Mittwoch, 26. August 2026

Hegel. Der Weltphilosoph

Dass ein Buch zur gerade rechten Zeit komme, kann man immer mal wieder hören. Im Falle von Sebastian Ostritschs Hegel. Der Weltphilosoph trifft das in ganz besonderem Masse auf die ersten Seiten des Prologs zu. Da wird nämlich geschildert, dass zu der Zeit als Georg Wilhelm Friedrich Hegel starb, die Cholera herrschte und der Philosoph am Nachmittag des 14. November 1831 nach gerade mal anderthalbtägiger Krankheit ein „schmerzfreies, sanftes, seliges Ende“ gefunden hatte. Der Totenschein wies als Todesursache die Cholera aus; ein bestens vernetzter Freund Hegels bewirkte, dass die Vorschriften für die Bestattung von Choleratoten für Hegel ausgesetzt wurden. „Die Beisetzung am 16. November 1831 wurde zu einem Massenereignis.“ In den heutigen Corona-Zeiten wäre das so in Berlin wohl kaum möglich.

Einen packenderen Einstieg in ein Sachbuch habe ich selten gelesen – und in die Biografie eines Philosophen noch gar nie (wobei: so viele Philosophen-Biografien habe ich nun auch nicht gelesen). Da ich kaum etwas von Hegel und seiner Zeit weiss, ist dieses Buch auch eine willkommene Geschichtslektion. So lerne ich etwa, dass nach dem Massenmord im September 1792 die liberal gesinnten Intellektuellen in Deutschland sich von der Revolution zu distanzieren begannen und Schiller wenige Wochen nach der Hinrichtung des französischen Königs im Januar 1793 an einen Freund schrieb: „Ich kann seit vierzehn Tagen keine französische Zeitung mehr lesen, so ekeln diese elenden Schindersknechte mich an.“

Einen Menschen in seiner Zeit zu schildern, heisst natürlich auch von seinen Vorgängern und Weggefährten zu erzählen. Und so erfährt man dann auch einiges vom Denken von Kant, Spinoza, Schiller, Fichte, Schelling und Hölderlin. Der Autor Sebastian Ostritsch, der am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart lehrt, verfügt über viel pädagogisches Geschick, was sich unter anderem darin zeigt, wie er aus Humes Skepsis an der Kausalität folgert, dass wir uns von dem Gedanken lösen müssen, „dass der Mensch der Natur ihre Gesetzmässigkeiten ablesen könnte.“

Hegel sei in seinem Denken und Verhalten sehr schwäbisch gewesen, so sein Biograf. Das meint, dass ihm eine recht behäbige und joviale Mentalität eignete, die nicht mit Entweder-oder, sondern mit Weder-noch und Sowohl-als-auch operiert und sich vornimmt, den Dualismus Kants und die All-Einheit Spinozas zusammenzubringen. „Allen Reduktionismen und Einseitigkeiten, die uns nur einen verzerrten Blick auf uns selbst und das Ganze erlauben, stellt Hegel die grandiose Vision eines von der Vernunft beherrschten Universums entgegen, in dem alle Gegensätze in der Einheit des Geistes – des wahrhaft Absoluten – aufgehoben sind.“

Eigenartig, ja geradezu befremdend fand ich Hegels Reaktion auf die Schweizer Bergwelt, die er „als kalt, schroff und tot“ erlebte: „Der Anblick dieser ewigen toten Massen gab mir nichts als die einförmige und in die Länge langweilige Vorstellung: es ist so.“ Den Gegensatz totes Gestein/belebte Natur halte ich für einen vermeintlichen. So schildert der Geologe William E. Glassley in Eine wildere Zeit wie er einmal mit einem Stahlhammer kräftig auf ein besonders hartes Gestein einschlug und plötzlich etwas „wie nach versengtem Haar, heiss gewordenem Metall oder Wüstenstaub“ roch – seine Hammerschläge hatten die chemischen Verbindungen im Gestein aufgebrochen. „Das Gestein, zerbrochen durch einen von Neugier motivierten Gewaltakt, entliess Kohlenstoff-, Calcium- und Magnesiumatome in die Welt.“

Mit Erstaunen nahm ich zur Kenntnis, dass Schelling mit gerade mal 23 Jahren (durch die Unterstützung Fichtes und Goethes – einem Strippenzieher par excellence) zum ausserordentlichen Professor in Jena berufen wurde und Hegel bereits in recht jungen Jahren „echte Jünger“ um sich zu scharen vermochte.

Hegel. Der Weltphilosoph ist auch reich an Anekdoten. Bevor er es schaffte, eine Universitätsstelle antreten zu können, verbrachte Hegel einige Jahre als Hauslehrer bei der Patrizierfamilie Steiger in Bern, während Studienkollege Hölderlin bei der Schiller-Gönnerin Charlotte von Kalb als Hofmeister im Einsatz war, was diesem jedoch zu schaffen machte, gehörte es doch zu seinen Aufgaben, Frau Kalbs Sohn, einen „talentbefreiten Nichtsnutz mit einem Hang zur Daueronanie“, von diesem Zwang abzubringen. Leider erfährt man nicht, wie er dabei vorgegangen ist ...

Hegel ist bereits über vierzig Jahre alt, als er am 15. September 1811 heiratet. Im Gegensatz zu Kant, so Ostrisch, der die Ehe als Vertrag zwischen zwei Individuen sah, war Hegels Vorstellung, dass die Ehepartner „aufhören, voneinander isolierte Individuen zu sein“ und gleichsam eins werden. „Die lebenslange 'seelische Zufriedenheit', von der Hegel allein zu träumen wagte, sollte ihm und Marie aber dann auch tatsächlich beschieden sein.“ Es versteht sich: Das kann niemand wirklich wissen, ist also Spekulation – doch das ist letztendlich jede Biografie, auch wenn nicht jede so fundiert ist wie die vorliegende.

Hegel. Der Weltphilosoph ist gleichzeitig klar argumentierte, gut geschriebene Biografie, spannende Geschichtsstunde sowie lehrreiche Einführung in das philosophische Werk. Überzeugend führt Sebastian Ostritsch aus, dass wir auch heute von Hegel lernen können. Dass der Vernunftpluralismus ein Schmarren ist, zum Beispiel. Oder dass die Überwindung der Gegensätze das zentrale Ziel des Denkens (und damit des Seins) sein sollte.

Sebastian Ostritsch
Hegel
Der Weltphilosoph
Propyläen, Berlin 2020

Sonntag, 23. August 2026

Lebenshilfen

 Die hier aufgeführten Zitate drücken Wahrheiten aus, die mir teuer sind und mich leiten. Damit ich sie nicht vergesse, habe ich sie aufgeschrieben (in der Sprache, in der ich auf sie gestossen bin): Als Gedankenstützen, auf die ich immer wieder zurückkomme, denn sie konfrontieren mich mit der Realität und machen mir so das Leben erträglich und gelegentlich auch leicht.

Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild:
ein armer Komödiant, der eine Stunde lang
sich spreizt und fuchtelt auf der Bühne, dann
nicht mehr gehört wird; eines Toren Fabel nur,
voll Schall und Wahn, jedweden Sinnes bar.
William Shakespeare
Macbeth, V. Akt, 5. Szene

Existence with all its horrors is endurable only as an aesthetic fact.
Richard Rorty

Im Grunde sind alle Ideen falsch und absurd. Es bleiben nur die Menschen, so wie sie sind.
Émile Michel Cioran

Caminante, son tus huellas
el camino y nada más;
caminante, no hay camino,
se hace camino al andar.
Antonio Machado

Wenn Du hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du hervorbringst, Dich retten. Wenn Du nicht hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du nicht hervorbringst, Dich zerstören.
Thomas Evangelium

Wear the world as a loose garment, which touches us in a few places and there lightly
St. Francis of Assisi

Was Sie nämlich wirklich glauben (nicht, was Sie zu glauben meinen), wird man nur herausfinden, wenn man sich ihr Verhalten ansieht. Davor wissen Sie selbst nicht, was Sie glauben. Sie sind viel zu komplex, um sich selbst zu begreifen.
J
ordan B. Peterson
12 Rules for Life

Quelle que soit la durée de votre séjour sur cette petite planète, et quoi qu’il vous advienne, le plus important c’est que vous puissiez – de temps en temps – sentir la caresse exquise de la vie.
Jean-Baptiste Charbonneau
Avis de Passage (1957)

Spezialität ist mir unmöglich. Ich werde belächelt. Sie sind kein Dichter. Sie sind kein Philosoph. Sie sind weder Geometer noch sonst etwas. Sie betreiben nichts gründlich. Mit welchem Recht sprechen Sie von dieser Sache, da Sie sich ihr nicht mit Ausschliesslichkeit widmen? Ach ja, – ich bin wie das Auge, welches sieht, was es sieht. Es braucht sich nur ein klein wenig zu bewegen, und die Mauer verwandelt sich in eine Wolke; die Wolke in eine Uhr; die Uhr in Buchstaben, die sprechen. – Vielleicht ist das meine Spezialität. Meine Spezialität, das ist mein Geist.
Paul Valéry

Liberdade é pouco. O que eu desejo ainda não tem nome.
Clarice Lispector

Erst im späten Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich das horazische nil admirari, d.h. die unmittelbare, aufrichtige und feste Überzeugung von der Eitelkeit aller Dinge und der Hohlheit aller Herrlichkeiten der Welt: die Chimären sind verschwunden.
Arthur Schopenhauer
Aphorismen über Alter und Tod

Die Welt ist ein Betätigungsfeld und weiter nichts.
Hans Albrecht Moser
Vineta

the emphasis falls less on knowing than on imagining, more on freeing oneself up than on getting something right.
Richard Rorty

Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weisst gleich, was an dir ist. Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.
Johann Wolfgang von Goethe
Maximen und Reflexionen

Santa Cruz do Sul, 17. Februar 2024

Mittwoch, 19. August 2026

Was wir wissen können

Die Frage ist natürlich, was wir wissen können“, sagte Emma, als sie wieder einmal miteinander telefonierten.

„Du meinst eindeutig wissen können?“, fragte Hugo.

„Ja, genau. Diese hirnlosen Attacken auf das sogenannte Schwarz/Weiss-Denken nerven mich. Zum Einen, weil wir ums Simplifizieren gar nicht herum kommen, dann aber auch, weil nicht Weniges eindeutig schwarz und weiss ist.“

„Woran denkst du gerade?“

„Also, du bist entweder schwanger oder nicht. Oder aus dem Gebiet der Sucht: Du trinkst oder du trinkst nicht. Ein Dazwischen gibt es für Alkoholiker nicht.“

„Auch die Regeln, denen das Universum gehorcht, sind auf dem grundlegendsten Niveau nicht verhandelbar sind, habe ich letzthin gelesen.“

„Ihr Gefühl sage ihr etwas anderes, hat mir letzthin eine Patientin gesagt, worauf ich antwortete: Ihr Gefühl irrt. Sie ist dann nicht mehr gekommen.“

„Der Kunde ist König! Kann man das überhaupt noch sagen. Oder heisst es heute: Die Kundin ist Königin?“

„Ich kann nicht behaupten, dass mich das wahnsinnig beschäftigt.“

„Diese Ego-Zentriertheit – ich denke, ich fühle, ich sehe – ist zwar nachvollziehbar, schliesslich erlebt sich jeder und jede als Zentrum des Universums, aber schon auch ziemlich hirnrissig, angesichts der Millionen von Galaxien.“

„Du sagst es.“

 Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession, Ahrensburg 2025

Sonntag, 16. August 2026

Über das Älterwerden

 "Er wusste es, er wusste es … man stirbt an Lebensschwäche, lange bevor man an Altersschwäche stirbt, ja, noch war er Kohner, aber das ist er jeden Tag weniger. Das Gefühl des Alleinseins hatte ihn erreicht. Selbst die Freunde zogen sich von ihm zurück, seit er ihnen predigte, was er als Quintessenz seines Lebens empfand - dass sie nichts Besonderes sind und Probleme haben wie alle anderen Menschen auch … dass sie dieselben Fehler bis an ihr Lebensende wiederholen werden … dass alles im Leben Zufall ist und alles, das heisst alles … dass sie eines Tages entdecken werden, nicht derjenige zu sein, für den sie sich halten … dass sie alles im Leben tun, nur um nicht allein zu sein … dass sie bald jeden Tag wünschen werden, der Tag wäre schon vorbei … dass kein Mensch der Herr seines Schicksals ist … dass niemand ihnen sagen kann, wie sie leben sollen … dass das grösste Glück darin besteht, an nichts, an gar nichts zu denken."

Rainer Fabian: Das Rauschen der Welt, 2003

Santa Cruz do Sul, 30 Dezember 2023

Mittwoch, 12. August 2026

Die Schönheit der Distanz


Ein Mann besucht seine Frau fast täglich im Spital. Sie ist Anfang vierzig, Diagnose Krebs. Mit einer Prognose hat sie der Arzt verschont. Der Mann ist froh drum, ihm ist eh klar, dass seine Frau wohl nicht mehr viel Zeit hat. "Für die, die die Krankheit behandeln oder erforschen, mögen Statistiken wichtig sein, aber wie ist das für die Patienten? Man kann ihnen doch nicht das Gefühl geben, sie seien Teil einer Lotterie."

Er steht ihr zur Seite, hilft, so gut er kann. "Sie will nicht fragen. Es entweder selbst machen, eine nahestehende Person bitten oder aushalten. Verstehen kann er das schon, aber der Versuch, den Profis Arbeit abzunehmen, hat inzwischen schon etliche Male dazu geführt, dass sie den Profis schlussendlich mehr Arbeit gemacht haben." Es sind solch aufmerksame Beobachtungen, die dieses Buch wesentlich auszeichnen.

Wie viel Zeit bleibt uns auf dieser Welt? Restlebenszeit, lese ich. Ein für mich gewöhnungsbedürftiger Begriff, allerdings einer, mit dem sich auseinanderzusetzen lohnt, auf dass einem bewusst werde, dass es jederzeit zu Ende sien kann. Auch bei Krebs, bei dem eine kurzzeitige Besserung allzu oft mit einer Genesung verwechselt wird

"Jeder hat eine begrenzte Zeit. Wie viel genau, weiss niemand. Heutzutage sehen die meisten das allerdings anders. Sie sind der Auffassung, dass jeder das Recht habe, ein der durchschnittlichen Lebenserwartung entsprechendes Alter zu erreichen." Schon eigenartig, wie der Mensch denkt bzw. was er glaubt, dass ihm zustehe. Vergegenwärtigt man sich, dass wir alle unser Dasein einem Zufall verdanken (wäre die Samenzelle eine Millisekunde später auf die Eizelle getroffen, gäbe es uns nicht), sind unsere Vorstellungen, wir seien zu irgendetwas berechtigt, mehr als nur abstrus.

Eindrücklich zeigt Die Schönheit der Distanz auf, wie unsere gängige Denkensart, die von Gewinnen und Verlieren geprägt ist, so recht eigentlich lebensfeindlich ist. Nicht für alle, doch definitiv für die Frau des Ich-Erzählers. "Es gibt Menschen,. die sich gerne anstrengen, Menschen, die im Streben imit anderen wachsen. Für seine Frau gilt das allerdings nicht."

In der heutigen Zeit begreifen viele den Krebs als Feind und kämpfen gegen ihn. Die Autorin Nao-Cola Yamazaki zeigt, dass es auch anders geht. "Ich versuche, es als Übung vor dem Tod zu betrachten, weisst du ... Mich nicht mit anderen oder meinem früheren Selbst zu vergleichen. Nicht an die Zukunft zu denken. Mich nur auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. So fällt es mir auch leichter, den Schmerz zu akzeptieren. Schmerz gibt es nun mal im Leben. Manchmal habe ich Schmerzen und bin gleichzeitig glücklich." Selten, dass ich Hilfreicheres, ja, Lebensbejahenderes gelesen habe.

Die Schönheit der Distanz ist eine erfreulich unaufgeregte und sehr unübliche Art und Weise, sich mit Sterben und Tod, und speziell dem Krebstod, auseinanderzusetzen. "Dank seiner Frau weiss er, eine Krankheit, die es einem erlaubt, sich auf den Tod vorzubereiten, nunmehr zu schätzen. An Krebs zu sterben, ist gar nicht so schlecht."

Der Zeitgeist sieht es anders, denn dieser behauptet und verlangt, dass wir Herr über unser Schicksal seien, selber bestimmen, wie und wann wir sterben. Nur eben: "Im Leben geht es nicht nach Wunsch. Seine Frau hatte keine Wahl. Sie ist ihren Weg gegangen. Sie konnte sich nicht für den eines anderen Menschen entscheiden."

Die Schönheit der Distanz lehrt uns, wahrzunehmen, was ist. Und sich dem, was ist, hinzugeben.

Nao-Cola Yamazaki
Die Schönheit der Distanz
Roman
DuMont, Köln 2026

Sonntag, 9. August 2026

Sucht & Akzeptanz

Sargans, am 26. März 2025

Dass alles zur Sucht werden kann, ist keine Auffassung, die von vielen Suchtspezialisten geteilt wird. Nein, ich habe das nicht recherchiert, doch ich beschäftige mich seit mehr als 35 Jahren mit dem Thema und bin mir dabei bewusst geworden, dass viele, wenn nicht gar die meisten sogenannten Suchtexperten, Sucht mit einer Substanz in Verbindung bringen. Für viele meint Sucht nichts anderes als Substanzabhängigkeit.

Ich selber halte Sucht für ein Persönlichkeitsmerkmal. Süchtig kann man nach allem und jedem sein: Essen, Sex, Aufmerksamkeit, you name it. Kennzeichnend für die Sucht ist, dass es nie reicht, nie genug ist, man immer mehr-mehr-mehr haben will und muss. Viele Süchtige, die es schaffen, eine Sucht aufzugeben (etwa Alkohol), ersetzen sie oft durch eine andere, meist eine ihnen weniger schadende (etwa Bücher).

Natürlich ist nicht jede Abhängigkeit eine Sucht. Wir alle brauchen gute Luft, können ohne sie nicht sein; wir alle brauchen Eltern, die uns lieben und uns unterstützen; wir alle sind bedürftig der Zuneigung. Damit eine Abhängigkeit zur Sucht wird, muss sie destruktiv sein. Ab wann sie das wird, ab wann man diese unsichtbare Linie überschritten hat, merkt man erst in der Rückschau.

Nachdem die Kriegsberichterstatterin Janine di Giovanni zwei oder drei Jahre versucht hatte, ein normales Leben in Paris zu führen, erhält sie eines Tages einen Anruf von einer Ärztin aus dem Val-de-Grace, einem Militärkrankenhaus: „'Ich wollte Ihnen sagen, dass ihr Mann hier in der Klinik ist und ich ihn einige Wochen zur Beobachtung auf der Station behalten möchte'. Als ich fragte, warum, sagte sie, ihrer Ansicht nach sei er erschöpft und selbstmordgefährdet.“ Bruno findet Hilfe bei den Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA), Janine setzt sich mit Abhängigkeitsfragen auseinander. „Ich bemühte mich, die Beziehung eines Menschen zu Drogen, zu Alkohol oder irgendetwas anderem, das ihn in eine andere Welt versetzt – in Abhängigkeit – zu verstehen. Ich habe in meinem Leben schon alles Mögliche ausprobiert, aber nichts konnte mich süchtig machen.“ Mit der Zeit hatte sie den Eindruck, die AAs nähmen ihr ihren Mann weg. „Ich wusste, dass er dadurch trocken blieb, aber ich war mir nicht sicher, ob er nicht eine Sucht durch eine andere ersetzte, wie mir einmal jemand von den AA-Sitzungen gesagt hatte.“ Und wenn dem so wäre? Die eine Sucht bringt einen um, die andere hält einen am Leben. Zudem: Als ihr Sohn sechs Monate alt war, ging Janine wieder nach Bagdad und liess Luca bei seinem Vater und seiner Kinderfrau in Paris zurück. „Aus meinen Brüsten quoll noch Milch, und ich vermisste mein Kind mit einer Vehemenz, die mir unbegreiflich war.“ Sie fliegt zurück nach Paris. Und, nachdem einige Zeit verstrichen war, nach Afghanistan ... Im Juli 2012 berichtete sie für den 'Daily Beast' vom Krieg in Syrien. Für mich klingt das sehr nach Abhängigkeit von Kriegsgebieten. Nach Sucht. Und zwar keiner lebensbejahenden.

Bei meinen eigenen Versuchen, mit meinen verschiedenen Abhängigkeiten klarzukommen, bin ich oft auf den Begriff der Akzeptanz gestossen., Und so recht eigentlich immer, wenn ich mich mit dieser Akzeptanz auseinandersetzte, war mir klar, dass es genau darum ging.

In den letzten Tagen erreichten mich zwei ganz unterschiedliche Beschreibungen von Akzeptanz. Die eine vom Zen-Lehrer Jack Kornfield. "Paradoxically, when I let go and accept life on life’s terms, I discover 'a peace that passes all understanding,' and I find the power and wisdom to deal with whatever challenge or unforeseen turn of events life throws at me." (Paradoxerweise entdecke ich, wenn ich loslasse und das Leben so akzeptiere, wie es ist, 'einen Frieden, der alles Verstehen übersteigt', und ich finde die Kraft und Weisheit, mit allen Herausforderungen und unvorhergesehenen Wendungen fertig zu werden, die das Leben für mich bereithält.); die andere aus dem Blauen Buch der Anonymen Alkoholiker, das mir auch hilft Portugiesisch zu lernen. "Lembra-nos constantemente de que não estamos mais dirigindo o espectáculo, repetindo para nós mesmos, com humildade e várias vezes por dia: 'Seja feita a Tua vontade.'" ("Erinnern wir uns ständig daran, dass wir nicht mehr die Kontrolle haben, indem wir uns selbst mehrmals täglich demütig sagen: ‚Dein Wille geschehe.´") Für mich bedeuten beide Aussagen dasselbe, auch wenn viele wohl betonen werden, dass die erste Variante ohne Gott auskommt, mit dem bekanntlich viele sogenannt religiös Augewachsene so ihre liebe Mühe haben. Weshalb denn auch die AA so clever waren, nicht von Gott zu sprechen, sondern von einer höheren Macht, von der jeder und jede eine eigene Vorstellung haben darf.

Die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind, setzt voraus, zu verstehen, wie die Dinge sind. Ich sehe es so: Wir sind Gefässe oder Behälter, in denen das Leben sich manifestiert. Einatmen und Ausatmen geschieht ohne mein Dazutun, auch mein Herz schlägt, ohne dass ich etwas dazu beitrage. Es sind automatische Vorgänge, die ohne mein bewusstes Ich ablaufen. Es brauch keine Kontrolle meinerseits, es reicht vollkommen, mich diesem Prozess zu überlassen. Mich dagegen zu wehren, stört diesen Vorgang. Mir dies immer wieder vor Augen zu führen, hat das Potential, mich ruhig, friedlich und gelassen zu machen.  

Mittwoch, 5. August 2026

Der heilige Raum deiner Seele


Hildegard von Bingen und Meister Eckhart, so Jennie Appelt und Dirk Grosser, "hatten diese unbestimmte (?) Ahnung in sich (ja wo denn sonst?), dass da noch mehr sei, dass manche überlieferten Lehren nicht gänzlich trugen, und dass das Geheimnis des Lebens nur unzureichend oder aber zu vorschnell beschrieben worden war." Nun ja, es ist so recht eigentlich das Wesen des Geheimnisses, dass es sich der Beschreibung entzieht.

Der heilige Raum deiner Seele löst bei mir ganz Unterschiedliches aus. Einerseits gibt es da ganz viele, überaus wertvolle Einsichten, andererseits kommt das alles so überaus pädagogisch positiv daher, damit man es sich ja mit niemandem vergibt (schliesslich soll das Buch auch das Geschäftsmodell der beiden – Seminare, Meditationskurse – fördern), dass man (zugegeben, ich spreche von mir) unverzüglich das Weite suchen will. Hier will ich mich jedoch ausschliesslich auf Aspekte beschränken, die ich aufschluss- und hilfreich gefunden habe.

Hildegard von Bingen trat mit 10 Jahren ins Kloster ein, wurde mit 14 Jahren, zusammen mit zwei anderen Frauen, Inklusin, "wozu die Zugänge zu ihren Klosterzellen feierlich vermauert wurden." Die Autoren weisen überdies daraufhin, dass man zu dieser Zeit Jesus nicht als blutenden Mann am Kreuz darstellte, sondern aufrecht stehend, als lebendige, leuchtende Christusgestalt. Ihre Einsichten gewann Hildegard in visionärer Schau und nicht etwa vermittelt durch Lehrer und Denker.

Auch Eckhart, hochgebildet und in vielerlei kirchlichen Funktionen aktiv, glaubte, dass "die Gottheit" persönlich erfahren werden müsse, weshalb er mit der offiziellen Kirche in Konflikt geriet. Er predigte das Loslassen von unseren Vorstellungen, und die Hingabe an das, was ist, wobei dieses nicht in Worten ausgedrückt werden kann. Am ehesten, so die Autoren, entspricht  es wohl dem Tao des Laotse. "Das Tao, das mitgeteilt werden kann, ist nicht das ewige Tao. Der Name, der genannt werden kann, ist nicht der ewige Name. Das Unnennbare ist das ewig Wirkliche."

Sowohl Hildegard als auch Eckhart stehen für ein Leben, das von der persönlichen Anschauung und Erfahrung geleitet wird. Um "die Gottheit" oder "das ewig Wirkliche" erleben zu können, ist kein aktives Tun vonnöten, stattdessen "das reine Empfangen in absoluter Passivität". Das bedeutet eine vollständige Abkehr vom "religiösen Leistungsdenken". Mit anderen Worten: "Eine gute Tat sollte um ihrer selbst willen bzw. um des anderen Menschen willen geschehen und nicht, weil man sich damit Verdienste bei Gott erwerben möchte."

Immer mal wieder wird auch auf den Zen-Buddhismus hingewiesen. Wie dieser, so lehrt auch Eckhart nicht alleine das Ruhen im Sein, denn das Leben verlangt, "dass du dich sorgsam und achtsam dem Bereich der Welt widmest, in den du gestellt wurdest."

Man muss/sollte seinen eigenen Weg gehen. Das sagt heute zwar so recht eigentlich jeder und jede, auch wenn sich das in der Konsumgesellschaft darin zeigt, dass alle dasselbe wie alle anderen wollen. Dieses Buch meint jedoch etwas anderes und macht deutlich, indem es etwa Buddha oder Angelus Silesius zitiert, dass wirklich seinen eigenen Weg zu gehen, schon immer die Ausnahme und nicht die Regel gewesen ist.

Es ist übrigens nicht ohne Ironie, dass man aus diesem Buch auch lernt, dass man seinen eigenen Weg nicht in Büchern findet ...

Jennie Appel & Dirk Grosser
Der heilige Raum deiner Seele
Die Botschaft Hildegards und Meister Eckharts für die Vision deines Lebens
nymphenburger, Stuttgart 2026