Der
folgende Text erschien in Die
Welt (am
18. Oktober 2024) und bezieht sich auf die Talkshow von Maybrit
Illner, die ich mir schon lange nicht mehr antue (zu selbstgefällig):
„Wir haben derzeit zwei der größten Flüchtlingskrisen der
letzten Jahrzehnte weltweit an den Toren der Europäischen Union“,
führte Gerald Knaus aus, dessen trockene Zahlen wenig Raum für die
von Dunz geforderte Humanität ließen. In der Ukraine herrsche die
größte Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg. Drei Millionen
syrische Geflüchtete befänden sich in der Türkei, eine weitere im
Libanon. Viele Libanesen wiederum flüchten in den türkisch
kontrollierten Norden Syriens. Der Krieg in Gaza setze sich fort, ein
weiterer könnte zwischen Israel und dem Iran ausbrechen. „Wir
stehen vor einer katastrophalen Entwicklung, auf die wir keine
Antworten haben“, warnte der Sozialwissenschaftler eindringlich.
Was
nützen mir eigentlich solche Informationen? Wobei: Keine Angabe,
woher diese Zahlen stammen. Ob es zu einem Krieg zwischen Israel und
Iran kommen wird, weiss bis heute niemand, auch nicht die, die sich
bestens informiert wähnen, da sich die Zukunft noch immer nicht
voraussagen lässt. Zudem: Dass wir auf katastrophale Entwicklungen
(wenn es denn dazu kommen sollte) keine Antworten haben, ist keine
Warnung, sondern die Feststellung einer Tatsache, schliesslich liegt
es in der Natur der Sache, dass der Mensch auf katastrophale
Entwicklungen keine Antworten hat. Woher auch?
Dem
Menschen ist es schlicht nicht gegeben, sich über seine Nasenspitze
hinaus gross Gedanken zu machen. Sicher, zu Gedankenspielen reicht's,
doch zum Handeln leider nicht (und nur im Handeln zeigt sich, wie
jemand wirklich denkt).
Solche
Talkshows sind für die Katz bzw. dienen der Ablenkung, denn niemand
ist an einem Austausch der Ideen interessiert, nur an der
Zurschaustellung seiner/ihrer Person. Ausser selbstgefälliger
Wichtigtuerei ist da nichts, und auch wenn hin und wieder ein
gescheiter Satz fällt (und das geschieht natürlich, denn einige der
Teilnehmenden sind gescheit), Meinungen ändern sich deswegen nicht.
Menschen
verfügen über Überzeugungen, woher die kommen ist zwar nicht
wirklich klar, doch erklärt werden sie sich mit Mama und Papa. Von
diesen Überzeugungen, deren sie sich meist gar nicht bewusst sind,
lassen sich die Menschen steuern. Es kommt vor, dass sie die eine
oder andere über Bord werfen, nicht freiwillig natürlich, denn wer
verliert schon gerne seinen Halt.
Worte
decken eher zu als dass sie erhellen; das Bereden von Problemen dient
in erster Linie dazu, sie zu begraben. Das tut man, indem man sie
grösser macht bzw. differenziert. Geht man zu einem Anwalt oder
einer Psychologin, lautet die Frage: Was ist das Problem? Die
Antwort: Es ist komplex. Anschliessend gehen sie mit einigen
Problemen mehr von dannen, von denen sie gar nicht gewusst hatten,
dass es sie geben könnte. Zu verdanken ist das den Juristen und
Psychologinnen, die das Kreieren von Problemen als Geschäftsmodell
betreiben.
"Ich
glaube, es ist an der Zeit, dass Sie etwas über Tagoona, den Eskimo,
erfahren. Im vergangenen Jahr sagte einer von unseren weissen Leuten
zu ihm: Wir freuen uns sehr darüber, dass Sie als erster Ihres
Volkes zum Priester geweiht worden sind. Jetzt können Sie uns dabei
helfen, die Probleme der Eskimos zu lösen. Tagoona fragte: Was ist
ein Problem? Und der Weisse sagte: Tagoona, wenn ich Sie an den
Füssen aus einem Fenster im dritten Stock hinaushielte, so wäre das
für Sie ein Problem. Tagoona dachte lange und eingehend darüber
nach. Dann sagte er: Das glaube ich nicht. Wenn Sie mich verschonen,
so wäre alles gut. Wenn Sie mich fallen liessen, wäre sowieso alles
egal. Dann hätten Sie das Problem." Margaret
Craven: Ich hörte die Eule, sie rief meinen Namen.

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