In unseren egomanischen Zeiten, in denen ein zum Präsident gewählter alter Mann alles ausschliesslich auf sich bezieht, ist die Auseinandersetzung mit der vorliegenden Schrift von Ulrich Steinvorth, geb. 1941, emeritierte Professor für Praktische Philosophie an der Universität Hamburg, überaus willkommen, weil da unter anderem auch auf Platons Ideen Bezug genommen wird, denen wir "ein erfahrungsunabhängiges Wissen von Tugenden und mathematischen Gegenständen" verdanken.
Aus der Wertneutralität folgt nicht, dass die Welt bedeutungslos ist. So sprach etwa Aristoteles "allen Dingen tele zu, naturgegebene Ziele, denen sie notwendig folgen." Sehr schön zeigt Autor Steinvorth auf, wie sowohl Platon als auch Aristoteles ihrer Zeit und deren Vorstellungen verhaftet sind, mithin an Götter glauben, die für das Gute bzw. Vollkommene stehen.
Spannend an dieser kurzen historischen Einführung, die auch für Laien verständlich geschrieben ist, sind insbesondere die Bezugnahmen zur Wissenschaft. Dass die Natur, weil sinnvoll, göttlichen Ursprungs sei, wird auch von Wissenschaftlern behauptet. Ulrich Steinvorth sieht das anders. "Die Natur ist auch ohne Schöpfer sinnvoll."
Zu den Fragen, mit denen sich der Autor intensiv auseinandersetzt, gehört die Willensfreiheit. Er lehnt die deterministische Sicht ab, führt den Trotz an, der nicht als vorgegebene Reaktion angesehen werden könne. Auch die Moral kommt nicht zu kurz – Kant nennt Willensfreiheit ohne Moralität Willkür –, wobei Professor Steinvorth darauf hinweist, dass im Konfliktfall die Frage nach dem Sinn hinter die Moral zurücktritt, "weil die Moral der Erhaltung eines überlebenswerten Lebens dient." Es ist unser Lebenswille, der uns am Leben hält. Und diesem ist alles untergeordnet, was nur schon deswegen einleuchtet, da sich alle Fragen erübrigen, wenn man nicht mehr am Leben ist.
Was Philosophie war, ist und sein kann zeigt dieses Werk auf originelle Art und Weise. "Die Wissenschaft unterscheidet sich von der Theologie dadurch, dass sie Sinn und Absicht als immanent ansieht." Die Seinsfrage wurde im 17. Jahrhundert zur Domäne der Wissenschaft, die Sinnfrage wurde der Philosophie überlassen, die sie jedoch dem Glauben zuwies. Dann merkte man, dass diese Zuteilung zu einfach war. "Denn die Wissenschaft konnte die Seinsfrage und der Glaube die Sinnfrage nicht vollständig beantworten."
Dazu kam die Frage, wozu die Philosophie denn eigentlich noch gut sein sollte bzw. was ihre Aufgabe war? Mit "Wie die Philosophie ihre Aufgabe der Sinnklärung lösen könnte" ist ein Kapitel überschrieben, worin Ulrich Steinvorth dafür plädiert, dass etwas "um seiner willen getan oder erlebt werden" muss, damit Sinn erfahren werden könne. Es lohnt sich, bei diesem Gedanken zu verweilen, auch weil ein solches Verweilen als sinnvoll erlebt werden kann.
Was Philosophie war, ist und sein kann ist ein vielfältig anregendes Werk, das gelegentlich auch meinen Widerspruch hervorrief, wenn etwa Donald Trump oder Wladimir Putin als Ideologen bezeichnet werden, was ja impliziert, dass sie wissen, was sie tun. Nur ist es eben so, dass die meisten Menschen nicht wissen, warum sie tun, was sie tun, und Psychopathen schon gar nicht (was ihr Verhalten keineswegs entschuldigt oder gar rechtfertigt). Auch ist der Untertitel, Eine kurze historische Einführung, insofern etwas irreführend, als Autor Steinvorth viel mehr (und anderes) vorlegt, und in erster Linie zeigt, dass und wie zu philosophieren hilfreich und bereichernd ist, so man sich dabei auch mit den Erkenntnissen aus Physik und Psychologie etc. auseinandersetzt.
Ein Buchtitel (Was Philosophie war, ist und sein kann), der hält, was er verspricht. Eine Seltenheit!
Ulrich Steinvorth
Was Philosophie war, ist und sein kann
Eine kurze historische Einführung
Reclam, Dietzingen 2025