Sonntag, 1. Februar 2026

Eine Genesungsgeschichte

 

„Im Internet bin ich auf eine Genesungsgeschichte gestossen, die ich faszinierend und verwirrend finde. Dazu kommt, dass sie mich an meine eigenen Obsessionen erinnert. Ein Mann, Anfang sechzig, jedoch jünger aussehend, also einer, der gut gealtert ist, erzählte von seiner Alkoholsucht ...“.
„Litt er noch unter anderen Süchten?“, unterbrach ihn Emma.
„Ja, doch davon später.“
„Während zehn Jahren versuchte er seines Alkoholkonsums Herr zu werden; länger als drei Wochen Abstinenz gelangen nie. Dazu hatte er die Vorstellung, es müsse ein spezieller, bedeutungsvoller, ja, gleichsam heiliger Tag sein, an dem er aufhören würde/könnte/sollte...“
„Schon klar, weshalb dich diese Geschichte fasziniert“, lachte Emma.
„Sowieso. Doch jetzt hör doch zuerst zu“, stimmte Hugo in ihr Lachen mit ein.
„Ein spezieller Tag also, am besten ein Montag. Da dieser Mann, Herbi heisst er, sehr viel las (und darauf hoffte, in der Literatur Antworten auf ihn bedrängende Fragen zu finden), auch Sachen, die er selber geschrieben hatte, entdeckte er in einem alten Tagebuch, dass er bereits als junger Bub ständig sein Leben ändern wollte. Und immer an einem Montag, nie an einem Freitag. Das ist absurd, sagte er sich, so funktioniert das nie, so kann das ganz einfach nicht funktionieren. Nach vielen Jahren und unzähligen Versuchen, schaffte er es schliesslich doch, mit dem Trinken aufzuhören. An einem 1. Januar, der gerade auch noch ein Montag war.“
„Wider sein bestes Wissen wurde er trocken? Er hatte wahrscheinlich keine Erklärung dafür.“
„Nein, hatte er nicht. Ihm sei eine Gnade widerfahren, sagte er.“
„Und seine anderen Süchte. Was hatte er überhaupt für welche?“
„Rauchen. Damit aufzuhören schaffte er an einem 9.9.; ich muss dir bestimmt nicht sagen, dass die 9 für ihn eine besondere Bedeutung hatte?“
„Nein, musst du nicht. Scheinbar hatten ihm seine Obsessionen geholfen. Doch gleichzeitig, so sagte er, litt er weiterhin an ihnen.“
„Er wollte sich also nach wie vor von ihnen befreien.“
„Ja und Nein. Jedenfalls beschloss er, ihnen nicht mehr eine so grosse Bedeutung geben, und zu versuchen, spielerisch mit ihnen umgehen.“
„Ein guter Entscheid. Hat es denn geklappt?“
„Wie gesagt, es war eine Dokumentation im Internet. Und die endet eigentlich immer mit einem Happy End. In diesem Falle endete sie mit diesem hoffnungsfrohen Vorsatz.“

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Thomas Merton trat am 10. Dezember 1941 in die Trappistenabtei Gethsemani, Kentucky, USA ein, um Mönch zu werden. Er war knapp 27 Jahre alt. Auf den Tag genau 27 Jahre später, am 10. Dezember 1968, starb er an den Folgen eines Unfalls in Bangkok. „Pater Louis, wie er später im Kloster hiess, machte erst nach und nach im Laufe der siebenundzwanzig Jahre, die er als Mönch gelebt hat, die Erfahrung, dass Kontemplation nicht bedeutet, besonderen Wegen, Methoden und Gebrauchsanweisungen des geistlichen Lebens (das heisst anderen Leuten) zu folgen, sondern 'die höchste geistliche Entwicklung darin besteht, wieder ganz gewöhnlich zu werden, voll und ganz Mensch zu sein; schlicht und einfach sich selbst zu finden, wie das nur wenigen Menschen gelingt.'“, so Georg Tepe in der Einleitung zu Im Einklang mit sich und der Welt.

Hugo wollte gerne glauben, dass Thomas Merton so war, wie er beschrieben wurde und auch selber schrieb. Seine eigene Lebenserfahrung sprach zwar dagegen, was ihn allerdings nicht daran hinderte, Mertons Ideal nachzueifern, dem dieser, laut einem ausführlichen Bericht in der Irish Times, selber offenbar nicht entsprach.

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