Mittwoch, 29. April 2026

EGO - Das Spiel des Lebens

„Wir sollten nicht zu entdecken versuchen, wer wir sind, sondern was wir uns weigern zu sein.“ Der Satz stammt von Michel Foucault und ist Frank Schirrmachers „EGO. Das Spiel des Lebens“ vorangestellt. Aus gutem Grund, denn wir sind ausgesprochen schlecht beraten, wenn wir dem gegenwärtigen Diktat der Ökonomie, das uns nur noch als „homo oeconomicus“ sieht, angetrieben von Profitinteressen, Opfer unserer Egos, deren vordringliches Interesse angeblich im Eigennutz liegt, nachgeben und ihm uns ausliefern.

Es versteht sich: der Mensch ist um einiges vielschichtiger, seine Motive sehr viel komplexer als dass er auf eine so simple Formel wie Eigennutz reduziert werden könnte. „Seit Jahrhunderten hatten Leute herausfinden wollen, wie der Mensch tickt, und sie alle, ob Wahrsager, Philosophen, Psychologen, waren letztlich gescheitert. Wie sollten ausgerechnet Ökonomen die menschliche Unberechenbarkeit auf eine Formel bringen können?“

Indem sie mit einer zündenden Idee aufwarteten: „Sie fragten nicht mehr, wie der Mensch tickt. Sie fragten, wie der Mensch ticken müsste, damit ihre Formeln funktionierten. Und die Antwort lag auf der Hand: Alle Probleme mit dem Unsicherheitsfaktor 'Mensch' lösen sich in Wohlgefallen auf, wenn man zwingend annimmt, dass er bei dem, was er denkt und tut, immer nur an seinen eigenen Vorteil denkt. Diese Theorie hatte den Vorteil, dass sie immer funktionierte und alles berechenbar machte. Das Gegenüber ist undurchsichtig? Es wird durchsichtig wie Glas, wenn man annimmt, dass es nur seinen Profit vergrössern will. Menschen helfen andern Menschen? Sie tun es, weil sie sich selbst etwas Gutes tun wollen.“

Ist doch klar, dass jeder zuerst an sich selber denkt – dieses Menschenbild ist heutzutage nicht nur gang und gäbe, es wird auch selten angezweifelt. Obwohl doch eine Mutter fast immer zuerst an ihre Kinder und erst dann an sich selber denkt. Das tut sie nur, weil sie sich deswegen besser fühlt als wenn sie zuerst an sich selber denken würde, werden die Anhänger des profitmaximierenden Credos jetzt entgegnen. Nur sagt das mehr über die Anhänger dieses Denkens aus, als über die Dinge, wie sie sind. Denn das Menschenbild, das die Anhänger der Profitmaximierung predigen, ist nichts als Ideologie, ein Glaube. Und was der Mensch glaubt, das ist er. „Man is made by his belief. As he believes, so he is", heisst es in der "Bhagavad Gita". Und das meint: Wir können auch etwas anderes glauben, als was uns gepredigt wird. Vor allem, wenn es sich um solchen Unsinn handelt wie diesen: „Will Gott, dass du reich bist?“, fragte das „Time Magazine“ in einer Titelgeschichte im Jahre 2006. Die Antwort? Er will. Und das impliziert: Wer es nicht schafft, ist selber schuld.

Der Mensch erfindet sich die Welt, indem er sich Systeme schafft, die ihm Orientierung, Sicherheit und häufig auch finanzielle Vorteile verschaffen. Die Juristerei wurde deswegen erfunden, die Bürokratie oder eben diverse Finanzinstrumente. Leider haben es nun diese Systeme so an sich, dass sie sich verselbständigen, die Herrschaft übernehmen und wir zu ihren Opfern werden. Frank Schirrmacher zeigt dies mit vielen historischen Herleitungen an der Figur des egoistischen „homo oeconomicus“ auf, auch wenn er zu einem weit weniger radikalen Schluss kommt: „Vieles spricht dafür, dass im Inneren der gegenwärtigen Finanz- und Europakrise ein viel grundlegenderer Konflikt schwelt, in dem es im Kern um die Implementierung der neoklassischen und neoliberalen Ideologie in die Gesellschaften, Mikro-Märkte und sogar in die konstitutionellen Ordnungen des europäischen Westens geht.“

Die Staaten würden von der Ökonomie, und ohne dass es die Politiker merkten, schon längst als reine Mitspieler im Markt behandelt werden, behauptet Schirrmacher, und „nicht mehr als marktüberwölbende konstitutionelle Gebilde“. In der Schweiz hatte man in den letzten Jahren den Eindruck, der Staat, in dem er die Banken mit Steuergeldern rettete, müsse den Finanzmarkt so recht eigentlich um jeden Preis am Laufen halten. Zugespitzt gesagt: der Staat ist für die Wirtschaft da, einerseits als Mitspieler, andererseits als Garant und Retter des sogenannten Marktes. „Bürger und Staat haben keine Souveränität mehr, sondern 'spielen' sie nur.“

Sinn und Zweck jeden System ist, sich selbst zu erhalten.
Im ökonomischen Imperialismus ist der Mensch, was er will. Warum er will, was er will, ist nicht relevant. Denn solange er etwas will, kann man es ihm verkaufen. Blöder, ja gefährlich wird es, wenn er sich weigert, mitzuspielen. Damit jeder will, was alle wollen, muss der Mensch zum Automaten werden. Und die Konsumideologie ist auf dem besten Weg, ihn dahin zu bringen. Doch da gibt es eben noch das Ich, das Widerstand leistet: „Es zeigt sich, das zwischen dem, wie sie sein sollen, und dem, wie sie sind, ein fast unüberbrückbarer Abgrund klafft.“ Manchmal hat das Ego auch ganz erfreuliche Seiten.

Frank Schirrmacher
EGO - Das Spiel des Lebens
Blessing, München 2013

Sonntag, 26. April 2026

Als Freiwillige für ein unerprobtes Vakzin

Rasend schnell breitet sich ein Virus aus, die Menschen verlieren ihr Gedächtnis. Die junge Meeresbiologin Neffy braucht Geld, muss Schulden zahlen, und stellt sich als Freiwillige zur Verfügung, die bereit ist, ein Vakzin auszuprobieren. Natürlich hat sie Bedenken, doch es ist eben auch so, "weil ich mich grundsätzlich für etwas entscheide, wenn mir jemand davon abrät, was idiotisch ist."

Die Teilnehmenden an der Studie werden gut bezahlt, das Verfahren ist entsprechend aussergewöhnlich bzw. risikoreich. "Keine Placebos, keine Doppelblindversuche, nein, wir alle bekommen den Impfstoff, wir alle werden mit dem Virus infiziert."

Das Gedächtnis der Tiere mutet gleichzeitig futuristisch wie auch realistisch an, auch weil Claire Fuller, wie sie im Nachwort schreibt, immer schon gern Geschichten gelesen hat, die von Pandemien und Endzeitthemen handeln. Als sie 2019 mit der Arbeit an diesem Roman begann, war die Corona-Pandemie noch nicht ausgebrochen. umso erstaunlicher ist, wie wirklichkeitsnah sich das hier geschilderte Geschehen über weite Strecken zeigt. Nur schon wie einsilbig und nichtssagend bei Beginn der Studie auf die Fragen der Probandin geantwortet wird (Vorschriften!), macht deutlich, dass die Autorin über einschlägiges Fachwissen verfügt.

Als Neffy, von der wir auch viel Interessantes über das Verhalten der Oktopus erfahren, nach sieben Tagen im Institut wieder zu sich kommt, erfährt sie, dass nur wenige das Experiment überlebt haben, die Pandemie viele Tote gefordert hat und auf den Strassen der Mob wütet. Die Apokalypse ist ausgebrochen. "Strassenschlachten. Aufstände in Supermärkten, völlig überlaufene Krankenhäuser, die keine Patienten oder Leichen oder Leute mehr aufnehmen konnten, die alles vergessen hatten."

Von den überlebenden Probanden lernt Neffy, dass man ihnen weder das Virus noch den Impfstoff gegeben hat. Also gibt es kein Geld, denkt Neffy, und so hat sie auch keine Schulden mehr. Dass sie noch am Leben ist, schreibt sie dem Impfstoff zu. Da sie Angst davor haben, was sie ausserhalb der dicken Mauern des Instituts erwarten wird, bleiben sie wo sie sind. Wo sollten sie auch hin?

Doch obwohl die Gewissheiten weg sind, glaubt der Mensch (vermutlich nicht alle, doch wohl die meisten), dass alles wieder so wie früher werden wird, also Internet und Apps zurückkehren werden. Neffy ist skeptischer, und Leon, ein anderer Überlebender, meint: "Vielleicht sollten wir einen Neustart wagen und alles miteinander teilen?" Doch natürlich sagt er das nur so, um zu rechtfertigen, dass er Neffys Papier geklaut hat.

Wie der Mensch tickt, die menschliche Psyche funktioniert, lässt sich nirgendwo besser beobachten als während einer Pandemie. Man sehnt sich nach dem Vertrauten. Angeleitet von Leon begibt sich Neffy auf Erinnerunsgreisen. Schliesslich erfährt sie von einem grossen Plan, in den sie nicht eingeweiht ist und bei dem eine wesentliche Rolle spielt, dass sie für immun gehalten wird ...

Claire Fuller
Das Gedächtnis der Tiere
Kjona Verlag, München 2026

Mittwoch, 22. April 2026

Empty your brain

Santa Cruz do Sul, 4 March 2025

To be an educated person I've always thought attractive.
I still do yet something has changed. Not suddenly, I've seen it coming.

For many years I thought the idea that we humans need explanations,
that we cannot do without them, spot on. Nowadays I'm not so sure anymore,
nowadays it seems to me that all the knowledge that I've acquired during a lifetime stands in the way of experiencing the world as it is.

Not all knowledge, of course. What scientists have discovered I consider useful
despite the fact that much of it I do not understand because it is outside my line of thinking.

My line of thinking has mostly been in the humanities or, differently put, in the world of ideas. As interesting and entertaining this world is, it is mostly a distraction. Take history, psychology or sociology, disciplines that arbitrarily divide and simplify the world according to their belief-system. Needless to say, there are excellent arguments for doing that.

Nowadays, the importance that arguments are given is beyond me. That the better argument  should decide a court case or an academic debate, I find preposterous. That journalists and thinkers try to make sense of clearly irrational politics, is simply nuts.

At my age, I'm 72, I'm privileged to try something new. I try as best as I can to empty my brain for what I have learned has nothing to do with what is going on. People are neither rational nor civilised. Just look and see! Our way of thinking is at best a distraction.

I see it like this: I'm a container in which my heart beats. I'm not contributing anything to it; the same applies to my respiration, my digestion, even my thinking (my brain is active around the clock without me being conscious of it). Things just happen (think of the stream of thoughts that crosses your brain), I do not make them happen. To observe this, to be a witness, I consider a privilege. My best moments are the ones in which I forget myself.
 

Sonntag, 19. April 2026

Die Parallelwelten des Philip K. Dick

Emmanuel Carrères  Roman über das Doppelleben von Jean-Claude Romand gehört zu meinen intensivsten Leseerlebnissen überhaupt, und Philip K. Dicks Definition der Realität ("Reality is that which, when you stop believing in it, doesn't go away") hat sich in meinem Gedächtnis eingebrannt. Eine bessere Ausgangslage, um mir Emmanuel Carrères Biografie von Philip K. Dick vorzunehmen, ist schwer vorstellbar.

"Die Parallelwelten des Philip K. Dick" zeigten sich bereits im Alter von 14, als seine Mutter zum Schluss kam, "dass der Schulfrust, die Introvertiertheit und die Angstattacken ihres Sohnes wohl der Dienste eines Psychiaters bedurften." Diese Behandlung riss bis zu seinem Lebensnede nicht mehr ab, wobei die amerikanische Sichtweise des Freudianismus auf die Anpassung an die sozialen Normentisch abzielte und "weniger auf Selbsterkenntnis und Selbstannahme einschliesslich persönlicher Absonderlichkeiten." Es sind nicht zuletzt solch erhellende Erkenntnisse (europäische und amerikanische Therapieauffassungen differieren zum Teil erheblich), die die Lektüre lohnen.

Philip K. Dick scheint schon früh zweigeleisig unterwegs. "So wie jeder war Phil während des Kriegs Patriot gewesen, doch die Propaganda von Goebbels hatte ihn ebenso fasziniert." Carrère charakterisiert ihn als glänzenden Unterhalter, der "mit derselben Überzeugung radikal entgegengesetzte Meinungen" vertreten konnte. "Nichts stand je fest, nichts war endgültig oder sicher." Es mutet eigenartig an, dass Dick angesichts dieser Erkenntnis, in seiner binären Logik gefangen blieb.

In unseren durchgeknallten Zeiten, wo jedem und jeder klar sein dürfte, dass der Mensch kein zivilisiertes Wesen ist (man schaue sich unser "Führungspersonal" an), vergisst man allzu leicht, dass wir schon immer von den absolut Ungeeignetsten angeführt wurden, wie auch Carrères Schilderung von Nixon deutlich macht. Überdies waren auch die damaligen Zeiten nicht so verschieden von den heutigen. "In dem Polizeistaat, den er in den USA schleichend entstehen sah, war Widerstand seiner Meinung nach nur von den Freaks zu erwarten. Die politische Opposition steckte wie immer unter derselben Decke und liess sich manipulieren."

Philip las viel in jungen Jahren, und querbeet. "Dostojewski, Lukrez, die Protokolle der Nürnberger Prozesse, deutsche Lyrik, deutsche Philosophie, Science Fiction und Psychoanalyse, dabei vor allem Jung, dessen gesammelte Werke er mit jedem Einzelband zusammenkaufte, der in der grossen Bollingen-Ausgabe erschien." Begeistert war er offenbar auch von Thomas Manns Doktor Faustus, den ich mir unverzüglich herauslege, obwohl meine bisherigen Versuche damit wenig gefruchtet hatten.

Zu den für mich aufschlussreichsten Passagen dieses ungemein detaillierten Buches, das auch eine immense Fleissarbeit darstellt, gehören Carrères Ausführungen über das I Ging, auch Das Buch der Wandlungen genannt. "Es beschreibt keine fixen Zustände, sondern die in ihnen wirkenden Tendenzen. Es weiss, dass jeder Augenblick vorübergeht, dass jeder Höhepunkt schon den Niedergang ankündigt und jedes Scheitern den künftigen Sieg. Den, der im Dunkeln tappt, lehrt es, dass das Licht wiederkehrt, den, der unter der Mittagssonne jubelt, dass die Dämmerung schon eingesetzt hat, und den weisen Mann die feinsinnige Kunst, sich vom Lauf der Dinge tragen zu lassen wie ein leeres Boot vom Fluss."

Man könne, so Carrère, das I Ging auf zwei Arten benutzen – als Weisheitsliteratur oder als Wahrsagetechnik. Dick trachtete nicht nach Weisheit, er wollte das Passwort für die Erlösung. Amerikaner sind praktische, pragmatische Leute; geduldiges Üben scheint nicht so ihr Ding. Wesentliche Einsichten hatte Dick gleichwohl. "Ich glaube, dass sich uns unmittelbar nach dem Tod endlich die höchste Wirklichkeit zeigt. Wenn das Spiel vorbei ist, werden die Karten endlich umgedreht werden, und wir werden erkennen, was wir bis dahin nur geahnt oder verschwommen im Spiegel gesehen haben. Genau das sagt Paulus. Genau das sagt das Bardo Thödröl. Genau das sagt auch Pu der Bär: Wir sehen uns in einer anderen Ecke des Waldes wieder, und er wird immer noch einen kleinen Jungen und einen Bären geben, die miteinander spielen."

Dick litt unter Ängsten und Panikattacken und war ein Kontrollfreak erster Güte, was auch seine Ehefrauen in die Flucht trieb. Dass er dachte wie er dachte,  empfand wie er empfand, war wohl nicht zuletzt der Abhängigkeit von diversen Pillen geschuldet. "Serpasil gegen Herzrasen, Semoxydrin gegen seine Platzangst, Benzedrin, um sein Gehirn zu stimulieren, und noch ein paar Kleinigkeiten, um die Nebenwirkungen der Hauptmedikamente zu behandeln." Dass ein solcher Drogencocktail die Wahrnehmung verändert, weiss jeder, dem Drogen nicht unvertraut sind. Ob zum Guten oder Nicht-So-Guten ist natürlich eine andere Frage. Jedenfalls: Dicks Visionen paralleler Wirklichkeiten scheinen auch drogenfreien Köpfen plausibel.

Ich lebe und ihr seid tot zeigt auch, dass Dick vieles vorweg nahm, das heute ganz besonders aktuell ist, wie etwa die Diskussion über die künstliche Intelligenz. An deren Anfang stand der englische Mathematiker Alan Turing, einer der Erfrinder der modernen Informatik, der vorschlug, "sich bei der Frage, ob eine Maschine wie ein Mensch denken kann. auf ein einziges Kriterium zu beschränken: Ist sie in der Lage, einem Menschen vorzumachen, dass sie denkt wie er, oder nicht?"

Eien Biografie ist letztlich immer auch eine Biografie des Biografen, da sich dieser (und ganz speziell im Fall von Emmanuel Carrère) auch differenziert mit sich selber bzw. seiner eigenen Art und Weise, die Dinge des Lebens zu sehen, auseinandersetzt. Der Autor praktiziert in diesem frühen Buch (als die französische Originalausgabe 1993 erschien, war der heute 69Jährige 36 Jahre alt), was er in all seinen Büchern praktiziert: Eine überaus intensive, existenzielle Selbst- und Lebenserfoschung.

Fazit: Hoch reflektiert, überzeugend dargestellt sowie vielfältig anregend.

Emmanuel Carrère
Ich lebe und ihr seid tot
Die Parallelwelten des Philip K. Dick
Matthes und Seitz Berlin 2025

Mittwoch, 15. April 2026

How Ricardo portrayed me



These photos were taken by the late Ricardo Schütz in Southern Brazil in 2008 and 2009 respectively, whether in Santa Cruz do Sul or at some other place in the state of Rio Grande do Sul, I do not know for I see these pics in 2026 {Elsa, Ricardo's daughter, sent them to me}, for the first time.

All three pics radiate an attentiveness that I rarely see in photos of myself. Needless to say, I feel pleased for this is precisely how I like to see myself.

Sonntag, 12. April 2026

Wie soll ich leben?

Hugo hatte so recht eigentlich keine Zweifel, dass frühkindliche Erfahrungen entscheidend seinen Lebensweg bestimmt hatten. Und weil er das glaubte, fand er auch problemlos die entsprechenden Belege dafür.

Doch wieso glaubte er das eigentlich? Weil es die vorherrschende Ideologie war. Es war der Zeitgeist, und diesem war nur schwer zu entkommen.

Im 16ten Jahrhundert, in dem Michel de Montaigne lebte, herrschte ein ganz anderer Geist. Montaigne hatte sieben jüngere Brüder und Schwestern und wurde bereits nach der Geburt zu einer einfachen Bauernfamilie im Nachbardorf zur Pflege gegeben. Dazu Sarah Bakewell in Wie soll ich leben?: „Wenn wir von den entwicklungspsychologischen Ideen des 20. und 21. Jahrhunderts ausgehen (die sich vielleicht bald als fragwürdig erweisen werden: vielleicht ist die Mutter-Kind-Bindung ein ebenso kurzlebiges, kulturell bedingtes Phänomen wie das Gestilltwerden durch eine Amme), so muss der mangelnde Kontakt zu den Eltern in den entscheidenden ersten Lebensmonaten Montaignes Beziehung zu seiner Mutter tiefgreifend geprägt haben. Montaignes eigener Einschätzung nach jedoch funktionierte der Plan perfekt, und er empfahl seinen Lesern, mit ihren Kindern möglichst dasselbe zu tun.“

Es versteht sich: Wir sind Kinder unserer Zeit. Heisst das, dass wir zu einer bestimmten Art Leben und Denken verdammt sind? Zum grössten Teil ist dem wohl so. Zu bedenken ist allerdings, was Benoîte Groult in ihrer Autobiografie Meine Befreiung notierte: „Das Beruhigende bei den alten Griechen und Römern wie bei den Klassikern oder Romantikern ist, dass sie uns ihre Kindheit erspart haben. War Corneille ein geschlagenes Kind? Hat Platon mit zehn masturbiert? Hat Musset viel geweint, weil seine Mutter ihm abends im Bett keinen Gutenachtkuss gegeben hat?“

Hugos Fühlen und Denken hatte sich immer an Ewigem orientiert, ihm war das Relative stets fremd und zuwider. Die Grundüberzeugung dabei: Wenn du weisst, wer du bist, und dein Schicksal annimmst, kann dir so recht eigentlich gar nichts passieren.

Natürlich gehören die Dinge – auch – im Zusammenhang gesehen. Doch wer so argumentiert, meint eigentlich fast immer in dem von ihm vorgegebenen Zusammenhang, denn ein Kontext ist immer konstruiert, existiert nicht einfach so. Man stelle sich nur einmal vor, wie Zukünftige auf uns Heutige zurückschauen werden, wie unwissend und naiv sie uns wohl wahrnehmen werden.

Mächtig bzw. einflussreich ist, wer den Kontext vorzugeben vermag. Hugo hatten die vorgegebenen Kontexte nie recht zu überzeugen vermocht, ständig dachte es so in ihm: Aber das ist doch total willkürlich, das kann man auch ganz anders sehen. Stimmt, antworteten daraufhin die, die das Sagen hatten. Und überhaupt: Leute, die quer denken können, brauchen wir. Hugo wollte das gerne glauben, merkte dann aber, dass quer bzw. anders zu denken nur dann gefragt war, wenn es sich im Interesse derjenigen, die das Sagen haben, zu ihrem Vorteil nutzen liess.

Was also war zu tun? Du gehst deinen Weg, ich gehe meinen. Das klingt einfach, ist es aber nicht, denn die gesellschaftlichen Prägungen gehen nicht einfach so weg. Warum kannst du dich nicht anpassen? Glaubst du, du seist etwas Besonderes? Und so weiter … Man verglich sich, war gelegentlich eifersüchtig und neidisch, zweifelte an seinen Entscheiden. Und ging weiter auf seinem Weg, auf dem man, je länger man ihn ging, sich allmählich begann, wohl zu fühlen, sofern das nicht das Ziel war.

Aus: Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession

https://shop.tredition.com/booktitle/Heute_Nicht/W-822-472-257

Mittwoch, 8. April 2026

Antoine will Alkoholiker werden

Als Kind wollte Antoine Bugs Bunny werden, später dann wurde Vasco da Gama sein Idol. "Doch die Studienberaterin bat ihn, Fächer zu wählen, die auf den Dokumenten des Ministeriums aufgelistet waren. (...) Antoine hatte nie die willkürliche Trennung der Fächer begreifen können: Er nahm an Vorlesungen teil, die ihn – ganz gleich, in welcher Disziplin – interessierten, und gab die auf, deren Professoren inkompetent waren." Wunderbar! Genau wie es so recht eigentlich normal sein müsste ...

Antoines Leben in einer Welt, "in der die öffentliche Meinung auf Antworten zu Meinungsumfragen eingeengt wird", ist mehr als nur unbefriedigend. Schliesslich hat er den Verstand als Ursache seines Unglücks ausgemacht. Folgerichtig entschliesst er sich, aufs Denken zu verzichten. Doch wie soll er das bewerkstelligen?

Alkohol könnte die Lösung sein, denkt es so in ihm, da ihm das Denken betrunkener Menschen (er selber hat noch nie einen Tropfen Alkohol angerührt), "leicht und unbekümmert gegenüber der Realität" vorkommt. "Der Rausch schien ihm das ideale Mittel zur Unterbindung jeder Anwandlung von Reflexion." Er will lernen, wie man Alkoholiker wird, beschliesst, sich kundig zu machen, sucht eine Bar auf, wo er auf einschlägige Profis hofft.

Er trifft auf Léonard, den er mit einem bescheuerten Zitat von Malcom Lowry ("Die Ursache des Alkoholismus sind die Hässlichkeit und die verwirrende Sterilität der Existenz.") zu beeindrucken sucht, doch Léonard macht damit  kurzen Prozess und fordert Antoine auf, selber zu reden als mit Zitaten um sich zu schmeissen. Viel mehr, als dass er dauernd deprimiert ist, weiss Antoine allerdings nicht zu sagen, fügt dann aber hinzu: "Ich will ein banales Gespenst werden. Ich bin es satt, Gedankenfreiheit zu haben, Wissen zu besitzen, mit meinem Bewusstsein herumzuspringen!"

Nur eben: Alkoholiker wird man nicht per Beschluss. Genauso wenig wie man abstinent wird, indem man sich das einfach so vornimmt. "Ersatzweise entschloss er sich, Selbstmord zu begehen." Dass daraus nichts werden wird, ergibt sich jedoch bereits aus der Existenz dieses Romans, trotz berühmter Vorbilder, die er auflistet, wie Virginia Woolf, Seneca, Debord, Cato Uticensis, Sylvia Plath, Demosthenes, Kleopatra, Lafargue ...".

Nach dem Genuss eines halben Glases Bier erleidet Antoine ein Alkoholkoma, wird ins Hospital eingeliefert, wor er mit einer Frau ins Gespräch kommt, die unzählige fehlgeschlagene Selbstmordversuche hinter sich hat und ihn mit einer Telefonnummer versorgt, die ihn zu einer Adresse führt (in einem Haus, das Arztpraxen sowie die Anonymen Alkoholiker beherbergt), wo man unter kundiger Führung zum Selbstmord angeleitet wird. Dabei geht ihm auf, dass er zwar nicht leben, aber eben auch nicht sterben will.

Antoine oder die Idiotie handelt jedoch nicht allein vom vergeblichen Versuch, Alkoholiker zu werden, sondern davon, dass Intelligenz nicht unbedingt hilfreich ist, wenn man ein gutes Leben leben möchte. "Diejenigen, die glauben, dass die Intelligenz etwas Nobles darstelle, besitzen davon mit Sicherheit nicht genug, um zu begreifen, dass sie ein Fluch ist." und so versucht er, seinen Verstand loszuwerden. Und so wird er Börsenmakler ...

Mein Lieblingsstelle handelt von Antoines Freund Aslee, einem Samoaner, der von Antoine As genannt wird, was auf samoanisch 'Wasser von den Bergen' heisst. As "hatte einen erstaunlichen Charakter. Die Gründe dafür lagen in seiner Kindheit." Die Firma Nestlé hatte sich bei der Babynahrung vertan, und ein Mikrogramm mit einem Kilogramm verwechselt ...

Fazit: Sehr lustig und sehr clever. Ein Lesegenuss erster Güte!

Martin Page
Antoine oder die Idiotie
Roman,
Wagenbach, Berlin 2026