Sonntag, 11. Oktober 2026

Über die wahnhafte Entwicklung der Wirklichkeit

Es gehört zur Standardüberzeugung von Medienleuten (sowie der Juristen), dass immer auch die andere Seite anzuhören sei, ganz so, als ob es nur zwei gäbe und diese beiden als gleichwertig zu betrachten seien. Und  die Medien neutral zu sein hätten. Als Schweizer, dem die Neutralität ein Leben lang eingebleut worden ist, weiss ich, dass sie vor allem ein Geschäftsmodell ist. Die viel zitierte Auffassung von Hanns Joachim Friedrichs, man dürfe sich mit einer Sache, auch einer guten, nicht gemein machen, war schon immer falsch, heute aber ganz besonders, denn wir leben in Zeiten, in denen die Vernunft weitestgehend abgedankt hat.

Als belesener Verleger kann Klaus Bittermann auch immer wieder auf von ihm verlegte Bücher zurückgreifen, um seine Haltung zu illustrieren. Etwa auf Wiglaf Droste, der bereits 1995 darauf hingewiesen hat, dass mit Rechtsradikalen das Gespräch zu suchen, so recht eigentlich die dümmste aller Anbiederungen sei. So isses! Mit Nazis diskutiert man nicht, Nazis bekämpft man.

Die Mainstreammedien ticken anders, die Mainstreammedien geben allen eine Plattform, von denen sich profitieren lässt. Im Kapitalismus gebe es keine Demokratie, so der ehemaige BKA.Chef Horst Herold. Im Kapitalismus herrsche das Geld, nicht das Volk. Ohne die Mainstreammedien gäbe es keine AfD, und auch keinen Golfer aus Queens im Weissen Haus. Das hat wesentlich damit zu tun, dass Dummheit die Geissel der Menschheit ist, und Aufklärung erstaunlich wenig dagegen tun kann. man muss es trotzdem versuchen. Und Klaus Bittermann führt vor, wie man das macht. Sehnsucht nach dem Untergang ist ein erhellender, exzellent argumentierender Essay.

Doch vielleicht ist die Tatsache, dass viele Menschen bei Wahlen gegen ihre eigenen Interessen stimmen, nicht primär ihrer politischen Dummheit, sondern der mangelnden Selbsterkenntnis geschuldet. Sie wollen sich nicht als Zu-Kurz-Gekommene sehen, wollen sich nicht mit den sozial Schwachen identifizieren, da das an ihrem Selbstverständnis kratzen würde. Socialism never took root in America because the poor see themselves not as an exploited proletariat but as temporarily embarrased millionaires. (John Steinbeck). Nun ja, Selbsterkenntnis ist den wenigsten gegeben.

Haben sich die Rechten wirklich "die Abschaffung des demokratischen Systems vorgenommen", wollen sie wirklich "die Abschaffung des alten Parteiensystems und der rechtsstaatlichen Verfassung"? Von den Medien hofierte Autorinnen wie Julie Zeh wiegeln ab, und Marieke Reimann, "die als erste und jüngste Chefredakteurin aus dem Osten dem SWR vorstand", weist den Westparteien die Schuld für den rasanten Aufstieg der AfD zu. Ob diese Wiedervereinigung wirklich eine so gute Idee war?

Hunter S. Thompson schrieb bereits in den 1970ern, dass die Republikaner stets den Staat bekämpften. Wären die Politiker an der Macht so vernünftig wie sie sich gerne geben (das ist nirgends der Fall; man denke an die greisen Präsidentschaftskandidaten in den USA und Brasilien, die offenbar ausschliesslich an sich selber denken, und deswegen für das rechtsextreme politische Heute eindeutig Mitverantwortung tragen), würde die Demokratie (die es, wohlverstanden, nirgendwo wirklich gibt, man lese Fritz R. Glunks Schattenmächte), die gegenwärtigen Angriffe wohl problemlos überstehen. Nur eben: die Demokratie setzt den mündigen Bürger voraus, und der ist eher selten. Doch möglicherweise bringt ihn ja das demokratische System dazu, doch noch einer zu werden.

Am Rande: Ich finde den Titel, Sehnsucht nach dem Untergang, eine unglückliche Wahl, da rein interpretativ. Besonders im Gegensatz zum nüchternen, unaufgeregten und überzeugenden Text. Auch dass der Autor seine Schrift als Psychogramm des rechten Wählers bezeichnet, halte ich für verfehlt. Nicht etwa, weil sie das nicht ist, sondern weil sie weit darüber hinausgeht und so recht eigentlich eine luzide Analyse unserer Gegenwarts-Befindlichkeit darstellt.

"Die Gründe, die AfD zu wählen, sind zahlreich, aber keinem einzigen Grund lässt sich mit guten Zureden beikommen. Die Gründe heissen Neid, Ressentiment, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Minderwertigkeitskomplex, Rachsucht, Verwahrlosung, Dummheit, aber auch Kulturpessimismus und die Sehnsucht nach Untergang, in den man alle hineinziehen will, um sich an den vermeintlich oder tatsächlich Privilegierten zu rächen." Für mich sind das keine speziell politischen Gründe, sondern bezeichnen das dumpfe und unreflektierte Gefühlsleben vieler, und vor allem derjenigen, die die heutige Informationsflut, die rasante Entwicklung der Technik und der überall sichtbare Klimawandel, völlig überfordert, weshalb sie in ihre Emotionen flüchten. Wenn Piloten die Orientierung verlieren, ist das das Allerdümmste, was sie tun können.

Dass sich vieles verändert hat, ist vor allem zur Zeit der Flüchtlingskrise und von Covid-19 manifest geworden, als jeder und jede vermeinte, nicht nur eine Meinung haben zu müssen, sondern auch gehört zu werden. Das beste Argument gegen die Demokratie, meinte einst Churchill, sei ein zehnminütiges Gespräch mit einem Durchschnittswähler. Es ist bedaiuerlich, dass wir bisher kein System zustande gebracht haben, dass besser ist als der rein numerische Mehrheitsentscheid. Oder bei Rechtsstreitigkeiten: Das bessere Argument. Das ist, wenn man es recht bedenkt, fast genau so irre wie die Wähler, die Psychopathen im Amt möglich machen.

Dass heutzutage in allen Lebensbereichen das Primat der Gefühle (von How do you feel, Mr President bis zur Glorifizierung des Bauchgefühls) dominiert, erachte ich übrigens für weit problematischer als alle der Politik zugeschriebenen Vorgänge. Die Absenz jeglichen Schamgefühls bei vielen, die eigenartige Vorstellung von Rechten ohne die dazugehörigen Pflichten, die zunehmende Infantilisierung, zeigen, dass die sogenannte Zivilisation bestenfalls eine Wunschvorstellung ist.

Hannah Arendt wird unter anderem mit folgender Aussage zitiert: "Die Ideologieanfälligkeit der modernen Menschen wächst genau in dem Mass, wie gesunder Menchenverstand offenbar nicht mehr zureicht, die öffentlich politische Welt und ihre Ereignisse zu verstehen." Zutreffenderweise kommentiert Klaus Bittermann, "heute sieht es so aus, als ob von Ideologieanfälligkeit gar nicht mehr gesprochen werden kann, weil die modernen Massen völlig ideologiefrei sind und kein Interesse haben, überhaupt etwas begreifen zu wollen, sie sind geleitet vom blinden Ressentiment." Weshalb er Hannah Arendt trotzdem aktuell findet, hat sich mir nicht erschlossen, auch natürlich, da mir das Heute weit mehr von der Digitalisierung dominiert scheint (die auch zur Folge hat, dass das Gemeinschaftliche verschwindet), als von der Politik. Zudem: Arendts Ideal vom gesunden Menschenverstand (ohne den es keine wirkliche Demokratie geben kann) ist weiter weg denn je. Dazu kommt, dass der gesunde Menschenverstand keine universelle Kategorie ist. Die Sicht eines Herrschenden ist zwangsläufig verschieden von der Sicht eines Beherrschten.(Noam Chomsky).

Wir leben in völlig durchgeknallten Zeiten, in denen Vernunft und Verstand weitestgehend abgedankt haben. Und das Selber-Denken exotisch geworden ist. Doch es gibt auch Ausnahmen. Eine davon ist dieser gut geschriebene Essay, der sich nicht um den ständig geforderten Kompromiss mit Leuten bemüht, die dafür nur Verachtung übrig haben, sondern eine klare Haltung zeigt. Nein, wir sind nicht alle gleich. Viktor Frankl hat gemeint, es gebe nur zwei Rassen. Die Anständigen und die Unanständigen. Und da die Anständigen in der Minderheit sind, gilt es sie zu stärken. 

Fazit: Überaus erfrischende Aufklärung, sollte zur Pflichtlektüre für Kompromiss-Enthusiasten werden. Sofort!

Klaus Bittermann
Sehnsucht nach dem Untergang
Über die wahnhafte Entwicklung der Wirklichkeit
Psychogramm des rechten Wählers
Edition Tiamat, Berlin 2026

Mittwoch, 7. Oktober 2026

Mein Stottern, das Leben und ich

Jennifer Springer ist angehende Lehrerin, lebt in Köln und entwickelte infolge eines Schlaganfalls eine neurogene Form des Stotterns. Wie viele im Lehrberuf Tätige eignet auch ihr ein recht ausgesprägtes Sendungsbewusstsein. "Mein Wunsch ist, mit diesem Buch Vorurteile abzubauen und eine Gesellschaft zu schaffen, in der sich jeder Mensch, unabhängig von seiner Art zu sprechen, traut, den Mund aufzumachen und gehört wird. Ich hoffe, das ist mir gelungen." Was mich angeht (ich bin mit Stottern nicht vertraut), so hat mir ihr Buch wieder einmal zu Bewusstsein gebracht, was für furchtbare Auswirkungen der Konformitätsdruck auf uns Menschen hat, und ganz speziell auf die, welche aus dem sozial akzeptierten Verhaltensraster fallen.

"Wir müssen aufhören, Stottern wie etwas zu behandeln, dass man möglichst schnell wegtherapieren muss", gehört für mich zu den Leitgedanken von Mein Stottern, das Leben und ich.  Eine Aussage, die in unseren therapiefreundlichen Zeiten hoffentlich an Einfluss gewinnen wird, da von den meisten Therapieansätzen letztlich vor allem die Therapeuten profitieren.

Mein Stottern, das Leben und ich ist ein vielfältig aufklärendes Werk. So lernt man etwa, dass richtig zu stottern, gelernt werden muss. Oder, dass Stottern mit Begleiterscheinungen wie Migraine oder Depression einhergehen kann. Oder, dass nicht das Stottern das zentrale Problem ist, sondern vor allem der Umgang damit. Wobei, es ist komplizierter, auch das lernt man in diesem Buch.

Wer stottert, kann oft nicht mehr an den gewohnten sozialen Interaktionen teilhaben, da es manchmal zu lange dauert, bis die richtigen Worte gelingen, KIwas den Kommunikationsfluss stört. Geduldige Gesprächspartner sind auch nicht die Regel. Und so zieht man sich zurück, vermeidet Kontakte, in denen das Sprechen gefragt ist. Dazu kommt: "Stottern macht etwas mit der Persönlichkeit, es verändert einen  – im Guten wie im Schlechten."

War sie vor dem Stottern schlagfertig, vermisst sie jetzt ihren schnellen Redefluss. Das Selbstvertrauen ist weg, sie kennt sich nicht mehr, und auch die anderen kennen sie nicht mehr. Angst- und Erschöpfungszustände stellen sich ein.

In der Selbsthilfegruppe lernt sie, dass es ganz verschiedene Arten des Stotterns gibt; in der Bonner Stottertherapie lernt sie, "richtig" zu stottern. Dann folgte der Angstabbau. "... das Beste, was man gegen die Angst machen kann, sich dieser zu stellen." Fürs Stottern gilt das Gleiche: Es geht darum, sich ihm zu stellen, und das meint: "so zu stottern, dass es einen weniger anstrengt, und so selbstbewusst zu stottern, dass man sich traut, ohne Angst vor anderen zu sprechen (wenn es so was wie selbstbewusstes Stottern denn überhaupt gibt)."

Das Kapitel "Akzeptanz mich am Arsch: Wieso es für mich so schwer ist, das Stottern zu akzeptieren" machte mich immer mal wieder zustimmend schmunzeln, denn Jennifer Springer setzt sich mit der Verwendung des Begriffs Akzeptanz kritisch und witzig auseinander, und weiss, dass die Forderung, sich selbst zu lieben, den wenigsten gegeben ist. Sie weigert sich, ihre widersprüchlichen Gefühle weg zu argumentieren, wohl wissend, dass es letztlich darum gehen muss, "Frieden damit zu schliessen, dass Stottern nicht heilbar ist."

Zwiespältige Gefühle weckten in mir die Ausführungen über ihre Angststörung. Die eigene Panickattacke zu filmen und ins Netz zu stellen, erachte ich als eitel, selbstbezogen und deswegen wenig hilfreich; die Beschreibung ihrer Angststörung ist hingegen sehr überzeugend und auch für Aussenstehende nachvollziehbar, auch wenn Sätze wie "Der präfrontale Kortex zieht sich zurück, die Amygdala übernimt"  nicht einmal ansatzweise zum Verständnis beitragen. Doch sinnvollerweise wiederholt sie eben auch, "dass es nur einen Weg raus aus der Angst gibt: sich ihr zu stellen."

Überaus aufschlussreich beschreibt sie ihre eigenen Versuche mit der Angst klarzukommen. Und kommt zum Schluss: "Ich glaube, dass man sie schwächt, indem man gute Erfahrungen macht –  möglichst oft und möglichst bewusst." Nur eben: Wir machen Erfahrungen. Ob die gut oder schlecht sind, wissen wir meist erst im Nachhinein. Für ungute Gefühle gilt: Man kann sie nur durch stärkere, attraktivere Gefühle überwinden.

Jennifer Springer offeriert keine Rezepte, vielmehr schildert sie ihre persönlichen Versuche, mit dem Stottern zu leben. Sie informiert sich so umfassend wie sie es vermag und erkennt dabei auch, dass das, was für andere gehen mag, für sie selber deswegen noch lange nicht gehen muss. Mein Stottern, das Leben und ich ist auch ein Dokument der Selbstannahme.

Fazit: Ein überaus lehrreiches Buch, das weit übers Stottern hinausgeht. Eine hilfreiche Anleitung, wie man lernen kann, mit seinem Schicksal klarzukommen.

Jennifer Springer
Mein Stottern, das Leben und ich
Eine ungeplante Dreiecksbeziehung
Rowohlt Taschenbuch Verlag, Hamburg 2026

Sonntag, 4. Oktober 2026

Hier und Jetzt? Heiliger Bimbam!

Stets galt es, etwas zu erledigen, ständig sagte er sich, wenn, dann, und wenn er sich dann zu beruhigen suchte (Jetzt mach doch kein solches Drama daraus, es leben doch alle, als ob sie ewig leben würden), wurde er ungehalten mit sich. Das Leben musste gelebt werden! Doch wie oft er sich das auch sagte und sich ermahnte, seine Zeit nicht zu vergeuden, es gelang ihm nicht. Dass es daran liegen könnte, dass er zu hohe Ansprüche hatte, zog er durchaus in Betracht (jedenfalls theoretisch), doch es änderte nichts.

Man muss doch was tun, sich eine Aufgabe suchen, sagte eine Stimme in ihm. Ob die aus dem Kopf oder aus dem Bauch kam, wusste er nicht. Egal. Doch musste man das wirklich? War das nicht einfach eine Ablenkung, eine Flucht vor dem Hier und Jetzt? Hier und Jetzt! Heiliger Bimbam! Und wenn Ort und Zeit Erfindungen waren? Möglich, aber unwahrscheinlich. Nicht im philosophischen Sinn, doch wie käme man sonst bloss durch den Alltag? Man musste doch wissen, wo man Brot und Butter kaufen konnte.

Hugo hatte schon längere Zeit keine Lust auf gar nichts. Es lag nicht an den Umständen, die waren ideal. Es war Sommer, sonnig und warm. Viele klagten zwar über die Hitze, er gehörte nicht dazu. Für ihn war alles bestens. Er könnte an den See, könnte spazieren gehen, könnte ein Buch lesen. Er könnte, aber er mochte nicht.

Er fühlte sich ohne Ziel und Zweck, was seinen Freund Frieder auf den Plan rief. Das gehe so nicht, meinte er, dann müsse er sich eben ein Ziel suchen, weil der Mensch ohne nicht sein könne, doch Hugo wies das von sich, er versuche jetzt (was für andere gelten mochte, gelte für ihn noch lange nicht), einfach nur zu sein. Er legte sich aufs Bett, hing seinen Gedanken nach, was ihn umgehend erschöpfte, rasten doch diese wie üblich von hier nach dort, nach vorn und zurück und auch seitwärts. Ganz offenbar war ihnen die Vorstellung, dass der Mensch, um halbwegs dem Geschehen folgen zu können, einer Struktur bedurfte, unbekannt.

Im Fernsehen antwortete ein sogenannter Experte auf die Frage, ob er jetzt dafür oder dagegen sei, mit: Einerseits, ja und nein.

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Auf einem seiner Bücherregale standen zwei Postkarten unter Glas. Die eine zeigte einen vielleicht dreijährigen Jungen mit Lockenkopf und in Lederhosen, der dem jungen Hugo nicht unähnlich sah, und worauf zu lesen stand: „Egal, was es ist, ich bin dagegen!“ Das war Hugos männliche Seite, doch er hatte auch eine weibliche, die von der zweiten Postkarte illustriert wurde. Darauf war ein etwa drei- oder vierjähriges Mädchen in einem hellen Kleidchen und mit Stiefeln abgebildet, das sich auf eine Schaufel stützte. Der Text dazu lautete: „Ich kann, ich will, ich muss es tun. Basta!“

Aus: Hans Durrer: Heute Nicht! Dir Geschichte einer Obsession, Tredition, Ahrensburg 2025

Mittwoch, 30. September 2026

On Mondays or Guided by Unknown Forces

Santa Cruz do Sul, Brazil, 17 December 2023

Once I started to realise that I was suffering from an alcohol problem, I became determined (or so I imagined) to conquer it without any help. Alcohol, so I concluded, was a symptom; the solution lay in identifying the cause. In order to find answers, I read a lot (psychology, philosophy, literature, as well as many works on spirituality). In old diaries I came across a phenomenon that I thought striking: Already at the age of 14, I had noted that on Monday, I would start a new life. That must be it, I said to myself, I will stop drinking on a Monday. I tried, many times; it didn't work. Over time I came to believe that it had to be a special Monday, like Christmas Monday, or Easter Monday. I did of course know that this was ridiculous and could never work.

However, I got sober on Monday, 1 January 1990. A day before my 73rd birthday (Monday, 28 September 2026), when I would have to undergo surgery, I wondered what day of the week I had been born. It was Monday, 28 September 1953.

Sonntag, 27. September 2026

Das grosse Durcheinander

 
Fairfax, Kalifornien, 2. September 2026

Hannes Råstams Quick. Die Erschaffung eines Serienkillers lesend, wird mir wieder einmal bewusst, dass unsere Versuche, in dem Durcheinander, in dem wir uns vorfinden, Ordnung zu schaffen, auf einer völlig irrigen Grundlage, auf einem falschen Denken gründen. Wir gehen nämlich davon aus, dass es so etwas wie gesichertes Wissen geben könnte, obwohl wir doch wissen, dass alles ständig im Fluss ist. Nichts ist stabil, auch das Gedächtnis nicht. Nur eben: Was wir wissen, beeinflusst uns weit weniger als wir gemeinhin annehmen.

Historiker wissen, dass die Geschichte sich wiederholt und dass trotzdem nicht alles beim alten bleiben muss. Nicht etwa, weil wir aus der Geschichte lernen, sondern weil unsere Vorstellung der Geschichte, ja vom Leben, eine Fiktion ist. Zugegeben, eine beständige.

Tolstoi hat es in Für alle Tage. Ein Lebensbuch auf den Punkt gebracht: „Es gibt keine Zeit. Es gibt nur die unendlich kleine Gegenwart. In ihr vollzieht sich das Leben. Deshalb sollte der Mensch all seine geistigen Kräfte auf die Gegenwart richten.“

In diesem Buch bin ich auch auf diesen Eintrag gestossen: „Unterweise dein Herz. Lass dich nicht von ihm unterweisen.“ (Buddhistischer Spruch). Und habe gestockt: Weiss denn nicht das Herz am besten, wo es lang gehen sollte? Nein, nicht immer, denn wir glauben, was immer uns passt und oft nicht, was uns gut tut. Und woher weiss man, was einem gut tut? Mir selber helfen diese Zeilen aus Johann Wolfgang von Goethes Wahlverwandtschaften: „Charlotte stand betroffen. Sie war geistreich genug, um schnell einzusehen, dass jene Recht hatten; aber das Getane widersprach, es war nun einmal so gemacht; sie hatte es recht, sie hatte es wünschenswert gefunden, […] sie verteidigte ihre kleine Schöpfung […]. Sie war bewegt, verletzt, verdriesslich; sie konnte das Alte nicht fahren lassen, das Neue nicht ganz abweisen; aber entschlossen wie sie war, stellte sie sogleich die Arbeit ein und nahm sich Zeit, die Sache zu bedenken und bei sich reif werden zu lassen.“

Lese ich Artikel aus einem Gebiet, mit dem ich nicht unvertraut bin, staune ich immer mal wieder darüber, wie wenig Substanzielles mir als angeblich neu verkauft wird. Befriedigender sind Texte aus Gebieten, von denen ich kaum etwas verstehe. Virologie, Immunologie und Pandemien, zum Beispiel. À propos Pandemie: Für einen, der noch nie besonders viel von Politikern gehalten hat (und von Beamten noch weniger) und glaubte, die Realität einigermassen nüchtern zu sehen, ist die Inkompetenz derer, die uns regieren sollten, erschütternd. Kein Wunder: Die Politik verlangt nach Mehrheiten; eine Pandemie zu bekämpfen, so lese ich bei Leuten, die mehr davon verstehen als ich, erfordert schnelles, entschiedenes Handeln.

Gepriesen sei die Desillusionierung!

Zürich,  Landesmuseum, November 2020

Dass uns die Medien, diese Betäubungsanstalten, davon ablenken, uns mit unserem Leben zu beschäftigen, ist mir schon lange klar. Jedenfalls glaubte ich. Doch Einsichten, die ohne Konsequenzen bleiben, sind so recht eigentlich nutzlos. 

Auch die Politik dient zuallerst der Ablenkung. Nichts, dass mich fassungsloser lässt, als dass niemand sich zu trauen scheint, dem genuinen Primitivling im Weissen Haus (mit dem sich so viele identifizeren können, dass man sich von der Vorstellung verabschieden muss, der Mensch sei ein zivilisiertes Wesen) entschieden Paroli zu bieten. Ganz im Gegenteil. Sie schenken ihm ihre Aufmerksamkeit, ja, hofieren ihn. 

Doch was heisst das eigentlich, sich mit seinem Leben zu beschäftigen? Das ist individuell sehr verschieden, doch für mich heisst es, auf mich einwirken zu lassen, was gerade ist. Also einfach dazusitzen oder einfach zu gehen oder auch einfach dazuliegen. Kein aktives Tun?  Doch, doch. Das, was vor der Nase liegt.

Wir können auch versuchen, unseren Gedanken die Richtung vorzugeben. Häufig funktioniert das nicht, dann kann man es erneut und wiederholt versuchen. Manchmal klappt es. Jedenfalls während des Tages, in der Nacht ist es eine andere Geschichte. Da erfahren wir dann, dass unser Bewusstsein eher selten am Ruder ist.

In meiner Wahrnehmung kommt es darauf an, mit welchen Gedanken ich mich beschäftige. Als ich heute zu ZA-ZEN, Die Praxis des ZEN von Taisen Deshimaru-Roshi griff (im Februar 1985 in Berlin gekauft, keine Erinnerung daran), stiess ich im Vorwort von Vincent Bardet auch auf diese Zeilen, die mich unvermittelt packten. Ich erlebte sie als hilfreich, deshalb teile ich sie hier:

"Was ist unser Leben? Wir haben keine Zeit mehr zu leben. Die Maschine beraubt uns eher der Freiheit, als dass sie uns befreit. Weder Hungersnöte noch Vernichtungskriege sind von der Erde verschwunden. Unsere Unruhe bekämpfen wir mit Beruhigungsmitteln oder betäuben sie mit Fernsehen. Der Komfort unserer abgeschirmten vier Wände schwächt unseren Körper, der Stress der Grossstadt überspannt unsere Nerven. Fortschritt ersetzt die Religion, Geld das Sakrament. Die Sorgen nagen an uns und die Angst erdrückt uns. Nachts schlafen wir schlecht. Am Tag sind wir nur halb wach. Wir denken an Nichtigkeiten. Wir hören nicht auf zu denken ...".

Genauso nützlich und wohltuend empfand ich diese einleitenden Ausführungen von Taisen Dehimaru. die mir für Momente das Dasein leichter machten.

"Der wahre Gott existiert. Er stirbt niemals, denn Gott bedeutet die höchste Wahrheit, oder die Grundenergie des Universums überhaupt. Gott existiert, doch die Menschheit ist vor ihm geflüchtet, die moderen Zivilisation hat der Ordnung des Universums vollständig den Rücken gekehrt. (...) Die höchste Weisheit erstrebt den Frieden, die Einheit, jenseits aller Relativität, Dualität und aller Gegensätze."

Mittwoch, 23. September 2026

Vom Denken

Santa Cruz do Sul, 20. Februar 2025

Wenn es mir einleuchtet, dann ist es vermutlich falsch, sagte Johannes zu seiner Ärztin, die daraufhin gar nicht mehr aufhören konnte zu lachen.

Erst im Alter wurde sich Johannes bewusst, dass wenn etwas für ihn Sinn ergab, das nicht bedeutete, dass es so war bzw. so stimmte, sondern nur Ausdruck dafür war, wie er dachte.

Schaute er sich heutzutage Talkshows an, bei denen sogenannte Transatlantiker über das Verhältnis von Europa und den USA debattierten, sah er nur noch aufgeblasene Wichtigtuer am Werk. Freute er sich früher über treffende Argumente (also meist die, die sein eigenes Denken bestätigten), war er mittlerweile fassungslos, wie man sein eigenes Denken derart wichtig nehmen konnte. Es waren doch nur Gedanken, die, sofern man sich nicht an sie klammerte, auch schon wieder weg waren.

Konnte man denn sein eigenes Denken nicht wichtig nehmen? In seiner Erfahrung war es durchaus möglich, sich dafür zu entscheiden. Von Zeit zu Zeit tat er dies auch. Und jedes Mal, wenn er es tat, fühlte er sich angenehm erleichtert.