Sargans, am 26. März 2025
Dass alles zur Sucht werden kann, ist keine Auffassung, die von
vielen Suchtspezialisten geteilt wird. Nein, ich habe das nicht
recherchiert, doch ich beschäftige mich seit mehr als 35 Jahren mit
dem Thema und bin mir dabei bewusst geworden, dass viele, wenn nicht
gar die meisten sogenannten Suchtexperten, Sucht mit einer Substanz
in Verbindung bringen. Für viele meint Sucht nichts anderes als
Substanzabhängigkeit.
Ich selber halte Sucht für ein Persönlichkeitsmerkmal. Süchtig
kann man nach allem und jedem sein: Essen, Sex, Aufmerksamkeit, you
name it. Kennzeichnend für die Sucht ist, dass es nie reicht,
nie genug ist, man immer mehr-mehr-mehr haben will und muss. Viele
Süchtige, die es schaffen, eine Sucht aufzugeben (etwa Alkohol),
ersetzen sie oft durch eine andere, meist eine ihnen weniger
schadende (etwa Bücher).
Natürlich ist nicht jede Abhängigkeit eine Sucht. Wir alle
brauchen gute Luft, können ohne sie nicht sein; wir alle brauchen
Eltern, die uns lieben und uns unterstützen; wir alle sind bedürftig
der Zuneigung. Damit eine Abhängigkeit zur Sucht wird, muss sie
destruktiv sein. Ab wann sie das wird, ab wann man diese unsichtbare
Linie überschritten hat, merkt man erst in der Rückschau.
Nachdem die Kriegsberichterstatterin Janine di Giovanni zwei oder
drei Jahre versucht hatte, ein normales Leben in Paris zu führen,
erhält sie eines Tages einen Anruf von einer Ärztin aus dem
Val-de-Grace, einem Militärkrankenhaus: „'Ich wollte Ihnen sagen,
dass ihr Mann hier in der Klinik ist und ich ihn einige Wochen zur
Beobachtung auf der Station behalten möchte'. Als ich fragte, warum,
sagte sie, ihrer Ansicht nach sei er erschöpft und
selbstmordgefährdet.“ Bruno findet Hilfe bei den Treffen der
Anonymen Alkoholiker (AA), Janine setzt sich mit Abhängigkeitsfragen
auseinander. „Ich bemühte mich, die Beziehung eines Menschen zu
Drogen, zu Alkohol oder irgendetwas anderem, das ihn in eine andere
Welt versetzt – in Abhängigkeit – zu verstehen. Ich habe in
meinem Leben schon alles Mögliche ausprobiert, aber nichts konnte
mich süchtig machen.“ Mit der Zeit hatte sie den Eindruck, die AAs
nähmen ihr ihren Mann weg. „Ich wusste, dass er dadurch trocken
blieb, aber ich war mir nicht sicher, ob er nicht eine Sucht durch
eine andere ersetzte, wie mir einmal jemand von den AA-Sitzungen
gesagt hatte.“ Und wenn dem so wäre? Die eine Sucht bringt einen
um, die andere hält einen am Leben. Zudem: Als ihr Sohn sechs Monate
alt war, ging Janine wieder nach Bagdad und liess Luca bei seinem
Vater und seiner Kinderfrau in Paris zurück. „Aus meinen Brüsten
quoll noch Milch, und ich vermisste mein Kind mit einer Vehemenz, die
mir unbegreiflich war.“ Sie fliegt zurück nach Paris. Und, nachdem
einige Zeit verstrichen war, nach Afghanistan ... Im Juli 2012
berichtete sie für den 'Daily Beast' vom Krieg in Syrien. Für mich
klingt das sehr nach Abhängigkeit von Kriegsgebieten. Nach Sucht.
Und zwar keiner lebensbejahenden.
Bei meinen eigenen Versuchen, mit meinen verschiedenen
Abhängigkeiten klarzukommen, bin ich oft auf den Begriff der
Akzeptanz gestossen., Und so recht eigentlich immer, wenn ich mich
mit dieser Akzeptanz auseinandersetzte, war mir klar, dass es genau
darum ging.
In den letzten Tagen erreichten mich zwei ganz unterschiedliche
Beschreibungen von Akzeptanz. Die eine vom Zen-Lehrer Jack Kornfield.
"Paradoxically, when I let go and accept life on life’s terms,
I discover 'a peace that passes all understanding,' and I find the
power and wisdom to deal with whatever challenge or unforeseen turn
of events life throws at me." (Paradoxerweise entdecke ich, wenn
ich loslasse und das Leben so akzeptiere, wie es ist, 'einen Frieden,
der alles Verstehen übersteigt', und ich finde die Kraft und
Weisheit, mit allen Herausforderungen und unvorhergesehenen Wendungen
fertig zu werden, die das Leben für mich bereithält.); die andere
aus dem Blauen Buch der Anonymen Alkoholiker, das mir auch hilft
Portugiesisch zu lernen. "Lembra-nos constantemente de que não
estamos mais dirigindo o espectáculo, repetindo para nós mesmos,
com humildade e várias vezes por dia: 'Seja feita a Tua vontade.'"
("Erinnern wir uns ständig daran, dass wir nicht mehr die
Kontrolle haben, indem wir uns selbst mehrmals täglich demütig
sagen: ‚Dein Wille geschehe.´") Für mich bedeuten beide
Aussagen dasselbe, auch wenn viele wohl betonen werden, dass die
erste Variante ohne Gott auskommt, mit dem bekanntlich viele
sogenannt religiös Augewachsene so ihre liebe Mühe haben. Weshalb
denn auch die AA so clever waren, nicht von Gott zu sprechen, sondern
von einer höheren Macht, von der jeder und jede eine eigene
Vorstellung haben darf.
Die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind,
setzt voraus, zu verstehen, wie die Dinge sind. Ich sehe es so: Wir
sind Gefässe oder Behälter, in denen das Leben sich manifestiert.
Einatmen und Ausatmen geschieht ohne mein Dazutun, auch mein Herz
schlägt, ohne dass ich etwas dazu beitrage. Es sind automatische
Vorgänge, die ohne mein bewusstes Ich ablaufen. Es brauch keine
Kontrolle meinerseits, es reicht vollkommen, mich diesem Prozess zu
überlassen. Mich dagegen zu wehren, stört diesen Vorgang. Mir dies
immer wieder vor Augen zu führen, hat das Potential, mich ruhig,
friedlich und gelassen zu machen.