„Was ist denn mit dir passiert?“, fragte Aurora, die, bevor
sie sich mit Installationen in Kunstkreisen einen guten Ruf erworben
hatte, Petra hiess. „Du wirkst ganz anders, irgendwie frischer.“
„Ich habe mit dem Saufen aufgehört“, erwiderte Fridolin.
„Einfach so?“
„Nein, nein, gar nicht einfach so. Es ist eine lange Geschichte.
Und so recht eigentlich ist es gar keine Saufgeschichte.“
„Ich verstehe nur Bahnhof.“
„Saufen war das Symptom. Und auch die Ursache.“
„Wofür?“
„Angst.“
„Angst wovor?“
„Dem Leben, dem Tod, you name it.“
„Das ist mir zu allgemein, damit kann ich nichts anfangen.“
„Und ich kann mit dem Konkretisieren nichts anfangen. Genauer:
Nichts mehr anfangen, denn lange habe ich selber auch gedacht, alles
müsse einen konkreten Grund haben. Das glaube ich nicht mehr.“
Als Aurora dann wissen wollte, was ich heute glaube, zitierte ich
Paul Valéry („Das Kausalitätsprinzip hat unserem Geist recht
seltsame Streiche gespielt.“), dem sie zwar zustimmte, doch womit
sie sich nicht zufrieden geben wollte. Auch mein Hinweis auf den
Buddhismus, der das Ich als Illusion begreift, genügte ihr nicht.
Nicht einmal meine eigene Weisheit, der gemäss Widersprüche nur in
meiner Vorstellung existierten, konnte sie zum Schweigen bringen. Sie
insistierte auf einer praktischen Anleitung, die sie für sich selber
prüfen wollte
Also gut, sagte ich, doch dafür muss ich ausholen.
Ob ich glaube, dass Russland in die Ukraine einfallen werde?,
fragte mich ein Student im Januar 2022 während des
Englischunterrichts im brasilianischen Santa Cruz do Sul, wo ich
jeweils drei Monate im Jahr im Einsatz bin. Ich vermute, diese
Drohungen seien der Lage in Russland geschuldet; das Ziel sei wohl,
das Gefühl der Einheit im Innern zu stärken, indem man einen
äusseren Feind heraufbeschwöre, gab ich zur Antwort.
Damals hielt ich meine Antwort für einigermassen vernünftig,
damals hörte ich Leuten zu, die mir Russland oder Amerika erklärten.
Heutzutage halte ich Leute, die glauben, man könne den
allgegenwärtigen Irrsinn erklären, für irrsinnig.
Dass alles seinen (guten) Grund habe, ist uns selbstverständlich,
wie auch, dass niemand etwas ohne (guten) Grund tut. Nur eben: Wer
weiss das schon? Kann man das überhaupt wissen? Man kann es glauben,
und unser Glaube bestimmt unser Tun.
Man kann auch an etwas ganz anderes als an unsere gängigen
Welterklärungen glauben. Seit ich vor gut zwanzig Jahren in der
kalifornischen Wüste (wie passend!) auf Sharon Camerons „It is
possible to think this: without a reference point there is
meaninglessness. But I wish you’d understand that without a
reference point you’re in the real.“ gestossen bin, sehe ich
die Welt anders, neu. Allzu vieles scheint mir heutzutage vollkommen
willkürlich. Die Geschichtsschreibung, die Juristerei … Nichts als
Argumente!
Dass wir unseren Gedanken eine derartige Bedeutung geben, ist mir
so recht eigentlich unbegreiflich, denn sie kommen und gehen, wie es
ihnen passt, machen mit uns, was sie wollen. Die Vorstellung, wir
wüssten, was und warum wir tun, was wir tun, ist absurd.
Ob Sie an ein Leben nach dem Tod glaube?, wurde Hilary Mantel
einst gefragt. Ja, antwortete sie. Sie könne sich zwar nicht
vorstellen, wie das gehen solle, doch das Universum sei nicht so
begrenzt wie ihre Vorstellungskraft.
***
Mein Denken ist ein westliches, also geprägt vom Unterscheiden:
Richtig/Falsch, Entweder/Oder, Schwarz und Weiss, Anfang und Ende.
Die australischen Aborigines, so lernte ich einst von einem
amerikanischen Linguisten, denken anders. Das hier, der Linguist
hielt einen langen, glatten Holzstecken in der Hand, der an beiden
Enden genau gleich aussah, das hier, er deutete auf das eine Ende,
ist der Anfang, und das hier, er deutete auf das andere Ende, ist das
Ende. Der Aborigine nahm ihm den Holzstecken aus der Hand, drehte ihn
um die eigene Achse und fragte: Und wo ist jetzt der Anfang und wo
das Ende?
Ich bin mir der Willkür meines Denkens (und meiner Sprache) oft
bewusst, doch das ändert wenig, da Einsichten generell überschätzt
werden. So wissen wir etwa, dass die Erde um die Sonne kreist, doch
reden wir immer noch davon, dass die Sonne auf- und untergeht!
„Understanding is a feeling“, hat mich meine Auseinandersetzung
mit der Fotografie gelehrt. Ein Denken, dass das Herz nicht erreicht,
ist nichts weiter als eine gedankliche Spielerei.
„Halt, Stopp!“ unterbrach Aurora seinen Vortrag. „Das klingt
mir schon arg nach Denken bringt nichts. Glaubst du das wirklich?“
„Muss es denn was bringen?“, gab Fridolin zurück.
„Dass der Mensch von Nützlichkeitserwägungen geleitet wird,
ist doch offensichtlich.“
„Das sehe ich auch so. Wir werden von der Biologie regiert.
Unser ganzes Streben und Trachten wird von unserem Lebenswillen
bestimmt. Unser Denken ist diesem Lebensinstinkt untergeordnet. So
hat etwa die Hirnforschung gezeigt, dass unser Hirn ständig unser
Verhalten rationalisiert. Im Nachhinein.“
„Im Nachhinein? Du meinst, wir bestimmen nicht, was wir tun, wir
seien so eine Art Maschine?“
„Das sind wir in der Tat, wenn auch eine überaus komplexe und
hoch entwickelte. Nimm doch nur das Sprechen: Wenn ich jetzt mit dir
rede, purzeln die Worte vollkommen automatisch aus meinem Mund, mir
gehen dabei keine grammatikalischen Regeln durch den Kopf, auch habe
ich keinen Schimmer, welches die nachfolgenden Sätze sein werden.“
„Das habe ich mir noch gar nie überlegt.“
„Noch vieles andere funktioniert ganz ohne mein bewusstes
Dazutun. Herzschlag, Atmung, Verdauung. Wir sind so eine Art
Container, in dem das Leben pulsiert.“
„Du meinst also, die Vorstellung, wir würden unser Leben
bestimmen, sei falsch?“
„Sie ist falsch. Objektiv gesehen, also ohne Emotionen, aus
Distanz betrachtet.“
„Das leuchtet mir ein, doch gleichzeitig finde ich unsere Art zu
denken nützlich, schliesslich unterstützt sie unseren
Lebenswillen.“
„So ist es. Doch gleichzeitig macht sie uns leiden, führt sie
uns ins Desaster.“
„Wieso denn das?“
„Sie veranlasst uns, in einer Illusion zu leben. Wir klammern
uns ans Leben, von dem wir wissen, dass es vergänglich ist. Sich an
etwas Vergänglichem festzuhalten, ist schon ziemlich irre.“
„Okay, der Preis dafür ist also Leiden. Doch leiden, das können
wir. Aber ein Desaster?“
„Unser Denken verlangt Sicherheit, Kontrolle. Das ist das
Gegenteil der Unsicherheit, die für unser Dasein charakteristisch
ist.“
„Schon, aber wo siehst du das Desaster?“
„Schau dir an, wie wir die Natur behandeln. Wie blöd, ja, wie
verblendet muss man sein, um die eigene Lebensgrundlage zu zerstören?
Es ist die Diktatur der Gier, die uns regiert. Nichts ist jemals
genug, immer wollen wir Mehr-Mehr-Mehr.“
„Zugegeben, das ist alles andere als rational. Doch wie willst
du das ändern?“
„Indem man das Bild, das man von sich selber hat (Ich weiss, was
ich tue) durch die Realität ersetzt: Ich bin Teil der Natur, Teil
des Universums. Alan Watts hat überaus Schlaues dazu geschrieben.
'Die ganze Welt bewegt sich durch dich hindurch – kosmische
Strahlen, Sauerstoff, der Strom von Steaks und Milch und Eiern, die
du verspeist– , alles fliesst geradewegs durch dich hindurch. Du
bist ein Wirbel, und die Welt wirbelt dich herum.' Ich finde es
ausgesprochen befreiend, mir das so vorzustellen. Auch natürlich,
weil wir in erster Linie wir daraufhin gedrillt werden, das Leben im
Sinne von Fortbestand und Nutzen zu betrachten. Nur eben: Dabei
entgeht uns das Wesentliche, die Magie. Noch einmal Watts: 'Und weil
wir mit der Zeit aufhören, die Magie in der Welt zu sehen, taugen
wir irgendwann nicht mehr für das Spiel der Natur, ihrer selbst
gewahr zu sein, und sterben. Um nichts anderes geht es im Leben.'“
„Klingt schön und gut, doch ich muss Geld verdienen ....“,
lachte Aurora. „Und überhaupt: Du wolltest mir doch erzählen, wie
du mit dem Saufen aufgehört hast. Stattdessen hältst du mir einen
Vortrag über unsere Art zu denken. Wo ist da der Zusammenhang?“
„Hier ist er: Etwa zehn Jahre lang versuchte ich mit dem Saufen
aufzuhören. Alleine, ohne Hilfe. Ich las tonnenweise Psychologie,
Philosophie, Literatur; alles, von dem ich mir Antworten versprach
auf meine existenziellen Nöte. Ein Alkoholproblem war mir zu banal;
dafür war ich zu gescheit, zu komplex, zu schwierig, zu sensibel. In
alten Tagebüchern stiess ich dann des öfteren auf einen Eintrag,
der da lautete: Montag beginne ich ein neues Leben. Zum ersten Mal
notierte ich dies im Alter von vierzehn. Ich schien zu glauben, dass
Veränderungen nur an einem bedeutungsvollen Tag möglich seien.
Montag, Weihnachten, Geburtstag usw. Das war offenbar ein Muster –
und natürlich gänzlich absurd. Mein Kopf wusste das, mein Gefühl
aber nicht. Du kannst dich doch nicht von deinen Gefühlen regieren
lassen, sagte mein Kopf. Konsequenzen hatte es keine. Und dann trat
ein, was ich wusste, das nicht eintreten konnte: An einem Montag, der
gleichzeitig ein 1. Januar war, hörte ich auf zu saufen.“
Aurora lachte: „Kein Wunder traust du deinem Denken nicht mehr.“
„So weit würde ich nicht gehen. Im Alltag finde ich mein
gewohntes Denken ganz okay. Doch da, wo ich die Notwendigkeit zur
Veränderung spüre, darf ich mich nicht darauf verlassen, da muss
ich handeln. Und durchs Handeln verändert sich das Denken. Das
Handeln kommt zuerst, dann kommt erst das Denken. Für die
Hirnforschung ist das schon lange klar.“
„Du meinst: Man kann sich in ein neues Denken hinein handeln?“
„Ganz genau. Bei der Alkoholsucht ist das offensichtlich: Du
weisst nicht nur, dass du ein Problem hast, du weisst auch ganz
genau, was du zu tun hast: Nicht saufen.“
„Wenn es so einfach wäre.“
„Es ist so einfach. Was zu tun ist, ist einfach. Wir sind
schwierig. Wir wehren uns gegen Veränderung, geben erst auf, wenn
wir müssen.“
„Wie bist du da drauf gekommen.“
„In einem Hotel im indischen Jaipur kam ich mit dem Besitzer ins
Gespräch, der mich zu einem Treatment Center mitnahm, das von
Ex-Alkis geführt wurde. Auf meine Frage, wie viele ihrer Patienten
freiwillig hier seien, sagte man mir: Keiner. Und was ihre
Erfolgsquote sei? 17 Prozent. Ich weiss von keiner Suchteinrichtung,
die auf Freiwilligkeit basiert, die eine derartige Erfolgsquote
vorzuweisen hat. So um die 7 Prozent ist meines Wissens die Regel.
Ich leite daraus ab, dass nicht so sehr die Motivation, sondern zu
handeln entscheidend ist. Ob man will oder nicht, man muss es einfach
tun. Drei Monate waren diese Alkis dort eingesperrt, konnten also
nichts trinken. Und bei einigen hat dies zur einer grundlegenden
Veränderung geführt. Ganz einfach, weil sie nicht trinken konnten.“
„Unser gängiges Denken ist in der Tat ganz anders, da liegt der
Akzent eindeutig auf der Motivation.“
„Ich behaupte nicht, dass diese unwichtig sei; ich sage nur,
dass, wie wir wirklich denken, sich in unserem Handeln zeigt. Nicht
in dem, was wir sagen. Auch nicht in unserem Bewusstsein, das eh nur
einen kleinen Teil unseres Seins ausmacht. Wenn mir einer mit viel
Geld und grossem Haus erzählt, Geld sei ihm nicht wichtig, erzählen
mir seine Lebensumstände etwas ganz anderes.“
„Was mir immer noch nicht wirklich klar ist: Wie können wir mit
dem uns geläufigen Denken neu denken lernen?“
„Durch Beobachtung. Als ich letzthin mit meinem jüngeren Bruder
telefonierte, liess ich ihn auch wissen, dass ich schon seit einiger
Zeit die gängigen Erklärungsmuster nicht mehr ertrage. In einer
Goethe-Biografie hätte ich letzthin gelesen, der Dichter und Denker
habe von der Weltgeschichte, 'dieser idealistischen Überhöhung
disparater Ereignisse', wenig gehalten. Und so sähe ich das auch.
Überhaupt, führte ich weiter aus, würden mir Erklärungen wenig
helfen; mein Bemühen liege auf dem genauen Hinschauen, dem
Beobachten meiner Gedanken und Gefühle, die ich übrigens nicht
unterscheiden könne. Dabei sei mir auch aufgefallen, dass meine
Widerstände gegen Veränderungen weit grösser seien als ich mir das
hätte vorstellen können. Nähme ich mir zum Beispiel etwas vor, so
sei damit schon fast garantiert, dass ich es nicht tun würde. Lasse
ich mich jedoch sein wie ich gerade bin, und schaue genau hin, auf
mich und um mich herum, tauche immer mal wieder etwas auf, das ich
dann umgehend angehe. Einer dieser Momente, auf den ich entschlossen
reagiert habe, führte dazu, dass ich angefangen habe, den Keller zu
räumen. Ich sei immer noch dabei. Als ich mit meinen Ausführungen
schliesslich zu Ende kam, meinte mein Bruder, er habe den Eindruck,
ich übe, in der Gegenwart zu sein. Erst seine zusammenfassenden
Worte machten mir klar, dass ich genau das tue. Es ist dies für mich
die einzige Lebensform, die mich nicht verzweifeln lässt. Einen
Schritt nach dem andern zu machen. Langsam.“
„Ganz entspannt im Hier und Jetzt?“, lachte Aurora.
„Wäre ja wirklich nicht schlecht, doch Nein, bei mir geht es
Rauf und Runter, Hin und Her, und das alles rasend schnell. Meine
Befindlichkeit hat C. G. Jung in seiner Autobiografie Erinnerungen,
Träume, Gedanken so beschrieben: „Ich bin
ausserstande, einen definitiven Wert oder Unwert festzustellen, ich
habe kein Urteil über mich und mein Leben. In nichts bin ich ganz
sicher. Ich habe keine definitive Überzeugung – eigentlich von
nichts. Ich weiss nur, dass ich geboren wurde und existiere, und es
ist mir, als ob ich getragen würde. Gleichzeitig erfahre ich eine
Kontinuität des Seins, die mich immer mal wieder dazu verleitet, die
Realität als immerwährende Gegenwart zu begreifen.“
„Verstehe, doch was genau dieses neue Denken ist, verstehe ich
immer noch nicht so recht.“
„Vielleicht sollte es negativ beschreiben: Mich interessieren
Gründe, Erklärungen und Rechtfertigungen heute wenig. Ich finde
absurd, dass vor Gericht, das bessere Argument gewinnt.“
„Okay, doch was wäre die Alternative?“
„Mein Hirn, das antizipatorisch unterwegs ist und mir dauernd
davonrennt, leeren. Não pense, veja (Denke nicht, schau),
habe ich vor Jahren bei einem brasilianischen. Zen-Buddhisten
gelesen. Und vergesse es leider immer wieder. Doch genau das gilt es
zu üben, denn dann bin ich in der Gegenwart.“
„Also für mich klingt das schon sehr nach einem Loblied auf die
Gefühle.“
„Nein, Nein! Mir geht es um Wahrnehmung, Aufmerksamkeit,
Präsenz, genaues Hinhören. Damit meine ich keineswegs meinen
Gefühlen zu folgen, sondern sie gleichsam von aussen zu betrachten,
seinen Verstand einzusetzen und sich zu fragen: Will ich in diese
Richtung oder doch in eine andere.“
„Seinem Bauch folgen.“
„Nur das nicht! Die Bauchgefühl-Enthusiasten sind eitle
Egomanen, die meinen ihre (und nur ihre!) Gefühle seien gleichsam
göttlich. Sie halten sich für Auserwählte. Kennst du Byron Katie?
'Alles kommt und geht.' Und: 'Ich nehme die Dinge wie sie kommen und
gehen. Das ist wahre Liebe', schreibt sie. Wenn man sich auf diese
Sätze wirklich einlässt und das tut man, indem man weder denkt noch
nicht-denkt, sondern sich einfach widerstandslos dem überlässt, was
geschieht, wird man sich frei fühlen.“
„Hingabe also. Das verstehe ich. Doch du hast doch gesagt, wir
sollten den Verstand benutzen, um uns die Richtung vorzugeben. Das
ist doch ein Widerspruch.“
„Na ja, Widersprüche existieren nur in unserem Kopf.“
***
Ein paar Tage später gingen Aurora und Fridolin im Schweizer Jura
spazieren. Bei Courcelon, in der Nähe von Delémont, einem Gebiet
für Pferdeliebhaber, und Fahrrad-Touristen.
„Wenn man von neuem Denken spricht“, setzte Aurora an, „dann
setzt das ja voraus, dass es ein altes Denken gibt, was ich irgendwie
eigenartig finde, da wir doch nur ein Denken haben.“
„So isses! Doch wir können die Richtung vorgeben. Glauben wir
zumindest. Und was wir glauben, leitet uns. Als die Schauspielerin
Beryl Reid einmal gefragt wurde, 'wie sie sich in eine neue Figur
einfinde, wie sie das Gefühl dafür bekomme, jemand anders zu sein,
antwortete sie: 'Als Erstes suche ich mir die Schuhe aus.' Der Rest
kommt dann von ganz allein.' Weil sie damit der Automatik, die uns
grösstenteils bestimmt, die Richtung vorgegeben hat.“
„Das gefällt mir. Und erinnert mich an Sherlock Holmes, der die
Auffassung vertritt, dass das Aufnahmevermögen unseres Hirn begrenzt
ist, weshalb wir denn auch gut überlegen sollten, welches Wissen uns
dienlich ist und welches vollkommen unnütz ist.“
„Denk nur einmal an die Medien, die jeden Tag Psychopathen eine
Plattform geben. Weil sie damit Klicks erhalten. Das ist sowas von
krank, ich habe mich davon verabschiedet.“
„Dich kümmert nicht, was auf der Welt vor sich geht?“
„Schlagzeilen und Vorspann genügen.“
„Und was tust Du stattdessen?“
„Ich gebe mir Mühe, geistig da zu sein, wo ich physisch bin. Da
das Hirn kein neutraler Beobachter der Wirklichkeit, sondern ein
Vorhersageorgan ist, bin ich dabei, das Innehalten lernen.“
„Du sagst Dir also: Halt! Stopp!“
„Genau. Daraufhin entschleunige ich, gehe ich die Dinge
langsamer an. Das fördert mein Präsent-Sein.“
„Was meint Vorhersageorgan eigentlich konkret““
„Das Gehirn nutzt sein Vorwissen und seine Erwartungen über die
Welt, um sie zu verstehen. Anders gesagt: Wie wir die Welt sehen,
wird bestimmt von dem, was wir wissen und erwarten. We do
not see things as they are, we see things as we are, heisst es
im Talmud.“
„Innehalten bedeutet also, das Hirn anzuhalten?“
„Das geht leider nicht“, lachte Fridolin, „ist womöglich
aber auch gut so. Innehalten erlebe ich als staunendes Wahrnehmen
dieses rasanten Stroms von Gefühlen, Gedanken, Emotionen, die mein
Hirn durchqueren. Da gibt es weder Anfang, Ende, noch Auslöser. Und
führt dazu, dass ich mich dem nur hingeben kann.“
***
Natürlich richtete Fridolin nicht seine ganze Energie darauf,
möglichst gegenwärtig zu sein. Das ging nur ab und zu, und auch
dann eher selten so, wie er es sich wünschte. Doch neu zu denken –
und darum war es ihm nicht unwesentlich zu tun – bedeutete nicht
nur, vom vertrauten Medienkonsum abzulassen, sondern sich neu zu
orientieren. In seinem Falle meinte das, sich nicht mehr auf das zu
konzentrieren, das er nicht hatte, sondern zu lernen, dankbar dafür
zu sein, was er hatte.
Er stellte sich vor sein Bücherregal, nahm heraus, was ihm gerade
ins Auge fiel. Rohinton Mistry: A Fine Balance. In Singapur
gekauft, daran erinnerte er sich, zu einer Zeit, da er von
Asiatischem nicht genug kriegen konnte. Hatte er es jemals gelesen?
Er wusste es nicht, bezweifelte es jedoch. Und hier: Zia Haider
Rahman: soweit wir wissen, worin er sich unter anderem
angestrichen hatte: „... wir müssen die Erwartung aufgeben, alles
verstehen zu können, um wenigstens den Weg zu einem teilweisen
Verständnis einzuräumen.“ Kein neuer Gedanke, wahrlich nicht. Ihn
anzuwenden, würde ihn allerdings zu einem neuen Gedanken machen,
denn was wir wirklich denken, zeigt sich allein in unserem Tun.