Mittwoch, 14. Mai 2014

Vom Leben mit einer schizophrenen Tochter

"Schizophrenie ist ein wenig wie Krebs", schreibt Michael Schofield im Vorwort zu seinem Bericht Ich will doch bloss sterben, Papa. Leben mit einer schizophrenen Tochter. "Man kann sich nie ganz sicher sein, dass er völlig verschwunden ist. Auch wenn man symptomfrei ist: Hatte man den Krebs einmal im Leben, so besteht bis zum letzten Atemzug die Gefahr, dass er zurückkehrt."

Michael Schofield, dessen Tochter Jani an Schizophrenie leidet, ist Dozent an der California State University, Northridge. Zusammen mit seiner Frau Susan gründete er die Jani Foundation zur Unterstützung psychisch kranker Kinder und deren Eltern (www.janifoundation.org).

Mit neun wolle sie sterben, sagte die kleine Jani, weil sie schizophren sei. Der Arzt fragte sie, was es ihrer Meinung nach bedeute, schizophren zu sein. "Ich sehe und höre Zeug, das es nicht gibt", erklärte sie ihm..

Niemand weiss, wodurch Schizophrenie ausgelöst wird. Die derzeit gängigste Theorie behauptet, es handle sich womöglich um eine "der Alzheimerkrankheit verwandte neurodegenerative, biochemische Hirnschädigung."

Janni lebt in ihrer eigenen Welt, ist eigensinnig, gänzlich unberechenbar und hat im Alter von vier Jahren das geistige Vermögen einer Zehn- bis Elfjährigen. Die auf Autismus ("Autismus ist die aktuelle Modediagnose, genau wie Hyperaktivität zu meiner Kindheit") spezialisierte Therapeutin empfiehlt eine Schule für Hochbegabte.

Für ihre Eltern ist dieses Kind eine ungeheure Herausforderung. "Janni wirkt völlig abgekapselt, wie sie da mit gekrümmtem Rücken im dämmrigen Zimmer sitzt; neben ihr Violet, die sich bemüht, zu ihr durchzudringen, ihre Freundin zu sein. Janni ist die Laura aus der Glasmenagerie, gefangen in ihrer eigenen Welt. Ein Schluchzen steigt mir die Kehle hoch, doch ich kämpfe es zurück. Nein, ich steigere mich hier in etwas hinein. Das ist nur eine vorübergehende Phase. Janni wird das überwinden", schreibt der Vater, der sich ständig Sorgen um seine Tochter macht, unter Schlafentzug und dem Zwang, die Kleine andauernd zu beschäftigen, leidet.

Michael und Susan Schofield entschliessen sich zu einem zweiten Kind. "Ich wollte Bodhi aus einem und nur einem Grund: weil Janni sich ein Geschwisterchen wünschte", hält Michael fest. Die Kleine terrorisiert ihre Eltern und diese lassen sich terrorisieren, schaffen es nicht, streng mit ihr zu sein, ihr Grenzen zu setzen.

Janni geht mit Fäusten und Tritten auf die Mutter los, kündigt emotionslos an, sie werde ihrem kleinen Bruder wehtun. Wieso? Weil er schreit, sagt sie. "Diese Gewaltausbrüche sind ebenso unvermittelt vorbei, wie sie begonnen haben." Das Familienleben wird zum Albtraum.

Die Eltern wenden sich an eine Kinderpsychologin, die völlig überfordert ist und selber Hilfe bräuchte. Dann landen sie bei einer Psychiaterin, die ihr ein sedierendes Mittel verschreibt, das bei Janni nicht den geringsten Effekt zeigt, bei ihrem Vater jedoch, der dieselbe Dosis genommen hat und fünfmal so viel wiegt wie seine Tochter, wie eine Bombe einschlägt.

Der Neurologe tippt auf ADHS, worunter auch Michael leidet und deswegen ein Antidepressivum nimmt. Doch die Medikamente wirken bei Janni nicht, schliesslich landet sie in der Psychiatrie, wo sie sich wohl zu fühlen scheint. Nach zwei Wochen wird sie entlassen, ist aber noch genau so gewalttätig wie zuvor, die Eltern bringen sie wieder zurück in die Klinik. Dann werden die Behörden aktiv, es liege eine Anzeige auf Kindsmissbrauch vor ...

Ich will doch bloss sterben, Papa ist ein zutiefst aufwühlendes Buch über einen Vater, der nicht aufgibt, seine sehr kranke und schwierige Tochter, deren Verhalten in vielem seinem eigenen gleicht, retten zu wollen und dabei selber fast drauf geht.

Michael Schofield
Ich will doch bloss sterben, Papa
Leben mit einer schizophrenen Tochter
Kösel-Verlag, München 2014

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