Mittwoch, 20. März 2013

Helfen kann gefährlich sein

Als die Therapeutin Grace beim Langlaufen bei Montréal auf einen Mann stösst („Auf den ersten Blick verwechselte sie ihn mit irgendetwas. Im winterlichen Dämmerlicht hätte es auch ein Ast oder ein Holzscheit, ja, selbst ein Reifen sein können.“), der gerade versucht hat, sich aufzuhängen, gibt sie ihrem Helferimpuls nach. Genauso wie Anne, Grace' frühere Patientin, die sich in New York als Schauspielerin versucht: sie nimmt zuerst die junge Hilary und dann auch noch deren Freund Alan bei sich auf. Und genauso wie Mitch, Grace' Exmann und ebenfalls Therapeut, der seine Frau Martine, die er liebt, verlässt, um einer Inuit-Gemeinde bei ihren Problemen zu helfen.

Der Mann, den Grace aus dem Schnee gerettet hat, heisst Tug; die beiden kommen in der Folge zusammen, obwohl Tug findet, Grace leide unter einem Helferkomplex und er nicht ihr Patient sein will. Er selber ist jedoch auch ein Helfertyp und war in Ruanda als Entwicklungshelfer im Einsatz als dort das grosse Morden begann: „Entwicklungshelfer hingegen waren unverbesserliche Romantiker, auch wenn sie es niemals zugegeben hätten, hin und her gerissen zwischen Idealismus und Pragmatismus.“

Alix Ohlin ist eine genaue und einsichtsvolle Beobachterin, so lässt sie etwa Grace sagen: „Mittlerweile fünfunddreissig, dachte sie, dass sie vielleicht einfach nicht für die Ehe geschaffen war – eine Aussage, die sie von der Hand gewiesen oder zumindest mit einer hochgezogenen Augenbraue bedacht hätte, wäre sie von einem ihrer Patienten gekommen. Das Privileg des Therapeuten bestand manchmal eben darin wieder die alten Scheuklappen anlegen zu können.“ Und offenbart immer wieder hellsichtige psychologische Einsichten, so etwa wenn sie das Zusammenleben von Mitch und seinem Wohngenossen im Inuit-Land wie folgt charakterisiert: „Johnny war ein Selbstdarsteller, ein echter Geschichtenerzähler, und der Umstand, dass er sich für andere nicht interessierte, war Mitch nur recht, da er keine Lust hatte, etwas von seinem Leben in Montréal zu erzählen.“

Nachdem Mitch bei den Inuit therapeutisch scheiterte, kehrt er wieder nach Montréal zurück, doch Martine will nichts mehr von ihm wissen. Stattdessen trifft er seine Ex-Frau Grace wieder, die nach einem Autounfall froh um seine Hilfe und Unterstützung ist. Die beiden tauschen sich auch über ihre Erfahrungen als Therapeuten aus: „Aber manchmal tun wir auch zu viel des Guten“, fuhr er fort. „Wir haben fast schon zu viel Macht über andere, findest du nicht?“ Sie schüttelt den Kopf: „Die Leute machen sowieso, was sie wollen, egal, was wir ihnen raten.“
Hinzuzufügen wäre da höchstens, dass Therapeuten da ganz ähnlich sind, sie tun auch nicht, was sie ihren Patienten raten. In den Worten von Grace „Wäre sie ihre eigene Patientin gewesen, hätte sie sich geraten, dem Ganzen so schnell wie möglich ein Ende zu machen. Stattdessen zog sie die Beine unter sich und betrachtete ihn. Sie wollte nicht, dass er ging.“

Anne wiederum erfährt, das alles ganz anders ist, als Hilary sie hat glauben lassen. Sie beschliesst, fortan ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen und organisiert sich ein Engagement als Schauspielerin im schottischen Edinburgh. Und hat dann Erfolg in L.A., wo sie unter anderem auf all die kalifornischen Pflanzen aufmerksam wurde wie „Eukalyptus, Yucca, Bougainvillea, lauter Worte, die Anne wie eine neue Sprache vorkamen.“

„In einer anderen Haut“ zeigt sehr schön auf, wie schwierig und gefährlich Helfen sein kann. Dass Helfer in einen Sog hineingeraten können, wo sie selber zu Opfern werden. Und doch hat die Geschichte ein Happy End.

Ein ganz tolles, bewegendes Buch.

Alix Ohlin
In einer anderen Haut
C.H. Beck Verlag, München 2013

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