Mittwoch, 3. April 2013

Eintausend Namen für Freude

Es gibt Bücher, die kann man nur ganz langsam lesen, die muss man nach ein, zwei kurzen Kapiteln zur Seite legen, damit das gerade Gelesene seine Wirkung entfalten kann. Eintausend Namen für Freude gehört zu diesen Büchern. Byron Katie zeigt darin auf, wie die 81 Sinnsprüche des Tao Te King praktisch gelebt werden können.

Lao Tses Prinzip des "Wu Wei" meint Nicht-Tun beziehungsweise Geschehen-Lassen und nichts anderes meint auch Byron Katie, wenn sie von "lieben was ist" spricht. In der heutigen Zeit, in der das Loslassen für sensible Gemüter schon fast ein Imperativ ist, redet sie der uneingeschränkten, totalen Akzeptanz das Wort. "Ich lasse meine Gedanken nicht los", sagt sie. "Ich begegne ihnen mit Verständnis. Dann lassen sie mich los."

In diesem wunderbar nützlichen Buch geht es um die Gegenwart, um das Leben im Hier und Jetzt, um das Da-Sein. "Too much think, headache", habe ich einmal eine Thailänderin sagen hören, doch die Gedanken sind nicht das Problem, sondern dass wir sie ernst nehmen, wir ihnen Bedeutungen geben, die sie schlicht nicht haben. "Ich habe meine Gedanken überprüft und festgestellt, dass sie keinerlei Bedeutung haben. Mein Inneres erstrahlt in der Freude der Erkenntnis."

Eintausend Namen für Freude ist ein wirklich hilfreiches Buch, weil es uns nicht einfach sagt, dass die Gegenwart lebenswert ist, dass alles so wie es ist auch sein muss, sondern das am praktischen Beispiel aufzeigt: "Ich wache morgens auf und sehe nicht viel. Am Abend zuvor hatte ich sehen können, aber nun ist alles verschwommen als sähe ich durch eine russgeschwärzte Scheibe (Vor kurzen war bei mir eine degenerative Erkrankung der Hornhaut namens Fuchs-Dystrophie festgestellt worden. Sie ist unheilbar und im letzten Jahr sehr stark fortgeschritten.) Ich wohne in einem neuen Hotelzimmer und muss Zähne putzen, duschen und packen. Wo ist der Koffer? Und da fällt es mir wieder ein. Meine Hände wissen es. Die Welt ist grau, aber ich kann Unterschiede in den Grautönen wahrnehmen, und dank dieser Unterschiede sowie der Dinge, die ich fühle, sehe ich, was ich sehen muss, um meine Kleider zu finden. Ich taste mich ins Badezimmer, finde Zahnpasta und Zahnbürste und drücke auf die Tube. Oh! Ich habe einen riesigen Klecks Zahnpasta auf die Borsten gequetscht und muss schmunzeln: Offenbar brauchen meine Zähne heute Morgen besonders viel Pflege."

Es hat mich echt umgehauen, als ich das gelesen habe: Da sieht diese Frau praktisch nichts, Aussicht auf Besserung gibt es keine, doch sie hadert in keinster Weise mit ihrem Schicksal, lamentiert nicht, ist weder traurig noch wütend, sondern orientiert sich an dem, was ist und handelt ihren Möglichkeiten entsprechend. Das beeindruckt mich zutiefst.

"Alles kommt und geht." Und: "Ich nehme die Dinge wie sie kommen und gehen. Das ist wahre Liebe", schreibt Byron Katie. Wenn man sich auf diese Sätze wirklich einlässt und das tut man, indem man weder denkt noch nicht-denkt, sondern sich einfach widerstandslos dem überlässt, was geschieht, wird man sich frei fühlen. Es ist das grosse Verdienst von Eintausend Namen für Freude  eindrücklich vorzuführen, wie man frei sein kann.

Byron Katie, geboren 1942, wuchs in Südkalifornien auf, litt lange unter schweren psychischen Problemen und hatte dann ein Erweckungserlebnis. Ihr System der Selbsterkenntnis nennt sie "The Work". Als ihr nachmaliger Mann, Stephen Mitchell, mit "The Work" in Berührung kam, wusste er, "dass es sich hier um etwas wirklich Bedeutendes handelt."

Byron Katie
Stephen Mitchell
Eintausend Namen für Freude
Leben in Harmonie mit dem Tao
Goldmann Taschenbuch, München 2012

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen