Sonntag, 12. Juli 2026

Mein Gehirn, das Denken & Ich

Seit ich mich vor nunmehr 25 Jahren einer Hirnoperation (der rechte Facialis-Nerv war beschädigt) unterzogen habe, hat mein Interesse an Hirnforschung nicht mehr nachgelassen. Als sich etwa drei Monate nach dem Eingriff zeigte, dass dieser offenbar doch nicht so optimal gewesen war, wie der operierende Professor zunächst angenommen hatte, erklärte mir dieser, er selber habe das zwar noch nie erlebt, doch wisse er aus der Literatur, dass sich der behandelte Nerv manchmal nach vier Jahren erholt habe. Und genau das trat auch bei mir ein, allerdings nach sechs Jahren.

Was hier geschehen ist, nennt sich Neuroplastizität und meint die Fähigkeit der Gehirns, sich selber zu reparieren. Das bedeutet jedoch nicht, so der Neuropsychologe Jens Foell, dass unser Denkorgan jede Verletzung so ausgleichen kann, dass der ursprüngliche Zustand einfach wieder hergestellt wird, doch sind die Selbstheilungskräfte erstaunlich.

Wie wir unser komplexestes Organ besser verstehen und benutzen, verspricht dieses Werk. Und das ist nicht zuviel versprochen, auch weil der Autor seinen Erläuterungen jeweils ein Kapitel, das mit "Was bedeutet das für Sie?" überschrieben ist, folgen lässt, worin er nüchtern und sachlich ausführt, dass wir uns von Tatsachen und nicht von unseren Wunschvorstellungen leiten lassen sollten. Und so bedindet er: "Es lässt sich wissenschaftlich nicht nachweisen, dass Sport beim Denken hilft." Was jedoch nicht heisst, dass Sie keinen Sport treiben sollten!

Das Hirn weiss sich zu schützen, so lerne ich. Es tut dies unter anderem mittels einer Blut-Hirn-Schranke, die aus Zellen besteht, "die in den Gefässen sitzen, die vom Blutkreislauf zum Gehirn führen." Bedeutsam ist dies etwa für die Entwicklung medikamentöser Therapien, da nur kleine, fettlösliche Stoffe durchgelassen werden. "Aber wissen Sie, was ein kleines, fettlösliches Molekül ist? Alkohol zum Beispiel. Ebenso Nikotin und Heroin." Sofern Sie die Plastizität Ihres Gehirns nicht beeinträchtigen wollen, sollten Sie sich von diesen Stoffen fernhalten.

Wie ruht sich das Hirn eigentlich aus? Grundsätzlich: Regelmässigkeit tut gut. Zwischen sieben und neun Stunden Schlaf, lautet die Empfehlung der Wissenschaft. Nein, auch der Wissenschaftler Jens Foell hält sich nicht daran, zitiert jedoch einen absurd-witzigen Kommentar von Arnold Schwarzenegger, der berühmt geworden ist, weil er Gewichte vom Boden hochhob, sie dann wieder hinlegte, und sich anschliessend im Spiegel bewunderte.

Mein Gehirn, das Denken & Ich ist ein enorm vielseitiges Buch, das sich unter anderem (kritisch natürlich! Nichts, das Wissenschaftler mehr motivieren könnte, als sogenannte Ikonen zu stürzen) mit Daniel Kahnemans Klassiker 'Schnelles Denken, langsames Denken' auseinandersetzt. Das schnelle Denken (System 1) erfolgt automatisch, das langsame (System 2) verlangt eine mentale Anstrengung und geht häufig mit (möglicherweise eingebildeter) Handlungsmacht einher. "Der Vorwurf lautet, dass sich die klare Trennung von System 1 und System 2, die Kahneman als zwei Charaktere in einem Drama beschrieben hat, nicht mit experimentell erhobenen Daten vereinbaren lässt." 

Aufschlussreich lesen sich auch die Ausführungen zu 'Besser denken in der Medizin', wo etwa auf den Verfrühten diagnostischen Schluss und den Affektiven Bias hingewiesen wird. Auch die Wichtigkeit medizinischer Checklisten wird erwähnt, die, so Jens Foell, durch die Frage 'Fühle ich mich gerade müde?' ergänzt werden müsste. Übrigens: Piloten halten sich weit strikter an Checklisten als etwa Chefärzte (kein Wunder, Piloten sind bei einem Versagen weit gravierender betroffen).

Auch auf Chatbots geht Jens Foell ein – für mich einer der interessantesten Aspekte dieses gut geschriebenen Werkes. "Je mehr KI-generierte Inhalte es gibt, desto mehr lernt die KI von ihren eigenen, selbst erzeugten Daten. Dadurch potenzieren sich alle Fehler, die sie produziert, und die Wahrscheinlichkeiten, mit denen sie arbeitet, entfernen sich von denen in der Realität." Am Rande: Wer schon als Kind sich auf KI verlässt, kommt gar nie in Kontakt mit eigenständigem Denken

Auch mit der Frage, ob es einen freien Willen gibt, setzt sich der Autor auseinander. "Man stelle sich vor, was los wäre, wenn wir alle dem Determinismus anhingen und fänden, niemand sei für seine Taten wirklich verantwortlich. In dieser schrecklichen Welt müsste man einem jede Gewalttat gnädig nachsehen. Andererseits mag denkbar sein, dass ohne den Glauben an einen freien Willen mehr Gerechtigkeit herrscht. Schliesslich sollte es weniger drakonische Strafen geben. Rein konzeptuell könnte man sich beides vorstellen."

"Man is made by his belief. As he believes, so he is.", heisst es in der Bhagavad Gita. In diesem Sinne gibt es die Willensfreiheit. Weil wir sie wollen, wir ohne sie nicht sein können. Das kann übrigens erfreuliche Konsequenzen haben, wie Jens Foell am Beispiel des Eingreifens zeigt. Statt einer Person in Not beizustehen, bevorzugt das Hirn zwar die sogenannte Bystander-Apathie, insbesondere wenn andere Personen zugegen sind, doch lässt sich diese überwinden, so man denn will.

Fazit: Anregend, vielfältig und erhellend.

Jens Foell
Mein Gehirn, das Denken & Ich
Wie wir unser komplexestes Organ besser verstehen und benutzen
Droemer, München 2026

Mittwoch, 8. Juli 2026

Zeit und Mensch

Als Vielleser und an Alltagsphilosophie (damit meine ich: Philosophie, die meinen Alltag bereichert bzw. erträglicher macht) interessierter Zeitgenosse, stösst man selten auf Werke, für die man sofort warm wird. Zu diesen gehört für mich Mensch und Zeit. Das liegt nicht nur an des Autors unprätentiöser Sprache, es liegt auch daran, dass die hier präsentierten Gedanken von praktischer Relevanz sind, was bei akademisch geschulten Leuten doch eher selten ist.

Mein Ausgangspunkt: Für mich ist Zeit eine Illusion, eine manchmal nützliche und dann wieder eine, die uns terrorisiert. Sie dient wesentlich der Orientierung, ohne sie scheinen wir nicht auszukommen. Dazu kommt: Wir scheinen ein Zeitgefühl in uns zu haben, die einzelnen Mitglieder eines Orchesters könnten sonst nicht zusammen musizieren.

Gibt es nur eine Zeit oder viele Zeiten?, fragt Autor Udo Marquardt, und führt dann ein Experiment an, das zeigt, dass wir uns nicht auf unser Zeitgefühl verlassen können, doch dass unser Körper zuverlässig wie eine Uhr tickt. Was mir wieder einmal in Erinnerung ruft, was alle Piloten wissen: Sich nicht auf sein Gefühl, sondern auf die Instrumente verlassen (in der Hoffnung natürlich, dass diese auch verlässlich funktionieren).

Udo Marquardt, der über die aristotelische Zeittheorie promovierte (weshalb diese denn auch prominent vorkommt), schreibt seit fast 30 Jahren für den Hörfunk über Philosophie, was Verständlichkeit erfordert und diesem Buch zugute kommt. Ich werde hier nicht Struktur und Inhalt wiedergeben, sondern auf Aspekte hinweisen, die mich Neues gelehrt haben bzw. über die ich noch gar nie nachgedacht habe.

Die Vorsokratiker (am Rande: Herausgeber Wather Kranz wurde 1884 geboren, nicht 1848) haben den Kosmos als im ständigen Werden begriffen. Dahinter liege eine Welt der Dauer, und nur diese sei wirklich, argumentierten sie. "Hinter der Bewegung liegt das Bewegungslose, hinter der Veränderung das Bleibende, hinter der Zeit die Ewigkeit." Und von Platon erfahre, dass seine Ideenlehre im Kern eine Erkenntnistheorie sei, "die erklären soll, wie wir in der Lage sind, etwas über die Welt zu erfahren. Wie gelingt es uns, Hunde als Hunde zu identifizieren, obwohl sie doch teilweise sehr unterschiedlich aussehen? Und wie unterscheiden wir sie von Katzen? Eben dadurch, dass wir mit unserem Geist in der Lage sind, die Idee hinter dem einzelnen Kläffer zu entdecken. Die Theorie erklärt auch, wie das Neue in die Welt kommt. Wir stossen sozusagen auf eine Idee, die bis dahin unentdeckt war." Solcher  Einsichten wegen lese ich Bücher.

Im Gegensatz zur Ideenlehre Platons, verortete Aristoteles das Denken in der Erfahrung. Er argumentierte, "das Jetzt sei kein Teil der Zeit, weil man mit Teilen das Ganze messen könne (....) Jetzt+Jetzt+Jetzt ergibt weder Vergangenheit noch Zukunft." Es wird dann noch weit komplizierter. Jedenfalls: Die praktische Relevanz hat sich mir entzogen. Zudem: "Unsere Sprache ist darauf angewiesen, die Dinge, die wir sagen wollen, zeitlich zu ordnen und zu strukturieren. Mehr noch: Das Sprechen selbst braucht Zeit. Sprache ist deshalb nur ein unzureichendes Werkzeug, um die Ewigkeit zu beschreiben." Ich staune wieder einmal, wie wenig uns unsere Einsichten beeinflussen, denn nichtsdestotrotz versuchen wir mit der Sprache zu fassen, was mit der Sprache gar nicht erfasst werden kann.

Da ich nicht den Anspruch erhebe, die Absichten des Autors zu ergründen, konzentriere ich mich darauf, wie Zeit und Mensch auf mich wirkt bzw. was es bei mir auslöst. Ich lese es als eine Geschichte der Ideen, auch natürlich, weil ich mir unter einer Kulturgeschichte nichts Rechtes vorstellen kann, Diese Ideen sind eingebettet in viel Biografisches, was dieses Werk wunderbar lesbar macht, wobei ich mich allerdings immer mal wieder gefragt habe, woher man wirklich wissen kann, was vor ganz, ganz vielen Jahren geschehen sein soll. Nicht, dass ich daran Anstoss nehmen würde, doch allzu ernst kann ich es eben auch wieder nicht nehmen. Das ist auch gar nicht nötig, denn ich erlebe Zeit und Mensch höchst stimulierend.

 "Die kopernikanische Wende .... war die Abkehr vom Augenschein hin zu von der Vernunft geleiteten Erkenntnisprinzipien." Eine Einsichts, die unser Selbstverständnis so recht eigentlich erschüttern müsste, sagt sie uns doch, dass die Welt bzw. das Universum weit mehr und anders ist, als uns unser Sehen und Fühlen vermitteln kann. Beobachten lassen sich jedoch sowohl die Gedanken als auch die Anschauung.

Viele der in diesem Werk aufgeführten Denker sind mir meist nur dem Namen nach geläufig (etwa Zenon oder Plotin), von einigen weiss ich ein wenig (Kant und Einstein), von anderen habe ich noch gar nie gehört, wie John McTaggart Ellis McTaggart (John McTaggart ist der Vorname!), der eine sprachliche Unterscheidung machte, die von der Position des Sprechers in der Zeit handelt. Dieser Auffassung stehen die Vertreter des Eternalismus entgegen, für die eine Aussage für alle Ewigkeit entweder wahr oder falsch ist. Womit wir bei einer grundsätzlichen Frage angelangt sind: Ist alles bereits vorbestimmt? In diesem Falle wäre der freie Wille eine Illusion, was natürlich die meisten nicht wahrhaben wollen, auch weil das etwas zu arg an unserem Selbstbild rüttelt.

Udo Marquardt lässt sicht jedoch nicht von abstrakten Gedanken gefangen nehmen, sondern kommt zu einem praktisch-pragmatischern Schluss. "Zeit, das ist meine These, ist Leben, und zwar das Leben jedes einzelnen Menschen. Ich habe meine Zeit. Und Sie, liebe Leserin, lieber Leser, haben ihre Zeit. Es gibt so viele Zeiten, wie es Menschen gibt (...) Solange wir Zeit haben, leben wir. So lange wir leben, haben wir Zeit."

Fazit: Vielfältig anregend, erfreulich persönlich und von praktischer Relevanz.

Udo Marquardt
Zeit und Mensch
Facetten einer Kulturgeschichte
Schwabe Verlag, Basel 2024

Sonntag, 5. Juli 2026

Die Intelligenz des Universums

Die materialistische Weltsicht, gemäss der wir in einem Maschinenuniversum leben, kann vieles nicht erklären. Etwa, dass es auf der Erde intelligentes Leben gibt. Ja, dass es überhaupt Leben gibt. Dazu kommt, dass unser Universum "für die Existenz von Leben geradezu optimiert" worden zu sein scheint.
Die Physik, so der emeritierte Professor Gerd Ganteför, könne viele der Warum-Fragen, mit denen sie sich beschäftige, nicht lösen. Dazu gehört auch die Frage, warum es zum Urknall kam. Allerdings setzt das voraus, dass es diesen auch wirklich gab, es also das Universum nicht schon immer gegeben hat, wie etwa Lukrez meinte.

Dass die Zeit nur durch unsere Wahrnehmung entsteht (mithin Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Illusionen sind), wie einige glauben, mag Professor Ganteför nicht finden, denn dann gäbe es auch keine Willensfreiheit mehr, da die Zukunft ja bereits festliegt. Nun ja, ob es diese wirklich gibt, ist in der Tat fraglich, doch auch wenn es sie nicht geben sollte, brauchen wir sie, denn ohne Fiktionen können wir offenbar nicht leben.

Die Intelligenz des Universums ist ein vielfältig anregendes Werk, das das gängige Denken, das glaubt, alles verstehen zu können, als das erkennt, was es ist: ein ungemein limitiertes Denken. "In diesem Buch geht es also um die Existenz einer höheren geistigen Ebene, die wir bisher noch nicht wahrgenommen haben oder – im Sinne des Zeitgeistes – nicht wahrnehmen wollen."

Gerd Ganteför hat Hinweise und Indizien ausgemacht, "die uns auf die Spur des 'rätselhaft Immateriellen' bringen." Dabei hält er unter anderem fest: "Leben basiert auf Information und Information kann es nur in der belebten Natur geben. So jedenfalls die Lehrmeinung des Materialismus. Insofern sind belebte und unbelebte Natur in diesem Weltbild streng voneinander getrennt."

Automatisch stellen sich in meinem Kopf Bilder ein, die ich den Worten des Geologen William E. Glassley ("Eine wildere Zeit", München 2018) verdanke. Als er im Grönland-Eis „einmal mit einem Stahlhammer kräftig auf ein besonders hartes Gestein einschlägt, riecht er plötzlich etwas. 'wie nach versengtem Haar, heiss gewordenem Metall oder Wüstenstaub' – seine Hammerschläge hatten die chemischen Verbindungen im Gestein aufgebrochen. 'Das Gestein, zerbrochen durch einen von Neugier motivierten Gewaltakt, entliess Kohlenstoff-, Calcium- und Magnesiumatome in die Welt.'“ Die unbelebte Natur, so scheint mir, ist keineswegs so unbelebt wie wir uns das zurechtgelegt haben.

Wissen und Erleben sind verschiedene Dinge. Auch erfahren wir vieles in unserem Leben, für das wir keine Erklärung haben. Was Gerd Ganteför in diesem höchst aufschlussreichen Buch darlegt, ist unter anderem eine Erweiterung unseres Horizontes mittels Information, einem Begriff, den er nicht klassisch versteht, also als Wissensvermittlung von einem Sender zu einem Empfänger. Stattdessen: "Information ist ähnlich wie Energie und Entropie eine immaterielle Grösse, die aber ohne Träger nicht existiert."
Doch was genau ist eigentlich Information? Es sei naheliegend, lese ich, "dass alles, was existiert, Information enthält und sich in dieser Form darstellen lässt." Zugegeben, das klingt einigermassen abstrakt, doch die zahlreichen Beispiele, die in diesem Werk angeführt werden, sind einleuchtend und bestens nachvollziehbar.

Einer der Schlüsse, die Gerd Ganteför aus seinen Überlegungen zieht, ist, dass die Trennlinie zwischen belebter und unbelebter Natur verschwimmt. Es ist dies eine Erkenntnis, die ich gelegentlich zu erfahren imstande bin. Und es ist eine, die unser herkömmliches Denken als das entlarvt, was es letztlich ist: Eine Gewohnheit zu denken, die notwendigerweise mehr über uns als über die Realität aussagt.

Fazit: Eine nützliche und überaus willkommene Horizonterweiterung.

Gerd Ganteför
Die Intelligenz des Universums
Die immaterielle Komponente der Wirklichkeit
Westend, Neu-Isenburg 2026

Mittwoch, 1. Juli 2026

Freddie Berchtolds Alterseinsichten

Freddie Berchtolds Vater war Arzt gewesen, kompetent und warmherzig. Freddies Freunde fanden ihn cool. Als er seine Mutter einmal fragte, was sie bewogen habe, ihn zu heiraten, meinte sie, er sei kein Angeber gewesen, das habe ihr gefallen.

Waren die Patienten des Vaters Hundebesitzer, forderte er sie auf, den Vierbeiner beim nächsten Mal mitzubringen, sie müssten dann nicht im Wartezimmer Platz nehmen, sondern würden von seiner Frau, in der über der Praxis gelegenen Wohnung, bei einem Tee unterhalten werden. Freddies Mutter, die die Vorliebe des Vaters für Hunde nicht teilte (sie verdränge das nur, meinte er), fügte sich schulterzuckend.

Santa Cruz do Sul, 19 Januar 2021

Jetzt, im Alter, dachte er immer öfter an seine Eltern. Sein Vater hatte ihm einst schmunzelnd erzählt, er stelle sich seinen Lebensabend in seiner Privatbibliothek vor, wo ihm ein Butler Cognac kredenzen würde. Gelassen und kultiviert, so stellte sich auch Freddie sein Alter vor.

Freddies Vater starb, bevor seine Altersfantasie Wirklichkeit werden konnte, mit noch nicht einmal 53 Jahren. Er selber war mittlerweile zwanzig Jahre älter als sein Vater geworden war, doch auch seine Vorstellung vom Alter, die der seines Vaters entsprach, hatte sich nicht eingestellt. Statt gelassen war er ungeduldiger geworden, und kultiviert zu sein, war ihm kein Ziel mehr.

Auch wurde er zunehmend ungehalten. Mit der Welt sowieso (dass es derart viele Idioten gab, haute ihn regelrecht um), doch auch mit sich selber, Dass der Selbstbetrug zu den dominierendsten Talenten des Menschen gehörte, war ihm schon lange klar. Sich selber hatte er dabei allerdings weitgehendst ausgenommen. Mittlerweile konnte er sich der Erkenntnis jedoch nicht mehr verschliessen, dass er selber auch ein ziemlicher Trottel war, hauptsächlich deswegen, weil er sich so lange davon ausgenommen gewähnt hatte.

Sonntag, 28. Juni 2026

Vermeintlich gleicher als andere

Aus George Orwells Roman "Farm der Tiere" stammt der Satz „Alle Tiere sind gleich, aber manche Tiere sind gleicher als andere.“

Die Briten, deren Demokratie problemlos Lords, Dames, Sirs sowie King und Queen integriert, tut sich ganz besonders hervor, wenn es darum geht, zu zeigen, wer man wirklich ist: Eine Klassengesellschaft sondergleichen, von den Massen bejubelt, notabene.

So titelte etwa der "Daily Telegraph" in seiner Online-Ausgabe vom 13. Juni 2026:
Dame Helen Mirren and Sir Don McCullin made Companions of Honour
Prime Suspect actress and war photographer join elite group of 65 members
that includes David Attenborough and Shirley Bassey.

Wenig verwunderlich ist, dass die durchs Band eitlen Geehrten sich freuen. Mehr als verwunderlich ist, dass wohl die Mehrheit applaudiert.

***

Nichts, absolut gar nichts finde ich widerlicher als Heldenverehrung.
Nichts, absolut gar nichts achte ich mehr als Menschen, die Außergewöhnliches geleistet haben und sich bewusst sind, dass dabei wohl mehr glückliche Umstände im Spiel waren als die eigene Leistung. 

***

Sich auf einzelne Personen einzuschiessen, sie hochzujubeln und dann wieder
runterzuholen, ist auch das Kerngeschäft der Medien, die (wie wir alle) von der Komplexität der Welt völlig überfordert sind.

Doch die Welt können wir nur verstehen, wenn wir die Massen und ihr Verhalten verstehen. Diejenigen, denen sie zujubeln, sind wie sie: sie jubeln sich selbst zu.

Mittwoch, 24. Juni 2026

Familienalbum

Mein erstes Buch von Penelope Lively war „Moon Tiger“, für das sie 1987 den Booker-Preis erhielt und in dem so treffende Sätze zu finden sind wie: „In life as in history the unexpected lies waiting, grinning from around corners. Only with hindsight are we wise about cause and effect.“

Ihr neuestes Buch, „Familienalbum“, beginnt so:
 „Gina bog von der Strasse ab, in die Auffahrt von Allersmead. Da war ihr, als liefe im Zeitraffer ihr ganzes Leben noch einmal vor ihren Augen ab. Wie es von Ertrinkenden heisst. Das gab ihr zu denken, aber auch, dass noch niemand einen Ertrinkenden dazu hat befragen könne.“

Wer so ein Buch beginnt, hat meine ganze Sympathie. Denn was wissen wir schon, was können wir überhaupt wissen? Hätten unsere Leben, wenn nur ein kleines Detail anders gewesen wäre, nicht auch ganz anders verlaufen können?“

Alison hat sich immer eine grosse Familie gewünscht, und ein grosses Haus. Beides hat sie bekommen. Zusammen mit dem skandinavischen Au-Pair Ingrid zieht sie eine Kinderschar gross, während ihr Mann, Charles, populäre Bücher schreibt.

Der Besuch von Corinna, Charles' Schwester, und ihrem Mann Martin, der an der Uni einen Lehrstuhl innehat, liest sich so: „Martin hat Charles gefragt, woran er gerade arbeitet, und damit ausgedehnte Erläuterungen über irgendein Buch zum Thema Aufklärung provoziert. Nach Martins Meinung ist Charles ein Mann für die breite Masse, der Reisser schreibt, Stoff für die Sonntagsbeilage. Martin selbst produziert Werke, die bei ungefähr einem Dutzend Menschen intensive Diskussionen auslösen und ausschliesslich von akademischen Bibliotheken erworben werden. Charles' Projekte wecken bei ihm, warum auch immer, sowohl Neugier als auch Erbitterung; wie unter Zwang muss er jedes Mal nachfragen, mit zusammengebissenen Zähnen. Vor ein paar Jahren hat er entdeckt, dass die Auflage von Charles' Buch über den Jugendkult in die Zehntausende ging; von diesem Schlag hat er sich nie erholt.“
Besser kann man eigentlich die akademische Welt kaum beschreiben.

Scharfsinnig und witzig, einfühlsam und mit Nachsicht für ihre Schwächen, beschreibt Penelope Lively die Freuden und Nöte der einzelnen Familienmitglieder, die verschiedener voneinander gar nicht sein könnten. Und dann ist da noch das Familiengeheimnis, das erst zum Schluss gelüftet wird, auch wenn der aufmerksame Leser so etwa ab der Mitte des Buches zu erahnen beginnt, dass es wohl etwas mit Ingrid, dem Au-Pair, zu tun haben wird, denn so recht eigentlich mutet es ja schon ein wenig seltsam an (nun gut, in England, wo die Geschichte spielt, vielleicht nicht), dass das Au-Pair zum festen Familienbestandteil wird.

„Niemand hat je von so etwas wir einem Au-pair-Mädchen gehört, schon gar nicht von einem, das vierzig Jahre bleibt und Spargel anbaut. Vierzig Jahre?“
  „So ungefähr?“
  „Hast du sie gemocht?“
  „Gemocht?“ Gina sieht ihn an. „Keine Ahnung. Sie war einfach da, und fertig. Gehörte zum Mobiliar.“
Genau. So dass es auffiel, wenn sie nicht da war. Jenes eine Mal.

Fazit: ein intelligenter Lesegenuss. Auch wegen so hellsichtigen Einsichten wie dieser: „Er ist jetzt ein ganzes Stück älter, womöglich nicht viel klüger, aber doch zu einem klarsichtigen Rückblick fähig.“

Penelope Lively
Familienalbum
C. Bertelsmann, München 2012

Sonntag, 21. Juni 2026

Wu Wei

 Literally, Wu Wei means "without doing, causing or making." But practically speaking, it means without meddlesome, combative, or egotistical effort. It seems rather significant that the character Wei developed from the symbols for a clawing hand and a monkey, since the term Wu Wei means no going against the nature of things; no clever tampering; no Monkeying Around."

Benjamin Hoff: The Tao of Pooh

Santa Cruz do Sul, Brazil, 18 January 2023