Sonntag, 10. Mai 2026

Sokrates

"Wie man durch ein philosophisches Leben die Angst vor fast allem verliert", so der Untertitel, und in mir denkt es: Schön wär's. Und: Wer's glaubt, wird selig. Der englische Originaltitel lautet übrigens ganz anders: Open Socrates. The Case for a Philosophical Life. Damit kann ich mich weit besser anfreunden als mit der Verlagswerbung, die vom Inhalt des Buches gänzlich unberührt ist.

 Agnes Callard ist Professorin für Philosophie an der Universität Chicago. Laut Klappentext forscht sie insbesondere zur antiken Philosophie und Ethik. "Sie verbindet dabei die philosophische Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Lebenspraxis", erfahre ich und bin nun gespannt, ob die Lektüre von Sokrates sich auch auf meine Lebenspraxis auswirken wird. Positiv eingestimmt bin ich jedenfalls, da ich Sokrates' Maxime, dass das ungeprüfte Leben nicht lebenswert sei, teile.

Ich weiss kaum etwas von Sokrates, ausser, dass er seine Zeitgenossen ständig im Gespräch herausforderte, was mir gefällt, da, jedenfalls gemäss meiner eigenen Erfahrung, grundsätzliche Fragen in aller Regel vermieden werden, was mit ein Grund ist, weshalb die Welt so aussieht wie es nun mal tut. Kein Mensch, der sich mit grundlegenden ethischen Fragen auseinandersetzt (und dazu ermuntert dieses Buch), käme auf die Idee, einen empathielosen rachsüchtigen Impulstäter in ein Amt zu wählen, das Verantwortungsgefühl und rationales Handeln verlangt.

"Tolstoi fand, dass die 'Warum'-Frage das Dasein unerträglich machte: 'Aber es war kein Leben.' Sokrates bezeichnete die Aussicht darauf, sich für alle Zeit mit dieser Frage zu beschäftigen, als 'ein unfassbares Glück'." Mir steht Tolstois Auffassung nahe, Sokrates Begeisterung fürs menschliche Denken ist für mich, angesichts unseres Hangs zum Selbstbetrug, nicht wirklich nachvollziehbar. Nichtsdestotrotz halte ich die Konfrontation mit den fundamentalen Fragen des Lebens nicht nur für wichtig, sondern für notwendig. Die Warum-Frage zähle ich allerdings nicht dazu.

Sokrates hat keine Aufzeichnungen hinterlassen. Dass es von ihm zum Teil ausführliche Zitate gibt, finde ich irritierend, doch das wäre eine andere Geschichte (detailliertes Wissen aus der Zeit um 400 vor Christus?). Was in ihnen zum Ausdruck gebracht wird, lohnt die Auseinandersetzung jedoch ganz unbedingt.

Gemäss dem römischen Staatsmann und Philosophen Cicero (106-43 v.Chr.) kritisierte Sokrates ständig seine selbstgewissen Mitbürger, verfügte selber aber über keine Antworten. Agnes Callard sieht das anders. "Das sokratische Motto lautet nicht: 'Alles infrage stellen', sondern: 'Überzeugen oder überzeugt werden.'" Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, dass wir die richtigen Gespräche führen. Damit wäre Sokrates so recht eigentlich der erste Psychotherapeut gewesen, bei dem es allerdings nicht um das Funktionieren in der Gesellschaft, sondern um das Erkennen der Wahrheit geht.

Agnes Callard versteht ihr Buch als "eine Erzählung, die aufrüttelt und Mut macht.". Es ist ein Plädoyer dafür, sich ernsthaft mit der Philosophie zu beschäftigen. Und das meint: Sich der Frage zu stellen, wie wir leben sollen. Mit Standardantworten, die uns ohne Nachdenken über die Lippen kommen, ist uns nicht gedient. "Verlassen Sie sich nicht auf vorgefertigte Antworten (...) erforschen Sie die Fragen mit einem offenen Geist, suchen Sie nach der Wahrheit und vermeiden Sie Irrtümer."

Tolstoi geht der Autorin gehörig auf die Nerven. "Obwohl Tolstoi wiederholt davon spricht, dass er sich mit den grundlegenden Fragen auseinandersetzt, gibt es in seinem Text keinerlei Anzeichen dafür, dass diese Auseinandersetzung tatsächlich stattgefunden hat: Philosophische Überlegungen und Argumenten glänzen durch Abwesenheit." Ich wähnte mich in die Schule zurückversetzt: Der Mann soll zuerst einmal anständig denken lernen, bevor er behauptet, dass das Leben sinnlos und Selbstmord daher geboten sei.

Nun gut, dass eine Philosophieprofessorin an die Kraft des Denkens glaubt, ist naheliegend, doch dass sie Tolstoi vorwirft, dass er "in all den Kenntnissen absolut nichts gefunden hat, das die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten könnte? Haben sämtliche geistigen Anstrengungen der Menschheit überhaupt nichts gefruchtet?", finde ich derart verwunderlich allerdings nicht. Schaut man sich die gegenwärtige Politik der amerikanischen Regierung an, liegt die Antwort auf der Hand. Andererseits: Die Wertschätzung des menschlichen Geistes, die sich in der Fragestellung von Agnes Callard zeigt, empfinde ich einerseits als rührend, erinnert mich andererseits aber auch an strenge Lehrer.

Ich will noch auf einen anderen Aspekt dieses gut lesbaren Werkes eingehen, das Zeugnis liefert von der intensiven und erfreulich persönlichen Auseinandersetzung mit grundlegenden Lebensfragen: den Tod. Ein befreundeter Philosoph war gestorben. Und sie notiert: "Es mag sich absurd anhören, wenn ich sage, dass ich Schuldgefühle hatte, weil ich traurig war, aber so war es. Ich war trauriger, als es mir zustand. Ich war weder mit ihm verwandt noch eine Kollegin von ihm Unsere Beziehung reichte nicht in die Jugend oder zu Studienzeiten zurück. Wir gehörten keinem engen Freundeskreis an. Und wir erzählten einander nicht viel über unser Privatleben oder unsere Gefühle. Das Einzige, was wir zu tun pflegten, war miteinander zu philosophieren."

Die Vorstellung, Gefühle müssten irgendwie berechtigt sein, liegt mir fern. Als sie dann noch schreibt: "Es ist nicht schwer, Gründe zu finden, weshalb mich Steves Tod traurig macht.", frage ich mich, weshalb sie dafür Gründe braucht. Für mich jedenfalls stellt es sich ganz anders dar: Gefühle sind einfach, sie kommen und gehen, wie es ihnen passt. Agnes Callards Sicht auf die Welt ist ganz anders. "Wo bleiben (angesichts des Todes) die Ruhe und Gelassenheit, die Sokrates mir versprochen hat?" Er verbingt seine letzten Stunden, wie er gelebt hat – philosphierend.

Sokrates waren die Argumentenhasser zuwider, "denn nicht Schlimmeres kann einem widerfahren, als Argumente zu hassen." Agnes Callard teilt diese Auffassung nicht nur, sie unterstreicht den Wert der Argumentation mit diesem Werk aufs Schönste.

Fazit: Vielfältigst anregend, auch zum Widerspruch.

Agnes Callard
Sokrates
Wie man durch ein philosophisches Leben
die Angst vor fast allem verliert.
C.H. Beck. München 2026

Mittwoch, 6. Mai 2026

Denken versus Erfahrung

Himeji, Japan, 4. Oktober 2025

Zuerst das Geständnis, dass Denken mir nichts bringt. Ich bin auf Erfahrung angewiesen. Leider. Erfahren geht ja viel langsamer als denken. Denken kann man schnell. Denken ist leicht. Denken ist keine Kunst. Denken ist grossartig. Durch denken wird man Herr der Bedingungen, unter denen man sonst litte. All das ist Erfahrung nicht (... ) Erfahrungen sind nicht so leicht beherrschbar wie das Denken. Durch Denken herrscht man ja selber. Erfahrungen ist man eher ausgeliefert. Aber sie aufzuzeichnen hilft. Das ist auch einer Erfahrung.

Martin Walser: Tod eines Kritikers

Sonntag, 3. Mai 2026

On arguments & reality

The importance that arguments is given, I do find bewildering. Think of the law, think of history, think of pretty much everything that sails under the label humanities. It's all about arguments. Differently put: Much of our reality is man-made, it only exists because we believe in it.

This, however, is not the reality that was once so aptly described by Philip K. Dick as "that which when you stop believing in it doesn't go away." Sharon Cameron once put it thus: "Without reference points there is meaninglessness. But I wish you'd understand that without reference points you are in the real."

We human beings are far from facing reality, we prefer illusions that we like to call beliefs. As the Bhagavad Gita says: "Man is made by his belief. As he believes, so he is."

Torres, Brazil, 27 February 2026

Mittwoch, 29. April 2026

EGO - Das Spiel des Lebens

„Wir sollten nicht zu entdecken versuchen, wer wir sind, sondern was wir uns weigern zu sein.“ Der Satz stammt von Michel Foucault und ist Frank Schirrmachers „EGO. Das Spiel des Lebens“ vorangestellt. Aus gutem Grund, denn wir sind ausgesprochen schlecht beraten, wenn wir dem gegenwärtigen Diktat der Ökonomie, das uns nur noch als „homo oeconomicus“ sieht, angetrieben von Profitinteressen, Opfer unserer Egos, deren vordringliches Interesse angeblich im Eigennutz liegt, nachgeben und ihm uns ausliefern.

Es versteht sich: der Mensch ist um einiges vielschichtiger, seine Motive sehr viel komplexer als dass er auf eine so simple Formel wie Eigennutz reduziert werden könnte. „Seit Jahrhunderten hatten Leute herausfinden wollen, wie der Mensch tickt, und sie alle, ob Wahrsager, Philosophen, Psychologen, waren letztlich gescheitert. Wie sollten ausgerechnet Ökonomen die menschliche Unberechenbarkeit auf eine Formel bringen können?“

Indem sie mit einer zündenden Idee aufwarteten: „Sie fragten nicht mehr, wie der Mensch tickt. Sie fragten, wie der Mensch ticken müsste, damit ihre Formeln funktionierten. Und die Antwort lag auf der Hand: Alle Probleme mit dem Unsicherheitsfaktor 'Mensch' lösen sich in Wohlgefallen auf, wenn man zwingend annimmt, dass er bei dem, was er denkt und tut, immer nur an seinen eigenen Vorteil denkt. Diese Theorie hatte den Vorteil, dass sie immer funktionierte und alles berechenbar machte. Das Gegenüber ist undurchsichtig? Es wird durchsichtig wie Glas, wenn man annimmt, dass es nur seinen Profit vergrössern will. Menschen helfen andern Menschen? Sie tun es, weil sie sich selbst etwas Gutes tun wollen.“

Ist doch klar, dass jeder zuerst an sich selber denkt – dieses Menschenbild ist heutzutage nicht nur gang und gäbe, es wird auch selten angezweifelt. Obwohl doch eine Mutter fast immer zuerst an ihre Kinder und erst dann an sich selber denkt. Das tut sie nur, weil sie sich deswegen besser fühlt als wenn sie zuerst an sich selber denken würde, werden die Anhänger des profitmaximierenden Credos jetzt entgegnen. Nur sagt das mehr über die Anhänger dieses Denkens aus, als über die Dinge, wie sie sind. Denn das Menschenbild, das die Anhänger der Profitmaximierung predigen, ist nichts als Ideologie, ein Glaube. Und was der Mensch glaubt, das ist er. „Man is made by his belief. As he believes, so he is", heisst es in der "Bhagavad Gita". Und das meint: Wir können auch etwas anderes glauben, als was uns gepredigt wird. Vor allem, wenn es sich um solchen Unsinn handelt wie diesen: „Will Gott, dass du reich bist?“, fragte das „Time Magazine“ in einer Titelgeschichte im Jahre 2006. Die Antwort? Er will. Und das impliziert: Wer es nicht schafft, ist selber schuld.

Der Mensch erfindet sich die Welt, indem er sich Systeme schafft, die ihm Orientierung, Sicherheit und häufig auch finanzielle Vorteile verschaffen. Die Juristerei wurde deswegen erfunden, die Bürokratie oder eben diverse Finanzinstrumente. Leider haben es nun diese Systeme so an sich, dass sie sich verselbständigen, die Herrschaft übernehmen und wir zu ihren Opfern werden. Frank Schirrmacher zeigt dies mit vielen historischen Herleitungen an der Figur des egoistischen „homo oeconomicus“ auf, auch wenn er zu einem weit weniger radikalen Schluss kommt: „Vieles spricht dafür, dass im Inneren der gegenwärtigen Finanz- und Europakrise ein viel grundlegenderer Konflikt schwelt, in dem es im Kern um die Implementierung der neoklassischen und neoliberalen Ideologie in die Gesellschaften, Mikro-Märkte und sogar in die konstitutionellen Ordnungen des europäischen Westens geht.“

Die Staaten würden von der Ökonomie, und ohne dass es die Politiker merkten, schon längst als reine Mitspieler im Markt behandelt werden, behauptet Schirrmacher, und „nicht mehr als marktüberwölbende konstitutionelle Gebilde“. In der Schweiz hatte man in den letzten Jahren den Eindruck, der Staat, in dem er die Banken mit Steuergeldern rettete, müsse den Finanzmarkt so recht eigentlich um jeden Preis am Laufen halten. Zugespitzt gesagt: der Staat ist für die Wirtschaft da, einerseits als Mitspieler, andererseits als Garant und Retter des sogenannten Marktes. „Bürger und Staat haben keine Souveränität mehr, sondern 'spielen' sie nur.“

Sinn und Zweck jeden System ist, sich selbst zu erhalten.
Im ökonomischen Imperialismus ist der Mensch, was er will. Warum er will, was er will, ist nicht relevant. Denn solange er etwas will, kann man es ihm verkaufen. Blöder, ja gefährlich wird es, wenn er sich weigert, mitzuspielen. Damit jeder will, was alle wollen, muss der Mensch zum Automaten werden. Und die Konsumideologie ist auf dem besten Weg, ihn dahin zu bringen. Doch da gibt es eben noch das Ich, das Widerstand leistet: „Es zeigt sich, das zwischen dem, wie sie sein sollen, und dem, wie sie sind, ein fast unüberbrückbarer Abgrund klafft.“ Manchmal hat das Ego auch ganz erfreuliche Seiten.

Frank Schirrmacher
EGO - Das Spiel des Lebens
Blessing, München 2013

Sonntag, 26. April 2026

Als Freiwillige für ein unerprobtes Vakzin

Rasend schnell breitet sich ein Virus aus, die Menschen verlieren ihr Gedächtnis. Die junge Meeresbiologin Neffy braucht Geld, muss Schulden zahlen, und stellt sich als Freiwillige zur Verfügung, die bereit ist, ein Vakzin auszuprobieren. Natürlich hat sie Bedenken, doch es ist eben auch so, "weil ich mich grundsätzlich für etwas entscheide, wenn mir jemand davon abrät, was idiotisch ist."

Die Teilnehmenden an der Studie werden gut bezahlt, das Verfahren ist entsprechend aussergewöhnlich bzw. risikoreich. "Keine Placebos, keine Doppelblindversuche, nein, wir alle bekommen den Impfstoff, wir alle werden mit dem Virus infiziert."

Das Gedächtnis der Tiere mutet gleichzeitig futuristisch wie auch realistisch an, auch weil Claire Fuller, wie sie im Nachwort schreibt, immer schon gern Geschichten gelesen hat, die von Pandemien und Endzeitthemen handeln. Als sie 2019 mit der Arbeit an diesem Roman begann, war die Corona-Pandemie noch nicht ausgebrochen. umso erstaunlicher ist, wie wirklichkeitsnah sich das hier geschilderte Geschehen über weite Strecken zeigt. Nur schon wie einsilbig und nichtssagend bei Beginn der Studie auf die Fragen der Probandin geantwortet wird (Vorschriften!), macht deutlich, dass die Autorin über einschlägiges Fachwissen verfügt.

Als Neffy, von der wir auch viel Interessantes über das Verhalten der Oktopus erfahren, nach sieben Tagen im Institut wieder zu sich kommt, erfährt sie, dass nur wenige das Experiment überlebt haben, die Pandemie viele Tote gefordert hat und auf den Strassen der Mob wütet. Die Apokalypse ist ausgebrochen. "Strassenschlachten. Aufstände in Supermärkten, völlig überlaufene Krankenhäuser, die keine Patienten oder Leichen oder Leute mehr aufnehmen konnten, die alles vergessen hatten."

Von den überlebenden Probanden lernt Neffy, dass man ihnen weder das Virus noch den Impfstoff gegeben hat. Also gibt es kein Geld, denkt Neffy, und so hat sie auch keine Schulden mehr. Dass sie noch am Leben ist, schreibt sie dem Impfstoff zu. Da sie Angst davor haben, was sie ausserhalb der dicken Mauern des Instituts erwarten wird, bleiben sie wo sie sind. Wo sollten sie auch hin?

Doch obwohl die Gewissheiten weg sind, glaubt der Mensch (vermutlich nicht alle, doch wohl die meisten), dass alles wieder so wie früher werden wird, also Internet und Apps zurückkehren werden. Neffy ist skeptischer, und Leon, ein anderer Überlebender, meint: "Vielleicht sollten wir einen Neustart wagen und alles miteinander teilen?" Doch natürlich sagt er das nur so, um zu rechtfertigen, dass er Neffys Papier geklaut hat.

Wie der Mensch tickt, die menschliche Psyche funktioniert, lässt sich nirgendwo besser beobachten als während einer Pandemie. Man sehnt sich nach dem Vertrauten. Angeleitet von Leon begibt sich Neffy auf Erinnerunsgreisen. Schliesslich erfährt sie von einem grossen Plan, in den sie nicht eingeweiht ist und bei dem eine wesentliche Rolle spielt, dass sie für immun gehalten wird ...

Claire Fuller
Das Gedächtnis der Tiere
Kjona Verlag, München 2026

Mittwoch, 22. April 2026

Empty your brain

Santa Cruz do Sul, 4 March 2025

To be an educated person I've always thought attractive.
I still do yet something has changed. Not suddenly, I've seen it coming.

For many years I thought the idea that we humans need explanations,
that we cannot do without them, spot on. Nowadays I'm not so sure anymore,
nowadays it seems to me that all the knowledge that I've acquired during a lifetime stands in the way of experiencing the world as it is.

Not all knowledge, of course. What scientists have discovered I consider useful
despite the fact that much of it I do not understand because it is outside my line of thinking.

My line of thinking has mostly been in the humanities or, differently put, in the world of ideas. As interesting and entertaining this world is, it is mostly a distraction. Take history, psychology or sociology, disciplines that arbitrarily divide and simplify the world according to their belief-system. Needless to say, there are excellent arguments for doing that.

Nowadays, the importance that arguments are given is beyond me. That the better argument  should decide a court case or an academic debate, I find preposterous. That journalists and thinkers try to make sense of clearly irrational politics, is simply nuts.

At my age, I'm 72, I'm privileged to try something new. I try as best as I can to empty my brain for what I have learned has nothing to do with what is going on. People are neither rational nor civilised. Just look and see! Our way of thinking is at best a distraction.

I see it like this: I'm a container in which my heart beats. I'm not contributing anything to it; the same applies to my respiration, my digestion, even my thinking (my brain is active around the clock without me being conscious of it). Things just happen (think of the stream of thoughts that crosses your brain), I do not make them happen. To observe this, to be a witness, I consider a privilege. My best moments are the ones in which I forget myself.
 

Sonntag, 19. April 2026

Die Parallelwelten des Philip K. Dick

Emmanuel Carrères  Roman über das Doppelleben von Jean-Claude Romand gehört zu meinen intensivsten Leseerlebnissen überhaupt, und Philip K. Dicks Definition der Realität ("Reality is that which, when you stop believing in it, doesn't go away") hat sich in meinem Gedächtnis eingebrannt. Eine bessere Ausgangslage, um mir Emmanuel Carrères Biografie von Philip K. Dick vorzunehmen, ist schwer vorstellbar.

"Die Parallelwelten des Philip K. Dick" zeigten sich bereits im Alter von 14, als seine Mutter zum Schluss kam, "dass der Schulfrust, die Introvertiertheit und die Angstattacken ihres Sohnes wohl der Dienste eines Psychiaters bedurften." Diese Behandlung riss bis zu seinem Lebensnede nicht mehr ab, wobei die amerikanische Sichtweise des Freudianismus auf die Anpassung an die sozialen Normentisch abzielte und "weniger auf Selbsterkenntnis und Selbstannahme einschliesslich persönlicher Absonderlichkeiten." Es sind nicht zuletzt solch erhellende Erkenntnisse (europäische und amerikanische Therapieauffassungen differieren zum Teil erheblich), die die Lektüre lohnen.

Philip K. Dick scheint schon früh zweigeleisig unterwegs. "So wie jeder war Phil während des Kriegs Patriot gewesen, doch die Propaganda von Goebbels hatte ihn ebenso fasziniert." Carrère charakterisiert ihn als glänzenden Unterhalter, der "mit derselben Überzeugung radikal entgegengesetzte Meinungen" vertreten konnte. "Nichts stand je fest, nichts war endgültig oder sicher." Es mutet eigenartig an, dass Dick angesichts dieser Erkenntnis, in seiner binären Logik gefangen blieb.

In unseren durchgeknallten Zeiten, wo jedem und jeder klar sein dürfte, dass der Mensch kein zivilisiertes Wesen ist (man schaue sich unser "Führungspersonal" an), vergisst man allzu leicht, dass wir schon immer von den absolut Ungeeignetsten angeführt wurden, wie auch Carrères Schilderung von Nixon deutlich macht. Überdies waren auch die damaligen Zeiten nicht so verschieden von den heutigen. "In dem Polizeistaat, den er in den USA schleichend entstehen sah, war Widerstand seiner Meinung nach nur von den Freaks zu erwarten. Die politische Opposition steckte wie immer unter derselben Decke und liess sich manipulieren."

Philip las viel in jungen Jahren, und querbeet. "Dostojewski, Lukrez, die Protokolle der Nürnberger Prozesse, deutsche Lyrik, deutsche Philosophie, Science Fiction und Psychoanalyse, dabei vor allem Jung, dessen gesammelte Werke er mit jedem Einzelband zusammenkaufte, der in der grossen Bollingen-Ausgabe erschien." Begeistert war er offenbar auch von Thomas Manns Doktor Faustus, den ich mir unverzüglich herauslege, obwohl meine bisherigen Versuche damit wenig gefruchtet hatten.

Zu den für mich aufschlussreichsten Passagen dieses ungemein detaillierten Buches, das auch eine immense Fleissarbeit darstellt, gehören Carrères Ausführungen über das I Ging, auch Das Buch der Wandlungen genannt. "Es beschreibt keine fixen Zustände, sondern die in ihnen wirkenden Tendenzen. Es weiss, dass jeder Augenblick vorübergeht, dass jeder Höhepunkt schon den Niedergang ankündigt und jedes Scheitern den künftigen Sieg. Den, der im Dunkeln tappt, lehrt es, dass das Licht wiederkehrt, den, der unter der Mittagssonne jubelt, dass die Dämmerung schon eingesetzt hat, und den weisen Mann die feinsinnige Kunst, sich vom Lauf der Dinge tragen zu lassen wie ein leeres Boot vom Fluss."

Man könne, so Carrère, das I Ging auf zwei Arten benutzen – als Weisheitsliteratur oder als Wahrsagetechnik. Dick trachtete nicht nach Weisheit, er wollte das Passwort für die Erlösung. Amerikaner sind praktische, pragmatische Leute; geduldiges Üben scheint nicht so ihr Ding. Wesentliche Einsichten hatte Dick gleichwohl. "Ich glaube, dass sich uns unmittelbar nach dem Tod endlich die höchste Wirklichkeit zeigt. Wenn das Spiel vorbei ist, werden die Karten endlich umgedreht werden, und wir werden erkennen, was wir bis dahin nur geahnt oder verschwommen im Spiegel gesehen haben. Genau das sagt Paulus. Genau das sagt das Bardo Thödröl. Genau das sagt auch Pu der Bär: Wir sehen uns in einer anderen Ecke des Waldes wieder, und er wird immer noch einen kleinen Jungen und einen Bären geben, die miteinander spielen."

Dick litt unter Ängsten und Panikattacken und war ein Kontrollfreak erster Güte, was auch seine Ehefrauen in die Flucht trieb. Dass er dachte wie er dachte,  empfand wie er empfand, war wohl nicht zuletzt der Abhängigkeit von diversen Pillen geschuldet. "Serpasil gegen Herzrasen, Semoxydrin gegen seine Platzangst, Benzedrin, um sein Gehirn zu stimulieren, und noch ein paar Kleinigkeiten, um die Nebenwirkungen der Hauptmedikamente zu behandeln." Dass ein solcher Drogencocktail die Wahrnehmung verändert, weiss jeder, dem Drogen nicht unvertraut sind. Ob zum Guten oder Nicht-So-Guten ist natürlich eine andere Frage. Jedenfalls: Dicks Visionen paralleler Wirklichkeiten scheinen auch drogenfreien Köpfen plausibel.

Ich lebe und ihr seid tot zeigt auch, dass Dick vieles vorweg nahm, das heute ganz besonders aktuell ist, wie etwa die Diskussion über die künstliche Intelligenz. An deren Anfang stand der englische Mathematiker Alan Turing, einer der Erfrinder der modernen Informatik, der vorschlug, "sich bei der Frage, ob eine Maschine wie ein Mensch denken kann. auf ein einziges Kriterium zu beschränken: Ist sie in der Lage, einem Menschen vorzumachen, dass sie denkt wie er, oder nicht?"

Eien Biografie ist letztlich immer auch eine Biografie des Biografen, da sich dieser (und ganz speziell im Fall von Emmanuel Carrère) auch differenziert mit sich selber bzw. seiner eigenen Art und Weise, die Dinge des Lebens zu sehen, auseinandersetzt. Der Autor praktiziert in diesem frühen Buch (als die französische Originalausgabe 1993 erschien, war der heute 69Jährige 36 Jahre alt), was er in all seinen Büchern praktiziert: Eine überaus intensive, existenzielle Selbst- und Lebenserfoschung.

Fazit: Hoch reflektiert, überzeugend dargestellt sowie vielfältig anregend.

Emmanuel Carrère
Ich lebe und ihr seid tot
Die Parallelwelten des Philip K. Dick
Matthes und Seitz Berlin 2025