Mittwoch, 4. September 2019

The Turning Point

The turning point in any healing of alcoholics or drug addicts is when they admit their illness and ask for aid. In one way or another, we are all addicts of samsara; the moment when help can come to us is when we admit our addiction and simply ask.

Sogyal Rinpoche
The Tibetan Book of Living and Dying

Mittwoch, 28. August 2019

Wie die Wahrnehmung unsere Emotionen beeinflusst

Ich gehe Bücher voreingenommen an. Alle. Bei Unsere 7 Sinne von Rüdiger Braun stört mich der Untertitel 'Die Schlüssel zur Psyche' (schon wieder so ein Angeber, der glaubt, die Psyche zu verstehen!), was mich hingegen neugierig macht, ist die ebenfalls auf dem Umschlag zu findende Verheissung 'Wie die Wahrnehmung unsere Emotionen beeinflusst'.

Wir erleben unsere Welt mittels unserer Sinne. Als die klassischen fünf gelten: Hören, Sehen, Schmecken, Riechen, Tasten. Vom "sechsten Sinn" redet man, wenn jemand etwas bemerkt, ohne es durch die bekannten Sinnesorgane wahrzunehmen. Unter dem "siebten Sinn" versteht Rüdiger Braun das Bauchgefühl, das uns fraglos häufig leitet.

Rüdiger Braun, geboren 1960, hat Biologie und Philosophie studiert sowie eine Ausbildung als Systemischer Coach und Shiatsu-Therapeut absolviert. Er arbeitet als freier Wissenschaftsjournalist und behauptet in seiner Einführung, beim sogenannten Bauchgefühl handle es sich "um eine eigenständige Wahrnehmungsfähigkeit, die sich trainieren lässt und ein wertvolles Hilfsmittel bei lebenswichtigen Entscheidungen sein kann." Also ich verlasse mich bei lebenswichtigen Entscheidungen lieber nicht auf mein Bauchgefühl, sondern auf eine möglichst nüchterne Analyse. 

Zugegeben, auch Braun redet nicht einfach der Intuition und dem Bauchgefühl das Wort, sondern plädiert dafür, sie mit Erfahrung, Beobachtung und Üben (etwa von Bewegungsabläufen) zu ergänzen. Mit anderen Worten: sich aufmerksam und lernwillig mit den unterschiedlichsten Lebenssituationen auseinanderzusetzen. 

Unsere 7 Sinne berichtet hauptsächlich darüber, worüber heutzutage an Universitäten geforscht wird. Die von Braun vorgelegte Palette ist überaus vielfältig, doch wie das wissenschaftliche Studien eben so an sich haben, grundsätzliche Fragen beantworten sie nicht. Dafür belegen sie oft, was wir sowieso schon wissen, etwa dass die Augen uns verraten, denn sie lügen nicht. Oder dass wer nicht geniesst, ungeniessbar wird. Geniessen lässt sich übrigens lernen, die sieben Grundregeln dazu lauten: Genuss braucht Zeit; Genuss muss erlaubt sein; Genuss geht nicht nebenbei; Wissen, was einem guttut; Weniger ist mehr; Ohne Erfahrung kein Genuss; Genuss ist alltäglich. 

Neben der Bestätigung von Allerwelts-Weisheiten fördern (sozial)wissenschaftliche und psychologische Studien natürlich auch immer wieder Interessantes zutage. "So kontrollieren Japaner ihre Gesichtsregungen weitaus stärker als Europäer. Sie erscheinen uns dadurch undurchsichtiger, wohingegen wir grobschlächtig oder impulsiv auf sie wirken. Auch wird in Japan und China, im Gegensatz zu Europa und den USA, längerer direkter Augenkontakt selbst in persönlichen Gesprächen eher vermieden." Auch wenn diese kulturelle Konditionierung wie Schicksal klingt, sie ist es nicht, denn der Mensch ist durchaus zur Wahl fähig, muss also nicht den herrschenden kulturellen Vorstellungen entsprechen, kann sich auch dagegen entscheiden.

"Obwohl unsere Antennen nur einen Bruchteil dessen empfangen, was die Welt an Signalen zu brieten hat, ist diese Informationsflut immer noch zu gross, um vollständig verarbeitet werden zu können." Wir müssen also auswählen, damit wir in diesem Überangebot nicht ersaufen. Ob wir das auf Basis eines freien Willens oder nach vorgegebenen Kriterien machen, ist umstritten. Rüdiger Braun glaubt, "dass wir unseren Emotionen und Motivationen zumindest nicht vollkommen willenlos ausgeliefert sind." Die meisten werden das vermutlich ähnlich sehen.

Aus der Hirnforschung wissen wir, dass wir unsere Aufmerksamkeit steuern können. Richten wir sie auf Musik, die uns zusagt, werden wir uns beglückt fühlen. Denn Musik, das wussten die Menschen immer schon, wirkt heilsam. So schrieb Charles Darwin in seiner Autobiografie: "Wenn ich mein Leben noch einmal leben müsste, würde ich mir eine Regel auferlegen, mindestens einmal pro Woche Musik zu hören und Gedichte zu lesen. Dann wären durch diese Übung die Teile meines Gehirns, die inzwischen verkümmert sind, vielleicht noch aktiv."

Rüdiger Braun will dazu ermuntern, den Sinnen mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Die Übungen, Tests und kleinen Experimente, die er am Schluss des Buches zusammengestellt hat, können dabei helfen.

Rüdiger Braun
Unsere 7 Sinne
Kösel Verlag, München 2019

Mittwoch, 21. August 2019

Let go of your plan

Letting go can feel so unnatural. We work hard for a promotion, a relationship, a new car, a vacation. Then the universe has the gall to come along and mess up our plans. How dare it! And so, rather than opening ourselves to the experiences that await us, we hold on to the plans that we made for ourselves. Or we hold on to bitterness about our plans going awry.

Sometimes losing our dreams and plans for our future can hurt as much as losing a tangible thing. Sometimes accepting and releasing our broken dreams is part of accepting a loss.

Let go of your expectations. The universe will do what it will. Sometimes your dreams will come true. Sometimes they won’t. Sometimes when you let go of a broken dream, another one gently takes its place.

Be aware of what is, not what you would like to be, taking place.

Mittwoch, 14. August 2019

Vom Glück des Wanderns

Um praktisches Wissen gehe es ihm, schreibt Albert Kitzler, "das das menschliche Leben zum Gegenstand hat." Und er behauptet: "Weise nennen wir nicht jemanden, der viel weiss, sondern der zu leben versteht, der es versteht, mit sich selbst und den anderen umzugehen und die vielfältigen Herausforderungen des Lebens im beruflichen wie im privaten Bereich meistert, auch und gerade dann, wenn es schwierig und leidvoll ist. Weisheit ist Wissen und Können, das heisst die Umsetzung des Wissens im täglichen Leben."

Das ist wohltuend zu lesen und erinnert mich an Ajahn Sumedho, einen nordamerikanischen Theravada-Mönch, der bei einer Meditation in Bangkok gesagt hat (ich zitiere aus dem Gedächtnis): "Meine Damen und Herren, sollten Sie zum Schluss gelangt sein, was ich gerade ausgeführt habe, sei interessant gewesen, so haben Sie mich gründlich missverstanden, denn interessant kann so ziemlich alles sein, auch das Liebesleben der Bienen. Doch das ist nicht, worauf es mir ankommt. Entscheidend ist, ob meine Ausführungen hilfreich waren, ob sie Ihnen dazu dienen können, Ihr Leben qualitativ zu verbessern."

Darum geht es auch Albert Kitzler, der sich nicht nur bei den grossen Denkern der westlichen und fernöstlichen Antike auskennt, sondern Wesentliches auch von seinem Onkel, einem Landwirt, und von und in der Natur gelernt hat.

"Wir verfolgen kein Ziel, wir gehen nicht zu einem Ort, an dem wir etwas zu erledigen haben. Wir verfolgen keine andere Absicht, als zu gehen, zu uns zu kommen, unseren Körper zu fordern, eine Etappe zu bewältigen, eine Gegend kennenzulernen, Eindrücke, Aussichten und das Wetter zu geniessen oder ihm zu trotzen."

Der Philosophie-Coach Albert Kitzler, geboren 1955,  war Filmproduzent und Medienanwalt und bietet, so der Klappentext, seit 2010 "Seminare, Matineen, Vorträge und philosophische Urlaube sowie Einzel- und Unternehmensberatungen an", ist also ziemlich umfassend unterwegs. Und auch Vom Glück des Wanderns. Eine philosophische Wegbegleitung lässt kaum etwas aus – obwohl ein passionierter Bücherleser, fühlte ich mich von der Fülle geballten Wissens regelrecht erschlagen. Kaum ein Gedanke findet sich in diesem Buch, der nicht mit einem philosophischen oder literarischen Zitat untermauert wird. Das will nicht heissen, dass Albert Kitzler nicht selber denkt  – ganz im Gegenteil! – , das meint nur, dass weniger gelegentlich mehr gewesen wäre.

Trotz der vielen Hinweise auf Gelesenes und Studiertes überzeugt Vom Glück des Wanderns. Eine philosophische Wegbegleitung sowohl durch einen ausgeprägt persönlichen wie auch praktischen Bezug. "Für mich ist der Aspekt innerer Sammlung beim Wandern einer der wichtigsten ... Auch jenseits von Wanderungen ziehe ich mich regelmässig in mich selbst zurück, versuche still zu werden, in mich hinein zu horchen, mich zu spüren und mich in meiner Mitte einzurichten ...".

Das erfordert Übung, stetige Übung. "Es ist schwer, sich selbst zu Verhaltens- und Denkweisen zu erziehen, die uns dauerhaft guttun, vor allem am Anfang." Sowieso, sonst könnte es ja jeder (und jede). Und so mühsam sich das anhören mag, es wäre auch eine Welt vorstellbar, wie der Schweizer Autor Hans Albrecht Moser einmal geschrieben hat, wo es diese Möglichkeit des Übens nicht gibt.

"Es mag bisweilen anstrengend gewesen sein", schreibt der Autor zum Schluss, "aber umsonst gewähren die Götter nichts." Das kann schon sein, doch etwas mehr Leichtigkeit hätte dem Glück des Wanderns nicht geschadet. Deshalb ein Tipp: Leichter wird die Lektüre, wenn man dieses Buch in kleinen Häppchen zu sich nimmt.

Albert Kitzler
Vom Glück des Wanderns
Eine philosophische Wegbegleitung
Droemer Verlag, München 2019

Mittwoch, 7. August 2019

Let go of everything, you dweller in distraction!

Listen up, old bad karma patrol. You dweller in distraction. For ages now you have been beguiled, entranced and fooled by appearances. Are you aware of that, are you? Right this very instant when you are under the spell of mistaken perception, you have got to watch out. Don't let yourself get carried away by this fake and empty life. Your mind is spinning around, carrying out a lot of useless projects. It's a waste. Give it up. Thinking about the hundred plans you want to accomplish with never enough time to finish them, just waive down your mind. You are completely distracted by all these projects which never come to an end, but keep spreading out more like ripples in water. Don't be a fool. Just sit tight. You beat your little drum and your audience thinks it is charming to hear. You are reciting words about offering up your body, but you still haven't stopped holding it dear. All this Dharma practice equipment that seems so attractive. Forget about it. If you let go of everything, everything, everything. That's the real point. Even though you don't know how to practice, you must let go of everything. That's what I really want to say.

A vagabond wandering Tibetan monk, around 1900.

Mittwoch, 31. Juli 2019

Die dunklen Welten der Depression

"Die dunklen Seiten der Depressions" lautet Andrew Solomons Saturns Schatten im Untertitel, das von John Berger als "das ungewöhnliche Zeugnis eines Leidens – Aufrichtigkeit gepaart mit Aufklärung" charakterisiert wurde. Als Motto ist  dem Buch dieses Zitat von Michael Bulgakov (aus: "Die weisse Garde") vorangestellt: "Alles wird vorübergehen: Leiden, Qualen, Hunger, Blut und Massensterben. Das Schwert wird verschwinden, aber die Sterne werden auch dann noch da sein, wenn von unseren Leibern und Taten auf Erden kein Schatten mehr übrig ist. Die Sterne aber werden immer so da sein, schön und flimmerig. Es gibt keinen Menschen, der das nicht wüsste. Warum also wollen wir unseren Blick nicht zu den Sternen erheben? Warum?"

Dieses Buch, so der Dozent für Psychiatrie an der Cornell University, der, wie er betont, weder Arzt noch Psychologe und auch nicht Philosoph ist, handle in erster Linie vom Lebenskampf schwer geprüfter Männer und Frauen, die ihm ihre Lebensgeschichten erzählt hatten. "Ich möchte einen Beitrag zur Aufklärung von Ärzten und Patienten leisten, damit es ihnen gelingt, die Qualen der Depression zu überwinden."

Saturns Schatten ist ein höchst aufschlussreiches Werk, entstanden aus persönlicher Betroffenheit, das unter anderem klar macht, dass die Depression in einem inneren Zusammenhang mit dem Charakter steht. "Einige Menschen bringen es trotz entsetzlicher Symptome im Leben zu etwas, andere sind schon bei den leichtesten Anflügen der Krankheit völlig am Boden zerstört."

Solomon holt weit aus und bemerkt etwa zum Aufstieg des Supermodels, dass dieses das Selbstbild der Frau beschädigte, indem es unrealistische Erwartungen begründete, und er zitiert unter anderen Schopenhauer mit den Worten: "Unsere Empfindlichkeit für den Schmerz ist fast unendlich, die für den Genuss hat enge Grenzen." Das meint, "dass wir in der Regel, die Freuden weit unter, die Schmerzen weit über unserer Erwartung finden .... Sogar bedarf Jeder allzeit eines gewissen Quantums Sorge, oder Schmerz oder Noth, wie das Schiff des Ballasts, um fest und gerade zu gehen." Wie sagt doch die russische Redensart: Wenn du aufwachst und keine Schmerzen hast, weisst du, dass du tot bist.

Von allen möglichen Seiten beleuchtet Solomon die Depression, geht auf Therapien, Historisches, Armut, Politik und Evolution ein. Und auch auf die Sucht, bei der er auf interessante Untersuchungen hinweist. "Von allen, die je eine Zigarette rauchen, werden ein Drittel in der Folge nikotinsüchtig, bei Heroin sind es etwa ein Viertel, beim Alkohol rund ein Sechstel." Doch weshalb hat Nikotin im Vergleich zu Alkohol ein derart hohe Suchtwirkung? Weil die negativen Aspekte des Nikotrin-Genusses relativ spät auftauchen und der furchtbare Kater am anderen Morgen den Alkoholkonsum in gewissen Grenzen hält.

Saturns Schatten überzeugt nicht zuletzt der eindrücklichen Geschichten wegen. Etwa diese hier. "Wenn Elefanten in Nepal einen Splitter oder Dorn im Fuss haben, kippen die Treiber ihnen Chili ins Auge, worauf sie so sehr mit der brennenden Bindehaut beschäftigt sind, dass man den Dorn entfernen kann, ohne totgetrampelt zu werden. (Der Pfeffer ist schnell wieder ausgeschwemmt). Bei vielen Melancholikern erfüllt Alkohol, Kokain oder Heroin die gleiche Funktion wie das Chili, nämlich als etwas Unerträgliches, dessen Scheusslichkeit von der noch unerträglicheren Depression ablenkt."

Höchst Aufschlussreiches erfährt man auch im Kapitel über Therapien, worin Solomon auch seine völlig absurd anmutende Odyssee auf der Suche nach einem Therapeuten beschreibt. Was macht einen guten Therapeuten aus? "Die guten Psychiater liessen den Patienten erst über sich berichten und stellten dann sofort eine  Reihe von ganz gezielten Fragen, um bestimmte Informationen zu erhalten." Zudem: "Jemand, mit dem du dich tief verbunden fühlst, kann dir wahrscheinlich schon durch lockeres Plaudern sehr helfen, und wenn diese Voraussetzung fehlt, können die ausgefeilteste Technik und die beste Qualifikation wenig ausrichten."

Saturns Schatten ist ein sehr gut geschriebenes und enorm hilfreiches Buch.

Andrew Solomon
Saturns Schatten
Die dunklen Welten der Depression
FISCHER Taschenbuch, Frankfurt am Main, April 2019

Mittwoch, 17. Juli 2019

Walking Meditation

In the 1990s, I spent a lot of time in Thailand, and mostly in Bangkok, where I regularly attended Buddhist lectures followed by meditation practice. Sitting meditation was definitely not my cup of tea, walking meditation however appealed to me.

Stand still, look where you want to go, plant that in your head, and now concentrate on your feet, on your walking. Keep in mind: "What arises, ceases. Thoughts will come and go, let them do that but do not cling to them", I remember a monk saying. "Gently come back to concentrate on your feet, how they touch the ground, how you lift them up, and put them down again. Be aware of your sensations, let them come and go. You are on the move - take it easy, do not get too attached to any particular part of the journey."

It might be, of course, that I do not remember correctly or that I misunderstood but what I've just described is what I daily practise. And, it clearly helps to be in the present.

To be where I am, not just physically but also mentally - this is the only goal I find worth pursuing.

Hans Durrer 2019