Ivo Murcks, Sachbuchautor mit Spezialgebiet Biografien, sagt von sich: "Nein, Hegel bin ich nicht. Ich könnte es aber sein ...", schliesslich ähnelt er ihm: "Grämlicher Gesichtsausdruck, trüber, spähender Blick, die Augen hervorquellend vom Genuss zu vieler alkoholischer Getränke, die ihm explosive Blähungen einbrachten ...". Dazu kommt: "Hegel wollte das Leben mit einer Ordnung überziehen, in der alles an seinem Platz war und sich selbst genügte. Das wollte ich auch, hatte aber nicht die Mittel dazu."
Was tut der Mensch, wenn er nicht mehr weiter weiss? Er besinnt sich auf seine Stärken, so er denn welche hat, und gibt sich in der Folge seinen Gewohnheiten hin, zu denen im Falle von Ivo Murcks das Schreiben von Biografien gehört. Eines Morgens ("Ich fühlte mich auf befremdliche Weise energiegeladen.") nimmt er die Arbeit an Hegels Biografie auf.
"Egal wie man aussieht, egal wie man heisst – man wird sich nicht los. An dieser profunden Einsicht, für die andere zwanzig Semester studieren müssen, um sie dann doch knapp zu verfehlen, merkte ich, dass ich noch gut in Form war." Es sind solche Sätze (und es gibt viele davon), die mir dieses Werk zu einem Lesegenuss erster Güte machen.
Es gab offenbar zwei Hegel. Einerseits den Abenteurer des Geistes, andererseits den biederen Bürger, dem der massvolle Umgang mit Alkohol nicht gegeben war, was natürlich durchaus einleuchtend (was uns nicht alles einleuchtet!) rationalisiert wird. "Alle wirklich edlen Getränke, ausser dem unverzichtbaren Quellwasser, haben Alkohol in sich; ich weiss das zu schätzen, besonders wenn die Stunde vorgerückt ist."
Autor Böhmer bringt uns jedoch nicht nur Hegel näher, sondern klärt auch über allerlei Grundsätzliches auf, wie etwa, dass Psychiater sich ja nicht nur um die Schäden ihrer Patienten, sondern auch um ihre eigenen kümmern müssen, oder dass es Universitäten aufgegeben ist, Berufsleute heranzubilden wie "Lehrer, Pfarrer, Ärzte und Juristen, die sich nicht mehr Gedanken machen als nötig."
Und so nebenbei erfahren wir auch, dass dem Autor die Meditation dasselbe bedeutet wie Nichtstun, und sich seine Achtung vor der Psychotherapie in überschaubaren Grenzen hält. "Erwähnte ich schon, dass ich es nicht mag, wenn man sich die Seele wie eine benutzerdefinierte Apparatur vorstellt, auf der man nur die richtigen Knöpfe drücken muss, und sie erbringt ihre Leistung?" Sehr schön, diese wohl kaum mehrheitsfähigen Auffassungen.
Konträr zur damals gängigen Auffassung auch Hegel. "Die Wirklichkeit ist das Denken, zumindest macht das Denken ihr Wesentliches aus. Ohne das Denken ist die Wirklichkeit zwar vorhanden, aber sie wird nicht gewusst und zählt eigentlich nicht. Erst die vom Geist durchdrungene Wirklichkeit ist wahre und vernünftige Wirklichkeit."
Hegel, einst Hauslehrer in Bern, war wenig beeindruckt von den Schweizer Alpen, fühlte sich eingeengt, obwohl er durchaus erkannte, "dass es eine Grossartigkeit in der Natur gibt, die das gewöhnliche Auffassungsvermögen übersteigt." Nur eben: Er ist für die Natur nicht geschaffen. "Der Anblick dieser ewig toten Massen, gab mir nichts als die einförmige und langweilige Vorstellung: Es ist so." Was bescheideneren und nüchterneren Geistern genügen mochte, reichte dem Philosophen Hegel jedoch nicht, dessen Geist "erst im Denken, endgültig, zu sich selbst kommt."
Eloquent und sehr, sehr lustig, reich an erhellenden Einsichten, gescheit und selbstironisch, versetzt Otto A. Böhmer Hegels Leben und Werk in die Gegenwart, die vor allem dadurch auffällt, dass sie der Demut Adieu gesagt hat und glaubt, sich selber zu genügen. Darein passt auch bestens der ein Leben lang schwäbelnde Weintrinker Hegel, der "nach eigener Einschätzung zum einflussreichsten deutschen Philosophen wird" und dessen Hegel-Prinzip, "über das Wirkliche das Denkbare setzt."
Das Leben zu verstehen, bedeutet, es leicht und mit Humor zu nehmen. Das finde ich vielfältigst dargestellt in diesem lebensweisen Buch.
Otto A. Böhmer
Lebt denn der alte Hegel noch?
Die Kunst des metaphysischen Trinkens
der blaue reiter, Hannover 2026

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