Mittwoch, 25. Dezember 2013

Trockene Alkoholiker

Trockene Alkoholiker führen ein Leben auf zwei Ebenen -- ein, erst mal, ganz normales, in dem plötzlich, scheinbar ganz von selbst, Dinge gelingen, die man im Suff immer ersehnt hat, und in dem man plötzlich mit Schwierigkeiten umgehen kann, die früher im Alkohol ersäuft wurden. Aber möglich ist das nur für den, der immer weiß, daß dieses Leben auf sehr dünnem Eis abläuft. Immer nur ein Glas vom Rückfall. in die alte Scheiße entfernt, besonders dann, "wenn es dir zu schlecht geht beim Nichtsaufen oder wenn es dir zu gutgeht beim Nichtsaufen".

Herhaus hatte es einmal fast drei Jahre lang im Alleingang versucht, ohne ständige Erinnerung durch andere an die zweite Ebene der nur schlummernden, nie wieder heilbaren Krankheit. Er ist damals gescheitert. Inzwischen hat er gelernt, daß es nicht damit getan ist, ein "Leben als Trockenleiche" zu führen, daß für einen Alkoholiker Nichttrinken radikale Lebensänderung bedeutet -- ehrliche, ständige Kleinarbeit an sich und im Alltag. "Stagnation in der Sucht heißt Rückfall", weiß der Autor.

Die "Begabung in täglicher Genauigkeit", die Herhaus von sich als Schriftsteller verlangt -- wir trockenen Alkoholiker brauchen sie alle zum Leben. Es ist unser Vorteil gegenüber Traumtänzern und Lebenslügnern jeder Art, daß wir es uns auf den Tod nicht leisten können, dies auch nur einen Augenblick zu vergessen.

Horst Zocker über Ernst Herhaus: Kapitulation
Copyright @ Der Spiegel, 26.09.1977

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