Sonntag, 20. September 2026

Lügen

Autor Michael Saller ist bestens ausgebildet, geschult und erfahren, und entsprechend zuversichtlich, sein in Titel und Untertitel (Lügen. Wie sie wirken und wie wir sie durchschauen) gegebenes Versprechen einzulösen. Und er tut es auch, allerdings ohne fundamental Wesentliches (etwa: Wieso haben Lügen so oft keine Konsequenzen? Wie kommt es, dass der Mensch sich selbst so oft belügt?) zu hinterfragen. Doch als praktische Anleitung eignet sich dieses Werk ausgezeichnet.

Lügen ist ein konventionelles Buch. Da werden grundsätzliche Fragen gestellt (Warum soll man eigentlich nicht lügen?) und dann Leute zitiert, die dazu Einschlägiges publiziert haben. Ein wenig überaschendes, doch redliches Vorgehen, das allerdings (für mein Empfinden) allzu oft bei, "die einen sagen dies, die anderen das" landet. Nichtsdestotrotz: Lügen ist informativ und unterhaltsam. Also das, was die meisten Menschen sich von einem Sachbuch erwarten.

Wer Lügen von Unternehmen aufdeckt, geht in der Regel ein hohes persönliches Risiko ein. Der Fall des Whistleblowers Stanley Adams, der einst die illegalen Praktiken von Roche und BASF enthüllte, ist mir noch bestens in Erinnerung. Mein Vertrauen in die Schweizer Politik hat seither mehr als nur arg gelitten.

Über Michael Sallers eigene Erfahrungen mit Whistleblowern, musste ich sehr lachen. "Die meisten, die ich kennenlernen durfte, waren eher verschrobene Typen: meist eigensinnig, teils egoistisch, oft rechthaberisch, nicht immer angenehm." Kein Wunder, die ans System Angepassten werden sich kaum wehren, warum auch?

Im Gegensatz zum Autor finde ich es wenig erstaunlich. dass extrovertierte Menschen öfter die Unwahrheit sagen als introvertierte, schliesslich ist ihnen besonders daran gelegen, gut rüberzukommen. Und: "In der Bevölkerung hält sich immer noch der Glaube, dass schöne Menschen keine hässlichen Dinge tun und auch seltener lügen." Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die Dummheit die Geissel der Menschheit ist, wäre das wieder mal einer.

Dem pessimistischen Weltbild, das William Golding in 'Herr der Fliegen' zeichnet, stellt Michael Saller ein Beispiel aus der realen Welt entgegen, das hoffen lässt. Ob der Mensch sein Weltbild aufgrund hoffnungsvoller Beispiele ändern wird, erachte ich jedoch als fraglich. Auch natürlich, weil ich davon ausgehe, dass das Unbewusste uns regiert, über das wir bestenfalls Vermutungen anstellen können, die allerdings höchstens zeigen, wie wir denken, doch nicht wie die Dinge in Wahrheit sind.

"Psychopathen sind gute Lügner", lautet eine der Überschriften. Man könnte allerdings auch argumentieren, dass wer einen Psychopathen erkennt, wohl nicht auf ihn reinfallen würde. Nur eben: In einer Welt, in der alles um den eigenen Vorteil geht, haben wir andere Prioritäten. Erfolgreiche Psychopathen werden in diesem unserem Wettbewerbssystem gefürchtet und bewundert.

Mehr als nur problematisch sind folgende Aussagen. "Laut Bella DePaulo sind mindestens 75 Prozent aller Lügen egozentrisch (...) Nur rund 25 Prozent aller Lügen gelten hingegen als altruistisch; bei schwerwiegenden Lügen liegt der Anteil sogar lediglich bei 10 Prozent." Ganz so, als ob egozentrisch und altruistisch klar fassbare Begriffe wären. Autor Saller setzt sich denn auch moderat kritisch mit solchen Aussagen auseinander.

 Auch den derzeitigen amerikanischen Präsidenten, einen notorischen Lügner sondergleichen (für Details wende man sich an KI) bringt er zur Sprache, und fragt, ob er ein guter Verhandler sei? "Fest steht, dass er nicht so irrational agiert, wie ihn viele deutsche Zeitungskommentatoren darstellen." Womit definitif geklärt wäre, dass des Autors Vorstellungen von irrational mit meinen eigenen nicht kompatibel sind.

Allein das Sammelsurium von Lügen, das Michael Saller zusammengetragen hat, lohnt die Lektüre. Irritiert hat mich allerdings die Bezugnahme auf Befragungen, die natürlich nur abrufen können, was den Menschen bewusst ist und sie preisgeben wollen (bei der Motivation bleibt uns nur zu rätseln.). Dazu kommt: "Selbst bei völlig anonymer Befragung wird gelogen." Darüber hinaus wird bei solchen Fragen stillschweigend eine klare Trennung zwischen Lüge und Wahrheit vorausgesetzt, was schlicht illusorisch ist. Und nicht zuletzt fällt das grösste Talent des Menschen, der Selbstbetrug, dabei gänzlich unter den Tisch.

Auch wenn ich auf mehr und anderes gehofft hatte, als "nur" klassisch gut informiert und bestens unterhalten zu werden, ist Lügen ein empfehlenswertes Werk, reich an faszinierenden Anekdoten, die ich aussagekräftiger fand als viele Erklärungsversuche, inklusive der Studien und Aussagen der Experten-

Michael Saller 
Lügen
Wie sie wirken und wie wir sie durchschauen.
Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt am Main 2026

Mittwoch, 16. September 2026

Sich vor unsäglichen Gefühlen schützen

Die Sucht sei gebunden an Sprachlosigkeit, dies, so erfahre ich aus der Einleitung von Simon Scharf, sei der Denkansatz Roland Voigtels. Zudem: Das Unbewusste sei wie eine Sprache strukturiert. Und auch dies: Zu den Kernelementen von Voigtels Suchtkonzeption gehört "die missglückte Beziehungserfahrung des Kleinkindes" als "zentrales Moment der Suchtentwicklung".

Fremder könnten mir diese Vorstellungen kaum sein. Das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert? Nun ja, man kann bekanntlich vieles glauben, vor allem über das Unbewusste, über das man bestenfalls Vermutungen anstellen kann. Wie auch über die Erfahrungswelt von Kleinkindern, von der man so recht eigentlich ebensowenig wissen kann.

Mein eigener Bezug zur Sucht besteht in meiner eigenen Suchterfahrung; meine Alkoholabhängigkeit ist vor mehr als 35 Jahren zum Stillstand gekommen. Wie das geschehen ist, weiss ich nicht; erlebt habe ich es als eine Gnade. Selbstverständlich könnte ich Gründe bzw. Erklärungen anführen (die selten mehr offenbaren, als wie ich denke), doch für mich ist das Rätselraten. Die Gewissheiten meines Bewusstseins halte ich für meinen eigenen Lebensweg für unbedeutend. Siehe auch hier

Auch Roland Voigtel verfügt über "Drogenerfahrungen als Jugendlicher oder Jungadoleszenter. Als ich nach dem Abitur frisch nach Berlin kam, sehr vereinsamt, haben Alkohol und Cannabis ein paar Jahre lang eine wichtige Rolle gespielt. Ich bin damals in eine psychoanalytische Gruppentherapie gegangen, die mir sehr geholfen hat, mich selbst zu verstehen. Sie sehen, dass bei der Beschäftigung mit dem Thema von vornherein meine subjektiven Erfahrungen miteingeflossen sind." Es ist bestens nachvollziehbar, dass er glaubt, was ihm geholfen hat, werde auch anderen helfen..

Aufschlussreich fand ich insbesondere, dass er nicht nicht die Sucht, sondern "den Zusammenhang von bürgerlicher bzw. kapitalistischer Gesellschaftsstuktur und psychicher Struktur der Individuen" als sein Lebensthema bezeichnet. Entdeckt hatte er das, als er zwei seine Aufsätze von Ende der 1980er Jahre wiedergelesen hatte. Aufschlussreich finde ich das, weil ich eine ganz ähnliche Erfahrung beim Lesen alter Texte gemacht habe. Mir scheint, was ich heute denke, habe ich schon immer so gedacht.

Wortreich beklagt Roland Voigtel das fehlende wissenschaftliche Selbstverständnis der Psychoanalyse. Da muss ich passen. Für mich sind historische Wissenschaften (inklusive der Rechtswissenwissenschaften. „Ein Federstrich des Gesetzgebers und ganze Bibliotheken werden zu Makulatur.“ Julius Hermann von Kirchmann) keine Wissenschaften. Und die Medizin, die mit wissenschaftlichen Methoden operiert, auch nicht.

Therapie versteht Psychoanalytiker Voigtel als "eine Art Begegnung", bei der der kompetente Therapeut sich mit der hilfesuchenden Person wechselseitig austauscht. Und versucht, "sie aus der Sprachlosigkeit herauszuholen."

Die Sucht sei primär "etwas, das hilft und 'die 'Not wendet'." Er führt aus: "Ich finde, dass die Begriffe der Abwehr- und des Abwehrsystems in diesem Zusammenhanng manchmal zu negativ, zu pathologisch gerahmt sind. Es geht hier um einen Schutz des Ich oder des Selbst, wo ein Mensch in einer bestimmten Situation keine anderen Möglichkeiten hatte, als zu diesem Schutz zu greifen – auch hier: 'not-wenig.'" Nur eben: Woher will er wissen, dass "ein Mensch in einer bestimmten Situation keine anderen Möglichkeiten hatte"? Wobei: Ein Süchtiger glaubt in der Tat nicht an die Möglichkeit der Wahl. Und sein Glaube bestimmt sein Verhalten. Ich selber finde gut, dass man eine schlechte, selbstschädigende Wahl negativ bewertet.

Bei seinen Ausführungen über Mütter und frühkündliche Erfahrungen muss ich wiederum passen. Für derartige Glaubensspekulationen fehlt mir die Energie. Einig (Simon Scharfs Fragen sind immer mal wieder ausgesprochen hilreich) gehe ich hingegen mit der Folgerung, dass "keine neurotische oder persönlichkeitsgestörte, überhaupt keine psychische Grundstruktur beseitigbar ist. Sie wurde erlebt, ist innerlich abgebildet, hat die Person geformt und kann nicht rückgängig gemacht werden. Das Einzige, das gemacht werden kann, ist etwas Ergänzendes zu entwickeln ...".

Auch wenn ich Roland Voigtels Auffassung, dass die unbewusst entwickelten Abwehr- und Schutzmechanismen, "etwas Gutes und Wichtiges sind, dem Selbst der Person in einer bestimmten Situation geholfen haben und auf eine gewisse Art repektiert werden müssen", nicht einmal ansatzweise teile (eine destruktive Wahl schönzureden, ist schlicht keine Option), finde ich die Auseinandersetzung mit diesem Buch lohnenswert. Weil viel und erfreulich Unterschiedliches (nichts, wozu der Mann keine Meinung hat) überaus reflektiert zur Sprache kommt. Und auch, weil "die Lösung", die ich für mich gefunden habe, für viele wohl nicht in Frage kommen wird.

Roland Voigtel, Simon Scharf
Sich vor unsäglichen Gefühlen schützen
Ein Gespräch über Sucht, die Rolle der Sprache
und eine politische Psychoanalyse
Psychosozial-Verlag, Giessen 2026

Sonntag, 13. September 2026

Shitfluencer

"Wie Social Media Deutschlands Demokratie zerstören wird  – oder retten kann", kündigt der Untertitel vollmundig an, was unterstellt, dass es in Deutschland eine funktionierende Demokratie gibt. Ich empfehle Fritz R. Glunks Schattenmächte und verweise auf Greg Palasts The Best Democracy Money Can Buy, das anhand der nordamerikanischen Variante klar macht, dass echte Demokratie eine Illusion ist.

Die Welt ist komplex. Viel zu komplex, als dass wir sie verstehen könnten. Und so vereinfacht unser Hirn die Dinge. Wie wir noch mehr vereinfachen können, führt Philipp Jessen in diesem Buch vor, das auf so ziemlich alles einfache und klare Antworten hat. Und damit wohl richtig liegt. Denn der Mensch braucht einfache und klare Antworten. Und Philipp Jessen liefert sie.

Die Zeiten, als die traditionellen Medien eine Gatekeeper-Funktion hatten (und es daran auch wohlbegründete, fundierte und meist linke Kritik gab), ist vorbei. Ihre Glaubwürdigkeit habe gelitten, so Jessen, sie seien an ihrem Vertrauens- und Bedeutungsverlust selber Schuld. Verdienstvollerweise führt er auf, wodurch die Sozialen Medien sich unterscheiden (unmoderiert, schnell, chronologisch, cooles Branding). Bedeutsamer scheint mir hingegen. "Sie alle waren fortan nicht nur noch Empfänger politischer Botschaften. Sondern Sender. Konnten mitdiskutieren. Gegen die Mächtigen austeilen. Auf Augenhöhe. Sich an Tische setzen, an die sie niemand eingeladen hatte ...". Das geht einher mit dem dem, was den Mensch wesentlich ausmacht: Ich, Ich, Ich. Und wäre dann so recht eigentlich echte Demokratie, wo jeder und jede seine/ihre Stimme hat. Ein Desaster sondergleichen!

Autor Philipp Jessen, geboren 1977 in Hamburg, "eine herausragende Persönlichkeit in der deutschen Medien und Kommunikationsbranche", argumentiert traditionell, und fragt: Was macht die AfD besser als die etablierten Parteien? Auch seine Antworten sind traditionell. "Alice Weidel und ihr Team kennen und bedienen die Mechanismen von Social Media bestens. Sie emotionalisiert, und sie attackiert. Das mögen die Algorithmen, und das mögen AfD-Anhänger." Nicht nur AfD-Anhänger, wage ich zu behaupten. Zudem: Wer Emotionen nicht zu kontrollieren weiss, hat rational abgedankt. Shitfluencer macht sich stattdessen dafür stark, die Menschen emotional abzuholen. So funktioneren Propaganda und Werbung.

Apropos "traditionell argumentiert": Muss man wirklich wissen, wie die AfD funktioniert? Genügt es nicht, ihre Ziele zur Kenntnis zu nehmen, sich ihre Repräsentanten anzuschauen, und sich dann dafür oder dagegen zu entscheiden? Sich mit der AfD zu beschäftigen, bedeutet, ihr eine Plattform zu geben. Daran kranken alle sogenannt kritischen Darstellungen. Doch das wäre eine andere Geschichte ...

Shitfluencer ist ein überaus informatives Werk. So erfährt man etwa. dass es das Desinformationsinstrument TikTok in seinem Herkunftsland China so nicht gibt. Stattdessen ein Netzwerk namens Douyin, das sich in Form und Inhalt von TikTok unterscheidet. Und auch Russland ist mit seiner Desinformation äusserst aktiv (und so recht eigentlich immer schon gewesen). Wer sich gegen Propaganda gefeit fühlt, sollte sich Jacques Elluls Propaganda zu Gemüte führen, wo man unter anderem lernen kann, dass vor allem Intellektuelle anfällig für Propaganda sind.

Philipp Jessen weist auch immer mal wieder auf Überraschendes hin (zugegeben, ich spreche von mir). Und er macht auch ein einleuchtendes Gedankenspiel. Falls man Jugendlichen den Zugang zu Social-Media versperren sollte, müsste dies auch für Männer über 50. "Denn von deren allgemeiner digitaler Manipulierbarkeit, Naivität und selbstzerstörerischer Lust, sich von Russland vor den antidemokratischen Karren spannen zu lassen, geht derzeit die grösste Gefahr für unser Land und die Demokratie aus." 

Er ist gegen ein Social-Verbot. "Stattdessen müssen Eltern digitale Vorbilder sein, aufklären und erziehen. Schulen sollten, statt Handys zu verbieten, den richtigen Umgang mit digitalen Medien lehren." Weniger überzeugend geht kaum, denn Wissen hilft kaum gegen Emotionen. Das Einzige, was gegen Emotionen helfen kann, sind andere bzw. stärkere Emotionen.

Shitfluencer ist gut geschrieben und bestens nachvollziehbar, auch wenn ich der Behauptung, die AfD nutze "eine bewusste, hochprofessionelle Strategie" wenig abgewinnen kann. Zudem ist die Vorstellung von Trump als einem genialen Strategen lachhaft, da dieser von Emotionen gesteuerte Mann definitiv nicht weiss, was er tut bzw. was er anrichtet. Das vorherrschende kulturelle Phänomen ist vielmehr die Infantilisierung unserer Gesellschaft.

Philipp Jessen will sein Buch als Weckruf verstanden haben. Mehr noch: Als Aufruf, sich zu wehren, zu kämpfen. "Besser zu ballern als die Feinde der Demokratie." Shitfluencer liefert die Munition dazu. Und argumentiert überzeugend. Das herrschende System wird dabei nicht infrage gestellt. Wieso auch? Der Autor lebt offenbar gut davon.

Wer an die Wirksamkeit von Aufklärung glaubt, ist mit diesem Buch bestens bedient. Für alle anderen gäbe es die Möglichkeit (gar nicht im Sinne des Autors), sich (fast) gänzlich von den Medien zu verabschieden (Schlagzeilen und Vorspann genügen). Siehe hier

Fazit: Vielfältig aufklärend, nützlich und anregend.

Philipp Jessen
Shitfluencer
Wie Social Media Deutschlands Demokratie zerstören wird
  – oder retten kann
Westend, Neu-Isenburg 2026

Mittwoch, 9. September 2026

Von der Sucht

 
Santa Cruz do Sul, 2 Februar 2024

Süchtige kriegen den Hals nicht voll. Sie sind gierig. Nie haben sie genug, immer müssen sie mehr und Neues und Anderes haben. Bei Allem und Jedem. Ich zum Beispiel bei Büchern. Unsere Gesellschaft braucht Süchtige, sie werden Konsumenten genannt. Von was auch immer. Ohne sie würde „unser“ Wirtschaftssystem zusammenbrechen.

Gier macht abhängig. Den meisten scheint das egal und denen, die damit ein Problem haben, hilft die Einsicht wenig. Denn Gier ist ein Gefühl und dagegen kommt der Verstand nicht an, hingegen hilft häufig ein anderes, stärkeres Gefühl. Wer Veränderung will, muss ein solches hegen und pflegen. Es geht darum, sich in ein neues Gefühl hineinzuhandeln.

Seit einiger Zeit stelle ich mich immer mal wieder vor meine Regale, betrachte die Bücher, nehme einige zur Hand, blättere darin und lese mich gelegentlich fest. Zum Beispiel bei Rodney Smith: Frei von Selbsttäuschung: „Es ist unser Widerstand gegen die Realität, nicht die Realität selbst, was Leiden schafft.“ Und bei Hans Albrecht Moser: Auf der Suche: „Alles muss geübt sein, nicht nur Turnen, Klavierspielen, Reden … auch die Loslösung von dieser Welt. Es wäre eine härtere Welt denkbar, wo alle Übung vergebens wäre.

Ich merke, dass ich die Bücher bereits habe, die ich zu brauchen glaube. Und dazu noch ganz viele, die darauf warten entdeckt zu werden. Jetzt gilt es nur noch zu tun, was ich weiss, dass ich tun sollte: Mich auf das zu konzentrieren, was ich habe und vor meiner Nase liegt. Tue ich das, dann stellen sich auch die Gefühle ein, die der Gier Paroli bieten.

Übrigens: Zu den Büchern, die ich zwar gelesen, aber überhaupt keine Erinnerung an den Inhalt hatte, gehört Dainin Katagiris You have to say something. Manifesting Zen Insight. Ich hatte mir ein paar Stellen darin angestrichen und bin heute bass erstaunt, wie genau sie treffen, was mich mein Leben lang wichtig gedünkt hat und ich auch immer wieder gespürt, gemerkt und gefühlt habe. If you really want to please yourself, just forget your longing and attend to your daily life. In this we find goldenness. Ich habe das Buch auf meinen Tisch, also vor meine Nase, gelegt, als Erinnerungsstütze, denn mein Üben besteht darin, immer wieder auf diese mir den Alltag wertvoll machende Philosophie zurückzukommen.

Sonntag, 6. September 2026

Die amerikanische Krankheit

In meinen Augen wurde Amerika schon immer überbewertet und mit Hollywood verwechselt. Die Corona-Pandemie zeigt gerade, dass weit mehr als man sich hat vorstellen können, im Argen liegt. Ein nüchterner Blick tut schon lange Not, angesichts der jetzigen Regierung wird er dringend. Und Geschichtsprofessor Timothy Snyder liefert ihn und zwar so, wie man das am besten tut: Indem man konkret und grundsätzlich wird – seinen Anfang nimmt Die amerikanische Krankheit mit seinen eigenen Erfahrungen mit dem Gesundheitswesen.

Im Dezember 2019 stimmt einiges nicht mit seiner Gesundheit. In München wird eine Blinddarmentzündung übersehen, in Connecticut wird er operiert, in Florida kurz darauf wieder krank. Schliesslich landet er mit einer Sepsis („der Tod war nahe“) in einer überfüllten Notaufnahme in New Haven. Er schildert dies nüchtern und unaufgeregt, beschreibt in einfacher Sprache, was er wahrnimmt: Ein völlig überfordertes System – kein Wunder, denn es ist darauf angelegt, dass einige wenige davon profitieren. „Die Spezialisten in Sachen Profit sind in den physischen und mentalen Raum vorgedrungen, der einst von den Spezialisten in Sachen Medizin kontrolliert wurde.“

Zeit zu haben und sich in Geduld zu üben, gehört nicht zu den Wesensmerkmalen unseres modernen Lebens. Die Beobachtungen, die der Patient Snyder im amerikanischen Spital macht, bringen es auf den Punkt: „Menschen sind bei fast jeder Aufgabe viel schlechter, wenn sie in der Nähe eines Mobiltelefons sind; beide Ärzte hatten die ihren eingeschaltet und zur Hand.“ Und: „Die ständige Ablenkung der Ärzte und Krankenschwestern ist ein Symptom unserer Krankheit. Jeder Patient hat eine Geschichte, aber niemand geht der Geschichte nach.“

Am Rande: Einmal hört er zwei Krankenschwestern sich über eine Freundin, eine schwarze Ärztin, die sich für ihn einsetzt, unterhalten. „’Wer war sie?‘ ‚Sie hat gesagt, sie sei Ärztin.‘ Sie sprachen über meine Freundin. Sie lachten (…) Rassismus beschädigte in dieser Nacht meine Lebenschancen; er beschädigt die Lebenschancen anderer in jedem Augenblick ihres Lebens.“

Warum er keine einflussreichen Fürsprecher zu seinem Schutz herbeigerufen habe, als er in der Notaufnahme gewesen sei, wird er von Kollegen gefragt. Seine Antwort zeigt, weshalb die Gesundheitspolitik mitentscheidend dafür ist, ob wir in einer wirklichen Demokratie (und nicht einer solchen des Geldes) leben. „Wenn jeder Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung zu minimalen Kosten hat, wie dies für fast alle Menschen in der entwickelten Welt gilt, ist es einfacher, Mitbürger als gleichberechtigt zu betrachten.“

Timothy Snyder ist beruflich viel unterwegs und, da er unter heftiger Migräne leidet, auch zu einer Person geworden, „die nachts in fremden Ländern Krankenhäuser aufsuchte.“ Dabei machte er auch die Erfahrung, dass „die Ärzte in Europa Zeit haben, etwas zu tun, das über das Ausstellen von Rezepten hinausgeht „…Und mir ist klar geworden, dass sie in einem System arbeiten, dass all das ermöglicht und fördert.“ Er scheint also ausgesprochen gute Erfahrungen gemacht zu haben. Das geht allerdings nicht allen so, wie der Arzt Klaus Scheidtmann in Seitenwechsel berichtet.

Das Ehepaar Snyder hat zwei Kinder, das eine wurde in Wien geboren, das andere in den USA. Die Unterschiede sind eklatant – was in Österreich selbstverständlich ist, kostet in Amerika viel Geld. Doch Die amerikanische Krankheit stellt nicht einfach Gesundheitssysteme einander gegenüber, sondern wird grundsätzlich: Als Covid-19 die USA erreichte, wollte die US-Regierung die Wahrheit nicht wahrhaben, beschwichtigte, log und lügt immer noch. „Da die Wahrheit einen befreit, widersetzen sich die Menschen, die einen unterdrücken, der Wahrheit (…) Die Wahrheit erfordert Arbeit, Fakten stimmten oft nicht mit dem überein, was wir glauben, was wir glauben wollen oder was wir glauben sollen. Fakten sind das, was wir begreifen, wenn wir die richtige Distanz zwischen unseren Gefühlen und der Welt um uns herum feststellen.“

Fazit: Ein engagiertes und überzeugendes Plädoyer gegen die kommerzielle Medizin.

Timothy Snyder
Die amerikanische Krankheit
Vier Lektionen der Freiheit aus einem US-Hospital
C.H. Beck, München 2020

Mittwoch, 2. September 2026

Frei nach Schopenhauer

"Wenn man auch noch so alt wird", befand Schopenhauer, "so fühlt man doch im Innern sich ganz und gar als denselben, der man war, als man jung, ja, als man noch ein Kind war", lese ich in Otto A. Böhmers Frei nach Schopenhauer, einem philosophischen Roman, dessen Hauptdarsteller Egidius Fitzroy eine Philosophische Praxis betreibt, wo er Menschen rät, die sich mit Sinn- und Lebensfragen an ihn wenden. "Der Mensch, war seine Überzeugung, ist ein Empfänger, kein Sendbote, er hat im Rahmen insgesamt bescheidener Möglichkeiten hellhörig zu sein, weil ihm sonst etwas entgehen könnte, das wichtig für ihn ist."

Seien wir also so hellhörig wie möglich, denn es lohnt. Nicht nur weil Schopenhauer viel Schlaues, Hilfreiches und ausgesprochen Realistisches über den Menschen und die Welt geschrieben hat, sondern auch weil Otto A. Böhmer (wofür wohl das A steht? Ich entscheide mich für Aha) ein sehr differenzierter und ein sehr witziger Erzähler ist.

Frei nach Schopenhauer ist von einem ausgesprochen fantasievollen Mann geschrieben worden. Ich jedenfalls habe noch nie so anregend über eine Kreuzfahrt gelesen. "Das Meer war, höflich gesprochen, gänzlich unaufgeregt, der Wellengang bestenfalls zu ahnen, aber kaum zu spüren. Die Wolken, in undefinierbarer Ferne, konnte man für ein über Nacht entstandenes Gebirge halten, mit rauchigen Kegelköpfen, verschwimmenden Spalten und Schluchten, und die Entstehung dieser atlantischen Bergwelt war keineswegs abgeschlossen, sie zog weiter, pumpte sich auf, um gleich darauf an den Überhängen gekappt zu worden."

Frei nach Schopenhauer ist ein äusserst vergnügliches und höchst lehrreiches Buch. So wird der Leser etwa über die Zeit aufgeklärt, "ohnehin ein relatives Phänomen, das womöglich kaum mehr als ein Assistenzmedium des Menschen ist, der damit mehr Möglichkeiten bekommen hat, sich unter Druck zu setzen ...".

Als die Internationale Schopenhauer Gesellschaft Egidius Fitzroy auf ein Kreuzfahrtschiff schickt, wo er philosophische Sprechstunden abhalten soll, ist er gezwungen zu fliegen, was ihm gar nicht behagt.  Zu seinem Bedauern wird  der Frankfurter Flughafen ("Um ihn herum unerträglich gut gelaunte Urlauber, vorwiegend Familien mit verhaltensgestörten Kindern, dazu acht, neun muntere Greise und eine Ansammlung von Alkoholikern, die alle quergestreifte T-Shirts trugen, auf denen Werbung gemacht wurde für den  bekannten Männergesangsverein 'Halbe-Lunge WAF'.) nicht bestreikt und so muss er in die Luft ("Fitzroy kam in die Mitte einer Dreierreihe zu sitzen, die für ihn allein schon zu eng war. Wer dachte sich bloss solche Diätbestuhlungen aus ...").

In Lanzarote besteigt er dann zusammen mit dem Ehepaar Gantenbein ein Taxi, "dass etwas altersschwach aussah, was aber durch die vertrauenserweckende Erscheinung des Taxifahrers wettgemacht wurde, der seine Fahrgäste mit absolut treuherzigem Blick anschaute und in einer Sprache begrüsste, die sich als weitgehend unverständlich erwies. Spanisch war dabei, ein paar Brocken Englisch, dazu kam aus dem deutschen Sprachraum 'Grüss Gott' und 'gerne' sowie, ein wenig überraschend, 'Sie mich auch'; der Rest gehörte wohl einer einheimischen Mundart an, die nicht ganz zu Unrecht vom Aussterben bedroht war."

Immer wieder wird, es versteht sich, bei diesem Buchtitel, auf Schopenhauer Bezug genommen. Dabei erfahre ich unter anderem auch, dass Schopenhauer eher ein Mann des unnachgiebigen Dialogs war, als dass er auf Diskussionen aus gewesen wäre. "In seinen Schriften steckt vielleicht auch deswegen ein Quantum Weisheit, wie es die allermeisten seiner Kollegen nicht zusammenbekommen haben." Und ich lese, dass der Dichter Miguel de Unamuno seinerzeit angeblich Deutsch gelernt hatte, um Schopenhauer im Original lesen zu können.

Höchst aufschlussreich auch, dass Schopenhauer offenbar dem Blick in den Spiegel nicht über den Weg getraut hat. "Warum", so schrieb er, "warum trotz allen Spiegeln, weiss man eigentlich nicht, wie man aussieht und kann daher nicht die eigne Person wie die jedes Bekannten, der Phantasie vergegenwärtigen?, eine Schwierigkeit, welche dem 'Erkenne dich selbst' schon beim ersten Schritte entgegensteht. Ohne Zweifel liegt es zum Teil daran, dass man im Spiegel sich nie anders als mit gerade zugewendetem und unbeweglichem Blicke sieht, wodurch das so bedeutsame Spiel der Augen, mit ihm aber das eigentlich Charakteristische des Blickes, grossenteils verlorengeht."

Fitzroy bezeichnet sich "auch aufgrund der ihm zugeteilten Denkfaulheit" als Realist und Pragmatiker, den es nicht, wie einige Kollegen, danach drängt, "das Undenkbare zu denken" und der deshalb auch nicht "heilloser Verwirrung anheimgefallen" ist, "die durch psychotherapeutische Behandlung, in die man sich anschliessend begab, nur noch grösser wurde." Treffender kann man kaum für eine gesunde Bodenhaftung plädieren, zu der auch diese Feststellung gehört: "Fitzroy war traurig. Intellektuelle Einwände gegen ein solches Gefühl, das einfach nur da war und zu Herzen ging, standen ihm nicht zur Verfügung."

Ein ganz wunderbares Buch! Ich habe Tränen gelacht und viel gelernt – glänzender Witz und auf die Lebenspraxis ausgerichtete philosophische Gedanken, meine absolute Ideal-Kombination! Otto A. Böhmer beherrscht sie meisterhaft. Frei nach Schopenhauer ist intelligente Unterhaltung vom Feinsten!

Otto A. Böhmer
Frei nach Schopenhauer
Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2018

Sonntag, 30. August 2026

Aus dem Geschichtsbuch gefallen

Als ich vor einiger Zeit las, dass Goethe die Weltgeschichte für eine idealistische Überhöhung disparater Ereignisse hielt, fühlte ich mich in meinem Mich-Wundern darüber, dass uns absolut Willkürliches als uns leitend beigebracht wird, bestätigt. Und wunderte mich, dass ich offenbar solcher Bestätigung bedarf. Wenn nun einer daherkommt und andere Akzente, als die gemeinhin üblichen, setzt. ist das natürlich ähnlich willkürlich wie die sogenannt reguläre Geschichte, doch sie hat den Vorteil, viel unterhaltsamer zu sein. Und, so man denn bereit dazu ist, unseren Horizont zu erweitern.

Autor Ralf Höller studierte Geschichte und Anglistik und denkt so, wie solche Leute gemeinhin denken, glaubt also an schriftliche Belege, unterscheidet sich jedoch von den gängigen Überzeugungen, weil er anders gewichtet. Die von ihm in diesem Band geschilderten Figuren eint zweierlei: "Alle haben Grosses geleistet, alle sind in Vergessenheit geraten, sozusagen aus dem Geschichtsbuch gefallen."

Herausgekommen ist dabei wunderbart Amüsantes und höchst Lehrreiches. Speziell hinweisen möchte ich auf Daniel Defoes Robinson Crusoe bzw. auf Alexander Selkirk, dem Mann, "der Robinson Crusoe wurde". Der Grund, weshalb diese Geschichte mein ganz besonderers Interesse geweckt hat, liegt einerseits darin, dass ich letzthin Daniel Defoes Roman gelesen habe; der andere, weil ich fasziniert davon gewesen bin, was Markus Gasser aus dem Material gemacht hat.


"Am 11. September 1703 war Selkirk von Irland aus zu einer Kapermission aufgebrochen ...", geriet jedoch mit dem 21-jährigen (!) Kapitän in Streit und wurde in der Folge auf eigenen Wunsch auf der Insel Más a Tierra ausgesetzt. Im Alter von 33 wurde er gerettet. Ob Selkirk die einzige Vorlage für Robinson Crusoe gewesen ist, wird von Experten abgelehnt. "Vielmehr sei die Geschichte hinter dem Roman 'eine komplexe Mischung sämtlicher damals kursierender Überlebensberichte von Freibeutern'". Damit wird wieder einmal bestätigt, was der Mythenforscher Joseph Campbell über Mythen generell herausgefunden hat: Dass sie sich weltweit und zu allen Zeiten ähnlich sind.

"Die Insel. auf der Selkirk vier Jahre und vier Monate gelebt hatte, wurde 1966 in Isla Robinson Crusoe umbenannt - zu Ehren Defoes. Der 1. Februar, an dem Selkirk 1709 gefunden wurde, wird jedes Jahr weltweit als Robinson-Crusoe-Tag begangen. Name und Datum scheinen stärker der Fiktion als der Realität verhaftet zu sein, der imaginäre zählt offenbar mehr als der reale Held."

Auch wenn für mich Geschichte weitestgehend Fiktion ist, sie orientiert sich so gut wie möglich an Fakten. Und zu diesen gehört, dass die meeresstrasse zwischen Sibirien und Alaska zwar den namen Bering trägt, obowhl er sie gar nicht durchquert hat. "Derschnew, der sie bis dato als Einziger durchsegelt hatte, geriet hingegen in Vergessenheit."

Aus dem Geschichtsbuch gefallen ist ein trefflicher Titel für Ralf Höllers Erzählungen von Leuten, die (jedenfalls mir) gänzlich unbekannt gewesen sind, sei es die Peruanerin Micaela Batidas, der französische Revolutionär François Noël Babeuf, der Paraguyaner José Francia und und und ... Was mir bei diesen Schilderungen besonders gut gefallen hat, sind die vielen aufschlussreichen Details, von denen der Autor zu berichten weiss. "Während Francia der Staatskasse für seine Bedürfnisse und die Bezahlung einer Handvoll Diener 7.000 Pesos entnahm, benötigte Bolívar die zehnfache Summe. darüber hinaus  erhielt Letzterer jährlich Geschenke im Wert von 50.000 Pesos. Nicht eingerechnet sind die 2.000 Pesos, die Bolívars Verbrauch an teuer importiertem Eau de Cologne jedes Jahr verschlang." Die Kenntnis solcher Details inbezug auf "unsere" heutigen Anführer hätte wohl ein grösseres Potential für Veränderung als staatliche Abstimmungsunterlagen.

Ralf Höller setzt mit diesem Werk nicht nur vergessenen Persönlichkeiten ein Denkmal, er zeigt auch, dass Geschichte viel bunter ist, als wir gemeinhin annehmen (zugegeben, ich spreche von mir). was sich eindrücklich in der Themenauswahl zeigt: Der Traum von einer russischen Kolonie in Kalifornien; das progressive Pendant zu Jeanne d'Arc; Das Attentat, das Lenin ruinierte; Der Erfinder der Negativzinsen; Die Juden, die sich nichts mehr gefallen liessen; Das, was bleibt, ist ein Fluch (über den ungarischen Fussballer Béla Guttmann).

Ralf Höller
Aus dem Geschichtsbuch gefallen
Wagenbach, Berlin 2026