Bei einem Autounfall erleidet die neunjährige Keira tödliche Verletzungen, der gleichalterige Max benötigt zur selben Zeit ein neues Herz. Rachel Clarke, früher Journalistin und heute Ärztin für Palliativmedizin, schreibt diese Geschichte einer Transplantation, indem sie das Herz selbst in den Mittelpunkt stellt, auf unvergleichliche Art: bewegend, empathisch und realistisch. "Kurz gesagt habe ich versucht, einen möglichst vollständigen Bericht über das Wunder und die Qual, die Wissenschaft und die Seele eines Herzens und seiner Reise zu schreiben." Das ist ihr meisterhaft gelungen.
"Die Organtransplantation ist nicht nur ein Wunderwerk der modernen Medizin, sondern auch eine der reinsten Ausdrucksformen menschlicher Selbstlosigkeit." Es dauerte seine Zeit bis es soweit war. Insbesondere ans Herz traute man sich lange Jahre nicht heran. "Doch nichts treibt medizinische Innovation so sehr wie Verzweiflung." Die Kriegschirurgie war ein Vorreiter der Herzchirurgie,
Die Geschichte eines Herzens ist ein bewegendes, ein ausserordentliches Buch, da Rachel Clarke wunderbar aufzuzeigen versteht, was und wie alles zusammenspielen muss, damit es überhaupt zu einer Transplantation kommen kann. "Vor weniger als einem Jahrhundert war die Vorstellung, ein menschliches Organ chirurgisch zu entnehmen, es auf Eis zu transportieren und in den Körper eines anderen lebenden Menschen einzupflanzen, reine Science-Fiction."
Im Grunde ist dies die Biografie von Keiras Herz. Ganz viele Personen spielten dabei eine Rolle. Eltern, Geschwister, Chirurgen, Pflegefachkräfte, Sanitäterinnen, Polizisten, Organspendekoordinatorinnen, Piloten, Umstehende, Psychologinnen, Kardiologen. Sie alle wurden befragt. Was die Autorin vorlegt ist keine Fiktion, sondern ein Bericht darüber, was tatsächlich vorgefallen ist. Darüber hinaus ist es eine überaus lehrreiche Schilderung des Umgangs mit Kindern in englischen Spitälern.
Die Geschichte eines Herzens erklärt auch ganz viel Medizinisches. So etwa die für Laien weitestgehend unverständliche Sprache der Mediziner. "Die Sprache ist stakkatoartig – das atemlose Rattern von Fachjargon und Abkürzungen, mit dem Mediziner maximale Informationsmengen mit minimaler Mehrdeutigkeit in möglichst wenigen Sekunden übermitteln." Oder die Revolution Anfang der 1960er Jahre, als der Herztod vom Hirntod abgelöst wurde.
Von der Unfallstelle ins Krankenhaus, und da in die Intensivstation, wo sehr spezielle Menschen im Einsatz sind. "Das Intensivpersonal gibt offen zu, aus Grüblern, Pedantinnen und Zwangshaften zu bestehen, die dazu neigen, Dinge zu überanalysieren – und das ist auch gut so. Es ist ihre unnachlässige Aufmerksamkeit für Details, die schwer verletzten Patienten die besten Überlebenschancen gibt." Dazu kommt, wie eine Pflegefachkraft sagt, sie emotional abschalten, die Mama (die sie auch ist) vor der Tür lassen, sie auf Autopilot funktionieren müsse.
Die Geschichte eines Herzens klärt auf über die eindrückliche Logistik, "die sicherstellt, dass kein verwertbares Organ verloren geht", erläutert wie ein Herz funktioniert ("Etwas 100,000 Mal am Tag ... ziehen sich alle vier Kammern wie eine Einheit zusammen und bringen unser Blut dazu, unsere Arterien zu durchfluten."), gibt Einblicke in die Entstehung der Intensivmedizin, und macht deutlich, dass die hochspezialisierte Medizin nur möglich ist, weil ganz viele Teile ineinandergreifen und sich ergänzen müssen.
Für eine Organentnahme gibt es Standardprotokolle. Bei Kindern suchen speziell ausgebildete Fachkräfte das Gespräch mit den Eltern. Im Falle von Keira war es ihre Schwester Katelyn (dass Kinder häufig weit mehr verstehen, als ihren Eltern bewusst ist, auch dies zeigt dieses Buch), die zu ihrem Vater sagte. "Papa, wir müssen das tun, weil sie das gewollt hätte. Ich weiss, dass sie das gewollt hätte." Wobei: Eine Herztransplantation sollte "nicht wirklich als Heilung betrachtet werden, sondern eher als palliative Behandlung."
Eine Transplantation ist vielfältigst herausfordernd und umfasst Immunologie, Intensivmedizin und Immunsuppression. Chirurgen, die sich darauf spezialisieren, wiesen, so die Autoren einer einschlägigen Studie (deren Verfasser beide selber Chirurgen sind), "überdurchschnittliche Psychopathie-Werte" auf, insbesondere "Stressimmunität", was allerdings positiv zu vermerken ist, da sogenannte Normalos sich wohl kaum wagen würden, eine Brust aufzuschneiden und ein Herz zu reparieren. "Vielleicht ist der einzig klare Schluss, dass Psychopathie so wie die menschliche Natur überhaupt kompliziert ist und man sich vor allzu einseitigen Behauptungen hüten sollte.
Das grösste Verdienst gehört jedoch nicht den Chirurgen, sondern den Spendern, denn ohne sie gäbe es keine Transplantationen. Unverzüglich habe ich mich um eine Spenderkarte bemüht!
Die Geschichte eines Herzens ist eines dieser seltenen Bücher, die einen spüren lassen, wie fragil und kostbar das Leben ist. Eine überzeugendere Anleitung, das Leben zu schätzen, ja, dafür dankbar zu sein, ist schwer vorstellbar.
Rachel Clarke
Die Geschichte eines Herzens
Eichborn, Köln 2026






