Jenseits der Schulweisheiten
Reflections on destructive behaviour and attitude change
Mittwoch, 22. April 2026
Empty your brain
Sonntag, 19. April 2026
Die Parallelwelten des Philip K. Dick
Mittwoch, 15. April 2026
How Ricardo portrayed me
Sonntag, 12. April 2026
Wie soll ich leben?
Hugo hatte so recht eigentlich keine Zweifel, dass frühkindliche Erfahrungen entscheidend seinen Lebensweg bestimmt hatten. Und weil er das glaubte, fand er auch problemlos die entsprechenden Belege dafür.
Doch wieso glaubte er das eigentlich? Weil es die vorherrschende Ideologie war. Es war der Zeitgeist, und diesem war nur schwer zu entkommen.
Im 16ten Jahrhundert, in dem Michel de Montaigne lebte, herrschte ein ganz anderer Geist. Montaigne hatte sieben jüngere Brüder und Schwestern und wurde bereits nach der Geburt zu einer einfachen Bauernfamilie im Nachbardorf zur Pflege gegeben. Dazu Sarah Bakewell in Wie soll ich leben?: „Wenn wir von den entwicklungspsychologischen Ideen des 20. und 21. Jahrhunderts ausgehen (die sich vielleicht bald als fragwürdig erweisen werden: vielleicht ist die Mutter-Kind-Bindung ein ebenso kurzlebiges, kulturell bedingtes Phänomen wie das Gestilltwerden durch eine Amme), so muss der mangelnde Kontakt zu den Eltern in den entscheidenden ersten Lebensmonaten Montaignes Beziehung zu seiner Mutter tiefgreifend geprägt haben. Montaignes eigener Einschätzung nach jedoch funktionierte der Plan perfekt, und er empfahl seinen Lesern, mit ihren Kindern möglichst dasselbe zu tun.“
Es versteht sich: Wir sind Kinder unserer Zeit. Heisst das, dass wir zu einer bestimmten Art Leben und Denken verdammt sind? Zum grössten Teil ist dem wohl so. Zu bedenken ist allerdings, was Benoîte Groult in ihrer Autobiografie Meine Befreiung notierte: „Das Beruhigende bei den alten Griechen und Römern wie bei den Klassikern oder Romantikern ist, dass sie uns ihre Kindheit erspart haben. War Corneille ein geschlagenes Kind? Hat Platon mit zehn masturbiert? Hat Musset viel geweint, weil seine Mutter ihm abends im Bett keinen Gutenachtkuss gegeben hat?“
Hugos Fühlen und Denken hatte sich immer an Ewigem orientiert, ihm war das Relative stets fremd und zuwider. Die Grundüberzeugung dabei: Wenn du weisst, wer du bist, und dein Schicksal annimmst, kann dir so recht eigentlich gar nichts passieren.
Natürlich gehören die Dinge – auch – im Zusammenhang gesehen. Doch wer so argumentiert, meint eigentlich fast immer in dem von ihm vorgegebenen Zusammenhang, denn ein Kontext ist immer konstruiert, existiert nicht einfach so. Man stelle sich nur einmal vor, wie Zukünftige auf uns Heutige zurückschauen werden, wie unwissend und naiv sie uns wohl wahrnehmen werden.
Mächtig bzw. einflussreich ist, wer den Kontext vorzugeben vermag. Hugo hatten die vorgegebenen Kontexte nie recht zu überzeugen vermocht, ständig dachte es so in ihm: Aber das ist doch total willkürlich, das kann man auch ganz anders sehen. Stimmt, antworteten daraufhin die, die das Sagen hatten. Und überhaupt: Leute, die quer denken können, brauchen wir. Hugo wollte das gerne glauben, merkte dann aber, dass quer bzw. anders zu denken nur dann gefragt war, wenn es sich im Interesse derjenigen, die das Sagen haben, zu ihrem Vorteil nutzen liess.
Was also war zu tun? Du gehst deinen Weg, ich gehe meinen. Das klingt einfach, ist es aber nicht, denn die gesellschaftlichen Prägungen gehen nicht einfach so weg. Warum kannst du dich nicht anpassen? Glaubst du, du seist etwas Besonderes? Und so weiter … Man verglich sich, war gelegentlich eifersüchtig und neidisch, zweifelte an seinen Entscheiden. Und ging weiter auf seinem Weg, auf dem man, je länger man ihn ging, sich allmählich begann, wohl zu fühlen, sofern das nicht das Ziel war.
Aus: Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession
https://shop.tredition.com/booktitle/Heute_Nicht/W-822-472-257Mittwoch, 8. April 2026
Antoine will Alkoholiker werden
Sonntag, 5. April 2026
Reusch rettet die Welt!
Mittwoch, 1. April 2026
Letzte Tage mit Teresa von Ávila
Ihr sei aufgegeben, ihr Leben für die Schriftgelehrten aufzuzeichnen, und sie selber habe sich den Auftrag erteilt, "mein Leben für mich selbst aufzuschreiben, und so sammle ich mehr Leben zusammen als eine Katze.", notiert Teresa von Ávila bzw. Cristina Morales.
Doch wozu schreiben, wenn das, was man schreibt, von niemandem gelesen wird? "Ich kann mich der Welt nicht zeigen, und kann auch Euch die Welt nicht zeigen, wie ich sie meinem Verständnis nach beschreiben sollte; soll aber etwas gelesen werden, so muss es nach dem Geschmack des Lesers sein und nicht der Autorin. Ist das nicht merkwürdig?" Doch zu schweigen ist keine Option, da dies bedeutet, vor dem Teufel zu kuschen, "denn der möchte uns fein still haben, um uns bei sich zu halten, still und stumm will er uns, damit jedwedes Einflüstern von ihm uns entzücke. Still, stumm und eingesperrt, so sind wir Vieh auf direktemn Weg zum Schlachthaus."
Cristina Morales, 1985 in Granada geboren, zeichnet Teresa von Ávila als höchst eigenwillige Frau, als Kämpferin mit Humor und viel Sinn für Ironie. So findet sie ihren Vetter schlauer als den Teufel, doch das kann man nicht sagen, denn dafür könnte man bei lebendigen Leib verbrannt werden, "und darum werde ich sagen, María de Ocampo ist schlauer als eine Teufelin. Über Teufelinnen gibt es meines Wissens keine Theologie."
Die als Mystikerin bekannte Teresa gründete Klöster, schrieb wesentliche Werke, und hatte dauernd gegen Widerstände anzurennen, da in der damaligen Zeit (sie lebte von 1515 bis 1582) von den Frauen erwartet wurde zu schweigen. Doch sie wehrt sich: "Verdammte Mässigung, Vater! War Jesus etwa massvoll, als er verkündete, die Götter der Römer seien falsche Götter, war er massvoll, als er die andere Wange hinhielt, war er massvoll, als er die Händler aus dem Tempel vertrieb?"
Wer wie ich sich von diesem Werk Aufschlüsse über die Mystikerin Tersea erwartet bzw. erhofft hat, wird wohl etwas enttäuscht sein, doch dafür lernt man eine politische Teresa kennen, die vermutlich vor allem mit der Weltsicht der Autorin zu tun hat, schliesslich sehen wir die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.
Die politische Teresa beweist Mut. Und sie ist radikal. "Nicht Armut, Pater Garcia. Radikale Armut. Nicht Verzicht auf Privateigentum, Verzicht auf jegliches, auch gemeinschaftliches Eigentum. Nicht um Almosen betteln, sondern hoffen, dass jemand zum Kloster kommt, um sie zu geben. Und wenn nichts kommt oder wenn nicht genug kommt, dann und nur dann arbeiten und diese Arbeit verkaufen, und der erhaltene Lohn geht an die Gemeinschaft, ohne Ansicht, von wem das Werkstück war."
Diese radkilae Sicht der Dinge steht einer Mystikerin wohl an, deren Einsichten ihr vor Augen geführt haben, dass die Welt, wie sie sie erlebt, falschen Autoritäten gehorcht. Die logische Folge ist, und davon handelt dieses Werk hauptsächlich, gegen die herrschenden Konventionen und für eine andere, gerechtere Welt zu kämpfen.
Revolutionäre unterscheiden sich bekanntlich selten von den Diktatoren, die sie bekämpfen. Teresa von Ávila ist anders. "Ich will niemandes Königin sein, nur von mir selbst. Mich so zu wollen, ist mich ganz zu wollen, Diego. Ganz und besser."
Letzte Tage mit Teresa von Ávila
Matthes & Seitz Berlin 2026


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