Mittwoch, 28. Oktober 2026

Fridolins Geschichte oder Die Abkehr vom gängigen Denken

 „Was ist denn mit dir passiert?“, fragte Aurora, die, bevor sie sich mit Installationen in Kunstkreisen einen guten Ruf erworben hatte, Petra hiess. „Du wirkst ganz anders, irgendwie frischer.“

„Ich habe mit dem Saufen aufgehört“, erwiderte Fridolin.

„Einfach so?“

„Nein, nein, gar nicht einfach so. Es ist eine lange Geschichte. Und so recht eigentlich ist es gar keine Saufgeschichte.“

„Ich verstehe nur Bahnhof.“

„Saufen war das Symptom. Und auch die Ursache.“

„Wofür?“

„Angst.“

„Angst wovor?“

„Dem Leben, dem Tod, you name it.“

„Das ist mir zu allgemein, damit kann ich nichts anfangen.“

„Und ich kann mit dem Konkretisieren nichts anfangen. Genauer: Nichts mehr anfangen, denn lange habe ich selber auch gedacht, alles müsse einen konkreten Grund haben. Das glaube ich nicht mehr.“

Als Aurora dann wissen wollte, was ich heute glaube, zitierte ich Paul Valéry („Das Kausalitätsprinzip hat unserem Geist recht seltsame Streiche gespielt.“), dem sie zwar zustimmte, doch womit sie sich nicht zufrieden geben wollte. Auch mein Hinweis auf den Buddhismus, der das Ich als Illusion begreift, genügte ihr nicht. Nicht einmal meine eigene Weisheit, der gemäss Widersprüche nur in meiner Vorstellung existierten, konnte sie zum Schweigen bringen. Sie insistierte auf einer praktischen Anleitung, die sie für sich selber prüfen wollte

Also gut, sagte ich, doch dafür muss ich ausholen.

Ob ich glaube, dass Russland in die Ukraine einfallen werde?, fragte mich ein Student im Januar 2022 während des Englischunterrichts im brasilianischen Santa Cruz do Sul, wo ich jeweils drei Monate im Jahr im Einsatz bin. Ich vermute, diese Drohungen seien der Lage in Russland geschuldet; das Ziel sei wohl, das Gefühl der Einheit im Innern zu stärken, indem man einen äusseren Feind heraufbeschwöre, gab ich zur Antwort.

Damals hielt ich meine Antwort für einigermassen vernünftig, damals hörte ich Leuten zu, die mir Russland oder Amerika erklärten. Heutzutage halte ich Leute, die glauben, man könne den allgegenwärtigen Irrsinn erklären, für irrsinnig.

Dass alles seinen (guten) Grund habe, ist uns selbstverständlich, wie auch, dass niemand etwas ohne (guten) Grund tut. Nur eben: Wer weiss das schon? Kann man das überhaupt wissen? Man kann es glauben, und unser Glaube bestimmt unser Tun.

Man kann auch an etwas ganz anderes als an unsere gängigen Welterklärungen glauben. Seit ich vor gut zwanzig Jahren in der kalifornischen Wüste (wie passend!) auf Sharon Camerons „It is possible to think this: without a reference point there is meaninglessness. But I wish you’d understand that without a reference point you’re in the real.“ gestossen bin, sehe ich die Welt anders, neu. Allzu vieles scheint mir heutzutage vollkommen willkürlich. Die Geschichtsschreibung, die Juristerei … Nichts als Argumente!

Dass wir unseren Gedanken eine derartige Bedeutung geben, ist mir so recht eigentlich unbegreiflich, denn sie kommen und gehen, wie es ihnen passt, machen mit uns, was sie wollen. Die Vorstellung, wir wüssten, was und warum wir tun, was wir tun, ist absurd.

Ob Sie an ein Leben nach dem Tod glaube?, wurde Hilary Mantel einst gefragt. Ja, antwortete sie. Sie könne sich zwar nicht vorstellen, wie das gehen solle, doch das Universum sei nicht so begrenzt wie ihre Vorstellungskraft.

***

Mein Denken ist ein westliches, also geprägt vom Unterscheiden: Richtig/Falsch, Entweder/Oder, Schwarz und Weiss, Anfang und Ende. Die australischen Aborigines, so lernte ich einst von einem amerikanischen Linguisten, denken anders. Das hier, der Linguist hielt einen langen, glatten Holzstecken in der Hand, der an beiden Enden genau gleich aussah, das hier, er deutete auf das eine Ende, ist der Anfang, und das hier, er deutete auf das andere Ende, ist das Ende. Der Aborigine nahm ihm den Holzstecken aus der Hand, drehte ihn um die eigene Achse und fragte: Und wo ist jetzt der Anfang und wo das Ende?

Ich bin mir der Willkür meines Denkens (und meiner Sprache) oft bewusst, doch das ändert wenig, da Einsichten generell überschätzt werden. So wissen wir etwa, dass die Erde um die Sonne kreist, doch reden wir immer noch davon, dass die Sonne auf- und untergeht! „Understanding is a feeling“, hat mich meine Auseinandersetzung mit der Fotografie gelehrt. Ein Denken, dass das Herz nicht erreicht, ist nichts weiter als eine gedankliche Spielerei.

„Halt, Stopp!“ unterbrach Aurora seinen Vortrag. „Das klingt mir schon arg nach Denken bringt nichts. Glaubst du das wirklich?“

„Muss es denn was bringen?“, gab Fridolin zurück.

„Dass der Mensch von Nützlichkeitserwägungen geleitet wird, ist doch offensichtlich.“

„Das sehe ich auch so. Wir werden von der Biologie regiert. Unser ganzes Streben und Trachten wird von unserem Lebenswillen bestimmt. Unser Denken ist diesem Lebensinstinkt untergeordnet. So hat etwa die Hirnforschung gezeigt, dass unser Hirn ständig unser Verhalten rationalisiert. Im Nachhinein.“

„Im Nachhinein? Du meinst, wir bestimmen nicht, was wir tun, wir seien so eine Art Maschine?“

„Das sind wir in der Tat, wenn auch eine überaus komplexe und hoch entwickelte. Nimm doch nur das Sprechen: Wenn ich jetzt mit dir rede, purzeln die Worte vollkommen automatisch aus meinem Mund, mir gehen dabei keine grammatikalischen Regeln durch den Kopf, auch habe ich keinen Schimmer, welches die nachfolgenden Sätze sein werden.“

„Das habe ich mir noch gar nie überlegt.“

„Noch vieles andere funktioniert ganz ohne mein bewusstes Dazutun. Herzschlag, Atmung, Verdauung. Wir sind so eine Art Container, in dem das Leben pulsiert.“

„Du meinst also, die Vorstellung, wir würden unser Leben bestimmen, sei falsch?“

„Sie ist falsch. Objektiv gesehen, also ohne Emotionen, aus Distanz betrachtet.“

„Das leuchtet mir ein, doch gleichzeitig finde ich unsere Art zu denken nützlich, schliesslich unterstützt sie unseren Lebenswillen.“

„So ist es. Doch gleichzeitig macht sie uns leiden, führt sie uns ins Desaster.“

„Wieso denn das?“

„Sie veranlasst uns, in einer Illusion zu leben. Wir klammern uns ans Leben, von dem wir wissen, dass es vergänglich ist. Sich an etwas Vergänglichem festzuhalten, ist schon ziemlich irre.“

„Okay, der Preis dafür ist also Leiden. Doch leiden, das können wir. Aber ein Desaster?“

„Unser Denken verlangt Sicherheit, Kontrolle. Das ist das Gegenteil der Unsicherheit, die für unser Dasein charakteristisch ist.“

„Schon, aber wo siehst du das Desaster?“

„Schau dir an, wie wir die Natur behandeln. Wie blöd, ja, wie verblendet muss man sein, um die eigene Lebensgrundlage zu zerstören? Es ist die Diktatur der Gier, die uns regiert. Nichts ist jemals genug, immer wollen wir Mehr-Mehr-Mehr.“

„Zugegeben, das ist alles andere als rational. Doch wie willst du das ändern?“

„Indem man das Bild, das man von sich selber hat (Ich weiss, was ich tue) durch die Realität ersetzt: Ich bin Teil der Natur, Teil des Universums. Alan Watts hat überaus Schlaues dazu geschrieben. 'Die ganze Welt bewegt sich durch dich hindurch – kosmische Strahlen, Sauerstoff, der Strom von Steaks und Milch und Eiern, die du verspeist– , alles fliesst geradewegs durch dich hindurch. Du bist ein Wirbel, und die Welt wirbelt dich herum.' Ich finde es ausgesprochen befreiend, mir das so vorzustellen. Auch natürlich, weil wir in erster Linie wir daraufhin gedrillt werden, das Leben im Sinne von Fortbestand und Nutzen zu betrachten. Nur eben: Dabei entgeht uns das Wesentliche, die Magie. Noch einmal Watts: 'Und weil wir mit der Zeit aufhören, die Magie in der Welt zu sehen, taugen wir irgendwann nicht mehr für das Spiel der Natur, ihrer selbst gewahr zu sein, und sterben. Um nichts anderes geht es im Leben.'“

„Klingt schön und gut, doch ich muss Geld verdienen ....“, lachte Aurora. „Und überhaupt: Du wolltest mir doch erzählen, wie du mit dem Saufen aufgehört hast. Stattdessen hältst du mir einen Vortrag über unsere Art zu denken. Wo ist da der Zusammenhang?“

„Hier ist er: Etwa zehn Jahre lang versuchte ich mit dem Saufen aufzuhören. Alleine, ohne Hilfe. Ich las tonnenweise Psychologie, Philosophie, Literatur; alles, von dem ich mir Antworten versprach auf meine existenziellen Nöte. Ein Alkoholproblem war mir zu banal; dafür war ich zu gescheit, zu komplex, zu schwierig, zu sensibel. In alten Tagebüchern stiess ich dann des öfteren auf einen Eintrag, der da lautete: Montag beginne ich ein neues Leben. Zum ersten Mal notierte ich dies im Alter von vierzehn. Ich schien zu glauben, dass Veränderungen nur an einem bedeutungsvollen Tag möglich seien. Montag, Weihnachten, Geburtstag usw. Das war offenbar ein Muster – und natürlich gänzlich absurd. Mein Kopf wusste das, mein Gefühl aber nicht. Du kannst dich doch nicht von deinen Gefühlen regieren lassen, sagte mein Kopf. Konsequenzen hatte es keine. Und dann trat ein, was ich wusste, das nicht eintreten konnte: An einem Montag, der gleichzeitig ein 1. Januar war, hörte ich auf zu saufen.“

Aurora lachte: „Kein Wunder traust du deinem Denken nicht mehr.“

„So weit würde ich nicht gehen. Im Alltag finde ich mein gewohntes Denken ganz okay. Doch da, wo ich die Notwendigkeit zur Veränderung spüre, darf ich mich nicht darauf verlassen, da muss ich handeln. Und durchs Handeln verändert sich das Denken. Das Handeln kommt zuerst, dann kommt erst das Denken. Für die Hirnforschung ist das schon lange klar.“

„Du meinst: Man kann sich in ein neues Denken hinein handeln?“

„Ganz genau. Bei der Alkoholsucht ist das offensichtlich: Du weisst nicht nur, dass du ein Problem hast, du weisst auch ganz genau, was du zu tun hast: Nicht saufen.“

„Wenn es so einfach wäre.“

„Es ist so einfach. Was zu tun ist, ist einfach. Wir sind schwierig. Wir wehren uns gegen Veränderung, geben erst auf, wenn wir müssen.“

„Wie bist du da drauf gekommen.“

„In einem Hotel im indischen Jaipur kam ich mit dem Besitzer ins Gespräch, der mich zu einem Treatment Center mitnahm, das von Ex-Alkis geführt wurde. Auf meine Frage, wie viele ihrer Patienten freiwillig hier seien, sagte man mir: Keiner. Und was ihre Erfolgsquote sei? 17 Prozent. Ich weiss von keiner Suchteinrichtung, die auf Freiwilligkeit basiert, die eine derartige Erfolgsquote vorzuweisen hat. So um die 7 Prozent ist meines Wissens die Regel. Ich leite daraus ab, dass nicht so sehr die Motivation, sondern zu handeln entscheidend ist. Ob man will oder nicht, man muss es einfach tun. Drei Monate waren diese Alkis dort eingesperrt, konnten also nichts trinken. Und bei einigen hat dies zur einer grundlegenden Veränderung geführt. Ganz einfach, weil sie nicht trinken konnten.“

„Unser gängiges Denken ist in der Tat ganz anders, da liegt der Akzent eindeutig auf der Motivation.“

„Ich behaupte nicht, dass diese unwichtig sei; ich sage nur, dass, wie wir wirklich denken, sich in unserem Handeln zeigt. Nicht in dem, was wir sagen. Auch nicht in unserem Bewusstsein, das eh nur einen kleinen Teil unseres Seins ausmacht. Wenn mir einer mit viel Geld und grossem Haus erzählt, Geld sei ihm nicht wichtig, erzählen mir seine Lebensumstände etwas ganz anderes.“

„Was mir immer noch nicht wirklich klar ist: Wie können wir mit dem uns geläufigen Denken neu denken lernen?“

„Durch Beobachtung. Als ich letzthin mit meinem jüngeren Bruder telefonierte, liess ich ihn auch wissen, dass ich schon seit einiger Zeit die gängigen Erklärungsmuster nicht mehr ertrage. In einer Goethe-Biografie hätte ich letzthin gelesen, der Dichter und Denker habe von der Weltgeschichte, 'dieser idealistischen Überhöhung disparater Ereignisse', wenig gehalten. Und so sähe ich das auch. Überhaupt, führte ich weiter aus, würden mir Erklärungen wenig helfen; mein Bemühen liege auf dem genauen Hinschauen, dem Beobachten meiner Gedanken und Gefühle, die ich übrigens nicht unterscheiden könne. Dabei sei mir auch aufgefallen, dass meine Widerstände gegen Veränderungen weit grösser seien als ich mir das hätte vorstellen können. Nähme ich mir zum Beispiel etwas vor, so sei damit schon fast garantiert, dass ich es nicht tun würde. Lasse ich mich jedoch sein wie ich gerade bin, und schaue genau hin, auf mich und um mich herum, tauche immer mal wieder etwas auf, das ich dann umgehend angehe. Einer dieser Momente, auf den ich entschlossen reagiert habe, führte dazu, dass ich angefangen habe, den Keller zu räumen. Ich sei immer noch dabei. Als ich mit meinen Ausführungen schliesslich zu Ende kam, meinte mein Bruder, er habe den Eindruck, ich übe, in der Gegenwart zu sein. Erst seine zusammenfassenden Worte machten mir klar, dass ich genau das tue. Es ist dies für mich die einzige Lebensform, die mich nicht verzweifeln lässt. Einen Schritt nach dem andern zu machen. Langsam.“

„Ganz entspannt im Hier und Jetzt?“, lachte Aurora.

„Wäre ja wirklich nicht schlecht, doch Nein, bei mir geht es Rauf und Runter, Hin und Her, und das alles rasend schnell. Meine Befindlichkeit hat C. G. Jung in seiner Autobiografie Erinnerungen, Träume, Gedanken so beschrieben: „Ich bin ausserstande, einen definitiven Wert oder Unwert festzustellen, ich habe kein Urteil über mich und mein Leben. In nichts bin ich ganz sicher. Ich habe keine definitive Überzeugung – eigentlich von nichts. Ich weiss nur, dass ich geboren wurde und existiere, und es ist mir, als ob ich getragen würde. Gleichzeitig erfahre ich eine Kontinuität des Seins, die mich immer mal wieder dazu verleitet, die Realität als immerwährende Gegenwart zu begreifen.“

„Verstehe, doch was genau dieses neue Denken ist, verstehe ich immer noch nicht so recht.“

„Vielleicht sollte es negativ beschreiben: Mich interessieren Gründe, Erklärungen und Rechtfertigungen heute wenig. Ich finde absurd, dass vor Gericht, das bessere Argument gewinnt.“

„Okay, doch was wäre die Alternative?“

„Mein Hirn, das antizipatorisch unterwegs ist und mir dauernd davonrennt, leeren. Não pense, veja (Denke nicht, schau), habe ich vor Jahren bei einem brasilianischen. Zen-Buddhisten gelesen. Und vergesse es leider immer wieder. Doch genau das gilt es zu üben, denn dann bin ich in der Gegenwart.“

„Also für mich klingt das schon sehr nach einem Loblied auf die Gefühle.“

„Nein, Nein! Mir geht es um Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Präsenz, genaues Hinhören. Damit meine ich keineswegs meinen Gefühlen zu folgen, sondern sie gleichsam von aussen zu betrachten, seinen Verstand einzusetzen und sich zu fragen: Will ich in diese Richtung oder doch in eine andere.“

„Seinem Bauch folgen.“

„Nur das nicht! Die Bauchgefühl-Enthusiasten sind eitle Egomanen, die meinen ihre (und nur ihre!) Gefühle seien gleichsam göttlich. Sie halten sich für Auserwählte. Kennst du Byron Katie? 'Alles kommt und geht.' Und: 'Ich nehme die Dinge wie sie kommen und gehen. Das ist wahre Liebe', schreibt sie. Wenn man sich auf diese Sätze wirklich einlässt und das tut man, indem man weder denkt noch nicht-denkt, sondern sich einfach widerstandslos dem überlässt, was geschieht, wird man sich frei fühlen.“

„Hingabe also. Das verstehe ich. Doch du hast doch gesagt, wir sollten den Verstand benutzen, um uns die Richtung vorzugeben. Das ist doch ein Widerspruch.“

„Na ja, Widersprüche existieren nur in unserem Kopf.“

***

Ein paar Tage später gingen Aurora und Fridolin im Schweizer Jura spazieren. Bei Courcelon, in der Nähe von Delémont, einem Gebiet für Pferdeliebhaber, und Fahrrad-Touristen.

„Wenn man von neuem Denken spricht“, setzte Aurora an, „dann setzt das ja voraus, dass es ein altes Denken gibt, was ich irgendwie eigenartig finde, da wir doch nur ein Denken haben.“

„So isses! Doch wir können die Richtung vorgeben. Glauben wir zumindest. Und was wir glauben, leitet uns. Als die Schauspielerin Beryl Reid einmal gefragt wurde, 'wie sie sich in eine neue Figur einfinde, wie sie das Gefühl dafür bekomme, jemand anders zu sein, antwortete sie: 'Als Erstes suche ich mir die Schuhe aus.' Der Rest kommt dann von ganz allein.' Weil sie damit der Automatik, die uns grösstenteils bestimmt, die Richtung vorgegeben hat.“

„Das gefällt mir. Und erinnert mich an Sherlock Holmes, der die Auffassung vertritt, dass das Aufnahmevermögen unseres Hirn begrenzt ist, weshalb wir denn auch gut überlegen sollten, welches Wissen uns dienlich ist und welches vollkommen unnütz ist.“

„Denk nur einmal an die Medien, die jeden Tag Psychopathen eine Plattform geben. Weil sie damit Klicks erhalten. Das ist sowas von krank, ich habe mich davon verabschiedet.“

„Dich kümmert nicht, was auf der Welt vor sich geht?“

„Schlagzeilen und Vorspann genügen.“

„Und was tust Du stattdessen?“

„Ich gebe mir Mühe, geistig da zu sein, wo ich physisch bin. Da das Hirn kein neutraler Beobachter der Wirklichkeit, sondern ein Vorhersageorgan ist, bin ich dabei, das Innehalten lernen.“

„Du sagst Dir also: Halt! Stopp!“

„Genau. Daraufhin entschleunige ich, gehe ich die Dinge langsamer an. Das fördert mein Präsent-Sein.“

„Was meint Vorhersageorgan eigentlich konkret““

„Das Gehirn nutzt sein Vorwissen und seine Erwartungen über die Welt, um sie zu verstehen. Anders gesagt: Wie wir die Welt sehen, wird bestimmt von dem, was wir wissen und erwarten. We do not see things as they are, we see things as we are, heisst es im Talmud.“

„Innehalten bedeutet also, das Hirn anzuhalten?“

„Das geht leider nicht“, lachte Fridolin, „ist womöglich aber auch gut so. Innehalten erlebe ich als staunendes Wahrnehmen dieses rasanten Stroms von Gefühlen, Gedanken, Emotionen, die mein Hirn durchqueren. Da gibt es weder Anfang, Ende, noch Auslöser. Und führt dazu, dass ich mich dem nur hingeben kann.“

***

Natürlich richtete Fridolin nicht seine ganze Energie darauf, möglichst gegenwärtig zu sein. Das ging nur ab und zu, und auch dann eher selten so, wie er es sich wünschte. Doch neu zu denken – und darum war es ihm nicht unwesentlich zu tun – bedeutete nicht nur, vom vertrauten Medienkonsum abzulassen, sondern sich neu zu orientieren. In seinem Falle meinte das, sich nicht mehr auf das zu konzentrieren, das er nicht hatte, sondern zu lernen, dankbar dafür zu sein, was er hatte.

Er stellte sich vor sein Bücherregal, nahm heraus, was ihm gerade ins Auge fiel. Rohinton Mistry: A Fine Balance. In Singapur gekauft, daran erinnerte er sich, zu einer Zeit, da er von Asiatischem nicht genug kriegen konnte. Hatte er es jemals gelesen? Er wusste es nicht, bezweifelte es jedoch. Und hier: Zia Haider Rahman: soweit wir wissen, worin er sich unter anderem angestrichen hatte: „... wir müssen die Erwartung aufgeben, alles verstehen zu können, um wenigstens den Weg zu einem teilweisen Verständnis einzuräumen.“ Kein neuer Gedanke, wahrlich nicht. Ihn anzuwenden, würde ihn allerdings zu einem neuen Gedanken machen, denn was wir wirklich denken, zeigt sich allein in unserem Tun.

Sonntag, 25. Oktober 2026

In the Cathedral

1 March 2026

A sunny Sunday afternoon in Porto Alegre in the Southbrazilian summer of 2026, few people are on the streets, quite some do not exactly inspire confidence. The cathedral near my downtown hotel I've a few times photographed, today I go inside, sit on one of the benches and let my thoughts wander.

People of former times demonstrated with their churches that they paid tribute to a higher power, that there was more to life than they themselves, that they were not self-sufficient. Life was more than what they were able to understand. Religion was an expression of their longing to understand.

Mittwoch, 21. Oktober 2026

Witzig und lehrreich

Montpellier, 18. Mai 2024

"Infolge eines ungerechten Paradoxes wünschten sich Frauen mit glatten Haar grundsätzlich Locken, während die mit Locken sich gerade Haare wünschten."

"... mit der jedem Hund eigenen Fähigkeit, gute Menschen zu erkennen...".

"All die kleinen Entscheidungen meines Lebens wurden mit dem Verstand getroffen, aber keine der wirklich wichtigen."

"Ich liebte sie so innig und rein, wie es einem Zwölfjährigen nur menschenmöglich ist. Selbstverständlich sprach ich nie auch nur ein Wort mit ihr und glaube nicht, dass sie es je erfahren hat."

"Der Mensch ist ein so viel tiefgründigeres Wesen, als der Mensch selbst je ermessen kann (...) Ein Beweis, dass es Gott doch geben muss (...) anders lässt sich das nicht erklären."

Niall Williams
Das ist Glück
Ullstein, Berlin 2025

Sonntag, 18. Oktober 2026

Vom Wert der Vergänglichkeit

Reinhold Messner ist mir zuerst in Talkshows aufgefallen, als gescheiter, eloquent argumentierender Mann. Später dann habe ich auch Bücher von ihm gelesen, die mich immer mal wieder zum Denken angeregt haben. In ihrem ersten gemeinsamen Buch, Sinnbilder), zitieren Diane und Reinhold Messner Milarepa mit den Worten: „Meine Religion ist es, ohne Bedauern zu leben und zu sterben.“ Mehr gibt es für mein Dafürhalten eigentlich nicht zu sagen, doch das Ehepaar Messner sieht das anders. Ihr jüngstes Werk heisst: Lebenszeit. Vom Wert der Vergänglichkeit. 

Er schreibt seine Texte, sie ihre. Er beginnt mit seiner gegenwärtigen Altersbefindlichkeit, sie mit einer Liebeserklärung an ihn. Dann folgen Jugenderinnerungen von ihm, und ich frage mich wieder einmal, was jemanden dazu treibt, solche aufzuschreiben. Vielleicht frage ich mich das auch, weil ich an meine eigenen kaum Erinnerungen habe, sie mir wie ein Traum vorkommen, nicht zu greifen scheinen.

Vor allem Reinhold Messner schreibt ausgiebig von seinen Erinnerungen, an seinen Grossvater, seine Grossmutter, sein Unterwegssein in unwirtlichen Gegenden. Auch seine Frau erzählt von Kindheit und Jugend, und auch von ihrem Sohn. Mir sagt das nichts. Hingegen sprechen mich die Reflexionen an, von beiden. Sätze wie "Verstehen allein verändert nichts"(Diane Messner) oder "Menschern haben ein Bewusstsein – im Gegensatz zu anderen Lebewesen  – und dieses Bewusstsein bleibt im Kern bis ins Alter das gleiche." (Reinhold Messner).

Auch die Beziehung der beiden durchzieht das Buch. Vor allem, wie er zunehmend von ihr abhängig wird, was sowohl ihm als auch ihr Mühe macht. Zu weiten Teilen bestehen diese Aufzeichnungen aus gegenseitigen Deklarationen der Liebe füreinander. Weshalb sie glauben, das gehöre an die Öffentlichkeit, entzieht sich mir. Ich fühle mich gelegentlich als Voyeur, und mag das ganz und gar nicht.

Immer wieder kommt der beträchtliche Altersunterschied (sie ist 35 Jahre jünger) der beiden zur Sprache, und speziell seine Auswirkungen. Kein Wunder, denkt man sich da, wird das mit zunehmendem Alter problematisch. Nur eben: Was die beiden verbindet, ist weder altersabhängig, noch lässt es sich mit unserem gängigen Denken fassen. Wieder einmal werde ich daran erinnert, dass wir vom Unbewussten geleitet werden, also wenig wirklich verstehen, doch wir können uns hingeben, auch dem, was wir nicht verstehen (können).

Doch die unterschiedlichen Lebensalter fordern heraus, und geben Anlass zur Reflexion.  "Ich stand dort und spürte nur meinen Zeitdruck. Ich fragte mich, wann genau ich begonnen hatte, Geschwindigkeit mit Wichtigkeit zu verwechseln. Wann Warten zu einem Makel geworden war. Reinhold wartete draussen, geduldig wie immer. Ich wartete drinnen, ungeduldig wie immer." 

Dass die Erinnerungen sich verselbständigen, und er, der ein Leben lang in der Öffentlichkeit gestanden ist, die nunmehr ausbleibende Aufmerksamkeit vermisst, ist gut nachvollziehbar. Ebenso wie er das alles rationalisiert, auch wenn mich dabei stets der bereits zitierte Satz seiner Frau begleitet: "Verstehen allein verändert nichts." Wenn er etwa schreibt, dass es normal sei, wenn uns im Alter weniger Aufmerksamkeit entgegengebracht werde, und dies bedeute, "dass es Zeit ist loszulassen, am besten in kleinen Dosen und ohne Bedauern", ist das zwar leicht gesagt, doch gibt es eben auch noch das praktische Umsetzen. "Er erträgt es schwer, wenn Dinge verloren gehen und Unachtsamkeit der Grund dafür ist."

Lebenszeit ist ein vielfältig anregendes Werk, eine Auseinandersetzung mit grundsätzlichen Lebensfragen. "Sich die Welt denken und sie sich verwirklichen sind zwei Paar Schuhe. Denken ohne Handeln bleibt ein unbestiegener Berg." (Diane Messner). "Dieser Himalaya hat mich nicht erhöht, er hat mich reduziert auf das, was ich wirklich bin." (Reinhold Messner). Es ist zudem ein Werk, das gelegentlich zum Widerspruch reizt. "Denn Geschichte verschwindet, wenn niemand die vielen Geschichten festhält", so Reinhold Messner. Stimmt schon, doch da das Leben sich andauernd ändert, ist das Festhalten-Können letztlich eine Illusion. Dazu kommt, dass das Aufschreiben von etwas meist dazu führt, dass man dieses Etwas dann vergisst.

Für Reinhold und Diane Messner ist zentral das Tun, das Handeln. Das Buch berichtet von ihren zahlreichen Tätigkeiten, aber auch vom Unterwegssein (Bali, Varanasi ...) und immer wieder von Vergangenem, vom Bergsteigen ("... Alpinismus ist nicht der Triumph menschlichen Willens über die Naturgewalten, sondern die Kunst, dort zu überleben, wo der Mensch nicht hingehört."), von dem also, was ihr Leben geprägt hat. Der Reiz dieser Aufzeichnungen besteht darin, dass sie zum eigenen Denken anregen.

Hier noch die für mich schönsten, weil hilfreichsten Sätze in diesem Werk voller Trouvaillen. "Ich empfinde diese Endlichkeit vor allem nicht als Bedrohung, sondern als Einladung. Ich möchte kein Leben ohne Herausforderungen. Ich möchte gefordert sein, weil ich mich dann lebendig fühle." (Diane Messner) "Einst bin ich mit völliger Hingabe und Konzentration in eine grosse Wand eingestiegen, alles in mir war Achtsamkeit, über Stunden, manchmal Tage hinweg (...) Das Nahen des Todes hingegen ist wie ein vages Ahnen, ein leerer Raum, ein Zustand, über den wir wenig oder nichts wissen, etwas, was sich der Vernunft entzieht, etwas, das der Mensch nie beherrschen wird." (Reinhold Messner).

Fazit: Eine erhellende und bereichernde Auseinandersetzung mit den grundlegenden Fragen unserer Existenz.

Diane & Reinhold Messner
Lebenszeit
Vom Wert der Vergänglichkeit
S. Fischer, Frankfurt am Main 2026

Mittwoch, 14. Oktober 2026

Das digitale Kind

Mit "Das Kind in dir hat eine technologische Heimat gefunden" ist die Einleitung überschrieben. Die beiden Autoren (ein Kinderneurologe und ein Philosoph) vertreten in diesem Buch diese These: "Unsere Annahme lautet also, dass digitale Technologien deshalb so rasant zu unserer Lebensrealität werden konnten, weil sie sich auf die Neurobiologie der Kindheit stützen." Das sei kein Problem, da die Kinder sehr robust seien, behaupten sie.

Dass Kinder robust sind und nicht vor Allem und Jedem geschützt werden müssen, keine Frage. Da jedoch die Technik (und die dahinter stehenden wirtschaftlichen Interessen) nicht einmal ansatzweise vom Wohlergehen der Menschen geleitet werden (Genug gehört nicht zum Wortschatz der profitgetriebenen Kräfte), stellt sich die Frage, ob die Kindheit den Profitgierigen ausgeliefert werden soll.

Florian Heinen und Jörg Noller sind keine Anhänger der verbreiteten kulturpessimistischen Auffassung, dass Smartphones süchtig machen können. Sie bestreiten es allerdings auch nicht, doch ihr Ausgangspunkt ist ein anderer. "Die Digitalisierung unserer Lebenswelt lässt sich nicht verbieten, sondern nur gestalten." So argumentiert natürlich auch die Techindustrie, als deren Sprachrohr die Autoren manchmal aufzutreten scheinen. Sie fragen: "Warum greifen die vielfachen Ausschluss- und Verbots-Rezepte so wenig?" Weil die Sucht attrakiv ist, was alle, die davon profitieren, auch wissen.

Gibt es wirklich "eine tiefere, biologische Verbindung" zwischen Kindheit und Digitaltechnik? Gut möglich, doch auch wenn: Soll man wirklich alles, was in uns angelegt ist, auch füttern? Menschen, die eine Sucht zum Stillstand gebracht haben, sehen das definitiv anders. Den anderen ist es egal, sie interessiert nur der eigene Vorteil.

Jedoch: Wer glaubt, eine Entwicklung liesse sich aufhalten, irrt. "Ob wir Digitalisierung zulassen oder verändern wollen, diese Alternative ist passé. Die Frage lautet, wie wir in unserer digitalen Welt leben wollen, wie wir sie gestalten, wie wir ihre Chancen und Gefahren begreifen und bewältigen, wie wir uns ihr anpassen." Genau so argumentieren auch Politiker, die üblichen Sprachrohre wirtschaftlicher Interessen.

Es bleibt uns also nur, uns anzupassen, denn die Welt, die die beiden Autoren beschreiben, ist real. Und so recht eigentlich auch deshalb nicht aufzuhalten, weil sich Mensch und Technik im Wechselspiel entwickeln. Je mehr der Mensch die Digitalisierung perfektioniert, desto mehr macht er sich zu ihrem Opfer. Florian Heinen und Jörg Noller konzentrieren sich auf die positiven Seiten dieser Entwicklung, sie loben den Fortschritt. Zugegeben, der ist in der Tat beeindruckend, auch wenn mich selber vor allem beschäftigt, so wenig wie möglich daran teilzuhaben.

Die beiden Apologeten der Digitalisierung auf Sprachrohre der Wirtschaft zu reduzieren, wird ihnen jedoch nicht gerecht. Sie machen uns nämlich auf viel Faszinierendes aufmerksam, etwa auf ein Phänomen, das selten gebührend gewürdigt wird. "Was zunächst als Option beginnt, verfestigt sich rasch zu einer neuen Selbstverständlichkeit. Praktiken, die gestern noch neu und fremd waren, erscheinen uns heute allgegenwärtig". Die Technik, derer wir uns bedienen, ist uns zur zweiten Natur geworden, "weil menschliche Technik und Kultur die Begrenztheiten der Biologie überwinden konnten."

Die Gefahren der Digitalisierung werden von den beiden Autoren durchaus ernstgenommen (schreiben sie, dem Text merkt man es weniger an), ihr Akzent liegt jedoch nicht auf den Ängsten, sondern dem Verstehen. "Die Bücher, Massenmedien des 18. Jahrhunderts, sind in unsere Welt hineingekommen und nicht mehr aus ihr wegzudenknen." Echt jetzt? Es ist doch offensichtlich, dass das nicht stimmt, es immer weniger Buchhandlungen gibt. Auch die Digitalisierung werde nicht mehr verschwinden, behaupten sie. Na ja, es genügt, den Stecker zu ziehen. Wahlweise kann man natürlich auch die nächste Naturkatastrophe abwarten.

Es ist ein sehr dichter, sehr differenzierter und sehr aufschlussreicher Text, der mich viel gelehrt hat. Etwa, dass das Gehirn, im Gegensatz zu Michelangelo, der seinen berühmten David schuf, indem er von einem riesigen Marmorblock Stück für Stück abtrug und ihn so von allem Überflüssigen befreite, sich nur "in sozialen, menschlichen Beziehungsgefügen, entlang von Rückkoppelungen, Zustimmungen und Regeln" entwickelt. Oder, dass, wer ein Smartphone im Zimmer hat, ob ausgeschaltet,oder nicht, von dessen Präsenz beeinflusst ist. Oder, wie die Wisch-, Zeige- und Touch-Welt auf die frühkindlichen Hirnfuntionen abgestimmt ist.

"Digitale Medien lösen reale Probleme und schaffen reale Probleme." Was den beiden Autoren vorschwebt, ist "digitale Mündigkeit".Mich hat das Buch einigermassen ratlos zurückgelassen, vielfältig erhellend, überzeugend argumentiert (und deshalb wohl in die Irre führend; denn, wenn uns etwas überzeugt, zeigt das nur, wie wir denken, nicht, ob es konstruktiv oder destruktiv ist, und schon gar nicht, ob es uns gut tut.). Irritierend (wenn auch durchaus einleuchtend) fand ich auch die Behauptung, eine technische Entwicklung sei nie rückgängig zu machen, weshalb es denn auch darauf komme, sich damit intelligent zu arrangieren. Eine definitiv mehrheitsfähige Überzeugung!

Florian Heinen
Jörg Noller
Das digitale Kind
Die unheimliche Verwandtschaft
zwischen den neuen Medien und
dem kindlichen Gehirn
C.H. Beck, München 2026

Sonntag, 11. Oktober 2026

Über die wahnhafte Entwirklichung der Wirklichkeit

Es gehört zur Standardüberzeugung von Medienleuten (sowie der Juristen), dass immer auch die andere Seite anzuhören sei, ganz so, als ob es nur zwei gäbe und diese beiden als gleichwertig zu betrachten seien. Und  die Medien neutral zu sein hätten. Als Schweizer, dem die Neutralität ein Leben lang eingebleut worden ist, weiss ich, dass sie vor allem ein Geschäftsmodell ist. Die viel zitierte Auffassung von Hanns Joachim Friedrichs, man dürfe sich mit einer Sache, auch einer guten, nicht gemein machen, war schon immer falsch, heute aber ganz besonders, denn wir leben in Zeiten, in denen die Vernunft weitestgehend abgedankt hat.

Als belesener Verleger kann Klaus Bittermann auch immer wieder auf von ihm verlegte Bücher zurückgreifen, um seine Haltung zu illustrieren. Etwa auf Wiglaf Droste, der bereits 1995 darauf hingewiesen hat, dass mit Rechtsradikalen das Gespräch zu suchen, so recht eigentlich die dümmste aller Anbiederungen sei. So isses! Mit Nazis diskutiert man nicht, Nazis bekämpft man.

Die Mainstreammedien ticken anders, die Mainstreammedien geben allen eine Plattform, von denen sich profitieren lässt. Im Kapitalismus gebe es keine Demokratie, so der ehemalige BKA Chef Horst Herold. Im Kapitalismus herrsche das Geld, nicht das Volk. Ohne die Mainstreammedien gäbe es keine AfD, und auch keinen Golfer aus Queens im Weissen Haus. Das hat wesentlich damit zu tun, dass Dummheit die Geissel der Menschheit ist, und Aufklärung erstaunlich wenig dagegen tun kann. Man muss es trotzdem versuchen. Und Klaus Bittermann führt vor, wie man das macht. Sehnsucht nach dem Untergang ist ein erhellender, exzellent argumentierender Essay.

Doch vielleicht ist die Tatsache, dass viele Menschen bei Wahlen gegen ihre eigenen Interessen stimmen, nicht primär ihrer politischen Dummheit, sondern der mangelnden Selbsterkenntnis geschuldet. Sie wollen sich nicht als Zu-Kurz-Gekommene sehen, wollen sich nicht mit den sozial Schwachen identifizieren, da das an ihrem Selbstverständnis kratzen würde. Socialism never took root in America because the poor see themselves not as an exploited proletariat but as temporarily embarrassed millionaires. (John Steinbeck). Nun ja, Selbsterkenntnis ist den wenigsten gegeben.

Haben sich die Rechten wirklich "die Abschaffung des demokratischen Systems vorgenommen", wollen sie wirklich "die Abschaffung des alten Parteiensystems und der rechtsstaatlichen Verfassung"? Von den Medien hofierte Autorinnen wie Julie Zeh wiegeln ab, und Marieke Reimann, "die als erste und jüngste Chefredakteurin aus dem Osten dem SWR vorstand", weist den Westparteien die Schuld für den rasanten Aufstieg der AfD zu. Ob diese Wiedervereinigung wirklich eine so gute Idee war?

Hunter S. Thompson schrieb bereits in den 1970ern, dass die Republikaner stets den Staat bekämpften. Wären die Politiker an der Macht so vernünftig wie sie sich gerne geben (das ist nirgends der Fall; man denke an die greisen Präsidentschaftskandidaten in den USA und Brasilien, die offenbar ausschliesslich an sich selber denken, und deswegen für das rechtsextreme politische Heute eindeutig Mitverantwortung tragen), würde die Demokratie (die es, wohlverstanden, nirgendwo wirklich gibt, man lese Fritz R. Glunks Schattenmächte), die gegenwärtigen Angriffe wohl problemlos überstehen. Nur eben: die Demokratie setzt den mündigen Bürger voraus, und der ist eher selten. Doch möglicherweise bringt ihn ja das demokratische System dazu, doch noch einer zu werden.

Am Rande: Ich finde den Titel, Sehnsucht nach dem Untergang, eine unglückliche Wahl, da rein interpretativ. Besonders im Gegensatz zum nüchternen, unaufgeregten und überzeugenden Text. Auch dass der Autor seine Schrift als Psychogramm des rechten Wählers bezeichnet, halte ich für verfehlt. Nicht etwa, weil sie das nicht ist, sondern weil sie weit darüber hinausgeht und so recht eigentlich eine luzide Analyse unserer Gegenwarts-Befindlichkeit darstellt.

"Die Gründe, die AfD zu wählen, sind zahlreich, aber keinem einzigen Grund lässt sich mit guten Zureden beikommen. Die Gründe heissen Neid, Ressentiment, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Minderwertigkeitskomplex, Rachsucht, Verwahrlosung, Dummheit, aber auch Kulturpessimismus und die Sehnsucht nach Untergang, in den man alle hineinziehen will, um sich an den vermeintlich oder tatsächlich Privilegierten zu rächen." Für mich sind das keine speziell politischen Gründe, sondern bezeichnen das dumpfe und unreflektierte Gefühlsleben vieler, und vor allem derjenigen, die die heutige Informationsflut, die rasante Entwicklung der Technik und der überall sichtbare Klimawandel, völlig überfordert, weshalb sie in ihre Emotionen flüchten. Wenn Piloten die Orientierung verlieren, ist das das Allerdümmste, was sie tun können.

Dass sich vieles verändert hat, ist vor allem zur Zeit der Flüchtlingskrise und von Covid-19 manifest geworden, als jeder und jede vermeinte, nicht nur eine Meinung haben zu müssen, sondern auch gehört zu werden. Das beste Argument gegen die Demokratie, meinte einst Churchill, sei ein zehnminütiges Gespräch mit einem Durchschnittswähler. Es ist bedauerlich, dass wir bisher kein System zustande gebracht haben, dass besser ist als der rein numerische Mehrheitsentscheid. Oder bei Rechtsstreitigkeiten: Das bessere Argument. Das ist, wenn man es recht bedenkt, fast genau so irre wie die Wähler, die Psychopathen im Amt möglich machen.

Dass heutzutage in allen Lebensbereichen das Primat der Gefühle (von How do you feel, Mr President bis zur Glorifizierung des Bauchgefühls) dominiert, erachte ich übrigens für weit problematischer als alle der Politik zugeschriebenen Vorgänge. Die Absenz jeglichen Schamgefühls bei vielen, die eigenartige Vorstellung von Rechten ohne die dazugehörigen Pflichten, die zunehmende Infantilisierung, zeigen, dass die sogenannte Zivilisation bestenfalls eine Wunschvorstellung ist.

Hannah Arendt wird unter anderem mit folgender Aussage zitiert: "Die Ideologieanfälligkeit der modernen Menschen wächst genau in dem Mass, wie gesunder Menchenverstand offenbar nicht mehr zureicht, die öffentlich politische Welt und ihre Ereignisse zu verstehen." Treffend kommentiert Klaus Bittermann, "heute sieht es so aus, als ob von Ideologieanfälligkeit gar nicht mehr gesprochen werden kann, weil die modernen Massen völlig ideologiefrei sind und kein Interesse haben, überhaupt etwas begreifen zu wollen, sie sind geleitet vom blinden Ressentiment." Weshalb er Hannah Arendt trotzdem aktuell findet, hat sich mir nicht erschlossen, auch natürlich, da mir das Heute weit mehr von der Digitalisierung dominiert scheint (die auch zur Folge hat, dass das Gemeinschaftliche verschwindet), als von der Politik. Zudem: Arendts Ideal vom gesunden Menschenverstand (ohne den es keine wirkliche Demokratie geben kann) ist weiter weg denn je. Dazu kommt, dass der gesunde Menschenverstand keine universelle Kategorie ist. Die Sicht eines Herrschenden ist zwangsläufig verschieden von der Sicht eines Beherrschten.(Noam Chomsky).

Wir leben in völlig durchgeknallten Zeiten, in denen Vernunft und Verstand weitestgehend abgedankt haben. Und das Selber-Denken exotisch geworden ist. Doch es gibt auch Ausnahmen. Eine davon ist dieser gut geschriebene Essay, der sich nicht um den ständig geforderten Kompromiss mit Leuten bemüht, die dafür nur Verachtung übrig haben, sondern eine klare, aufrechte Haltung zeigt, welche die Politik der Rechten und ihrer Wähler zu sabotieren sich vorgenommen hat. Nein, wir sind nicht alle gleich. Viktor Frankl hat die Anständigen von den Unanständigen unterschieden. Und da die Anständigen in der Minderheit sind, gilt es sie zu stärken. 

Klaus Bittermann
Sehnsucht nach dem Untergang
Über die wahnhafte Entwirklichung der Wirklichkeit
Psychogramm des rechten Wählers
Edition Tiamat, Berlin 2026

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Mein Stottern, das Leben und ich

Jennifer Springer ist angehende Lehrerin, lebt in Köln und entwickelte infolge eines Schlaganfalls eine neurogene Form des Stotterns. Wie viele im Lehrberuf Tätige eignet auch ihr ein recht ausgesprägtes Sendungsbewusstsein. "Mein Wunsch ist, mit diesem Buch Vorurteile abzubauen und eine Gesellschaft zu schaffen, in der sich jeder Mensch, unabhängig von seiner Art zu sprechen, traut, den Mund aufzumachen und gehört wird. Ich hoffe, das ist mir gelungen." Was mich angeht (ich bin mit Stottern nicht vertraut), so hat mir ihr Buch wieder einmal zu Bewusstsein gebracht, was für furchtbare Auswirkungen der Konformitätsdruck auf uns Menschen hat, und ganz speziell auf die, welche aus dem sozial akzeptierten Verhaltensraster fallen.

"Wir müssen aufhören, Stottern wie etwas zu behandeln, dass man möglichst schnell wegtherapieren muss", gehört für mich zu den Leitgedanken von Mein Stottern, das Leben und ich.  Eine Aussage, die in unseren therapiefreundlichen Zeiten hoffentlich an Einfluss gewinnen wird, da von den meisten Therapieansätzen letztlich vor allem die Therapeuten profitieren.

Mein Stottern, das Leben und ich ist ein vielfältig aufklärendes Werk. So lernt man etwa, dass richtig zu stottern, gelernt werden muss. Oder, dass Stottern mit Begleiterscheinungen wie Migraine oder Depression einhergehen kann. Oder, dass nicht das Stottern das zentrale Problem ist, sondern vor allem der Umgang damit. Wobei, es ist komplizierter, auch das lernt man in diesem Buch.

Wer stottert, kann oft nicht mehr an den gewohnten sozialen Interaktionen teilhaben, da es manchmal zu lange dauert, bis die richtigen Worte gelingen, KIwas den Kommunikationsfluss stört. Geduldige Gesprächspartner sind auch nicht die Regel. Und so zieht man sich zurück, vermeidet Kontakte, in denen das Sprechen gefragt ist. Dazu kommt: "Stottern macht etwas mit der Persönlichkeit, es verändert einen  – im Guten wie im Schlechten."

War sie vor dem Stottern schlagfertig, vermisst sie jetzt ihren schnellen Redefluss. Das Selbstvertrauen ist weg, sie kennt sich nicht mehr, und auch die anderen kennen sie nicht mehr. Angst- und Erschöpfungszustände stellen sich ein.

In der Selbsthilfegruppe lernt sie, dass es ganz verschiedene Arten des Stotterns gibt; in der Bonner Stottertherapie lernt sie, "richtig" zu stottern. Dann folgte der Angstabbau. "... das Beste, was man gegen die Angst machen kann, sich dieser zu stellen." Fürs Stottern gilt das Gleiche: Es geht darum, sich ihm zu stellen, und das meint: "so zu stottern, dass es einen weniger anstrengt, und so selbstbewusst zu stottern, dass man sich traut, ohne Angst vor anderen zu sprechen (wenn es so was wie selbstbewusstes Stottern denn überhaupt gibt)."

Das Kapitel "Akzeptanz mich am Arsch: Wieso es für mich so schwer ist, das Stottern zu akzeptieren" machte mich immer mal wieder zustimmend schmunzeln, denn Jennifer Springer setzt sich mit der Verwendung des Begriffs Akzeptanz kritisch und witzig auseinander, und weiss, dass die Forderung, sich selbst zu lieben, den wenigsten gegeben ist. Sie weigert sich, ihre widersprüchlichen Gefühle weg zu argumentieren, wohl wissend, dass es letztlich darum gehen muss, "Frieden damit zu schliessen, dass Stottern nicht heilbar ist."

Zwiespältige Gefühle weckten in mir die Ausführungen über ihre Angststörung. Die eigene Panickattacke zu filmen und ins Netz zu stellen, erachte ich als eitel, selbstbezogen und deswegen wenig hilfreich; die Beschreibung ihrer Angststörung ist hingegen sehr überzeugend und auch für Aussenstehende nachvollziehbar, auch wenn Sätze wie "Der präfrontale Kortex zieht sich zurück, die Amygdala übernimt"  nicht einmal ansatzweise zum Verständnis beitragen. Doch sinnvollerweise wiederholt sie eben auch, "dass es nur einen Weg raus aus der Angst gibt: sich ihr zu stellen."

Überaus aufschlussreich beschreibt sie ihre eigenen Versuche mit der Angst klarzukommen. Und kommt zum Schluss: "Ich glaube, dass man sie schwächt, indem man gute Erfahrungen macht –  möglichst oft und möglichst bewusst." Nur eben: Wir machen Erfahrungen. Ob die gut oder schlecht sind, wissen wir meist erst im Nachhinein. Für ungute Gefühle gilt: Man kann sie nur durch stärkere, attraktivere Gefühle überwinden.

Jennifer Springer offeriert keine Rezepte, vielmehr schildert sie ihre persönlichen Versuche, mit dem Stottern zu leben. Sie informiert sich so umfassend wie sie es vermag und erkennt dabei auch, dass das, was für andere gehen mag, für sie selber deswegen noch lange nicht gehen muss. Mein Stottern, das Leben und ich ist auch ein Dokument der Selbstannahme.

Fazit: Ein überaus lehrreiches Buch, das weit übers Stottern hinausgeht. Eine hilfreiche Anleitung, wie man lernen kann, mit seinem Schicksal klarzukommen.

Jennifer Springer
Mein Stottern, das Leben und ich
Eine ungeplante Dreiecksbeziehung
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2026