Mittwoch, 27. September 2023

Über Traumaheilung

Die Vorstellung, dass unsere frühe Kindheit unser Leben prägt, ist heutzutage Allgemeingut. Und weil wir das glauben, finden wir auch gute Gründe, weshalb dem so ist. Und so geht die Autorin Maike Maja Nowak, geboren 1961, staatlich zugelassene Heilpraktikerin für Psychotherapie und zertifizierte Therapeutin, mit ihrem Der Hund als Spiegel des Menschen. Behutsame Wege zur Traumaheilung auch in ihre eigene Kindheit zurück bzw. was sie davon erinnert. 

Maike Maja Nowak, so der Klappentext, "arbeitet als Trauma-Expertin". Sie begegnet traumatisierten Menschen mit Zuneigung, wobei sie auch auf ihre eigenen Kindheitserinnerungen zurückgreift, mit denen sie sich intensiv auseinandergesetzt hat. So recht eigentlich tun das alle Therapeuten, doch nicht alle gehen so offen damit um wie die Autorin, die in den Jahren 2013/14 im ZDF als "Hundeflüsterin" unterwegs war und zunehmend Mühe damit bekam, dass die Menschen von ihr "erfolgsversprechende Tipps, Tricks und Schnellmethoden" erwarteten. Die echte Auseinandersetzung mit sich selbst ist den wenigsten gegeben.

"Trauma bedeutet, dass etwas in uns abgespalten wurde, um schockierende Kurz- oder Langzeiterfahrungen zu überleben, um im Alltag weiter zu funktionieren (...) Trauma kann in den Körper hineinwachsen und zu einer langanhaltenden Erstarrung führen. Erst wenn das Nervensystem eine tiefgreifende Information erhält, dass die Gefahr vorbei und man wieder handlungsfähig ist, kann es sich aus seiner Festgefahrenheit lösen und wieder zu schwingen begonnen." Das ist zwar einleuchtend, doch wesentlich ein Glaube und keine Zwangsläufigkeit. Doch wie jeder Glaube kann auch dieser hilfreich sein und die vielen Exempel, die in diesem Buch vorgestellt werden, zeigen wie.

Es versteht sich: Im Bereich des Unbewussten ist vieles Spekulation und diese unterliegt auch dem menschlichen Bedürfnis nach Sinn. Maike Maja Nowak scheint das bewusst, jedenfalls drückt sie sich vorsichtig aus. "2012 macht mich die Begegnung mit Sabine und ihrer Hündin Clara darauf aufmerksam, dass die Auswahl eines bestimmten Hundes mit der unbewussten Entscheidung zu tun haben kann, sich einem verdrängten Thema zu stellen und damit auseinanderzusetzen." Die Betonung liegt für mich auf kann; worum es jedoch hauptsächlich geht, ist die Beziehung zu einem selber.

Es gehört zu den Vorzügen dieses Buches, an unserem Verhältnis zu Hunden zu zeigen, worauf es uns Menschen ankommen müsste, sofern wir denn mit weniger Schmerzen durchs Leben gehen wollen. "Durch den Umgang mit Tausenden Hunden wurde mir immer klarer, dass sie wie wir einen ursprünglichen Wesenskern in sich tragen und zu einer Persönlichkeit erzogen werden können, die durch Konditionierung erreicht wird." Mit anderen Worten: Die Hunde dürfen nicht sein, wie sie ihrem Wesen gemäss sind. Und wir Menschen genauso wenig.

Hunde gehören nicht unseren Vorstellungen gemäss erzogen, sondern gespürt und bejaht, wie sie von Natur aus sind. Und genau dasselbe gilt für uns Menschen. "Sind Menschen mit ihrem Selbst verbunden, gehen plötzlich auch die Dinge wie von selbst, bei denen es sonst immer Schwierigkeiten gibt." Wie man sich mit diesem Selbst verbinden kann, zeigt Maike Maja Nowak an ganz vielen Beispielen, die nicht nur mit Hunden zu tun haben. "Die Aborigines gingen davon aus, dass man nur Stärken und Schwächen an anderen erkennt, über die man selbst verfügt. Wir können uns also ärgern oder es als Geschenk betrachten, wenn uns ein anderer Mensch triggert."

Maike Maja Nowak bedient sich vieler Situationen aus ihren Seminaren, um zu illustrieren, worauf er sie ihr ankommt bzw. wie sie arbeitet. Das ist wunderbar illustrativ, auch wenn ich mich immer mal wieder gewundert habe über die kaum vorhandene Selbstreflexion der Teilnehmerinnen (Männer schienen mir in der Minderheit), die erstaunlich schnell aus dem Konzept geraten.

Zum Erhellendsten gehörte für mich unter anderem dies: "Die Realität, die ich als Aussenstehende wahrnehme, nützt einem traumatisierten Menschen nichts. Alle Verhaltens-'Strassen', die unser Nervensystem angelegt hat, verändern sich nicht durch fremde Hinweisschilder oder durch Wegweiser wie Affirmationen. Sie können nur langsam zuwachsen, wenn sie seltener begangen werden, weil sich neue Wege eröffnen."

Unter Heilung versteht Maike Maja Nowak übrigens "ein Zusammenfinden von allem, was in uns getrennt ist und uns von anderen trennt." Was uns davor hindert, ist häufig die Angst vor Veränderung, weshalb wir uns diese Angst denn auch häufig wegwünschen. Doch so nachvollziehbar dies auch sein mag, es ist falsch, grundfalsch, weshalb denn auch dies mein Lieblingssatz in diesem hilfreichen Buch ist: "Willst du die Angst vor einer Veränderung vermeiden, so ist das, als würdest du den Motor von einem Auto ausbauen und dann starten wollen."

Maike Maja Nowak
Der Hund als Spiegel des Menschen
Behutsame Wege zur Traumaheilung
Mosaik Verlag, München 2023

Mittwoch, 20. September 2023

Janet Malcolm & Smoking

 Another influence on her as a writer stemmed from her decision to give up smoking in 1978. She realized that she couldn’t write without cigarettes, so she avoided writing by immersing herself instead in researching and reporting. The result was a lengthy article called “The One-Way Mirror,” about family therapy.

By the time she finished the long period of reporting,” Ms. Roiphe wrote in The Paris Review, “she found she could finally write without smoking, and she had also found her form.”

Mittwoch, 13. September 2023

Von Bleiben war nie die Rede

"Ich bin fest davon überzeugt, dass man dem Tod eine gute Landebahn bereiten kann. Damit es weniger holpert, weil die Angst nicht an Bord ist. Zum Beispiel mit einer Fluglotsin. Einer wie mir." Als ich diese Zeilen lese, weiss ich, dass ich nicht zum Zielpublikum dieses Buches gehöre. Für mich stimmt da weder der Ton, noch die Sprache, und dass die Frau auch grad noch Werbung für sich selber macht (sie listet unter anderem auch alle ihre einschlägigen Ausbildungen auf, hält also offenbar Diplome, die für mich nichts anderes sind als Ausweise für Anpassung, für Fähigkeitsausweise), ist auch nicht mein Ding. 

Dass ich trotzdem weiter lese, hat mit meinem Interesse an Fragen von Leben und Tod zu tun. Zudem halte ich es für eine gute Idee, den Versuch zu machen, Sterben und Tod unverkrampft bzw. normal anzugehen, ihnen den Schrecken zu nehmen – denn dies ist es, was der Autorin hauptsächlich vorzuschweben scheint.

Von Bleiben war nie die Rede ist ein überaus bunter Mix von ganz Unterschiedlichem, Hilfreichem wie Ärgerlichem. "Es ist überhaupt nichts sicher rund um das Thema Tod, und das macht es so spannend." Ein einleuchtender und wahrer Satz, dem jedoch eine durch nichts bewiesene Behauptung folgt, welche das genaue Gegenteil sagt. "Am Ende des Lebens lüften wir das tiefste Geheimnis und erleben unser grösstes Abenteuer."

Doch zum Positiven: Karin Simon plädiert für Aufrichtigkeit und rät unter anderem dazu, Unerledigtes zu erledigen. "Für Aussenstehende mögen manche der 'unerledigten Dinge' wie Bagatellen wirken, doch für die Betroffenen hängen sie wie Bleigewichte an einem Abschied und können ihn be- und erschweren." Und sie weiss: "Wenn man seine eigenen Tränen noch nicht geweint hat, ist man keine gute Begleitung für einen Sterbenden."

Sich mit Leben und Tod zu beschäftigen, heisst auch, sich mit der Angst auseinanderzusetzen. Denjenigen, die behaupten, sie hätten keine Angst vor dem Tod, hält Karin Simon entgegen, dass sich das meist ändert, wenn der Tod unmittelbar bevorsteht. "Psychologische Untersuchungen zeigen nämlich, dass die Angst vor dem Tod bei jedem Menschen vorhanden ist." Wie vieles andere in diesem Buch, weiss man das auch ohne psychologische Untersuchungen.

Doch wie sollen wir mit der Angst umgehen? Hinschauen und nicht wegschauen, empfiehlt Karin Simon. "Was wir kennen, macht uns weniger Angst." Auch dies ist zwar einigermassen banal, wie ich finde, was jedoch nicht heisst, dass es nicht nützlich ist, es zu betonen. Schliesslich genügt es nicht, etwas zu wissen, man muss es auch leben. 

Von Bleiben war nie die Rede ist ein persönliches Buch. Die Autorin erzählt aus ihrem Leben und macht nachvollziehbar, wie sie zu ihren Erkenntnissen gekommen ist. So  geht sie davon aus, dass es einen göttlichen Plan gibt und meint damit unseren eigenen Plan, "denn jede kleine Seele hat sich die bevorstehenden Begegnungen, Ereignisse und Lerninhalte selbst ausgesucht." Mit anderen Worten: Wir sind an allem, was uns widerfährt, selber Schuld. "Wir selbst lassen es zu, weil wir es vor unserer Geburt so bestimmt haben." Mir ist dieser Glaube fremd, auch wenn es mir gelegentlich auch so geht: "Ich empfinde vieles, was mir widerfährt, als geführt." Nur eben: Das muss man meines Erachtens nicht erklären, es wahrzunehmen genügt.

Von Bleiben war nie die Rede basiert auf den Grundannahmen der Autorin. Zu diesen gehört, dass "die Seele weiss, wann es Zeit ist, heimzugehen". Sie illustriert ihren Glauben mit Geschichten und fügt dann hinzu: "Nun kann man einwenden, dass es einfach sei, im Nachhinein etwas zu deuten, was in Wirklichkeit banal gewesen sei. Ja, so kann man es sehen. Ich sehe es anders. Für mich stellt sich eher die Frage: Wollen wir die Botschaften unserer Seele entschlüsseln, wollen wir den Zeitpunkt erahnen?" Mir selber steht Osho näher, der einmal sagte: "Life is not a problem to be solved but a miracle to be experienced."

Ich lese dieses Buch als eine Zusammenstellung von Selbstverständlichkeiten, die zum Ziel haben, die Scheu vor dem Tod zu verlieren und sich mit der Frage nach der eigenen Lebensqualität auseinanderzusetzen. Doch wie das eben so ist mit den Selbstverständlichkeiten, sie müssen verinnerlicht werden, damit sie selbstverständlich werden. Von Bleiben war nie die Rede erinnert uns daran, zu tun, was wir wissen, dass wir tun sollten: Das Leben nicht aufschieben.

Karin Simon
Von Bleiben war nie die Rede
Eine Sterbeamme erzählt vom grossen Abschied und wie er ohne Angst gelingt
Knaur Menssana, München 2023

Mittwoch, 6. September 2023

Die hohe Kunst des Verzichts

Die Gründe, die mich zu einem bestimmten Buch greifen lassen, sind mannigfaltig und zumeist nicht wirklich bewusst. Doch Vermutungen anstellen kann ich. Im vorliegenden Fall weiss ich aus den Medien, dass der Autor für gelehrte Ausführungen bekannt ist – von einem emeritierten Professor für Philosophie darf man das erwarten – , dazu kommt, dass C.H. Beck ein Verlag ist, der für gute Bücher steht, doch vor allem interessiert mich das Thema, denn für mich zählt der Verzicht zu den Notwendigkeiten, ohne die ein Leben nicht gelingen kann.

Dass der Verzicht nicht besonders weit verbreitet, geschweige denn populär ist, lässt sich unter anderem daran ersehen, dass auch ein Buch, das sich der Selbstbeschränkung aus philosophischer Sicht widmet, nicht darauf verzichten mag, zuerst einmal einen Ausflug in die Geschichte zu machen. Nun gut, das ist, was Akademiker eben so tun – trotzdem, etwas enttäuscht bin ich schon.

Mir persönlich genügen ja so recht eigentlich die Volksweisheit "Weniger ist mehr" und Henry David Thoreaus "The soul grows by subtraction, not by addition", um den Verzicht positiv zu sehen, als ich dann jedoch Professor Höffes Ausführungen zur Lebenskunst auf mich wirken lasse, wird mir noch anderes bewusst. "Keine Person vermag Lebenskunst stellvertretend für einen anderen auszuüben. Man kann sie zwar, ja, man muss sie auch lernen."

Um Selbstverantwortung geht es also, und diese zeigt sich im Verhalten. Das setzt eine Entwicklungsstufe voraus, bei der man "Macht über sich und das Geschick" (Nietzsche) hat, also Meister seiner selbst ist. Doch das ist leider weit entfernt von dem, was die meisten anstreben.

Viele der Ausführungen fand ich etwas arg akademisch, insbesondere die zur Welt des Rechts, denn diese zeigt sich in der Praxis weit banaler als im gedanklichen Überbau. So ist etwa der Grundsatz der Unschuldsvermutung, angesichts der Bedingungen der Untersuchungshaft sowie der öffentlichen Meinung, weit mehr Ideal als Realität (was kein Argument gegen das Ideal sein soll).

Überhaupt nicht realitätsfern (im Sinne von notwendig, nicht von machbar) sehe ich hingegen die Forderung, die der Autor bereits 1993 erhoben hat: "Der tropische Regenwald Südamerikas –und sinngemäss auch der von Afrika und Asien – gehört nicht den heutigen Staaten, sondern den Ureinwohnern."

Otfried Höffe plädiert dafür den Verzicht "in seiner Bedeutung erheblich aufzuwerten; er verdient den Rang eines philosophischen und politischen Grundbegriffs." Anregungen dazu finden sich in diesem Essay zuhauf. Vor allem deutlich gemacht werden die zahlreichen Facetten dieses Begriffs, von denen mir die Lebensideale, die das Menschsein zu steigern vermögen, vor allem wichtig sind.

Zu diesen gehört, dass der Mensch fähig ist, sich von äusseren Faktoren nicht erschüttern zu lassen. Das Ideal der heiteren Gelassenheit geht auf Epikur zurück, den man oft – fälschlicherweise – mit grösstmöglicher sinnlicher Lust gleichsetzt. Nur eben: Heitere Gelassenheit setzt die Beherrschung der Begierden voraus, Verzicht also.

So recht eigentlich handelt dieses Buch (jedenfalls habe ich es so gelesen) von Tugenden. Etwa der des Gleichmuts oder der Besonnenheit. Anders gesagt: Es ist ein Werk, dass sich mit unserer Einstellung, unserer Haltung zum Leben auseinandersetzt, und sich dabei von ethischen, humanistisch fundierten Zielen leiten lässt. Als wahrer Philosoph erkennt der Autor übrigens auch da wahre Philosophen, wo sie andere vermutlich nicht sehen, etwa in Karl Valentin. "Wo alle dasselbe denken, wird nicht gedacht." "Gesegnet sind alle jene, die nichts zu sagen haben, und trotzdem den Mund halten."

Otfried Höffe
Die hohe Kunst des Verzichts
Kleine Philosophie der Selbstbeschränkung
C.H. Beck, München 2023