"Wir müssen aufhören, Stottern wie etwas zu behandeln, dass man möglichst schnell wegtherapieren muss", gehört für mich zu den Leitgedanken von Mein Stottern, das Leben und ich. Eine Aussage, die in unseren therapiefreundlichen Zeiten hoffentlich an Einfluss gewinnen wird, da von den meisten Therapieansätzen letztlich vor allem die Therapeuten profitieren.
Mein Stottern, das Leben und ich ist ein vielfältig aufklärendes Werk. So lernt man etwa, dass richtig zu stottern, gelernt werden muss. Oder, dass Stottern mit Begleiterscheinungen wie Migraine oder Depression einhergehen kann. Oder, dass nicht das Stottern das zentrale Problem ist, sondern vor allem der Umgang damit. Wobei, es ist komplizierter, auch das lernt man in diesem Buch.
Wer stottert, kann oft nicht mehr an den gewohnten sozialen Interaktionen teilhaben, da es manchmal zu lange dauert, bis die richtigen Worte gelingen. was den Kommunikationsfluss stört. Geduldige Gesprächspartner sind auch nicht die Regel. Und so zieht man sich zurück, vermeidet Kontakte, in denen das Sprechen gefragt ist. Dazu kommt: "Stottern macht etwas mit der Persönlichkeit, es verändert einen – im Guten wie im Schlechten."
War sie vor dem Stottern schlagfertig, vermisst sie jetzt ihren schnellen Redefluss. Das Selbstvertrauen ist weg, sie kennt sich nicht mehr, und auch die anderen kennen sie nicht mehr. Angst- und Erschöpfungszustände stellen sich ein
In der Selbsthilfegruppe lernt sie, dass es ganz verschiedene Arten des Stotterns gibt; in der Bonner Stottertherapie lernt sie, "richtig" zu stottern. Dann folgte der Angstabbau. "... das Beste, was man gegen die Angst machen kann, sich dieser zu stellen." Fürs Stottern gilt das Gleiche: Es geht darum, sich ihm zu stellen, und das meint: "so zu stottern, dass es einen weniger anstrengt, und so selbstbewusst zu stottern, dass man sich traut, ohne Angst vor anderen zu sprechen (wenn es so was wie selbstbewusstes Stottern denn überhaupt gibt)."
Das Kapitel "Akzeptanz mich am Arsch: Wieso es für mich so schwer ist, das Stottern zu akzeptieren" machte mich immer mal wieder zustimmend schmunzeln, denn Jennifer Springer setzt sich mit der Verwendung des Begriffs Akzeptanz kritisch und witzig auseinander, und weiss, dass die Forderung, sich selbst zu lieben, den wenigsten gegeben ist. Sie weigert sich, ihre widersprüchlichen Gefühle weg zu argumentieren, wohl wissend, dass es letztlich darum gehen muss, "Frieden damit zu schliessen, dass Stottern nicht heilbar ist."
Zwiespältige Gefühle weckten in mir die Ausführungen über ihre Angststörung. Die eigene Panickattacke zu filmen und ins Netz zu stellen, erachte ich als eitel, selbstbezogen und deswegen wenig hilfreich; die Beschreibung ihrer Angststörung ist hingegen sehr überzeugend und auch für Aussenstehende nachvollziehbar, auch wenn Sätze wie "Der präfrontale Kortex zieht sich zurück, die Amygdala übernimt" nicht einmal ansatzweise zum Verständnis beitragen, schliesslich weiss Jennifer Springer auch selber, "dass es nur einen Weg raus aus der Angst gibt: sich ihr zu stellen."
Überaus aufschlussreich beschreibt sie ihre eigenen Versuche mit der Angst klarzukommen. Und kommt zum Schluss: "Ich glaube, dass man sie schwächt, indem man gute Erfahrungen macht – möglichst oft und möglichst bewusst." Nur eben: Wir machen Erfahrungen. Ob die gut oder schlecht sind, wissen wir meist erst im Nachhinein. Für ungute Gefühle gilt: Man kann sie nur durch stärkere, attraktivere Gefühle überwinden.
Jennifer Springer offeriert keine Rezepte, vielmehr schildert sie ihre persönlichen Versuche, mit dem Stottern zu leben. Sie informiert sich so umfassend wie sie es vermag und erkennt dabei auch, dass das, was für andere gehen mag, für sie selber deswegen noch lange nicht gehen muss. Mein Stottern, das Leben und ich ist auch ein Dokument der Selbstannahme.
Fazit: Ein überaus lehrreiches Buch, das weit übers Stottern hinausgeht. Eine hilfreiche Anleitung, wie man lernen kann, mit seinem Schicksal klarzukommen.






