Dienstag, 1. Dezember 2020

Wenn der Körper Nein sagt

Schon wieder einer, der es nötig hat, mit seinem Titel auf dem Buchumschlag zu hausieren, ist eine meiner ersten Reaktionen auf dieses Buch. Solche Leute machen mich vor allem skeptisch. Der Untertitel "Wie verborgener Stress krank macht – und was Sie dagegen tun können" macht mich hingegen neugierig,.

Dass Körper, Seele und Geist eine Einheit bilden, finde ich selbstverständlich. Als der britische Autor Tim Parks auf der Suche nach Hilfe für sein Prostata-Leiden bei einem indischen Ärzteehepaar in Indien landete und fragte, ob sein Leiden möglicherweise psychische Ursachen haben könnte, wurde ihm erwidert: Nur wenn man an die Trennung von Psyche und Körper glaubt.

Der Autor Gabor Maté ist praktizierender Arzt und erzählt in diesem Buch viele bewegende Fall-Geschichten und zitiert unter anderen aus einem der Dialoge Platons mit Sokrates, der illustriert, dass die Körper-Geist-Idee auch bei einigen im Westen schon lange bekannt ist.  "Aus diesem Grund vermögen die Ärzte von Hellas viele Krankheiten nicht zu heilen, weil sie von dem Zusammenhang nichts wissen. Denn das ist der grosse Irrtum unserer Zeit, dass die Ärzte bei der Behandlung des menschlichen Körpers die Seele vom Körper trennen."

Ich schätze dieses Buch und es nervt mich gleichzeitig. Ich schätze es, weil es auf vielfältige Art deutlich macht, wie alles miteinander zusammenhängt und verbunden ist, mich nervt, dass es bei aller Differenziertheit oft sehr pauschal daherkommt. So  lese ich etwa von einem 'universell menschlichen Bedürfnis nach Kontakt' oder davon, dass viele Menschen mit chronischen Krankheiten glauben, nicht liebenswert zu sein. Woraus der Autor schliesst: "Die Suche nach Kontakten ist eine Notwendigkeit für die Heilung." Wieso mich das nervt? Weil es Leute gibt, die nun einmal nicht liebenswert sind. Weil es Kontakte gibt, die einem schlicht nicht gut tun.

Trotzdem: Dies ist ein differenziertes Buch. "Wenn ich also darlege, dass Verdrängung eine Hauptursache von Stress ist und massgeblich zu Krankheiten beiträgt, zeige ich nicht mit dem Finger  auf andre, weil sie 'sich selber krank machen'. Ich möchte mit diesem Buch das  Lernen und die Heilung fördern, nicht den Quotienten aus Schuld und Scham erhöhen, die in unserer Kultur bereits im Übermass vorhanden sind."

Zu den "sieben Prinzipien der  Heilung" gehören neben Akzeptanz und Achtsamkeit, die man in jedem Buch findet, das sich mit dem gesunden Leben auseinandersetzt, auch die Wut, die ja nichts anderes als Energie und zudem der Selbstbehauptung förderlich ist sowie auch ein exzellenter Motivator sein kann.

"Gesundheit ruht auf drei Pfeilern: dem Körper, der Psyche und der spirituellen Verbindung", schreibt Gabor Maté. Es geht darum, diese drei im Gleichgewicht zu halten. Anregungen dazu  liefert dieses Buch zuhauf.

Der Autor hat dieses Buch  Dr. Hans Selye gewidmet, den er als "einen Mann der  Renaissance im 20. Jahrhundert" bezeichnet und mit diesen weisen und wegweisenden Worten zitiert: "Was in uns ist, muss heraus, sonst explodieren wir vielleicht an den falschen Stellen oder werden durch Frustrationen eingeengt. Die grosse Kunst besteht darin, unsere Vitalität auf den besonderen Wegen und in der besonderen Geschwindigkeit, die von der Natur für uns vorgesehen ist, Ausdruck verleihen."

Dr. Gabor Maté
Wenn der Körper Nein sagt
Wie verborgener Stress krank macht – und was Sie dagegen tun können
Narayana Verlag, Kandern 2020

Sonntag, 15. November 2020

Xiu Yang

Das Motto von Xiu Yang, dem chinesischen Harmoniekompass, lautet: Kultiviere den Geist, trainiere den Körper und liebe dich selbst. Die Yoga-Lehrerin Donna Farhi erläutert in ihrem Vorwort, "dass unsere Gesundheit und unser Glück in hohem Grad unserer eigenen Kontrolle liegen" und dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen Selbstkultivierung und Selbstfürsorge gibt. Während Selbstfürsorge darin besteht, uns von Zeit zu Zeit einen Gefallen zu tun (zum Beispiel ein heisses Bad nehmen oder einen Wochenendausflug unternehmen), geht es bei der Selbstkultivierung um eine Lebensweise, die sich dadurch auszeichnet, "in uns, mit anderen und mit der Welt ein besseres Gleichgewicht zu finden."

Was mich ganz besonders für Xiu Yang einnimmt, ist die Orientierung an Grundsätzlichem, also der  weltanschauliche Ansatz. "Wie befinden uns in keiner linearen Entwicklung, sondern eher in einem Prozess sich weitender Kreise und Quadrate, bei denen alles mit dem Zentrum verbunden ist."

Es sind einfache Weisheiten, die man in diesem Buch finde. Und eben deshalb auch hilfreich, denn nichts zeichnet unsere moderne Zeit mehr aus, als dass wir in selbst geschaffener Komplexität ersaufen. Klar, das Leben ist komplex und es ist auch schwierig, doch die Informationsflut, die täglich über uns kommt, macht es noch komplexer und noch schwieriger. Zumindest kommt es uns so vor.

Die Autorin Mimi Kuo-Deemer stammt ursprünglich auch Tucson (Arizona), arbeitete 14 Jahre als Yogalehrerin in China und unterrichtet heute Gesundheit und Wohlbefinden in London. Mit "Xiu Yang" legt sie ein Buch vor, das Orientierung bietet, indem es sich an Wesentlichem ausrichtet und dabei unter anderem auch Bezug nimmt auf Lehrer wie Jiddu Krishnamurti und Thich Nhat Hanh, der "lehrt, dass in unserem Bewusstsein gute wie schlechte Samen aufgehen. Wir tragen beides in uns. Geben wir den Samen Wasser, die gesund für uns sind, wie zum Beispiel den Samen der Liebenswürdigkeit, Grosszügigkeit und des Mitgefühls, dann wird mehr von genau diesen keimen und wachsen. Entsprechend können auch die Samen destruktiver Emotionen und Gedanken wachsen und uns einnehmen, wenn wir ihnen Wasser geben. Auf der anderen Seite können die guten Samen ermüden, wenn wir sie vernachlässigen."

Mit "Achtsamkeit: Die Kultivierung adäquater Reaktionen auf konkrete Lebenssituationen" ist ein Kapitel überschrieben, das unter anderem hilfreiche Hinweise auf die Ausrichtung der Achtsamkeitspraxis gibt wie etwa die drei R: Recognise, Release, Return. Achtsamkeit lässt sich überall üben, bei allem, was man tut. Von den Tipps für die Praxis, gefällt mir vor allem diese Faustregel: "Trainieren Sie Ihre Aufmerksamkeit mithilfe von Geduld, Übung und der Bereitschaft, immer wieder von vorn anzufangen."

Bei einem Meditations-Retreat fragte der Lehrer: 'Wonach sehnt sich euer Herz?' Worauf die erste Antwort aus der Gruppe lautete: 'Nach Weite.' Sofort stellten sich in meinem Kopf Bilder ein – von den Weiten der Dakotas, des nördlichen Argentinien und des südlichen Brasilien. Damit verbunden ist ein Gefühl von Leichtigkeit , es ist als ob ich anders atmen würde, freier.  "Wenn das Herz sich weit anfühlt, sind wir inspiriert, beseelt und mit unserem wahren Selbst verbunden. Wir umarmen das Leben und entspannen uns in das Wissen hinein, dass uns ein Platz in der Welt zusteht."

Es gelte, ein weites Herz und einen weiten Geist zu kultivieren, schreibt Mimi Kuo-Deemer. Wie man das praktisch bewerkstelligen kann, dazu gibt dieses Buch vielfältige Anregungen. Es sei wärmstens empfohlen.

Mimi Kuo-Deemer
Xiu Yang
Der chinesische Harmoniekompass
Kultiviere den Geist, trainiere den Körper und liebe dich selbst
O.W. Barth, München 2020

Sonntag, 1. November 2020

Depression - und jetzt?

"Wegweiser einer Erfahrungsexpertin" heisst es im Untertitel. "Erfahrungsexpertin"? Der Begriff ist neu für mich und gewöhnungsbedürftig, doch was damit gemeint ist, ist mir sympathisch. Ja, mehr als sympathisch, denn ich halte diejenigen, die etwas aus eigener Erfahrung kennen für kompetenter als diejenigen, die etwas nur studiert haben. Genauer: Ich habe studierte Fachleute, die keine einschlägige Leidensgeschichte hinter sich hatten, viele Jahre schlicht für aufgeblasene Wichtigtuer gehalten. Das sehe ich heute zwar differenzierter (persönliche Betroffenheit ist nicht immer ein guter Ratgeber, eine empathische Aussensicht häufig hilfreich), doch reflektierte Erfahrung (Erfahrung allein genügt bei Weitem nicht) scheint mir nach wie vor das A und O. Und vor allem: Offenheit – auch gegenüber Fachpersonen, die ja auch nicht alle gleich sind.

Das Vorwort des Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie, Gerhard Peters, bildet einen gelungenen Einstieg, da er nicht zuletzt klar macht, dass es sich bei der Autorin nicht gerade um den einfachsten Menschen auf dem Planeten handelt, was jedoch auch ihm selber gut tut  ich musste sehr schmunzeln.

Als junge Frau kriegt Nora Fieling die Diagnose "Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline" und "Depressive Episode". Jetzt weiss sie zwar, dass sie an einer Krankheit leidet, "dass weder ich noch meine Gefühle falsch sind", doch dies zu akzeptieren fällt ihr schwer. Doch Akzeptanz lässt sich üben, ist ein Prozess. "The readiness is all", sagt Horatio in Hamlet.

Was ist eigentlich eine Depression? "Es bedarf nicht der eigenen Erfahrung, um eine Depression zu verstehen. Das Wissen über Fakten beugt Vorurteilen und Verständnislosigkeit vor." Und dieses Faktenwissen bietet dieses Buch. Nora Fieling hat nicht nur vielfältige Informationen zusammengetragen und leserfreundlich aufbereitet, sondern auch Fachpersonen befragt. "Beim ersten Auftreten einer Depression ist es nach evidenzbasierten Leitlinien immer notwendig, organische Ursachen auszuschliessen", so die Berliner Chefärztin Iris Hauth. Ob das auch wirklich so gemacht wird?

Ein Gespräch mit dem bereits erwähnten Gerhard Peters über Psychopharmaka und mehr, macht unter anderem deutlich, dass die Medizin zwar mit wissenschaftlichen Methoden arbeitet. jedoch keine Wissenschaft ist, also auf der Basis von "trial and error" operiert. Je mehr dies auch Nicht-Medizinern klar ist, desto besser, denn solches Wissen wappnet einen gegen falsche Hoffnungen und überzogene Erwartungen.

In einem weiteres Gespräch erläutert die Heilpraktikerin für Psychotherapie Jessica Exner ihre tiergestützte Therapie, die sie als Ergänzung zur Psychotherapie versteht. So sehr mir dieser Ansatz  gefällt, ihre Aussagen zur intrinsischen Motivation  teile ich  überhaupt nicht. Wer glaubt, zwischen innerem und äusserem Druck unterscheiden zu können, irrt nicht nur, sondern überschätzt meines Erachtens seine Fähigkeiten gewaltig. Woher der Druck auch immer kommt, die Herausforderung ist, herauszufinden, wann er uns nützlich ist. Nicht, was ich will, sollte leitend sein, sondern was mir gut tut.

Einer der für mich hilfreichsten Gedanken in diesem Buch führt die Autorin unter dem Titel "Du musst mich nicht verstehen!" aus: "Man kann Verständnis  für die Situation und die Depression aufbringen, ohne dabei das Gefühl, das der Betroffene hat, zu verstehen. Und ich kann Mitgefühl mit der Situation des Betroffenen haben, ohne selbst genauso wie er zu fühlen. Insofern kann ich auch Verständnis aufbringen, ohne mein Gegenüber konkret zu verstehen."

"Depression - und jetzt?" ist, wie es der Untertitel verspricht, ein Wegweiser und führt aus, weshalb der Austausch im Internet helfen kann, welcher Arzt sich als Ansprechpartner eignet, was für Therapien es gibt, liefert Tipps zu Therapeutensuche und klärt auf über Peer-Beratung und Ex-In (Experienced Involvement), eine Fortbildung, die sich an Psychiatrie- und Krisenerfahrene wendet. So löblich ich es finde, dass einschlägig Erfahrene therapeutisch tätig werden, die Einbindung ins System (eine formale Ausbildung ist nie etwas anderes), finde ich mehr als problematisch, denn jedes gesellschaftliche Nicht-Funktionieren ist auch (und zwar wesentlich) ein Zeichen von seelischer Gesundheit. Nora Fieling  geht unter dem Titel "Depression - eine gesunde Reaktion auf einen  kranken Zustand!?" ebenfalls darauf ein. Siehe auch hier.

Wie von einer Erfahrungsexpertin nicht anders zu erwarten, werden wir auch darüber aufgeklärt, wie es ihr unter anderem in voll- und teilstationären psychiatrischen Einrichtungen ergangen ist. Ihr Urteil ist überwiegend positiv, auch wenn sie am Anfang vielen Massnahmen sehr kritisch gegenüber stand. "Im Nachhinein betrachtet war der Aufenthalt in der Psychiatrie für mich hilfreich, weil ich aus meine gewohnten Umgebung herauskam und so Abstand vom negativ belastenden Alltag  erlangte." Und dies ermöglichte ihr, zu lernen, was wir alle zu lernen haben (und für einige entschieden schwieriger ist als für andere): Selbst-Akzeptanz.

Nora Fieling
Depression - und jetzt?
Wegweiser einer Erfahrungsexpertin
Starks-Sture Verlag, München 2020

Donnerstag, 15. Oktober 2020

Über Psychotherapie

Die Frage, Was hilft Psychotherapie?, geht implizit davon aus, dass sie messbar ist. Das bezweifle ich. Umso gespannter bin ich, was der  Mediziner und Psychoanalytiker Otto Kernberg (geboren 1928) auf die Fragen des Psychiaters und Theologen Manfred Lütz (geboren 1954) antworten wird. Der Einstieg, der davon erzählt, wie sich die beiden kennenlernen, liest sich spannend und vielversprechend. Mich fasziniert vor allem wie herzlich, vital und voll ansteckender Begeisterung der Jüngere den Älteren erlebt. Wunderbar!

Otto Kernberg gilt zusammen mit Marsha M. Linehan als führende Autorität der Borderline-Störung. Was die beiden denn auszeichne, wurde John G. Gunderson, selber eine einschlägige Autorität, gefragt. Sie hätten beide "charismatische Ausstrahlung" und verkörperten "Zuversicht, Klarheit, Kraft und Sicherheit", erwiderte er. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich nun las, was Kernberg  als die Kriterien definiert, die einen guten Psychotherapeuten ausmachen: "Wissen, Ehrlichkeit, authentische Wärme, Interesse für Menschen, Empathie und die Fähigkeit, sich anzupassen, und die eigenen Fehler zu erkennen und von ihnen zu lernen."

So charakterisiert Otto Kernberg die Borderline-Störung: "Eîn Borderline-Patient versteht sich in schwerwiegender Weise selbst nicht, nicht seine eigenen Interessen, nicht seine eigenen Pläne, und zugleich versteht er wichtige andere Personen nicht, mit dem Resultat chaotischer menschlicher Beziehungen, weil er das eigene und das Verhalten anderer Personen nicht vorhersagen kann." Und worin liegt der Unterschied zu einem launischen Menschen?, fragt Manfred Lütz.. "Der grösste Unterschied ist, dass dem Borderline-Patienten das Gefühl für eine innere Kontinuität in der Zeit fehlt, er empfindet sich im Extremfall morgen völlig anders als gestern oder vor einer Stunde, und wer weiss, was in zwei Stunden ist ...". Schade, dass Manfred Lütz nicht nachgebohrt hat, wie denn eine Therapie in einem solchen Falle ausschaut.

Aufgestossen ist mir Manfred Lütz' Bemerkung, dass der Ausdruck "narzisstisch" nur benutzt werden dürfe, "wenn die wissenschaftlichen Kriterien erfüllt sind", denn ich halte die Vorstellung, Medizin, Psychiatrie oder gar Psychoanalyse seien Wissenschaften, für einen Irrglauben. Siehe dazu Gesetze der Medizin

"Würden Sie Herrn Trump behandeln, Herr Kernberg?" gehört zu den Fragen, auf deren Beantwortung ich ganz besonders gespannt war. Die Antwort enttäuschte mich – er sprach sich gegen Ferndiagnosen aus, die Gründe sind nachvollziehbar, ich teile sie nicht. Interessanter fand ich Manfred Lütz' Einschätzung von Trump, der ihn nicht für einen Narzissten hält, denn ein Leidensdruck ist bei dem Mann nun wirklich nicht auszumachen. Meines Erachtens erübrigt sich eine Diagnose, sie tut ihm zuviel Ehre an; gescheiter wäre, sich nicht mit ihm, sondern den Auswirkungen seiner Politik zu beschäftigen.

Der Sinn des Lebens, der Glaube an Gott, Freud, Jung und Thomas Mann, die Frage, was Liebe und was  Heimat ist, und und und ... – es geht um die grossen Fragen bei diesem Gespräch zwischen zwei neugierigen, und engagierten Zeitgenossen. Herausgekommen ist überaus hilfreiche Aufklärung.

Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg? überzeugt wesentlich durch die vielen praktischen Beispiele, die aufzeigen, wie Otto Kernberg arbeitet. Es überzeugt aber auch deswegen, weil es kein Interview-Buch, sondern ein echtes Gespräch ist. Die beiden tauschen sich  unter anderem über die Irrwege der Psychotherapie, Kernbergs jüdische Kindheit in Wien und seine Zeit in Chile aus sowie über die von der Pharmaindustrie und von unkritischen Medien (die meisten Medien sind, entgegen ihrem Selbstverständnis, eigentliche Systemstützen) geförderte Inflation von psychischen Erkrankungen aus – mit gesundem Menschenverstand liesse sie sich ohne weiteres eindämmen.

In unseren Corona-Zeiten ist mir unter anderem aufgefallen, wie  wenig inspirierend etwa Fernsehinterviews sind, die sich häufig in der Frage erschöpfen: Wie fühlen Sie sich, Herr Präsident? Und wie spannend und anregend ich die Auskünfte von Fachleuten finde. Kurz und gut: Es ist höchst bereichernd, wenn sich zwei Fachleute verständlich über Grundsätzliches austauschen – und genau dies zeichnet das vorliegende Buch aus.

Manfred Lütz
Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg?
Erfahrungen eines berühmten Psychotherapeuten
Herder, Freîburg im Breisgau 2020

Donnerstag, 1. Oktober 2020

Hochsensibilität: Wenn die Haut zu dünn ist

"Hochsensible müssen einen grösseren mentalen Aufwand treiben und brauchen ein gewisses Know-how, wenn sie sich seelisch gesund erhalten, sich privat und beruflich entfalten wollen", schreibt Rolf Sellin, selbst hochsensibel, in Wenn die Haut zu dünn ist. Doch was macht eigentlich Menschen zu  Hochsensiblen? Sie nehmen mehr Reize auf als andere, werden von Reizen geradezu überflutet. Einschlägige Forschungen legen den Schluss nahe, dass dieses Temperament angeboren ist und sich wie ein roter Faden durch das ganze Leben zieht. Doch auch Umwelteinflüsse spielen eine Rolle. 

"Wahrnehmung ist der zentrale Punkt im Leben eines Hochsensiblen. Sie ist seine grösste Stärke und Begabung und kann zugleich sein grösster Schwachpunkt sein, wenn er nicht gelernt hat, damit umzugehen." Mehr, intensiver und differenzierter wahrzunehmen ist für eine gewisse Zeit höchst bereichernd (wie etwa Drogenkonsumenten wissen), doch wenn dies ständig der Fall ist, laugt es einen Menschen energetisch aus. 

Es gilt also zu lernen, mit dieser Reizüberflutung umzugehen. Und dazu bietet dieses gut aufgebaute Buch praktische Anregungen. Da finden sich Selbsttests, Begriffserklärungen (hochsensibel und hochbegabt sind nicht deckungsgleich), Übungen und kurze, prägnante Zusammenfassungen. Rolf Sellin erläutert die Entstehung des Hochsensibel-Seins in drei Stufen. 1) Das Kind lernt, seinen Körper und seine Empfindsamkeit nicht zu beachten. Anders gesagt: Es lernt, gegen die eigene Komplexität vorzugehen 2) Widersprüchlichkeit ist in unserem Denken nicht vorgesehen.  Anders gesagt: Unsere Welt funktioniert nach Entweder/oder beziehungsweise Schwarz/Weiss 3) Das Kind übernimmt die Perspektive der anderen. Anders gesagt: Weil sie gelernt haben, nicht auf sich selber zu hören, müssen sie sich andere als Referenz-Personen suchen.

Rolf Sellin legt mit Wenn die Haut zu dünn ist eine veritable Wahrnehmungsschulung vor, die nicht zuletzt deswegen überzeugt, weil sie auf die Praxis ausgerichtet ist. Wie alles, ist auch Wahrnehmung relativ. Wir wissen nicht, was andere genau wahrnehmen, ja, wir wissen meist selber nicht, was wir wahrnehmen, da es sich dabei um einen automatischen Prozess handelt. Doch: "Wahrnehmen ist ein aktiver Akt, er kann durch bewusste Entscheidungen verändert werden." Nicht notwendigerweise durch Achtsamkeit (die ist für den Hochsensiblen problematisch, wie der Autor ausführt), sondern durch bessere Selbstzentrierung: "Wer sich selbst nicht wahrnimmt und seine Aufmerksamkeit überwiegend nach aussen richtet, ist energetisch nicht bei sich."

Ich selber bin nicht hochsensibel, doch einige der hier geschilderten Phänomene sind mir durchaus vertraut und Rolf Sellins Ratschläge willkommen. Insbesondere das Kapitel "Kraft, Energie und Wachstum durch Abgrenzung" empfand ich als überaus hilfreich. Seine eigenen Grenzen zu kennen, ist nicht nur für Hochsensible entscheidend, denn Grenzen geben Sicherheit, bieten Schutz und erlauben Kontrolle. "An unseren Grenzen wachsen wir", schreibt Rolf Sellin, denn das meint letztlich: Wir  können (und sollen) verantwortlich sein für das, was innerhalb unserer Grenzen passiert.

"Die Grundvoraussetzung für gelungene Abgrenzung besteht zunächst einmal darin, überhaupt bei sich zu sein und sich selbst körperlich wahrzunehmen." Den eigenen Körper wahrzunehmen kann (und soll) man üben. Anregungen dazu finden sich in diesem Buch zuhauf. 

Wir haben die Wahl, müssen uns entscheiden, ob wir uns als Opfer oder als Gestalter unserer Wahrnehmung verstehen. Die Verantwortung für die Steuerung und Dosierung unserer Wahrnehmung und für die Verarbeitung der Reize und Informationen selbst zu übernehmen, eröffnet die Möglichkeit, dass Hochsensibilität zum Segen werden kann. 

Fazit: Ein überaus hilfreiches Buch!

Rolf Sellin
Wenn die Haut zu dünn ist
Hochsensibilität - vom Manko zum Plus
Kösel, München 2020

Dienstag, 15. September 2020

On the media and addiction

In our Corona times, one of the definitions of journalism that I've heard twenty years ago, while pursuing a Master's degree in Journalism Studies at the School of Journalism, Media and Culture at Cardiff University, Wales, UK, pops up again and again: No, not "critical inquiry" (that seems to belong to the wishful thinking-category) but: "Giving interested parties a platform." The reason is simple: media owners profit. It goes without saying that to profit is not only the goal of media owners, it is the defining feature of our money-driven times.

Nevertheless, the media provide lots of useful information during the present pandemic by giving scientists a platform. What a relief for once to hear such mostly sober voices. Unfortunately, platforms were also provided for people with exclusively self-serving agendas. This is unavoidable, one of the arguments goes, for journalists are neither judges nor censors.


Well, of course they fit these roles for they decide to whom to give a voice. And there seems to be a worldwide consensus that elected officials need to be covered. Even more so when the official in question happens to be a notorious lier, for his lies need to be exposed. Really?
A lie repeated again and again makes it not less a lie, as common wisdom goes. Yet as true as this may be, to give lies an almost daily forum makes us getting used, and over time immune, to them.

Given the fact that most of what we do we do unconsciously, it is questionable whether we are really in charge of our lives. Brain research, however, tells us that we are able to direct our attention. To a certain degree, that is. Yet what might be a force for the good is mostly a problem.

The media tell us what to focus on; they have made the clearly deranged man in the White House the best known person on the planet. And while doing so, they have made us forget many of the truly relevant questions. However, to solely blame the media would be missing the point entirely, for surely politics distracts us likewise from what we should concern us with.

We are living in addicted times. More-more-more is the corner stone of our society, it is our unquestioned imperative. Such a lack of imagination is not only baffling, it is destructive. We know that of course but we don't care.

The media are not different from us. And neither are our governments. There is a "me first" in all of us yet an ego running riot is, in my view, the root cause of addiction. We all know that for addicts nothing is ever enough. A healthier attitude was expressed by Kurt Vonnegut in his poem for Joseph Heller:

     True story, Word of Honor:
     Joseph Heller, an important and funny writer
     now dead,
    and I were at a party given by a billionaire
     on Shelter Island.

I said, "Joe, how does it make you feel
     to know that our host only yesterday
     may have made more money
     than your novel 'Catch-22'
     has earned in its entire history?"
     And Joe said, "I've got something he can never have."
     And I said, "What on earth could that be, Joe?"
     And Joe said, "The knowledge that I've got enough."
     Not bad! Rest in peace!


Dienstag, 1. September 2020

Die Kunst, mit einem Vulkan zu sprechen

"Kommunikationstechniken für Angehörige von Menschen mit Borderline", heisst der Untertitel. Dass jemand, für den schon der Begriff "Kommunikationstechnik" ein rotes Tuch ist, zu diesem Buch greift, hat in meinem Fall zwei Gründe: 1) ich habe von Borderlinern viel über mich und das Leben gelernt, 2) ich halte Ich hasse dich - verlass mich nicht, das der Autor zusammen mit Hal Straus verfasst hat, für eines der hilfreicheren Bücher über Borderline, die ich kenne.

Das Buch beginnt wie alle Sachbücher: Der Autor klärt über den derzeitigen Wissensstand in Sachen Borderline auf. Charakteristisch für Borderliner ist die Spaltung, mit der sie die Widersprüche und Mehrdeutigkeiten im Leben umgehen und Halt zu finden versuchen. Dazu kommt, dass Borderline im Verbund mit weiteren Störungen auftritt, vor allem Depressionen und Angststörungen.

So notwendig die Unterscheidungen von seelischen Erkrankungen auch sein mögen, letztlich sind die gängigen Zuschreibungen ausgesprochen willkürlich und vom Zeitgeist abhängig. Und manchmal wenig hilfreich: "... dauern die Gefühlsschwankungen bei Borderline in der Regel nur Stunden, statt tage- oder wochenlang wie bei der bipolaren Störung."

Menschen mit Borderline haben ausserordentliche Mühe Ambivalenz und Uneindeutigkeit auszuhalten. Also wird Eindeutigkeit gesucht, werden Schuldige gefunden. Wird der Partner oder die Partnerin zum Sündenbock gemacht, rät Kreisman, es nicht persönlich zu nehmen. "Akzeptieren Sie, dass sich darin eben die Verwirrung der Borderline-Persönlichkeit angesichts ihrer eigenen Ambivalenz spiegelt."

Die SET-UP Kommunikationstechnik, die in diesem Buch vorgestellt wird, bedeutet aufgeschlüsselt: Support (Unterstützung), Empathy (Mitgefühl), Truth (Wahrheit) sowie Understanding (Verständnis) und Perseverance (Beharrlichkeit). So einleuchtend diese Leitlinien auch sein mögen, in der Praxis (der Autor erläutert seinen Ansatz an zahlreichen Beispielen) überzeugen sie meines Erachtens nicht immer. Gelegentlich hatte ich den Eindruck, es werde empfohlen, den Borderliner wie ein rohes Ei zu behandeln – was ich für den falschesten Ansatz überhaupt halte.

So rät er etwa einem Ehemann, dessen Frau gerade wütend ausrastet unter anderem zu einem 'mea culpa': "Ich werde mich bessern. Ich werde mich bessern.Aber das, was für uns beide gerade wichtiger ist ...". Fraglich ist auch, ob ein wütend ausrastender Borderliner für sachliche Argumente empfänglich ist. Wesentlich hilfreicher ist die Aufforderung: "Prüfen und respektieren Sie Ihre eigenen Bedürfnisse und Motive".

Dem Borderliner sind impulsive Wutausbrüche eigen, die auch bei der bipolaren Störung und anderen Formen der Persönlichkeitsstörung sowie bei Substanzmissbrauch vorkommen. "Bei der Borderline-Persönlichkeitsstörung jedoch tritt dieser Zorn nach einem absehbar unabsehbaren, konsequent inkonsequenten Muster in Erscheinung." Ein Satz, den man  mehrmals langsam lesen sollte, denn er bringt auf den Punkt, weshalb Borderline auch heute noch weitestgehend ein Rätsel ist.

Auch wenn ich viele der Hinweise und Ratschläge für ziemlich schlicht, oft auch für recht banal und schwierig umzusetzen halte ("Bleiben Sie cool. Würdigen Sie das Positive. Lenken Sie den Fokus auf etwas Unverfänglicheres. Achten Sie auf klare Grenzen" etc), die vielfältigen Aufklärungen über die Borderline-Persönlichkeitsstörung sind ausgesprochen hilfreich. Je mehr Angehörige über Verlassenheitsängste, innere Leere, verzerrte Fehleinschätzungen und Viktimisierung wissen, desto eher werden sie in der Lage sein, situationsgerecht zu handeln.

Jerold J. Kreisman
Die Kunst, mit einem Vulkan zu sprechen
Kommunikationstechniken für Angehörige
von Menschen mit Borderline
Kösel, München 2020