Mittwoch, 4. März 2026

Die Schnecke ist langsam, aber nie zu spät

"Im Zentrum dieses Buches steht eine schlichte Botschaft:
Kämpfe nicht gegen dich selbst an.
Kämpfe nicht gegen andere an."

Voraussetzung dafür ist, die Dinge und Menschen so zu sehen wie sie sind. Dies wiederum meint, unsere selbstsüchtige Brille, mit der wir falsch interpretieren, abzulegen. Wie das geht, zeigt die südkoreanische Nonne Jung-mok in diesem Buch.

Für diejenigen, die mit dem Buddhismus nicht unvertraut sind, bieten diese Aufzeichnungen kaum Neues, doch die einfache, unprätentiöse Art und Weise, wie die Autorin sich ausdrückt, ist nicht nur sympathisch, sondern bewirkt eine Klarheit, die wohltuend ist. Zudem gilt: Wir sind vergesslich. Man kann uns nicht genug auf Wesentliches aufmerksam machen.

"Warum tun wir uns so schwer damit, Krankheit und Tod auf dieselbe Weise zu akzeptieren, wie wir akzeptieren, dass frische, strahlende Blumen mit der Zeit verwelken?", fragt Jung-mok. "Im Buddhismus wird der Tod als die Trennung von Körper und Geist angesehen. Daher ist der Tod also nicht das Ende von etwas oder der letzte Vorhang, der fällt, sondern einfach die Verwandlung in eine andere Form. Unser Unbehagen in Bezug auf Altern, Krankheit und Tod stammt aus der Unwissenheit, die diese Wahrheit verleugnet."

Uns mangelt es daran, die Dinge zu sehen wie sie sind. Daher leiden wir, lehrt der Buddhismus. Daraus folgt, dass, um die Welt erleben zu können, wie sie ist, wir zuallererst unsere Unwissenheit überwinden müssen. Wir sind Teil der Natur, wir existieren nicht separariert von ihr. 

Die Gedanken von Jung-mok sind überaus hilfreich, weil sie nicht langfädige, gelehrte Erklärungen liefert, sondern Wesentliches herausschält. "Wenn das, was man sagt, wahr ist, werde ich akzeptieren, was kommt. Wenn nicht, wird es an mir vorübergehen. Sich an jedes Wort zu klammern, das wir hören, stört den natürlichen Fluss, verstrickt unsere Herzen in Leid und gebiert Unglück." Wunderbar!

Die Schnecke ist langsam, aber nie zu spät ist reich an nützlichen Ratschlägen. Wohlmeinende Pädagogen, die behaupten Ratschäge seien auch Schläge, irren wie es viele, die es gut meinen, oft tun. Siehe auch hier.

Es gibt auch Ratschläge, die mich schmunzeln machen. "Klopfe sanft mit den Fingerspitzen gegen deinen Kopf nicht mit den Fingernägeln, sondern mit den Fingerspitzen. Klopfe um deine Stirn und deine Augen herum. Das wird deinen Geist klären." Probieren geht über studieren. Das gilt auch für Anregungen, denen ich mit Skepsis begegne. "Wenn wir
Gegenstände mit Respekt behandeln, werden sie auf ihre eigene Weise auf uns reagieren."

Die Schnecke ist langsam, aber nie zu spät ist ein Buch von praktischer Relevanz. Jung-mok sagt, was zu tun ist, wenn man Wut empfindet oder wenn einem der Geist dauernd davonrennt. Wer in der Gegenwart sein will, muss verstehen, dass die Vergangenheit allein in unseren Köpfen  existiert.

Wir sind uns meist nicht bewusst, wie voreingenommen wir die Welt sehen. Es ist selten, dass wir an unserer Logik zweifeln, die allerdings nichts anderes ist als eine Gewohnheit zu denken. Jung-mok lenkt den Akzent auf die Anschauung: Je unvoreingenommener diese ist, desto eher erfahren wir die Welt wie sie wirklich ist.

So recht eigentlich ist dieses Buch ein Plädoyer für die Achtsamkeit. Und das impliziert, uns von unseren Denkgewohnheiten zu befreien und neue Gewohnheiten einzuüben. "Wenn wir uns daran gewöhnen, andere so zu betrachten wie uns selbst, beginnen wir, ihr Leiden als unser eigenes zu empfinden."

"Buddhistische Geschichten und Meditationen für mehr Freude und Klarheit" verspricht der Untertitel. Und er hält, was er verspricht: Freude und Klarhheit stellen sich in der Tat ein, wenn man die Gedanken in diesem Buch auf sich wirken lässt.

Jung-mok
Die Schnecke ist langsam, aber nie zu spät
Buddhistische Geschichten und Meditationen für mehr Freude und Klarheit
O.W. Barth, München 2026

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