Mittwoch, 13. November 2019

Living in the Present

The present moment is all we have. Yes, we have plans and goals, a vision for tomorrow. But now is the only time we possess. And it is enough.

We can clear our mind of the residue of yesterday. We can clear our mind of fears of tomorrow. We can be present, now. We can make ourselves available to this moment, this day. It is by being fully present now that we reach the fullness of tomorrow.

Have no fear, child, a voice whispers. Have no regrets. Relinquish your resentments. Let Me take your pain. All you have is the present moment. Be still. Be here. Trust. All you have is now. It is enough.

Mittwoch, 6. November 2019

Die Bestie schläft

Die Werbetexterin Andrea Noack, verheiratet, Mutter einer Tochter, ist 52, als sie sich ins Allgemeine Krankenhaus Hamburg (AKH), Sozialpsychiatrische Abteilung, zum Entzug begibt. Zur Behandlung gehört auch Gruppentherapie und wie sie diese beziehungsweise die Teilnehmer (weiblich wie männlich) schildert (niemanden schätzt sie richtig ein), ist echt der Brüller – ich habe Tränen gelacht und mich an Simon Borowiaks Alk erinnert, ein Werk, das auch unter der Rubrik "Eine subjektive und begrenzte Auswahl von Literatur und Filmen zum Thema Alkoholabhängigkeit" am Schluss dieses Buches aufgeführt wird.

Anschaulich und unprätentiös schildert Andrea Noack ihren Klinikaufenthalt, erzählt von sich und ihren Mitpatienten, klärt darüber auf, was unter Suchtdruck zu verstehen ist und macht klar, wie der Bestie Sucht begegnet werden soll: "Die einzige Möglichkeit, der Bestie beizukommen, ist Abstinenz. Konsequente, dauerhafte, hundertprozentige Abstinenz." Genau so isses!

In Gesprächen mit ihrer Therapeutin findet sie heraus, dass es in ihrer Biografie einen guten Grund für ihre Alkoholabhängigkeit gibt. "Diesen Grund herauszufinden und zu verarbeiten, ist das Ziel jeder Suchttherapie. Denn sonst kann Abstinenz auf Dauer nicht gelungen", lese ich im Klappentext. Ich teile zwar diese Auffassung nicht (keinem Grund wohnt eine zwingende Folgerichtigkeit inne: der Grund fürs Saufen kann genau so gut der Grund fürs Aufhören sein), doch wenn dieser Ansatz für Andrea Noack funktioniert, gibt es dagegen keinen vernünftigen Einwand. Whatever works. 

Nichtsdestotrotz: Weder für Alkoholabhängigkeit noch für Abstinenz braucht es einen erkennbaren Grund. Nach Gründen zu suchen ist selten mehr als eine Rechtfertigung für die therapeutische Tätigkeit (und den Lohn dafür). Gründe gehen dem Handeln nicht voran, Gründe werden vom Hirn nachgeliefert.

Gestaunt habe ich, dass Andrea offenbar während Jahren eine Psychoanalyse machte. War denn ihre Trinkerei da kein Thema? Es gibt Analytiker, denen ist die Sucht ihrer Patienten nicht zentral (sie befassen sich lieber mit anderen Störungen), es gibt auch Psychiater, die bemerken sie nicht einmal.

In der Klinik hat sie auch Bekanntschaft mit den Anonymen Alkoholikern und den Guttemplern gemacht, sich dann aber für eine freie Selbsthilfegruppe entschieden, die von Ehemaligen aus dem AKH ins Leben gerufen worden war. Wie alle, die an solchen Treffen teilnehmen, vergleicht sie  sich mit den anderen (So schlimm wie bei dem ist es bei mir definitiv nicht etc. etc.) und fragt sich, ob sie wirklich für immer auf Alkohol verzichten muss. Wie alle Alkis glaubt auch sie, sie sei eine Ausnahme und ist die Regel.

Die Bestie schläft (ein überaus treffender Titel, der deutlich macht, dass es keine Heilung von der Sucht gibt) liefert auch Einblicke in den Alltag von Werbeagenturen und der sieht genauso aus, wie ich ihn mir vorgestellt habe – eitel, hohl, chaotisch und unprofessionell. Wobei die Kunden der Agenturen auch nicht anders sind. 

 Sie hat einen Rückfall. Und noch einen. Und noch einen. Und noch einen. Jeder wird ausführlich geschildert, spannend liest sich das nicht, doch eine Sucht ist selten spannend.

Sie erhält die Diagnose manisch-depressiv/bipolar, leidet zudem an einer Neigung zur Zwangserkrankung sowie an einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Sie macht erneut einen Entzug, dieses Mal in einer Reha. Eindrücklich schildert sie, was unter Suchtdruck zu leiden heisst, macht gute Erfahrungen mit der EMDR-Behandlung und Psychopharmaka (den für sie richtigen). Sie ist seit mittlerweile acht Jahren trocken. Und raucht auch nicht mehr.

Die Bestie schläft erzählt eine gänzlich alltägliche, ziemlich banale und recht "normale" Geschichte. Und ist genau deswegen zu empfehlen.

Andrea Noack
Die Bestie schläft
Meine Alkoholsucht und wie ich sie überwand
Karl Blessing Verlag, München 2019

Mittwoch, 30. Oktober 2019

Not About Being Right

Recovery is not about being right; it's about allowing ourselves to be who we are and accepting others as they are.

That concept can be difficult for many of us if we have lived in systems that functioned on the "right wrong" justice scale. The person who was right was okay; the person who was wrong was shamed. All value and worth may have depended on being right; to be wrong meant annihilation of self and self-esteem.

In recovery, we are learning how to strive for love in our relationships, not superiority. Yes, we may need to make decisions about people's behavior from time to time. If someone is hurting us, we need to stand up for ourselves. We have a responsibility to set boundaries and take care of ourselves. But we do not need to justify taking care of ourselves by condemning someone else. We can avoid the trap of focusing on others instead of ourselves.

In recovery, we are learning that what we do needs to be right only for us. What others do is their business and needs to be right only for them. It's tempting to rest in the superiority of being right and in analyzing other people's motives and actions, but it's more rewarding to look deeper.

Mittwoch, 16. Oktober 2019

Tod auf Rezept

2018 starben in den USA täglich rund 250 Menschen an hochwirksamen und süchtig machenden Schmerzmitteln (Opioiden), die sie etwa nach einer Operation oder einer Sportverletzung von Ärzten verschrieben bekamen. Die Pharmakonzerne spielten die Risiken einer Sucht herunter, sie tun das nach wie vor. Die Journalistin Beth Macy ist der Opioidepidemie nachgegangen, hat mit Betroffenen und Hinterbliebenen gesprochen und mit Dopesick – Wie Ärzte und die Pharmaindustrie uns süchtig machen einen eindringlichen (und hoffentlich aufrüttelnden) Bericht geschrieben.

Dopesick ist ein Textbuchbeispiel für gelungenen Journalismus nordamerikanischer Ausprägung, also eine spannend erzählte, aufklärende, detailreiche Geschichte. Typisch nordamerikanisch meint in diesem Zusammenhang, dass es sich um eine ungeheure Fleissarbeit handelt, das puritanische Erbe zeigt sich selten überzeugender als im fleissigen Wollen. Daraus resultieren in diesem Buch viele verblüffende Erkenntnisse.

"Bisher haben sich neue Drogen immer von den grossen Städten nach und nach ins Umland ausgebreitet, wie beispielsweise Kokain und Crack. Bei der Opiodepidemie lief es jedoch genau umgekehrt, ihre Ausgangsbasis waren die isolierte Appalachen-Region, Bezirke im sogenannten Rust Belt des Mittleren Westens und das ländliche Maine. Arbeiterfamilien, deren Lebensunterhalt traditionell von Hochrisikobranchen wie dem Kohlebergbau - im Südwesten Virginias, den Stahlwerken im Westen Pennsylvanias und der Holzindustrie in Maine abhing, waren nicht nur die ersten Opfer des Opioidmissbrauchs, sie lebten auch noch in Gegenden, Tälern, Orten und Fischerdörfern, die als politisch irrelevant galten und von denen aus Therapieangebote nur durch stundenlange Fahrten zu erreichen waren." Mit anderen Worten: Ideale Bedingungen für eine Katastrophe – die dann auch  prompt eintraf.

Dopesick ist ganz vieles in einem, doch vor allem ist es eine Geschichte der Gier und ihrer Auswirkungen. Eindrücklich zeigt Beth Macy, wie krank der florierende Kapitalismus ist, der im Dienste des Profits keine Grenzen kennt. Konkret: Die FDA (Food and Drug Administration) erlaubte Fernsehwerbung für Medikamente, die nicht unter die Betäubungsmittel fallen. Die Werbeausgaben stiegen sprunghaft an, genauso wie die Gratisproben und andere Gratisgaben an Ärzte. Die Abhängigkeit von den Schmerzmitteln nahm zu, die Kriminalität ebenso, die Zahl der tödlichen OxyContin-Überdosen begann die durch Kokain und Heroin verursachten Todesfälle zu überschreiten.

Apropos die Kriminalität nahm zu. "Als die Metallpreise stiegen, hatte es Sheriff Parsons mit Dieben zu tun, die von der Friedhofsvase aus Kupfer bis zu den Drähten eines Telefonmastes, den Drogensüchtige umgeworfen hatten, alles mitgehen liessen, was sie in die Finger bekamen." Der Sohn eines Pastors klaute seinem Vater die Waffe und machte sie ihm Pfandhaus zu Geld. Am Rande: dass in Nordamerika Pastoren Waffen zu Hause haben, war mir neu.

Einige Ärzte mucken auf, greifen Purdue, den OxyContin-Hersteller, unter anderem wegen der Werbegeschenke an. Haddox, dessen medizinischer Leiter, verteidigt sich. "Andere Pharmaunternehmen machen das doch auch nicht anders", wandte Haddox ein. "Aber wegen Blutdrucksenkern beklauen die Leute nicht ihre Familien oder brechen beim Nachbarn ein", erwiderte (der Arzt) van Zee.

Die Toten häufen sich, der Widerstand nimmt zu, es kommt zu Gerichtsverfahren, Purdue hat im September 2019 Konkurs angemeldet.

So sehr Dopesick ein Buch darüber ist, was die Sucht mit Menschen macht, so sehr geht es auch weit darüber hinaus, zeigt also, wie alles letztlich mit allem zusammenhängt. Es macht unter anderem deutlich, dass der investigative Journalismus nach wie vor einiges bewirkt und belegt mit konkreten Beispielen, dass, entgegen der politischen Parteien-Propaganda, mit Geld in den USA auch die Justiz zu kaufen ist (und dass das Gegenteil manchmal genauso wahr ist).

 Fazit: Vielfältige, überzeugende und notwendige Aufklärung.

Beth Macy
Dopesick
Wie Ärzte und die Pharmaindustrie
uns süchtig machen
Heyne Hardcore, München 2019

Mittwoch, 2. Oktober 2019

Unsere ichbezogene Perspektive

Dass wir inmitten von Millionen Menschen leben, bleibt eine abgedroschene, aussagelose Tatsache, die unsere alltägliche, ichbezogene Perspektive nicht in Frage zu stellen vermag. Es sei denn, unser Blick fällt etwa auf einen Stapel von zehntausend Sandwiches mit Schinken und Senf, alle aus gleich aussehendem, makellosem, baumwollweissem Brot und in identische Plastikhüllen verschweisst, hergestellt in einer Fabrik in Hull. Sandwiches, die eine Vielzahl schier unfassbar unterschiedlicher Mitbürger in den nächsten zwei Tagen essen werden und für die nun – dank der Sandwiches – in unserer inwendig gerichteten Phantasie schlagartig Platz eingeräumt wird.

Alain de Botton: Freuden und Mühen der Arbeit

Mittwoch, 18. September 2019

Die Kunst, bei sich zu bleiben

Anselm Grün sei Deutschlands bekanntester Benediktiner-Mönch und erreiche mit seinen Büchern und Vorträgen ein Millionenpublikum, lässt der Verlag wissen. Die Publikationsliste des 1945 geborenen Mannes ist in der Tat imposant, Träger des Bundesverdienstkreuzes ist er auch noch, und ich frage mich, was so ein umtriebiger Mann (gibt es eigentlich einen Gedanken, den er noch nicht publiziert hat?) über die Mönche, die sich Ende des dritten Jahrhunderts in die Wüste zurückgezogen hatten, eigentlich wissen kann. Mit anderen Worten: Die Öffentlichkeit suchen (Anselm Grün) und sich in die Wüste zurückzuziehen (die Wüstenväter) schliessen sich doch eigentlich aus, oder vielleicht doch nicht?

Das Ziel der Wüstenväter, so Grün, sei gewesen, "ganz und gar vom Geist Jesu Christi erfüllt zu werden und in seiner Seele auf Gott ausgerichtet zu sein und schliesslich mit ihm eins zu werden. Es war letztlich ein mystischer Weg, ein Weg des Einswerdens mit Gott. Aber der Weg zur mystischen Erfahrung ging sehr konkret über die Handarbeit, das Fasten, das Schweigen, den Verzicht zu bewerten und andere zu belehren."

Es findet sich viel Hilfreiches in diesem Buch, allerdings kaum etwas, das ich in anderen, der Spiritualität und Gott verpflichteten Büchern nicht auch schon gelesen habe. Das Heil liegt im richtigen Üben des Richtigen. Und was ist dieses Richtige? Die bedingungslose Liebe Gottes zu erfahren, sofern man Anselm Grün folgt. Was aber, wenn  einem die "Sehnsucht nach einem authentischen christlichen Leben, das ganz und gar vom Geist Jesu geprägt ist und nicht von der Anpassung an den Zeitgeist" abgeht? Ja, wenn man  (jedenfalls den von kirchlichen Institutionen vertretenen) Gott für eine Erfindung der Menschen hält?

Auch dann sind die Ausführungen der Wüstenväter hilfreich. Weil uns Not tut, immer wieder daran erinnert zu werden, worum es im Leben gehen sollte/könnte/müsste. Etwa um Selbsterkenntnis. "Viele sind auf der Flucht vor sich selbst und kommen deshalb nicht zur Ruhe. Sie haben Angst, das Chaos im eigenen Herzen anzuschauen. Und so müssen sie ständig vor sich davonlaufen." Nichts, dass mir mehr einleuchtet als die Forderung, sich zu konfrontieren, mit dem Leben, dem Tod, dem Universum und sich selbst.

Dann allerdings lese ich: "Ein Weg zur Ruhe ist der Verzicht auf das Richten." Mir ist das zu idealistisch, zu lebensfremd.Wie soll das bloss gehen? Ich mag gewisse Leute nicht und natürlich gibt es auch welche, die mich nicht mögen. Ich urteile, richte, bewerte automatisch alles und jedes, und jede und jeden. Weshalb sollte das ein Problem sein? Jedenfalls dann nicht, wenn ich meine eigenen Bewertungen nicht allzu ernst nehme. Überdies finde ich ohne Urteile zu leben auch gar nicht wünschenswert. Ich zum Beispiel finde, die gegenwärtige nordamerikanische Regierung gehöre hinter Schloss und Riegel.weil sie das Primitivste im Menschen fördert.

"Askese heisst Übung, Training. Die Mönche verstanden sich als Sportler Gottes, die sich in die innere Freiheit eintrainierten. Die Askese war die Einübung in die inneren Haltungen, die die Mönchen bei Jesus Christus als den Weg zur wahren Weisheit erkannten. Sie wollten in ihrem täglichen Übungsprogramm freier werden von Abhängigkeiten." Das war mir gänzlich neu, so hatte ich die Askese noch gar nie gesehen. "Und wie ein Sportler enthaltsam ist, um grössere Leistungen zu erzielen, so verstanden sie den Verzicht auf Ehe, auf ausreichende Nahrung und auf Besitz als Weg, ein besserer Athlet zu werden, der die Feinde der Seele erfolgreich bekämpfen und mit den Dämonen siegreich ringen kann."

Doch wie kämpft man gegen die vielen, einen ständig bedrängenden Gedanken? Indem man praktisch-konkret beginnt. "Bekämpfe nicht alle zugleich, sondern nur einen. All die Gedanken, die ein Mönche haben kann, stammen aus einer einzigen Quelle. Du musst herausfinden, welche Quelle das ist und dich mit ihr vertraut machen. Daraus musst du deinen Blick richten. Denn dadurch kannst du auch alle anderen Gedanken besiegen."

Ein Buch, das hilft, sich auf Wesentliches zu besinnen.

Anselm Grün
Die Kunst, bei sich zu bleiben
Was wir von weisen Mönchen lernen können
Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2019

Mittwoch, 4. September 2019

The Turning Point

The turning point in any healing of alcoholics or drug addicts is when they admit their illness and ask for aid. In one way or another, we are all addicts of samsara; the moment when help can come to us is when we admit our addiction and simply ask.

Sogyal Rinpoche
The Tibetan Book of Living and Dying