Mittwoch, 7. Oktober 2026

Mein Stottern, das Leben und ich

JJennifer Springer ist angehende Lehrerin, lebt in Köln und entwickelte infolge eines Schlaganfalls eine neurogene Form des Stotterns. Wie viele im Lehrberuf Tätige eignet auch ihr ein recht ausgesprägtes Sendungsbewusstsein. "Mein Wunsch ist, mit diesem Buch Vorurteile abzubauen und eine Gesellschaft zu schaffen, in der sich jeder Mensch, unabhängig von seiner Art zu sprechen, traut, den Mund aufzumachen und gehört wird. Ich hoffe, das ist mir gelungen." Was mich angeht (ich bin mit Stottern nicht vertraut), so hat mir ihr Buch wieder einmal zu Bewusstsein gebracht, was für furchtbare Auswirkungen der Konformitätsdruck auf uns Menschen hat, und ganz speziell auf die, welche aus dem sozial akzeptierten Verhaltensraster fallen.

"Wir müssen aufhören, Stottern wie etwas zu behandeln, dass man möglichst schnell wegtherapieren muss", gehört für mich zu den Leitgedanken von Mein Stottern, das Leben und ich.  Eine Aussage, die in unseren therapiefreundlichen Zeiten hoffentlich an Einfluss gewinnen wird, da von den meisten Therapieansätzen letztlich vor allem die Therapeuten profitieren.

Mein Stottern, das Leben und ich ist ein vielfältig aufklärendes Werk. So lernt man etwa, dass richtig zu stottern, gelernt werden muss. Oder, dass Stottern mit Begleiterscheinungen wie Migraine oder Depression einhergehen kann. Oder, dass nicht das Stottern das zentrale Problem ist, sondern vor allem der Umgang damit. Wobei, es ist komplizierter, auch das lernt man in diesem Buch.

Wer stottert, kann oft nicht mehr an den gewohnten sozialen Interaktionen teilhaben, da es manchmal zu lange dauert, bis die richtigen Worte gelingen. was den Kommunikationsfluss stört. Geduldige Gesprächspartner sind auch nicht die Regel. Und so zieht man sich zurück, vermeidet Kontakte, in denen das Sprechen gefragt ist. Dazu kommt: "Stottern macht etwas mit der Persönlichkeit, es verändert einen  – im Guten wie im Schlechten."

War sie vor dem Stottern schlagfertig, vermisst sie jetzt ihren schnellen Redefluss. Das Selbstvertrauen ist weg, sie kennt sich nicht mehr, und auch die anderen kennen sie nicht mehr. Angst- und Erschöpfungszustände stellen sich ein

In der Selbsthilfegruppe lernt sie, dass es ganz verschiedene Arten des Stotterns gibt; in der Bonner Stottertherapie lernt sie, "richtig" zu stottern. Dann folgte der Angstabbau. "... das Beste, was man gegen die Angst machen kann, sich dieser zu stellen." Fürs Stottern gilt das Gleiche: Es geht darum, sich ihm zu stellen, und das meint: "so zu stottern, dass es einen weniger anstrengt, und so selbstbewusst zu stottern, dass man sich traut, ohne Angst vor anderen zu sprechen (wenn es so was wie selbstbewusstes Stottern denn überhaupt gibt)."

Das Kapitel "Akzeptanz mich am Arsch: Wieso es für mich so schwer ist, das Stottern zu akzeptieren" machte mich immer mal wieder zustimmend schmunzeln, denn Jennifer Springer setzt sich mit der Verwendung des Begriffs Akzeptanz kritisch und witzig auseinander, und weiss, dass die Forderung, sich selbst zu lieben, den wenigsten gegeben ist. Sie weigert sich, ihre widersprüchlichen Gefühle weg zu argumentieren, wohl wissend, dass es letztlich darum gehen muss, "Frieden damit zu schliessen, dass Stottern nicht heilbar ist."

Zwiespältige Gefühle weckten in mir die Ausführungen über ihre Angststörung. Die eigene Panickattacke zu filmen und ins Netz zu stellen, erachte ich als eitel, selbstbezogen und deswegen wenig hilfreich; die Beschreibung ihrer Angststörung ist hingegen sehr überzeugend und auch für Aussenstehende nachvollziehbar, auch wenn Sätze wie "Der präfrontale Kortex zieht sich zurück, die Amygdala übernimt"  nicht einmal ansatzweise zum Verständnis beitragen, schliesslich weiss Jennifer Springer auch selber, "dass es nur einen Weg raus aus der Angst gibt: sich ihr zu stellen."

Überaus aufschlussreich beschreibt sie ihre eigenen Versuche mit der Angst klarzukommen. Und kommt zum Schluss: "Ich glaube, dass man sie schwächt, indem man gute Erfahrungen macht –  möglichst oft und möglichst bewusst." Nur eben: Wir machen Erfahrungen. Ob die gut oder schlecht sind, wissen wir meist erst im Nachhinein. Für ungute Gefühle gilt: Man kann sie nur durch stärkere, attraktivere Gefühle überwinden.

Jennifer Springer offeriert keine Rezepte, vielmehr schildert sie ihre persönlichen Versuche, mit dem Stottern zu leben. Sie informiert sich so umfassend wie sie es vermag und erkennt dabei auch, dass das, was für andere gehen mag, für sie selber deswegen noch lange nicht gehen muss. Mein Stottern, das Leben und ich ist auch ein Dokument der Selbstannahme.

Fazit: Ein überaus lehrreiches Buch, das weit übers Stottern hinausgeht. Eine hilfreiche Anleitung, wie man lernen kann, mit seinem Schicksal klarzukommen.

Jennifer Springer
Mein Stottern, das Leben und ich
Eine ungeplante Dreiecksbeziehung
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2026

Sonntag, 4. Oktober 2026

Hier und Jetzt? Heiliger Bimbam!

Stets galt es, etwas zu erledigen, ständig sagte er sich, wenn, dann, und wenn er sich dann zu beruhigen suchte (Jetzt mach doch kein solches Drama daraus, es leben doch alle, als ob sie ewig leben würden), wurde er ungehalten mit sich. Das Leben musste gelebt werden! Doch wie oft er sich das auch sagte und sich ermahnte, seine Zeit nicht zu vergeuden, es gelang ihm nicht. Dass es daran liegen könnte, dass er zu hohe Ansprüche hatte, zog er durchaus in Betracht (jedenfalls theoretisch), doch es änderte nichts.

Man muss doch was tun, sich eine Aufgabe suchen, sagte eine Stimme in ihm. Ob die aus dem Kopf oder aus dem Bauch kam, wusste er nicht. Egal. Doch musste man das wirklich? War das nicht einfach eine Ablenkung, eine Flucht vor dem Hier und Jetzt? Hier und Jetzt! Heiliger Bimbam! Und wenn Ort und Zeit Erfindungen waren? Möglich, aber unwahrscheinlich. Nicht im philosophischen Sinn, doch wie käme man sonst bloss durch den Alltag? Man musste doch wissen, wo man Brot und Butter kaufen konnte.

Hugo hatte schon längere Zeit keine Lust auf gar nichts. Es lag nicht an den Umständen, die waren ideal. Es war Sommer, sonnig und warm. Viele klagten zwar über die Hitze, er gehörte nicht dazu. Für ihn war alles bestens. Er könnte an den See, könnte spazieren gehen, könnte ein Buch lesen. Er könnte, aber er mochte nicht.

Er fühlte sich ohne Ziel und Zweck, was seinen Freund Frieder auf den Plan rief. Das gehe so nicht, meinte er, dann müsse er sich eben ein Ziel suchen, weil der Mensch ohne nicht sein könne, doch Hugo wies das von sich, er versuche jetzt (was für andere gelten mochte, gelte für ihn noch lange nicht), einfach nur zu sein. Er legte sich aufs Bett, hing seinen Gedanken nach, was ihn umgehend erschöpfte, rasten doch diese wie üblich von hier nach dort, nach vorn und zurück und auch seitwärts. Ganz offenbar war ihnen die Vorstellung, dass der Mensch, um halbwegs dem Geschehen folgen zu können, einer Struktur bedurfte, unbekannt.

Im Fernsehen antwortete ein sogenannter Experte auf die Frage, ob er jetzt dafür oder dagegen sei, mit: Einerseits, ja und nein.

+++

Auf einem seiner Bücherregale standen zwei Postkarten unter Glas. Die eine zeigte einen vielleicht dreijährigen Jungen mit Lockenkopf und in Lederhosen, der dem jungen Hugo nicht unähnlich sah, und worauf zu lesen stand: „Egal, was es ist, ich bin dagegen!“ Das war Hugos männliche Seite, doch er hatte auch eine weibliche, die von der zweiten Postkarte illustriert wurde. Darauf war ein etwa drei- oder vierjähriges Mädchen in einem hellen Kleidchen und mit Stiefeln abgebildet, das sich auf eine Schaufel stützte. Der Text dazu lautete: „Ich kann, ich will, ich muss es tun. Basta!“

Aus: Hans Durrer: Heute Nicht! Dir Geschichte einer Obsession, Tredition, Ahrensburg 2025

Mittwoch, 30. September 2026

On Mondays or Guided by Unknown Forces

Santa Cruz do Sul, Brazil, 17 December 2023

Once I started to realise that I was suffering from an alcohol problem, I became determined (or so I imagined) to conquer it without any help. Alcohol, so I concluded, was a symptom; the solution lay in identifying the cause. In order to find answers, I read a lot (psychology, philosophy, literature, as well as many works on spirituality). In old diaries I came across a phenomenon that I thought striking: Already at the age of 14, I had noted that on Monday, I would start a new life. That must be it, I said to myself, I will stop drinking on a Monday. I tried, many times; it didn't work. Over time I came to believe that it had to be a special Monday, like Christmas Monday, or Easter Monday. I did of course know that this was ridiculous and could never work.

However, I got sober on Monday, 1 January 1990. A day before my 73rd birthday (Monday, 28 September 2026), when I would have to undergo surgery, I wondered what day of the week I had been born. It was Monday, 28 September 1953.

Sonntag, 27. September 2026

Das grosse Durcheinander

 
Fairfax, Kalifornien, 2. September 2026

Hannes Råstams Quick. Die Erschaffung eines Serienkillers lesend, wird mir wieder einmal bewusst, dass unsere Versuche, in dem Durcheinander, in dem wir uns vorfinden, Ordnung zu schaffen, auf einer völlig irrigen Grundlage, auf einem falschen Denken gründen. Wir gehen nämlich davon aus, dass es so etwas wie gesichertes Wissen geben könnte, obwohl wir doch wissen, dass alles ständig im Fluss ist. Nichts ist stabil, auch das Gedächtnis nicht. Nur eben: Was wir wissen, beeinflusst uns weit weniger als wir gemeinhin annehmen.

Historiker wissen, dass die Geschichte sich wiederholt und dass trotzdem nicht alles beim alten bleiben muss. Nicht etwa, weil wir aus der Geschichte lernen, sondern weil unsere Vorstellung der Geschichte, ja vom Leben, eine Fiktion ist. Zugegeben, eine beständige.

Tolstoi hat es in Für alle Tage. Ein Lebensbuch auf den Punkt gebracht: „Es gibt keine Zeit. Es gibt nur die unendlich kleine Gegenwart. In ihr vollzieht sich das Leben. Deshalb sollte der Mensch all seine geistigen Kräfte auf die Gegenwart richten.“

In diesem Buch bin ich auch auf diesen Eintrag gestossen: „Unterweise dein Herz. Lass dich nicht von ihm unterweisen.“ (Buddhistischer Spruch). Und habe gestockt: Weiss denn nicht das Herz am besten, wo es lang gehen sollte? Nein, nicht immer, denn wir glauben, was immer uns passt und oft nicht, was uns gut tut. Und woher weiss man, was einem gut tut? Mir selber helfen diese Zeilen aus Johann Wolfgang von Goethes Wahlverwandtschaften: „Charlotte stand betroffen. Sie war geistreich genug, um schnell einzusehen, dass jene Recht hatten; aber das Getane widersprach, es war nun einmal so gemacht; sie hatte es recht, sie hatte es wünschenswert gefunden, […] sie verteidigte ihre kleine Schöpfung […]. Sie war bewegt, verletzt, verdriesslich; sie konnte das Alte nicht fahren lassen, das Neue nicht ganz abweisen; aber entschlossen wie sie war, stellte sie sogleich die Arbeit ein und nahm sich Zeit, die Sache zu bedenken und bei sich reif werden zu lassen.“

Lese ich Artikel aus einem Gebiet, mit dem ich nicht unvertraut bin, staune ich immer mal wieder darüber, wie wenig Substanzielles mir als angeblich neu verkauft wird. Befriedigender sind Texte aus Gebieten, von denen ich kaum etwas verstehe. Virologie, Immunologie und Pandemien, zum Beispiel. À propos Pandemie: Für einen, der noch nie besonders viel von Politikern gehalten hat (und von Beamten noch weniger) und glaubte, die Realität einigermassen nüchtern zu sehen, ist die Inkompetenz derer, die uns regieren sollten, erschütternd. Kein Wunder: Die Politik verlangt nach Mehrheiten; eine Pandemie zu bekämpfen, so lese ich bei Leuten, die mehr davon verstehen als ich, erfordert schnelles, entschiedenes Handeln.

Gepriesen sei die Desillusionierung!

Zürich,  Landesmuseum, November 2020

Dass uns die Medien, diese Betäubungsanstalten, davon ablenken, uns mit unserem Leben zu beschäftigen, ist mir schon lange klar. Jedenfalls glaubte ich. Doch Einsichten, die ohne Konsequenzen bleiben, sind so recht eigentlich nutzlos. 

Auch die Politik dient zuallerst der Ablenkung. Nichts, dass mich fassungsloser lässt, als dass niemand sich zu trauen scheint, dem genuinen Primitivling im Weissen Haus (mit dem sich so viele identifizeren können, dass man sich von der Vorstellung verabschieden muss, der Mensch sei ein zivilisiertes Wesen) entschieden Paroli zu bieten. Ganz im Gegenteil. Sie schenken ihm ihre Aufmerksamkeit, ja, hofieren ihn. 

Doch was heisst das eigentlich, sich mit seinem Leben zu beschäftigen? Das ist individuell sehr verschieden, doch für mich heisst es, auf mich einwirken zu lassen, was gerade ist. Also einfach dazusitzen oder einfach zu gehen oder auch einfach dazuliegen. Kein aktives Tun?  Doch, doch. Das, was vor der Nase liegt.

Wir können auch versuchen, unseren Gedanken die Richtung vorzugeben. Häufig funktioniert das nicht, dann kann man es erneut und wiederholt versuchen. Manchmal klappt es. Jedenfalls während des Tages, in der Nacht ist es eine andere Geschichte. Da erfahren wir dann, dass unser Bewusstsein eher selten am Ruder ist.

In meiner Wahrnehmung kommt es darauf an, mit welchen Gedanken ich mich beschäftige. Als ich heute zu ZA-ZEN, Die Praxis des ZEN von Taisen Deshimaru-Roshi griff (im Februar 1985 in Berlin gekauft, keine Erinnerung daran), stiess ich im Vorwort von Vincent Bardet auch auf diese Zeilen, die mich unvermittelt packten. Ich erlebte sie als hilfreich, deshalb teile ich sie hier:

"Was ist unser Leben? Wir haben keine Zeit mehr zu leben. Die Maschine beraubt uns eher der Freiheit, als dass sie uns befreit. Weder Hungersnöte noch Vernichtungskriege sind von der Erde verschwunden. Unsere Unruhe bekämpfen wir mit Beruhigungsmitteln oder betäuben sie mit Fernsehen. Der Komfort unserer abgeschirmten vier Wände schwächt unseren Körper, der Stress der Grossstadt überspannt unsere Nerven. Fortschritt ersetzt die Religion, Geld das Sakrament. Die Sorgen nagen an uns und die Angst erdrückt uns. Nachts schlafen wir schlecht. Am Tag sind wir nur halb wach. Wir denken an Nichtigkeiten. Wir hören nicht auf zu denken ...".

Genauso nützlich und wohltuend empfand ich diese einleitenden Ausführungen von Taisen Dehimaru. die mir für Momente das Dasein leichter machten.

"Der wahre Gott existiert. Er stirbt niemals, denn Gott bedeutet die höchste Wahrheit, oder die Grundenergie des Universums überhaupt. Gott existiert, doch die Menschheit ist vor ihm geflüchtet, die moderen Zivilisation hat der Ordnung des Universums vollständig den Rücken gekehrt. (...) Die höchste Weisheit erstrebt den Frieden, die Einheit, jenseits aller Relativität, Dualität und aller Gegensätze."

Mittwoch, 23. September 2026

Vom Denken

Santa Cruz do Sul, 20. Februar 2025

Wenn es mir einleuchtet, dann ist es vermutlich falsch, sagte Johannes zu seiner Ärztin, die daraufhin gar nicht mehr aufhören konnte zu lachen.

Erst im Alter wurde sich Johannes bewusst, dass wenn etwas für ihn Sinn ergab, das nicht bedeutete, dass es so war bzw. so stimmte, sondern nur Ausdruck dafür war, wie er dachte.

Schaute er sich heutzutage Talkshows an, bei denen sogenannte Transatlantiker über das Verhältnis von Europa und den USA debattierten, sah er nur noch aufgeblasene Wichtigtuer am Werk. Freute er sich früher über treffende Argumente (also meist die, die sein eigenes Denken bestätigten), war er mittlerweile fassungslos, wie man sein eigenes Denken derart wichtig nehmen konnte. Es waren doch nur Gedanken, die, sofern man sich nicht an sie klammerte, auch schon wieder weg waren.

Konnte man denn sein eigenes Denken nicht wichtig nehmen? In seiner Erfahrung war es durchaus möglich, sich dafür zu entscheiden. Von Zeit zu Zeit tat er dies auch. Und jedes Mal, wenn er es tat, fühlte er sich angenehm erleichtert.

Sonntag, 20. September 2026

Lügen

Autor Michael Saller ist bestens ausgebildet, geschult und erfahren, und entsprechend zuversichtlich, sein in Titel und Untertitel (Lügen. Wie sie wirken und wie wir sie durchschauen) gegebenes Versprechen einzulösen. Und er tut es auch, allerdings ohne fundamental Wesentliches (etwa: Wieso haben Lügen so oft keine Konsequenzen? Wie kommt es, dass der Mensch sich selbst so oft belügt?) zu hinterfragen. Doch als praktische Anleitung eignet sich dieses Werk ausgezeichnet.

Lügen ist ein konventionelles Buch. Da werden grundsätzliche Fragen gestellt (Warum soll man eigentlich nicht lügen?) und dann Leute zitiert, die dazu Einschlägiges publiziert haben. Ein wenig überaschendes, doch redliches Vorgehen, das allerdings (für mein Empfinden) allzu oft bei, "die einen sagen dies, die anderen das" landet. Nichtsdestotrotz: Lügen ist informativ und unterhaltsam. Also das, was die meisten Menschen sich von einem Sachbuch erwarten.

Wer Lügen von Unternehmen aufdeckt, geht in der Regel ein hohes persönliches Risiko ein. Der Fall des Whistleblowers Stanley Adams, der einst die illegalen Praktiken von Roche und BASF enthüllte, ist mir noch bestens in Erinnerung. Mein Vertrauen in die Schweizer Politik hat seither mehr als nur arg gelitten.

Über Michael Sallers eigene Erfahrungen mit Whistleblowern, musste ich sehr lachen. "Die meisten, die ich kennenlernen durfte, waren eher verschrobene Typen: meist eigensinnig, teils egoistisch, oft rechthaberisch, nicht immer angenehm." Kein Wunder, die ans System Angepassten werden sich kaum wehren, warum auch?

Im Gegensatz zum Autor finde ich es wenig erstaunlich. dass extrovertierte Menschen öfter die Unwahrheit sagen als introvertierte, schliesslich ist ihnen besonders daran gelegen, gut rüberzukommen. Und: "In der Bevölkerung hält sich immer noch der Glaube, dass schöne Menschen keine hässlichen Dinge tun und auch seltener lügen." Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die Dummheit die Geissel der Menschheit ist, wäre das wieder mal einer.

Dem pessimistischen Weltbild, das William Golding in 'Herr der Fliegen' zeichnet, stellt Michael Saller ein Beispiel aus der realen Welt entgegen, das hoffen lässt. Ob der Mensch sein Weltbild aufgrund hoffnungsvoller Beispiele ändern wird, erachte ich jedoch als fraglich. Auch natürlich, weil ich davon ausgehe, dass das Unbewusste uns regiert, über das wir bestenfalls Vermutungen anstellen können, die allerdings höchstens zeigen, wie wir denken, doch nicht wie die Dinge in Wahrheit sind.

"Psychopathen sind gute Lügner", lautet eine der Überschriften. Man könnte allerdings auch argumentieren, dass wer einen Psychopathen erkennt, wohl nicht auf ihn reinfallen würde. Nur eben: In einer Welt, in der alles um den eigenen Vorteil geht, haben wir andere Prioritäten. Erfolgreiche Psychopathen werden in diesem unserem Wettbewerbssystem gefürchtet und bewundert.

Mehr als nur problematisch sind folgende Aussagen. "Laut Bella DePaulo sind mindestens 75 Prozent aller Lügen egozentrisch (...) Nur rund 25 Prozent aller Lügen gelten hingegen als altruistisch; bei schwerwiegenden Lügen liegt der Anteil sogar lediglich bei 10 Prozent." Ganz so, als ob egozentrisch und altruistisch klar fassbare Begriffe wären. Autor Saller setzt sich denn auch moderat kritisch mit solchen Aussagen auseinander.

 Auch den derzeitigen amerikanischen Präsidenten, einen notorischen Lügner sondergleichen (für Details wende man sich an KI) bringt er zur Sprache, und fragt, ob er ein guter Verhandler sei? "Fest steht, dass er nicht so irrational agiert, wie ihn viele deutsche Zeitungskommentatoren darstellen." Womit definitif geklärt wäre, dass des Autors Vorstellungen von irrational mit meinen eigenen nicht kompatibel sind.

Allein das Sammelsurium von Lügen, das Michael Saller zusammengetragen hat, lohnt die Lektüre. Irritiert hat mich allerdings die Bezugnahme auf Befragungen, die natürlich nur abrufen können, was den Menschen bewusst ist und sie preisgeben wollen (bei der Motivation bleibt uns nur zu rätseln.). Dazu kommt: "Selbst bei völlig anonymer Befragung wird gelogen." Darüber hinaus wird bei solchen Fragen stillschweigend eine klare Trennung zwischen Lüge und Wahrheit vorausgesetzt, was schlicht illusorisch ist. Und nicht zuletzt fällt das grösste Talent des Menschen, der Selbstbetrug, dabei gänzlich unter den Tisch.

Auch wenn ich auf mehr und anderes gehofft hatte, als "nur" klassisch gut informiert und bestens unterhalten zu werden, ist Lügen ein empfehlenswertes Werk, reich an faszinierenden Anekdoten, die ich aussagekräftiger fand als viele Erklärungsversuche, inklusive der Studien und Aussagen der Experten-

Michael Saller 
Lügen
Wie sie wirken und wie wir sie durchschauen.
Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt am Main 2026