Mittwoch, 31. Dezember 2025

Vom Schreiben

 Eines Tages wirst du das Buch schreiben, verstehst du? Aber du musst aufhören, dir Gedanken über seine Form oder über die Geschichte oder darüber zu machen, ob die Leute es lesen werden. Du musst einfach niederschreiben, was du weisst. Das ist das ganze Geheimnis – einfach alles, was du selbst erfahren hast. Und dann wird was dabei herauskommen – glaub mir, alles andere ist Schwindel. Jene glatten, sorgfältig geplanten Bücher, alles Schwindel, mindestens von deinem Standpunkt aus. Du gehörst zu der Art von Schriftstellern, die einfach mitten hineinspringen müssen, die versuchen müssen, zu fliegen oder zu kriechen oder zu singen, oder was weiss ich.

Peter Viertel: Weisser Jäger, schwarzes Herz

Sonntag, 28. Dezember 2025

I've come full circle

In my twenties, in the times of long hair and rock music, I had no doubt at all that the state, institutions as well as their represenatives had no clue at all about anything. To me, they not only lived on another planet, it was a planet I had no interest in.

That youthful arrogance vanished with age and the so-called necessities of life, I even started to become interested in politics, culture and the media that I then, strangely enough, did not equate with maintaining the status quo.

Now in my seventies, I realise that I've come full circle. It is nowadays beyond me how anyone can believe that people holding office or representing institutions have any clue what is going on. Once again, these people seem to me more than distant, I am not even willing to contemplate their talking points.

I've also come to realise that it wasn't youtful arrogance that made me think the way I do – rather it was the feeling that to live a life as a so-called valuable member of society was surely not a good way to live for, in my view, all these people were willing to adapt to a system I had no sympathy for.

"O heróico num ser humano é não pertencer a um rebanho" (The heroic thing about a human being is not to belong to a herd.), according to José Saramago. He is right, of course. How baffling, however, that the ones who make the herd a herd think of themselves as individuals.

Mittwoch, 24. Dezember 2025

Lightly my darling

Kyoto, Japan, 29 September 2025

It's dark because you are trying too hard. Lightly child, lightly. Learn to do everything lightly. Yes, feel lightly even though you're feeling deeply. Just lightly let things happen and lightly cope with them. Lightly, lightly – it's the best advice ever given me. So throw away your baggage and go forward. There are quicksands all about you, sucking at your feet, trying to suck you down into fear and self-pity and despair. That's why you must walk so lightly. Lightly my darling.

Aldous Huxley

Sonntag, 21. Dezember 2025

Geht ein Philosoph übers Wasser

Otto A. Böhmer, geboren 1949, ein geistreicher Fabulierer der Sonderklasse, gehört zu den wenigen Autoren, die mich alle paar Zeilen zum Lachen bringen (nur gerade zwei andere fallen mir ein: Nigel Barley und Hans Peter Duerr). Die Tatsache, dass mich ein Philosoph und zwei Ethnologen heiter zu stimmen vermögen, ist an sich schon bemerkenswert, zeichnet doch beide Professionen eine überaus ernste Bedeutungshuberei aus, die im wesentlichen darauf hinausläuft, das Leben als Denksportaufgabe und sich selber besonders wichtig zu nehmen.

Frohgestimmt nahm ich also das Buch zur Hand und war dann etwas irritiert, als ich bereits auf der ersten Seite auf Sätze stiess, die ich in bester Erinnerung habe (das ist selten genug; die meisten Bücher, auch wenn ich sie gerne gelesen habe, habe ich bereits nach wenigen Wochen fast vollständig vergessen). Nun gut, dass ein Vielschreiber wie Otto A. Böhmer sich bei sich selber bedient, soll ihm nachgesehen werden, denn auch beim wiederholten Lesen, haben sie nichts von ihrer Originalität verloren.

Über die masslos überteuerten Flughafenpreise haben sich vermutlich die meisten schon geärgert, doch ist die Absurdität der Ausbeutung unseres Konsums selten so auf den Punkt gebracht worden: "... nachdem er einen grosszügig überteuerten Tee getrunken hatte, in dem ein Beutel schwamm, der schon mehrfach benutzt worden war ..."

Der Protagonist dieses Romans, Professor Prenzlau, soll auf einem Kreuzfahrtschiff, "philosophisch beglaubigte Lebensweisheiten" ausgeben. Um zum Schiff zu gelangen, muss er allerdings zuerst einmal zur Anlegestelle kommen und zwar per Flugzeug, doch Fliegen ist auch nicht, was es einmal war, wie die Flugbegleiterin klarstellt. "Die goldenen Zeiten für Alkoholiker an Bord sind vorbei."

Auf dem Schiff wird Prenzlau dann von der Entertainment-Chefin Carla Mares begrüsst, schliesslich gehört Lebensberatung zur Unterhaltungssparte. Er fügt sich, obwohl er sich über vieles echauffieren kann, von Windrädern über den Islamischen Staat zur amerikanischen Nahost-Politik, doch für den Moment versagt er sich sogar, "einen kleinen bösen Gedankenmonolog zur Lage des Individuums im Grossen und Ganzen", da er sich einzugewöhnen hat.

Bei einer Lesung von Gerry Stubenrauch, dem Prenzlau nicht gerade zugetan ist, fallen dann Worte, die so recht eigentlich Geht ein Philosoph übers Wasser bestens charakterisieren: "leicht und heiter, still und traurig." Inklusive der Böhmer'schen Bodenhaftung: "wie dumm doch manche Leute waren, die sich für kritisch und aufgeklärt hielten".

Prenzlau leidet unter seinem Gewicht, wird auf See, ohne sein Dazutun, jedoch leichter, dafür ist er nicht mehr so konzentriert wie auch schon. "Sie (die Konzentration) ist jetzt anderweitig unterwegs." Eine pragmatische Philosophie, von Alltäglichkeiten informiert, und deswegen hilfreich, zeichnet dieses Buch aus, das auch die heutigen Aufgeregtheiten als wenig neu erkennt. "Man besprach Vermögensfragen, klagte über die Unsicherheit der Zeit und die allgemeine Orientierungslosigkeit ...".

Grossartig, die Schilderung des Taxifahrers bzw. des Busfahrers auf Lanzarote. Letzterer, erfährt man, kennt die Insel so gut, da er vermutlich "schon die ersten Vulkanausbrüche im September 1736 mitgemacht, sich alles gemerkt und danach beschlossen (hatte), Busfahrer zu werden."

Doch Otto A. Böhmer ist nicht nur ein begabter Betrachter der Absurditäten des menschlichen Dasein, er ist auch ein profunder Menschen- bzw. Goethe-Kenner, wie seine Ausführungen zu dem 25Jährigen Dichter, der nebenbei als Rechtsanwalt tätig ist, zeigen. Und er ist ein Intellektueller, der die Grenzen des Intellektes kennt. "Prenzlau war traurig. Intellektuelle Einwönde gegen ein solches Gefühl, das einfach da war und zu Herzen ging, standen ihm nicht zur Verfügung."

PS: Professor Prenzlau ist Mitglied der Schopenhauer-Gesellschaft, was unter anderem zur Folge hat, dass man einiges über Schopenhauer lernt. Etwa dass dieser "eher ein Mann des unnachgiebigen Monologs (war), als dass er auf Diskussionen aus gewesen wäre. In seinen Schriften steckt vielleicht auch gerade deswegen ein Quantum Weisheit, wie es die allermeisten seiner Kollegen nicht zusammenbekommen haben."

Otto A. Böhmer
Geht ein Philosoph übers Wasser
Roman
der blaue reiter, Hannover 2025

Mittwoch, 17. Dezember 2025

Veränderungen

 Wie war ich doch einst von allem, restlos allem, das ich mit Bildung assoziierte, begeistert. Das ging von Klöstern über Bibliotheken zu Buchhandlungen, von Universitäten über Schriftsteller zu Schauspielerinnen, vom Theater über den Film zum Briefmarkensammeln. Dass etwas, was auch nur irgendwie mit Kultur im Zusammenhang stand, aufbewahrt, studiert und gepflegt gehörte, war mir selbstverständlich.

Der Welt des Wissens begegnete ich mit Ehrfurcht, von gescheiten Menschen war ich beeindruckt. Die Angst, womöglich nicht zu genügen, begleitete mein Jusstudium. Dass ich es dann im Schnelldurchlauf hinter mich brachte, verwunderte mich mehr als es mich freute. 

Der Respekt vor akademischen Titeln und anderen sozialen Zuschreibungen verlor sich, als ich in späteren Jahren weitere Abschlüsse an ausländischen Universitäten erwarb. Dass Diplome von sogenannt renommierten Lehranstalten selten mehr als Bestätigungen des Angepasst-Seins waren, ernüchterte mich.

Die Hoffnung, dass Wissen einen erfüllen und befreien sollte, weigerte sich hartnäckig ihren Abschied zu nehmen. Nach wie vor suchte ich in Büchern und scharfsinnigen Auseinandersetzungen nach Antworten  auf die Rätsel des Lebens, obwohl es mich zunehmend nervte, Abhandlungen von mehreren hundert Seiten über einen einzigen Gedanken zu lesen. Die Erkenntnis von Joseph Campbell, dass die Menschen nicht so sehr die Frage nach Sinn beschäftigte, sondern sie the experience of being alive vermissten, verstand ich nur intellektuell, also gar nicht.

Ich trottete weiter in den mir bekannten Pfaden, hörte nicht auf, mich darüber aufzuregen, dass die Welt nicht so war, wie sie meines Erachtens sein sollte. Und obwohl ich zu kapieren begann, dass die Welt der Kultur, von der ich mir Erlösung von meinem Leiden am Leben erhoffte, genauso eitel, korrupt und hohl war wie alles, das sich am Beifall orientiert, schaffte ich es nicht, davon abzulassen. Und sie einfach locker zu nehmen, entsprach schlicht nicht meinem Temperament.

Doch nach und nach begann ich in meinen Gefühlen einen Gedanken (Gefühle und Gedanken, die beide im Hirn entstehen, vermag ich nicht zu unterscheiden) auszumachen, der mir schon einmal, viele Jahre ist es her, den Weg gewiesen hat. So sick and tired of being so sick and tired. Ich gewöhnte mir an, darauf zurückzukommen, so dass ich mit der Zeit begriff, dass ich so nicht mehr leben wollte. Und eigenartigerweise genügte das, um mich neu zu orientieren ...

Sonntag, 14. Dezember 2025

Was Philosophie war, ist und sein kann

In unseren egomanischen Zeiten, in denen ein zum Präsident gewählter alter Mann alles ausschliesslich auf sich bezieht, ist die Auseinandersetzung mit der vorliegenden Schrift von Ulrich Steinvorth, geb. 1941, emeritierte Professor für Praktische Philosophie an der Universität Hamburg, überaus willkommen, weil da unter anderem auch auf Platons Ideen Bezug genommen wird, denen wir "ein erfahrungsunabhängiges Wissen von Tugenden und mathematischen Gegenständen" verdanken.

Aus der Wertneutralität folgt nicht, dass die Welt bedeutungslos ist. So sprach etwa Aristoteles "allen Dingen tele zu, naturgegebene Ziele, denen sie notwendig folgen." Sehr schön zeigt Autor Steinvorth auf, wie sowohl Platon als auch Aristoteles ihrer Zeit und deren Vorstellungen verhaftet sind, mithin an Götter glauben, die für das Gute bzw. Vollkommene stehen.

Spannend an dieser kurzen historischen Einführung, die auch für Laien verständlich geschrieben ist, sind insbesondere die Bezugnahmen zur Wissenschaft. Dass die Natur, weil sinnvoll, göttlichen Ursprungs sei, wird auch von Wissenschaftlern behauptet. Ulrich Steinvorth sieht das anders. "Die Natur ist auch ohne Schöpfer sinnvoll."

Zu den Fragen, mit denen sich der Autor intensiv auseinandersetzt, gehört die Willensfreiheit. Er lehnt die deterministische Sicht ab, führt den Trotz an, der nicht als vorgegebene Reaktion angesehen werden könne. Auch die Moral kommt nicht zu kurz – Kant nennt Willensfreiheit ohne Moralität Willkür , wobei Professor Steinvorth darauf hinweist, dass im Konfliktfall die Frage nach dem Sinn hinter die Moral zurücktritt, "weil die Moral der Erhaltung eines überlebenswerten Lebens dient." Es ist unser Lebenswille, der uns am Leben hält. Und diesem ist alles untergeordnet, was nur schon deswegen einleuchtet, da sich alle Fragen erübrigen, wenn man nicht mehr am Leben ist.

Was Philosophie war, ist und sein kann zeigt dieses Werk auf originelle Art und Weise. "Die Wissenschaft unterscheidet sich von der Theologie dadurch, dass sie Sinn und Absicht als immanent ansieht." Die Seinsfrage wurde im 17. Jahrhundert zur Domäne der Wissenschaft, die Sinnfrage wurde der Philosophie überlassen, die sie jedoch dem Glauben zuwies. Dann merkte man, dass diese Zuteilung zu einfach war. "Denn die Wissenschaft konnte die Seinsfrage und der Glaube die Sinnfrage nicht vollständig beantworten."

Dazu kam die Frage, wozu die Philosophie denn eigentlich noch gut sein sollte bzw. was ihre Aufgabe war? Mit "Wie die Philosophie ihre Aufgabe der Sinnklärung lösen könnte" ist ein Kapitel überschrieben, worin Ulrich Steinvorth dafür plädiert, dass etwas "um seiner willen getan oder erlebt werden" muss, damit Sinn erfahren werden könne. Es lohnt sich, bei diesem Gedanken zu verweilen, auch weil ein solches Verweilen als sinnvoll erlebt werden kann.

Was Philosophie war, ist und sein kann ist ein vielfältig anregendes Werk, das gelegentlich auch meinen Widerspruch hervorrief, wenn etwa Donald Trump oder Wladimir Putin als Ideologen bezeichnet werden, was ja impliziert, dass sie wissen, was sie tun. Nur ist es eben so, dass die meisten Menschen nicht wissen, warum sie tun, was sie tun, und Psychopathen schon gar nicht (was ihr Verhalten keineswegs entschuldigt oder gar rechtfertigt). Auch ist der Untertitel, Eine kurze historische Einführung, insofern etwas irreführend, als Autor Steinvorth viel mehr (und anderes) vorlegt, und in erster Linie zeigt, dass und wie zu philosophieren hilfreich und bereichernd ist, so man sich dabei auch mit den Erkenntnissen aus Physik und Psychologie etc. auseinandersetzt.

Ein Buchtitel (Was Philosophie war, ist und sein kann), der hält, was er verspricht. Eine Seltenheit!

Ulrich Steinvorth
Was Philosophie war, ist und sein kann
Eine kurze historische Einführung
Reclam, Dietzingen 2025

Mittwoch, 10. Dezember 2025

Sadhguru: Death

Da ich Sadhgurus Die Weisheit eines Yogi in guter Erinnerung habe, gehe ich sein Death positiv gestimmt an und erfahre bereits auf den ersten Seiten, worin eines der Übel unserer Existenz liegt: Wir wissen zwar, dass wir alle eines Tages sterben werden, doch erstaunlicherweise weigern wir uns dies wahrzuhaben. Im Hindu-Epos Mahabharata heisst es: "Hunderte und Tausende von Lebewesen ereilt in jedem Auenblick der Tod, und dennoch hält sich der törichte Mensch für unsterblich und bereitet sich nicht auf den Tod vor. Das ist das grösste Wunder des Lebens." Man könnte dies allerdings auch als Blödheit, Dummheit, Ignoranz bezeichnen.

Sadhguru ist ein Yogi und so erfährt man denn auch einiges über das yogische System, wird aufgeklärt über Karma, Chakras und Reinkarnation sowie darüber, "dass es nichts im Kosmos gibt, das nicht lebendig ist." Aufschlussreich ist insbesondere seine Haltung zur Meditation. "In Wirklichkeit gibt es so etwas wie Meditation nicht. Es gibt nur Stille – viele Ebenen der Stille. Weil es aber sehr schwierig ist, den Menschen Stille beizubringen, verwendet man den Begriff 'Meditation' als eine Art Bindeglied."

Als obrigkeitsallergischer Mann werde ich zwar automatisch skeptisch, wenn ich lese der Autor sei "ein international anerkannter Vordenker und Vermittler eines ganzheitlichen und spirituellen Bewusstseins", der als Redner bei den Vereinten Nationen, dem Weltwirtschaftsforum, dem MIT sowie dem House of Lords aufgetreten ist (Eitleres und Eingebildeteres als solche Institutionen ist schwer vorstellbar), doch vieles, was in diesem Buch zu lesen ist, ist überaus nützlich, da weit weg von der westlichen Konsummentalität.

Sadhguru ist ein erfrischender Denker, dessen Einsichten in persönlichen Erfahrungen gründen .So hat er als Junge viel Zeit auf dem Einäscherungsplatz verbracht und dabei gesehen, wie halb verbrannte Leichen in den Fluss geworfen wurden: "Und es ist wirklich sehr gut für dich, zu sehen, dass die Menschen auch dich eines Tages so behandeln werden."

Unser Verstand lehnt den Tod ab, so Sadhguru, was nicht zuletzt daran liegt, dass wir eine falsche Vorstellung vom Tod haben. Überhaupt hegen wir viele falsche Vorstellungen. fas liegt daran, "dass du den Überblick verloren hast, wer du in diesem Universum bist." Am Rande: Auch die unsinnige Eigenart, deutsche Bücher mit englischen Titeln zu versehen, ist Ausdruck davon.

Was soll ich mich um den Tod kümmern? Ich merke eh nichts von ihm, wenn ich einmal nicht mehr bin, so denken wohl die meisten. Sadhgurus Sichtweise ist gänzlich anders. "Der Übergang vom Physischen zum Nicht-Physischen ist der grösste Augenblick in deinem Leben. Ist es also nicht von grosser Wichtigkeit, dass du ihn so würdig und wundervoll wie möglich gestaltest?"

Auch zum Selbstmord macht er sich Gedanken. "In den Vereinigten Staaten sterben momentan jedes Jahr mehr Menschen durch Suizid als durch Mord und Krieg zusammen, und in letzter Zeit überwiegt die Zahl der Selbstmordopfer sogar die der Verkehrstoten." Dass da einiges im Argen liegt, ist offensichtlich, doch Sadhguru kritisiert nicht den amerikanischen Traum, sondern wird grundsätzlich: Würden wir verstehen, dass wir im Kontext der ganzen Schöpfung ein Nichts sind, "dann wirst du heilfroh sein, dass du zumindest atmest, dass dein Herz schlägt, dass du am Leben bist und alles soweit klappt."

Wir leben in einer Scheinwelt, wollen nicht wahrhaben, dass die Sterblichkeit "die grundlegendste Tatsache unserer Existenz" ist. Uns ist aufgegeben, damit zurechtzukommen, sonst "bleibt unsere Lebenserfahrung auf das physische Selbst und den Körper beschränkt." Der Autor hält dies für eine falsche Sichtweise, da ihr seine eigenen Erfahrungen entgegenstehen,

Zu den Vorzügen von Death zählen die eingestreuten Geschichten, die hervorragend geeignet sind, die zahlreichen theoretischen Ausführungen zu illustrieren. Im Gegensatz zu wohl den meisten Büchern über den Tod, geht es hier nicht alleine darum, gut zu leben, sondern "den Moment des Übergangs von der Körperlichkeit ins Nichtkörperliche, vom Zustand der Verkörperung zum Zustand der Entkörperung, in grösstmöglicher Bewusstheit und Würde zu begehen."

Man braucht die rechte Anschauung, um zu verstehen, dass es ein Wunder ist, dass es uns überhaupt gibt – und dass Leben und Tod keine Gegensätze sind, sondern zusammengehören. 

Fazit: Ein vielfältig anregendes, grundsätzliches und hilfreiches Plädoyer für ein waches Dasein, zu dem entscheidend die Würde gehört.

Sadhguru
DEATH
Die Weisheit eines Yogi über die Kunst 
von Leben und Sterben
O.W. Barth, München 2025

Sonntag, 7. Dezember 2025

Die Flüchtigkeit des Lebens

Das ist noch nicht mein Leben, dachte es die meiste Zeit meines Lebens so in mir. Dass das lächerlich ist, weiss ich, doch wer kommt schon gegen seine Gefühle an. 

Statt unserem Verstand die ihm gehörige Rolle zuzugestehen, glorifizieren wir die Gefühle, berufen uns auf Instinkt, Intuition und Bauchgefühl, denen wie sowieso ausgeliefert sind. 

Meine Gefühle verleiten mich zu vielem, was mir nicht bekommt; so wollen sie etwa nichts wissen von Endlichkeit, auch wenn diese dem Verstand einleuchtet. Doch es gibt Momente, in denen das Herz zu erfassen scheint, was der Vernunft schon lange klar gewesen ist. Ich kann heute sterben, ging mir letzthin beim Aufwachen durch den Kopf. Gut möglich, dass dieser Gedanke auch deshalb mein Herz erreichte, weil es mir tags zuvor geradezu unfassbar erschien, dass der neue Papst jünger ist als ich selber bin. Jedenfalls kam ich während dieses Tages immer mal wieder darauf zurück, was mir dieses Heute nicht nur sehr eigenartig, sondern gänzlich unfassbar erscheinen liess. 

Wie einen Traum erlebte ich diesen Tag, an dem ich bei Richterswil dem Zürichsee entlangging, Fotos machte, und mit einem jungen IT-Mann mit Hund ins Gespräch kam. Ein anderer Mann, ebenfalls mit Hund, kommentierte dessen ausgiebiges Rumschnüffeln an Allem und Jedem mit „Hundezeitung“ (der Hund informiere sich gerade, wer wann und von wo hier durchgekommen sei). Mir dabei immer wieder von Neuem ins Gedächtnis zu rufen, dass jederzeit alles zu Ende sein kann, verscheuchte meine Ängste, erlaubte mir immer wieder von Neuem, die Gegenwart zu erleben.
Fotos zeigen bekanntlich, was sich in einem bestimmten Moment vor der Kameralinse befunden hat. Fotografieren bedeutet Festhalten-Wollen. Zu wissen, dass man nichts festhalten kann, dass der Glaube, man könne es, eine Illusion ist, hat das Potential, Fotos zu dem zu machen, was sie auch sein können: Erinnerungen an die Flüchtigkeit des Lebens.

Mittwoch, 3. Dezember 2025

Von der Faszination des Alltags

 Aussergewöhnliches, Spektakuläres hat mich nie gereizt; bei sogenannt grossartigen Taten wie der Besteigung des Mount Everest wunderte ich mich jeweils: Wozu das Ganze? Nichtsdestotrotz: Respekt, ja Bewunderung für aussergewöhnliche Leistungen wie etwa die Mondlandung oder die Errungenschaften der Wissenschaft sind mir nicht fremd, im Gegenteil.

Seit meiner Jugend fasziniert mich das Gewöhnliche, das Unspektakuläre, das sogenannt Banale. Das geht von Reihenhaussiedlungen bis zu endlos weiten Ebenen, von Unterhaltungen mit Schuhmachern und Buschauffeuren zum gelassenen Durchstreifen von unauffälligen Nebenstrassen mir unbekannter Städte. Robert M. Pirsig hat in seinem Zen und Die Kunst, ein Motorrad zu warten notiert, die Dakotas seien ihm deshalb so lieb, weil sie nichts Besonderes versprächen und deshalb auch nichts einlösen müssten.

Warum dem so ist, kümmert mich heute wenig. Wie schrieb doch Wilhelm Busch in Der Schmetterling: „Kinder, in ihrer Einfalt, fragen immer und immer: warum? Der Verständige tut das nicht mehr; denn jedes Warum, das weiss er längst, ist nur der Zipfel des Fadens, der in den dicken Knäuel der Unendlichkeit ausläuft, mit dem keiner recht fertig wird, er mag wickeln und haspeln, so viel er nur will."

Im Nachhinein, so scheint mir, hat diese Faszination für das Alltägliche mein Leben geprägt. Ja, mehr noch: Wenn meine Einsichten und Erkenntnisse meinen Alltag nicht zu verbessern vermögen, so dachte und so denke ich, sind sie bestenfalls interessant. Hilfreich sind sie nicht.

Was ich von mir lieben Verstorbenen erinnere, sind nicht ihre Werke, sondern ihre Alltagspräsenz. Von Laurence, ihre Wärme und ihren Witz; von Irène, ihr Lachen und ihre Neugier; von Lucette, ihr hilfsbereites, pragmatisches Naturell, von Valérie, ihre Freude am Spielerischen.

***

Unserer Kultur des Wettbewerbs, des Einzigartigen und des Speziellen, ist nur schwer zu entgehen. So stellte ich mir jahrelang vor, dass, wenn ich etwas ändern wolle, dies nur an einem speziellen Tag möglich sei. Und obwohl ich zu wissen glaubte, dass ein solches Denken völlig unsinnig ist, ereigneten sich entscheidende Veränderungen in meinem Leben an sehr speziellen Daten. Keinen Alkohol mehr seit dem 1.1.1990; keine Zigaretten mehr seit dem 9.9.1999.

Nichtsdestotrotz weiss ich, dass so recht eigentlich jeder Tag ein spezieller Tag ist. Damit dieses Wissen auch Folgen hat, muss ich mich jeden Tag mehrmals daran erinnern – und dann entsprechend handeln, und das meint: Die Dinge langsam tun, immer mal wieder innehalten und mich daran erinnern, dass dieser Tag und dieses Jetzt, so weit wir wissen, nur gerade in diesem Moment existieren. Meistens scheitere ich daran, dass ich schnelle und anhaltende Resultate erwarte. Mir dies bewusst zu machen, lässt mich geduldiger üben.

Alltag bedeutet mir, dass dieser Tag alles umfasst, das mein Leben ausmacht.

***

In der Schule wurden wir dazu angeleitet, etwas aus unserem Leben zu machen. Etwas wollen, sollten wir, und nicht etwa bloss aus dem Fenster schauen. Sich zu konzentrieren war angesagt, auf dass wir nicht auf blöde Gedanken kämen. Nie wurden wir darauf aufmerksam gemacht, dass unsere Existenz zuallererst ein Wunder ist. Und dass es darum gehen sollte, sich dieses Wunders bewusst zu werden.

Dass die Schule dazu da ist, uns ins herrschende System zu integrieren, leuchtet ein, denn der Mensch sucht Stabilität, und dazu verhilft ihm das System. Dabei wird völlig ausser Acht gelassen, darauf hinzuweisen, dass es alles andere als selbstverständlich ist, dass es uns überhaupt gibt, wir gehen, atmen und uns verlieben können. Und dies führt letztlich dazu, dass wir mit uns und allem um uns herum nicht pfleglich umzugehen wissen.

Hinschauen und etwas auf mich wirken lassen; mein Unbewusstes weiss selber, was damit zu tun ist. Ich muss es nur lassen. Não pense, veja (Denke nicht, schau) hat es ein brasilianischer Zen-Buddhist einmal formuliert.

Santa Cruz do Sul, 7. Februar 2025