Sonntag, 6. September 2026

Die amerikanische Krankheit

In meinen Augen wurde Amerika schon immer überbewertet und mit Hollywood verwechselt. Die Corona-Pandemie zeigt gerade, dass weit mehr als man sich hat vorstellen können, im Argen liegt. Ein nüchterner Blick tut schon lange Not, angesichts der jetzigen Regierung wird er dringend. Und Geschichtsprofessor Timothy Snyder liefert ihn und zwar so, wie man das am besten tut: Indem man konkret und grundsätzlich wird – seinen Anfang nimmt Die amerikanische Krankheit mit seinen eigenen Erfahrungen mit dem Gesundheitswesen.

Im Dezember 2019 stimmt einiges nicht mit seiner Gesundheit. In München wird eine Blinddarmentzündung übersehen, in Connecticut wird er operiert, in Florida kurz darauf wieder krank. Schliesslich landet er mit einer Sepsis („der Tod war nahe“) in einer überfüllten Notaufnahme in New Haven. Er schildert dies nüchtern und unaufgeregt, beschreibt in einfacher Sprache, was er wahrnimmt: Ein völlig überfordertes System – kein Wunder, denn es ist darauf angelegt, dass einige wenige davon profitieren. „Die Spezialisten in Sachen Profit sind in den physischen und mentalen Raum vorgedrungen, der einst von den Spezialisten in Sachen Medizin kontrolliert wurde.“

Zeit zu haben und sich in Geduld zu üben, gehört nicht zu den Wesensmerkmalen unseres modernen Lebens. Die Beobachtungen, die der Patient Snyder im amerikanischen Spital macht, bringen es auf den Punkt: „Menschen sind bei fast jeder Aufgabe viel schlechter, wenn sie in der Nähe eines Mobiltelefons sind; beide Ärzte hatten die ihren eingeschaltet und zur Hand.“ Und: „Die ständige Ablenkung der Ärzte und Krankenschwestern ist ein Symptom unserer Krankheit. Jeder Patient hat eine Geschichte, aber niemand geht der Geschichte nach.“

Am Rande: Einmal hört er zwei Krankenschwestern sich über eine Freundin, eine schwarze Ärztin, die sich für ihn einsetzt, unterhalten. „’Wer war sie?‘ ‚Sie hat gesagt, sie sei Ärztin.‘ Sie sprachen über meine Freundin. Sie lachten (…) Rassismus beschädigte in dieser Nacht meine Lebenschancen; er beschädigt die Lebenschancen anderer in jedem Augenblick ihres Lebens.“

Warum er keine einflussreichen Fürsprecher zu seinem Schutz herbeigerufen habe, als er in der Notaufnahme gewesen sei, wird er von Kollegen gefragt. Seine Antwort zeigt, weshalb die Gesundheitspolitik mitentscheidend dafür ist, ob wir in einer wirklichen Demokratie (und nicht einer solchen des Geldes) leben. „Wenn jeder Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung zu minimalen Kosten hat, wie dies für fast alle Menschen in der entwickelten Welt gilt, ist es einfacher, Mitbürger als gleichberechtigt zu betrachten.“

Timothy Snyder ist beruflich viel unterwegs und, da er unter heftiger Migräne leidet, auch zu einer Person geworden, „die nachts in fremden Ländern Krankenhäuser aufsuchte.“ Dabei machte er auch die Erfahrung, dass „die Ärzte in Europa Zeit haben, etwas zu tun, das über das Ausstellen von Rezepten hinausgeht „…Und mir ist klar geworden, dass sie in einem System arbeiten, dass all das ermöglicht und fördert.“ Er scheint also ausgesprochen gute Erfahrungen gemacht zu haben. Das geht allerdings nicht allen so, wie der Arzt Klaus Scheidtmann in Seitenwechsel berichtet.

Das Ehepaar Snyder hat zwei Kinder, das eine wurde in Wien geboren, das andere in den USA. Die Unterschiede sind eklatant – was in Österreich selbstverständlich ist, kostet in Amerika viel Geld. Doch Die amerikanische Krankheit stellt nicht einfach Gesundheitssysteme einander gegenüber, sondern wird grundsätzlich: Als Covid-19 die USA erreichte, wollte die US-Regierung die Wahrheit nicht wahrhaben, beschwichtigte, log und lügt immer noch. „Da die Wahrheit einen befreit, widersetzen sich die Menschen, die einen unterdrücken, der Wahrheit (…) Die Wahrheit erfordert Arbeit, Fakten stimmten oft nicht mit dem überein, was wir glauben, was wir glauben wollen oder was wir glauben sollen. Fakten sind das, was wir begreifen, wenn wir die richtige Distanz zwischen unseren Gefühlen und der Welt um uns herum feststellen.“

Fazit: Ein engagiertes und überzeugendes Plädoyer gegen die kommerzielle Medizin.

Timothy Snyder
Die amerikanische Krankheit
Vier Lektionen der Freiheit aus einem US-Hospital
C.H. Beck, München 2020

Mittwoch, 2. September 2026

Frei nach Schopenhauer

"Wenn man auch noch so alt wird", befand Schopenhauer, "so fühlt man doch im Innern sich ganz und gar als denselben, der man war, als man jung, ja, als man noch ein Kind war", lese ich in Otto A. Böhmers Frei nach Schopenhauer, einem philosophischen Roman, dessen Hauptdarsteller Egidius Fitzroy eine Philosophische Praxis betreibt, wo er Menschen rät, die sich mit Sinn- und Lebensfragen an ihn wenden. "Der Mensch, war seine Überzeugung, ist ein Empfänger, kein Sendbote, er hat im Rahmen insgesamt bescheidener Möglichkeiten hellhörig zu sein, weil ihm sonst etwas entgehen könnte, das wichtig für ihn ist."

Seien wir also so hellhörig wie möglich, denn es lohnt. Nicht nur weil Schopenhauer viel Schlaues, Hilfreiches und ausgesprochen Realistisches über den Menschen und die Welt geschrieben hat, sondern auch weil Otto A. Böhmer (wofür wohl das A steht? Ich entscheide mich für Aha) ein sehr differenzierter und ein sehr witziger Erzähler ist.

Frei nach Schopenhauer ist von einem ausgesprochen fantasievollen Mann geschrieben worden. Ich jedenfalls habe noch nie so anregend über eine Kreuzfahrt gelesen. "Das Meer war, höflich gesprochen, gänzlich unaufgeregt, der Wellengang bestenfalls zu ahnen, aber kaum zu spüren. Die Wolken, in undefinierbarer Ferne, konnte man für ein über Nacht entstandenes Gebirge halten, mit rauchigen Kegelköpfen, verschwimmenden Spalten und Schluchten, und die Entstehung dieser atlantischen Bergwelt war keineswegs abgeschlossen, sie zog weiter, pumpte sich auf, um gleich darauf an den Überhängen gekappt zu worden."

Frei nach Schopenhauer ist ein äusserst vergnügliches und höchst lehrreiches Buch. So wird der Leser etwa über die Zeit aufgeklärt, "ohnehin ein relatives Phänomen, das womöglich kaum mehr als ein Assistenzmedium des Menschen ist, der damit mehr Möglichkeiten bekommen hat, sich unter Druck zu setzen ...".

Als die Internationale Schopenhauer Gesellschaft Egidius Fitzroy auf ein Kreuzfahrtschiff schickt, wo er philosophische Sprechstunden abhalten soll, ist er gezwungen zu fliegen, was ihm gar nicht behagt.  Zu seinem Bedauern wird  der Frankfurter Flughafen ("Um ihn herum unerträglich gut gelaunte Urlauber, vorwiegend Familien mit verhaltensgestörten Kindern, dazu acht, neun muntere Greise und eine Ansammlung von Alkoholikern, die alle quergestreifte T-Shirts trugen, auf denen Werbung gemacht wurde für den  bekannten Männergesangsverein 'Halbe-Lunge WAF'.) nicht bestreikt und so muss er in die Luft ("Fitzroy kam in die Mitte einer Dreierreihe zu sitzen, die für ihn allein schon zu eng war. Wer dachte sich bloss solche Diätbestuhlungen aus ...").

In Lanzarote besteigt er dann zusammen mit dem Ehepaar Gantenbein ein Taxi, "dass etwas altersschwach aussah, was aber durch die vertrauenserweckende Erscheinung des Taxifahrers wettgemacht wurde, der seine Fahrgäste mit absolut treuherzigem Blick anschaute und in einer Sprache begrüsste, die sich als weitgehend unverständlich erwies. Spanisch war dabei, ein paar Brocken Englisch, dazu kam aus dem deutschen Sprachraum 'Grüss Gott' und 'gerne' sowie, ein wenig überraschend, 'Sie mich auch'; der Rest gehörte wohl einer einheimischen Mundart an, die nicht ganz zu Unrecht vom Aussterben bedroht war."

Immer wieder wird, es versteht sich, bei diesem Buchtitel, auf Schopenhauer Bezug genommen. Dabei erfahre ich unter anderem auch, dass Schopenhauer eher ein Mann des unnachgiebigen Dialogs war, als dass er auf Diskussionen aus gewesen wäre. "In seinen Schriften steckt vielleicht auch deswegen ein Quantum Weisheit, wie es die allermeisten seiner Kollegen nicht zusammenbekommen haben." Und ich lese, dass der Dichter Miguel de Unamuno seinerzeit angeblich Deutsch gelernt hatte, um Schopenhauer im Original lesen zu können.

Höchst aufschlussreich auch, dass Schopenhauer offenbar dem Blick in den Spiegel nicht über den Weg getraut hat. "Warum", so schrieb er, "warum trotz allen Spiegeln, weiss man eigentlich nicht, wie man aussieht und kann daher nicht die eigne Person wie die jedes Bekannten, der Phantasie vergegenwärtigen?, eine Schwierigkeit, welche dem 'Erkenne dich selbst' schon beim ersten Schritte entgegensteht. Ohne Zweifel liegt es zum Teil daran, dass man im Spiegel sich nie anders als mit gerade zugewendetem und unbeweglichem Blicke sieht, wodurch das so bedeutsame Spiel der Augen, mit ihm aber das eigentlich Charakteristische des Blickes, grossenteils verlorengeht."

Fitzroy bezeichnet sich "auch aufgrund der ihm zugeteilten Denkfaulheit" als Realist und Pragmatiker, den es nicht, wie einige Kollegen, danach drängt, "das Undenkbare zu denken" und der deshalb auch nicht "heilloser Verwirrung anheimgefallen" ist, "die durch psychotherapeutische Behandlung, in die man sich anschliessend begab, nur noch grösser wurde." Treffender kann man kaum für eine gesunde Bodenhaftung plädieren, zu der auch diese Feststellung gehört: "Fitzroy war traurig. Intellektuelle Einwände gegen ein solches Gefühl, das einfach nur da war und zu Herzen ging, standen ihm nicht zur Verfügung."

Ein ganz wunderbares Buch! Ich habe Tränen gelacht und viel gelernt – glänzender Witz und auf die Lebenspraxis ausgerichtete philosophische Gedanken, meine absolute Ideal-Kombination! Otto A. Böhmer beherrscht sie meisterhaft. Frei nach Schopenhauer ist intelligente Unterhaltung vom Feinsten!

Otto A. Böhmer
Frei nach Schopenhauer
Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2018

Sonntag, 30. August 2026

Aus dem Geschichtsbuch gefallen

Als ich vor einiger Zeit las, dass Goethe die Weltgeschichte für eine idealistische Überhöhung disparater Ereignisse hielt, fühlte ich mich in meinem Mich-Wundern darüber, dass uns absolut Willkürliches als uns leitend beigebracht wird, bestätigt. Und wunderte mich, dass ich offenbar solcher Bestätigung bedarf. Wenn nun einer daherkommt und andere Akzente, als die gemeinhin üblichen, setzt. ist das natürlich ähnlich willkürlich wie die sogenannt reguläre Geschichte, doch sie hat den Vorteil, viel unterhaltsamer zu sein. Und, so man denn bereit dazu ist, unseren Horizont zu erweitern.

Autor Ralf Höller studierte Geschichte und Anglistik und denkt so, wie solche Leute gemeinhin denken, glaubt also an schriftliche Belege, unterscheidet sich jedoch von den gängigen Überzeugungen, weil er anders gewichtet. Die von ihm in diesem Band geschilderten Figuren eint zweierlei: "Alle haben Grosses geleistet, alle sind in Vergessenheit geraten, sozusagen aus dem Geschichtsbuch gefallen."

Herausgekommen ist dabei wunderbart Amüsantes und höchst Lehrreiches. Speziell hinweisen möchte ich auf Daniel Defoes Robinson Crusoe bzw. auf Alexander Selkirk, dem Mann, "der Robinson Crusoe wurde". Der Grund, weshalb diese Geschichte mein ganz besonderers Interesse geweckt hat, liegt einerseits darin, dass ich letzthin Daniel Defoes Roman gelesen habe; der andere, weil ich fasziniert davon gewesen bin, was Markus Gasser aus dem Material gemacht hat.


"Am 11. September 1703 war Selkirk von Irland aus zu einer Kapermission aufgebrochen ...", geriet jedoch mit dem 21-jährigen (!) Kapitän in Streit und wurde in der Folge auf eigenen Wunsch auf der Insel Más a Tierra ausgesetzt. Im Alter von 33 wurde er gerettet. Ob Selkirk die einzige Vorlage für Robinson Crusoe gewesen ist, wird von Experten abgelehnt. "Vielmehr sei die Geschichte hinter dem Roman 'eine komplexe Mischung sämtlicher damals kursierender Überlebensberichte von Freibeutern'". Damit wird wieder einmal bestätigt, was der Mythenforscher Joseph Campbell über Mythen generell herausgefunden hat: Dass sie sich weltweit und zu allen Zeiten ähnlich sind.

"Die Insel. auf der Selkirk vier Jahre und vier Monate gelebt hatte, wurde 1966 in Isla Robinson Crusoe umbenannt - zu Ehren Defoes. Der 1. Februar, an dem Selkirk 1709 gefunden wurde, wird jedes Jahr weltweit als Robinson-Crusoe-Tag begangen. Name und Datum scheinen stärker der Fiktion als der Realität verhaftet zu sein, der imaginäre zählt offenbar mehr als der reale Held."

Auch wenn für mich Geschichte weitestgehend Fiktion ist, sie orientiert sich so gut wie möglich an Fakten. Und zu diesen gehört, dass die meeresstrasse zwischen Sibirien und Alaska zwar den namen Bering trägt, obowhl er sie gar nicht durchquert hat. "Derschnew, der sie bis dato als Einziger durchsegelt hatte, geriet hingegen in Vergessenheit."

Aus dem Geschichtsbuch gefallen ist ein trefflicher Titel für Ralf Höllers Erzählungen von Leuten, die (jedenfalls mir) gänzlich unbekannt gewesen sind, sei es die Peruanerin Micaela Batidas, der französische Revolutionär François Noël Babeuf, der Paraguyaner José Francia und und und ... Was mir bei diesen Schilderungen besonders gut gefallen hat, sind die vielen aufschlussreichen Details, von denen der Autor zu berichten weiss. "Während Francia der Staatskasse für seine Bedürfnisse und die Bezahlung einer Handvoll Diener 7.000 Pesos entnahm, benötigte Bolívar die zehnfache Summe. darüber hinaus  erhielt Letzterer jährlich Geschenke im Wert von 50.000 Pesos. Nicht eingerechnet sind die 2.000 Pesos, die Bolívars Verbrauch an teuer importiertem Eau de Cologne jedes Jahr verschlang." Die Kenntnis solcher Details inbezug auf "unsere" heutigen Anführer hätte wohl ein grösseres Potential für Veränderung als staatliche Abstimmungsunterlagen.

Ralf Höller setzt mit diesem Werk nicht nur vergessenen Persönlichkeiten ein Denkmal, er zeigt auch, dass Geschichte viel bunter ist, als wir gemeinhin annehmen (zugegeben, ich spreche von mir). was sich eindrücklich in der Themenauswahl zeigt: Der Traum von einer russischen Kolonie in Kalifornien; das progressive Pendant zu Jeanne d'Arc; Das Attentat, das Lenin ruinierte; Der Erfinder der Negativzinsen; Die Juden, die sich nichts mehr gefallen liessen; Das, was bleibt, ist ein Fluch (über den ungarischen Fussballer Béla Guttmann).

Ralf Höller
Aus dem Geschichtsbuch gefallen
Wagenbach, Berlin 2026

Mittwoch, 26. August 2026

Hegel. Der Weltphilosoph

Dass ein Buch zur gerade rechten Zeit komme, kann man immer mal wieder hören. Im Falle von Sebastian Ostritschs Hegel. Der Weltphilosoph trifft das in ganz besonderem Masse auf die ersten Seiten des Prologs zu. Da wird nämlich geschildert, dass zu der Zeit als Georg Wilhelm Friedrich Hegel starb, die Cholera herrschte und der Philosoph am Nachmittag des 14. November 1831 nach gerade mal anderthalbtägiger Krankheit ein „schmerzfreies, sanftes, seliges Ende“ gefunden hatte. Der Totenschein wies als Todesursache die Cholera aus; ein bestens vernetzter Freund Hegels bewirkte, dass die Vorschriften für die Bestattung von Choleratoten für Hegel ausgesetzt wurden. „Die Beisetzung am 16. November 1831 wurde zu einem Massenereignis.“ In den heutigen Corona-Zeiten wäre das so in Berlin wohl kaum möglich.

Einen packenderen Einstieg in ein Sachbuch habe ich selten gelesen – und in die Biografie eines Philosophen noch gar nie (wobei: so viele Philosophen-Biografien habe ich nun auch nicht gelesen). Da ich kaum etwas von Hegel und seiner Zeit weiss, ist dieses Buch auch eine willkommene Geschichtslektion. So lerne ich etwa, dass nach dem Massenmord im September 1792 die liberal gesinnten Intellektuellen in Deutschland sich von der Revolution zu distanzieren begannen und Schiller wenige Wochen nach der Hinrichtung des französischen Königs im Januar 1793 an einen Freund schrieb: „Ich kann seit vierzehn Tagen keine französische Zeitung mehr lesen, so ekeln diese elenden Schindersknechte mich an.“

Einen Menschen in seiner Zeit zu schildern, heisst natürlich auch von seinen Vorgängern und Weggefährten zu erzählen. Und so erfährt man dann auch einiges vom Denken von Kant, Spinoza, Schiller, Fichte, Schelling und Hölderlin. Der Autor Sebastian Ostritsch, der am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart lehrt, verfügt über viel pädagogisches Geschick, was sich unter anderem darin zeigt, wie er aus Humes Skepsis an der Kausalität folgert, dass wir uns von dem Gedanken lösen müssen, „dass der Mensch der Natur ihre Gesetzmässigkeiten ablesen könnte.“

Hegel sei in seinem Denken und Verhalten sehr schwäbisch gewesen, so sein Biograf. Das meint, dass ihm eine recht behäbige und joviale Mentalität eignete, die nicht mit Entweder-oder, sondern mit Weder-noch und Sowohl-als-auch operiert und sich vornimmt, den Dualismus Kants und die All-Einheit Spinozas zusammenzubringen. „Allen Reduktionismen und Einseitigkeiten, die uns nur einen verzerrten Blick auf uns selbst und das Ganze erlauben, stellt Hegel die grandiose Vision eines von der Vernunft beherrschten Universums entgegen, in dem alle Gegensätze in der Einheit des Geistes – des wahrhaft Absoluten – aufgehoben sind.“

Eigenartig, ja geradezu befremdend fand ich Hegels Reaktion auf die Schweizer Bergwelt, die er „als kalt, schroff und tot“ erlebte: „Der Anblick dieser ewigen toten Massen gab mir nichts als die einförmige und in die Länge langweilige Vorstellung: es ist so.“ Den Gegensatz totes Gestein/belebte Natur halte ich für einen vermeintlichen. So schildert der Geologe William E. Glassley in Eine wildere Zeit wie er einmal mit einem Stahlhammer kräftig auf ein besonders hartes Gestein einschlug und plötzlich etwas „wie nach versengtem Haar, heiss gewordenem Metall oder Wüstenstaub“ roch – seine Hammerschläge hatten die chemischen Verbindungen im Gestein aufgebrochen. „Das Gestein, zerbrochen durch einen von Neugier motivierten Gewaltakt, entliess Kohlenstoff-, Calcium- und Magnesiumatome in die Welt.“

Mit Erstaunen nahm ich zur Kenntnis, dass Schelling mit gerade mal 23 Jahren (durch die Unterstützung Fichtes und Goethes – einem Strippenzieher par excellence) zum ausserordentlichen Professor in Jena berufen wurde und Hegel bereits in recht jungen Jahren „echte Jünger“ um sich zu scharen vermochte.

Hegel. Der Weltphilosoph ist auch reich an Anekdoten. Bevor er es schaffte, eine Universitätsstelle antreten zu können, verbrachte Hegel einige Jahre als Hauslehrer bei der Patrizierfamilie Steiger in Bern, während Studienkollege Hölderlin bei der Schiller-Gönnerin Charlotte von Kalb als Hofmeister im Einsatz war, was diesem jedoch zu schaffen machte, gehörte es doch zu seinen Aufgaben, Frau Kalbs Sohn, einen „talentbefreiten Nichtsnutz mit einem Hang zur Daueronanie“, von diesem Zwang abzubringen. Leider erfährt man nicht, wie er dabei vorgegangen ist ...

Hegel ist bereits über vierzig Jahre alt, als er am 15. September 1811 heiratet. Im Gegensatz zu Kant, so Ostrisch, der die Ehe als Vertrag zwischen zwei Individuen sah, war Hegels Vorstellung, dass die Ehepartner „aufhören, voneinander isolierte Individuen zu sein“ und gleichsam eins werden. „Die lebenslange 'seelische Zufriedenheit', von der Hegel allein zu träumen wagte, sollte ihm und Marie aber dann auch tatsächlich beschieden sein.“ Es versteht sich: Das kann niemand wirklich wissen, ist also Spekulation – doch das ist letztendlich jede Biografie, auch wenn nicht jede so fundiert ist wie die vorliegende.

Hegel. Der Weltphilosoph ist gleichzeitig klar argumentierte, gut geschriebene Biografie, spannende Geschichtsstunde sowie lehrreiche Einführung in das philosophische Werk. Überzeugend führt Sebastian Ostritsch aus, dass wir auch heute von Hegel lernen können. Dass der Vernunftpluralismus ein Schmarren ist, zum Beispiel. Oder dass die Überwindung der Gegensätze das zentrale Ziel des Denkens (und damit des Seins) sein sollte.

Sebastian Ostritsch
Hegel
Der Weltphilosoph
Propyläen, Berlin 2020

Sonntag, 23. August 2026

Lebenshilfen

 Die hier aufgeführten Zitate drücken Wahrheiten aus, die mir teuer sind und mich leiten. Damit ich sie nicht vergesse, habe ich sie aufgeschrieben (in der Sprache, in der ich auf sie gestossen bin): Als Gedankenstützen, auf die ich immer wieder zurückkomme, denn sie konfrontieren mich mit der Realität und machen mir so das Leben erträglich und gelegentlich auch leicht.

Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild:
ein armer Komödiant, der eine Stunde lang
sich spreizt und fuchtelt auf der Bühne, dann
nicht mehr gehört wird; eines Toren Fabel nur,
voll Schall und Wahn, jedweden Sinnes bar.
William Shakespeare
Macbeth, V. Akt, 5. Szene

Existence with all its horrors is endurable only as an aesthetic fact.
Richard Rorty

Im Grunde sind alle Ideen falsch und absurd. Es bleiben nur die Menschen, so wie sie sind.
Émile Michel Cioran

Caminante, son tus huellas
el camino y nada más;
caminante, no hay camino,
se hace camino al andar.
Antonio Machado

Wenn Du hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du hervorbringst, Dich retten. Wenn Du nicht hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du nicht hervorbringst, Dich zerstören.
Thomas Evangelium

Wear the world as a loose garment, which touches us in a few places and there lightly
St. Francis of Assisi

Was Sie nämlich wirklich glauben (nicht, was Sie zu glauben meinen), wird man nur herausfinden, wenn man sich ihr Verhalten ansieht. Davor wissen Sie selbst nicht, was Sie glauben. Sie sind viel zu komplex, um sich selbst zu begreifen.
J
ordan B. Peterson
12 Rules for Life

Quelle que soit la durée de votre séjour sur cette petite planète, et quoi qu’il vous advienne, le plus important c’est que vous puissiez – de temps en temps – sentir la caresse exquise de la vie.
Jean-Baptiste Charbonneau
Avis de Passage (1957)

Spezialität ist mir unmöglich. Ich werde belächelt. Sie sind kein Dichter. Sie sind kein Philosoph. Sie sind weder Geometer noch sonst etwas. Sie betreiben nichts gründlich. Mit welchem Recht sprechen Sie von dieser Sache, da Sie sich ihr nicht mit Ausschliesslichkeit widmen? Ach ja, – ich bin wie das Auge, welches sieht, was es sieht. Es braucht sich nur ein klein wenig zu bewegen, und die Mauer verwandelt sich in eine Wolke; die Wolke in eine Uhr; die Uhr in Buchstaben, die sprechen. – Vielleicht ist das meine Spezialität. Meine Spezialität, das ist mein Geist.
Paul Valéry

Liberdade é pouco. O que eu desejo ainda não tem nome.
Clarice Lispector

Erst im späten Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich das horazische nil admirari, d.h. die unmittelbare, aufrichtige und feste Überzeugung von der Eitelkeit aller Dinge und der Hohlheit aller Herrlichkeiten der Welt: die Chimären sind verschwunden.
Arthur Schopenhauer
Aphorismen über Alter und Tod

Die Welt ist ein Betätigungsfeld und weiter nichts.
Hans Albrecht Moser
Vineta

the emphasis falls less on knowing than on imagining, more on freeing oneself up than on getting something right.
Richard Rorty

Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weisst gleich, was an dir ist. Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.
Johann Wolfgang von Goethe
Maximen und Reflexionen

Santa Cruz do Sul, 17. Februar 2024

Mittwoch, 19. August 2026

Was wir wissen können

Die Frage ist natürlich, was wir wissen können“, sagte Emma, als sie wieder einmal miteinander telefonierten.

„Du meinst eindeutig wissen können?“, fragte Hugo.

„Ja, genau. Diese hirnlosen Attacken auf das sogenannte Schwarz/Weiss-Denken nerven mich. Zum Einen, weil wir ums Simplifizieren gar nicht herum kommen, dann aber auch, weil nicht Weniges eindeutig schwarz und weiss ist.“

„Woran denkst du gerade?“

„Also, du bist entweder schwanger oder nicht. Oder aus dem Gebiet der Sucht: Du trinkst oder du trinkst nicht. Ein Dazwischen gibt es für Alkoholiker nicht.“

„Auch die Regeln, denen das Universum gehorcht, sind auf dem grundlegendsten Niveau nicht verhandelbar sind, habe ich letzthin gelesen.“

„Ihr Gefühl sage ihr etwas anderes, hat mir letzthin eine Patientin gesagt, worauf ich antwortete: Ihr Gefühl irrt. Sie ist dann nicht mehr gekommen.“

„Der Kunde ist König! Kann man das überhaupt noch sagen. Oder heisst es heute: Die Kundin ist Königin?“

„Ich kann nicht behaupten, dass mich das wahnsinnig beschäftigt.“

„Diese Ego-Zentriertheit – ich denke, ich fühle, ich sehe – ist zwar nachvollziehbar, schliesslich erlebt sich jeder und jede als Zentrum des Universums, aber schon auch ziemlich hirnrissig, angesichts der Millionen von Galaxien.“

„Du sagst es.“

 Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession, Ahrensburg 2025

Sonntag, 16. August 2026

Über das Älterwerden

 "Er wusste es, er wusste es … man stirbt an Lebensschwäche, lange bevor man an Altersschwäche stirbt, ja, noch war er Kohner, aber das ist er jeden Tag weniger. Das Gefühl des Alleinseins hatte ihn erreicht. Selbst die Freunde zogen sich von ihm zurück, seit er ihnen predigte, was er als Quintessenz seines Lebens empfand - dass sie nichts Besonderes sind und Probleme haben wie alle anderen Menschen auch … dass sie dieselben Fehler bis an ihr Lebensende wiederholen werden … dass alles im Leben Zufall ist und alles, das heisst alles … dass sie eines Tages entdecken werden, nicht derjenige zu sein, für den sie sich halten … dass sie alles im Leben tun, nur um nicht allein zu sein … dass sie bald jeden Tag wünschen werden, der Tag wäre schon vorbei … dass kein Mensch der Herr seines Schicksals ist … dass niemand ihnen sagen kann, wie sie leben sollen … dass das grösste Glück darin besteht, an nichts, an gar nichts zu denken."

Rainer Fabian: Das Rauschen der Welt, 2003

Santa Cruz do Sul, 30 Dezember 2023