe ich sein Death positiv gestimmt an und erfahre bereits auf den ersten Seiten, worin eines der Übel unserer Existenz liegt: Wir wissen zwar, dass wir alle eines Tages sterben werden, doch erstaunlicherweise weigern wir uns dies wahrzuhaben. Im Hindu-Epos Mahabharata heisst es: "Hunderte und Tausende von Lebewesen ereilt in jedem Auenblick der Tod, und dennoch hält sich der törichte Mensch für unsterblich und bereitet sich nicht auf den Tod vor. Das ist das grösste Wunder des Lebens." Man könnte dies allerdings auch als Blödheit, Dummheit, Ignoranz bezeichnen.

Sadhguru ist ein Yogi und so erfährt man denn auch einiges über das yogische System, wird aufgeklärt über Karma, Chakras und Reinkarnation sowie darüber, "dass es nichts im Kosmos gibt, das nicht lebendig ist." Aufschlussreich ist insbesondere seine Haltung zur Meditation. "In Wirklichkeit gibt es so etwas wie Meditation nicht. Es gibt nur Stille – viele Ebenen der Stille. Weil es aber sehr schwierig ist, den Menschen Stille beizubringen, verwendet man den Begriff 'Meditation' als eine Art Bindeglied."

Als obrigkeitsallergischer Mann werde ich zwar automatisch skeptisch, wenn ich lese der Autor sei "ein international anerkannter Vordenker und Vermittler eines ganzheitlichen und spirituellen Bewusstseins", der als Redner bei den Vereinten Nationen, dem Weltwirtschaftsforum, dem MIT sowie dem House of Lords aufgetreten ist (Eitleres und Eingebildeteres als solche Institutionen ist schwer vorstellbar), doch vieles, was in diesem Buch zu lesen ist, ist überaus nützlich, da weit weg von der westlichen Konsummentalität.

Sadhguru ist ein erfrischender Denker, dessen Einsichten in persönlichen Erfahrungen gründen .So hat er als Junge viel Zeit auf dem Einäscherungsplatz verbracht und dabei gesehen, wie halb verbrannte Leichen in den Fluss geworfen wurden: "Und es ist wirklich sehr gut für dich, zu sehen, dass die Menschen auch dich eines Tages so behandeln werden."

Unser Verstand lehnt den Tod ab, so Sadhguru, was nicht zuletzt daran liegt, dass wir eine falsche Vorstellung vom Tod haben. Überhaupt hegen wir viele falsche Vorstellungen. fas liegt daran, "dass du den Überblick verloren hast, wer du in diesem Universum bist." Am Rande: Auch die unsinnige Eigenart, deutsche Bücher mit englischen Titeln zu versehen, ist Ausdruck davon.

Was soll ich mich um den Tod kümmern? Ich merke eh nichts von ihm, wenn ich einmal nicht mehr bin, so denken wohl die meisten. Sadhgurus Sichtweise ist gänzlich anders. "Der Übergang vom Physischen zum Nicht-Physischen ist der grösste Augenblick in deinem Leben. Ist es also nicht von grosser Wichtigkeit, dass du ihn so würdig und wundervoll wie möglich gestaltest?"

Auch zum Selbstmord macht er sich Gedanken. "In den Vereinigten Staaten sterben momentan jedes Jahr mehr Menschen durch Suizid als durch Mord und Krieg zusammen, und in letzter Zeit überwiegt die Zahl der Selbstmordopfer sogar die der Verkehrstoten." Dass da einiges im Argen liegt, ist offensichtlich, doch Sadhguru kritisiert nicht den amerikanischen Traum, sondern wird grundsätzlich: Würden wir verstehen, dass wir im Kontext der ganzen Schöpfung ein Nichts sind, "dann wirst du heilfroh sein, dass du zumindest atmest, dass dein Herz schlägt, dass du am Leben bist und alles soweit klappt."

Wir leben in einer Scheinwelt, wollen nicht wahrhaben, dass die Sterblichkeit "die grundlegendste Tatsache unserer Existenz" ist. Uns ist aufgegeben, damit zurechtzukommen, sonst "bleibt unsere Lebenserfahrung auf das physische Selbst und den Körper beschränkt." Der Autor hält dies für eine falsche Sichtweise, da ihr seine eigenen Erfahrungen entgegenstehen,

Zu den Vorzügen von Death zählen die eingestreuten Geschichten, die hervorragend geeignet sind, die zahlreichen theoretischen Ausführungen zu illustrieren. Im Gegensatz zu wohl den meisten Büchern über den Tod, geht es hier nicht alleine darum, gut zu leben, sondern "den Moment des Übergangs von der Körperlichkeit ins Nichtkörperliche, vom Zustand der Verkörperung zum Zustand der Entkörperung, in grösstmöglicher Bewusstheit und Würde zu begehen."

Man braucht die rechte Anschauung, um zu verstehen, dass es ein Wunder ist, dass es uns überhaupt gibt – und dass Leben und Tod keine Gegensätze sind, sondern zusammengehören. 

Fazit: Ein vielfältig anregendes, grundsätzliches und hilfreiches Plädoyer für ein waches Dasein, zu dem entscheidend die Würde gehört.

Sadhguru
DEATH
Die Weisheit eines Yogi über die Kunst 
von Leben und Sterben
O.W. Barth, München 2025

Sonntag, 7. Dezember 2025

Die Flüchtigkeit des Lebens

Das ist noch nicht mein Leben, dachte es die meiste Zeit meines Lebens so in mir. Dass das lächerlich ist, weiss ich, doch wer kommt schon gegen seine Gefühle an. 

Statt unserem Verstand die ihm gehörige Rolle zuzugestehen, glorifizieren wir die Gefühle, berufen uns auf Instinkt, Intuition und Bauchgefühl, denen wie sowieso ausgeliefert sind. 

Meine Gefühle verleiten mich zu vielem, was mir nicht bekommt; so wollen sie etwa nichts wissen von Endlichkeit, auch wenn diese dem Verstand einleuchtet. Doch es gibt Momente, in denen das Herz zu erfassen scheint, was der Vernunft schon lange klar gewesen ist. Ich kann heute sterben, ging mir letzthin beim Aufwachen durch den Kopf. Gut möglich, dass dieser Gedanke auch deshalb mein Herz erreichte, weil es mir tags zuvor geradezu unfassbar erschien, dass der neue Papst jünger ist als ich selber bin. Jedenfalls kam ich während dieses Tages immer mal wieder darauf zurück, was mir dieses Heute nicht nur sehr eigenartig, sondern gänzlich unfassbar erscheinen liess. 

Wie einen Traum erlebte ich diesen Tag, an dem ich bei Richterswil dem Zürichsee entlangging, Fotos machte, und mit einem jungen IT-Mann mit Hund ins Gespräch kam. Ein anderer Mann, ebenfalls mit Hund, kommentierte dessen ausgiebiges Rumschnüffeln an Allem und Jedem mit „Hundezeitung“ (der Hund informiere sich gerade, wer wann und von wo hier durchgekommen sei). Mir dabei immer wieder von Neuem ins Gedächtnis zu rufen, dass jederzeit alles zu Ende sein kann, verscheuchte meine Ängste, erlaubte mir immer wieder von Neuem, die Gegenwart zu erleben.
Fotos zeigen bekanntlich, was sich in einem bestimmten Moment vor der Kameralinse befunden hat. Fotografieren bedeutet Festhalten-Wollen. Zu wissen, dass man nichts festhalten kann, dass der Glaube, man könne es, eine Illusion ist, hat das Potential, Fotos zu dem zu machen, was sie auch sein können: Erinnerungen an die Flüchtigkeit des Lebens.

Mittwoch, 3. Dezember 2025

Von der Faszination des Alltags

 Aussergewöhnliches, Spektakuläres hat mich nie gereizt; bei sogenannt grossartigen Taten wie der Besteigung des Mount Everest wunderte ich mich jeweils: Wozu das Ganze? Nichtsdestotrotz: Respekt, ja Bewunderung für aussergewöhnliche Leistungen wie etwa die Mondlandung oder die Errungenschaften der Wissenschaft sind mir nicht fremd, im Gegenteil.

Seit meiner Jugend fasziniert mich das Gewöhnliche, das Unspektakuläre, das sogenannt Banale. Das geht von Reihenhaussiedlungen bis zu endlos weiten Ebenen, von Unterhaltungen mit Schuhmachern und Buschauffeuren zum gelassenen Durchstreifen von unauffälligen Nebenstrassen mir unbekannter Städte. Robert M. Pirsig hat in seinem Zen und Die Kunst, ein Motorrad zu warten notiert, die Dakotas seien ihm deshalb so lieb, weil sie nichts Besonderes versprächen und deshalb auch nichts einlösen müssten.

Warum dem so ist, kümmert mich heute wenig. Wie schrieb doch Wilhelm Busch in Der Schmetterling: „Kinder, in ihrer Einfalt, fragen immer und immer: warum? Der Verständige tut das nicht mehr; denn jedes Warum, das weiss er längst, ist nur der Zipfel des Fadens, der in den dicken Knäuel der Unendlichkeit ausläuft, mit dem keiner recht fertig wird, er mag wickeln und haspeln, so viel er nur will."

Im Nachhinein, so scheint mir, hat diese Faszination für das Alltägliche mein Leben geprägt. Ja, mehr noch: Wenn meine Einsichten und Erkenntnisse meinen Alltag nicht zu verbessern vermögen, so dachte und so denke ich, sind sie bestenfalls interessant. Hilfreich sind sie nicht.

Was ich von mir lieben Verstorbenen erinnere, sind nicht ihre Werke, sondern ihre Alltagspräsenz. Von Laurence, ihre Wärme und ihren Witz; von Irène, ihr Lachen und ihre Neugier; von Lucette, ihr hilfsbereites, pragmatisches Naturell, von Valérie, ihre Freude am Spielerischen.

***

Unserer Kultur des Wettbewerbs, des Einzigartigen und des Speziellen, ist nur schwer zu entgehen. So stellte ich mir jahrelang vor, dass, wenn ich etwas ändern wolle, dies nur an einem speziellen Tag möglich sei. Und obwohl ich zu wissen glaubte, dass ein solches Denken völlig unsinnig ist, ereigneten sich entscheidende Veränderungen in meinem Leben an sehr speziellen Daten. Keinen Alkohol mehr seit dem 1.1.1990; keine Zigaretten mehr seit dem 9.9.1999.

Nichtsdestotrotz weiss ich, dass so recht eigentlich jeder Tag ein spezieller Tag ist. Damit dieses Wissen auch Folgen hat, muss ich mich jeden Tag mehrmals daran erinnern – und dann entsprechend handeln, und das meint: Die Dinge langsam tun, immer mal wieder innehalten und mich daran erinnern, dass dieser Tag und dieses Jetzt, so weit wir wissen, nur gerade in diesem Moment existieren. Meistens scheitere ich daran, dass ich schnelle und anhaltende Resultate erwarte. Mir dies bewusst zu machen, lässt mich geduldiger üben.

Alltag bedeutet mir, dass dieser Tag alles umfasst, das mein Leben ausmacht.

***

In der Schule wurden wir dazu angeleitet, etwas aus unserem Leben zu machen. Etwas wollen, sollten wir, und nicht etwa bloss aus dem Fenster schauen. Sich zu konzentrieren war angesagt, auf dass wir nicht auf blöde Gedanken kämen. Nie wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Existenz zuallererst ein Wunder ist. Und dass es darum gehen sollte, sich dieses Wunders bewusst zu werden.

Dass die Schule dazu da ist, uns ins herrschende System zu integrieren, leuchtet ein, denn der Mensch sucht Stabilität, und dazu verhilft ihm das System. Dabei wird völlig ausser Acht gelassen, darauf hinzuweisen, dass es alles andere als selbstverständlich ist, dass es uns überhaupt gibt, wir gehen, atmen und uns verlieben können. Und dies führt letztlich dazu, dass wir mit uns und allem um uns herum nicht pfleglich umzugehen wissen.

Hinschauen und etwas auf mich wirken lassen; mein Unbewusstes weiss selber, was damit zu tun ist. Ich muss es nur lassen. Não pense, veja (Denke nicht, schau) hat es ein brasilianischer Zen-Buddhist einmal formuliert.

Santa Cruz do Sul, 7. Februar 2025

Sonntag, 30. November 2025

Das Spiel, das nicht wir spielen

Montbéliard, am 11. Juli 2025

Ich durchstreifte mehrere Länder und beschäftigte mich mit Dingen, die sich aus nichts zu etwas entwickelten und dann wieder zu nichts zerfielen, bis das Schicksal mich schliesslich nach Amsterdam zurückbrachte. Die Kräfte, die mich trieben, waren jenseits meiner Kontrolle. Wieder einmal war ich ein  Hampelmann, eine durch Fäden und metallene Haken bewegte Marionette, die in unverständlicher Weise programmiert ist und mal hier, mal dort heruntergelassen wird, um ihren kleinen Tanz fortzusetzen. Aber es war ein Tanz geworden und kein deprimierendes, schmerzhaftes Gestampfe mehr. Ich hatte angefangen, Spass an dem Spiel zu finden, das irgendeine Kraft oder Kräfte mit mir spielten.

Janwillem van de Wetering: Ein Blick ins Nichts

Mittwoch, 26. November 2025

Das Geschäft mit der Sucht

Seit fünf Jahren fährt Joel im Rettungswagen, er ist abhängig von Pillen. "Das Leben in der Abhängigkeit ist einsam, und die einzig wichtige Beziehung ist die zum Stoff." Seine Kollegen wissen Bescheid, trotzdem versteckt er seinen Konsum. Wie alle Drogenabhängigen hat er so seine Momente, wo er damit aufhören will. Und andere Momente, in denen er am liebsten für immer einschlafen würde.

Dora ist Ermittlerin bei der Polizei. Auch sie ist abhängig von Tabletten und besucht Treffen der Anonymen Alkoholiker, von denen die meisten Rückfälle erleiden. Ein Kollege, von dem sie vermutet, er habe ein Alkoholproblem, unterstützt sie. Sie unterlässt es, ihn auch zu den Treffen zu drängen; sie weiss, dass Drängen nichts nützen würde.

Doras Polizeikollege Rado, ein alleinerziehender Vater, ist von der Kriminalpolizei in die Rauschgiftabteilung gewechselt. Sein Bruder Zeljko verdient als Profi-Killer sein Geld und hatte einst versucht, Dora umzubringen, was sich wie eine Parodie aus einem Lehrbuch für Kriminologie liest: Der eine wird Polizist, der andere kriminell.

Joel, der Rettungssanitäter, wird tot aufgefunden. Dora, die wusste, dass Joel ein Suchtproblem hatte, und Rado werden auf den Fall angesetzt. Dann stirbt ein dreijähriges Mädchen, dessen Eltern drogenabhängig sind und dessen Grossvater ein Grossdealer ist, und Dora will einen Versuch mit Halluzinogenen wagen.

Doch ich will hier nicht die Handlung dieses abwechslungsreichen in Island ("Isländer haben eine lange Geschichte von Suchtkrankheiten, schon die ersten Siedler betranken sich mit Bier und berauschten sich mit Pilzen.") spielenden Krimis nachzeichnen, sondern hervorheben, was ihn zu einer wirklich tollen Lektüre macht.

Da sind etwa die vielfältigen Bezüge zum Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker, das ich allen Therapieansätzen weit überlegen finde, weil bei diesen Treffen die Leute aus eigener Erfahrung wissen, wovon sie reden. Dass Jón Atli Jónasson die Treffen sachlich und mit einen Blick für die Absurditäten der menschlichen Selbstinszenierung schildert, ist eine besondere Freude. "Als Nächstes tritt ein Mann in schwarzem T-Shirt und Anzug mit Frisur im Achtziger-Jahre-Stil ans Rednerpult (...) Der Mann ist Musiker, hatte vor über dreissig Jahren einmal einen grossen Hit, von dessen Erfolg er immer noch zehrt (...) Am Ende seines Vortrags betont er noch, dass er ohne Demut heute nicht clean wäre. So etwas zu sagen und dabei ein T-Shirt mit einem Bild von sich selber zu tragen, muss man erst mal bringen." Wunderbar!

Und da sind die schlauen Beobachtungen, die Autoren eigen sind, die mit einem nüchternen Blick durch die Welt gehen. "Man darf sein Leben ungestört ruinieren, solange man zur Arbeit erscheint und sein Ding macht, überlegt Dora." Oder: "Sie weiss sogar die genaue Fläche, das Einkaufszentrum ist 62000 Quadratmeter gross – aber gleichzeitig kann sie sich nicht mehr daran erinnern, mit wem sie zum ersten Mal Sex hatte." Oder: "Rado konnte ihn schon immer direkt durchschauen. Er sieht irgendeinen Kern, der ihm selbst verborgen ist."

Gift habe ich hauptsächlich als einen Krimi über Sucht gelesen; die Aufklärung, die er bietet, sollte aufrütteln. "Wenn man von Überdosis spricht, klingt es für Dora so, als gäbe es auch eine normale Dosis, so etwas wie eine empfohlene Tagesdosis. Und wer von einem Suchtproblem spricht, redet ihrer Meinung nach eine lebensgefährliche, unheilbare Krankheit klein. Man spricht schliesslich auch nicht von einem Krebsproblem."

Gut geschriebene, fesselnde Krimis lehren mich mehr über die Welt ("In den USA stirbt alle fünf Minuten jemand an einer Überdosis Fentanyl, dagegen war Covid ein Witz.") als die Nachrichten. Gift ist einer dieser gut geschriebenen, fesselnden Krimis.

Jón Atli Jónasson
Gift
Ein Fall für Dora und Rado
FISCHER Scherz, Frankfurt am Main 2025

Sonntag, 23. November 2025

Akzeptanz

Bei den AA habe ich gelernt (genauer: gehört), "acceptance is the key to everything". Das scheint mir bei allem, was ich an Spirituellem etc. mir seit meiner Jugend reingezogen habe, immer noch das beste. Was meint das?

Die Wahl der Miss Nikkei auf Brasilianisch in Porto Alegre vor einigen Jahren war so eine Art absurdes Theater. Jede der 15 Kandidatinnen hatte ihren Supporter-Klub, der brüllte, schrie und ohrenbetäubend pfiff, wenn sie auftrat. Wie beim Fussball. Grauenhaft. Und ich fand mich völlig fehl am Platz. Und gleichzeitig fand ich auch gut, dass ich dort war. Weil ich irgendwie das Gefühl hatte, alles müsse so sein, wie es ist. Unabhängig davon, was ich davon finde. Genau das gleiche Gefühl hatte ich auf der Rückfahrt nach Santa Cruz, obwohl zwei Stunden im Auto durch die Nacht zu rasen, nicht gerade meinen Vorstellungen von einem sinnvollen Leben entspricht. Und dieses Gefühl habe ich gar nicht so selten, es kommt nur darauf an, ob ich es wahrnehmen will. Mit andern Worten: die Dinge sind, wie sie sind. Und ich bin wie ich bin. Manchmal voller Trauer, gelegentlich voller Zuneigung, aber auch deprimiertheit, von Angst bestimmt, Freude erfahrend und lachend.

"Es ist alles so traurig", sagte mein Freund Wamse häufig. Aber auch: "Wenn wir unsern Humor nicht hätten". Was wir möchten ist nicht so wichtig. Wir wollen eh ständig was anderes. Oder aber wir wollen mehr, kaum haben wir was wir wollen. Wichtig scheint mir: Lernen, das zu wollen, was wir haben. Oder: Das tun zu wollen, was wir tun. Denn es sind unsere Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche, die uns im Weg stehen, nicht die Wirklichkeit. Aber Erwartungen etc. gehören doch zum Menschen, Hoffnungen und Wünsche treiben uns doch an? Sicher, doch ist die menschliche Natur eben auch dergestalt, dass sie nie genug kriegt. Und das ist das Problem. "When we understand nature, we can change it, we can detach from it, we can let go of it. Then we won't suffer anymore", sagt der thailändische Mönch Ajahn Chah.

Mittwoch, 19. November 2025

Die Entdeckung des Selbst

Bereits nach den ersten Seiten ist mir klar, dass dies ein wesentliches Werk ist. Genauer: Ein für mich wesentliches, denn wofür Schopenhauer, Nietzsche und Kierkegaard stehen, ist mir nahe. „Die Gedanken der drei Aussenseiter trafen sich in einem entscheidenden Punkt, in der Ansicht, dass ein Leben gelebt werden muss, um verstanden werden zu können.“ Das Denken der drei kreiste um das Selbst und dieses „verweigert sich der Kommunikation, die auf Verständigung und Integration pocht, es beharrt auf einer eigensinnigen Souveränität, auf dem Unsagbaren."

Sehr schön zeigt Eberhard Rathgeb auf wie die drei Philosophen quer zum Zeitgeist standen. Die moderne Gesellschaft gründete auf dem Zusammenleben, das den Kompromiss erforderte – und dieser war ihnen fremd. „Das 19. Jahrhundert kannte viele Kritiker der Gesellschaft, aber nur ganz wenige, die sich dem Sog der Moderne verweigerten und radikal Neues probierten.“ Ich fühlte mich an Wittgenstein erinnert, der gemäss seinem Biographen Ray Monk nicht bereit zur Diskussion war, wenn er eine Einsicht durch Inspiration gewonnen hatte.

Als Einzelgänger charakterisiert Autor Rathgeb die drei; als aristokratischen Radikalismus bezeichnet er, was sie vereint. „Das Gespräch der Zeitgenossen über Gewinn und Gerechtigkeit, Demokratie und Eigentum, fand ohne sie statt.“ Wie wünschte man sich solche Denker, die sich dem Mainstream verweigern, doch auch in der heutigen Zeit!

Die Kapitelüberschrift „Der Mensch ist nicht frei“ fasst Schopenhauers Denken treffend zusammen, denn der Mensch folgt dem in ihm angelegten Charakter. Auch E.T.A. Hoffmann sowie Kleist und später die Psychoanalyse sahen den Menschen von Kräften regiert, die den Vernunftgläubigen zuwider waren. Es sind auch Hinweise wie diese, die mich dieses Werk schätzen machen. Auch die moderne Hirnforschung bestätigt übrigens, dass das Gehirn nicht unwesentlich als Rationalisierungsinstrument zum Einsatz kommt.

Dass Schopenhauer von den an Universitäten Lehrenden nicht willkommen geheissen wurde, erstaunt wenig, was hingegen verblüfft (zugegeben, ich rede von mir), ist, dass er sich darob grämte. Da hatte er doch mit Die Welt als Wille und Vorstellung ein grundlegendes Werk geschrieben, das nicht nur Theorie, sondern von praktischem Nutzen war – doch die Anerkennung blieb aus! Und genau das, jedenfalls für mich, zeichnet ihn doch geradezu aus.

Schopenhauer gewann seine Erkenntnisse durch Anschauung. „Dass sein Werk nicht auf begrifflichen Ableitungen, sondern auf Anschauungen gegründet sei, hat er immer wieder hervorgehoben.“ Eberhard Rathgeb vergleicht die philosophische Erfahrung beim Abfassen von Die Welt als Wille und Vorstellung mit einer Reiseerfahrung, die ich so wunderbar finde (schon allein deswegen lohnt sich für mich dieses Buch), dass ich sie in voller Länge zitieren will.

Er sah aus dem Fenster der Kutsche, sah Wiesen, Felder und Dörfer, Städte, Berge und Flüsse an sich vorbeigleiten, sah sich selbst in der Kutsche sitzen und die Gegend betrachten und spürte sich als einen winzigen, durchgerüttelten Teil eines grossen unbekannten Ganzen, das zu ergründen auf einer Reise nicht gelingen konnte. Die Welt nahm ihn nicht zur Kenntnis, sie wies ihn ab, er war ihr egal. Die Bilder, die er von ihr erblickte, wenn er aus dem Fenster der Kutsche spähte, tauchten nur für Augenblicke auf und verschwanden sofort wieder. Die Landschaften zwischen London und Nîmes gingen unter, wenn er sie nicht als Vorstellung festhielt, so, wie er in der Fremde letztendlich einsam und verloren war und dort nur überleben konnte, wenn er, in den schwarzen Kasten des Ich gesperrt und von Pferdekräften davongetragen, mit philosophischem Gleichmut sitzen blieb und das Gefühl von Kommen und Gehen, Werden und Vergehen wie Luft einatmete und ausströmen liess und dem Weg folgte, den nicht er, sondern ein ihm fremder Kutscher zu kennen schien.“

Die Entdeckung des Selbst ist auch eine Einführung in das Werk dieser drei Philosophen, das nicht getrennt von deren Leben abgehandelt wird – im Gegenteil. Schopenhauer, Kierkegaard und Nietzsche, bei aller Verschiedenheit, waren definitiv selbstherrliche Egomanen, allerdings keine Rechthaber, denn sie hatten (und haben) Recht. Jedenfalls sehe ich das so. Werde, der du bist, mit dieser Aufforderung lassen sie sich fassen.

Die drei Aussenseiter, so der Autor, dachten vom Gefühl aus. Sie schreiben über sich selbst, bemühen sich um ihre subjektive Wahrheit. Ihre Schriften sind sowohl Selbstfindung wie auch Selbstinszenierung. „Kierkegaard war bis zum letzten Atemzug ganz bei sich, und dies mit einer Intensität, wie sie nur wenigen Menschen eigen ist.“

Wie jedes Buch, so lädt auch Die Entdeckung des Selbst zur Identifikation ein. Mir selber stehen Schopenhauer und Nietzsche näher als Kierkegaard (die Gründe interessieren mich wenig, konventionellen Interpretationen misstraue ich; mir genügt, es zu konstatieren); Eberhard Rathgeb inspirierten die drei unter anderem, sich ausführlich und kenntnisreich mit Malern wie Degas oder Manet zu befassen, die er als „stumme Philosophen“ bezeichnet, die zeigen anstatt in Worte zu kleiden. „Die Maler können einen Augenblick zeigen, was jedem Schriftsteller und jedem Philosophen verwehrt ist, die beide auf Wörter angewiesen sind, flüchtige Wesen ohne Form und Farbe, die sich vor die sichtbare Welt schieben und den Augenblick in Sätzen verdunkeln und untergehen lassen.“

Selten ist mir deutlicher geworden, dass seit dem 19. Jahrhundert die gesellschaftlichen Bestrebungen in der Integration gipfeln, dass seither der Akzent auf Eigeninitiative und Reformen sowie dem Kompromiss liegt. Im Gegensatz dazu stellten sich die drei Einzelgänger „an den Rand des Abgrunds und atmeten die kalte Luft der Erlösung im kosmischen Willen, in Gott, im Amor fati.“

Nicht zuletzt ist Die Entdeckung des Selbst auch ein wahrhaft aktuelles Buch, denn das Leben, „erklärte Nietzsche mit Schopenhauer, war grausamer und wilder als jeder theologische, historische und moralische Sinn, mit dem Rationalisten es zu bändigen und in eine trügerische Ordnung zu zwingen suchten.“ Der Ukraine-Krieg zeigt gerade, dass unsere üblichen Vernunft-Ansätze vor der Realität versagen.

Fazit: Wunderbar inspirierend! Ein wesentliches, überaus hilfreiches Werk.

Eberhard Rathgeb
Die Entdeckung des Selbst
Wie Schopenhauer, Nietzsche und Kierkegaard die Philosophie revolutionierten
Blessing, München 2022

Sonntag, 16. November 2025

Diogenes von Sinope

 Ich durchsuchte die Kulturgeschichte nach einer Galionsfigur. Diogenes von Sinope, der kuriose griechische Philosoph, schien mir der Richtige. Obwohl ich in der Regel Philosophen nicht mag – ausgenommen dichtende Denker wie Montaigne, Schopenhauer, Emerson, Thoreau, Egon Friedell und Ludwig Marcuse – , war Diogenes mir besonders sympathisch, weil er nicht nur theoretisch, sondern auch durch seinen Lebensstil alles Herkömmliche bekämpfte. Auch war er der erste Kosmopolit (er soll gesagt haben, er sei ein Bürger des Kosmos und die einzige richtige Staatsordnung sei das Weltall), und auf die Frage, was die Philosophie nutze, soll er geantwortet haben: ›Wenn nichts anderes, so doch, dass man für jedes Schicksal gerüstet ist.‹ Seine Askese war nicht Weltflucht, sie war derbste Lebensbejahung. Und was mich erheitert: Keine Zeile von ihm ist erhalten, sein Geist aber lebt.

Daniel Keel

Mittwoch, 12. November 2025

Gehirn & Verhalten

Vor einigen Jahren habe ich völlig fasziniert Christian Jungersens „The Exception“ gelesen, einen spannenden und aufwühlenden Krimi, der am D.C.I.G., dem ‚Danish Center for Information on Genocide‘ spielt. Ich nahm also „Du verschwindest“ mit der Erwartung zur Hand wiederum spannend und aufwühlend informiert und unterhalten zu werden – und wurde nicht enttäuscht.

Frederik, Rektor einer dänischen Privatschule, ist mit seiner Frau Mia und dem 16jährigen Sohn Niklas in Mallorca mit dem Auto unterwegs. Normalerweise ein vorsichtiger und besonnener Fahrer, rast er wir ein Verrückter über die Strassen – eine Katastrophe bahnt sich an. Und die tritt dann auch ein, doch anders als erwartet.

Frederik wird mit einem Gehirntumor diagnostiziert, der orbitofrontale Cortex ist beschädigt und das bedeutet, dass der Kranke irrtümlich glaubt, gesund und im Vollbesitz seiner Steuerungsfähigkeiten zu sein. Tatsächlich jedoch sind sein Interesse an anderen Menschen und sein Einfühlungsvermögen kaum noch existent, ist er hemmungslos, distanzlos und überschätzt sich masslos, zudem ist seine Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt. Er ist zu einer anderen Person geworden.

Er wird operiert, doch auch nach der Operation ist er nicht mehr der, der er einmal war. Er ist extrem unbeherrscht, die geringsten Kleinigkeiten können heftigste Wutanfälle auslösen. Mia wendet sich an eine Selbsthilfegruppe. Der Anwalt Bernard ist auch Mitglied dieser Gruppe, er hilft Frederik. Mia und Bernard kommen sich näher … und Bernard entpuppt sich schlussendlich als ebenso gehirngeschädigt wie Frederik.

Die Ehe von Frederik und Mia war schon vor der Operation nicht ideal, doch in den drei Jahren vor seinem Sturz war Frederik ein Traummann. Jetzt hingegen lebt er in einer Parallelwelt, die sich unter anderem dadurch charakterisiert, dass er unfähig zur Empathie zu sein scheint. Und dass er ungerührt und ohne Schuldbewusstsein lügt.

Dann stellt sich heraus, dass er als Schulvorsteher das Bankkonto der Schule geplündert und diese damit ruiniert hat. Und zwar ein Jahr bevor der Gehirntumor bei ihm diagnostiziert worden war. Seit wann, fragt sich Mia. lebt sie schon mit einem Mann, der in einer von seiner Umwelt abgespaltenen Welt lebt? Wann hatte Frederiks mangelnde Impulskontrolle angefangen? Hatten seine Affären, die er vor Jahren mit anderen Frauen hatte, etwa auch damit zu tun? War er in der Zeit, als sie ihn als Traummann erlebte, auch schon gehirngeschädigt?

Mia liest Fachliteratur, lernt viel bei den Treffen der Selbsthilfegruppe. „Dort wissen alle, wie die Zusammenhänge sind. Sie tun nicht nur so.“ Mit der Zeit beginnt sie, eine Welt wahrzunehmen, von der sie bis anhin keine Kenntnis hatte. „Noch vor wenigen Minuten ahnte ich nicht, dass es diese geheime Welt aus tausenden Familien gibt, die mit Hirngeschädigten leben müssen.“

Christian Jungersen ist mit „Du verschwindest“ eine überzeugende und beklemmende Darstellung einer gespaltenen Persönlichkeit aus der Sicht von Nahestehenden gelungen. Besonders eindrücklich schildert er, wie Mia mit ihrer neuen Situation klar zu kommen versucht. Da ist ja nicht nur die Krankheit ihres Mannes, da ist auch der finanzielle und soziale Absturz, den sie zu bewältigen hat. Sie beginnt an ihrer eigenen Wahrnehmung zu zweifeln, weiss nicht mehr, was sie glauben soll/kann und verliert zunehmend den Boden unter den Füssen.

Im Internet stösst sie auf die „Iowa gambling task“ des Neurologen Antonio Damasio, der zu den Wegbereitern der Neurophilosophie gehört und die Auffassung vertritt, „dass rationales Denken und ethische Bewertungen nicht unabhängig von einem Körper und dessen physischen Reaktionen existieren“. Damit wäre Frederik für seine Handlungen nicht verantwortlich …

Mit „Du verschwindest“ ist Christian Jungersen wiederum ein grosser Wurf gelungen. Nicht nur, weil er einen dazu bringt, sich eingehend mit Fragen der persönlichen Verantwortung (haben wir einen freien Willen?) auseinanderzusetzen, sondern auch, weil er eindringlich und überzeugend aufzeigt, wie sich Verhaltensstörungen (abrupte Stimmungswechsel, fehlende Impulskontrolle) eines Einzelnen auf dessen ganze Umgebung auswirken.

Christian Jungersen
Du verschwindest
btb, München 2014

Sonntag, 9. November 2025

Mittwoch, 5. November 2025

Von der Gegenwart

Das bei weitem Unbegreiflichste ist für mich die Gegenwart.

Im einen Moment bin ich in Grabs, bei einem Fotos des Hauses, in dem ich geboren wurde. Dann in San Francisco – zu Fuss auf den Strassen unterwegs, in Second Hand Buchläden, beim Burritos Essen, am Meer – , dann wiederum plötzlich in Porto Alegre, im Ibis Hotel beim Busbahnhof, in einem Buchladen in der Fussgängerzone, im Ibis Hotel am Flughafen. Ich habe nicht den leisesten Schimmer, was diese Bilder in meinem Kopf ausgelöst haben könnten, ja, so recht eigentlich weiss ich gar nicht, ob es dafür einen Auslöser gebraucht hat. Das einzige, was ich mit einiger Bestimmtheit sagen kann: Sie sind da und sofort wieder weg.

Niemand vermag zu sagen, ob das Huhn oder das Ei zuerst da war. Mit unserer Art zu denken ist die Frage nicht zu beantworten. Wir lassen trotzdem nicht ab von unserer Art zu denken, schliesslich haben wir ihr einiges zu verdanken. Vor allem Orientierung – und ohne die können wir nicht sein.

In Santa Cruz do Sul: Beim Notieren einer Übersetzung eines portugiesischen Satzes ins Deutsche tauchen plötzlich Bilder aus der Innenstadt von Feldkirch in meinem Kopf auf. Der Gedanke streift mich: Wie kann das sein? Gefolgt vom Gedanken: Nein, das will ich nicht versuchen rauszufinden, ich weiss, das übersteigt meinen Horizont.

Verwirrend ist, dass ich nur die Gegenwart erfahren kann. Ich tue das ständig, wir alle tun das ständig. Nur eben: Es kommt uns nicht so vor, wir haben das Gefühl, sie renne uns davon. Unsere Gefühle und Gedanken, so erlebe ich es jetzt im Alter, führen uns oft in die Irre, da wir nach Sinn verlangen, einem Sinn, den wir verstehen.

***
Wenn wir aufwachen, beginnt die Welt, habe ich letzthin bei Vincent Deary gelesen. Jeden Tag, ohne nachzudenken oder bewusste Anstrengung, erschaffen wir die Welt, in der wir leben. Genauer: Etwas in uns erschafft sie. Bei jedem Aufwachen wacht diese deine Welt mit dir auf. Ein tägliches Wunder.

Die erste unmittelbare Erfahrung, die wir von uns selbst machen, ist die eines Mediums, in dem eine Welt sich manifestiert, in der wir das Zentrum sind. Es ist eine sehr eigene Welt, die hier jeden Tag entsteht, ohne mein Zutun. Wenn ich mich dieser Einsicht öffne, verschwindet mein Ego, bin ich in der Gegenwart.

Seit einiger Zeit beobachte ich oft meine Gedanken. In Sekundenschnelle führen sie mich hierhin und dorthin. Was sie dabei leitet, ist mir schleierhaft; dass ich es ergründen könnte, ziehe ich selten in Betracht – zu schnell, zu verwirrend, zu zusammenhangslos (jedenfalls für meine Logik) spielt sich das alles ab.

Sonntag, 2. November 2025

Keine Ziele, schon gar keine hohen

Hanna Johansen, 1939 in Bremen geboren und in Kilchberg bei Zürich lebend, hat während dreier Monate protokolliert, wie sie Klavier spielen lernte. Nein, nicht sie, sondern die Ich-Erzählerin, die, so ist zu vermuten (weshalb auch sonst die Unterscheidung?) nichts oder nur wenig mit der Autorin zu tun hat. Zumindest soll das (oder etwas Ähnliches) suggeriert werden.
 
Wie auch immer. Wie viel von der Autorin in der Ich-Erzählerin zu finden ist, ist eine Frage, die Literaturinteressierte beschäftigen mag. Ich will mich allein damit beschäftigen, was das Buch bei mir auslöst.
 
Sofort gepackt hat mich der Titel. Dass und wie eine Frau im fortgeschrittenen Alter das Klavierspielen entdeckt, weckte meine Neugier. Ich versprach mir von der Lektüre etwas Zen-Buddhistisches, Acht- und Wachsames, Schwieriges und gleichzeitig Leichtes. Und fühlte mich darin bestätigt, als ich las: „Heute ist ein duftender Septembertag, nur ein Hauch von einem Wind, damit man die Frische fühlen kann, ein leises Wehen in der Birke, kein Rauschen, kein Rascheln.“
 
„Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte“ lese ich als einen Text über die verschiedensten Wahrnehmungen und ihren Umgang damit: leicht, schwebend, konstatierend, nie problematisierend. „Schön war an dem Spaziergang auch, dass ich Schuhe mit dünnen Sohlen hatte, die es erlaubten, das Geröll und die Unebenheiten auf dem Weg genau wahrzunehmen.“
 
Es ist auch ein Text zum Schmunzeln. „Ich muss meine linke Hand besser verstehen. Sie hat es nötig. Und während ich darüber nachdenke, höre ich im Radio eine Motette von Bach: 'Der Geist hilft unserer Schwachheit auf', singen sie. Ich hoffe, sie hat es gehört, meine Linke.“
 
Vor Kurzem las ich Thupten Jinpas „Mitgefühl“, in dem viel vom Üben die Rede war. „Wenn wir uns morgens ein Ziel setzen, treffen wir damit eine Entscheidung, wie wir unseren Tag gestalten wollen. Wir nehmen unser Leben selbst in die Hand, anstatt abzuwarten, was uns wiederfährt. Vielleicht gerät unser Entschluss im Laufe des Tages ins Wanken und unsere Absicht zeitweise ausser Sicht; aber indem wir uns ein Ziel setzen – und es immer wieder erneut setzen – , erkennen wir die Tatsache an, dass wir eine Wahl haben ...“.
 
Daran fühlte ich mich erinnert, als ich bei Hanna Johanson Sätze las wie: „Heute habe ich wieder vor dem Frühstück am Klavier gesessen, aber sonst war ich nicht gerade diszipliniert. Das macht nichts, solange ich nicht zulasse, dass Tage ganz ohne Üben vergehen.“ Oder: „Hürden sind dazu da, zerlegt zu werden, das weiss ich schon.“ Oder: „Die individuellen Varianten will ich nicht unterschätzen, aber auch der begabteste Mensch wird Widerstände zu überwinden haben, einfach darum, weil die neuen Wege im Gehirn noch nicht vorgespurt sind. Bei den langwierigen Ausbauarbeiten an diesen Wegen wäre die Erfahrung einer Lehrerin zweifellos nützlich, aber ich habe mir nun mal in den Kopf gesetzt, das Rad neu zu erfinden. Mich lockt es, die uralten Beobachtungen selber zu machen und die wahrscheinlich ebenso uralten Auswege selber zu finden. Lernen.“
 
Sie lernt alleine, ohne Lehrer. Ihr ist klar, dass „eine Lehrerin mit dem entsprechenden Urteilsvermögen hilfreich wäre“, doch sie will es alleine schaffen, nicht verbissen, doch bestimmt, sie ist eben so.
 
Toll, ganz wunderbar, höchst motivierend, so wirkt dieser Text auf mich, der natürlich nicht nur vom Klavierspielen handelt, sondern auch von ganz vielen anderen Dingen und Ereignissen im Leben der Protagonistin – der Kindheit in Norddeutschland, den eigenen Kindern, der Gegenwart in der Schweiz, der Gartenarbeit („Rasenmähen gehört zu den wenigen Dingen, die man nicht lernen muss.“), dem Lernen („Bewegungsabläufe müssen in Fleisch und Blut übergehen, heisst es ... Begreifen reicht nicht.“), dem Wetter und und und ...
 
„Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte“ ist ein berührendes, lehr- und hilfreiches Buch, das unterhaltsam und anregend Mut aufs Lernen und auf eigene Entdeckungen macht.

Hanna Johansen
Der Herbst, in dem ich Klavier spielen lernte
Doerlemann, Zürich 2014

Mittwoch, 29. Oktober 2025

Was mich leitet

 Es versteht sich von selbst: Ich weiss nicht wirklich, was mich leitet, denn ich (wie jede und jeder andere auch) bin viel zu komplex, um dies wissen zu können. Dazu kommt, dass der Anteil meines Bewusstseins gering ist und vorwiegend dann zum Einsatz kommt, wenn ich im Nachhinein Gründe für mein Verhalten finden will. Nichtsdestotrotz gibt es Sätze, die mich schon lange begleiten und auf die ich immer wieder zurückkomme. Und von denen ich annehme, dass sie mein Verhalten bzw. mein Sein in der Welt prägen. An Ostern 2025 gehen mir unter vielen anderen diese Sätze durch den Kopf.

„Politik ist die Kunst, die Leute daran zu hindern, sich um das zu kümmern, was sie angeht.“ (Paul Valéry). Die Medien tragen aktiv dazu bei, indem sie uns wissen lassen, was X und Y denken (ganz so, als ob sie es wüssten), obwohl wir doch gar nicht wussten, dass es X und Y überhaupt gibt. Und auch die X und Y, die es gibt, haben keinen Einfluss auf meinen Alltag, ausser ich lasse sie in meinen Kopf. Doch was ist es, was die Leute angeht? Es zeigt sich, wenn man sich ihm nicht in den Weg stellt.

„Das Kausalitätsprinzip hat unserem Geist recht seltsame Streiche gespielt.“ (Paul Valéry). So glauben wir zum Beispiel, dass alles seinen Grund haben müsse. Und falls nicht, finden können wir einen solchen Grund gleichwohl. So erinnere ich aus meinem Jurastudium diese erhellenden Sätze: „Das Wichtigste ist, zu einem Entscheid zu kommen. Gründe dafür finden wir dann immer noch.“ Damals dachte ich, Juristen (und Juristinnen) seien echt beschränkt (so recht eigentlich sind das alle, die in Systemen denken), was sich im Laufe meines Lebens bestätigt hat, doch bewusst geworden ist mir mittlerweile auch, dass diese Sätze treffend zusammenfassen, wie wir unser Dasein zubringen.

„Mit unseren Welterklärungen wird uns mehr genommen als gegeben. Sie erklären nichts, setzen nur an die Stelle des Geheimnisses eine Gewohnheit zu denken.“ (Hans Albrecht Moser). Beobachte ich einfach, was mir so alles durch den Kopf geht, bin ich verwirrt und fasziniert; verloren fühle ich mich hingegen nicht. Auf Erklärungen zu verzichten, die Welt so unvoreingenommen wie möglich wahrzunehmen, ist eigenartig, bereichernd, weder beschreib- noch erklärbar, doch es lässt sich erfahren.

„Mein Lebenslauf ist bald erzählt. – / In stiller Ewigkeit verloren / Schlief ich, und nichts hat mir gefehlt, / Bis dass ich sichtbar ward geboren. / Was aber nun? – Auf schwachen Krücken, / Ein leichtes Bündel auf dem Rücken, / Bin ich getrost dahingeholpert, / Bin über manchen Stein gestolpert./ Mitunter grad, mitunter krumm, / Und schliesslich musst‘ ich mich verschnaufen. / Bedenklich rieb ich meine Glatze / Und sah mich in der Gegend um. / O weh! Ich war im Kreis gelaufen, / Stand wiederum am alten Platze, / Und vor mir dehnt sich lang und breit, / Wie ehedem, die Ewigkeit.“ (Wilhelm Busch). Es ist dies auch die überaus treffende Zusammenfassung meines eigenen Lebens, notabene von einem Mann, der mich gar nicht gekannt hat! Sonst hätte er das Detail mit der Glatze weggelassen, wie man auf dem Bild, aufgenommen von Blazenka Kostolna, im Jahre 2024 in Bad Ragaz, sehen kann.

Sonntag, 26. Oktober 2025

Fragmente eines Lebens

Zygmunt Bauman, geboren 1925 in Posen, starb 2017 in Leeds; das vorliegende Werk, von seiner Biographin Izabela Wagner herausgegeben, besteht aus ganz unterschiedlichen Schriften, für deren Zusammenstellung viel Einfühlungsvermögen erforderlich war. Einerseits sind es für die Familie geschriebene Texte, andererseits an die Öffentlichkeit gerichtete. Wie der Titel sagt, handelt es sich um Fragmente, und das meint auch, dass nicht alle Abschnitte seines Lebens Erwähnung finden.

„Wir leben zweimal. Einmal brechen und glätten wir; beim zweiten Mal sammeln wir die Teile auf und arrangieren sie zu Mustern. Im ersten leben wir, im zweiten erzählen wir die Erfahrung. Dieses zweite Leben scheint wichtiger als das erste – warum auch immer.“ Sehr wahr – und sehr, sehr eigenartig, dieses Leben, das wir leben, doch während wir es tun, nicht fassen können. Fraglich scheint mir hingegen dies: „Erst im zweiten taucht der tiefere Sinn an der Oberfläche auf.“ Nur eben: Diesen tieferen Sinn konstruieren wir, der taucht nicht einfach auf.

Fragmente meines Lebens lese ich hauptsächlich als Lebensanleitung. „Es ist wichtig, den tröstenden Gedanken hinter sich zu lassen, dass Aufgeschobenes nicht Aufgehobenes bedeutet ...“. Und so recht eigentlich ist „die einzig wirklich tödliche und unheilbare Krankheit das Leben selbst“. Dazu kommt, dass weise Sätze anderer, die Zygmunt Bauman begeistern, auch mich begeistern. Etwa die Einsicht von Maria Dabrowska: „All das irritiert die Menschen; als ob jemand, der nicht vollständig zu uns gehört, unser Leben in jeglicher Hinsicht an unserer Stelle leben wollte.“

Diese Einsicht beschreibt auch das Schicksal der Juden. „... dämmerte es mir, langsam, aber unaufhaltsam, dass es mein Schicksal war und wahrscheinlich bleiben würde, einer von jenen zu sein, 'die nicht ganz dazugehörten', die dazu verurteilt sind, 'Menschen zu irritieren'“, wie Bauman seine Erfahrungen am Berger-Gymnasium in Poznań beschreibt.

Über die Soziologie, die auf alles eine Antwort geben will, äussert er sich. Und über die Postmoderne, die ihm vor allem Fragen beschert. Und darüber, dass Memoiren zu verfassen vermutlich ein Akt der Verzweiflung ist. Braucht es einen Grund dafür? „... vielleicht gibt es auch überhaupt keinen Grund, nur ein Bedürfnis und einen Anstoss. Ganz ehrlich, ich weiss es nicht. Ich glaube, es ist mir auch egal.“

Auch von des Autors Familiengeschichte ist die Rede. Die Eltern hätten kaum gegensätzlicher sein können; die Schilderung der Verheiratung seiner Schwester, ihre Flucht aus Palästina und ihre Rückkehr liest sich ungemein spannend, auch weil der Autor es hervorragend versteht, den grösseren sozialen Zusammenhang sowie die Absurdität des menschlichen Lebens nachvollziehbar zu machen. Etwas störend ist, dass zwei Texte sich teilweise überschneiden, so dass es zu unnötigen Wiederholungen kommt.

Sein Vater, ursprünglich Ladenbesitzer, später Buchhalter von Beruf, versuchte sein Leben lang dem Rat des Schemaiah gerecht zu werden: „Liebe die Arbeit, verachte die Herrschaft und suche nicht die Bekanntschaft der Macht.“ Das hat auch auf den wissens- und bildungshungrigen Zygmunt abgefärbt, dessen Mutter im Krieg lernte, dass ihre Kochkünste, die sie bei den Truppen wie auch den Holzfällern zu einer gefragten Frau machten, die Familie vor grösserer Unbill bewahrte.

Fragmente meines Lebens ist das Werk eines Fragenden, der den Gewissheiten der Mehrheit wenig abgewinnen kann. Kein Wunder, gehörte er doch bereits als dicker, jüdischer Bub einer Minderheit an, die man nicht dabeihaben wollte.

Wie kommt es, dass der Mensch denkt und fühlt, wie er denkt und fühlt? Es spricht sehr für diesen hoch reflektierten und empfindsamen Autor, dass er nicht vorgibt, dies zu wissen. Und so hält er fest: „Ich kann nicht zufriedenstellend erklären, warum ich tat, was ich tat, wobei es mir vermutlich leichter fallen würde, es anderen zu erklären als mir selbst.“

Es ist ungemein wohltuend an den Einsichten und Erkenntnissen des Zygmunt Bauman teilzuhaben, der unter anderem gelernt hat, dass ein jegliches Sicherheitsversprechen eine Täuschung ist, es 'feste, stabile Prinzipien' nicht geben kann und solche bestenfalls Lügen sind. Gewiss ist ihm jedoch dies: „Ich habe nichts zu verlieren ausser meiner Selbstachtung.“

Nicht zuletzt ist Fragmente meines Lebens in Zeiten des für nicht wenige wiederum salonfähigen Antisemitismus eine überaus nützliche Lektüre, „Nach polnischen Massstäben war Poznań eine wirklich aussergewöhnliche Stadt, der es gelang, eine weitgehende Abwesenheit von Juden mit heftigster antisemitischer Stimmung zusammenzubringen. Ungestört von jeglicher Praxis des Zusammenlebens konnten örtliche Antisemiten sich voll und ganz auf den Prozess ihrer eigenen Veredelung konzentrieren (...) Poznań wurde zur treibenden Kraft und zur Festung der Nationalen Demokratie ...“.

Fazit: Hellsichtig, eindrücklich und vielfältig anregend. Ein wertvolles Buch!

Zygmunt Bauman
Fragmente meines Lebens
Suhrkamp Verlag / Jüdischer Verlag, Berlin 2024

Mittwoch, 22. Oktober 2025

Wie soll ich leben?

Es gibt Bücher, die sind wahre Glücksfälle – und Sarah Bakewells „Wie soll ich leben?“ gehört zweifellos dazu. Weil es glänzend geschrieben, originell und ganz wunderbar nützlich ist.

Die erste der zwanzig Antworten lautet: Habe keine Angst vor dem Tod! Zugegeben, so wahnsinnig originell ist das nicht, doch das Kapitel, das Sarah Bakewell ihr widmet, ist es. Wegen der Geschichten, die sie darin erzählt. Die eine geht so: Montaigne war um die 30 und arbeitete beim obersten Gerichtshof für Straf- und Zivilsachen, der auch Verwaltungsbefugnisse hatte, als er eines Tages mit einer Gruppe von Bediensteten seines Landgutes ausritt, vom Pferd fiel und eine Todeserfahrung machte. Hatte er bis dahin der Auffassung seiner Lieblingsphilosophen, den Stoikern, zugeneigt, die da meinten, wenn man auf den Tod vorbereitet sei, könne man ohne Furcht vor ihm leben, kam er nun zum gegenteiligen Schluss: „Je eindringlicher er sich vor Augen hielt, was ihm oder seinen Freunden alles zustossen konnte, desto unruhiger wurde er.“ Besser also, nicht daran zu denken und den Augenblick zu leben, denn Sterben bedeutet nichts anderes als das Bewusstsein zu verlieren: „Man stirbt, als würde man in den Schlaf hinübergleiten … Die Vorstellung, man könne ’sterben lernen‘, war ein Hirngespinst.“

Wie ein roter Faden ziehe sich die Überzeugung von der Vielfalt der Perspektiven durch die ‚Essais‘ schreibt Bakewell. Beispiele dafür finden sich in ihrem Buch zuhauf. Auch müsse man sich am Ende jeder Passage die Bemerkung hinzudenken: „doch nicht einmal dessen bin ich mir sicher“.

Montaigne hatte sieben jüngere Brüder und Schwestern und wurde bereits nach der Geburt zu einer einfachen Bauernfamilie im Nachbardorf zur Pflege gegeben. Dazu Bakewell treffend: „Wenn wir von den entwicklungspsychologischen Ideen des 20. und 21. Jahrhunderts ausgehen (die sich vielleicht bald als fragwürdig erweisen werden: vielleicht ist die Mutter-Kind-Bindung ein ebenso kurzlebiges, kulturell bedingtes Phänomen wie das Gestilltwerden durch eine Amme), so muss der mangelnde Kontakt zu den Eltern in den entscheidenden ersten Lebensmonaten Montaignes Beziehung zu seiner Mutter tiefgreifend geprägt haben. Montaignes eigener Einschätzung nach jedoch funktionierte der Plan perfekt, und er empfahl seinen Lesern, mit ihren Kindern möglichst dasselbe zu tun.“

Wie soll ich leben?“ ist auch ein hilfreiches Buch, weil es clevere Ratschläge bereit hält. Etwa: „Sei gewöhnlich und unvollkommen!“ Oder: „Philosophiere nur zufällig!“ Oder: „Bediene dich kleiner Tricks!“ Letzteres hat damit zu tun, dass es häufig keinen direkten Weg zu einem angestrebten Ziel gibt. In den Worten von Sarah Bakewell: „Die innere Einstellung zu ändern ist das Ziel vieler philosophischer Gedankenexperimente. Wenn man einen wertvollen Menschen oder ein wertvolles Gut verloren hat, stelle man sich vor, man habe diese Person oder diesen Gegenstand nie besessen. Und wie kann man etwas vermissen, das man nie besessen hat? Plutarch beschrieb dieses Experiment in einem Brief an seine Frau nach dem Tod der gemeinsamen zweijährigen Tochter. Er empfahl ihr, sich in die Zeit zurückzuversetzen, das das Kind noch nicht geboren war. Ob Plutarchs Gattin auf diese Weise leichter über den Tod des Kindes hinwegkam, ist nicht bekannt, doch zumindest wurden ihre Gedanken auf etwas anderes gelenkt, und sie versank nicht im Meer der tiefen Trauer.“

Richtig lebt man dann, so meinten die Stoiker (die mit den Epikureern viele Grundgedanken gemeinsam hatten), wenn man der alltäglichen Lebenspraxis möglichst viel Aufmerksamkeit schenkt und „amor fati“, Schicksalsergebenheit, lernt. Wie der Stoiker Epiktet schrieb: „Verlange nicht, dass alles so geschieht, wie du es wünschest, sondern sei zufrieden, dass es so geschieht, wie es geschieht, und du wirst in Ruhe leben.“

Sarah Bakewell
Wie soll ich leben?
oder Das Leben Montaignes in einer Frage und zwanzig Antworten
C.H. Beck, München 2012

Sonntag, 19. Oktober 2025

"Ich bin nur ich selbst, wer immer das ist"

Ich habe Sänger und Songwriter nie als Denker begriffen. Möglicherweise deswegen nicht, weil die Songs, die ich früher selbst geschrieben habe, intuitiv entstanden und ich Intuition und Verstand lange Zeit als Gegensatzpaare begriffen habe. Diese Interviews haben mich eines Besseren belehrt.

Eingeleitet werden die Gespräche von Heinrich Detering, der Dylans Satz: „The people in the songs are all me“ so kommentiert: „So erstaunlich diese Behauptung angesichts von Songfiguren klingt, die im spanisch-amerikanischen Krieg mitgekämpft haben, zum Schlägertrupp eines Bandenchefs gehören oder während ihres Monologs allmählich im Wahnsinn nächtlicher Halluzinationen versinken, so kennzeichnend ist sie für Dylans Songpoetik.“ Eine Sichtweise, die mich schmunzeln machte, da ich Dylans Satz ganz anders lese, nämlich so: Alle Aussagen, die wir über uns und die Welt machen, sind Aussagen über uns selber, denn etwas anderes kennen wir nicht, und können wir auch gar nicht kennen. Übrigens: Bei allen Wandlungen, die Dylan durchgemacht hat, so Deterich, ist sein „politisch-moralischer Wertekanon“ stabil geblieben. Wer auch immer wir sind, was auch immer wir tun, ein Kern in uns bleibt sich anscheinend immer gleich.

Die Gespräche sind chronologisch angeordnet. Da ich mit Bob Dylan-Songs gross geworden bin, erlaubt mir das eine ganz wunderbare Zeitreise in meine eigene Vergangenheit. Was mir bei den ersten zwei Interviews aus den 60er Jahren auffällt: Dass ich immer mal wieder lachen muss, was mich überrascht, denn ich habe Dylan bisher nicht mit Humor in Verbindung gebracht. Auf mich wirkte er meist abweisend und mürrisch, dabei ist er sehr witzig und schlagfertig.

Ich bin ganz erstaunt wie clever dieser Mann ist. Das liegt natürlich auch daran, dass ich mich nie wirklich mit ihm befasst habe. Jedenfalls verblüfft mich ungemein, wie eigenständig und hellsichtig sich der damals 24Jährige zu Museen und Galerien, ja zum Kunstbetrieb insgesamt äussert. Mit Labels wie „Protestsänger“, „Rock'n'Roll“ oder „Folkmusic“ kann er nichts anfangen. Er tut einfach, was er tut. „Ich schreibe, seit ich acht war. Ich spiele Gitarre, seit ich zehn war. Ich bin damit aufgewachsen, zu spielen und zu schreiben, was ich spielen und schreiben musste.“

Was denkt er über Politik, Hochschulen, Protestbewegungen und und und? Kaum ein Feld wird ausgelassen. Umso erfreulicher ist, dass es Dylan offenbar nicht drängt zu Allem eine Meinung zu haben. Doch die, die er hat, sind Ausdruck eigenständigen Denkens. Er selber hat das Studium abgebrochen, würde er anderen auch dazu raten? Nein, würde er nicht, doch „Ich würde ihm einfach das Studium nicht finanzieren.“ Hat er als Junge Präsident werden wollen? „Nein. Als ich ein Junge war, war Harry Truman Präsident. Und wer möchte schon Harry Truman sein?“

Berührend fand ich insbesondere, was er über sein Aufwachsen im nördlichen Minnesota sagte. „Im Winter war dort alles vollkommen still, nichts bewegte sich. Acht Monate lang.(...) Der ganze Mittlere Westen hat etwas stark Spirituelles, sehr subtil, sehr stark.“ Ich fühlte mich an Kathleen Norris' Dakota. A spiritual Geography sowie an Robert M. Pirsigs (in Zen und Die Kunst, ein Motorrad zu warten) Schilderung der Dakotas erinnert, die ihm deswegen speziell waren, weil sie nichts Besonderes versprachen und deshalb auch nichts einzulösen brauchten.

Selbstverständlich habe er ein Ziel und eine Mission, sagt Dylan und zitiert Henry Miller: „Die Rolle des Künstlers ist es, die Welt mit Desillusionierung zu impfen.“ Nicht alle Songs haben die Zeit gut überstanden, wie er auch selber meint.

Die einzigen wahren Spiegel seien Wasserpfützen, sagt er einmal. Und führt dann aus: „Ein Bild, das Sie in einer Wasserpfütze sehen, führt in die Tiefe. Ein Bild, das man beim Blick in ein Stück Glas sieht, hat keine Tiefe und keine lebendig gewellte Bewegung.“ Ich bin nur ich selbst, wer immer das ist enthält ganz viele solch smarter Aussagen. “Es geht nicht um die Songtexte. Die Leute denken das immer, und vielleicht geht es auf den Platten um die Texte, aber auf der Bühne sind nicht de Texte das Entscheidende, sondern alles läuft über die Phrasierung, die Dynamik und den Rhythmus.“ Wahre Worte!

Die Palette, über die sich Dylan in diesen Gesprächen auslässt, ist ungeheuer breit. Von Shakespeare zu Elvis, vom Lesen der Bibel zum Malen, von Hitler bis zu meiner Lieblingsantwort (auf die Frage, ob er glaube, was einige behaupteten, dass Jim Morrison in den Anden lebe): „Ich habe bisher nicht das Bedürfnis gehabt, mir dazu eine Meinung zu bilden ...“.

Das Ich-Jahrzehnt hat Tom Wolfe die 1970er Jahre genannt. Diese Ich-Zeit dauert nach wie vor an, alles wird in der heutigen Zeit personalisiert, auf sich selber bezogen. Welt- und lebensfremder geht kaum. Umso erfreulicher ist, dass Dylan davon wenig infiziert scheint. „Als 'Hound Dog' im Radio lief, war meine Reaktion nicht: 'Wow, was für ein toller Song, wer den wohl geschrieben hat?' Mir war im Grunde gleichgültig, wer ihn geschrieben hat. Es war egal. Er war einfach ... er war einfach da.“

Fazit: Grossartig! Eine überaus erhellende, anregende und sympathische Zeitreise!

Bob Dylan
Ich bin nur ich selbst, wer immer das ist
Gespräche aus sechzig Jahren
Kampa Verlag, Zürich 2021