Sonntag, 21. Juni 2026

Wu Wei

 Literally, Wu Wei means "without doing, causing or making." But practically speaking, it means without meddlesome, combative, or egotistical effort. It seems rather significant that the character Wei developed from the symbols for a clawing hand and a monkey, since the term Wu Wei means no going against the nature of things; no clever tampering; no Monkeying Around."

Benjamin Hoff: The Tao of Pooh

Santa Cruz do Sul, Brazil, 18 January 2023

Mittwoch, 17. Juni 2026

So nicht mehr!

 Mein Aufwachen am Morgen geschieht ohne mein Dazutun: Nicht ich wache auf, sondern das Leben erwacht in mir. Solange ich nicht eingreife, nicht in meine Routinen verfalle, ist alles bestens. Das Leben gehorcht seinen eigenen Gesetzen; ich fahre am besten, wenn ich ihnen folge, mich ihnen nicht in den Weg stelle. Ich bin übrigens froh, dass für alles wirklich Wesentliche (das Ein- und Ausatmen) mein Ego überflüssig ist.

An diesem südbrasilianischen Morgen gebe ich meiner Lust nach Kaffee, Toast, Doce de Leite und Requeijão Cremoso nach. Mir geht es gut, ich folge meinem Unbewussten, das besser als mein Verstand zu wissen scheint, was mir bekommt.

Mein Verstand führt mich oft in die Irre. Beobachte ich aufmerksam, was er so alles macht, zeigt sich mir, wo ich aufpassen muss, um mich nicht selber zu betrügen.

Als ich mich kurz darauf an meinem PC setze, um die politische Weltlage zur erkunden, ist es mit meiner Seelenruhe vorbei. Und wieder einmal wundere ich mich, weshalb ich mir all diese machthungrigen Idioten jeden Tag antue. Weshalb ich glaube, wissen zu müssen, was Durchgeknallte, die sich ungemein wichtig nehmen, tun oder nicht tun, sei relevant für mich, verstehe ich selber nicht.

Dass ich mich über die Weltlage informiere ist reine Gewohnheit. Und da Gewohnheiten Halt und Sicherheit vermitteln (nichts, was uns Menschen wichtiger ist), gebe ich viel zu oft nach und mich hin. Allerdings um den Preis meines Seelenfriedens.

Mein Verstand weiss schon lange, dass mir die Weltlage gestohlen bleiben kann und es wichtiger ist, sich um das zu kümmern, was vor der eigenen Nase liegt. Schulen, Medien und Gesellschaft behaupten zwar das Gegenteil. Das müssen sie auch, schliesslich ist es ihre Geschäftsgrundlage. Für mich hingegen gilt: So nicht mehr!

Santa Cruz do Sul, Brasil, 2 Março 2025

Die Sonne scheint, ich habe den ganzen Tag zur freien Verfügung. Ich werde ihn nicht den medialen Aufgeregtheiten widmen, die mich noch rastloser machen als ich eh schon bin. Und so schaue ich aus "meinem" Fenster im neunten Stock auf die Stadt, durch die der Morgenverkehr rollt. Ich höre die Vögel zirpen und verstehe in diesem Moment: This is the first day of the rest of your life.

Der Moment, wie das Momente so an sich haben, hat sich schnell verflüchtigt. Ich bin zwar an diesem Tag einige Male darauf zurückgekommen, allerdings nur um zu erkennen: Momente bleiben flüchtig. Das ist eben ihr Ding. Es gibt Momente, ab und zu, in denen ich das begreife. ...

Sonntag, 14. Juni 2026

Von den Erwartungen

Lange nicht gesehen! Wie geht es Dir?“, fragt mich mein Bekannter. „Es gibt zwei Antworten darauf“, antworte ich, obwohl es natürlich noch ganz viele mehr gäbe. „Die erste: Ich bin total frustriert; die zweite: ich habe immer mal wieder Super-Momente.“ Mein Bekannter zeigt sich ob der ersten Antwort bestürzt, die zweite scheint ihn nicht zu interessieren. „Frustriert?! So kenne ich Dich gar nicht, auf mich wirkst Du überhaupt nicht so. Wieso frustriert?“ „Weil so ziemlich alles im Leben nicht so ist, wie es meiner Meinung nach sein sollte.“ „Geht es auch konkreter?“ „In meiner Vorstellung sollten die Anständigen an der Spitze stehen, in der Realität ist das überhaupt nicht so. Auch finde ich, dass Lügner und Inkompetente aus dem Amt gejagt werden sollen, doch auch das ist nicht der Fall.“ „Du scheinst ganz unrealistische Vorstellungen von der Welt zu haben“, sagt mein Bekannter, der glaubt, sein Direktorengehalt sei seinen Fähigkeiten geschuldet.

Doch wie gesagt: Ich habe immer mal wieder Super-Momente. Sie treten meist dann ein, wenn ich meine Erwartungen vergessen habe, wenn ich nicht denke, wenn ich einfach wahrnehme, was ist. Doch kann man seine Erwartungen eigentlich vergessen? Nur für Momente, denn unser Gehirn ist antizipierend eingestellt, ist also immer schon bei dem, was kommt oder kommen könnte, es flieht das Hier und Jetzt.

Seit ich das Fotografieren entdeckt habe, gehe ich anders durch die Welt. Aufmerksamer. Letzthin, in Marseille, in einer engen Gasse entdeckte ich am Himmel über mir ein Stück Stoff, das sich in Stromleitungen verfangen hatte und nun vom Wind durch die Luft gewirbelt wurde, so dass immer wieder neue, nicht vorherzusehende Formationen entstanden. Ich blieb stehen und versuchte das Schauspiel mit meiner Kamera einzufangen. Jede Aufnahme zeigte one moment in time, mein Fotografieren wurde zur Meditation – ich tat, was ich tat, nicht mehr, nicht weniger, nur gerade das. Das trifft auch auf die untenstehende Aufnahme zu, die mir einiges an Geduld abforderte.

Die meiste Zeit gehe ich jedoch mit einer mir selten bewussten Erwartungshaltung durch die Gegend. So erwarte ich etwa, dass, wenn ich jemanden anständig behandle, mir ebenfalls anständig begegnet wird. Auch erwarte ich, dass ich nicht angelogen werde, dass die Menschen sagen, was sie denken, dass diejenigen, die die Steuerzahler viel Geld kosten, sich ihres Amtes fähig und würdig erweisen. Meines Erachtens sind dies absolut berechtigte Erwartungen, doch meine Erfahrung zeigt, dass ihnen eher selten entsprochen wird.

Das liegt unter anderem daran, dass unsere Kultur von uns verlangt, Heuchler zu sein. Das ist notwendig, um „unser“ System, das im Kosten-Nutzen-Denken gefangen ist, am Laufen zu halten. Gibt es eigentlich etwas Fantasieloseres als alles unter dem Aspekt von Kosten und Nutzen zu betrachten? Sollte es im Leben darum gehen, möglichst an dem Wunder teilzuhaben, dass wir für eine gewisse Zeit auf diesem Planeten unterwegs sein dürfen, dann eher nicht.

Santa Cruz do Sul, 20. Dezember 2023

Mittwoch, 10. Juni 2026

Redirect your thinking

 Stop thinking about the difficulty, whatever it is, and think about God instead.

This is the complete rule, and if only you will do this, the trouble, whatever it is, will disappear.

It makes no difference what kind of trouble it is. It may be a big thing or a little thing: it may concern health, finance, a lawsuit, a quarrel, an accident, or anything else conceivable: but whatever it is, stop thinking about it and think of God instead–that is all you have to do.

It could not be simpler, could it? God could scarcely have made it simpler, and yet it never fails to work when given a fair trial.

Do not try to form a picture of God, which is impossible.

Work by rehearsing anything or everything that you know about God. God is wisdom, truth, inconceivable love.

God is present everywhere, has infinite power, knows everything, and so on.

It matters not how well you may think you understand these things: go over them repeatedly.

But you must stop thinking of the trouble, whatever it is.

Emmet Fox

Santa Cruz do Sul, 9 December 2023

Sonntag, 7. Juni 2026

Das Hirn leeren

Santa Cruz do Sul, 15. Dezember 2022

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich mir Bildung angeeignet. Traditionelle Bildung, also wer hat was wann und in welchem Zusammenhang gesagt. Schulweisheiten. So sei es, wurde mir vermittelt, und nicht etwa, alles könnte durchaus auch ganz anders sein.

Gebildeten Menschen, die die Dinge historisch einzuordnen verstanden, brachte ich Hochachtung, ja Bewunderung entgegen. Auch dass andere Kulturen die Dinge anders bewerteten, gehörte zur Bildung. Dass alle damit nur Aussagen über ihr Denken machten, war mir die meiste Zeit meines Lebens nicht klar.

Wer gut argumentieren konnte, hatte meinen Respekt, wer zu differenzieren wusste ebenso. Dass das bessere Argument vor Gericht obenaus schwingt, kommt mir erst seit Kurzem ziemlich abartig vor, das mir solch ein Vetrauen in unser Denken abgeht.

Unserem Hirn erschliesst sich viel zu viel ganz und gar nicht. Und so will ich denn meinem Hirn nicht weiteres Wissen hinzufügen, will ich es leeren, so gut ich es vermag, denn mein Wissen verstellt mir den Blick auf die Welt.

Mich auf meine Gedanken zu verlassen, ist keine gute Idee. Zu oft haben sie mich in die Irre geführt. Neuerdings versuche ich zu beobachten anstatt zu denken. Meine Gedanken und Gefühle zu beobachten. Dabei mache ich die Erfahrung, dass Nicht-Denken mir gut tut. Auch weil mein Denken mir suggeriert, ich verstünde die Welt, mehr oder weniger. Das ist ein Irrtum. Auch das hat mich mein Denken gelehrt. Das Denken hat also durchaus Positives.

Doch alles hat bekanntlich seine Zeit. Jetzt ist für mich die Zeit des Nicht-Denkens gekommen. Weil mir das gewohnte Denken nicht mehr genügt, es sich erledigt hat, ich Neues erfahren will.

Das ist natürlich eine Wunschvorstellung, obwohl: ich bemühe mich drum. Nur eben: Gewohnheiten sind stark.

Mittwoch, 3. Juni 2026

Tag für Tag

Azmoos, am 8. August 2024

So wie es auch Zeit und Willenskraft kostete,
den Drogen abzuschwören, der Flucht, nach der man süchtig war.

Es war möglich, wenn man Tag für Tag erledigte, was zu tun war.
Dann würden irgendwann vielleicht auch wieder die Züge fahren.

Jo Nesbø: Macbeth