Mittwoch, 15. Juli 2015

Die Krankheit Langeweile

"Wo endet die Party und wo beginnt der Absturz? Eva und Henry teilen die gleichen Vorlieben. Alkohol, viel Alkohol, noch mehr Alkohol ..." so beginnen die Verlagsinformationen zu Anne Philippis Giraffen und ich frage mich, soll ich das wirklich lesen? und bin dann ganz überrascht (und dann doch wieder nicht, denn Rogner & Bernhard ist ein wirklich guter Name im Verlagsgeschäft ... obwohl, wie kann man nur, ums Himmels Willen, "Megaseller" [Helene Hegemann] auf den Umschlag setzen ...), nein, nicht wie gut Anne Philippi schreibt (wer für die FAZ, Vogue und Vanity Fair geschrieben hat, von der darf man erwarten, dass sie konventionell gut schreibt und das tut sie auch), sondern, weil sie treffend auf den Punkt bringt, was Sucht wesentlich ausmacht ... dass man die Langeweile ("etwas wirklich Schlimmes, eine tödliche Krankheit") nicht erträgt und Verantwortung scheut ("Ich will Reissaus nehmen können. Zu jedem Zeitpunkt.")

"Denial is not a river in Egypt", heisst es bei den Anonymen Alkoholikern. Im heutigen Berlin definiert sich gekonntes Verdrängen so: "Die Sucht, das war nicht die Tablette. Die Pille, die Tinktur, die Verzauberung durch Valium, als ich mir den Arm brach, das Erlebnis einer psychedelischen Erweckung, als ich Tetrazykline schluckte. Die Sucht, das war Christiane F., ihre schlampigen Haare, ihr hartes Berlin, das ich niemals hätte ertragen können."

Bei den Anonymen Alkoholikern (AA) landet Eva übrigens auch einmal. Im Anschluss an einen wenig erhebenden Besuch bei einer Koabhängigkeitsgruppe, wo man (eine wunderbar komische Szene) nicht miteinander spricht, sondern die Probleme in den Raum redet, ins Nichts. 

Bei den AAs geniesst Eva die Aufmerksamkeit. "Es ist schön, wenn mir dreissig Augenpaare folgen, nur weil ich vom Saufen vom letzten Wochenende erzähle. Ich gebe Gas, ich mach weiter, ich erfinde noch ein paar Koksmärchen, krasse Abstürze, Überdosen, die ich nie genommen habe ...".

Eva und Henry fliegen mit Easyjet (schon das signalisiert, dass es die beiden mit dem Neuanfang ernst meinen .. ich meine das nur halb-ernst) nach Olbia, wo es zu meiner Verblüffung offenbar Stierkampf gibt. In Sardinien trifft Eva dann auch auf die Giraffe, die sie in Berlin schon einmal beobachtet hat ... und die Geschichte nimmt eine recht unerwartete Wende, die hier jedoch nicht verraten werden soll ...

Besonders angetan haben es mir die Schilderungen der Therapeuten Dr. Müller und Dr. Heinrich. Müller hatte seine eigenen Speed-Erfahrungen gemacht, weshalb ihm Eva auch mehr glaubt als Heinrich, den sie so schildert: "Er sass da mit dickem Bauch und grauem Bart, er war der Typ, der Zwanzigjährige im Zug anglotzte, aber der Meinung war, man solle den Körper, den physischen Körper, aus der Therapie weglassen. Er hatte natürlich unrecht."

Ganz wunderbar auch Evas Reaktion auf Dr. Müller, den sie unter anderem fragte, "woher die Kontrolle käme, wenn man sie dringend brauchte. Dr. Müller zuckte mit den Schultern. 'Kontrolle ist ein bürgerliches Konzept', sagte er und danach rief ich Dr. Müller nicht mehr an. Mit solchen Abstraktionen konnte ich nicht umgehen."

"Giraffen" ist kein Sucht-Buch. Es ist auch kein Bekenntnis-Buch mit anschliessender Läuterung. Es ist einfach eine gut und spannend erzählte Geschichte, mit nützlichen Einsichten für Süchtige und nicht ganz so Süchtige, die länger als die meisten auf ein gemachtes Bett und andere ihnen zusagende Umstände warten, bevor sie selber aktiv werden. "Ich fühlte mich immer wohler in anderer Leute Zuhause, ich habe bis heute keine Idee, wie ein Zuhause geht ... Ich setzte mich in gemachte Nester, ich schleifte meine Klamotten dorthin und legte mich in fremde Betten. Das lag mir, darin war ich gut."

Anne Philippi
Giraffen
Roman
Rogner & Bernhard, Berlin 2015

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