Mittwoch, 17. Juni 2026

So nicht mehr!

 Mein Aufwachen am Morgen geschieht ohne mein Dazutun: Nicht ich wache auf, sondern das Leben erwacht in mir. Solange ich nicht eingreife, nicht in meine Routinen verfalle, ist alles bestens. Das Leben gehorcht seinen eigenen Gesetzen; ich fahre am besten, wenn ich ihnen folge, mich ihnen nicht in den Weg stelle. Ich bin übrigens froh, dass für alles wirklich Wesentliche (das Ein- und Ausatmen) mein Ego überflüssig ist.

An diesem südbrasilianischen Morgen gebe ich meiner Lust nach Kaffee, Toast, Doce de Leite und Requeijão Cremoso nach. Mir geht es gut, ich folge meinem Unbewussten, das besser als mein Verstand zu wissen scheint, was mir bekommt.

Mein Verstand führt mich oft in die Irre. Beobachte ich aufmerksam, was er so alles macht, zeigt sich mir, wo ich aufpassen muss, um mich nicht selber zu betrügen.

Als ich mich kurz darauf an meinem PC setze, um die politische Weltlage zur erkunden, ist es mit meiner Seelenruhe vorbei. Und wieder einmal wundere ich mich, weshalb ich mir all diese machthungrigen Idioten jeden Tag antue. Weshalb ich glaube, wissen zu müssen, was Durchgeknallte, die sich ungemein wichtig nehmen, tun oder nicht tun, sei relevant für mich, verstehe ich selber nicht.

Dass ich mich über die Weltlage informiere ist reine Gewohnheit. Und da Gewohnheiten Halt und Sicherheit vermitteln (nichts, was uns Menschen wichtiger ist), gebe ich viel zu oft nach und mich hin. Allerdings um den Preis meines Seelenfriedens.

Mein Verstand weiss schon lange, dass mir die Weltlage gestohlen bleiben kann und es wichtiger ist, sich um das zu kümmern, was vor der eigenen Nase liegt. Schulen, Medien und Gesellschaft behaupten zwar das Gegenteil. Das müssen sie auch, schliesslich ist es ihre Geschäftsgrundlage. Für mich hingegen gilt: So nicht mehr!

Santa Cruz do Sul, Brasil, 2 Março 2025

Die Sonne scheint, ich habe den ganzen Tag zur freien Verfügung. Ich werde ihn nicht den medialen Aufgeregtheiten widmen, die mich noch rastloser machen als ich eh schon bin. Und so schaue ich aus "meinem" Fenster im neunten Stock auf die Stadt, durch die der Morgenverkehr rollt. Ich höre die Vögel zirpen und verstehe in diesem Moment: This is the first day of the rest of your life.

Der Moment, wie das Momente so an sich haben, hat sich schnell verflüchtigt. Ich bin zwar an diesem Tag einige Male darauf zurückgekommen, allerdings nur um zu erkennen: Momente bleiben flüchtig. Das ist eben ihr Ding. Es gibt Momente, ab und zu, in denen ich das begreife. ...

Sonntag, 14. Juni 2026

Von den Erwartungen

Lange nicht gesehen! Wie geht es Dir?“, fragt mich mein Bekannter. „Es gibt zwei Antworten darauf“, antworte ich, obwohl es natürlich noch ganz viele mehr gäbe. „Die erste: Ich bin total frustriert; die zweite: ich habe immer mal wieder Super-Momente.“ Mein Bekannter zeigt sich ob der ersten Antwort bestürzt, die zweite scheint ihn nicht zu interessieren. „Frustriert?! So kenne ich Dich gar nicht, auf mich wirkst Du überhaupt nicht so. Wieso frustriert?“ „Weil so ziemlich alles im Leben nicht so ist, wie es meiner Meinung nach sein sollte.“ „Geht es auch konkreter?“ „In meiner Vorstellung sollten die Anständigen an der Spitze stehen, in der Realität ist das überhaupt nicht so. Auch finde ich, dass Lügner und Inkompetente aus dem Amt gejagt werden sollen, doch auch das ist nicht der Fall.“ „Du scheinst ganz unrealistische Vorstellungen von der Welt zu haben“, sagt mein Bekannter, der glaubt, sein Direktorengehalt sei seinen Fähigkeiten geschuldet.

Doch wie gesagt: Ich habe immer mal wieder Super-Momente. Sie treten meist dann ein, wenn ich meine Erwartungen vergessen habe, wenn ich nicht denke, wenn ich einfach wahrnehme, was ist. Doch kann man seine Erwartungen eigentlich vergessen? Nur für Momente, denn unser Gehirn ist antizipierend eingestellt, ist also immer schon bei dem, was kommt oder kommen könnte, es flieht das Hier und Jetzt.

Seit ich das Fotografieren entdeckt habe, gehe ich anders durch die Welt. Aufmerksamer. Letzthin, in Marseille, in einer engen Gasse entdeckte ich am Himmel über mir ein Stück Stoff, das sich in Stromleitungen verfangen hatte und nun vom Wind durch die Luft gewirbelt wurde, so dass immer wieder neue, nicht vorherzusehende Formationen entstanden. Ich blieb stehen und versuchte das Schauspiel mit meiner Kamera einzufangen. Jede Aufnahme zeigte one moment in time, mein Fotografieren wurde zur Meditation – ich tat, was ich tat, nicht mehr, nicht weniger, nur gerade das. Das trifft auch auf die untenstehende Aufnahme zu, die mir einiges an Geduld abforderte.

Die meiste Zeit gehe ich jedoch mit einer mir selten bewussten Erwartungshaltung durch die Gegend. So erwarte ich etwa, dass, wenn ich jemanden anständig behandle, mir ebenfalls anständig begegnet wird. Auch erwarte ich, dass ich nicht angelogen werde, dass die Menschen sagen, was sie denken, dass diejenigen, die die Steuerzahler viel Geld kosten, sich ihres Amtes fähig und würdig erweisen. Meines Erachtens sind dies absolut berechtigte Erwartungen, doch meine Erfahrung zeigt, dass ihnen eher selten entsprochen wird.

Das liegt unter anderem daran, dass unsere Kultur von uns verlangt, Heuchler zu sein. Das ist notwendig, um „unser“ System, das im Kosten-Nutzen-Denken gefangen ist, am Laufen zu halten. Gibt es eigentlich etwas Fantasieloseres als alles unter dem Aspekt von Kosten und Nutzen zu betrachten? Sollte es im Leben darum gehen, möglichst an dem Wunder teilzuhaben, dass wir für eine gewisse Zeit auf diesem Planeten unterwegs sein dürfen, dann eher nicht.

Santa Cruz do Sul, 20. Dezember 2023

Mittwoch, 10. Juni 2026

Redirect your thinking

 Stop thinking about the difficulty, whatever it is, and think about God instead.

This is the complete rule, and if only you will do this, the trouble, whatever it is, will disappear.

It makes no difference what kind of trouble it is. It may be a big thing or a little thing: it may concern health, finance, a lawsuit, a quarrel, an accident, or anything else conceivable: but whatever it is, stop thinking about it and think of God instead–that is all you have to do.

It could not be simpler, could it? God could scarcely have made it simpler, and yet it never fails to work when given a fair trial.

Do not try to form a picture of God, which is impossible.

Work by rehearsing anything or everything that you know about God. God is wisdom, truth, inconceivable love.

God is present everywhere, has infinite power, knows everything, and so on.

It matters not how well you may think you understand these things: go over them repeatedly.

But you must stop thinking of the trouble, whatever it is.

Emmet Fox

Santa Cruz do Sul, 9 December 2023

Sonntag, 7. Juni 2026

Das Hirn leeren

Santa Cruz do Sul, 15. Dezember 2022

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich mir Bildung angeeignet. Traditionelle Bildung, also wer hat was wann und in welchem Zusammenhang gesagt. Schulweisheiten. So sei es, wurde mir vermittelt, und nicht etwa, alles könnte durchaus auch ganz anders sein.

Gebildeten Menschen, die die Dinge historisch einzuordnen verstanden, brachte ich Hochachtung, ja Bewunderung entgegen. Auch dass andere Kulturen die Dinge anders bewerteten, gehörte zur Bildung. Dass alle damit nur Aussagen über ihr Denken machten, war mir die meiste Zeit meines Lebens nicht klar.

Wer gut argumentieren konnte, hatte meinen Respekt, wer zu differenzieren wusste ebenso. Dass das bessere Argument vor Gericht obenaus schwingt, kommt mir erst seit Kurzem ziemlich abartig vor, das mir solch ein Vetrauen in unser Denken abgeht.

Unserem Hirn erschliesst sich viel zu viel ganz und gar nicht. Und so will ich denn meinem Hirn nicht weiteres Wissen hinzufügen, will ich es leeren, so gut ich es vermag, denn mein Wissen verstellt mir den Blick auf die Welt.

Mich auf meine Gedanken zu verlassen, ist keine gute Idee. Zu oft haben sie mich in die Irre geführt. Neuerdings versuche ich zu beobachten anstatt zu denken. Meine Gedanken und Gefühle zu beobachten. Dabei mache ich die Erfahrung, dass Nicht-Denken mir gut tut. Auch weil mein Denken mir suggeriert, ich verstünde die Welt, mehr oder weniger. Das ist ein Irrtum. Auch das hat mich mein Denken gelehrt. Das Denken hat also durchaus Positives.

Doch alles hat bekanntlich seine Zeit. Jetzt ist für mich die Zeit des Nicht-Denkens gekommen. Weil mir das gewohnte Denken nicht mehr genügt, es sich erledigt hat, ich Neues erfahren will.

Das ist natürlich eine Wunschvorstellung, obwohl: ich bemühe mich drum. Nur eben: Gewohnheiten sind stark.

Mittwoch, 3. Juni 2026

Tag für Tag

Azmoos, am 8. August 2024

So wie es auch Zeit und Willenskraft kostete,
den Drogen abzuschwören, der Flucht, nach der man süchtig war.

Es war möglich, wenn man Tag für Tag erledigte, was zu tun war.
Dann würden irgendwann vielleicht auch wieder die Züge fahren.

Jo Nesbø: Macbeth

Sonntag, 31. Mai 2026

Die Geschichte eines Herzens

Bei einem Autounfall erleidet die neunjährige Keira tödliche Verletzungen, der gleichalterige Max benötigt zur selben Zeit ein neues Herz. Rachel Clarke, früher Journalistin und heute Ärztin für Palliativmedizin, schreibt diese Geschichte einer Transplantation, indem sie das Herz selbst in den Mittelpunkt stellt, auf unvergleichliche Art: bewegend, empathisch und realistisch. "Kurz gesagt habe ich versucht, einen möglichst vollständigen Bericht über das Wunder und die Qual, die Wissenschaft und die Seele eines Herzens und seiner Reise zu schreiben." Das ist ihr meisterhaft gelungen.

"Die Organtransplantation ist nicht nur ein Wunderwerk der modernen Medizin, sondern auch eine der reinsten Ausdrucksformen menschlicher Selbstlosigkeit." Es dauerte seine Zeit bis es soweit war. Insbesondere ans Herz traute man sich lange Jahre nicht heran. "Doch nichts treibt medizinische Innovation so sehr wie Verzweiflung." Die Kriegschirurgie war ein Vorreiter der Herzchirurgie,

Die Geschichte eines Herzens ist ein bewegendes, ein ausserordentliches Buch, da Rachel Clarke wunderbar aufzuzeigen versteht, was und wie alles zusammenspielen muss, damit es überhaupt zu einer Transplantation kommen kann. "Vor weniger als einem Jahrhundert war die Vorstellung, ein menschliches Organ chirurgisch zu entnehmen, es auf Eis zu transportieren und in den Körper eines anderen lebenden Menschen einzupflanzen, reine Science-Fiction."

Im Grunde ist dies die Biografie von Keiras Herz. Ganz viele Personen spielten dabei eine Rolle. Eltern, Geschwister, Chirurgen, Pflegefachkräfte, Sanitäterinnen, Polizisten, Organspendekoordinatorinnen, Piloten, Umstehende, Psychologinnen, Kardiologen. Sie alle wurden befragt. Was die Autorin vorlegt ist keine Fiktion, sondern ein Bericht darüber, was tatsächlich vorgefallen ist. Darüber hinaus ist es eine überaus lehrreiche Schilderung des Umgangs mit Kindern in englischen Spitälern.

Die Geschichte eines Herzens erklärt auch ganz viel Medizinisches. So etwa die für Laien weitestgehend unverständliche Sprache der Mediziner. "Die Sprache ist stakkatoartig – das atemlose Rattern von Fachjargon und Abkürzungen, mit dem Mediziner maximale Informationsmengen mit minimaler Mehrdeutigkeit in möglichst wenigen Sekunden übermitteln." Oder die Revolution Anfang der 1960er Jahre, als der Herztod vom Hirntod abgelöst wurde.

Von der Unfallstelle ins Krankenhaus, und da in die Intensivstation, wo sehr spezielle Menschen im Einsatz sind. "Das Intensivpersonal gibt offen zu, aus Grüblern, Pedantinnen und Zwangshaften zu bestehen, die dazu neigen, Dinge zu überanalysieren – und das ist auch gut so. Es ist ihre unnachlässige Aufmerksamkeit für Details, die schwer verletzten Patienten die besten Überlebenschancen gibt." Dazu kommt, wie eine Pflegefachkraft sagt, sie emotional abschalten, die Mama (die sie auch ist) vor der Tür lassen, sie auf Autopilot funktionieren müsse.

Die Geschichte eines Herzens klärt auf über die eindrückliche Logistik, "die sicherstellt, dass kein verwertbares Organ verloren geht", erläutert wie ein Herz funktioniert ("Etwas 100,000 Mal am Tag ... ziehen sich alle vier Kammern wie eine Einheit zusammen und bringen unser Blut dazu, unsere Arterien zu durchfluten."), gibt Einblicke in die Entstehung der Intensivmedizin, und macht deutlich, dass die hochspezialisierte Medizin nur möglich ist, weil ganz viele Teile ineinandergreifen und sich ergänzen müssen.

Für eine Organentnahme gibt es Standardprotokolle. Bei Kindern suchen speziell ausgebildete Fachkräfte das Gespräch mit den Eltern. Im Falle von Keira war es ihre Schwester Katelyn (dass Kinder häufig weit mehr verstehen, als ihren Eltern bewusst ist, auch dies zeigt dieses Buch), die zu ihrem Vater sagte. "Papa, wir müssen das tun, weil sie das gewollt hätte. Ich weiss, dass sie das gewollt hätte." Wobei: Eine Herztransplantation sollte "nicht wirklich als Heilung betrachtet werden, sondern eher als palliative Behandlung."

Eine Transplantation ist vielfältigst herausfordernd und umfasst Immunologie, Intensivmedizin und Immunsuppression. Chirurgen, die sich darauf spezialisieren, wiesen, so die Autoren einer einschlägigen Studie (deren Verfasser beide selber Chirurgen sind), "überdurchschnittliche Psychopathie-Werte" auf, insbesondere "Stressimmunität", was allerdings positiv zu vermerken ist, da sogenannte Normalos sich wohl kaum wagen würden, eine Brust aufzuschneiden und ein Herz zu reparieren. "Vielleicht ist der einzig klare Schluss, dass Psychopathie so wie die menschliche Natur überhaupt kompliziert ist und man sich vor allzu einseitigen Behauptungen hüten sollte.

Das grösste Verdienst gehört jedoch nicht den Chirurgen, sondern den Spendern, denn ohne sie gäbe es keine Transplantationen. Unverzüglich habe ich mich um eine Spenderkarte bemüht!

Die Geschichte eines Herzens ist eines dieser seltenen Bücher, die einen spüren lassen, wie fragil und kostbar das Leben ist. Eine überzeugendere Anleitung, das Leben zu schätzen, ja, dafür dankbar zu sein, ist schwer vorstellbar.

Rachel Clarke
Die Geschichte eines Herzens
Eichborn, Köln 2026

Mittwoch, 27. Mai 2026

Die schöpferische Kraft der Blumen

Womit auch immer wir uns beschäftigen, die Erkenntnisse, die wir dabei gewinnen ähneln sich, geht mir durch den Kopf, als ich lese: "Innovationen entstehen durch Zusammenarbeit und Zusammenführung, nicht durch einsame Genies. Oder vielleicht kann man sagen, Genie heisst, wie ein geschickter Weber zu erkennen, welche Fäden verknüpft und verbessert werden müssen. Genau das träfe auf die Evolution der Blütenpflanzen zu. Es gibt nicht die eine biologische Erfindung, die die Pflanzenwelt revolutioniert hat. Vielmehr wurden die vorhandenen Strukturen und ökologischen Beziehungen zu neuen Mustern verwebt und mit ein paar Stickereien aufgepeppt."

Auf diesem Hintergrund sind unsere Zuschreibungen, die einzelnen Personen aussergewöhnliche, ja geradezu einzigartige Fähigkeit andichten, nicht nur absurd, sondern geradezu lebensfeindlich. Als ein japanischer Physiker, der zusammen mit einem amerikanischen Kollegen, den Nobelpreis gewonnen hatte, gefragt wurde, ob er stolz darauf sei, antwortete er sinngemäss. Nein, sei er nicht, denn was sie beide entdeckt hätten, habe der Entdeckung geharrt und hätte von irgendjemandem entdeckt werden können. Und als der Astronaut Matthias Maurer instruiert wurde, wie man Gesteinsbrocken auswählt, lernte er, dass sowohl die aussergewöhnlichen wie auch die gewöhnlichen und nicht zuletzt die Übergänge, wo sie gefunden werden, wichtig seien.

Wie bei Akademikern üblich (der Autor ist Professor für Biologie und Umweltwissenschaften) werden zuerst einmal Begriffe geklärt: Unter Blütenpflanzen versteht er die, welche ihre Samen mit einem Fruchtknoten schützen. "Die Blüten sind die Fortpflanzungsorgane der Blütenpflanzen und perfekt ausgestattet. Sie locken Bestäuber an, sorgen dafür, dass sich Ei- und Spermazellen vereinen und schenken dem Embryo die notwendige Fürsorge. Blütenblätter. Pollen. Einzellen. Frucht. All das gehört zu einer Blüte."

Mein eigener Bezug zu Pflanzen besteht darin, dass ich fast jeden Tag  die eine oder die andere fotografiere, in den  meisten Fällen, ohne zu wissen, um was für Blumen es sich handelt. Mich fasziniert die Schönheit, die Ästhetik. Die schöpferische Kraft der Blumen  deshalb fotografiere ich sie. Laut Alain de Botton handelt es sich hierbei um eine Alterserscheinung; jungen Männern würden Blumen nicht auffallen.

Ich verspreche mir von diesem Buch eine Horizonterweiterung – und die kriege ich auch. So habe ich mir über den Duft der Blumen bisher keine Gedanken gemacht. "Für die Pflanzen sind die Aromen wie eine Sprache." Und wie jede andere Sprache auch, können sie je nachdem einladen oder vertreiben, sich anbieten oder sich wehren, täuschen, verführen ... die ganze Palette eben.

Dass auch Gräser Blumen sind, war mir neu. "... statt in die Höhe zu steigen und sich wie die Bäume mit Holz zu verkleiden, bleiben die Gräser mit ihren mageren Körpern am Boden kleben." Ich bin mir gewiss, dass ich Gräser fortan mit anderen Augen betrachten werde.

Die schöpferische Kraft der Blumen ist einerseits Aufklärung über Biologie, geht andererseits jedoch weit darüber hinaus und wird grunsätzlich. Gemäss dem vorherrschenden Narrativ unserer westlichen Kultur ist die Individualität das höchste Gut. David George Haskell macht deutlich, dass der Glaube, der dieses Narrativ informiert, falsch ist.

"Die Fokussierung auf das Individuum verschleiert die Tatsache, dass Individuen ihr Leben und Überleben Beziehungen verdanken. Auch Innovation und Produktivität sind die Frucht von Zusammenarbeit. Es ist unmöglich, eine Grenze zwischen 'ich' und 'wir' zu ziehen. Ohne Gemeinschaft gibt es keine Individuen – es braucht zusammenwirkende Gene, den permanenten Austausch der Zellen im Körper, Energie, die durch Nahrungsnetze fliesst, die Interaktion der Arten."

Im Anhang gibt David George Haskell Anregungen für unseren Umgang mit Blumen. Das reicht vom 'Spielen mit Blumen' über 'Ein Tagebuch mit Blumen' bis zu 'Mit Blumen sitzen'. Mit Letzterem ist gemeint, regelmässig Blütenpflanzen zu beobachten, etwa die Kommunikation zwischen Blüten und Insekten. "Lauschen Sie auf die Geräusche, wenn Insekten oder andere Tiere die Blume besuchen (...) Die Blume verankert sich durch die achtsame Erkundung in unseren Sinnen und unserem Gedächtnis. Wenn Sie das nächste Mal die gleiche Art betrachten, wird ihr Erleben tiefer sein. Dann versenken Sie sich in die einzigartige Persönlichkeit der Blume."

Fazit: Eine überaus hilfreiche Wahrnehmungserweiterung!

David George Haskell
Die schöpferische Kraft der Blumen
Eine Geschichte über die schönsten 
Revolutionärinnen der Evolution
Kunstmann, München 2026