Sonntag, 8. November 2026

Vom Schreiben & dem Ego

Santa Cruz do Sul, 7. Februar 2025

Es blieb also gar nichts. Es reduzierte sich alles darauf, dass ein Text etwas war, in dem man sich für etwas ausgeben wollte, in dem man eine Weltinterpretation verklickern wollte, in dem man sich für wichtig und die Welt für erklärbar halten wollte. Es waren neurotische Eitelkeiten, untaugliche Versuche, dem Tod zu entkommen, dem Leben etwas Entscheidendes abgewinnen zu wollen, ohne sich dem Leben preisgeben zu müssen. Ich will leben, aber nicht schuld sein, also schreibe ich. John hatte recht: Es war ein Fehler gewesen zu meinen. ich könnte dem Psychoschlamm entkommen und mich in aufgeklärte Rechtfertigungen retten

Hermann Kinder: Der helle Wahn

Mittwoch, 4. November 2026

Vom Unbewussten

Porto Alegre, 18. März 2025

Aus medizinischen Gründen zu sechs Wochen "Quasi-Hausarrest" verurteilt, begann ich mich intensiv mit bereits gelesenen Büchern auseinanderzusetzen. Wieso ich zu Roberston Davies' Das Fabelwesen und Cormac McCarthys Stella Maris griff, weiss ich nicht. Jedenfalls: In beiden spielt C.G. Jung eine wesentliche Rolle; bei Roberston Davies in einem positiven, bei Cormac McCarthy in einem negativen Sinne. Mein eigenes Bild von Jung war bis dahin ausschliesslich positiv geprägt, grösstenteils ist es das nach wie vor.

Die Idee vom kollektiven Unbewussten habe Jung geklaut, so McCarthy. Solche Vorstellungen hätten in verschiedenen Kulturen schon lange existiert. Vor allem jedoch sei das Unbewusste viel älter als die Sprache, mithin sei der Versuch, es sprachlich deuten zu wollen, ein Unsinn. Darüber hinaus drücke sich das Unbewusste auch gar nicht in Sprache aus, sondern in Bildern. Und nicht zuletzt: Das Unbewusste sei reine Biologie und leite die Tiere schon viel länger als es die Sprache überhaupt gegeben habe.

Ich habe die Vorstellung, das Unbewusste sende uns Nachrichten, etwa in Gestalt von Träumen, immer schon grotesk gefunden (das Unbewusste heisst so, weil uns nicht bewusst ist, wir nicht wissen können, was da abläuft), auch natürlich, weil das, was wir in Dinge hineininterpretieren mehr über uns als über diese Dinge aussagt. Zugegeben, die Traumdeutung kann unterhaltsam sein, die Astrologie ist es ja auch. Und vieles andere mehr, das vor allem willkürlich ist.

 Für mich ist heutzutage so ziemlich alles Biologie, schliesslich gibt es ohne Körper auch keinen Geist. Dass wir unser Bewusstsein, das einen geringen Teil unseres Daseins ausmacht, als wichtig einstufen, ist die reinste Verblendung. Ob wir allerdings ohne diese (und andere Illusionen) auskommen könnten, bezweifle ich. Nichtdestotrotz, ab und zu ist das ausgesprochen wohltuend.

„Wir wissen nur, was wir wissen müssen. Kein evolutionärer Mechanismus befähigt uns, Phänomene zu erkennen, die für unser Überleben unerheblich sind. Über manche Dinge wissen wir nichts, und darum wissen wir nicht, dass es sie gibt. Glauben wir.

Das wäre dann das Übernatürliche?
Ich glaube, es wäre einfach das Wovon.
Das Wovon.
Von dem man nicht sprechen kann.
Wittgenstein.“

Sonntag, 1. November 2026

To be present

Sargans, 29 October 2026

That to be present is a present I only understand intellectually, if at all. I associated it with a sense of being indescribably happy. The only times I experienced such a sensation was in intimate moments with a woman. I guess it had to do with fulfilled longings.

Nowadays, I experience the present differently. As something that just is. The idea that it should feel exciting seems to be gone. Instead it feels strangely unreal. At the same time, I'm glad and grateful to experience what just is. No resistence, no insistence that it should feel like my longings dictate. My old self however doubts that it will last.

Mittwoch, 28. Oktober 2026

Fridolins Geschichte oder Die Abkehr vom gängigen Denken

 „Was ist denn mit dir passiert?“, fragte Aurora, die, bevor sie sich mit Installationen in Kunstkreisen einen guten Ruf erworben hatte, Petra hiess. „Du wirkst ganz anders, irgendwie frischer.“

„Ich habe mit dem Saufen aufgehört“, erwiderte Fridolin.

„Einfach so?“

„Nein, nein, gar nicht einfach so. Es ist eine lange Geschichte. Und so recht eigentlich ist es gar keine Saufgeschichte.“

„Ich verstehe nur Bahnhof.“

„Saufen war das Symptom. Und auch die Ursache.“

„Wofür?“

„Angst.“

„Angst wovor?“

„Dem Leben, dem Tod, you name it.“

„Das ist mir zu allgemein, damit kann ich nichts anfangen.“

„Und ich kann mit dem Konkretisieren nichts anfangen. Genauer: Nichts mehr anfangen, denn lange habe ich selber auch gedacht, alles müsse einen konkreten Grund haben. Das glaube ich nicht mehr.“

Als Aurora dann wissen wollte, was ich heute glaube, zitierte ich Paul Valéry („Das Kausalitätsprinzip hat unserem Geist recht seltsame Streiche gespielt.“), dem sie zwar zustimmte, doch womit sie sich nicht zufrieden geben wollte. Auch mein Hinweis auf den Buddhismus, der das Ich als Illusion begreift, genügte ihr nicht. Nicht einmal meine eigene Weisheit, der gemäss Widersprüche nur in meiner Vorstellung existierten, konnte sie zum Schweigen bringen. Sie insistierte auf einer praktischen Anleitung, die sie für sich selber prüfen wollte

Also gut, sagte ich, doch dafür muss ich ausholen.

Ob ich glaube, dass Russland in die Ukraine einfallen werde?, fragte mich ein Student im Januar 2022 während des Englischunterrichts im brasilianischen Santa Cruz do Sul, wo ich jeweils drei Monate im Jahr im Einsatz bin. Ich vermute, diese Drohungen seien der Lage in Russland geschuldet; das Ziel sei wohl, das Gefühl der Einheit im Innern zu stärken, indem man einen äusseren Feind heraufbeschwöre, gab ich zur Antwort.

Damals hielt ich meine Antwort für einigermassen vernünftig, damals hörte ich Leuten zu, die mir Russland oder Amerika erklärten. Heutzutage halte ich Leute, die glauben, man könne den allgegenwärtigen Irrsinn erklären, für irrsinnig.

Dass alles seinen (guten) Grund habe, ist uns selbstverständlich, wie auch, dass niemand etwas ohne (guten) Grund tut. Nur eben: Wer weiss das schon? Kann man das überhaupt wissen? Man kann es glauben, und unser Glaube bestimmt unser Tun.

Man kann auch an etwas ganz anderes als an unsere gängigen Welterklärungen glauben. Seit ich vor gut zwanzig Jahren in der kalifornischen Wüste (wie passend!) auf Sharon Camerons „It is possible to think this: without a reference point there is meaninglessness. But I wish you’d understand that without a reference point you’re in the real.“ gestossen bin, sehe ich die Welt anders, neu. Allzu vieles scheint mir heutzutage vollkommen willkürlich. Die Geschichtsschreibung, die Juristerei … Nichts als Argumente!

Dass wir unseren Gedanken eine derartige Bedeutung geben, ist mir so recht eigentlich unbegreiflich, denn sie kommen und gehen, wie es ihnen passt, machen mit uns, was sie wollen. Die Vorstellung, wir wüssten, was und warum wir tun, was wir tun, ist absurd.

Ob Sie an ein Leben nach dem Tod glaube?, wurde Hilary Mantel einst gefragt. Ja, antwortete sie. Sie könne sich zwar nicht vorstellen, wie das gehen solle, doch das Universum sei nicht so begrenzt wie ihre Vorstellungskraft.

***

Mein Denken ist ein westliches, also geprägt vom Unterscheiden: Richtig/Falsch, Entweder/Oder, Schwarz und Weiss, Anfang und Ende. Die australischen Aborigines, so lernte ich einst von einem amerikanischen Linguisten, denken anders. Das hier, der Linguist hielt einen langen, glatten Holzstecken in der Hand, der an beiden Enden genau gleich aussah, das hier, er deutete auf das eine Ende, ist der Anfang, und das hier, er deutete auf das andere Ende, ist das Ende. Der Aborigine nahm ihm den Holzstecken aus der Hand, drehte ihn um die eigene Achse und fragte: Und wo ist jetzt der Anfang und wo das Ende?

Ich bin mir der Willkür meines Denkens (und meiner Sprache) oft bewusst, doch das ändert wenig, da Einsichten generell überschätzt werden. So wissen wir etwa, dass die Erde um die Sonne kreist, doch reden wir immer noch davon, dass die Sonne auf- und untergeht! „Understanding is a feeling“, hat mich meine Auseinandersetzung mit der Fotografie gelehrt. Ein Denken, dass das Herz nicht erreicht, ist nichts weiter als eine gedankliche Spielerei.

„Halt, Stopp!“ unterbrach Aurora seinen Vortrag. „Das klingt mir schon arg nach Denken bringt nichts. Glaubst du das wirklich?“

„Muss es denn was bringen?“, gab Fridolin zurück.

„Dass der Mensch von Nützlichkeitserwägungen geleitet wird, ist doch offensichtlich.“

„Das sehe ich auch so. Wir werden von der Biologie regiert. Unser ganzes Streben und Trachten wird von unserem Lebenswillen bestimmt. Unser Denken ist diesem Lebensinstinkt untergeordnet. So hat etwa die Hirnforschung gezeigt, dass unser Hirn ständig unser Verhalten rationalisiert. Im Nachhinein.“

„Im Nachhinein? Du meinst, wir bestimmen nicht, was wir tun, wir seien so eine Art Maschine?“

„Das sind wir in der Tat, wenn auch eine überaus komplexe und hoch entwickelte. Nimm doch nur das Sprechen: Wenn ich jetzt mit dir rede, purzeln die Worte vollkommen automatisch aus meinem Mund, mir gehen dabei keine grammatikalischen Regeln durch den Kopf, auch habe ich keinen Schimmer, welches die nachfolgenden Sätze sein werden.“

„Das habe ich mir noch gar nie überlegt.“

„Noch vieles andere funktioniert ganz ohne mein bewusstes Dazutun. Herzschlag, Atmung, Verdauung. Wir sind so eine Art Container, in dem das Leben pulsiert.“

„Du meinst also, die Vorstellung, wir würden unser Leben bestimmen, sei falsch?“

„Sie ist falsch. Objektiv gesehen, also ohne Emotionen, aus Distanz betrachtet.“

„Das leuchtet mir ein, doch gleichzeitig finde ich unsere Art zu denken nützlich, schliesslich unterstützt sie unseren Lebenswillen.“

„So ist es. Doch gleichzeitig macht sie uns leiden, führt sie uns ins Desaster.“

„Wieso denn das?“

„Sie veranlasst uns, in einer Illusion zu leben. Wir klammern uns ans Leben, von dem wir wissen, dass es vergänglich ist. Sich an etwas Vergänglichem festzuhalten, ist schon ziemlich irre.“

„Okay, der Preis dafür ist also Leiden. Doch leiden, das können wir. Aber ein Desaster?“

„Unser Denken verlangt Sicherheit, Kontrolle. Das ist das Gegenteil der Unsicherheit, die für unser Dasein charakteristisch ist.“

„Schon, aber wo siehst du das Desaster?“

„Schau dir an, wie wir die Natur behandeln. Wie blöd, ja, wie verblendet muss man sein, um die eigene Lebensgrundlage zu zerstören? Es ist die Diktatur der Gier, die uns regiert. Nichts ist jemals genug, immer wollen wir Mehr-Mehr-Mehr.“

„Zugegeben, das ist alles andere als rational. Doch wie willst du das ändern?“

„Indem man das Bild, das man von sich selber hat (Ich weiss, was ich tue) durch die Realität ersetzt: Ich bin Teil der Natur, Teil des Universums. Alan Watts hat überaus Schlaues dazu geschrieben. 'Die ganze Welt bewegt sich durch dich hindurch – kosmische Strahlen, Sauerstoff, der Strom von Steaks und Milch und Eiern, die du verspeist– , alles fliesst geradewegs durch dich hindurch. Du bist ein Wirbel, und die Welt wirbelt dich herum.' Ich finde es ausgesprochen befreiend, mir das so vorzustellen. Auch natürlich, weil wir in erster Linie wir daraufhin gedrillt werden, das Leben im Sinne von Fortbestand und Nutzen zu betrachten. Nur eben: Dabei entgeht uns das Wesentliche, die Magie. Noch einmal Watts: 'Und weil wir mit der Zeit aufhören, die Magie in der Welt zu sehen, taugen wir irgendwann nicht mehr für das Spiel der Natur, ihrer selbst gewahr zu sein, und sterben. Um nichts anderes geht es im Leben.'“

„Klingt schön und gut, doch ich muss Geld verdienen ....“, lachte Aurora. „Und überhaupt: Du wolltest mir doch erzählen, wie du mit dem Saufen aufgehört hast. Stattdessen hältst du mir einen Vortrag über unsere Art zu denken. Wo ist da der Zusammenhang?“

„Hier ist er: Etwa zehn Jahre lang versuchte ich mit dem Saufen aufzuhören. Alleine, ohne Hilfe. Ich las tonnenweise Psychologie, Philosophie, Literatur; alles, von dem ich mir Antworten versprach auf meine existenziellen Nöte. Ein Alkoholproblem war mir zu banal; dafür war ich zu gescheit, zu komplex, zu schwierig, zu sensibel. In alten Tagebüchern stiess ich dann des öfteren auf einen Eintrag, der da lautete: Montag beginne ich ein neues Leben. Zum ersten Mal notierte ich dies im Alter von vierzehn. Ich schien zu glauben, dass Veränderungen nur an einem bedeutungsvollen Tag möglich seien. Montag, Weihnachten, Geburtstag usw. Das war offenbar ein Muster – und natürlich gänzlich absurd. Mein Kopf wusste das, mein Gefühl aber nicht. Du kannst dich doch nicht von deinen Gefühlen regieren lassen, sagte mein Kopf. Konsequenzen hatte es keine. Und dann trat ein, was ich wusste, das nicht eintreten konnte: An einem Montag, der gleichzeitig ein 1. Januar war, hörte ich auf zu saufen.“

Aurora lachte: „Kein Wunder traust du deinem Denken nicht mehr.“

„So weit würde ich nicht gehen. Im Alltag finde ich mein gewohntes Denken ganz okay. Doch da, wo ich die Notwendigkeit zur Veränderung spüre, darf ich mich nicht darauf verlassen, da muss ich handeln. Und durchs Handeln verändert sich das Denken. Das Handeln kommt zuerst, dann kommt erst das Denken. Für die Hirnforschung ist das schon lange klar.“

„Du meinst: Man kann sich in ein neues Denken hinein handeln?“

„Ganz genau. Bei der Alkoholsucht ist das offensichtlich: Du weisst nicht nur, dass du ein Problem hast, du weisst auch ganz genau, was du zu tun hast: Nicht saufen.“

„Wenn es so einfach wäre.“

„Es ist so einfach. Was zu tun ist, ist einfach. Wir sind schwierig. Wir wehren uns gegen Veränderung, geben erst auf, wenn wir müssen.“

„Wie bist du da drauf gekommen.“

„In einem Hotel im indischen Jaipur kam ich mit dem Besitzer ins Gespräch, der mich zu einem Treatment Center mitnahm, das von Ex-Alkis geführt wurde. Auf meine Frage, wie viele ihrer Patienten freiwillig hier seien, sagte man mir: Keiner. Und was ihre Erfolgsquote sei? 17 Prozent. Ich weiss von keiner Suchteinrichtung, die auf Freiwilligkeit basiert, die eine derartige Erfolgsquote vorzuweisen hat. So um die 7 Prozent ist meines Wissens die Regel. Ich leite daraus ab, dass nicht so sehr die Motivation, sondern zu handeln entscheidend ist. Ob man will oder nicht, man muss es einfach tun. Drei Monate waren diese Alkis dort eingesperrt, konnten also nichts trinken. Und bei einigen hat dies zur einer grundlegenden Veränderung geführt. Ganz einfach, weil sie nicht trinken konnten.“

„Unser gängiges Denken ist in der Tat ganz anders, da liegt der Akzent eindeutig auf der Motivation.“

„Ich behaupte nicht, dass diese unwichtig sei; ich sage nur, dass, wie wir wirklich denken, sich in unserem Handeln zeigt. Nicht in dem, was wir sagen. Auch nicht in unserem Bewusstsein, das eh nur einen kleinen Teil unseres Seins ausmacht. Wenn mir einer mit viel Geld und grossem Haus erzählt, Geld sei ihm nicht wichtig, erzählen mir seine Lebensumstände etwas ganz anderes.“

„Was mir immer noch nicht wirklich klar ist: Wie können wir mit dem uns geläufigen Denken neu denken lernen?“

„Durch Beobachtung. Als ich letzthin mit meinem jüngeren Bruder telefonierte, liess ich ihn auch wissen, dass ich schon seit einiger Zeit die gängigen Erklärungsmuster nicht mehr ertrage. In einer Goethe-Biografie hätte ich letzthin gelesen, der Dichter und Denker habe von der Weltgeschichte, 'dieser idealistischen Überhöhung disparater Ereignisse', wenig gehalten. Und so sähe ich das auch. Überhaupt, führte ich weiter aus, würden mir Erklärungen wenig helfen; mein Bemühen liege auf dem genauen Hinschauen, dem Beobachten meiner Gedanken und Gefühle, die ich übrigens nicht unterscheiden könne. Dabei sei mir auch aufgefallen, dass meine Widerstände gegen Veränderungen weit grösser seien als ich mir das hätte vorstellen können. Nähme ich mir zum Beispiel etwas vor, so sei damit schon fast garantiert, dass ich es nicht tun würde. Lasse ich mich jedoch sein wie ich gerade bin, und schaue genau hin, auf mich und um mich herum, tauche immer mal wieder etwas auf, das ich dann umgehend angehe. Einer dieser Momente, auf den ich entschlossen reagiert habe, führte dazu, dass ich angefangen habe, den Keller zu räumen. Ich sei immer noch dabei. Als ich mit meinen Ausführungen schliesslich zu Ende kam, meinte mein Bruder, er habe den Eindruck, ich übe, in der Gegenwart zu sein. Erst seine zusammenfassenden Worte machten mir klar, dass ich genau das tue. Es ist dies für mich die einzige Lebensform, die mich nicht verzweifeln lässt. Einen Schritt nach dem andern zu machen. Langsam.“

„Ganz entspannt im Hier und Jetzt?“, lachte Aurora.

„Wäre ja wirklich nicht schlecht, doch Nein, bei mir geht es Rauf und Runter, Hin und Her, und das alles rasend schnell. Meine Befindlichkeit hat C. G. Jung in seiner Autobiografie Erinnerungen, Träume, Gedanken so beschrieben: „Ich bin ausserstande, einen definitiven Wert oder Unwert festzustellen, ich habe kein Urteil über mich und mein Leben. In nichts bin ich ganz sicher. Ich habe keine definitive Überzeugung – eigentlich von nichts. Ich weiss nur, dass ich geboren wurde und existiere, und es ist mir, als ob ich getragen würde. Gleichzeitig erfahre ich eine Kontinuität des Seins, die mich immer mal wieder dazu verleitet, die Realität als immerwährende Gegenwart zu begreifen.“

„Verstehe, doch was genau dieses neue Denken ist, verstehe ich immer noch nicht so recht.“

„Vielleicht sollte es negativ beschreiben: Mich interessieren Gründe, Erklärungen und Rechtfertigungen heute wenig. Ich finde absurd, dass vor Gericht, das bessere Argument gewinnt.“

„Okay, doch was wäre die Alternative?“

„Mein Hirn, das antizipatorisch unterwegs ist und mir dauernd davonrennt, leeren. Não pense, veja (Denke nicht, schau), habe ich vor Jahren bei einem brasilianischen. Zen-Buddhisten gelesen. Und vergesse es leider immer wieder. Doch genau das gilt es zu üben, denn dann bin ich in der Gegenwart.“

„Also für mich klingt das schon sehr nach einem Loblied auf die Gefühle.“

„Nein, Nein! Mir geht es um Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Präsenz, genaues Hinhören. Damit meine ich keineswegs meinen Gefühlen zu folgen, sondern sie gleichsam von aussen zu betrachten, seinen Verstand einzusetzen und sich zu fragen: Will ich in diese Richtung oder doch in eine andere.“

„Seinem Bauch folgen.“

„Nur das nicht! Die Bauchgefühl-Enthusiasten sind eitle Egomanen, die meinen ihre (und nur ihre!) Gefühle seien gleichsam göttlich. Sie halten sich für Auserwählte. Kennst du Byron Katie? 'Alles kommt und geht.' Und: 'Ich nehme die Dinge wie sie kommen und gehen. Das ist wahre Liebe', schreibt sie. Wenn man sich auf diese Sätze wirklich einlässt und das tut man, indem man weder denkt noch nicht-denkt, sondern sich einfach widerstandslos dem überlässt, was geschieht, wird man sich frei fühlen.“

„Hingabe also. Das verstehe ich. Doch du hast doch gesagt, wir sollten den Verstand benutzen, um uns die Richtung vorzugeben. Das ist doch ein Widerspruch.“

„Na ja, Widersprüche existieren nur in unserem Kopf.“

***

Ein paar Tage später gingen Aurora und Fridolin im Schweizer Jura spazieren. Bei Courcelon, in der Nähe von Delémont, einem Gebiet für Pferdeliebhaber, und Fahrrad-Touristen.

„Wenn man von neuem Denken spricht“, setzte Aurora an, „dann setzt das ja voraus, dass es ein altes Denken gibt, was ich irgendwie eigenartig finde, da wir doch nur ein Denken haben.“

„So isses! Doch wir können die Richtung vorgeben. Glauben wir zumindest. Und was wir glauben, leitet uns. Als die Schauspielerin Beryl Reid einmal gefragt wurde, 'wie sie sich in eine neue Figur einfinde, wie sie das Gefühl dafür bekomme, jemand anders zu sein, antwortete sie: 'Als Erstes suche ich mir die Schuhe aus.' Der Rest kommt dann von ganz allein.' Weil sie damit der Automatik, die uns grösstenteils bestimmt, die Richtung vorgegeben hat.“

„Das gefällt mir. Und erinnert mich an Sherlock Holmes, der die Auffassung vertritt, dass das Aufnahmevermögen unseres Hirn begrenzt ist, weshalb wir denn auch gut überlegen sollten, welches Wissen uns dienlich ist und welches vollkommen unnütz ist.“

„Denk nur einmal an die Medien, die jeden Tag Psychopathen eine Plattform geben. Weil sie damit Klicks erhalten. Das ist sowas von krank, ich habe mich davon verabschiedet.“

„Dich kümmert nicht, was auf der Welt vor sich geht?“

„Schlagzeilen und Vorspann genügen.“

„Und was tust Du stattdessen?“

„Ich gebe mir Mühe, geistig da zu sein, wo ich physisch bin. Da das Hirn kein neutraler Beobachter der Wirklichkeit, sondern ein Vorhersageorgan ist, bin ich dabei, das Innehalten lernen.“

„Du sagst Dir also: Halt! Stopp!“

„Genau. Daraufhin entschleunige ich, gehe ich die Dinge langsamer an. Das fördert mein Präsent-Sein.“

„Was meint Vorhersageorgan eigentlich konkret““

„Das Gehirn nutzt sein Vorwissen und seine Erwartungen über die Welt, um sie zu verstehen. Anders gesagt: Wie wir die Welt sehen, wird bestimmt von dem, was wir wissen und erwarten. We do not see things as they are, we see things as we are, heisst es im Talmud.“

„Innehalten bedeutet also, das Hirn anzuhalten?“

„Das geht leider nicht“, lachte Fridolin, „ist womöglich aber auch gut so. Innehalten erlebe ich als staunendes Wahrnehmen dieses rasanten Stroms von Gefühlen, Gedanken, Emotionen, die mein Hirn durchqueren. Da gibt es weder Anfang, Ende, noch Auslöser. Und führt dazu, dass ich mich dem nur hingeben kann.“

***

Natürlich richtete Fridolin nicht seine ganze Energie darauf, möglichst gegenwärtig zu sein. Das ging nur ab und zu, und auch dann eher selten so, wie er es sich wünschte. Doch neu zu denken – und darum war es ihm nicht unwesentlich zu tun – bedeutete nicht nur, vom vertrauten Medienkonsum abzulassen, sondern sich neu zu orientieren. In seinem Falle meinte das, sich nicht mehr auf das zu konzentrieren, das er nicht hatte, sondern zu lernen, dankbar dafür zu sein, was er hatte.

Er stellte sich vor sein Bücherregal, nahm heraus, was ihm gerade ins Auge fiel. Rohinton Mistry: A Fine Balance. In Singapur gekauft, daran erinnerte er sich, zu einer Zeit, da er von Asiatischem nicht genug kriegen konnte. Hatte er es jemals gelesen? Er wusste es nicht, bezweifelte es jedoch. Und hier: Zia Haider Rahman: soweit wir wissen, worin er sich unter anderem angestrichen hatte: „... wir müssen die Erwartung aufgeben, alles verstehen zu können, um wenigstens den Weg zu einem teilweisen Verständnis einzuräumen.“ Kein neuer Gedanke, wahrlich nicht. Ihn anzuwenden, würde ihn allerdings zu einem neuen Gedanken machen, denn was wir wirklich denken, zeigt sich allein in unserem Tun.

Sonntag, 25. Oktober 2026

In the Cathedral

1 March 2026

A sunny Sunday afternoon in Porto Alegre in the Southbrazilian summer of 2026, few people are on the streets, quite some do not exactly inspire confidence. The cathedral near my downtown hotel I've a few times photographed, today I go inside, sit on one of the benches and let my thoughts wander.

People of former times demonstrated with their churches that they paid tribute to a higher power, that there was more to life than they themselves, that they were not self-sufficient. Life was more than what they were able to understand. Religion was an expression of their longing to understand.

Mittwoch, 21. Oktober 2026

Witzig und lehrreich

Montpellier, 18. Mai 2024

"Infolge eines ungerechten Paradoxes wünschten sich Frauen mit glatten Haar grundsätzlich Locken, während die mit Locken sich gerade Haare wünschten."

"... mit der jedem Hund eigenen Fähigkeit, gute Menschen zu erkennen...".

"All die kleinen Entscheidungen meines Lebens wurden mit dem Verstand getroffen, aber keine der wirklich wichtigen."

"Ich liebte sie so innig und rein, wie es einem Zwölfjährigen nur menschenmöglich ist. Selbstverständlich sprach ich nie auch nur ein Wort mit ihr und glaube nicht, dass sie es je erfahren hat."

"Der Mensch ist ein so viel tiefgründigeres Wesen, als der Mensch selbst je ermessen kann (...) Ein Beweis, dass es Gott doch geben muss (...) anders lässt sich das nicht erklären."

Niall Williams
Das ist Glück
Ullstein, Berlin 2025

Sonntag, 18. Oktober 2026

Vom Wert der Vergänglichkeit

Reinhold Messner ist mir zuerst in Talkshows aufgefallen, als gescheiter, eloquent argumentierender Mann. Später dann habe ich auch Bücher von ihm gelesen, die mich immer mal wieder zum Denken angeregt haben. In ihrem ersten gemeinsamen Buch, Sinnbilder), zitieren Diane und Reinhold Messner Milarepa mit den Worten: „Meine Religion ist es, ohne Bedauern zu leben und zu sterben.“ Mehr gibt es für mein Dafürhalten eigentlich nicht zu sagen, doch das Ehepaar Messner sieht das anders. Ihr jüngstes Werk heisst: Lebenszeit. Vom Wert der Vergänglichkeit. 

Er schreibt seine Texte, sie ihre. Er beginnt mit seiner gegenwärtigen Altersbefindlichkeit, sie mit einer Liebeserklärung an ihn. Dann folgen Jugenderinnerungen von ihm, und ich frage mich wieder einmal, was jemanden dazu treibt, solche aufzuschreiben. Vielleicht frage ich mich das auch, weil ich an meine eigenen kaum Erinnerungen habe, sie mir wie ein Traum vorkommen, nicht zu greifen scheinen.

Vor allem Reinhold Messner schreibt ausgiebig von seinen Erinnerungen, an seinen Grossvater, seine Grossmutter, sein Unterwegssein in unwirtlichen Gegenden. Auch seine Frau erzählt von Kindheit und Jugend, und auch von ihrem Sohn. Mir sagt das nichts. Hingegen sprechen mich die Reflexionen an, von beiden. Sätze wie "Verstehen allein verändert nichts"(Diane Messner) oder "Menschern haben ein Bewusstsein – im Gegensatz zu anderen Lebewesen  – und dieses Bewusstsein bleibt im Kern bis ins Alter das gleiche." (Reinhold Messner).

Auch die Beziehung der beiden durchzieht das Buch. Vor allem, wie er zunehmend von ihr abhängig wird, was sowohl ihm als auch ihr Mühe macht. Zu weiten Teilen bestehen diese Aufzeichnungen aus gegenseitigen Deklarationen der Liebe füreinander. Weshalb sie glauben, das gehöre an die Öffentlichkeit, entzieht sich mir. Ich fühle mich gelegentlich als Voyeur, und mag das ganz und gar nicht.

Immer wieder kommt der beträchtliche Altersunterschied (sie ist 35 Jahre jünger) der beiden zur Sprache, und speziell seine Auswirkungen. Kein Wunder, denkt man sich da, wird das mit zunehmendem Alter problematisch. Nur eben: Was die beiden verbindet, ist weder altersabhängig, noch lässt es sich mit unserem gängigen Denken fassen. Wieder einmal werde ich daran erinnert, dass wir vom Unbewussten geleitet werden, also wenig wirklich verstehen, doch wir können uns hingeben, auch dem, was wir nicht verstehen (können).

Doch die unterschiedlichen Lebensalter fordern heraus, und geben Anlass zur Reflexion.  "Ich stand dort und spürte nur meinen Zeitdruck. Ich fragte mich, wann genau ich begonnen hatte, Geschwindigkeit mit Wichtigkeit zu verwechseln. Wann Warten zu einem Makel geworden war. Reinhold wartete draussen, geduldig wie immer. Ich wartete drinnen, ungeduldig wie immer." 

Dass die Erinnerungen sich verselbständigen, und er, der ein Leben lang in der Öffentlichkeit gestanden ist, die nunmehr ausbleibende Aufmerksamkeit vermisst, ist gut nachvollziehbar. Ebenso wie er das alles rationalisiert, auch wenn mich dabei stets der bereits zitierte Satz seiner Frau begleitet: "Verstehen allein verändert nichts." Wenn er etwa schreibt, dass es normal sei, wenn uns im Alter weniger Aufmerksamkeit entgegengebracht werde, und dies bedeute, "dass es Zeit ist loszulassen, am besten in kleinen Dosen und ohne Bedauern", ist das zwar leicht gesagt, doch gibt es eben auch noch das praktische Umsetzen. "Er erträgt es schwer, wenn Dinge verloren gehen und Unachtsamkeit der Grund dafür ist."

Lebenszeit ist ein vielfältig anregendes Werk, eine Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Lebensfragen. "Sich die Welt denken und sie sich verwirklichen sind zwei Paar Schuhe. Denken ohne Handeln bleibt ein unbestiegener Berg." (Diane Messner). "Dieser Himalaya hat mich nicht erhöht, er hat mich reduziert auf das, was ich wirklich bin." (Reinhold Messner). Es ist zudem ein Werk, das gelegentlich zum Widerspruch reizt. "Denn Geschichte verschwindet, wenn niemand die vielen Geschichten festhält", so Reinhold Messner. Stimmt schon, doch da das Leben sich andauernd ändert, ist das Festhalten-Können letztlich eine Illusion. Dazu kommt, dass das Aufschreiben von etwas meist dazu führt, dass man dieses Etwas dann vergisst.

Für Reinhold und Diane Messner ist zentral das Tun, das Handeln. Das Buch berichtet von ihren zahlreichen Tätigkeiten, aber auch vom Unterwegssein (Bali, Varanasi ...) und immer wieder von Vergangenem, vom Bergsteigen ("... Alpinismus ist nicht der Triumph menschlichen Willens über die Naturgewalten, sondern die Kunst, dort zu überleben, wo der Mensch nicht hingehört."), von dem also, was ihr Leben geprägt hat. Der Reiz dieser Aufzeichnungen besteht darin, dass sie zum eigenen Denken anregen.

Hier noch die für mich schönsten, weil hilfreichsten Sätze in diesem Werk voller Trouvaillen. "Ich empfinde diese Endlichkeit vor allem nicht als Bedrohung, sondern als Einladung. Ich möchte kein Leben ohne Herausforderungen. Ich möchte gefordert sein, weil ich mich dann lebendig fühle." (Diane Messner) "Einst bin ich mit völliger Hingabe und Konzentration in eine grosse Wand eingestiegen, alles in mir war Achtsamkeit, über Stunden, manchmal Tage hinweg (...) Das Nahen des Todes hingegen ist wie ein vages Ahnen, ein leerer Raum, ein Zustand, über den wir wenig oder nichts wissen, etwas, was sich der Vernunft entzieht, etwas, das der Mensch nie beherrschen wird." (Reinhold Messner).

Fazit: Eine erhellende und bereichernde Auseinandersetzung mit den grundlegenden Fragen unserer Existenz.

Diane & Reinhold Messner
Lebenszeit
Vom Wert der Vergänglichkeit
S. Fischer, Frankfurt am Main 2026