„Im
Internet bin ich auf eine Genesungsgeschichte gestossen, die ich
faszinierend und verwirrend finde. Dazu kommt, dass sie mich an meine
eigenen Obsessionen erinnert. Ein Mann, Anfang sechzig, jedoch jünger
aussehend, also einer, der gut gealtert ist, erzählte von seiner
Alkoholsucht ...“.
„Litt
er noch unter anderen Süchten?“, unterbrach ihn Emma.
„Ja,
doch davon später.“
„Während
zehn Jahren versuchte er seines Alkoholkonsums Herr zu werden; länger
als drei Wochen Abstinenz gelangen nie. Dazu hatte er die
Vorstellung, es müsse ein spezieller, bedeutungsvoller, ja,
gleichsam heiliger Tag sein, an dem er aufhören
würde/könnte/sollte...“
„Schon
klar, weshalb dich diese Geschichte fasziniert“, lachte Emma.
„Sowieso.
Doch jetzt hör doch zuerst zu“, stimmte Hugo in ihr Lachen mit
ein.
„Ein
spezieller Tag also, am besten ein Montag. Da dieser Mann, Herbi
heisst er, sehr viel las (und darauf hoffte, in der Literatur
Antworten auf ihn bedrängende Fragen zu finden), auch Sachen, die er
selber geschrieben hatte, entdeckte er in einem alten Tagebuch, dass
er bereits als junger Bub ständig sein Leben ändern wollte. Und
immer an einem Montag, nie an einem Freitag. Das ist absurd, sagte er
sich, so funktioniert das nie, so kann das ganz einfach nicht
funktionieren. Nach vielen Jahren und unzähligen Versuchen, schaffte
er es schliesslich doch, mit dem Trinken aufzuhören. An einem 1.
Januar, der gerade auch noch ein Montag war.“
„Wider
sein bestes Wissen wurde er trocken? Er hatte wahrscheinlich keine
Erklärung dafür.“
„Nein,
hatte er nicht. Ihm sei eine Gnade widerfahren, sagte er.“
„Und
seine anderen Süchte. Was hatte er überhaupt für welche?“
„Rauchen.
Damit aufzuhören schaffte er an einem 9.9.; ich muss dir bestimmt
nicht sagen, dass die 9 für ihn eine besondere Bedeutung hatte?“
„Nein,
musst du nicht. Scheinbar hatten ihm seine Obsessionen geholfen. Doch
gleichzeitig, so sagte er, litt er weiterhin an ihnen.“
„Er
wollte sich also nach wie vor von ihnen befreien.“
„Ja
und Nein. Jedenfalls beschloss er, ihnen nicht mehr eine so grosse
Bedeutung geben, und zu versuchen, spielerisch mit ihnen umgehen.“
„Ein
guter Entscheid. Hat es denn geklappt?“
„Wie
gesagt, es war eine Dokumentation im Internet. Und die endet
eigentlich immer mit einem Happy End. In diesem Falle endete sie mit
diesem hoffnungsfrohen Vorsatz.“
+++
Thomas
Merton trat am 10. Dezember 1941 in die Trappistenabtei Gethsemani,
Kentucky, USA ein, um Mönch zu werden. Er war knapp 27 Jahre alt.
Auf den Tag genau 27 Jahre später, am 10. Dezember 1968, starb er an
den Folgen eines Unfalls in Bangkok. „Pater Louis, wie er später
im Kloster hiess, machte erst nach und nach im Laufe der
siebenundzwanzig Jahre, die er als Mönch gelebt hat, die Erfahrung,
dass Kontemplation nicht bedeutet, besonderen Wegen, Methoden und
Gebrauchsanweisungen des geistlichen Lebens (das heisst anderen
Leuten) zu folgen, sondern 'die höchste geistliche Entwicklung darin
besteht, wieder ganz gewöhnlich zu werden, voll und ganz Mensch zu
sein; schlicht und einfach sich selbst zu finden, wie das nur wenigen
Menschen gelingt.'“, so Georg Tepe in der Einleitung zu Im
Einklang mit sich und der Welt.
Hugo wollte gerne glauben, dass Thomas Merton so war, wie er
beschrieben wurde und auch selber schrieb. Seine eigene
Lebenserfahrung sprach zwar dagegen, was ihn allerdings nicht daran
hinderte, Mertons Ideal nachzueifern, dem dieser, laut einem
ausführlichen Bericht in der Irish Times, selber offenbar nicht
entsprach.

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