Mittwoch, 15. November 2017

Die Weisheit eines Yogi

Sadhguru, geboren im südindischen Mysore als Sohn eines Arztes und einer Hausfrau, war ein neugieriges Kind, das die Schule öde fand, und lieber auf eigene Faust die Welt erkundete. Und sich wohl nicht zuletzt deswegen zu einem sehr eigenständigen Denker entwickelt hat.

Die Frage nach dem Was und Warum hat ihn nie interessiert, ihn beschäftigte immer nur das Wie. Er lernte, "einfach ohne jedes Motiv hinzuschauen", eine Fähigkeit, die heute in der Welt fehlt. Und er begriff, dass wie er sein Leben leben wollte, in seiner Hand lag.

Ursprung und Basis jeder menschlichen Erfahrung liegt in unserem Inneren. "Jede menschliche Erfahrung ist zu hundert Prozent von uns selbst geschaffen." Und das bedeutet, das wir unser Schicksal selber gestalten.

Als ein Teilnehmer einer internationalen Konferenz über Armut auf der Erde, provokativ fragte: "Wieso versuchen wir überhaupt, solche Probleme zu lösen? Ist das nicht alles der göttliche Wille?" antwortete Sadhguri: "Tja, wenn jemand anders stirbt oder hungrig ist, muss es wohl der göttliche Wille sein. Aber wenn Ihr eigener Magen leer ist, wenn ihr eigenes Kind an Hunger stirbt, werden Sie doch etwas unternehmen, oder etwa nicht?"

Sadhguru ist praktisch unterwegs, theoretische Überlegungen hält er für wenig relevant, persönliche Verantwortlichkeit ist ihm zentral. "Bei Verantwortlichkeit geht es schlicht um deine Fähigkeit, bewusst zu reagieren. Wenn du beschliesst: 'Ich bin verantwortlich', dann besitzt du diese Fähigkeit; wenn du beschliesst: 'Ich bin nicht verantwortlich', dann besitzt du sie nicht."

Das ist nicht einfach eine Wort- oder Gedankenspielerei, das ist eine Realität, denn: "Sobald du dich verantwortlich fühlst, wirst du unweigerlich Möglichkeiten erkunden, mit der Situation umzugehen. Du wirst nach Lösungen suchen. Wenn du diese Haltung häufig einnimmst, verbessert sich kontinuierlich deine Fähigkeit, deine Lebenslage zu gestalten."

Jeder Mensch, so Sadhguru, lebe ständig in einem Zustand des Mangels. Nichts sei ihm genug, immer wolle er mehr. Sein wahres Bedürfnis sei jedoch grenzenlose Ausdehnung. "Die meisten Menschen sind sich der Natur ihrer Sehnsucht nicht bewusst. Wenn diese einen unbewussten Ausdruck annimmt, sprechen wir von Gier, Bestreben, Ehrgeiz. Findet unsere Sehnsucht hingegen einen bewussten Ausdruck, nennen wir das Yoga."

Im Yoga geht es um Selbstharmonisierung. Wie man diesen bewussten Weg der Selbstentdeckung und Selbstfindung geht, erläutert Sadhguru im zweiten Teil dieses Buches. Dabei stellt er auch Sadhanas (Übungen) vor, die ich wunderbar hilfreich finde. Hier ein Beispiel:

"Setze dich einige Minuten vor eine Pflanze, zum Beispiel einen Baum. Erinnere dich daran, dass du das einatmest, was er Baum ausatmet, und das ausatmest, was der Baum einamet. Auch wenn das keine bewusste Erfahrung darstellt, kannst du so eine geistige Verbindung zu diesem Baum herstellen. Du kannst das mehrmals täglich wiederholen. Nach einigen Tagen wirst du dich allmählich mit allem, was dich umgibt, auf eine neue Weise verbinden. Das wird nicht auf einen einzelnen Baum beschränkt sein."

Die Weisheit eines Yogi ist nicht nur ein eindrücklicher Augenöffner, sondern auch eine überzeugende praktische Anleitung für ein bewusstes und selbstbestimmtes Leben.

Sadhguru
Die Weisheit eines Yogi
Wie innere Veränderung wirklich möglich ist
O.W. Barth, München 2017

1 Kommentar:

  1. Die Arbeit mit dem Buch gibt mir Impulse, über mein bisheriges Weltbild hinauszuschauen. Spirituelles Neuland ... wer weiss wo das hinführt ...

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