Jenseits der Schulweisheiten
Reflections on destructive behaviour and attitude change
Mittwoch, 15. April 2026
How Ricardo portrayed me
Sonntag, 12. April 2026
Wie soll ich leben?
Hugo hatte so recht eigentlich keine Zweifel, dass frühkindliche Erfahrungen entscheidend seinen Lebensweg bestimmt hatten. Und weil er das glaubte, fand er auch problemlos die entsprechenden Belege dafür.
Doch wieso glaubte er das eigentlich? Weil es die vorherrschende Ideologie war. Es war der Zeitgeist, und diesem war nur schwer zu entkommen.
Im 16ten Jahrhundert, in dem Michel de Montaigne lebte, herrschte ein ganz anderer Geist. Montaigne hatte sieben jüngere Brüder und Schwestern und wurde bereits nach der Geburt zu einer einfachen Bauernfamilie im Nachbardorf zur Pflege gegeben. Dazu Sarah Bakewell in Wie soll ich leben?: „Wenn wir von den entwicklungspsychologischen Ideen des 20. und 21. Jahrhunderts ausgehen (die sich vielleicht bald als fragwürdig erweisen werden: vielleicht ist die Mutter-Kind-Bindung ein ebenso kurzlebiges, kulturell bedingtes Phänomen wie das Gestilltwerden durch eine Amme), so muss der mangelnde Kontakt zu den Eltern in den entscheidenden ersten Lebensmonaten Montaignes Beziehung zu seiner Mutter tiefgreifend geprägt haben. Montaignes eigener Einschätzung nach jedoch funktionierte der Plan perfekt, und er empfahl seinen Lesern, mit ihren Kindern möglichst dasselbe zu tun.“
Es versteht sich: Wir sind Kinder unserer Zeit. Heisst das, dass wir zu einer bestimmten Art Leben und Denken verdammt sind? Zum grössten Teil ist dem wohl so. Zu bedenken ist allerdings, was Benoîte Groult in ihrer Autobiografie Meine Befreiung notierte: „Das Beruhigende bei den alten Griechen und Römern wie bei den Klassikern oder Romantikern ist, dass sie uns ihre Kindheit erspart haben. War Corneille ein geschlagenes Kind? Hat Platon mit zehn masturbiert? Hat Musset viel geweint, weil seine Mutter ihm abends im Bett keinen Gutenachtkuss gegeben hat?“
Hugos Fühlen und Denken hatte sich immer an Ewigem orientiert, ihm war das Relative stets fremd und zuwider. Die Grundüberzeugung dabei: Wenn du weisst, wer du bist, und dein Schicksal annimmst, kann dir so recht eigentlich gar nichts passieren.
Natürlich gehören die Dinge – auch – im Zusammenhang gesehen. Doch wer so argumentiert, meint eigentlich fast immer in dem von ihm vorgegebenen Zusammenhang, denn ein Kontext ist immer konstruiert, existiert nicht einfach so. Man stelle sich nur einmal vor, wie Zukünftige auf uns Heutige zurückschauen werden, wie unwissend und naiv sie uns wohl wahrnehmen werden.
Mächtig bzw. einflussreich ist, wer den Kontext vorzugeben vermag. Hugo hatten die vorgegebenen Kontexte nie recht zu überzeugen vermocht, ständig dachte es so in ihm: Aber das ist doch total willkürlich, das kann man auch ganz anders sehen. Stimmt, antworteten daraufhin die, die das Sagen hatten. Und überhaupt: Leute, die quer denken können, brauchen wir. Hugo wollte das gerne glauben, merkte dann aber, dass quer bzw. anders zu denken nur dann gefragt war, wenn es sich im Interesse derjenigen, die das Sagen haben, zu ihrem Vorteil nutzen liess.
Was also war zu tun? Du gehst deinen Weg, ich gehe meinen. Das klingt einfach, ist es aber nicht, denn die gesellschaftlichen Prägungen gehen nicht einfach so weg. Warum kannst du dich nicht anpassen? Glaubst du, du seist etwas Besonderes? Und so weiter … Man verglich sich, war gelegentlich eifersüchtig und neidisch, zweifelte an seinen Entscheiden. Und ging weiter auf seinem Weg, auf dem man, je länger man ihn ging, sich allmählich begann, wohl zu fühlen, sofern das nicht das Ziel war.
Aus: Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession
https://shop.tredition.com/booktitle/Heute_Nicht/W-822-472-257Mittwoch, 8. April 2026
Antoine will Alkoholiker werden
Sonntag, 5. April 2026
Reusch rettet die Welt!
Mittwoch, 1. April 2026
Letzte Tage mit Teresa von Ávila
Ihr sei aufgegeben, ihr Leben für die Schriftgelehrten aufzuzeichnen, und sie selber habe sich den Auftrag erteilt, "mein Leben für mich selbst aufzuschreiben, und so sammle ich mehr Leben zusammen als eine Katze.", notiert Teresa von Ávila bzw. Cristina Morales.
Doch wozu schreiben, wenn das, was man schreibt, von niemandem gelesen wird? "Ich kann mich der Welt nicht zeigen, und kann auch Euch die Welt nicht zeigen, wie ich sie meinem Verständnis nach beschreiben sollte; soll aber etwas gelesen werden, so muss es nach dem Geschmack des Lesers sein und nicht der Autorin. Ist das nicht merkwürdig?" Doch zu schweigen ist keine Option, da dies bedeutet, vor dem Teufel zu kuschen, "denn der möchte uns fein still haben, um uns bei sich zu halten, still und stumm will er uns, damit jedwedes Einflüstern von ihm uns entzücke. Still, stumm und eingesperrt, so sind wir Vieh auf direktemn Weg zum Schlachthaus."
Cristina Morales, 1985 in Granada geboren, zeichnet Teresa von Ávila als höchst eigenwillige Frau, als Kämpferin mit Humor und viel Sinn für Ironie. So findet sie ihren Vetter schlauer als den Teufel, doch das kann man nicht sagen, denn dafür könnte man bei lebendigen Leib verbrannt werden, "und darum werde ich sagen, María de Ocampo ist schlauer als eine Teufelin. Über Teufelinnen gibt es meines Wissens keine Theologie."
Die als Mystikerin bekannte Teresa gründete Klöster, schrieb wesentliche Werke, und hatte dauernd gegen Widerstände anzurennen, da in der damaligen Zeit (sie lebte von 1515 bis 1582) von den Frauen erwartet wurde zu schweigen. Doch sie wehrt sich: "Verdammte Mässigung, Vater! War Jesus etwa massvoll, als er verkündete, die Götter der Römer seien falsche Götter, war er massvoll, als er die andere Wange hinhielt, war er massvoll, als er die Händler aus dem Tempel vertrieb?"
Wer wie ich sich von diesem Werk Aufschlüsse über die Mystikerin Tersea erwartet bzw. erhofft hat, wird wohl etwas enttäuscht sein, doch dafür lernt man eine politische Teresa kennen, die vermutlich vor allem mit der Weltsicht der Autorin zu tun hat, schliesslich sehen wir die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.
Die politische Teresa beweist Mut. Und sie ist radikal. "Nicht Armut, Pater Garcia. Radikale Armut. Nicht Verzicht auf Privateigentum, Verzicht auf jegliches, auch gemeinschaftliches Eigentum. Nicht um Almosen betteln, sondern hoffen, dass jemand zum Kloster kommt, um sie zu geben. Und wenn nichts kommt oder wenn nicht genug kommt, dann und nur dann arbeiten und diese Arbeit verkaufen, und der erhaltene Lohn geht an die Gemeinschaft, ohne Ansicht, von wem das Werkstück war."
Diese radkilae Sicht der Dinge steht einer Mystikerin wohl an, deren Einsichten ihr vor Augen geführt haben, dass die Welt, wie sie sie erlebt, falschen Autoritäten gehorcht. Die logische Folge ist, und davon handelt dieses Werk hauptsächlich, gegen die herrschenden Konventionen und für eine andere, gerechtere Welt zu kämpfen.
Revolutionäre unterscheiden sich bekanntlich selten von den Diktatoren, die sie bekämpfen. Teresa von Ávila ist anders. "Ich will niemandes Königin sein, nur von mir selbst. Mich so zu wollen, ist mich ganz zu wollen, Diego. Ganz und besser."
Letzte Tage mit Teresa von Ávila
Matthes & Seitz Berlin 2026
Sonntag, 29. März 2026
The Power of the Mind
Abgesehen von der Unsitte, ein deutsches Buch mit einem englischen Titel zu versehen, ist dies ein verständlich geschriebenes, gelungenes Werk. Einleitend legt die Autorin, die im schwedischen Linköping lehrt, Grundlegendes dar: Die Politik ist "zum grössten Teil eine Inszenierung geworden." Dank der Medien, wie ich gleich hinzufügen will. So neu ist das übrigens nicht: Mein eigenes Werk Inszenierte Wahrheiten erschien bereits 2011. Zu dieser Inszenierung gehören wesentlich die Gefühle. "Emotionen sind in der modernen Welt weniger ein innerer Kompass als vielmehr ein Marktwert. Emotionen werden dargestellt, geteilt und gezielt manipuliert."
Der Mensch wusste zwar noch nie, wer er ist, doch seit die Unübersichtlichkeit täglich zunimmt, weiss er es noch weniger, was sich auch darin manifestiert, dass psychische Erkrankungen und Störungen auf dem Vormarsch sind. Was Rebecca Böhme angesichts dieser Situation beschäftigt, ist die Frage, "wie wir erkennen, was aus dem Lot geraten ist, und wie wir mit eigener Kraft gegensteuern können. Nicht allein, um unser eigenes Wohlbefinden zu steigern, sondern auch, um Kräfte freizusetzen, die das Leben vieler verbessern – unser eigenes ebenso wie das unserer Mitmenschen." Ein ziemlich hoher Anspruch!
Die meiste Zeit unseres Lebens sind wir auf Autopilot unterwegs. Es gibt allerdings einen kleinen Zwischenraum zwischen Reiz und Reaktion, in dem wir Entscheide treffen können. Zur Illustration: Für den Alkoholiker ist dies die Zeitspanne zwischen dem Ergreifen des Glases und dem ersten Schluck. Rebecca Böhme: "Wenn wir diesen Raum erkennen, dann können wir wirklich wählen, dann können wir wirklich wirksam sein und etwas tun."
Sehr schön arbeitet die Autorin heraus, dass das Hirn kein neutraler Beobachter der Wirklichkeit, sondern ein Vorhersageorgan ist. Es ist antizipatorisch unterwegs, rennt uns dauernd davon, was auch dazu beiträgt, dass wir selten geistig da sind, wo wir uns physisch gerade befinden. Vorhersageorgan meint konkret: Das Gehirn nutzt sein Vorwissen und seine Erwartungen über die Welt, um sie zu verstehen. Anders gesagt: Wie wir die Welt sehen, wird bestimmt von dem, was wir wissen und erwarten. We do not see things as they are, we see things as we are, heisst es im Talmud.
"Wir können innere Autonomie und geistige Unabhängigkeit nur erreichen, wenn wir lernen, die Inhalte unserer Aufmerksamkeit bewusst wahrzunehmen, zu erkennen, und zu sortieren." Rebecca Böhme nennt dies Bewusstseinskultivierung, also "deine innere Landkarte aktiv und zielgerichtet zu gestalten." Das verlangt Übung, viel Übung.
Mich erinnert das übrigens an Sherlock Holmes, der der Auffassung war, dass das Aufnahmevermögen unseres Hirns begrenzt ist, weshalb wir denn auch gut überlegen sollten, welches Wissen uns dienlich und welches vollkommen unnütz ist.
Rebecca Böhme erläutert Begriffe wie Priming oder Framing, zitiert Studien, setzt sich kritisch mit den sozialen Medien, NLP oder dem Hype des maschinellen Gedankenlesens auseinander. Sie tut, was man an Universitäten eben so tut. Erfreulich und erfrischend ist, dass sie sich auch mit ihren persönlichen Erfahrungen einbringt.The Power of the Mind ist ein nützliches Buch.
In Anlehnung an Shunryu Suzukis Beginner's Mind weist die Autorin unter anderem darauf hin, dass es wesentlich auf die Geisteshaltung ankommt. Wer Offenheit anstrebt, muss lernen, seinen Geist zu leeren. "Es beginnt damit, jedem Moment frisch zu begenen, auch wenn du glaubst, ihn schon tausendmal erlebt zu haben. Doch in Wirklichkeit hast du das nicht, selbst, wenn es schon viele ähnliche Momente gab. Etwas ist immer anders, du bist immer anders."
Kognitives Verstehen genügt jedoch nicht, wir müssen erfahren, dass alles (inklusive unser Ich) in ständigem Fluss ist. Erfahren lässt sich etwa Atmung, Herzschlag und Verdauung, die alle ohne unsere bewusste Einflussnahme funktionieren. Sich dessen bewusst zu werden, hat das Potential unsere Wahrnehmung (von uns selbst, dem Leben und der Welt) zu verändern.
Die Autorin meint: "Gönne dir regelmässig einen Moment, in dem du dich fühlst, in dich hineinspürst. Deinen inneren Vorgängen folgst, spürst, wie du atmest, wo sich alle deine Glieder befinden, wie dein Herz von sich aus schlägt." So sinnvoll ich das auch finde, es ist eine Folgerung, die niemandem weh tut, niemanden aufstört und wohl kaum Konsequenzen haben wird. Mir ist das zu wenig. Ich will mehr als nur ein paar Momente. Deshalb übe ich.
Hier noch mein Lieblingssatz: "Die Natur, die wir selbst sind, in sich spüren, sagt mein Vater, der Philosoph Gernot Böhme." Je öfter desto besser.
Fazit: Ein gutes Buch, reich an vielfältigen Einsichten, die allerdings nur hilfreich sind, wenn sie auch umgesetzt werden. Und das geschieht, jedenfalls gemäss meiner Erfahrung, eher selten ...
Rebecca
Böhme
The Power of the Mind
Was die Kraft unseres
Denkens bewirken kann
C.H. Beck, München 2026
.jpg)





