Die meiste Zeit meines Lebens habe ich mir Bildung angeeignet. Traditionelle Bildung, also wer hat was wann und in welchem Zusammenhang gesagt. Schulweisheiten. So sei es, wurde mir vermittelt, und nicht etwa, alles könnte durchaus auch ganz anders sein.
Gebildeten Menschen, die die Dinge historisch einzuordnen verstanden, brachte ich Hochachtung, ja Bewunderung entgegen. Auch dass andere Kulturen die Dinge anders bewerteten, gehörte zur Bildung. Dass alle damit nur Aussagen über ihr Denken machten, war mir die meiste Zeit meines Lebens nicht klar.
Wer gut argumentieren konnte, hatte meinen Respekt, wer zu differenzieren wusste ebenso. Dass das bessere Argument vor Gericht obenaus schwingt, kommt mir erst seit Kurzem ziemlich abartig vor, das mir solch ein Vetrauen in unser Denken abgeht.
Unserem Hirn erschliesst sich viel zu viel ganz und gar nicht. Und so will ich denn meinem Hirn nicht weiteres Wissen hinzufügen, will ich es leeren, so gut ich es vermag, denn mein Wissen verstellt mir den Blick auf die Welt.
Mich auf meine Gedanken zu verlassen, ist keine gute Idee. Zu oft haben sie mich in die Irre geführt. Neuerdings versuche ich zu beobachten anstatt zu denken. Meine Gedanken und Gefühle zu beobachten. Dabei mache ich die Erfahrung, dass Nicht-Denken mir gut tut. Auch weil mein Denken mir suggeriert, ich verstünde die Welt, mehr oder weniger. Das ist ein Irrtum. Auch das hat mich mein Denken gelehrt. Das Denken hat also durchaus Positives.
Doch alles hat bekanntlich seine Zeit. Jetzt ist für mich die Zeit des Nicht-Denkens gekommen. Weil mir das gewohnte Denken nicht mehr genügt, es sich erledigt hat, ich Neues erfahren will.
Das ist natürlich eine Wunschvorstellung, obwohl: ich bemühe mich drum. Nur eben: Gewohnheiten sind stark.

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