Mittwoch, 17. Februar 2016

Wie wir uns kaputtpsychologisieren

Burkhard Voss ist Facharzt für Neurologie und Psychiatrie und bezeichnet sein eigenes Schreiben als "scharf formulierte Kritik an der Psychotherapie sowie an den Krankheitserfindern". Einige seiner Schlussfolgerungen ("Wer nicht reflektiert, ist klar im Vorteil") sind allerdings von einer Simplizität, die einen schaudern lassen.

Wolfgang Clement schreibt im Vorwort: "Man muss nicht alle Positionen des Autors teilen – das tue ich auch nicht – aber seine entschiedene und auch erfrischende Kritik an einer leichtfertigen Übernahme von Trends und Zeitgeistverirrungen kann die öffentliche Diskussion bereichern."

Einer dieser Zeitgeisttrends besteht darin, dass für alles und jedes psychologische Betreuung angeboten wird. Keine Naturkatastrophe, keine Entführung, kein Unfall etc., ohne dass uns die Medien wissen lassen, ein Care-Team sei vor Ort. Was dieses dann genau macht (ausser, wie die Medien, den Rettungskräften im Weg stehen), erfährt man dann allerdings nicht.

Aus Untersuchungen zu 9/11 wissen wir, dass die Angehörigen der Opfer, die damals keine psychologische Hilfe in Anspruch genommen haben, am besten mit dem Verlust umgehen konnten.

Burkhard Voss orientiert sich an der Wissenschaft. Die über 190 Gender-Professuren in den geisteswissenschaftlichen Bereichen an deutschen Unis und Fachhochschulen hält er für Pseudowissenschaft. Ich selber wüsste nicht einmal zu sagen, was an den Geistes- oder den Rechtswissenschaften wissenschaftlich sein könnte.

Von der Psychoanalyse und der postmodernen Philosophie ("hat sich verabschiedet von Empirie und Fakten") hält Burkhard Voss auch nichts. Und von der politischen Korrektheit, gemäss der (unter anderem) das angeblich diskriminierende Wort "Behinderte" durch "Menschen mit besonderen Eigenschaften" ersetzt werden soll, überhaupt gar nichts.

Laut dem Autor bilden Psychoanalyse, postmoderne Philosophie und Gender-Mainstreaming die drei Säulen der Reflexivkultur, die er als "uferlos" bezeichnet. "Das Ergebnis sind überdrehte Zeitgenossen, die mit ihrem ständigen Psychologisieren und Problematisieren nicht nur nervtötend sind, sondern auch wichtige Entscheidungen blockieren. Ob im privaten Umfeld oder in der Politik: Eigene Befindlichkeit geht vor Gemeinwohl, Subjektives sticht Tatsachen, Wohlfühl-Diktat schränkt individuelle Freiheit ein."

Gegen die von ihm so genannte Reflexivkultur schreibt Burkhard Voss nicht nur an, sie inspiriert ihn auch. Zur Vorstellung etwa, dass "ein Klassenausflug im Jahre 2022 nur unter Hinzuziehung eines Traumatherapeuten für den betreuenden Lehrer durchführbar" sein wird.

So pauschal und effekthascherisch (aber eben auch witzig) der Autor durch die Gegend wütet, er kann auch anders, nüchtern und ernsthaft. Es wäre "irrsinnig zu behaupten, dass alle Organe und Organsysteme des Menschen prinzipiell erkranken können, aber das komplexeste Organ, das Gehirn, gerade nicht. Natürlich gibt es psychische Erkrankungen. Diese werden in den letzten Jahren deutlich mehr diagnostiziert, sie treten nicht tatsächlich mehr auf. Das muss man auseinanderhalten."

Voss zitiert Paul Watzlawik, Ernst Jünger, Konfuzius und Freud, erinnert an den Fall des Binjamin Wilkomirski, dessen posttraumatische Konzentrationslager-Kindheitserinnerungen erfunden waren, ereifert sich über Achtsamkeitsgetue (Israelische Kardiologen fanden heraus, dass die Nicht-Achtsamen länger leben) und über "dauerreflexive Gutmenschen."

Was er nicht erwähnt (oder habe ich es überlesen?): Wir verdanken diese Entwicklung zur Therapie-, Betreuung- und Beratungsgesellschaft nicht in erster Linie den Hilfe- und Ratsuchenden, sondern den Psychiatern, Psychologen und Sozialarbeitern, die grosses Interesse an solchen (und noch viel mehr) Problemen haben. Weil sie damit Arbeit haben. Und gut davon leben können. 

Burkhard Voss plädiert für das rechte Mass. Dass er das ohne Mass tut, soll ihm nachgesehen werden. Weil die Stossrichtung stimmt. Und auch solcher Sätze wegen: "Stress ist die anthropologische Zumutung schlechthin. Was sind dagegen schon Seuchen, Kriege und Naturkatastrophen."

Burkhard Voss
Deutschland auf dem Weg in die Anstalt
Wie Wir Uns Kaputtpsychologisieren
Solibro Verlag, Münster 2015

Mittwoch, 10. Februar 2016

Die Kunst Haltung zu zeigen

Demut, Mitgefühl sowie die ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst sind unabdingbar für die Charakterbildung, doch in unserer Kultur werden sie nicht gefördert. Stattdessen wird uns beigebracht, "wie man sich selbst vermarktet und anpreist und die für den beruflichen Erfolg notwendigen Kompetenzen aneignet." Das führt dazu, dass wir keinen inneren Kompass entwickeln, der uns sagt, was für uns richtig und was falsch ist. Und so werden wir im Übermass abhängig davon, was andere über uns denken.

In David Brooks Charakter. Die Kunst Haltung zu zeigen geht es um die Frage, "wie es einigen Menschen gelungen ist, einen starken Charakter zu entwickeln. Es geht um eine geistige Haltung, die sich Menschen durch die Jahrhunderte hindurch zu eigen gemacht haben, um ihren inneren Wesenskern zu härten und Herzensweisheit zu erlangen." 

Wir leben in egomanischen Zeiten. 1950 fragte das Meinungsforschungsinstitut Gallup Highschool-Zwölftklässler, ob sie sich für eine sehr wichtige Person hielten. 12 Prozent antworteten mit Ja. 2005 waren es 80 Prozent.

In uns hineinzuhören, nachzudenken, unseren Leidenschaften zu folgen und unseren Gefühlen zu vertrauen, scheint uns nicht nur sinnvoll, sondern natürlich. Sich zu fragen, was man vom Leben will, was wichtige Lebensziele sein sollen, ist uns selbstverständlich. Und könnte irriger nicht sein, denn das Leben lässt sich nicht wie ein Business-Plan organisieren.

Realistischer wäre, sich umgekehrt zu fragen: Was will das Leben von mir? Welche Handlungsweise verlangen meine Lebensumstände von mir? "Nach dieser Sichtweise sind wir nicht die Schöpfer unseres Lebens, vielmehr nimmt uns das Leben selbst in die Pflicht. Die wichtigen  Antworten finden wir nicht in  uns, sondern um uns herum."

Der jüdische Psychiater Viktor E. Frankl wurde 1942 von den Nazis verhaftet und landete in verschiedenen Konzentrationslagern, wo er zum Verlegen von Bahngeleisen abkommandiert wurde. "Dies war nicht das Leben, das er für sich selbst geplant hatte. Dies war nicht seine Leidenschaft oder sein Traum. Wenn es nach ihm und seinen Wünschen gegangen wäre, hätte er dies nicht getan. Aber das war nun einmal seine Aufgabe, die ihm das Schicksal zugewiesen hatte. Und er begriff: Was für eine Art Mensch er werden würde, hing von der inneren Entscheidung ab, die er als Reaktion auf diese Umstände träfe."

Frankl nahm sein Schicksal an. Da er die äusseren Zustände nicht kontrollieren konnte, bemühte er sich, nicht zum Opfer seiner Gefühle zu werden, seine seelische Verfassung zu disziplinieren. Und er fragte sich, was ihn seine Situation über das Leben lehren könne: "Verantwortung tragen für die rechte Beantwortung der Lebensfragen, für die Erfüllung der Aufgaben, die jedem Einzelnen das Leben stellt".

David Brooks porträtiert in seinem Buch Menschen, für die nicht die Selbstverwirklichung im Zentrum stand und die deshalb viel in der Welt bewirken konnten. Das meint nicht, dass sie sich selbst entfremdet waren, sondern dass sie nicht dem Ethos der Authentizität huldigten.

Der Philosoph Charles Taylor hat von einer eigentlichen "Kultur der Authentizität gesprochen. "Diese Einstellung basiert auf der romantischen Vorstellung, dass jeder von uns im Kern seines Selbst eine Goldene Figur birgt ... Nach dieser Anschauung kann man dem Selbst vertrauen und sollte ihm nicht misstrauen ... Wir wissen, dass wir das Richtige tun, wenn wir uns innerlich gut fühlen."

Anhand der unterschiedlichsten Biografien (von Augustinus bis zu Georg Eliot) meditiert Brooks über die Werte, die unser Leben prägen und plädiert für eine grundsätzlich andere Ethik als die herrschende Ego-Sicht, die Verhalten belohnt, das zum Erfolg führt, Kalkül und Eigennutz befördert.

Hätten wir die Wahl zwischen Wohlbehagen und Bequemlichkeit (von den Ökonomen Eigennutz, von  den Psychologen Zufriedenheit genannt) einerseits und Leiden andererseits, würden wir wohl kaum das Leiden wählen. So einleuchtend uns dies auch scheinen mag, es ist beim genauen Hinsehen verblüffend, denn durch Leiden entwickeln wir uns. "Wenn wir uns an die entscheidenden Ereignisse erinnern, die unsere Persönlichkeit formten, sind dies in der Regel keine 'Glücksmomente'. Am prägendsten scheinen vielmehr die leidvollen Erfahrungen zu sein. Die meisten Menschen greifen nach dem Glück, haben aber das Gefühl durch Leiden geformt zu sein."

Der Mensch ist nicht nur ein widersprüchliches, sondern auch ein sehr sonderbares Wesen. "Er kann seinen eigenen Willen nicht in die Tat umsetzen, er kennt seine langfristigen Interessen, hat es aber auf kurzfristigen Lustgewinn abgesehen, und er gibt sich redlich Mühe, sein Leben zu verpfuschen", wie bereits Augustinus erkannte.

Was also ist zu tun? Wir müssen lernen, ins Gleichgewicht zu kommen, indem "wir uns, zumindest teilweise, der vorherrschenden Kultur widersetzen", so David Brooks. Also nicht selbstsüchtig, sondern moralisch leben. "Moralisch gute Handlungen erfüllen uns mit einer Freude, die alle anderen Freuden kümmerlich und leicht entbehrlich erscheinen lässt."

David Brooks
Charakter
Die Kunst Haltung zu zeigen
Kösel Verlag, München 2015

Mittwoch, 3. Februar 2016

Slowing the Heartbeat & Stilling the Mind

As Eastern meditations such as Zen became a fad, Vonnegut maintained that we had our own Western method of achieving the same results of slowing the heartbeat and stilling the mind; it was called "reading short stories".

Dan Wakefield in his introduction to
Kurt Vonnegut's "If This Isn't Nice, What Is?"
Seven Stories Press, New York - Oakland

Mittwoch, 27. Januar 2016

Start by doing what's necessary

Start by doing what's necessary;
then do what's possible;
and suddenly you are doing the impossible.

Francis of Assisi

Mittwoch, 20. Januar 2016

Não querem partir

A beleza é a face visível de Deus. Menino, o mundo me era divino e sem deuses. Talvez seja essa a razão por que Jesus disse que era preciso que nos tornássemos crianças de novo, para ver o paraíso espalhado pela terra ... nunca fui atraído pelas propaladas delícias do céu. Para dizer a verdade, não conheço nem uma pessoa que esteja ansiosa por deixar as pequenas alegrias desta vida para gozar eternamente a felicidade perfeita celestial. As pessoas religiosas que conheço cuidam bem da saúde, caminham, fazem hidroginástica, controlam o colesterol, a pressão, a glicemia ... Elas querem continuar por aqui. Não querem partir.

Rubem Alves
Se eu pudesse vivir minha vida novamente ...

Mittwoch, 13. Januar 2016

Alternatives to AA

It may seem like I’m anti-AA. That’s not true. I prefer to consider myself pro-choice when it comes to treating alcoholism. I owe my life to AA, but that puts me in a very small and very lucky minority. What so many alcoholics don’t know is that there are other options when it comes to treatment. I don’t regret joining AA, but 14 years of it, I now believe, may have been unnecessary. We need to look at why, when our fellowship’s success rate is apparently so low, it still dominates the public discourse on alcoholism and recovery.
The media’s near universal uncritical endorsement of AA may be a factor in this, although things are gradually beginning to change thanks to the power of the internet. It’s never been so easy for people with shared interests to connect, and many bloggers and online activists are working to promote progressive secular options in recovery. I’d encourage anyone with an alcohol problem to try AA, but also to spend time researching the secular alternatives.
For more, see here

Mittwoch, 6. Januar 2016

The Sober Truth

"Although the fledgling organization lacked any scientific backing, research or clinical experience to support its method, AA spread like wildwire through a country desperate for hope at the end of Prohibition and in the midst of the Great Depression. It soon became immaterial whether AA worked well or worked at all: it had claimed its place as the last best hope for beating the mighty specter of addiction. It had become the indispensable treatment, the sine qua non of addiction recovery in the United States. And science looked away."

In AA meetings, the following passage is often read aloud:
"Rarely have we see a person fail who has thoroughly followed our path. Those who do not recover are people who cannot or will not completely give themselves to this simple programme, usually men and women who are constitutionally incapable of being honest with themselves. There are such unfortunates. They are not at fault, they seem to have been born that way. They are naturally incapable of grasping and developing a manner of living which demands rigorous honesty. Their chances are less than average. There are those, too, who suffer from grave emotional and mental disorders, but many of them do recover if they have the capacity to be honest."

"In other words, the program doesn’t fail; you fail", comments Lance Dodes. And, he adds: "In professional medicine, if a treatment doesn’t work, it’s the treatment that must be scrutinized, not the patient. Not so for Alcoholics Anonymous." Pretty devastating, isn't it?!

What Mr. Dodes, MD, implicitly means but does not say is: professional medicine is much better suited to treat addiction than some anonymous guys and girls without proper scientific training. In other words: he argues for his own scientific training in which he obviously believes. I must say that I do find his belief in science rather alarming. When it comes to addiction, that is. Differently put: science is based on a cause-and-effect logic and addiction, in my view (we are dealing here with the unconscious), defies such logic.

Nevertheless, in many respects I consider The Sober Truth spot on. True, it cannot be proven that AA works. True, for quite some it does clearly not work.

There are however also the ones who are for years in AA, who do not drink and who are convinced that AA keeps them sober. Can they prove it that it is because of AA that they are staying sober? Of course not. And, why should they? Isn't it enough that before they joined AA they drank and after they joined AA they didn't?

There is no way to prove that the 12 steps cause drunks to stop drinking. Maybe they had anyway been ready to quit, maybe they simply like to hang out with other alcoholics who do not drink anymore, maybe they had experienced what is known as spontaneous remission and erroneously attributed it to the 12 steps?

If you happen to believe in the 12 steps, the 12 steps might be helpful. If you happen to believe in psychotherapy, psychotherapy might be helpful. Young Dominic, for instance, for whom AA didn't work was eventually being helped by Dr Dodes. "It took eight months of psychotherapy before Dominic stopped drinking for good. Although he remained in therapy for several years after that, the key that unlocked his addiction was nothing more complex or ethereal than an understanding of what his addiction really was and how it really worked."

Debunking the bad science behind 12-step programs and the rehab industry promises the subtitle and does indeed live up to it yet, in regards to the 12-steps, misses (to be fair: Dodes mentions it) the point for, at least to my knowledge, nobody has ever claimed that there is scientific proof that the steps work. Moreover, it is not needed for the ones who practise the AA principles and stay sober. As I've stated before, for the ones who could not stay stopped before they joined AA but were able to stay stopped after they joined it is pretty obvious that being sober has something to do with AA.

Mr Dodes also addresses what he calls "The Myths of AA". For instance: "One Day at a Time" that he judges as "also rather infantilizing, as it suggests that addicts cannot bear the burden of considering weeks or months without addiction." Well, "One Day at a Time" suggests something completely different, namely, that the best preparation for things to come is to take care of the things in front of us.

Lance Dodes also explains what in his opinion does work to treat addiction. He doesn't think that alcoholism is a disease but "a behavior, or perhaps a collection of behaviors". To him, addictive behavior is "a response to feelings of overwhelming helplessness. It's what people do to 'fight back' against this unbearable feeling" and so "every addictive act is a substitute for a more direct behavior". In addition: "Although different 'addictions' may appear to be wholly separate problems, they are, in fact, just different outward manifestations of the same mechanism."

As much as I do agree on this, I think Dr Dodes conclusion to be mistaken. "Programs that apply community-based encouragement and little or no individualized care are poorly designed to treat emotional symptoms, including addictive behaviors." To me, addiction is basically an ego-problem, a phenomenon of "self-will run riot". And so, nurturing the ego (and this is what individualized-care is also about) shouldn't be encouraged. At the same time (I do have no problems with contradictions, they only exist in the mind) there clearly are situations in which the ego should indeed be encouraged, constructively, that is.

The Sober Truth provides lots of food for thought. And, since I'm a fan of the "whatever works"-approach, this is a most helpful book.

Lance Dodes, MD
and Zachary Dodes
The Sober Truth
Beacon Press, Boston 2014