Da ich Sadhgurus Die
Weisheit eines Yogi in guter Erinnerung habe, gehe ich sein Death positiv gestimmt an und erfahre bereits auf den ersten Seiten, worin eines der Übel unserer Existenz liegt: Wir wissen zwar, dass wir alle eines Tages sterben werden, doch erstaunlicherweise weigern wir uns dies wahrzuhaben. Im Hindu-Epos Mahabharata heisst es: "Hunderte und Tausende von Lebewesen ereilt in jedem Auenblick der Tod, und dennoch hält sich der törichte Mensch für unsterblich und bereitet sich nicht auf den Tod vor. Das ist das grösste Wunder des Lebens." Man könnte dies allerdings auch als Blödheit, Dummheit, Ignoranz bezeichnen.
Sadhguru ist ein Yogi und so erfährt man denn auch einiges über das yogische System, wird aufgeklärt über Karma, Chakras und Reinkarnation sowie darüber, "dass es nichts im Kosmos gibt, das nicht lebendig ist." Aufschlussreich ist insbesondere seine Haltung zur Meditation. "In Wirklichkeit gibt es so etwas wie Meditation nicht. Es gibt nur Stille – viele Ebenen der Stille. Weil es aber sehr schwierig ist, den Menschen Stille beizubringen, verwendet man den Begriff 'Meditation' als eine Art Bindeglied."
Als obrigkeitsallergischer Mann werde ich zwar automatisch skeptisch, wenn ich lese der Autor sei "ein international anerkannter Vordenker und Vermittler eines ganzheitlichen und spirituellen Bewusstseins", der als Redner bei den Vereinten Nationen, dem Weltwirtschaftsforum, dem MIT sowie dem House of Lords aufgetreten ist (Eitleres und Eingebildeteres als solche Institutionen ist schwer vorstellbar), doch vieles, was in diesem Buch zu lesen ist, ist überaus nützlich, da weit weg von der westlichen Konsummentalität.
Sadhguru ist ein erfrischender Denker, dessen Einsichten in persönlichen Erfahrungen gründen .So hat er als Junge viel Zeit auf dem Einäscherungsplatz verbracht und dabei gesehen, wie halb verbrannte Leichen in den Fluss geworfen wurden: "Und es ist wirklich sehr gut für dich, zu sehen, dass die Menschen auch dich eines Tages so behandeln werden."
Unser Verstand lehnt den Tod ab, so Sadhguru, was nicht zuletzt daran liegt, dass wir eine falsche Vorstellung vom Tod haben. Überhaupt hegen wir viele falsche Vorstellungen. fas liegt daran, "dass du den Überblick verloren hast, wer du in diesem Universum bist." Am Rande: Auch die unsinnige Eigenart, deutsche Bücher mit englischen Titeln zu versehen, ist Ausdruck davon.
Was soll ich mich um den Tod kümmern? Ich merke eh nichts von ihm, wenn ich einmal nicht mehr bin, so denken wohl die meisten. Sadhgurus Sichtweise ist gänzlich anders. "Der Übergang vom Physischen zum Nicht-Physischen ist der grösste Augenblick in deinem Leben. Ist es also nicht von grosser Wichtigkeit, dass du ihn so würdig und wundervoll wie möglich gestaltest?"
Auch zum Selbstmord macht er sich Gedanken. "In den Vereinigten Staaten sterben momentan jedes Jahr mehr Menschen durch Suizid als durch Mord und Krieg zusammen, und in letzter Zeit überwiegt die Zahl der Selbstmordopfer sogar die der Verkehrstoten." Dass da einiges im Argen liegt, ist offensichtlich, doch Sadhguru kritisiert nicht den amerikanischen Traum, sondern wird grundsätzlich: Würden wir verstehen, dass wir im Kontext der ganzen Schöpfung ein Nichts sind, "dann wirst du heilfroh sein, dass du zumindest atmest, dass dein Herz schlägt, dass du am Leben bist und alles soweit klappt."
Wir leben in einer Scheinwelt, wollen nicht wahrhaben, dass die Sterblichkeit "die grundlegendste Tatsache unserer Existenz" ist. Uns ist aufgegeben, damit zurechtzukommen, sonst "bleibt unsere Lebenserfahrung auf das physische Selbst und den Körper beschränkt." Der Autor hält dies für eine falsche Sichtweise, da ihr seine eigenen Erfahrungen entgegenstehen,
Zu den Vorzügen von Death zählen die eingestreuten Geschichten, die hervorragend geeignet sind, die zahlreichen theoretischen Ausführungen zu illustrieren. Im Gegensatz zu wohl den meisten Büchern über den Tod, geht es hier nicht alleine darum, gut zu leben, sondern "den Moment des Übergangs von der Körperlichkeit ins Nichtkörperliche, vom Zustand der Verkörperung zum Zustand der Entkörperung, in grösstmöglicher Bewusstheit und Würde zu begehen."
Man braucht die rechte Anschauung, um zu verstehen, dass es ein Wunder ist, dass es uns überhaupt gibt – und dass Leben und Tod keine Gegensätze sind, sondern zusammengehören.
Fazit: Ein vielfältig anregendes, grundsätzliches und hilfreiches Plädoyer für ein waches Dasein, zu dem entscheidend die Würde gehört.
Sadhguru
DEATH
Die Weisheit eines Yogi über die Kunst
von Leben und Sterben
O.W. Barth, München 2025

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