Sonntag, 29. März 2026

The Power of the Mind

Abgesehen von der Unsitte, ein deutsches Buch mit einem englischen Titel zu versehen, ist dies ein verständlich geschriebenes, gelungenes Werk. Einleitend legt die Autorin, die im schwedischen Linköping lehrt, Grundlegendes dar: Die Politik ist "zum grössten Teil eine Inszenierung geworden." Dank der Medien, wie ich gleich hinzufügen will. So neu ist das übrigens nicht: Mein eigenes Werk Inszenierte Wahrheiten erschien bereits 2011. Zu dieser Inszenierung gehören wesentlich die Gefühle. "Emotionen sind in der modernen Welt weniger ein innerer Kompass als vielmehr ein Marktwert. Emotionen werden dargestellt, geteilt und gezielt manipuliert."

Der Mensch wusste zwar noch nie, wer er ist, doch seit die Unübersichtlichkeit täglich zunimmt, weiss er es noch weniger, was sich auch darin manifestiert, dass psychische Erkrankungen und Störungen auf dem Vormarsch sind. Was Rebecca Böhme angesichts dieser Situation beschäftigt, ist die Frage, "wie wir erkennen, was aus dem Lot geraten ist, und wie wir mit eigener Kraft gegensteuern können. Nicht allein, um unser eigenes Wohlbefinden zu steigern, sondern auch, um Kräfte freizusetzen, die das Leben vieler verbessern – unser eigenes ebenso wie das unserer Mitmenschen." Ein ziemlich hoher Anspruch!

Die meiste Zeit unseres Lebens sind wir auf Autopilot unterwegs. Es gibt allerdings einen kleinen Zwischenraum zwischen Reiz und Reaktion, in dem wir Entscheide treffen können. Zur Illustration: Für den Alkoholiker ist dies die Zeitspanne zwischen dem Ergreifen des Glases und dem ersten Schluck. Rebecca Böhme: "Wenn wir diesen Raum erkennen, dann können wir wirklich wählen, dann können wir wirklich wirksam sein und etwas tun."     

Sehr schön arbeitet die Autorin heraus, dass das Hirn kein neutraler Beobachter der Wirklichkeit, sondern ein Vorhersageorgan ist. Es ist antizipatorisch unterwegs, rennt uns dauernd davon, was auch dazu beiträgt, dass wir selten geistig da sind, wor wir uns physisch gerade befinden. Vorhersageorgan meint konkret: Das Gehirn nutzt sein Vorwissen und seine Erwartungen über die Welt, um sie zu verstehen. Anders gesagt: Wie wir die Welt sehen, wird bestimmt von dem, was wir wissen und erwarten. We do not see things as they are, we see things as we are, heisst es im Talmud.

"Wir können innere Autonomie und geistige Unabhängigkeit nur erreichen, wenn wir lernen, die Inhalte unserer Aufmerksamkeit bewusst wahrzunehmen, zu erkennen, und zu sortieren." Rebecca Böhme nennt dies Bewusstseinskultivierung, also "deine innere Landkarte aktiv und zielgerichtet zu gestalten." Das verlangt Übung, viel Übung.

Mich erinnert das übrigens an Sherlock Holmes, der der Auffassung war, dass das Aufnahmevermögen unseres Hirns begrenzt ist, weshalb wir denn auch gut überlegen sollten, welches Wissen uns dienlich und welches vollkommen unnütz ist.

Rebecca Böhme erläutert Begriffe wie Priming oder Framing, zitiert Studien, setzt sich kritisch mit den sozialen Medien, NLP oder dem Hype des maschinellen Gedankenlesens auseinander. Sie tut, was man an Universitäten eben so tut. Erfreulich und erfrischend ist, dass sie sich auch mit ihren persönlichen Erfahrungen einbringt.The Power of the Mind ist ein nützliches Buch.

In Anlehnung an Shunryu Suzukis Beginner's Mind weist die Autorin unter anderem darauf hin, dass es wesentlich auf die Geisteshaltung ankommt. Wer Offenheit anstrebt, muss lernen, seinen Geist zu leeren. "Es beginnt damit, jedem Moment frisch zu begenen, auch wenn du glaubst, ihn schon tausendmal erlebt zu haben. Doch in Wirklichkeit hast du das nicht, selbst, wenn es schon viele ähnliche Momente gab. Etwas ist immer anders, du bist immer anders."

Kognitives Verstehen genügt jedoch nicht, wir müssen erfahren, dass alles (inklusive unser Ich) in ständigem Fluss ist. Erfahren lässt sich etwa Atmung, Herzschlag und Verdauung, die alle ohne unsere bewusste Einflussnahme funktionieren. Sich dessen bewusst zu werden, hat das Potential unsere Wahrnehmung (von uns selbst, dem Leben und der Welt) zu verändern.

Die Autorin meint: "Gönne dir regelmässig einen Moment, in dem du dich fühlst, in dich hineinspürst. Deinen inneren Vorgängen folgst, spürst, wie du atmest, wo sich alle deine Glieder befinden, wie dein Herz von sich aus schlägt." So sinnvoll ich das auch finde, es ist eine Folgerung, die niemandem weh tut, niemanden aufstört und wohl kaum Konsequenzen haben wird. Mir ist das zu wenig. Ich will mehr als nur ein paar Momente. Deshalb übe ich.

Hier noch mein Lieblingssatz: "Die Natur, die wir selbst sind, in sich spüren, sagt mein Vater, der Philosoph Germot Böhme." Je öfter desto besser.

Fazit: Ein gutes Buch, reich an vielfältigen Einsichten, die allerdings nur hilfreich sind, wenn sie auch umgesetzt werden. Und das geschieht, jedenfalls gemäss meiner Erfahrung, eher selten ...

Rebecca Böhme 
The Power of the Mind
Was die Kraft unseres Denkens bewirken kann
C.H. Beck, München 2026

Mittwoch, 25. März 2026

Die Kunst des metaphysischen Trinkens

Ivo Murcks, Sachbuchautor mit Spezialgebiet Biografien, sagt von sich: "Nein, Hegel bin ich nicht. Ich könnte es aber sein ...", schliesslich ähnelt er ihm: "Grämlicher Gesichtsausdruck, trüber, spähender Blick, die Augen hervorquellend vom Genuss zu vieler alkoholischer Getränke, die ihm explosive Blähungen einbrachten ...". Dazu kommt: "Hegel wollte das Leben mit einer Ordnung überziehen, in der alles an seinem Platz war und sich selbst genügte. Das wollte ich auch, hatte aber nicht die Mittel dazu."

Was tut der Mensch, wenn er nicht mehr weiter weiss? Er besinnt sich auf seine Stärken, so er denn welche hat, und gibt sich in der Folge seinen Gewohnheiten hin, zu denen im Falle von Ivo Murcks das Schreiben von Biografien gehört. Eines Morgens ("Ich fühlte mich auf befremdliche Weise energiegeladen.") nimmt er die Arbeit an Hegels Biografie auf.

"Egal wie man aussieht, egal wie man heisst – man wird sich nicht los. An dieser profunden Einsicht, für die andere zwanzig Semester studieren müssen, um sie dann doch knapp zu verfehlen, merkte ich, dass ich noch gut in Form war." Es sind solche Sätze (und es gibt viele davon), die mir dieses Werk zu einem Lesegenuss erster Güte machen.

Es  gab offenbar zwei Hegel. Einerseits den Abenteurer des Geistes, andererseits den biederen Bürger, dem der massvolle Umgang mit Alkohol nicht gegeben war, was natürlich durchaus einleuchtend (was uns nicht alles einleuchtet!) rationalisiert wird. "Alle wirklich edlen Getränke, ausser dem unverzichtbaren Quellwasser, haben Alkohol in sich; ich weiss das zu schätzen, besonders wenn die Stunde vorgerückt ist."

 Autor Böhmer bringt uns jedoch nicht nur Hegel näher, sondern klärt auch über allerlei Grundsätzliches auf, wie etwa, dass Psychiater sich ja nicht nur um die Schäden ihrer Patienten, sondern auch um ihre eigenen kümmern müssen, oder dass es Universitäten aufgegeben ist, Berufsleute heranzubilden wie "Lehrer, Pfarrer, Ärzte und Juristen, die sich nicht mehr Gedanken machen als nötig."

Und so nebenbei erfahren wir auch, dass dem Autor die Meditation dasselbe bedeutet wie Nichtstun, und sich seine Achtung vor der Psychotherapie in überschaubaren Grenzen hält. "Erwähnte ich schon, dass ich es nicht mag, wenn man sich die Seele wie eine benutzerdefinierte Apparatur vorstellt, auf der man nur die richtigen Knöpfe drücken muss, und sie erbringt ihre Leistung?" Sehr schön, diese wohl kaum mehrheitsfähigen Auffassungen.

Konträr zur damals gängigen Auffassung auch Hegel. "Die Wirklichkeit ist das Denken, zumindest macht das Denken ihr Wesentliches aus. Ohne das Denken ist die Wirklichkeit zwar vorhanden, aber sie wird nicht gewusst und zählt eigentlich nicht. Erst die vom Geist durchdrungene Wirklichkeit ist wahre und vernünftige Wirklichkeit."

Hegel, einst Hauslehrer in Bern, war wenig beeindruckt von den Schweizer Alpen, fühlte sich eingeengt, obwohl er durchaus erkannte, "dass es eine Grossartigkeit in der Natur gibt, die das gewöhnliche Auffassungsvermögen übersteigt."  Nur eben: Er ist für die Natur nicht geschaffen. "Der Anblick dieser ewig toten Massen, gab mir nichts als die einförmige und langweilige Vorstellung: Es ist so." Was bescheideneren und nüchterneren Geistern genügen mochte, reichte dem Philosophen Hegel jedoch nicht, dessen Geist "erst im Denken, endgültig, zu sich selbst kommt."

Eloquent und sehr, sehr lustig, reich an erhellenden Einsichten, gescheit und selbstironisch, versetzt Otto A. Böhmer Hegels Leben und Werk in die Gegenwart, die vor allem dadurch auffällt, dass sie der Demut Adieu gesagt hat und glaubt, sich selber zu genügen. Darein passt auch bestens der ein Leben lang schwäbelnde Weintrinker Hegel, der "nach eigener Einschätzung zum einflussreichsten deutschen Philosophen wird" und dessen Hegel-Prinzip "über das Wirkliche das Denkbare setzt."

Das Leben zu verstehen, bedeutet, es leicht und mit Humor zu nehmen. Das finde ich vielfältigst dargestellt in diesem lebensweisen Buch.

Otto A. Böhmer
Lebt denn der alte Hegel noch?
Die Kunst des metaphysischen Trinkens
der blaue reiter, Hannover 2026

Sonntag, 22. März 2026

I'd rather not

 
Zurich, Rieterpark, June 2012

Integration has become one of these terms that are rarely questioned. Most of us think it normal that foreigners who wish to live in the country we grew up in need to adapt to "our" system. As far as I'm concerned, 'though not a foreigner in this country, I'd rather not.

As a young man I could never imagine to become a valuable member of a social system that I deemed not only unfair (it favoured the ruthless, the inconsiderate, the indecent) but totally unattractive (it rewarded the vain, the egomaniacs, the spiritually empty).

The heroes of my youth were sportsmen, rock musicians, underground poets, the ones that I then perceived as outsiders. I never imagined them to become valued members of society ... but they did and nowadays hold opinions about pretty much everything that prevents us from having a life of our own.

Societal pressure was strong and not without promise. Why I did not succumb to it like most of the sportsmen, rock musicians, and underground poets of my youth. I guess it's to do with personality.

Personality is what we come to life with. It is not something we choose and thus not something we can be proud of. What makes us the ones we are we are not responsible for. Nevertheless, we do have the ability to go along with it or to fight it.

Most people, it seems to me, do not indulge in such ponderings. I do not have the foggiest idea why I do so but I'm very much in tune with it.

Mittwoch, 18. März 2026

On Gratitude

Santa Cruz do Sul, 13 February 2026

The understanding that to practise gratefulness is necessary for living a good life came to me late for I had misused my intellect to prevent myself from true and simple insights that, it seemed to me, did not  do justice to my complex and complicated nature.

Yet when, finally, I started to identify what I could be grateful for something inside me changed profoundly. I'm, for instance, immensely grateful  for having had my parents, for having survived brain surgery, for having fallen in love etc.  I'm however also grateful for being a container for a heart that beats, for breathing in and breathing out, for having thoughts and emotions that hardly ever make sense (and they don't have to, they only need to be experienced).

To see life this way only became possible once I let go of my old ideas that insisted on understanding and making sense according to my cause-and-effect way of thinking. This thinking is fine for organising your daily chores, for going through the day. It is however less than useful when trying to experience reality.

I'm particularly grateful for the moments that are not dominated by my conditioned self.

It's all a miracle. Thank you for this delightful dream!

Sonntag, 15. März 2026

Finally, ready for the now

Porto Alegre, 13 March 2026

There is a Shakespeare sentence I'm very fond of: The readiness is all. On Friday, 13 of March 2026, in the Brazilian town of Porto Alegre, I became even more fond of this insight for I realised that you can be ready without being aware of it. 

I've always been convinced that the right time to live is right now. That wasn't however what I practised, what I practised was almost always (with the exception of sex): Not now!

Friday, 13 of March 2026, was my last full day in Porto Alegre before returning to Switzerland. I went into a bookstore with the intention to buy a thriller in Portuguese that would help to improve my language skills. Instead, I ended up with a tome by Kathleen Norris (O caminho do Claustro) I had thought to have once read in English (it was however another one [Dakota: a spiritual geography] that also happened to take place in a Benedictine monastery.)

Back in my hotelroom, I started to read (with the help of Deepl). After a while it dawned on me that this was extraordinary (for me, that is) for it is incredibly rare that I'm reading a book right away, and it is even more rare to make an attempt to improve my Portuguese a day before departing Brasil, this time probably for good.

What I find most remarkable about all this seemingly banal occurence: I'm doing this, it seems to me, because I enjoy learning, I'm not doing it with any goal in mind. I've always thought that the process is all that matters. Finally, I can feel it.

No, this is not entirely new to me. I remember it from playing football in my youth, from singing in a rock band, from playing guitar, from skiing, from being in love. What is however new, or so it seems, is my awareness of being present. And, to enjoy it.

Porto Alegre, 13 March 2026

Mittwoch, 11. März 2026

Sabedorias Brasileiras

Santa Cruz do Sul, Brasil, 26 Janeiro 2026

Cada um no seu quadrado

Venha o que viera

O que tiver que ser, será

Sonntag, 8. März 2026

Von der Wut

Ich war wütend auf das Leben, auf viele Menschen und überhaupt auf diese ganzen Lebensumstände. Ich war wütend, dass ich überhaupt geboren worden bin und deshalb eines Tages sterben muss. Ich fand das einfach unfair! Ich war auch wütend, weil meine Mutter so früh starb, als ich noch so klein war ... Auch heutzutage bin ich immer noch auf mich selbst wütend, wenn ich an alle die Versuche denke, meine innere Wut zu verleugnen und zu verdrängen, nur weil ich soviel Angst vor dieser Wut hatte ...“, zitierte Emma einen von ihr geschätzten Therapeuten. „Schon mal von einem Arzt oder Therapeuten derart Persönliches gehört? Ich nicht. Doch wozu soll das gut sein? Weil viele Süchtige erst dann bereit sind, zuzuhören, wenn sie merken, dass da einer weiss, wovon er spricht. Aus eigener Erfahrung, nicht nur aus Büchern. Das meint nicht, dass man Alkoholiker sein muss, um Alkoholikern helfen zu können (Veterinäre wären sonst arbeitslos), das meint, dass Klienten/Patienten spüren müssen, dass emotionale Identifikation (einer der Schlüssel für eine Genesung) möglich ist.“

„Singst du jetzt das Lied der Gefühle?“
„Tue ich nicht, denn allzu oft führen sie einen auch in die Irre. Doch ich misstraue intellektuellem Wissen, es ist gefühllos. Es kann einem den emotionalen Schmerz nicht nehmen.“

„Und was hilft deiner Meinung nach gegen den emotionalen Schmerz?“
„Für mich hat es der gerade zitierte Therapeut am besten gesagt; 'Was mir noch am ehesten geholfen hat, mich wohl zu fühlen, ist das simple Akzeptieren aller Höhen und Tiefen, die mein Leben so mit sich gebracht hat. Ich bin wie das Wetter da draussen, wie die Natur. Ich gehe durch meine Jahreszeiten und wenn ich einfach akzeptiere, welche Jahreszeit da gerade auf meinem Herzen liegt, dann kann ich mich damit abfinden und mich damit arrangieren. Ich musste lernen, den Versuch aufzugeben, aus einem grauen Wintertag ein Sommererlebnis zu machen – und zulassen und aushalten lernen, dass das manchmal wehtut.'“