Mittwoch, 22. Juli 2026

Probleme als Geschäftsmodell

 Der folgende Text erschien in Die Welt (am 18. Oktober 2024) und bezieht sich auf die Talkshow von Maybrit Illner, die ich mir schon lange nicht mehr antue (zu selbstgefällig): „Wir haben derzeit zwei der größten Flüchtlingskrisen der letzten Jahrzehnte weltweit an den Toren der Europäischen Union“, führte Gerald Knaus aus, dessen trockene Zahlen wenig Raum für die von Dunz geforderte Humanität ließen. In der Ukraine herrsche die größte Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg. Drei Millionen syrische Geflüchtete befänden sich in der Türkei, eine weitere im Libanon. Viele Libanesen wiederum flüchten in den türkisch kontrollierten Norden Syriens. Der Krieg in Gaza setze sich fort, ein weiterer könnte zwischen Israel und dem Iran ausbrechen. „Wir stehen vor einer katastrophalen Entwicklung, auf die wir keine Antworten haben“, warnte der Sozialwissenschaftler eindringlich.

Was nützen mir eigentlich solche Informationen? Wobei: Keine Angabe, woher diese Zahlen stammen. Ob es zu einem Krieg zwischen Israel und Iran kommen wird, weiss bis heute niemand, auch nicht die, die sich bestens informiert wähnen, da sich die Zukunft noch immer nicht voraussagen lässt. Zudem: Dass wir auf katastrophale Entwicklungen (wenn es denn dazu kommen sollte) keine Antworten haben, ist keine Warnung, sondern die Feststellung einer Tatsache, schliesslich liegt es in der Natur der Sache, dass der Mensch auf katastrophale Entwicklungen keine Antworten hat. Woher auch?

Dem Menschen ist es schlicht nicht gegeben, sich über seine Nasenspitze hinaus gross Gedanken zu machen. Sicher, zu Gedankenspielen reicht's, doch zum Handeln leider nicht (und nur im Handeln zeigt sich, wie jemand wirklich denkt).

Solche Talkshows sind für die Katz bzw. dienen der Ablenkung, denn niemand ist an einem Austausch der Ideen interessiert, nur an der Zurschaustellung seiner/ihrer Person. Ausser selbstgefälliger Wichtigtuerei ist da nichts, und auch wenn hin und wieder ein gescheiter Satz fällt (und das geschieht natürlich, denn einige der Teilnehmenden sind gescheit), Meinungen ändern sich deswegen nicht.

Menschen verfügen über Überzeugungen, woher die kommen ist zwar nicht wirklich klar, doch erklärt werden sie sich mit Mama und Papa. Von diesen Überzeugungen, deren sie sich meist gar nicht bewusst sind, lassen sich die Menschen steuern. Es kommt vor, dass sie die eine oder andere über Bord werfen, nicht freiwillig natürlich, denn wer verliert schon gerne seinen Halt.

Worte decken eher zu als dass sie erhellen; das Bereden von Problemen dient in erster Linie dazu, sie zu begraben. Das tut man, indem man sie grösser macht bzw. differenziert. Geht man zu einem Anwalt oder einer Psychologin, lautet die Frage: Was ist das Problem? Die Antwort: Es ist komplex. Anschliessend gehen sie mit einigen Problemen mehr von dannen, von denen sie gar nicht gewusst hatten, dass es sie geben könnte. Zu verdanken ist das den Juristen und Psychologinnen, die das Kreieren von Problemen als Geschäftsmodell betreiben.

 "Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Sie etwas über Tagoona, den Eskimo, erfahren. Im vergangenen Jahr sagte einer von unseren weissen Leuten zu ihm: Wir freuen uns sehr darüber, dass Sie als erster Ihres Volkes zum Priester geweiht worden sind. Jetzt können Sie uns dabei helfen, die Probleme der Eskimos zu lösen. Tagoona fragte: Was ist ein Problem? Und der Weisse sagte: Tagoona, wenn ich Sie an den Füssen aus einem Fenster im dritten Stock hinaushielte, so wäre das für Sie ein Problem. Tagoona dachte lange und eingehend darüber nach. Dann sagte er: Das glaube ich nicht. Wenn Sie mich verschonen, so wäre alles gut. Wenn Sie mich fallen liessen, wäre sowieso alles egal. Dann hätten Sie das Problem." Margaret Craven: Ich hörte die Eule, sie rief meinen Namen.
Santa Cruz do Sul, 5. Januar 2024

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