Mittwoch, 12. August 2026

Die Schönheit der Distanz


Ein Mann besucht seine Frau fast täglich im Spital. Sie ist Anfang vierzig, Diagnose Krebs. Mit einer Prognose hat sie der Arzt verschont. Der Mann ist froh drum, ihm ist eh klar, dass seine Frau wohl nicht mehr viel Zeit hat. "Für die, die die Krankheit behandeln oder erforschen, mögen Statistiken wichtig sein, aber wie ist das für die Patienten? Man kann ihnen doch nicht das Gefühl geben, sie seien Teil einer Lotterie."

Er steht ihr zur Seite, hilft, so gut er kann. "Sie will nicht fragen. Es entweder selbst machen, eine nahestehende Person bitten oder aushalten. Verstehen kann er das schon, aber der Versuch, den Profis Arbeit abzunehmen, hat inzwischen schon etliche Male dazu geführt, dass sie den Profis schlussendlich mehr Arbeit gemacht haben." Es sind solch aufmerksame Beobachtungen, die dieses Buch wesentlich auszeichnen.

Wie viel Zeit bleibt uns auf dieser Welt? Restlebenszeit, lese ich. Ein für mich gewöhnungsbedürftiger Begriff, allerdings einer, mit dem sich auseinanderzusetzen lohnt, auf dass einem bewusst werde, dass es jederzeit zu Ende sien kann. Auch bei Krebs, bei dem eine kurzzeitige Besserung allzu oft mit einer Genesung verwechselt wird

"Jeder hat eine begrenzte Zeit. Wie viel genau, weiss niemand. Heutzutage sehen die meisten das allerdings anders. Sie sind der Auffassung, dass jeder das Recht habe, ein der durchschnittlichen Lebenserwartung entsprechendes Alter zu erreichen." Schon eigenartig, wie der Mensch denkt bzw. was er glaubt, dass ihm zustehe. Vergegenwärtigt man sich, dass wir alle unser Dasein einem Zufall verdanken (wäre die Samenzelle eine Millisekunde später auf die Eizelle getroffen, gäbe es uns nicht), sind unsere Vorstellungen, wir seien zu irgendetwas berechtigt, mehr als nur abstrus.

Eindrücklich zeigt Die Schönheit der Distanz auf, wie unsere gängige Denkensart, die von Gewinnen und Verlieren geprägt ist, so recht eigentlich lebensfeindlich ist. Nicht für alle, doch definitiv für die Frau des Ich-Erzählers. "Es gibt Menschen,. die sich gerne anstrengen, Menschen, die im Streben imit anderen wachsen. Für seine Frau gilt das allerdings nicht."

In der heutigen Zeit begreifen viele den Krebs als Feind und kämpfen gegen ihn. Die Autorin Nao-Cola Yamazaki zeigt, dass es auch anders geht. "Ich versuche, es als Übung vor dem Tod zu betrachten, weisst du ... Mich nicht mit anderen oder meinem früheren Selbst zu vergleichen. Nicht an die Zukunft zu denken. Mich nur auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. So fällt es mir auch leichter, den Schmerz zu akzeptieren. Schmerz gibt es nun mal im Leben. Manchmal habe ich Schmerzen und bin gleichzeitig glücklich." Selten, dass ich Hilfreicheres, ja, Lebensbejahenderes gelesen habe.

Die Schönheit der Distanz ist eine erfreulich unaufgeregte und sehr unübliche Art und Weise, sich mit Sterben und Tod, und speziell dem Krebstod, auseinanderzusetzen. "Dank seiner Frau weiss er, eine Krankheit, die es einem erlaubt, sich auf den Tod vorzubereiten, nunmehr zu schätzen. An Krebs zu sterben, ist gar nicht so schlecht."

Der Zeitgeist sieht es anders, denn dieser behauptet und verlangt, dass wir Herr über unser Schicksal seien, selber bestimmen, wie und wann wir sterben. Nur eben: "Im Leben geht es nicht nach Wunsch. Seine Frau hatte keine Wahl. Sie ist ihren Weg gegangen. Sie konnte sich nicht für den eines anderen Menschen entscheiden."

Die Schönheit der Distanz lehrt uns, wahrzunehmen, was ist. Und sich dem, was ist, hinzugeben.

Nao-Cola Yamazaki
Die Schönheit der Distanz
Roman
DuMont, Köln 2026

Sonntag, 9. August 2026

Sucht & Akzeptanz

Sargans, am 26. März 2025

Dass alles zur Sucht werden kann, ist keine Auffassung, die von vielen Suchtspezialisten geteilt wird. Nein, ich habe das nicht recherchiert, doch ich beschäftige mich seit mehr als 35 Jahren mit dem Thema und bin mir dabei bewusst geworden, dass viele, wenn nicht gar die meisten sogenannten Suchtexperten, Sucht mit einer Substanz in Verbindung bringen. Für viele meint Sucht nichts anderes als Substanzabhängigkeit.

Ich selber halte Sucht für ein Persönlichkeitsmerkmal. Süchtig kann man nach allem und jedem sein: Essen, Sex, Aufmerksamkeit, you name it. Kennzeichnend für die Sucht ist, dass es nie reicht, nie genug ist, man immer mehr-mehr-mehr haben will und muss. Viele Süchtige, die es schaffen, eine Sucht aufzugeben (etwa Alkohol), ersetzen sie oft durch eine andere, meist eine ihnen weniger schadende (etwa Bücher).

Natürlich ist nicht jede Abhängigkeit eine Sucht. Wir alle brauchen gute Luft, können ohne sie nicht sein; wir alle brauchen Eltern, die uns lieben und uns unterstützen; wir alle sind bedürftig der Zuneigung. Damit eine Abhängigkeit zur Sucht wird, muss sie destruktiv sein. Ab wann sie das wird, ab wann man diese unsichtbare Linie überschritten hat, merkt man erst in der Rückschau.

Nachdem die Kriegsberichterstatterin Janine di Giovanni zwei oder drei Jahre versucht hatte, ein normales Leben in Paris zu führen, erhält sie eines Tages einen Anruf von einer Ärztin aus dem Val-de-Grace, einem Militärkrankenhaus: „'Ich wollte Ihnen sagen, dass ihr Mann hier in der Klinik ist und ich ihn einige Wochen zur Beobachtung auf der Station behalten möchte'. Als ich fragte, warum, sagte sie, ihrer Ansicht nach sei er erschöpft und selbstmordgefährdet.“ Bruno findet Hilfe bei den Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA), Janine setzt sich mit Abhängigkeitsfragen auseinander. „Ich bemühte mich, die Beziehung eines Menschen zu Drogen, zu Alkohol oder irgendetwas anderem, das ihn in eine andere Welt versetzt – in Abhängigkeit – zu verstehen. Ich habe in meinem Leben schon alles Mögliche ausprobiert, aber nichts konnte mich süchtig machen.“ Mit der Zeit hatte sie den Eindruck, die AAs nähmen ihr ihren Mann weg. „Ich wusste, dass er dadurch trocken blieb, aber ich war mir nicht sicher, ob er nicht eine Sucht durch eine andere ersetzte, wie mir einmal jemand von den AA-Sitzungen gesagt hatte.“ Und wenn dem so wäre? Die eine Sucht bringt einen um, die andere hält einen am Leben. Zudem: Als ihr Sohn sechs Monate alt war, ging Janine wieder nach Bagdad und liess Luca bei seinem Vater und seiner Kinderfrau in Paris zurück. „Aus meinen Brüsten quoll noch Milch, und ich vermisste mein Kind mit einer Vehemenz, die mir unbegreiflich war.“ Sie fliegt zurück nach Paris. Und, nachdem einige Zeit verstrichen war, nach Afghanistan ... Im Juli 2012 berichtete sie für den 'Daily Beast' vom Krieg in Syrien. Für mich klingt das sehr nach Abhängigkeit von Kriegsgebieten. Nach Sucht. Und zwar keiner lebensbejahenden.

Bei meinen eigenen Versuchen, mit meinen verschiedenen Abhängigkeiten klarzukommen, bin ich oft auf den Begriff der Akzeptanz gestossen., Und so recht eigentlich immer, wenn ich mich mit dieser Akzeptanz auseinandersetzte, war mir klar, dass es genau darum ging.

In den letzten Tagen erreichten mich zwei ganz unterschiedliche Beschreibungen von Akzeptanz. Die eine vom Zen-Lehrer Jack Kornfield. "Paradoxically, when I let go and accept life on life’s terms, I discover 'a peace that passes all understanding,' and I find the power and wisdom to deal with whatever challenge or unforeseen turn of events life throws at me." (Paradoxerweise entdecke ich, wenn ich loslasse und das Leben so akzeptiere, wie es ist, 'einen Frieden, der alles Verstehen übersteigt', und ich finde die Kraft und Weisheit, mit allen Herausforderungen und unvorhergesehenen Wendungen fertig zu werden, die das Leben für mich bereithält.); die andere aus dem Blauen Buch der Anonymen Alkoholiker, das mir auch hilft Portugiesisch zu lernen. "Lembra-nos constantemente de que não estamos mais dirigindo o espectáculo, repetindo para nós mesmos, com humildade e várias vezes por dia: 'Seja feita a Tua vontade.'" ("Erinnern wir uns ständig daran, dass wir nicht mehr die Kontrolle haben, indem wir uns selbst mehrmals täglich demütig sagen: ‚Dein Wille geschehe.´") Für mich bedeuten beide Aussagen dasselbe, auch wenn viele wohl betonen werden, dass die erste Variante ohne Gott auskommt, mit dem bekanntlich viele sogenannt religiös Augewachsene so ihre liebe Mühe haben. Weshalb denn auch die AA so clever waren, nicht von Gott zu sprechen, sondern von einer höheren Macht, von der jeder und jede eine eigene Vorstellung haben darf.

Die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind, setzt voraus, zu verstehen, wie die Dinge sind. Ich sehe es so: Wir sind Gefässe oder Behälter, in denen das Leben sich manifestiert. Einatmen und Ausatmen geschieht ohne mein Dazutun, auch mein Herz schlägt, ohne dass ich etwas dazu beitrage. Es sind automatische Vorgänge, die ohne mein bewusstes Ich ablaufen. Es brauch keine Kontrolle meinerseits, es reicht vollkommen, mich diesem Prozess zu überlassen. Mich dagegen zu wehren, stört diesen Vorgang. Mir dies immer wieder vor Augen zu führen, hat das Potential, mich ruhig, friedlich und gelassen zu machen.  

Mittwoch, 5. August 2026

Der heilige Raum deiner Seele


Hildegard von Bingen und Meister Eckhart, so Jennie Appelt und Dirk Grosser, "hatten diese unbestimmte (?) Ahnung in sich (ja wo denn sonst?), dass da noch mehr sei, dass manche überlieferten Lehren nicht gänzlich trugen, und dass das Geheimnis des Lebens nur unzureichend oder aber zu vorschnell beschrieben worden war." Nun ja, es ist so recht eigentlich das Wesen des Geheimnisses, dass es sich der Beschreibung entzieht.

Der heilige Raum deiner Seele löst bei mir ganz Unterschiedliches aus. Einerseits gibt es da ganz viele, überaus wertvolle Einsichten, andererseits kommt das alles so überaus pädagogisch positiv daher, damit man es sich ja mit niemandem vergibt (schliesslich soll das Buch auch das Geschäftsmodell der beiden – Seminare, Meditationskurse – fördern), dass man (zugegeben, ich spreche von mir) unverzüglich das Weite suchen will. Hier will ich mich jedoch ausschliesslich auf Aspekte beschränken, die ich aufschluss- und hilfreich gefunden habe.

Hildegard von Bingen trat mit 10 Jahren ins Kloster ein, wurde mit 14 Jahren, zusammen mit zwei anderen Frauen, Inklusin, "wozu die Zugänge zu ihren Klosterzellen feierlich vermauert wurden." Die Autoren weisen überdies daraufhin, dass man zu dieser Zeit Jesus nicht als blutenden Mann am Kreuz darstellte, sondern aufrecht stehend, als lebendige, leuchtende Christusgestalt. Ihre Einsichten gewann Hildegard in visionärer Schau und nicht etwa vermittelt durch Lehrer und Denker.

Auch Eckhart, hochgebildet und in vielerlei kirchlichen Funktionen aktiv, glaubte, dass "die Gottheit" persönlich erfahren werden müsse, weshalb er mit der offiziellen Kirche in Konflikt geriet. Er predigte das Loslassen von unseren Vorstellungen, und die Hingabe an das, was ist, wobei dieses nicht in Worten ausgedrückt werden kann. Am ehesten, so die Autoren, entspricht  es wohl dem Tao des Laotse. "Das Tao, das mitgeteilt werden kann, ist nicht das ewige Tao. Der Name, der genannt werden kann, ist nicht der ewige Name. Das Unnennbare ist das ewig Wirkliche."

Sowohl Hildegard als auch Eckhart stehen für ein Leben, das von der persönlichen Anschauung und Erfahrung geleitet wird. Um "die Gottheit" oder "das ewig Wirkliche" erleben zu können, ist kein aktives Tun vonnöten, stattdessen "das reine Empfangen in absoluter Passivität". Das bedeutet eine vollständige Abkehr vom "religiösen Leistungsdenken". Mit anderen Worten: "Eine gute Tat sollte um ihrer selbst willen bzw. um des anderen Menschen willen geschehen und nicht, weil man sich damit Verdienste bei Gott erwerben möchte."

Immer mal wieder wird auch auf den Zen-Buddhismus hingewiesen. Wie dieser, so lehrt auch Eckhart nicht alleine das Ruhen im Sein, denn das Leben verlangt, "dass du dich sorgsam und achtsam dem Bereich der Welt widmest, in den du gestellt wurdest."

Man muss/sollte seinen eigenen Weg gehen. Das sagt heute zwar so recht eigentlich jeder und jede, auch wenn sich das in der Konsumgesellschaft darin zeigt, dass alle dasselbe wie alle anderen wollen. Dieses Buch meint jedoch etwas anderes und macht deutlich, indem es etwa Buddha oder Angelus Silesius zitiert, dass wirklich seinen eigenen Weg zu gehen, schon immer die Ausnahme und nicht die Regel gewesen ist.

Es ist übrigens nicht ohne Ironie, dass man aus diesem Buch auch lernt, dass man seinen eigenen Weg nicht in Büchern findet ...

Jennie Appel & Dirk Grosser
Der heilige Raum deiner Seele
Die Botschaft Hildegards und Meister Eckharts für die Vision deines Lebens
nymphenburger, Stuttgart 2026

Sonntag, 2. August 2026

Das wahre Leben

Dieser Roman spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Aristokratie ist in Auflösung begriffen. Die Geschwister Kazuko und Naoji versuchen auf ihre je eigene Weise sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Naoji versucht, sich von der Aristokratie zu befreien. Erfolglos. Kazuko nimmt Bezug auf Jesus, der ein Revolutionär ist, nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Im Zentrum dieses Romans stehen existenzielle Sinnfragen.

Die junge Aristokratin Kazuko zieht aus finanziellen Gründen mit ihrer kränkelnden Mutter von Tokyo auf die Halbinsel Izu. Ihr Bruder Naoji, der eingezogen worden war, gilt im Pazifik für verschollen, taucht jedoch unverhofft wieder auf, ist allerdings wiederum dem Opium verfallen.

"'Oh scheusslich! Was für ein grässlich geschmackloses Haus! Ihr solltet draussen ein Schild anbringen: 'Chinesisches Restaurant. Nudeln und Fleisch'!'
Das waren Naojis Begrüssungsworte als ich in nach langen Jahren zum ersten Mal wiedersah."
Besser kann man die Unsensibilität Süchtiger ihren Angehörigen gegenüber kaum beschreiben.

Wie alle Süchtigen, so hadet auch Naoji mit der Welt. "Gerechtigkeit? Die Idee des sogenannten Klassenkampfes hat damit nichts zu tun. Menschlichkeit? Nichts als törichter Wahn. Ich weiss Bescheid."

Naojis Meister, der Schriftsteller Uehara, lebt in Tokyo, und säuft. Und, so sagt er zu Kazuko, als diese ihn aufsucht, er versuche ihren Bruder vom Opium weg zum Alkohol zu bringen, da letzterer akzeptabler sei. Besoffenes Denken par excellence! Auf die Briefe, die Kazuko Uehara nach ihrem Treffen schreibt, antwortet dieser nicht.

Kazuko liest Rosa Luxemburg. Ganz anders als gemeinhin üblich. "Der eigenttliche Gegenstand ihres Buches ist die Wissenschaft der Nationalökonomie, und wenn man es als volkswirtschaftliches Traktat liest, ist es wahrhaftig langweilig. Es enthält nur eintönige Binsenweisheiten. (...) Eine Wissenschaft, welche auf der Voraussetzung beruht, dass die Menschen ihrer Natur nach geizig sind und in alle Ewigkeit geizig bleiben werden, ist für jemanden, der nicht geizig ist, vollkommen uninteressant." Doch es gibt etwas an diesem Buch, das Kazuko sehr anspricht: Rosa Luxemburgs Mut, alle konventionellen Ideen beiseite zu stossen.

So gilt etwa unter klugen und erwachsenen Menschen als ausgemacht, "dass Revolution und Liebe  etwas sehr Törichtes und Hässliches seien," was jedoch Kazuko ganz und gar nicht finden kann. Ganz im Gegenteil: "Wir Menschen sind für die Liebe und die Revolution auf Erden da."

Dann erhält die Mutter die Diagnose, dass sie wohl bald sterben werde. Sie ahnt es. Eine Schlange sieht sie als Vorboten. Überhaupt scheinen Ahnungen ("Man sagt, dass Leute, die Sommerblumen lieben, auch im Sommer sterben ...) wichtiger als Wissen. "Ob es überhaupt Menschen gibt, die dieses Leben begreifen?"

Was Die sinkende Sonne wesentlich ausmacht, ist das Japanische. Und das meint: Eine Haltung dem Leben bzw. seinem Schicksal gegenüber, das so recht eigentlich aristokratisch ist. "Vornehmheit und gespreiztes Getue haben wirklich nichts miteinander zu schaffen." Am Beispiel des Suppe-Löffelns beschreibt Osamu Dazai den vornehmen Stil. "Sitzt man aufrecht da und lässt die Suppe von der Löffelspitze in den Mund fliessen, schmeckt sie erstaunlicherweise viel besser, als wenn man sie, ängstlich über den Teller gebeugt, von dem seitlich herangefühten Löffel mit dem Lippen abnimmt."

Fazit: Eine gelungene Meditation über die Frage, ob man seiner Herkunft bzw. seinem Schicksal entgehen kann sowie ein Plädoyer für einen Aufbruch, der sich an revolutionären Werten orientiert.

Osamu Dazai
Die sinkende Sonne
Reclam, Ditzingen 2026

Mittwoch, 29. Juli 2026

Nicht jeder Erfolg adelt

Santa Cruz do Sul, 6 März 2025

In letzter Zeit habe ich immer mal wieder gestutzt, wenn ich in sogenannt renommierten Blättern las, dieser oder jener Rockmusiker, diese oder jene Popsängerin sei gestorben.

Für mich waren Rock- und Popmusiker einst der Inbegriff des Protestes gegen die etablierte Ordnung; heutzutage werden sie als Ehrengäste zum Staatsbankett geladen.

Mich stört das nicht, doch ich wundere mich, dass ich mich darüber wundere, denn nichts bedeutet in unseren eitlen Zeiten mehr als der Erfolg, auf welchem Gebiet auch immer.

Gemeint ist hier der gesellschaftliche Erfolg, den ich stets als leicht peinlich empfinde. Aufmerksamkeit, Gefeiert-Werden, Applaus – die meisten können doch gut ohne sein. Und die, denen das nicht gelingt, sollten an sich arbeiten, denn sich vom Urteil anderer („Followern“) abhängig zu machen, ist nicht gerade ein Zeichen der Stärke, auch wenn diese Abhängigkeit so recht eigentlich das kapitalistische System garantiert, das in der Gier des Menschen gründet und genau deshalb so erfolgreich ist.

Doch es gibt auch noch ein ganz andere Art des Erfolgs, die darin besteht, sich selber zu überwinden. Genauer: Seine Faulheit und seine Feigheit. Dieser Erfolg adelt.

Man müsse lernen, sich selber zu geben, was man sich von anderen erhoffe, habe ich von der Psychotherapeutin Margalis Fjelstad aus Colorado gelernt. Kein Rat, der besser geeignet wäre, einen ein Leben lang aktiv zu halten.

Sonntag, 26. Juli 2026

Trinkerbelle

Mir war Mimi Fiedler kein Begriff, als ich dieses Buch zur Hand nahm. Dass sie aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt, und als Schauspielerin bekannt wurde, wusste ich nicht. Mein Interesse angestachelt hatte der Untertitel "Mein Leben im Rauch", wovon allerdings erst nach gut 100 Seiten die Rede ist, dann jedoch sehr ausführlich. 

Der erste Teil von Trinkerbelle handelt von der Familie der Autorin bzw. ihrem Aufwachsen. Dabei stach für mich eine Geschichte hervor, die so unwahrscheinlich ist, dass sie so recht eigentlich schon ganz für sich allein die Lektüre lohnt. Hier nur soviel: Ihr überaus pünktlicher Vater verpasst einen Flug, der in der Folge abstürzt ... Doch das ist nur gerade der Anfang ... Selber Lesen!

Mimi trinkt anders als Normalos, am liebsten allein, und immer zuviel. Normale Trinker haben irgendwann genug. Mimi nicht. Sie hört nicht auf. Sie trinkt weiter, auch wenn sie bereits mehr als genug hat. Objektiv gesehen genug hat. Sie sieht es subjektiv. Für sie bedeutet Alkohol: Es ist nie genug.

Sie versteckt ihr Trinken, dabei hilft, dass Alkohol in ihren Zwanzigern einfach dazu gehörte. Von anderen darauf angesprochen wird sie nicht. Kein Wunder, denn Nicht-Alkoholiker verstehen vom Saufen in der Regel nichts, und die, die saufen, sind mit dem eigenen Saufen beschäftigt. Wie Mimi ihren damaligen Lebensgefährten zu täuschen vermag (auch eine dieser Geschichten, die man sich wirklich nicht ausdenken kann), ist eine Meisterleistung und echt filmreif!

"Er weiss nicht mal dass ich trinke, niemand weiss das, jedenfalls nicht in aller Wucht und Dimension", schreibt sie über den Vater ihrer Tochter. Dass die anderen vom eigenen Trinken nichts mitkriegen, ist ein Aberglaube, dem so ziemlich alle Alkoholiker huldigen. Als sie zu einem Entzug in einer Klinik weilt, und der Arzt sie zu ihrem Trinkverhalten befragt, redet sie dieses schön. "Die Darstellung der ganzen Wahrheit übernimmt dafür meine Mutter. Zu meinem Erstaunen kennt sie selbst die kleinsten Details."

Zu den weiteren Charakteristika der Trinker gehört, dass sie sich nicht helfen lassen wollen/können. Als Mimi bei einem Essen mit einem Mann, mit dem sie sich nüchtern bestens versteht, sich total zuschüttet und entsprechend benimmt, stellt dieser sie zur Rede und bietet an, zu helfen. Sie flüchtet. Natürlich ist das nicht zu verstehen, auch für sie nicht. Dazu kommt: Verstehen hilft wenig (an Einsichten fehlt es ihr nicht), allein entscheidend ist, zu handeln. 

Die Auswegslosigkeit, die sie empfindet, ist überaus eindrücklich geschildert. Während des Klinikaufenthalts besucht sie im Keller der Klinik auch Treffen der Anonymen Alkoholiker, wo sie unter anderem lernt, dass sie "nicht die einzige Lügnerin, nicht die einzige Betrügerin, nicht die einzige Versagerin, nicht die Einzige (ist), die es nicht schafft, nur bei einem Glas zu bleiben. Und vor allem bin ich nicht die Einzige, die eine ganze Armada von Verletzungen und Traumata im Gepäck hat. Ich bin eine von vielen, Ich bin nicht allein."

Sollte das zum Schluss führen, es brauche einen Grund, um zu trinken ... Nein, braucht es nicht. Wir wissen schlicht nicht, weshalb einige Alkoholiker werden und andere nicht. Die Gründe, die einen zum Saufen bewegen, können ebensogut die Gründe sein, um mit dem Saufen aufzuhören.

Die Ärztin auf der Notfallstation sieht das anders, auch Mimi sieht das anders. Sie wurde als Kind missbraucht und will jetzt ihren Peiniger konfrontieren, wird aber von dessen Frau abgewimmelt. Was sie sich von einer solchen Konfrontation versprochen hat, entzieht sich mir. Die einzige Konfrontation, die sie meines Erachtens braucht, ist die mit ihrer Sucht.

Alkoholismus ist eine Sucht, in die sich die flüchten, die nicht fühlen wollen, was sie fühlen. Alkohol ist Medizin, allerdings die falsche. "Dann ist die falsche Medizin wie ein böser Zaubertrank, oder?", fragt die Tochter. "Es ist der Klassiker (....)", so der Arzt in der Klinik. "Nichts Ungewöhnliches. Ein gescheiterter Selbsttherapieversuch mit Alkohol."

Lässt man das einmal wirklich einsinken (Selbsttherapie), versteht man auch, dass der Alkoholiker (Frau oder Mann), dem Gefühl, etwas stimme nicht (mit ihm, mit der Welt), etwas glaubt, entgegensetzen zu müssen. Und mit Alkohol (aber auch mit anderen Drogen) kann das für eine gewisse Zeit durchaus gelingen. Bis man schliesslich eine unsichtbare Linie überschreitet, und der Alkohol zum (oft tödlichen) Feind wird, gegen den man chancenlos ist.

Der Klinikaufenthalt und die Treffen der AA machen ihr klar, "wie sehr ich mich nach Klarheit sehne." Nur will die Krankenkasse nicht weiter zahlen, da sie keine Medikamente (Xanax oder Valium) nehmen will (aus der bestens nachvollziehbaren Angst, süchtig danach zu werden), also so krank gar nicht sein kann. Eine verquere Logik, von angeblich Gesunden ersonnen. Sie verlässt die Klinik, zwei Tage später trinkt sie bereits wieder. Sie will zwar nach wie vor aufhören, weiss aber einfach nicht wie.

Eine AA-Freundin, über zwanzig Jahre trocken, hatte einen Rückfall und stirbt. Erschüttert beschliesst Mimi, die Abstinenz jetzt wirklich ernst zu nehmen – und scheitert. Ihr Niedergang gestaltet sich dramatisch (und müsste wirklich jeder und jedem klar machen, dass sie schwerstens alkoholkrank ist). Sie lernt Otto kennen, gesteht ihm (nein, nicht sofort), Alkoholikerin zu sein. Kurz darauf haben sie geheiratet.

Fazit: Man leidet mir ihr, verzweifelt an ihr, und freut sich mit ihr, dass sie nicht aufgegeben und es doch noch geschafft hat, auf das zu hören, was sie sich zu sagen hatte.

Mimi Fiedler
Trinkerbelle
Mein Leben im Rausch
Knaur, München 2026

Mittwoch, 22. Juli 2026

Probleme als Geschäftsmodell

 Der folgende Text erschien in Die Welt (am 18. Oktober 2024) und bezieht sich auf die Talkshow von Maybrit Illner, die ich mir schon lange nicht mehr antue (zu selbstgefällig): „Wir haben derzeit zwei der größten Flüchtlingskrisen der letzten Jahrzehnte weltweit an den Toren der Europäischen Union“, führte Gerald Knaus aus, dessen trockene Zahlen wenig Raum für die von Dunz geforderte Humanität ließen. In der Ukraine herrsche die größte Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg. Drei Millionen syrische Geflüchtete befänden sich in der Türkei, eine weitere im Libanon. Viele Libanesen wiederum flüchten in den türkisch kontrollierten Norden Syriens. Der Krieg in Gaza setze sich fort, ein weiterer könnte zwischen Israel und dem Iran ausbrechen. „Wir stehen vor einer katastrophalen Entwicklung, auf die wir keine Antworten haben“, warnte der Sozialwissenschaftler eindringlich.

Was nützen mir eigentlich solche Informationen? Wobei: Keine Angabe, woher diese Zahlen stammen. Ob es zu einem Krieg zwischen Israel und Iran kommen wird, weiss bis heute niemand, auch nicht die, die sich bestens informiert wähnen, da sich die Zukunft noch immer nicht voraussagen lässt. Zudem: Dass wir auf katastrophale Entwicklungen (wenn es denn dazu kommen sollte) keine Antworten haben, ist keine Warnung, sondern die Feststellung einer Tatsache, schliesslich liegt es in der Natur der Sache, dass der Mensch auf katastrophale Entwicklungen keine Antworten hat. Woher auch?

Dem Menschen ist es schlicht nicht gegeben, sich über seine Nasenspitze hinaus gross Gedanken zu machen. Sicher, zu Gedankenspielen reicht's, doch zum Handeln leider nicht (und nur im Handeln zeigt sich, wie jemand wirklich denkt).

Solche Talkshows sind für die Katz bzw. dienen der Ablenkung, denn niemand ist an einem Austausch der Ideen interessiert, nur an der Zurschaustellung seiner/ihrer Person. Ausser selbstgefälliger Wichtigtuerei ist da nichts, und auch wenn hin und wieder ein gescheiter Satz fällt (und das geschieht natürlich, denn einige der Teilnehmenden sind gescheit), Meinungen ändern sich deswegen nicht.

Menschen verfügen über Überzeugungen, woher die kommen ist zwar nicht wirklich klar, doch erklärt werden sie sich mit Mama und Papa. Von diesen Überzeugungen, deren sie sich meist gar nicht bewusst sind, lassen sich die Menschen steuern. Es kommt vor, dass sie die eine oder andere über Bord werfen, nicht freiwillig natürlich, denn wer verliert schon gerne seinen Halt.

Worte decken eher zu als dass sie erhellen; das Bereden von Problemen dient in erster Linie dazu, sie zu begraben. Das tut man, indem man sie grösser macht bzw. differenziert. Geht man zu einem Anwalt oder einer Psychologin, lautet die Frage: Was ist das Problem? Die Antwort: Es ist komplex. Anschliessend gehen sie mit einigen Problemen mehr von dannen, von denen sie gar nicht gewusst hatten, dass es sie geben könnte. Zu verdanken ist das den Juristen und Psychologinnen, die das Kreieren von Problemen als Geschäftsmodell betreiben.

 "Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Sie etwas über Tagoona, den Eskimo, erfahren. Im vergangenen Jahr sagte einer von unseren weissen Leuten zu ihm: Wir freuen uns sehr darüber, dass Sie als erster Ihres Volkes zum Priester geweiht worden sind. Jetzt können Sie uns dabei helfen, die Probleme der Eskimos zu lösen. Tagoona fragte: Was ist ein Problem? Und der Weisse sagte: Tagoona, wenn ich Sie an den Füssen aus einem Fenster im dritten Stock hinaushielte, so wäre das für Sie ein Problem. Tagoona dachte lange und eingehend darüber nach. Dann sagte er: Das glaube ich nicht. Wenn Sie mich verschonen, so wäre alles gut. Wenn Sie mich fallen liessen, wäre sowieso alles egal. Dann hätten Sie das Problem." Margaret Craven: Ich hörte die Eule, sie rief meinen Namen.
Santa Cruz do Sul, 5. Januar 2024