Sonntag, 4. Januar 2026

Heute Nicht!

Dieses Buch erzählt die Geschichte einer Verweigerung.

Hugo, der Protagonist, will sein Leben perfekt, scheitert jedoch daran, dass er selber alles andere als perfekt ist. Und so will er sich ändern, und perfekt werden, was allerdings nur an einem speziellen Tag geht. In Hugos Fall muss dieser Tag ein Montag sein.

Hugo ist klar, dass das nicht nur eine Marotte, sondern eine Obsession ist. Allerdings nicht die einzige. Und so geht er seine vielfältigen Obsessionen an, konfrontiert sich mit ihnen und versucht, sich ihrem Würgegriff zu entziehen. 

Die Geschichte spielt in der Zeit von Corona und Trump. In Gesprächen mit ganz unterschiedlichen Menschen kommen die heutige Unübersichtlichkeit genauso zur Sprache wie der politische Irrsinn, der uns als rationales Geschehen verkauft wird, die Einschalt-Klick-Medien wie auch Borderline, Fotografie und Sucht. Der rote Faden dabei ist Hugos Obsession, die insistiert, dass sein Leben erst dann anfängt, wenn er sich dazu bereit erklärt hat.

Heute Nicht! ist keine Geschichte mit Anfang, Mittelteil und Ende, vielmehr eine Zusammenstellung nützlicher und hilfreicher Gedanken, die sich genauso in launigen Bemerkungen, Zeitungsmeldungen, Gesprächen mit Freunden und Bekannten, Reiseepisoden, Fragen über Leben und Tod finden wie auch in Zitaten aus Büchern, auch längeren, sowie in humorvollen Anekdoten und alltagstauglichen Ratschlägen.

Hans Durrer

Heute Nicht!
Die Geschichte einer Obsession
Tredition, Ahrensburg 2025

Mittwoch, 31. Dezember 2025

Vom Schreiben

 Eines Tages wirst du das Buch schreiben, verstehst du? Aber du musst aufhören, dir Gedanken über seine Form oder über die Geschichte oder darüber zu machen, ob die Leute es lesen werden. Du musst einfach niederschreiben, was du weisst. Das ist das ganze Geheimnis – einfach alles, was du selbst erfahren hast. Und dann wird was dabei herauskommen – glaub mir, alles andere ist Schwindel. Jene glatten, sorgfältig geplanten Bücher, alles Schwindel, mindestens von deinem Standpunkt aus. Du gehörst zu der Art von Schriftstellern, die einfach mitten hineinspringen müssen, die versuchen müssen, zu fliegen oder zu kriechen oder zu singen, oder was weiss ich.

Peter Viertel: Weisser Jäger, schwarzes Herz

Sonntag, 28. Dezember 2025

I've come full circle

In my twenties, in the times of long hair and rock music, I had no doubt at all that the state, institutions as well as their represenatives had no clue at all about anything. To me, they not only lived on another planet, it was a planet I had no interest in.

That youthful arrogance vanished with age and the so-called necessities of life, I even started to become interested in politics, culture and the media that I then, strangely enough, did not equate with maintaining the status quo.

Now in my seventies, I realise that I've come full circle. It is nowadays beyond me how anyone can believe that people holding office or representing institutions have any clue what is going on. Once again, these people seem to me more than distant, I am not even willing to contemplate their talking points.

I've also come to realise that it wasn't youtful arrogance that made me think the way I do – rather it was the feeling that to live a life as a so-called valuable member of society was surely not a good way to live for, in my view, all these people were willing to adapt to a system I had no sympathy for.

"O heróico num ser humano é não pertencer a um rebanho" (The heroic thing about a human being is not to belong to a herd.), according to José Saramago. He is right, of course. How baffling, however, that the ones who make the herd a herd think of themselves as individuals.

Mittwoch, 24. Dezember 2025

Lightly my darling

Kyoto, Japan, 29 September 2025

It's dark because you are trying too hard. Lightly child, lightly. Learn to do everything lightly. Yes, feel lightly even though you're feeling deeply. Just lightly let things happen and lightly cope with them. Lightly, lightly – it's the best advice ever given me. So throw away your baggage and go forward. There are quicksands all about you, sucking at your feet, trying to suck you down into fear and self-pity and despair. That's why you must walk so lightly. Lightly my darling.

Aldous Huxley

Sonntag, 21. Dezember 2025

Geht ein Philosoph übers Wasser

Otto A. Böhmer, geboren 1949, ein geistreicher Fabulierer der Sonderklasse, gehört zu den wenigen Autoren, die mich alle paar Zeilen zum Lachen bringen (nur gerade zwei andere fallen mir ein: Nigel Barley und Hans Peter Duerr). Die Tatsache, dass mich ein Philosoph und zwei Ethnologen heiter zu stimmen vermögen, ist an sich schon bemerkenswert, zeichnet doch beide Professionen eine überaus ernste Bedeutungshuberei aus, die im wesentlichen darauf hinausläuft, das Leben als Denksportaufgabe und sich selber besonders wichtig zu nehmen.

Frohgestimmt nahm ich also das Buch zur Hand und war dann etwas irritiert, als ich bereits auf der ersten Seite auf Sätze stiess, die ich in bester Erinnerung habe (das ist selten genug; die meisten Bücher, auch wenn ich sie gerne gelesen habe, habe ich bereits nach wenigen Wochen fast vollständig vergessen). Nun gut, dass ein Vielschreiber wie Otto A. Böhmer sich bei sich selber bedient, soll ihm nachgesehen werden, denn auch beim wiederholten Lesen, haben sie nichts von ihrer Originalität verloren.

Über die masslos überteuerten Flughafenpreise haben sich vermutlich die meisten schon geärgert, doch ist die Absurdität der Ausbeutung unseres Konsums selten so auf den Punkt gebracht worden: "... nachdem er einen grosszügig überteuerten Tee getrunken hatte, in dem ein Beutel schwamm, der schon mehrfach benutzt worden war ..."

Der Protagonist dieses Romans, Professor Prenzlau, soll auf einem Kreuzfahrtschiff, "philosophisch beglaubigte Lebensweisheiten" ausgeben. Um zum Schiff zu gelangen, muss er allerdings zuerst einmal zur Anlegestelle kommen und zwar per Flugzeug, doch Fliegen ist auch nicht, was es einmal war, wie die Flugbegleiterin klarstellt. "Die goldenen Zeiten für Alkoholiker an Bord sind vorbei."

Auf dem Schiff wird Prenzlau dann von der Entertainment-Chefin Carla Mares begrüsst, schliesslich gehört Lebensberatung zur Unterhaltungssparte. Er fügt sich, obwohl er sich über vieles echauffieren kann, von Windrädern über den Islamischen Staat zur amerikanischen Nahost-Politik, doch für den Moment versagt er sich sogar, "einen kleinen bösen Gedankenmonolog zur Lage des Individuums im Grossen und Ganzen", da er sich einzugewöhnen hat.

Bei einer Lesung von Gerry Stubenrauch, dem Prenzlau nicht gerade zugetan ist, fallen dann Worte, die so recht eigentlich Geht ein Philosoph übers Wasser bestens charakterisieren: "leicht und heiter, still und traurig." Inklusive der Böhmer'schen Bodenhaftung: "wie dumm doch manche Leute waren, die sich für kritisch und aufgeklärt hielten".

Prenzlau leidet unter seinem Gewicht, wird auf See, ohne sein Dazutun, jedoch leichter, dafür ist er nicht mehr so konzentriert wie auch schon. "Sie (die Konzentration) ist jetzt anderweitig unterwegs." Eine pragmatische Philosophie, von Alltäglichkeiten informiert, und deswegen hilfreich, zeichnet dieses Buch aus, das auch die heutigen Aufgeregtheiten als wenig neu erkennt. "Man besprach Vermögensfragen, klagte über die Unsicherheit der Zeit und die allgemeine Orientierungslosigkeit ...".

Grossartig, die Schilderung des Taxifahrers bzw. des Busfahrers auf Lanzarote. Letzterer, erfährt man, kennt die Insel so gut, da er vermutlich "schon die ersten Vulkanausbrüche im September 1736 mitgemacht, sich alles gemerkt und danach beschlossen (hatte), Busfahrer zu werden."

Doch Otto A. Böhmer ist nicht nur ein begabter Betrachter der Absurditäten des menschlichen Dasein, er ist auch ein profunder Menschen- bzw. Goethe-Kenner, wie seine Ausführungen zu dem 25Jährigen Dichter, der nebenbei als Rechtsanwalt tätig ist, zeigen. Und er ist ein Intellektueller, der die Grenzen des Intellektes kennt. "Prenzlau war traurig. Intellektuelle Einwönde gegen ein solches Gefühl, das einfach da war und zu Herzen ging, standen ihm nicht zur Verfügung."

PS: Professor Prenzlau ist Mitglied der Schopenhauer-Gesellschaft, was unter anderem zur Folge hat, dass man einiges über Schopenhauer lernt. Etwa dass dieser "eher ein Mann des unnachgiebigen Monologs (war), als dass er auf Diskussionen aus gewesen wäre. In seinen Schriften steckt vielleicht auch gerade deswegen ein Quantum Weisheit, wie es die allermeisten seiner Kollegen nicht zusammenbekommen haben."

Otto A. Böhmer
Geht ein Philosoph übers Wasser
Roman
der blaue reiter, Hannover 2025

Mittwoch, 17. Dezember 2025

Veränderungen

 Wie war ich doch einst von allem, restlos allem, das ich mit Bildung assoziierte, begeistert. Das ging von Klöstern über Bibliotheken zu Buchhandlungen, von Universitäten über Schriftsteller zu Schauspielerinnen, vom Theater über den Film zum Briefmarkensammeln. Dass etwas, was auch nur irgendwie mit Kultur im Zusammenhang stand, aufbewahrt, studiert und gepflegt gehörte, war mir selbstverständlich.

Der Welt des Wissens begegnete ich mit Ehrfurcht, von gescheiten Menschen war ich beeindruckt. Die Angst, womöglich nicht zu genügen, begleitete mein Jusstudium. Dass ich es dann im Schnelldurchlauf hinter mich brachte, verwunderte mich mehr als es mich freute. 

Der Respekt vor akademischen Titeln und anderen sozialen Zuschreibungen verlor sich, als ich in späteren Jahren weitere Abschlüsse an ausländischen Universitäten erwarb. Dass Diplome von sogenannt renommierten Lehranstalten selten mehr als Bestätigungen des Angepasst-Seins waren, ernüchterte mich.

Die Hoffnung, dass Wissen einen erfüllen und befreien sollte, weigerte sich hartnäckig ihren Abschied zu nehmen. Nach wie vor suchte ich in Büchern und scharfsinnigen Auseinandersetzungen nach Antworten  auf die Rätsel des Lebens, obwohl es mich zunehmend nervte, Abhandlungen von mehreren hundert Seiten über einen einzigen Gedanken zu lesen. Die Erkenntnis von Joseph Campbell, dass die Menschen nicht so sehr die Frage nach Sinn beschäftigte, sondern sie the experience of being alive vermissten, verstand ich nur intellektuell, also gar nicht.

Ich trottete weiter in den mir bekannten Pfaden, hörte nicht auf, mich darüber aufzuregen, dass die Welt nicht so war, wie sie meines Erachtens sein sollte. Und obwohl ich zu kapieren begann, dass die Welt der Kultur, von der ich mir Erlösung von meinem Leiden am Leben erhoffte, genauso eitel, korrupt und hohl war wie alles, das sich am Beifall orientiert, schaffte ich es nicht, davon abzulassen. Und sie einfach locker zu nehmen, entsprach schlicht nicht meinem Temperament.

Doch nach und nach begann ich in meinen Gefühlen einen Gedanken (Gefühle und Gedanken, die beide im Hirn entstehen, vermag ich nicht zu unterscheiden) auszumachen, der mir schon einmal, viele Jahre ist es her, den Weg gewiesen hat. So sick and tired of being so sick and tired. Ich gewöhnte mir an, darauf zurückzukommen, so dass ich mit der Zeit begriff, dass ich so nicht mehr leben wollte. Und eigenartigerweise genügte das, um mich neu zu orientieren ...

Sonntag, 14. Dezember 2025

Was Philosophie war, ist und sein kann

In unseren egomanischen Zeiten, in denen ein zum Präsident gewählter alter Mann alles ausschliesslich auf sich bezieht, ist die Auseinandersetzung mit der vorliegenden Schrift von Ulrich Steinvorth, geb. 1941, emeritierte Professor für Praktische Philosophie an der Universität Hamburg, überaus willkommen, weil da unter anderem auch auf Platons Ideen Bezug genommen wird, denen wir "ein erfahrungsunabhängiges Wissen von Tugenden und mathematischen Gegenständen" verdanken.

Aus der Wertneutralität folgt nicht, dass die Welt bedeutungslos ist. So sprach etwa Aristoteles "allen Dingen tele zu, naturgegebene Ziele, denen sie notwendig folgen." Sehr schön zeigt Autor Steinvorth auf, wie sowohl Platon als auch Aristoteles ihrer Zeit und deren Vorstellungen verhaftet sind, mithin an Götter glauben, die für das Gute bzw. Vollkommene stehen.

Spannend an dieser kurzen historischen Einführung, die auch für Laien verständlich geschrieben ist, sind insbesondere die Bezugnahmen zur Wissenschaft. Dass die Natur, weil sinnvoll, göttlichen Ursprungs sei, wird auch von Wissenschaftlern behauptet. Ulrich Steinvorth sieht das anders. "Die Natur ist auch ohne Schöpfer sinnvoll."

Zu den Fragen, mit denen sich der Autor intensiv auseinandersetzt, gehört die Willensfreiheit. Er lehnt die deterministische Sicht ab, führt den Trotz an, der nicht als vorgegebene Reaktion angesehen werden könne. Auch die Moral kommt nicht zu kurz – Kant nennt Willensfreiheit ohne Moralität Willkür , wobei Professor Steinvorth darauf hinweist, dass im Konfliktfall die Frage nach dem Sinn hinter die Moral zurücktritt, "weil die Moral der Erhaltung eines überlebenswerten Lebens dient." Es ist unser Lebenswille, der uns am Leben hält. Und diesem ist alles untergeordnet, was nur schon deswegen einleuchtet, da sich alle Fragen erübrigen, wenn man nicht mehr am Leben ist.

Was Philosophie war, ist und sein kann zeigt dieses Werk auf originelle Art und Weise. "Die Wissenschaft unterscheidet sich von der Theologie dadurch, dass sie Sinn und Absicht als immanent ansieht." Die Seinsfrage wurde im 17. Jahrhundert zur Domäne der Wissenschaft, die Sinnfrage wurde der Philosophie überlassen, die sie jedoch dem Glauben zuwies. Dann merkte man, dass diese Zuteilung zu einfach war. "Denn die Wissenschaft konnte die Seinsfrage und der Glaube die Sinnfrage nicht vollständig beantworten."

Dazu kam die Frage, wozu die Philosophie denn eigentlich noch gut sein sollte bzw. was ihre Aufgabe war? Mit "Wie die Philosophie ihre Aufgabe der Sinnklärung lösen könnte" ist ein Kapitel überschrieben, worin Ulrich Steinvorth dafür plädiert, dass etwas "um seiner willen getan oder erlebt werden" muss, damit Sinn erfahren werden könne. Es lohnt sich, bei diesem Gedanken zu verweilen, auch weil ein solches Verweilen als sinnvoll erlebt werden kann.

Was Philosophie war, ist und sein kann ist ein vielfältig anregendes Werk, das gelegentlich auch meinen Widerspruch hervorrief, wenn etwa Donald Trump oder Wladimir Putin als Ideologen bezeichnet werden, was ja impliziert, dass sie wissen, was sie tun. Nur ist es eben so, dass die meisten Menschen nicht wissen, warum sie tun, was sie tun, und Psychopathen schon gar nicht (was ihr Verhalten keineswegs entschuldigt oder gar rechtfertigt). Auch ist der Untertitel, Eine kurze historische Einführung, insofern etwas irreführend, als Autor Steinvorth viel mehr (und anderes) vorlegt, und in erster Linie zeigt, dass und wie zu philosophieren hilfreich und bereichernd ist, so man sich dabei auch mit den Erkenntnissen aus Physik und Psychologie etc. auseinandersetzt.

Ein Buchtitel (Was Philosophie war, ist und sein kann), der hält, was er verspricht. Eine Seltenheit!

Ulrich Steinvorth
Was Philosophie war, ist und sein kann
Eine kurze historische Einführung
Reclam, Dietzingen 2025