Sonntag, 13. September 2026
Shitfluencer
Mittwoch, 9. September 2026
Von der Sucht
Süchtige kriegen den Hals nicht voll. Sie sind gierig. Nie haben sie genug, immer müssen sie mehr und Neues und Anderes haben. Bei Allem und Jedem. Ich zum Beispiel bei Büchern. Unsere Gesellschaft braucht Süchtige, sie werden Konsumenten genannt. Von was auch immer. Ohne sie würde „unser“ Wirtschaftssystem zusammenbrechen.
Gier macht abhängig. Den meisten scheint das egal und denen, die damit ein Problem haben, hilft die Einsicht wenig. Denn Gier ist ein Gefühl und dagegen kommt der Verstand nicht an, hingegen hilft häufig ein anderes, stärkeres Gefühl. Wer Veränderung will, muss ein solches hegen und pflegen. Es geht darum, sich in ein neues Gefühl hineinzuhandeln.
Seit einiger Zeit stelle ich mich immer mal wieder vor meine Regale, betrachte die Bücher, nehme einige zur Hand, blättere darin und lese mich gelegentlich fest. Zum Beispiel bei Rodney Smith: Frei von Selbsttäuschung: „Es ist unser Widerstand gegen die Realität, nicht die Realität selbst, was Leiden schafft.“ Und bei Hans Albrecht Moser: Auf der Suche: „Alles muss geübt sein, nicht nur Turnen, Klavierspielen, Reden … auch die Loslösung von dieser Welt. Es wäre eine härtere Welt denkbar, wo alle Übung vergebens wäre.
Ich merke, dass ich die Bücher bereits habe, die ich zu brauchen glaube. Und dazu noch ganz viele, die darauf warten entdeckt zu werden. Jetzt gilt es nur noch zu tun, was ich weiss, dass ich tun sollte: Mich auf das zu konzentrieren, was ich habe und vor meiner Nase liegt. Tue ich das, dann stellen sich auch die Gefühle ein, die der Gier Paroli bieten.
Übrigens: Zu den Büchern, die ich zwar gelesen, aber überhaupt keine Erinnerung an den Inhalt hatte, gehört Dainin Katagiris You have to say something. Manifesting Zen Insight. Ich hatte mir ein paar Stellen darin angestrichen und bin heute bass erstaunt, wie genau sie treffen, was mich mein Leben lang wichtig gedünkt hat und ich auch immer wieder gespürt, gemerkt und gefühlt habe. If you really want to please yourself, just forget your longing and attend to your daily life. In this we find goldenness. Ich habe das Buch auf meinen Tisch, also vor meine Nase, gelegt, als Erinnerungsstütze, denn mein Üben besteht darin, immer wieder auf diese mir den Alltag wertvoll machende Philosophie zurückzukommen.
Sonntag, 6. September 2026
Die amerikanische Krankheit
In meinen Augen wurde Amerika schon immer überbewertet und mit Hollywood verwechselt. Die Corona-Pandemie zeigt gerade, dass weit mehr als man sich hat vorstellen können, im Argen liegt. Ein nüchterner Blick tut schon lange Not, angesichts der jetzigen Regierung wird er dringend. Und Geschichtsprofessor Timothy Snyder liefert ihn und zwar so, wie man das am besten tut: Indem man konkret und grundsätzlich wird – seinen Anfang nimmt Die amerikanische Krankheit mit seinen eigenen Erfahrungen mit dem Gesundheitswesen.
Im Dezember 2019 stimmt einiges nicht mit seiner Gesundheit. In München wird eine Blinddarmentzündung übersehen, in Connecticut wird er operiert, in Florida kurz darauf wieder krank. Schliesslich landet er mit einer Sepsis („der Tod war nahe“) in einer überfüllten Notaufnahme in New Haven. Er schildert dies nüchtern und unaufgeregt, beschreibt in einfacher Sprache, was er wahrnimmt: Ein völlig überfordertes System – kein Wunder, denn es ist darauf angelegt, dass einige wenige davon profitieren. „Die Spezialisten in Sachen Profit sind in den physischen und mentalen Raum vorgedrungen, der einst von den Spezialisten in Sachen Medizin kontrolliert wurde.“
Zeit zu haben und sich in Geduld zu üben, gehört nicht zu den Wesensmerkmalen unseres modernen Lebens. Die Beobachtungen, die der Patient Snyder im amerikanischen Spital macht, bringen es auf den Punkt: „Menschen sind bei fast jeder Aufgabe viel schlechter, wenn sie in der Nähe eines Mobiltelefons sind; beide Ärzte hatten die ihren eingeschaltet und zur Hand.“ Und: „Die ständige Ablenkung der Ärzte und Krankenschwestern ist ein Symptom unserer Krankheit. Jeder Patient hat eine Geschichte, aber niemand geht der Geschichte nach.“
Am Rande: Einmal hört er zwei Krankenschwestern sich über eine Freundin, eine schwarze Ärztin, die sich für ihn einsetzt, unterhalten. „’Wer war sie?‘ ‚Sie hat gesagt, sie sei Ärztin.‘ Sie sprachen über meine Freundin. Sie lachten (…) Rassismus beschädigte in dieser Nacht meine Lebenschancen; er beschädigt die Lebenschancen anderer in jedem Augenblick ihres Lebens.“
Warum er keine einflussreichen Fürsprecher zu seinem Schutz herbeigerufen habe, als er in der Notaufnahme gewesen sei, wird er von Kollegen gefragt. Seine Antwort zeigt, weshalb die Gesundheitspolitik mitentscheidend dafür ist, ob wir in einer wirklichen Demokratie (und nicht einer solchen des Geldes) leben. „Wenn jeder Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung zu minimalen Kosten hat, wie dies für fast alle Menschen in der entwickelten Welt gilt, ist es einfacher, Mitbürger als gleichberechtigt zu betrachten.“
Timothy Snyder ist beruflich viel unterwegs und, da er unter heftiger Migräne leidet, auch zu einer Person geworden, „die nachts in fremden Ländern Krankenhäuser aufsuchte.“ Dabei machte er auch die Erfahrung, dass „die Ärzte in Europa Zeit haben, etwas zu tun, das über das Ausstellen von Rezepten hinausgeht „…Und mir ist klar geworden, dass sie in einem System arbeiten, dass all das ermöglicht und fördert.“ Er scheint also ausgesprochen gute Erfahrungen gemacht zu haben. Das geht allerdings nicht allen so, wie der Arzt Klaus Scheidtmann in Seitenwechsel berichtet.
Das Ehepaar Snyder hat zwei Kinder, das eine wurde in Wien geboren, das andere in den USA. Die Unterschiede sind eklatant – was in Österreich selbstverständlich ist, kostet in Amerika viel Geld. Doch Die amerikanische Krankheit stellt nicht einfach Gesundheitssysteme einander gegenüber, sondern wird grundsätzlich: Als Covid-19 die USA erreichte, wollte die US-Regierung die Wahrheit nicht wahrhaben, beschwichtigte, log und lügt immer noch. „Da die Wahrheit einen befreit, widersetzen sich die Menschen, die einen unterdrücken, der Wahrheit (…) Die Wahrheit erfordert Arbeit, Fakten stimmten oft nicht mit dem überein, was wir glauben, was wir glauben wollen oder was wir glauben sollen. Fakten sind das, was wir begreifen, wenn wir die richtige Distanz zwischen unseren Gefühlen und der Welt um uns herum feststellen.“
Fazit: Ein engagiertes und überzeugendes Plädoyer gegen die kommerzielle Medizin.
Timothy Snyder
Die
amerikanische Krankheit
Vier Lektionen der Freiheit aus einem
US-Hospital
C.H. Beck, München 2020
Mittwoch, 2. September 2026
Frei nach Schopenhauer
"Wenn man auch noch so alt wird", befand Schopenhauer, "so fühlt man doch im Innern sich ganz und gar als denselben, der man war, als man jung, ja, als man noch ein Kind war", lese ich in Otto A. Böhmers Frei nach Schopenhauer, einem philosophischen Roman, dessen Hauptdarsteller Egidius Fitzroy eine Philosophische Praxis betreibt, wo er Menschen rät, die sich mit Sinn- und Lebensfragen an ihn wenden. "Der Mensch, war seine Überzeugung, ist ein Empfänger, kein Sendbote, er hat im Rahmen insgesamt bescheidener Möglichkeiten hellhörig zu sein, weil ihm sonst etwas entgehen könnte, das wichtig für ihn ist."
Seien wir also so hellhörig wie möglich, denn es lohnt. Nicht nur weil Schopenhauer viel Schlaues, Hilfreiches und ausgesprochen Realistisches über den Menschen und die Welt geschrieben hat, sondern auch weil Otto A. Böhmer (wofür wohl das A steht? Ich entscheide mich für Aha) ein sehr differenzierter und ein sehr witziger Erzähler ist.
Frei nach Schopenhauer ist von einem ausgesprochen fantasievollen Mann geschrieben worden. Ich jedenfalls habe noch nie so anregend über eine Kreuzfahrt gelesen. "Das Meer war, höflich gesprochen, gänzlich unaufgeregt, der Wellengang bestenfalls zu ahnen, aber kaum zu spüren. Die Wolken, in undefinierbarer Ferne, konnte man für ein über Nacht entstandenes Gebirge halten, mit rauchigen Kegelköpfen, verschwimmenden Spalten und Schluchten, und die Entstehung dieser atlantischen Bergwelt war keineswegs abgeschlossen, sie zog weiter, pumpte sich auf, um gleich darauf an den Überhängen gekappt zu worden."
Frei nach Schopenhauer ist ein äusserst vergnügliches und höchst lehrreiches Buch. So wird der Leser etwa über die Zeit aufgeklärt, "ohnehin ein relatives Phänomen, das womöglich kaum mehr als ein Assistenzmedium des Menschen ist, der damit mehr Möglichkeiten bekommen hat, sich unter Druck zu setzen ...".
Als die Internationale Schopenhauer Gesellschaft Egidius Fitzroy auf ein Kreuzfahrtschiff schickt, wo er philosophische Sprechstunden abhalten soll, ist er gezwungen zu fliegen, was ihm gar nicht behagt. Zu seinem Bedauern wird der Frankfurter Flughafen ("Um ihn herum unerträglich gut gelaunte Urlauber, vorwiegend Familien mit verhaltensgestörten Kindern, dazu acht, neun muntere Greise und eine Ansammlung von Alkoholikern, die alle quergestreifte T-Shirts trugen, auf denen Werbung gemacht wurde für den bekannten Männergesangsverein 'Halbe-Lunge WAF'.) nicht bestreikt und so muss er in die Luft ("Fitzroy kam in die Mitte einer Dreierreihe zu sitzen, die für ihn allein schon zu eng war. Wer dachte sich bloss solche Diätbestuhlungen aus ...").
In Lanzarote besteigt er dann zusammen mit dem Ehepaar Gantenbein ein Taxi, "dass etwas altersschwach aussah, was aber durch die vertrauenserweckende Erscheinung des Taxifahrers wettgemacht wurde, der seine Fahrgäste mit absolut treuherzigem Blick anschaute und in einer Sprache begrüsste, die sich als weitgehend unverständlich erwies. Spanisch war dabei, ein paar Brocken Englisch, dazu kam aus dem deutschen Sprachraum 'Grüss Gott' und 'gerne' sowie, ein wenig überraschend, 'Sie mich auch'; der Rest gehörte wohl einer einheimischen Mundart an, die nicht ganz zu Unrecht vom Aussterben bedroht war."
Immer wieder wird, es versteht sich, bei diesem Buchtitel, auf Schopenhauer Bezug genommen. Dabei erfahre ich unter anderem auch, dass Schopenhauer eher ein Mann des unnachgiebigen Dialogs war, als dass er auf Diskussionen aus gewesen wäre. "In seinen Schriften steckt vielleicht auch deswegen ein Quantum Weisheit, wie es die allermeisten seiner Kollegen nicht zusammenbekommen haben." Und ich lese, dass der Dichter Miguel de Unamuno seinerzeit angeblich Deutsch gelernt hatte, um Schopenhauer im Original lesen zu können.
Höchst aufschlussreich auch, dass Schopenhauer offenbar dem Blick in den Spiegel nicht über den Weg getraut hat. "Warum", so schrieb er, "warum trotz allen Spiegeln, weiss man eigentlich nicht, wie man aussieht und kann daher nicht die eigne Person wie die jedes Bekannten, der Phantasie vergegenwärtigen?, eine Schwierigkeit, welche dem 'Erkenne dich selbst' schon beim ersten Schritte entgegensteht. Ohne Zweifel liegt es zum Teil daran, dass man im Spiegel sich nie anders als mit gerade zugewendetem und unbeweglichem Blicke sieht, wodurch das so bedeutsame Spiel der Augen, mit ihm aber das eigentlich Charakteristische des Blickes, grossenteils verlorengeht."
Fitzroy bezeichnet sich "auch aufgrund der ihm zugeteilten Denkfaulheit" als Realist und Pragmatiker, den es nicht, wie einige Kollegen, danach drängt, "das Undenkbare zu denken" und der deshalb auch nicht "heilloser Verwirrung anheimgefallen" ist, "die durch psychotherapeutische Behandlung, in die man sich anschliessend begab, nur noch grösser wurde." Treffender kann man kaum für eine gesunde Bodenhaftung plädieren, zu der auch diese Feststellung gehört: "Fitzroy war traurig. Intellektuelle Einwände gegen ein solches Gefühl, das einfach nur da war und zu Herzen ging, standen ihm nicht zur Verfügung."
Ein ganz wunderbares Buch! Ich habe Tränen gelacht und viel gelernt – glänzender Witz und auf die Lebenspraxis ausgerichtete philosophische Gedanken, meine absolute Ideal-Kombination! Otto A. Böhmer beherrscht sie meisterhaft. Frei nach Schopenhauer ist intelligente Unterhaltung vom Feinsten!
Otto A. Böhmer
Frei nach Schopenhauer
Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2018
Sonntag, 30. August 2026
Aus dem Geschichtsbuch gefallen
Herausgekommen ist dabei wunderbart Amüsantes und höchst Lehrreiches. Speziell hinweisen möchte ich auf Daniel Defoes Robinson Crusoe bzw. auf Alexander Selkirk, dem Mann, "der Robinson Crusoe wurde". Der Grund, weshalb diese Geschichte mein ganz besonderers Interesse geweckt hat, liegt einerseits darin, dass ich letzthin Daniel Defoes Roman gelesen habe; der andere, weil ich fasziniert davon gewesen bin, was Markus Gasser aus dem Material gemacht hat.
Mittwoch, 26. August 2026
Hegel. Der Weltphilosoph
Dass ein Buch zur gerade rechten Zeit komme, kann man immer mal wieder hören. Im Falle von Sebastian Ostritschs Hegel. Der Weltphilosoph trifft das in ganz besonderem Masse auf die ersten Seiten des Prologs zu. Da wird nämlich geschildert, dass zu der Zeit als Georg Wilhelm Friedrich Hegel starb, die Cholera herrschte und der Philosoph am Nachmittag des 14. November 1831 nach gerade mal anderthalbtägiger Krankheit ein „schmerzfreies, sanftes, seliges Ende“ gefunden hatte. Der Totenschein wies als Todesursache die Cholera aus; ein bestens vernetzter Freund Hegels bewirkte, dass die Vorschriften für die Bestattung von Choleratoten für Hegel ausgesetzt wurden. „Die Beisetzung am 16. November 1831 wurde zu einem Massenereignis.“ In den heutigen Corona-Zeiten wäre das so in Berlin wohl kaum möglich.
Einen packenderen Einstieg in ein Sachbuch habe ich selten gelesen – und in die Biografie eines Philosophen noch gar nie (wobei: so viele Philosophen-Biografien habe ich nun auch nicht gelesen). Da ich kaum etwas von Hegel und seiner Zeit weiss, ist dieses Buch auch eine willkommene Geschichtslektion. So lerne ich etwa, dass nach dem Massenmord im September 1792 die liberal gesinnten Intellektuellen in Deutschland sich von der Revolution zu distanzieren begannen und Schiller wenige Wochen nach der Hinrichtung des französischen Königs im Januar 1793 an einen Freund schrieb: „Ich kann seit vierzehn Tagen keine französische Zeitung mehr lesen, so ekeln diese elenden Schindersknechte mich an.“
Einen Menschen in seiner Zeit zu schildern, heisst natürlich auch von seinen Vorgängern und Weggefährten zu erzählen. Und so erfährt man dann auch einiges vom Denken von Kant, Spinoza, Schiller, Fichte, Schelling und Hölderlin. Der Autor Sebastian Ostritsch, der am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart lehrt, verfügt über viel pädagogisches Geschick, was sich unter anderem darin zeigt, wie er aus Humes Skepsis an der Kausalität folgert, dass wir uns von dem Gedanken lösen müssen, „dass der Mensch der Natur ihre Gesetzmässigkeiten ablesen könnte.“
Hegel sei in seinem Denken und Verhalten sehr schwäbisch gewesen, so sein Biograf. Das meint, dass ihm eine recht behäbige und joviale Mentalität eignete, die nicht mit Entweder-oder, sondern mit Weder-noch und Sowohl-als-auch operiert und sich vornimmt, den Dualismus Kants und die All-Einheit Spinozas zusammenzubringen. „Allen Reduktionismen und Einseitigkeiten, die uns nur einen verzerrten Blick auf uns selbst und das Ganze erlauben, stellt Hegel die grandiose Vision eines von der Vernunft beherrschten Universums entgegen, in dem alle Gegensätze in der Einheit des Geistes – des wahrhaft Absoluten – aufgehoben sind.“
Eigenartig, ja geradezu befremdend fand ich Hegels Reaktion auf die Schweizer Bergwelt, die er „als kalt, schroff und tot“ erlebte: „Der Anblick dieser ewigen toten Massen gab mir nichts als die einförmige und in die Länge langweilige Vorstellung: es ist so.“ Den Gegensatz totes Gestein/belebte Natur halte ich für einen vermeintlichen. So schildert der Geologe William E. Glassley in Eine wildere Zeit wie er einmal mit einem Stahlhammer kräftig auf ein besonders hartes Gestein einschlug und plötzlich etwas „wie nach versengtem Haar, heiss gewordenem Metall oder Wüstenstaub“ roch – seine Hammerschläge hatten die chemischen Verbindungen im Gestein aufgebrochen. „Das Gestein, zerbrochen durch einen von Neugier motivierten Gewaltakt, entliess Kohlenstoff-, Calcium- und Magnesiumatome in die Welt.“
Mit Erstaunen nahm ich zur Kenntnis, dass Schelling mit gerade mal 23 Jahren (durch die Unterstützung Fichtes und Goethes – einem Strippenzieher par excellence) zum ausserordentlichen Professor in Jena berufen wurde und Hegel bereits in recht jungen Jahren „echte Jünger“ um sich zu scharen vermochte.
Hegel. Der Weltphilosoph ist auch reich an Anekdoten. Bevor er es schaffte, eine Universitätsstelle antreten zu können, verbrachte Hegel einige Jahre als Hauslehrer bei der Patrizierfamilie Steiger in Bern, während Studienkollege Hölderlin bei der Schiller-Gönnerin Charlotte von Kalb als Hofmeister im Einsatz war, was diesem jedoch zu schaffen machte, gehörte es doch zu seinen Aufgaben, Frau Kalbs Sohn, einen „talentbefreiten Nichtsnutz mit einem Hang zur Daueronanie“, von diesem Zwang abzubringen. Leider erfährt man nicht, wie er dabei vorgegangen ist ...
Hegel ist bereits über vierzig Jahre alt, als er am 15. September 1811 heiratet. Im Gegensatz zu Kant, so Ostrisch, der die Ehe als Vertrag zwischen zwei Individuen sah, war Hegels Vorstellung, dass die Ehepartner „aufhören, voneinander isolierte Individuen zu sein“ und gleichsam eins werden. „Die lebenslange 'seelische Zufriedenheit', von der Hegel allein zu träumen wagte, sollte ihm und Marie aber dann auch tatsächlich beschieden sein.“ Es versteht sich: Das kann niemand wirklich wissen, ist also Spekulation – doch das ist letztendlich jede Biografie, auch wenn nicht jede so fundiert ist wie die vorliegende.
Hegel. Der Weltphilosoph ist gleichzeitig klar argumentierte, gut geschriebene Biografie, spannende Geschichtsstunde sowie lehrreiche Einführung in das philosophische Werk. Überzeugend führt Sebastian Ostritsch aus, dass wir auch heute von Hegel lernen können. Dass der Vernunftpluralismus ein Schmarren ist, zum Beispiel. Oder dass die Überwindung der Gegensätze das zentrale Ziel des Denkens (und damit des Seins) sein sollte.
Sebastian Ostritsch
Hegel
Der
Weltphilosoph
Propyläen, Berlin 2020
Sonntag, 23. August 2026
Lebenshilfen
Die hier aufgeführten Zitate drücken Wahrheiten aus, die mir teuer sind und mich leiten. Damit ich sie nicht vergesse, habe ich sie aufgeschrieben (in der Sprache, in der ich auf sie gestossen bin): Als Gedankenstützen, auf die ich immer wieder zurückkomme, denn sie konfrontieren mich mit der Realität und machen mir so das Leben erträglich und gelegentlich auch leicht.
Leben
ist nur ein wandelnd Schattenbild:
ein armer Komödiant, der eine
Stunde lang
sich spreizt und fuchtelt auf der Bühne, dann
nicht
mehr gehört wird; eines Toren Fabel nur,
voll Schall und Wahn,
jedweden Sinnes bar.
William
Shakespeare
Macbeth,
V. Akt, 5. Szene
Existence
with all its horrors is endurable only as an aesthetic fact.
Richard
Rorty
Im
Grunde sind alle Ideen falsch und absurd. Es bleiben nur die
Menschen, so wie sie sind.
Émile
Michel Cioran
Caminante,
son tus huellas
el camino y nada más;
caminante, no hay
camino,
se hace camino al andar.
Antonio
Machado
Wenn
Du hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du hervorbringst,
Dich retten. Wenn Du nicht hervorbringst, was in Dir ist, wird das,
was Du nicht hervorbringst, Dich zerstören.
Thomas
Evangelium
Wear
the world as a loose garment, which touches us in a few places and
there lightly
St.
Francis of Assisi
Was
Sie nämlich wirklich glauben (nicht, was Sie zu glauben meinen),
wird man nur herausfinden, wenn man sich ihr Verhalten ansieht. Davor
wissen Sie selbst nicht, was Sie glauben. Sie sind viel zu komplex,
um sich selbst zu begreifen.
Jordan
B. Peterson
12
Rules for Life
Quelle
que soit la durée de votre séjour sur cette petite planète, et
quoi qu’il vous advienne, le plus important c’est que vous
puissiez – de temps en temps – sentir la caresse exquise de la
vie.
Jean-Baptiste
Charbonneau
Avis
de Passage (1957)
Spezialität
ist mir unmöglich. Ich werde belächelt. Sie sind kein Dichter. Sie
sind kein Philosoph. Sie sind weder Geometer noch sonst etwas. Sie
betreiben nichts gründlich. Mit welchem Recht sprechen Sie von
dieser Sache, da Sie sich ihr nicht mit Ausschliesslichkeit widmen?
Ach ja, – ich bin wie das Auge, welches sieht, was es sieht. Es
braucht sich nur ein klein wenig zu bewegen, und die Mauer verwandelt
sich in eine Wolke; die Wolke in eine Uhr; die Uhr in Buchstaben, die
sprechen. – Vielleicht ist das meine Spezialität. Meine
Spezialität, das ist mein Geist.
Paul
Valéry
Liberdade
é pouco. O que eu desejo ainda não tem nome.
Clarice
Lispector
Erst
im späten Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich das horazische
nil admirari, d.h. die unmittelbare, aufrichtige und feste
Überzeugung von der Eitelkeit aller Dinge und der Hohlheit aller
Herrlichkeiten der Welt: die Chimären sind verschwunden.
Arthur
Schopenhauer
Aphorismen
über Alter und Tod
Die
Welt ist ein Betätigungsfeld und weiter nichts.
Hans
Albrecht Moser
Vineta
… the
emphasis falls less on knowing than on imagining, more on freeing
oneself up than on getting something right.
Richard
Rorty
Wie
kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl
aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weisst
gleich, was an dir ist. Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des
Tages.
Johann
Wolfgang von Goethe
Maximen
und Reflexionen
Mittwoch, 19. August 2026
Was wir wissen können
Die Frage ist natürlich, was wir wissen können“, sagte Emma, als sie wieder einmal miteinander telefonierten.
„Du meinst eindeutig wissen können?“, fragte Hugo.
„Ja, genau. Diese hirnlosen Attacken auf das sogenannte Schwarz/Weiss-Denken nerven mich. Zum Einen, weil wir ums Simplifizieren gar nicht herum kommen, dann aber auch, weil nicht Weniges eindeutig schwarz und weiss ist.“
„Woran denkst du gerade?“
„Also, du bist entweder schwanger oder nicht. Oder aus dem Gebiet der Sucht: Du trinkst oder du trinkst nicht. Ein Dazwischen gibt es für Alkoholiker nicht.“
„Auch die Regeln, denen das Universum gehorcht, sind auf dem grundlegendsten Niveau nicht verhandelbar sind, habe ich letzthin gelesen.“
„Ihr Gefühl sage ihr etwas anderes, hat mir letzthin eine Patientin gesagt, worauf ich antwortete: Ihr Gefühl irrt. Sie ist dann nicht mehr gekommen.“
„Der Kunde ist König! Kann man das überhaupt noch sagen. Oder heisst es heute: Die Kundin ist Königin?“
„Ich kann nicht behaupten, dass mich das wahnsinnig beschäftigt.“
„Diese Ego-Zentriertheit – ich denke, ich fühle, ich sehe – ist zwar nachvollziehbar, schliesslich erlebt sich jeder und jede als Zentrum des Universums, aber schon auch ziemlich hirnrissig, angesichts der Millionen von Galaxien.“
„Du sagst es.“
Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession, Ahrensburg 2025
Sonntag, 16. August 2026
Über das Älterwerden
"Er wusste es, er wusste es … man stirbt an Lebensschwäche, lange bevor man an Altersschwäche stirbt, ja, noch war er Kohner, aber das ist er jeden Tag weniger. Das Gefühl des Alleinseins hatte ihn erreicht. Selbst die Freunde zogen sich von ihm zurück, seit er ihnen predigte, was er als Quintessenz seines Lebens empfand - dass sie nichts Besonderes sind und Probleme haben wie alle anderen Menschen auch … dass sie dieselben Fehler bis an ihr Lebensende wiederholen werden … dass alles im Leben Zufall ist und alles, das heisst alles … dass sie eines Tages entdecken werden, nicht derjenige zu sein, für den sie sich halten … dass sie alles im Leben tun, nur um nicht allein zu sein … dass sie bald jeden Tag wünschen werden, der Tag wäre schon vorbei … dass kein Mensch der Herr seines Schicksals ist … dass niemand ihnen sagen kann, wie sie leben sollen … dass das grösste Glück darin besteht, an nichts, an gar nichts zu denken."
Rainer Fabian: Das Rauschen der Welt, 2003
Mittwoch, 12. August 2026
Die Schönheit der Distanz
Sonntag, 9. August 2026
Sucht & Akzeptanz
Dass alles zur Sucht werden kann, ist keine Auffassung, die von vielen Suchtspezialisten geteilt wird. Nein, ich habe das nicht recherchiert, doch ich beschäftige mich seit mehr als 35 Jahren mit dem Thema und bin mir dabei bewusst geworden, dass viele, wenn nicht gar die meisten sogenannten Suchtexperten, Sucht mit einer Substanz in Verbindung bringen. Für viele meint Sucht nichts anderes als Substanzabhängigkeit.
Ich selber halte Sucht für ein Persönlichkeitsmerkmal. Süchtig kann man nach allem und jedem sein: Essen, Sex, Aufmerksamkeit, you name it. Kennzeichnend für die Sucht ist, dass es nie reicht, nie genug ist, man immer mehr-mehr-mehr haben will und muss. Viele Süchtige, die es schaffen, eine Sucht aufzugeben (etwa Alkohol), ersetzen sie oft durch eine andere, meist eine ihnen weniger schadende (etwa Bücher).
Natürlich ist nicht jede Abhängigkeit eine Sucht. Wir alle brauchen gute Luft, können ohne sie nicht sein; wir alle brauchen Eltern, die uns lieben und uns unterstützen; wir alle sind bedürftig der Zuneigung. Damit eine Abhängigkeit zur Sucht wird, muss sie destruktiv sein. Ab wann sie das wird, ab wann man diese unsichtbare Linie überschritten hat, merkt man erst in der Rückschau.
Nachdem die Kriegsberichterstatterin Janine di Giovanni zwei oder drei Jahre versucht hatte, ein normales Leben in Paris zu führen, erhält sie eines Tages einen Anruf von einer Ärztin aus dem Val-de-Grace, einem Militärkrankenhaus: „'Ich wollte Ihnen sagen, dass ihr Mann hier in der Klinik ist und ich ihn einige Wochen zur Beobachtung auf der Station behalten möchte'. Als ich fragte, warum, sagte sie, ihrer Ansicht nach sei er erschöpft und selbstmordgefährdet.“ Bruno findet Hilfe bei den Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA), Janine setzt sich mit Abhängigkeitsfragen auseinander. „Ich bemühte mich, die Beziehung eines Menschen zu Drogen, zu Alkohol oder irgendetwas anderem, das ihn in eine andere Welt versetzt – in Abhängigkeit – zu verstehen. Ich habe in meinem Leben schon alles Mögliche ausprobiert, aber nichts konnte mich süchtig machen.“ Mit der Zeit hatte sie den Eindruck, die AAs nähmen ihr ihren Mann weg. „Ich wusste, dass er dadurch trocken blieb, aber ich war mir nicht sicher, ob er nicht eine Sucht durch eine andere ersetzte, wie mir einmal jemand von den AA-Sitzungen gesagt hatte.“ Und wenn dem so wäre? Die eine Sucht bringt einen um, die andere hält einen am Leben. Zudem: Als ihr Sohn sechs Monate alt war, ging Janine wieder nach Bagdad und liess Luca bei seinem Vater und seiner Kinderfrau in Paris zurück. „Aus meinen Brüsten quoll noch Milch, und ich vermisste mein Kind mit einer Vehemenz, die mir unbegreiflich war.“ Sie fliegt zurück nach Paris. Und, nachdem einige Zeit verstrichen war, nach Afghanistan ... Im Juli 2012 berichtete sie für den 'Daily Beast' vom Krieg in Syrien. Für mich klingt das sehr nach Abhängigkeit von Kriegsgebieten. Nach Sucht. Und zwar keiner lebensbejahenden.
Bei meinen eigenen Versuchen, mit meinen verschiedenen Abhängigkeiten klarzukommen, bin ich oft auf den Begriff der Akzeptanz gestossen., Und so recht eigentlich immer, wenn ich mich mit dieser Akzeptanz auseinandersetzte, war mir klar, dass es genau darum ging.
In den letzten Tagen erreichten mich zwei ganz unterschiedliche Beschreibungen von Akzeptanz. Die eine vom Zen-Lehrer Jack Kornfield. "Paradoxically, when I let go and accept life on life’s terms, I discover 'a peace that passes all understanding,' and I find the power and wisdom to deal with whatever challenge or unforeseen turn of events life throws at me." (Paradoxerweise entdecke ich, wenn ich loslasse und das Leben so akzeptiere, wie es ist, 'einen Frieden, der alles Verstehen übersteigt', und ich finde die Kraft und Weisheit, mit allen Herausforderungen und unvorhergesehenen Wendungen fertig zu werden, die das Leben für mich bereithält.); die andere aus dem Blauen Buch der Anonymen Alkoholiker, das mir auch hilft Portugiesisch zu lernen. "Lembra-nos constantemente de que não estamos mais dirigindo o espectáculo, repetindo para nós mesmos, com humildade e várias vezes por dia: 'Seja feita a Tua vontade.'" ("Erinnern wir uns ständig daran, dass wir nicht mehr die Kontrolle haben, indem wir uns selbst mehrmals täglich demütig sagen: ‚Dein Wille geschehe.´") Für mich bedeuten beide Aussagen dasselbe, auch wenn viele wohl betonen werden, dass die erste Variante ohne Gott auskommt, mit dem bekanntlich viele sogenannt religiös Augewachsene so ihre liebe Mühe haben. Weshalb denn auch die AA so clever waren, nicht von Gott zu sprechen, sondern von einer höheren Macht, von der jeder und jede eine eigene Vorstellung haben darf.
Die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind, setzt voraus, zu verstehen, wie die Dinge sind. Ich sehe es so: Wir sind Gefässe oder Behälter, in denen das Leben sich manifestiert. Einatmen und Ausatmen geschieht ohne mein Dazutun, auch mein Herz schlägt, ohne dass ich etwas dazu beitrage. Es sind automatische Vorgänge, die ohne mein bewusstes Ich ablaufen. Es brauch keine Kontrolle meinerseits, es reicht vollkommen, mich diesem Prozess zu überlassen. Mich dagegen zu wehren, stört diesen Vorgang. Mir dies immer wieder vor Augen zu führen, hat das Potential, mich ruhig, friedlich und gelassen zu machen.
Mittwoch, 5. August 2026
Der heilige Raum deiner Seele
Sonntag, 2. August 2026
Das wahre Leben
Mittwoch, 29. Juli 2026
Nicht jeder Erfolg adelt
In letzter Zeit habe ich immer mal wieder gestutzt, wenn ich in sogenannt renommierten Blättern las, dieser oder jener Rockmusiker, diese oder jene Popsängerin sei gestorben.
Für mich waren Rock- und Popmusiker einst der Inbegriff des Protestes gegen die etablierte Ordnung; heutzutage werden sie als Ehrengäste zum Staatsbankett geladen.
Mich stört das nicht, doch ich wundere mich, dass ich mich darüber wundere, denn nichts bedeutet in unseren eitlen Zeiten mehr als der Erfolg, auf welchem Gebiet auch immer.
Gemeint ist hier der gesellschaftliche Erfolg, den ich stets als leicht peinlich empfinde. Aufmerksamkeit, Gefeiert-Werden, Applaus – die meisten können doch gut ohne sein. Und die, denen das nicht gelingt, sollten an sich arbeiten, denn sich vom Urteil anderer („Followern“) abhängig zu machen, ist nicht gerade ein Zeichen der Stärke, auch wenn diese Abhängigkeit so recht eigentlich das kapitalistische System garantiert, das in der Gier des Menschen gründet und genau deshalb so erfolgreich ist.
Doch es gibt auch noch ein ganz andere Art des Erfolgs, die darin besteht, sich selber zu überwinden. Genauer: Seine Faulheit und seine Feigheit. Dieser Erfolg adelt.
Man müsse lernen, sich selber zu geben, was man sich von anderen erhoffe, habe ich von der Psychotherapeutin Margalis Fjelstad aus Colorado gelernt. Kein Rat, der besser geeignet wäre, einen ein Leben lang aktiv zu halten.














