Mittwoch, 15. Juli 2026

Die Kunst der Hingabe

Seiltanz rechnet man gemeinhin nicht zur Kunst. Die gehört in den Zirkus, ist also Show, und damit der ernsthaften Kunst nicht würdig. Zugegeben, mich beschäftigt das wenig, doch Paul Auster greift in seinem Vorwort solche Fragen auf, allerdings nur, um zu befinden: "... der Reiz der Aktion besteht letzten Endes in ihrer völligen Sinnlosigkeit." Davon angetan, ja fasziniert zu sein, erscheint mir so recht eigentlich als das höchste der Gefühle überhaupt, nicht zuletzt, da es die quälende Sinnsuche durch Ästhetik ersetzt. Diese Ästhetik wiederum braucht die erlebte Gefahr, damit sie uns erreichen kann. Anders gesagt: Philippe Petit demonstriert und macht nachvollziehbar, dass das Leben zugleich ein ästhetischer Genuss und eine Gratwanderung ist.

So hat Paul Auster die Essenz des Tuns von Philippe Petit beschrieben: "Mir scheint, dass jeder, der jemals versucht hat, etwas gut zu machen, jeder, der jemals für die Kust oder für eine Idee persönliche Opfer gebracht hat, mühelos verstehen wird, worum es hier geht."

Dass sich ein Hochseilartist intensiv mit der Beschaffenheit des Drahtseils auseinandersetzt, ist zwar naheliegend, wäre mir selber allerdings nie in den Sinn gekommen. Und so lernt man in diesem dünnen Band auch etwas über das Seil. Und über Gangarten. "Der Rückwärtsgang ist keine übliche Gangart. Es sei denn, sie ist für euch besonders angenehm." Woraus auch zu schliessen wäre, dass das Zurückschauen bzw. das Sich-Beschäftigen-mit-der-Vergangenheit dem Leben so recht eigentlich entgegen steht.

Bei der Meditation geht es darum, die wildgewordenen Affen in unserem Hirn zu beruhigen. Die Erforschung des Stillstands, nennt Philippe Petiti das. Dabei folgt man dem Atem, "bis er am Ende des Seils auf dieselbe Weise entweicht, wie er gekommen ist." Ein zerbrechliches Gleichgewicht stellt sich ein. "Solange kein Gedanke dieses Wunder trübt, wird es immer fortbestehen."

Er berichtet vom Üben, von den Proben, dem Auftritt, dem Wind. "Nichts und niemand ist stärker als der Wind. Auch kein mutiger Vogel."

Auf dem Hochseil ist ein Werk über eine Lebenshaltung, die sich an der selbst gestellten Aufgabe, der Überquerung auf dem Seil, orientiert. Philippe Petit tut, was er tut, und nichts als das, ohne Wenn und Aber.  "Jedem Gedanken auf dem Seil folgt ein Sturz."

Ich fühlte mich an den Zen-Buddhismus erinnert. Als ein Zen-Meister gefragt wurde, was er tue, um zur Erleuchtung zu gelangen, erwiderte er: Wenn ich esse, dann esse ich; wenn ich schlafe, dann schlafe ich; wenn ich gehe, dann gehe ich. Das tut doch jeder, meinte daraufhin der Fragesteller. Nein, antwortete der Zen-Meister. Die meisten denken bereits ans nächste Essen, wenn sie essen; träumen, wenn sie schlafen; unterhalten sich mit einem Freund, während des Gehens.

Erforderlich für ein gelingendes Überquren ist Perfektion. Dazu gehört, der auf den Horizont gerichtete Blick. Und ebenso, dass der Hochseilartist sich wohl fühlt, wo er ist.

"Nach langen Stunden des Trainings kommt der Augenblick, in dem es keine Schwierigkeiten mehr gibt."

Und was ist mit der Angst, verspürt der Mann denn keine Angst? Er sei ohne jede Angst, behauptet er. Das mag zwar schwer vorstellbar sein, doch dass jemand voller Angst sich zu einer Seilüberquerung anschickt, scheint irgendwie noch schwerer vorstellbar.

Fazit: Aussergewöhnlich und inspirierend.

Philippe Petit
Auf dem Hochseil
Die Kunst der Hingabe
Unionsverlag, Zürich 2026

Sonntag, 12. Juli 2026

Mein Gehirn, das Denken & Ich

Seit ich mich vor nunmehr 25 Jahren einer Hirnoperation (der rechte Facialis-Nerv war beschädigt) unterzogen habe, hat mein Interesse an Hirnforschung nicht mehr nachgelassen. Als sich etwa drei Monate nach dem Eingriff zeigte, dass dieser offenbar doch nicht so optimal gewesen war, wie der operierende Professor zunächst angenommen hatte, erklärte mir dieser, er selber habe das zwar noch nie erlebt, doch wisse er aus der Literatur, dass sich der behandelte Nerv manchmal nach vier Jahren erholt habe. Und genau das trat auch bei mir ein, allerdings nach sechs Jahren.

Was hier geschehen ist, nennt sich Neuroplastizität und meint die Fähigkeit der Gehirns, sich selber zu reparieren. Das bedeutet jedoch nicht, so der Neuropsychologe Jens Foell, dass unser Denkorgan jede Verletzung so ausgleichen kann, dass der ursprüngliche Zustand einfach wieder hergestellt wird, doch sind die Selbstheilungskräfte erstaunlich.

Wie wir unser komplexestes Organ besser verstehen und benutzen, verspricht dieses Werk. Und das ist nicht zuviel versprochen, auch weil der Autor seinen Erläuterungen jeweils ein Kapitel, das mit "Was bedeutet das für Sie?" überschrieben ist, folgen lässt, worin er nüchtern und sachlich ausführt, dass wir uns von Tatsachen und nicht von unseren Wunschvorstellungen leiten lassen sollten. Und so bedindet er: "Es lässt sich wissenschaftlich nicht nachweisen, dass Sport beim Denken hilft." Was jedoch nicht heisst, dass Sie keinen Sport treiben sollten!

Das Hirn weiss sich zu schützen, so lerne ich. Es tut dies unter anderem mittels einer Blut-Hirn-Schranke, die aus Zellen besteht, "die in den Gefässen sitzen, die vom Blutkreislauf zum Gehirn führen." Bedeutsam ist dies etwa für die Entwicklung medikamentöser Therapien, da nur kleine, fettlösliche Stoffe durchgelassen werden. "Aber wissen Sie, was ein kleines, fettlösliches Molekül ist? Alkohol zum Beispiel. Ebenso Nikotin und Heroin." Sofern Sie die Plastizität Ihres Gehirns nicht beeinträchtigen wollen, sollten Sie sich von diesen Stoffen fernhalten.

Wie ruht sich das Hirn eigentlich aus? Grundsätzlich: Regelmässigkeit tut gut. Zwischen sieben und neun Stunden Schlaf, lautet die Empfehlung der Wissenschaft. Nein, auch der Wissenschaftler Jens Foell hält sich nicht daran, zitiert jedoch einen absurd-witzigen Kommentar von Arnold Schwarzenegger, der berühmt geworden ist, weil er Gewichte vom Boden hochhob, sie dann wieder hinlegte, und sich anschliessend im Spiegel bewunderte.

Mein Gehirn, das Denken & Ich ist ein enorm vielseitiges Buch, das sich unter anderem (kritisch natürlich! Nichts, das Wissenschaftler mehr motivieren könnte, als sogenannte Ikonen zu stürzen) mit Daniel Kahnemans Klassiker 'Schnelles Denken, langsames Denken' auseinandersetzt. Das schnelle Denken (System 1) erfolgt automatisch, das langsame (System 2) verlangt eine mentale Anstrengung und geht häufig mit (möglicherweise eingebildeter) Handlungsmacht einher. "Der Vorwurf lautet, dass sich die klare Trennung von System 1 und System 2, die Kahneman als zwei Charaktere in einem Drama beschrieben hat, nicht mit experimentell erhobenen Daten vereinbaren lässt." 

Aufschlussreich lesen sich auch die Ausführungen zu 'Besser denken in der Medizin', wo etwa auf den Verfrühten diagnostischen Schluss und den Affektiven Bias hingewiesen wird. Auch die Wichtigkeit medizinischer Checklisten wird erwähnt, die, so Jens Foell, durch die Frage 'Fühle ich mich gerade müde?' ergänzt werden müsste. Übrigens: Piloten halten sich weit strikter an Checklisten als etwa Chefärzte (kein Wunder, Piloten sind bei einem Versagen weit gravierender betroffen).

Auch auf Chatbots geht Jens Foell ein – für mich einer der interessantesten Aspekte dieses gut geschriebenen Werkes. "Je mehr KI-generierte Inhalte es gibt, desto mehr lernt die KI von ihren eigenen, selbst erzeugten Daten. Dadurch potenzieren sich alle Fehler, die sie produziert, und die Wahrscheinlichkeiten, mit denen sie arbeitet, entfernen sich von denen in der Realität." Am Rande: Wer schon als Kind sich auf KI verlässt, kommt gar nie in Kontakt mit eigenständigem Denken

Auch mit der Frage, ob es einen freien Willen gibt, setzt sich der Autor auseinander. "Man stelle sich vor, was los wäre, wenn wir alle dem Determinismus anhingen und fänden, niemand sei für seine Taten wirklich verantwortlich. In dieser schrecklichen Welt müsste man einem jede Gewalttat gnädig nachsehen. Andererseits mag denkbar sein, dass ohne den Glauben an einen freien Willen mehr Gerechtigkeit herrscht. Schliesslich sollte es weniger drakonische Strafen geben. Rein konzeptuell könnte man sich beides vorstellen."

"Man is made by his belief. As he believes, so he is.", heisst es in der Bhagavad Gita. In diesem Sinne gibt es die Willensfreiheit. Weil wir sie wollen, wir ohne sie nicht sein können. Das kann übrigens erfreuliche Konsequenzen haben, wie Jens Foell am Beispiel des Eingreifens zeigt. Statt einer Person in Not beizustehen, bevorzugt das Hirn zwar die sogenannte Bystander-Apathie, insbesondere wenn andere Personen zugegen sind, doch lässt sich diese überwinden, so man denn will.

Fazit: Anregend, vielfältig und erhellend.

Jens Foell
Mein Gehirn, das Denken & Ich
Wie wir unser komplexestes Organ besser verstehen und benutzen
Droemer, München 2026

Mittwoch, 8. Juli 2026

Zeit und Mensch

Als Vielleser und an Alltagsphilosophie (damit meine ich: Philosophie, die meinen Alltag bereichert bzw. erträglicher macht) interessierter Zeitgenosse, stösst man selten auf Werke, für die man sofort warm wird. Zu diesen gehört für mich Mensch und Zeit. Das liegt nicht nur an des Autors unprätentiöser Sprache, es liegt auch daran, dass die hier präsentierten Gedanken von praktischer Relevanz sind, was bei akademisch geschulten Leuten doch eher selten ist.

Mein Ausgangspunkt: Für mich ist Zeit eine Illusion, eine manchmal nützliche und dann wieder eine, die uns terrorisiert. Sie dient wesentlich der Orientierung, ohne sie scheinen wir nicht auszukommen. Dazu kommt: Wir scheinen ein Zeitgefühl in uns zu haben, die einzelnen Mitglieder eines Orchesters könnten sonst nicht zusammen musizieren.

Gibt es nur eine Zeit oder viele Zeiten?, fragt Autor Udo Marquardt, und führt dann ein Experiment an, das zeigt, dass wir uns nicht auf unser Zeitgefühl verlassen können, doch dass unser Körper zuverlässig wie eine Uhr tickt. Was mir wieder einmal in Erinnerung ruft, was alle Piloten wissen: Sich nicht auf sein Gefühl, sondern auf die Instrumente verlassen (in der Hoffnung natürlich, dass diese auch verlässlich funktionieren).

Udo Marquardt, der über die aristotelische Zeittheorie promovierte (weshalb diese denn auch prominent vorkommt), schreibt seit fast 30 Jahren für den Hörfunk über Philosophie, was Verständlichkeit erfordert und diesem Buch zugute kommt. Ich werde hier nicht Struktur und Inhalt wiedergeben, sondern auf Aspekte hinweisen, die mich Neues gelehrt haben bzw. über die ich noch gar nie nachgedacht habe.

Die Vorsokratiker (am Rande: Herausgeber Wather Kranz wurde 1884 geboren, nicht 1848) haben den Kosmos als im ständigen Werden begriffen. Dahinter liege eine Welt der Dauer, und nur diese sei wirklich, argumentierten sie. "Hinter der Bewegung liegt das Bewegungslose, hinter der Veränderung das Bleibende, hinter der Zeit die Ewigkeit." Und von Platon erfahre, dass seine Ideenlehre im Kern eine Erkenntnistheorie sei, "die erklären soll, wie wir in der Lage sind, etwas über die Welt zu erfahren. Wie gelingt es uns, Hunde als Hunde zu identifizieren, obwohl sie doch teilweise sehr unterschiedlich aussehen? Und wie unterscheiden wir sie von Katzen? Eben dadurch, dass wir mit unserem Geist in der Lage sind, die Idee hinter dem einzelnen Kläffer zu entdecken. Die Theorie erklärt auch, wie das Neue in die Welt kommt. Wir stossen sozusagen auf eine Idee, die bis dahin unentdeckt war." Solcher  Einsichten wegen lese ich Bücher.

Im Gegensatz zur Ideenlehre Platons, verortete Aristoteles das Denken in der Erfahrung. Er argumentierte, "das Jetzt sei kein Teil der Zeit, weil man mit Teilen das Ganze messen könne (....) Jetzt+Jetzt+Jetzt ergibt weder Vergangenheit noch Zukunft." Es wird dann noch weit komplizierter. Jedenfalls: Die praktische Relevanz hat sich mir entzogen. Zudem: "Unsere Sprache ist darauf angewiesen, die Dinge, die wir sagen wollen, zeitlich zu ordnen und zu strukturieren. Mehr noch: Das Sprechen selbst braucht Zeit. Sprache ist deshalb nur ein unzureichendes Werkzeug, um die Ewigkeit zu beschreiben." Ich staune wieder einmal, wie wenig uns unsere Einsichten beeinflussen, denn nichtsdestotrotz versuchen wir mit der Sprache zu fassen, was mit der Sprache gar nicht erfasst werden kann.

Da ich nicht den Anspruch erhebe, die Absichten des Autors zu ergründen, konzentriere ich mich darauf, wie Zeit und Mensch auf mich wirkt bzw. was es bei mir auslöst. Ich lese es als eine Geschichte der Ideen, auch natürlich, weil ich mir unter einer Kulturgeschichte nichts Rechtes vorstellen kann, Diese Ideen sind eingebettet in viel Biografisches, was dieses Werk wunderbar lesbar macht, wobei ich mich allerdings immer mal wieder gefragt habe, woher man wirklich wissen kann, was vor ganz, ganz vielen Jahren geschehen sein soll. Nicht, dass ich daran Anstoss nehmen würde, doch allzu ernst kann ich es eben auch wieder nicht nehmen. Das ist auch gar nicht nötig, denn ich erlebe Zeit und Mensch höchst stimulierend.

 "Die kopernikanische Wende .... war die Abkehr vom Augenschein hin zu von der Vernunft geleiteten Erkenntnisprinzipien." Eine Einsichts, die unser Selbstverständnis so recht eigentlich erschüttern müsste, sagt sie uns doch, dass die Welt bzw. das Universum weit mehr und anders ist, als uns unser Sehen und Fühlen vermitteln kann. Beobachten lassen sich jedoch sowohl die Gedanken als auch die Anschauung.

Viele der in diesem Werk aufgeführten Denker sind mir meist nur dem Namen nach geläufig (etwa Zenon oder Plotin), von einigen weiss ich ein wenig (Kant und Einstein), von anderen habe ich noch gar nie gehört, wie John McTaggart Ellis McTaggart (John McTaggart ist der Vorname!), der eine sprachliche Unterscheidung machte, die von der Position des Sprechers in der Zeit handelt. Dieser Auffassung stehen die Vertreter des Eternalismus entgegen, für die eine Aussage für alle Ewigkeit entweder wahr oder falsch ist. Womit wir bei einer grundsätzlichen Frage angelangt sind: Ist alles bereits vorbestimmt? In diesem Falle wäre der freie Wille eine Illusion, was natürlich die meisten nicht wahrhaben wollen, auch weil das etwas zu arg an unserem Selbstbild rüttelt.

Udo Marquardt lässt sicht jedoch nicht von abstrakten Gedanken gefangen nehmen, sondern kommt zu einem praktisch-pragmatischern Schluss. "Zeit, das ist meine These, ist Leben, und zwar das Leben jedes einzelnen Menschen. Ich habe meine Zeit. Und Sie, liebe Leserin, lieber Leser, haben ihre Zeit. Es gibt so viele Zeiten, wie es Menschen gibt (...) Solange wir Zeit haben, leben wir. So lange wir leben, haben wir Zeit."

Fazit: Vielfältig anregend, erfreulich persönlich und von praktischer Relevanz.

Udo Marquardt
Zeit und Mensch
Facetten einer Kulturgeschichte
Schwabe Verlag, Basel 2024

Sonntag, 5. Juli 2026

Die Intelligenz des Universums

Die materialistische Weltsicht, gemäss der wir in einem Maschinenuniversum leben, kann vieles nicht erklären. Etwa, dass es auf der Erde intelligentes Leben gibt. Ja, dass es überhaupt Leben gibt. Dazu kommt, dass unser Universum "für die Existenz von Leben geradezu optimiert" worden zu sein scheint.
Die Physik, so der emeritierte Professor Gerd Ganteför, könne viele der Warum-Fragen, mit denen sie sich beschäftige, nicht lösen. Dazu gehört auch die Frage, warum es zum Urknall kam. Allerdings setzt das voraus, dass es diesen auch wirklich gab, es also das Universum nicht schon immer gegeben hat, wie etwa Lukrez meinte.

Dass die Zeit nur durch unsere Wahrnehmung entsteht (mithin Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Illusionen sind), wie einige glauben, mag Professor Ganteför nicht finden, denn dann gäbe es auch keine Willensfreiheit mehr, da die Zukunft ja bereits festliegt. Nun ja, ob es diese wirklich gibt, ist in der Tat fraglich, doch auch wenn es sie nicht geben sollte, brauchen wir sie, denn ohne Fiktionen können wir offenbar nicht leben.

Die Intelligenz des Universums ist ein vielfältig anregendes Werk, das das gängige Denken, das glaubt, alles verstehen zu können, als das erkennt, was es ist: ein ungemein limitiertes Denken. "In diesem Buch geht es also um die Existenz einer höheren geistigen Ebene, die wir bisher noch nicht wahrgenommen haben oder – im Sinne des Zeitgeistes – nicht wahrnehmen wollen."

Gerd Ganteför hat Hinweise und Indizien ausgemacht, "die uns auf die Spur des 'rätselhaft Immateriellen' bringen." Dabei hält er unter anderem fest: "Leben basiert auf Information und Information kann es nur in der belebten Natur geben. So jedenfalls die Lehrmeinung des Materialismus. Insofern sind belebte und unbelebte Natur in diesem Weltbild streng voneinander getrennt."

Automatisch stellen sich in meinem Kopf Bilder ein, die ich den Worten des Geologen William E. Glassley ("Eine wildere Zeit", München 2018) verdanke. Als er im Grönland-Eis „einmal mit einem Stahlhammer kräftig auf ein besonders hartes Gestein einschlägt, riecht er plötzlich etwas. 'wie nach versengtem Haar, heiss gewordenem Metall oder Wüstenstaub' – seine Hammerschläge hatten die chemischen Verbindungen im Gestein aufgebrochen. 'Das Gestein, zerbrochen durch einen von Neugier motivierten Gewaltakt, entliess Kohlenstoff-, Calcium- und Magnesiumatome in die Welt.'“ Die unbelebte Natur, so scheint mir, ist keineswegs so unbelebt wie wir uns das zurechtgelegt haben.

Wissen und Erleben sind verschiedene Dinge. Auch erfahren wir vieles in unserem Leben, für das wir keine Erklärung haben. Was Gerd Ganteför in diesem höchst aufschlussreichen Buch darlegt, ist unter anderem eine Erweiterung unseres Horizontes mittels Information, einem Begriff, den er nicht klassisch versteht, also als Wissensvermittlung von einem Sender zu einem Empfänger. Stattdessen: "Information ist ähnlich wie Energie und Entropie eine immaterielle Grösse, die aber ohne Träger nicht existiert."
Doch was genau ist eigentlich Information? Es sei naheliegend, lese ich, "dass alles, was existiert, Information enthält und sich in dieser Form darstellen lässt." Zugegeben, das klingt einigermassen abstrakt, doch die zahlreichen Beispiele, die in diesem Werk angeführt werden, sind einleuchtend und bestens nachvollziehbar.

Einer der Schlüsse, die Gerd Ganteför aus seinen Überlegungen zieht, ist, dass die Trennlinie zwischen belebter und unbelebter Natur verschwimmt. Es ist dies eine Erkenntnis, die ich gelegentlich zu erfahren imstande bin. Und es ist eine, die unser herkömmliches Denken als das entlarvt, was es letztlich ist: Eine Gewohnheit zu denken, die notwendigerweise mehr über uns als über die Realität aussagt.

Fazit: Eine nützliche und überaus willkommene Horizonterweiterung.

Gerd Ganteför
Die Intelligenz des Universums
Die immaterielle Komponente der Wirklichkeit
Westend, Neu-Isenburg 2026

Mittwoch, 1. Juli 2026

Freddie Berchtolds Alterseinsichten

Freddie Berchtolds Vater war Arzt gewesen, kompetent und warmherzig. Freddies Freunde fanden ihn cool. Als er seine Mutter einmal fragte, was sie bewogen habe, ihn zu heiraten, meinte sie, er sei kein Angeber gewesen, das habe ihr gefallen.

Waren die Patienten des Vaters Hundebesitzer, forderte er sie auf, den Vierbeiner beim nächsten Mal mitzubringen, sie müssten dann nicht im Wartezimmer Platz nehmen, sondern würden von seiner Frau, in der über der Praxis gelegenen Wohnung, bei einem Tee unterhalten werden. Freddies Mutter, die die Vorliebe des Vaters für Hunde nicht teilte (sie verdränge das nur, meinte er), fügte sich schulterzuckend.

Santa Cruz do Sul, 19 Januar 2021

Jetzt, im Alter, dachte er immer öfter an seine Eltern. Sein Vater hatte ihm einst schmunzelnd erzählt, er stelle sich seinen Lebensabend in seiner Privatbibliothek vor, wo ihm ein Butler Cognac kredenzen würde. Gelassen und kultiviert, so stellte sich auch Freddie sein Alter vor.

Freddies Vater starb, bevor seine Altersfantasie Wirklichkeit werden konnte, mit noch nicht einmal 53 Jahren. Er selber war mittlerweile zwanzig Jahre älter als sein Vater geworden war, doch auch seine Vorstellung vom Alter, die der seines Vaters entsprach, hatte sich nicht eingestellt. Statt gelassen war er ungeduldiger geworden, und kultiviert zu sein, war ihm kein Ziel mehr.

Auch wurde er zunehmend ungehalten. Mit der Welt sowieso (dass es derart viele Idioten gab, haute ihn regelrecht um), doch auch mit sich selber, Dass der Selbstbetrug zu den dominierendsten Talenten des Menschen gehörte, war ihm schon lange klar. Sich selber hatte er dabei allerdings weitgehendst ausgenommen. Mittlerweile konnte er sich der Erkenntnis jedoch nicht mehr verschliessen, dass er selber auch ein ziemlicher Trottel war, hauptsächlich deswegen, weil er sich so lange davon ausgenommen gewähnt hatte.

Sonntag, 28. Juni 2026

Vermeintlich gleicher als andere

Aus George Orwells Roman "Farm der Tiere" stammt der Satz „Alle Tiere sind gleich, aber manche Tiere sind gleicher als andere.“

Die Briten, deren Demokratie problemlos Lords, Dames, Sirs sowie King und Queen integriert, tut sich ganz besonders hervor, wenn es darum geht, zu zeigen, wer man wirklich ist: Eine Klassengesellschaft sondergleichen, von den Massen bejubelt, notabene.

So titelte etwa der "Daily Telegraph" in seiner Online-Ausgabe vom 13. Juni 2026:
Dame Helen Mirren and Sir Don McCullin made Companions of Honour
Prime Suspect actress and war photographer join elite group of 65 members
that includes David Attenborough and Shirley Bassey.

Wenig verwunderlich ist, dass die durchs Band eitlen Geehrten sich freuen. Mehr als verwunderlich ist, dass wohl die Mehrheit applaudiert.

***

Nichts, absolut gar nichts finde ich widerlicher als Heldenverehrung.
Nichts, absolut gar nichts achte ich mehr als Menschen, die Außergewöhnliches geleistet haben und sich bewusst sind, dass dabei wohl mehr glückliche Umstände im Spiel waren als die eigene Leistung. 

***

Sich auf einzelne Personen einzuschiessen, sie hochzujubeln und dann wieder
runterzuholen, ist auch das Kerngeschäft der Medien, die (wie wir alle) von der Komplexität der Welt völlig überfordert sind.

Doch die Welt können wir nur verstehen, wenn wir die Massen und ihr Verhalten verstehen. Diejenigen, denen sie zujubeln, sind wie sie: sie jubeln sich selbst zu.

Mittwoch, 24. Juni 2026

Familienalbum

Mein erstes Buch von Penelope Lively war „Moon Tiger“, für das sie 1987 den Booker-Preis erhielt und in dem so treffende Sätze zu finden sind wie: „In life as in history the unexpected lies waiting, grinning from around corners. Only with hindsight are we wise about cause and effect.“

Ihr neuestes Buch, „Familienalbum“, beginnt so:
 „Gina bog von der Strasse ab, in die Auffahrt von Allersmead. Da war ihr, als liefe im Zeitraffer ihr ganzes Leben noch einmal vor ihren Augen ab. Wie es von Ertrinkenden heisst. Das gab ihr zu denken, aber auch, dass noch niemand einen Ertrinkenden dazu hat befragen könne.“

Wer so ein Buch beginnt, hat meine ganze Sympathie. Denn was wissen wir schon, was können wir überhaupt wissen? Hätten unsere Leben, wenn nur ein kleines Detail anders gewesen wäre, nicht auch ganz anders verlaufen können?“

Alison hat sich immer eine grosse Familie gewünscht, und ein grosses Haus. Beides hat sie bekommen. Zusammen mit dem skandinavischen Au-Pair Ingrid zieht sie eine Kinderschar gross, während ihr Mann, Charles, populäre Bücher schreibt.

Der Besuch von Corinna, Charles' Schwester, und ihrem Mann Martin, der an der Uni einen Lehrstuhl innehat, liest sich so: „Martin hat Charles gefragt, woran er gerade arbeitet, und damit ausgedehnte Erläuterungen über irgendein Buch zum Thema Aufklärung provoziert. Nach Martins Meinung ist Charles ein Mann für die breite Masse, der Reisser schreibt, Stoff für die Sonntagsbeilage. Martin selbst produziert Werke, die bei ungefähr einem Dutzend Menschen intensive Diskussionen auslösen und ausschliesslich von akademischen Bibliotheken erworben werden. Charles' Projekte wecken bei ihm, warum auch immer, sowohl Neugier als auch Erbitterung; wie unter Zwang muss er jedes Mal nachfragen, mit zusammengebissenen Zähnen. Vor ein paar Jahren hat er entdeckt, dass die Auflage von Charles' Buch über den Jugendkult in die Zehntausende ging; von diesem Schlag hat er sich nie erholt.“
Besser kann man eigentlich die akademische Welt kaum beschreiben.

Scharfsinnig und witzig, einfühlsam und mit Nachsicht für ihre Schwächen, beschreibt Penelope Lively die Freuden und Nöte der einzelnen Familienmitglieder, die verschiedener voneinander gar nicht sein könnten. Und dann ist da noch das Familiengeheimnis, das erst zum Schluss gelüftet wird, auch wenn der aufmerksame Leser so etwa ab der Mitte des Buches zu erahnen beginnt, dass es wohl etwas mit Ingrid, dem Au-Pair, zu tun haben wird, denn so recht eigentlich mutet es ja schon ein wenig seltsam an (nun gut, in England, wo die Geschichte spielt, vielleicht nicht), dass das Au-Pair zum festen Familienbestandteil wird.

„Niemand hat je von so etwas wir einem Au-pair-Mädchen gehört, schon gar nicht von einem, das vierzig Jahre bleibt und Spargel anbaut. Vierzig Jahre?“
  „So ungefähr?“
  „Hast du sie gemocht?“
  „Gemocht?“ Gina sieht ihn an. „Keine Ahnung. Sie war einfach da, und fertig. Gehörte zum Mobiliar.“
Genau. So dass es auffiel, wenn sie nicht da war. Jenes eine Mal.

Fazit: ein intelligenter Lesegenuss. Auch wegen so hellsichtigen Einsichten wie dieser: „Er ist jetzt ein ganzes Stück älter, womöglich nicht viel klüger, aber doch zu einem klarsichtigen Rückblick fähig.“

Penelope Lively
Familienalbum
C. Bertelsmann, München 2012

Sonntag, 21. Juni 2026

Wu Wei

 Literally, Wu Wei means "without doing, causing or making." But practically speaking, it means without meddlesome, combative, or egotistical effort. It seems rather significant that the character Wei developed from the symbols for a clawing hand and a monkey, since the term Wu Wei means no going against the nature of things; no clever tampering; no Monkeying Around."

Benjamin Hoff: The Tao of Pooh

Santa Cruz do Sul, Brazil, 18 January 2023

Mittwoch, 17. Juni 2026

So nicht mehr!

 Mein Aufwachen am Morgen geschieht ohne mein Dazutun: Nicht ich wache auf, sondern das Leben erwacht in mir. Solange ich nicht eingreife, nicht in meine Routinen verfalle, ist alles bestens. Das Leben gehorcht seinen eigenen Gesetzen; ich fahre am besten, wenn ich ihnen folge, mich ihnen nicht in den Weg stelle. Ich bin übrigens froh, dass für alles wirklich Wesentliche (das Ein- und Ausatmen) mein Ego überflüssig ist.

An diesem südbrasilianischen Morgen gebe ich meiner Lust nach Kaffee, Toast, Doce de Leite und Requeijão Cremoso nach. Mir geht es gut, ich folge meinem Unbewussten, das besser als mein Verstand zu wissen scheint, was mir bekommt.

Mein Verstand führt mich oft in die Irre. Beobachte ich aufmerksam, was er so alles macht, zeigt sich mir, wo ich aufpassen muss, um mich nicht selber zu betrügen.

Als ich mich kurz darauf an meinem PC setze, um die politische Weltlage zur erkunden, ist es mit meiner Seelenruhe vorbei. Und wieder einmal wundere ich mich, weshalb ich mir all diese machthungrigen Idioten jeden Tag antue. Weshalb ich glaube, wissen zu müssen, was Durchgeknallte, die sich ungemein wichtig nehmen, tun oder nicht tun, sei relevant für mich, verstehe ich selber nicht.

Dass ich mich über die Weltlage informiere ist reine Gewohnheit. Und da Gewohnheiten Halt und Sicherheit vermitteln (nichts, was uns Menschen wichtiger ist), gebe ich viel zu oft nach und mich hin. Allerdings um den Preis meines Seelenfriedens.

Mein Verstand weiss schon lange, dass mir die Weltlage gestohlen bleiben kann und es wichtiger ist, sich um das zu kümmern, was vor der eigenen Nase liegt. Schulen, Medien und Gesellschaft behaupten zwar das Gegenteil. Das müssen sie auch, schliesslich ist es ihre Geschäftsgrundlage. Für mich hingegen gilt: So nicht mehr!

Santa Cruz do Sul, Brasil, 2 Março 2025

Die Sonne scheint, ich habe den ganzen Tag zur freien Verfügung. Ich werde ihn nicht den medialen Aufgeregtheiten widmen, die mich noch rastloser machen als ich eh schon bin. Und so schaue ich aus "meinem" Fenster im neunten Stock auf die Stadt, durch die der Morgenverkehr rollt. Ich höre die Vögel zirpen und verstehe in diesem Moment: This is the first day of the rest of your life.

Der Moment, wie das Momente so an sich haben, hat sich schnell verflüchtigt. Ich bin zwar an diesem Tag einige Male darauf zurückgekommen, allerdings nur um zu erkennen: Momente bleiben flüchtig. Das ist eben ihr Ding. Es gibt Momente, ab und zu, in denen ich das begreife. ...

Sonntag, 14. Juni 2026

Von den Erwartungen

Lange nicht gesehen! Wie geht es Dir?“, fragt mich mein Bekannter. „Es gibt zwei Antworten darauf“, antworte ich, obwohl es natürlich noch ganz viele mehr gäbe. „Die erste: Ich bin total frustriert; die zweite: ich habe immer mal wieder Super-Momente.“ Mein Bekannter zeigt sich ob der ersten Antwort bestürzt, die zweite scheint ihn nicht zu interessieren. „Frustriert?! So kenne ich Dich gar nicht, auf mich wirkst Du überhaupt nicht so. Wieso frustriert?“ „Weil so ziemlich alles im Leben nicht so ist, wie es meiner Meinung nach sein sollte.“ „Geht es auch konkreter?“ „In meiner Vorstellung sollten die Anständigen an der Spitze stehen, in der Realität ist das überhaupt nicht so. Auch finde ich, dass Lügner und Inkompetente aus dem Amt gejagt werden sollen, doch auch das ist nicht der Fall.“ „Du scheinst ganz unrealistische Vorstellungen von der Welt zu haben“, sagt mein Bekannter, der glaubt, sein Direktorengehalt sei seinen Fähigkeiten geschuldet.

Doch wie gesagt: Ich habe immer mal wieder Super-Momente. Sie treten meist dann ein, wenn ich meine Erwartungen vergessen habe, wenn ich nicht denke, wenn ich einfach wahrnehme, was ist. Doch kann man seine Erwartungen eigentlich vergessen? Nur für Momente, denn unser Gehirn ist antizipierend eingestellt, ist also immer schon bei dem, was kommt oder kommen könnte, es flieht das Hier und Jetzt.

Seit ich das Fotografieren entdeckt habe, gehe ich anders durch die Welt. Aufmerksamer. Letzthin, in Marseille, in einer engen Gasse entdeckte ich am Himmel über mir ein Stück Stoff, das sich in Stromleitungen verfangen hatte und nun vom Wind durch die Luft gewirbelt wurde, so dass immer wieder neue, nicht vorherzusehende Formationen entstanden. Ich blieb stehen und versuchte das Schauspiel mit meiner Kamera einzufangen. Jede Aufnahme zeigte one moment in time, mein Fotografieren wurde zur Meditation – ich tat, was ich tat, nicht mehr, nicht weniger, nur gerade das. Das trifft auch auf die untenstehende Aufnahme zu, die mir einiges an Geduld abforderte.

Die meiste Zeit gehe ich jedoch mit einer mir selten bewussten Erwartungshaltung durch die Gegend. So erwarte ich etwa, dass, wenn ich jemanden anständig behandle, mir ebenfalls anständig begegnet wird. Auch erwarte ich, dass ich nicht angelogen werde, dass die Menschen sagen, was sie denken, dass diejenigen, die die Steuerzahler viel Geld kosten, sich ihres Amtes fähig und würdig erweisen. Meines Erachtens sind dies absolut berechtigte Erwartungen, doch meine Erfahrung zeigt, dass ihnen eher selten entsprochen wird.

Das liegt unter anderem daran, dass unsere Kultur von uns verlangt, Heuchler zu sein. Das ist notwendig, um „unser“ System, das im Kosten-Nutzen-Denken gefangen ist, am Laufen zu halten. Gibt es eigentlich etwas Fantasieloseres als alles unter dem Aspekt von Kosten und Nutzen zu betrachten? Sollte es im Leben darum gehen, möglichst an dem Wunder teilzuhaben, dass wir für eine gewisse Zeit auf diesem Planeten unterwegs sein dürfen, dann eher nicht.

Santa Cruz do Sul, 20. Dezember 2023

Mittwoch, 10. Juni 2026

Redirect your thinking

 Stop thinking about the difficulty, whatever it is, and think about God instead.

This is the complete rule, and if only you will do this, the trouble, whatever it is, will disappear.

It makes no difference what kind of trouble it is. It may be a big thing or a little thing: it may concern health, finance, a lawsuit, a quarrel, an accident, or anything else conceivable: but whatever it is, stop thinking about it and think of God instead–that is all you have to do.

It could not be simpler, could it? God could scarcely have made it simpler, and yet it never fails to work when given a fair trial.

Do not try to form a picture of God, which is impossible.

Work by rehearsing anything or everything that you know about God. God is wisdom, truth, inconceivable love.

God is present everywhere, has infinite power, knows everything, and so on.

It matters not how well you may think you understand these things: go over them repeatedly.

But you must stop thinking of the trouble, whatever it is.

Emmet Fox

Santa Cruz do Sul, 9 December 2023

Sonntag, 7. Juni 2026

Das Hirn leeren

Santa Cruz do Sul, 15. Dezember 2022

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich mir Bildung angeeignet. Traditionelle Bildung, also wer hat was wann und in welchem Zusammenhang gesagt. Schulweisheiten. So sei es, wurde mir vermittelt, und nicht etwa, alles könnte durchaus auch ganz anders sein.

Gebildeten Menschen, die die Dinge historisch einzuordnen verstanden, brachte ich Hochachtung, ja Bewunderung entgegen. Auch dass andere Kulturen die Dinge anders bewerteten, gehörte zur Bildung. Dass alle damit nur Aussagen über ihr Denken machten, war mir die meiste Zeit meines Lebens nicht klar.

Wer gut argumentieren konnte, hatte meinen Respekt, wer zu differenzieren wusste ebenso. Dass das bessere Argument vor Gericht obenaus schwingt, kommt mir erst seit Kurzem ziemlich abartig vor, das mir solch ein Vetrauen in unser Denken abgeht.

Unserem Hirn erschliesst sich viel zu viel ganz und gar nicht. Und so will ich denn meinem Hirn nicht weiteres Wissen hinzufügen, will ich es leeren, so gut ich es vermag, denn mein Wissen verstellt mir den Blick auf die Welt.

Mich auf meine Gedanken zu verlassen, ist keine gute Idee. Zu oft haben sie mich in die Irre geführt. Neuerdings versuche ich zu beobachten anstatt zu denken. Meine Gedanken und Gefühle zu beobachten. Dabei mache ich die Erfahrung, dass Nicht-Denken mir gut tut. Auch weil mein Denken mir suggeriert, ich verstünde die Welt, mehr oder weniger. Das ist ein Irrtum. Auch das hat mich mein Denken gelehrt. Das Denken hat also durchaus Positives.

Doch alles hat bekanntlich seine Zeit. Jetzt ist für mich die Zeit des Nicht-Denkens gekommen. Weil mir das gewohnte Denken nicht mehr genügt, es sich erledigt hat, ich Neues erfahren will.

Das ist natürlich eine Wunschvorstellung, obwohl: ich bemühe mich drum. Nur eben: Gewohnheiten sind stark.

Mittwoch, 3. Juni 2026

Tag für Tag

Azmoos, am 8. August 2024

So wie es auch Zeit und Willenskraft kostete,
den Drogen abzuschwören, der Flucht, nach der man süchtig war.

Es war möglich, wenn man Tag für Tag erledigte, was zu tun war.
Dann würden irgendwann vielleicht auch wieder die Züge fahren.

Jo Nesbø: Macbeth

Sonntag, 31. Mai 2026

Die Geschichte eines Herzens

Bei einem Autounfall erleidet die neunjährige Keira tödliche Verletzungen, der gleichalterige Max benötigt zur selben Zeit ein neues Herz. Rachel Clarke, früher Journalistin und heute Ärztin für Palliativmedizin, schreibt diese Geschichte einer Transplantation, indem sie das Herz selbst in den Mittelpunkt stellt, auf unvergleichliche Art: bewegend, empathisch und realistisch. "Kurz gesagt habe ich versucht, einen möglichst vollständigen Bericht über das Wunder und die Qual, die Wissenschaft und die Seele eines Herzens und seiner Reise zu schreiben." Das ist ihr meisterhaft gelungen.

"Die Organtransplantation ist nicht nur ein Wunderwerk der modernen Medizin, sondern auch eine der reinsten Ausdrucksformen menschlicher Selbstlosigkeit." Es dauerte seine Zeit bis es soweit war. Insbesondere ans Herz traute man sich lange Jahre nicht heran. "Doch nichts treibt medizinische Innovation so sehr wie Verzweiflung." Die Kriegschirurgie war ein Vorreiter der Herzchirurgie,

Die Geschichte eines Herzens ist ein bewegendes, ein ausserordentliches Buch, da Rachel Clarke wunderbar aufzuzeigen versteht, was und wie alles zusammenspielen muss, damit es überhaupt zu einer Transplantation kommen kann. "Vor weniger als einem Jahrhundert war die Vorstellung, ein menschliches Organ chirurgisch zu entnehmen, es auf Eis zu transportieren und in den Körper eines anderen lebenden Menschen einzupflanzen, reine Science-Fiction."

Im Grunde ist dies die Biografie von Keiras Herz. Ganz viele Personen spielten dabei eine Rolle. Eltern, Geschwister, Chirurgen, Pflegefachkräfte, Sanitäterinnen, Polizisten, Organspendekoordinatorinnen, Piloten, Umstehende, Psychologinnen, Kardiologen. Sie alle wurden befragt. Was die Autorin vorlegt ist keine Fiktion, sondern ein Bericht darüber, was tatsächlich vorgefallen ist. Darüber hinaus ist es eine überaus lehrreiche Schilderung des Umgangs mit Kindern in englischen Spitälern.

Die Geschichte eines Herzens erklärt auch ganz viel Medizinisches. So etwa die für Laien weitestgehend unverständliche Sprache der Mediziner. "Die Sprache ist stakkatoartig – das atemlose Rattern von Fachjargon und Abkürzungen, mit dem Mediziner maximale Informationsmengen mit minimaler Mehrdeutigkeit in möglichst wenigen Sekunden übermitteln." Oder die Revolution Anfang der 1960er Jahre, als der Herztod vom Hirntod abgelöst wurde.

Von der Unfallstelle ins Krankenhaus, und da in die Intensivstation, wo sehr spezielle Menschen im Einsatz sind. "Das Intensivpersonal gibt offen zu, aus Grüblern, Pedantinnen und Zwangshaften zu bestehen, die dazu neigen, Dinge zu überanalysieren – und das ist auch gut so. Es ist ihre unnachlässige Aufmerksamkeit für Details, die schwer verletzten Patienten die besten Überlebenschancen gibt." Dazu kommt, wie eine Pflegefachkraft sagt, sie emotional abschalten, die Mama (die sie auch ist) vor der Tür lassen, sie auf Autopilot funktionieren müsse.

Die Geschichte eines Herzens klärt auf über die eindrückliche Logistik, "die sicherstellt, dass kein verwertbares Organ verloren geht", erläutert wie ein Herz funktioniert ("Etwas 100,000 Mal am Tag ... ziehen sich alle vier Kammern wie eine Einheit zusammen und bringen unser Blut dazu, unsere Arterien zu durchfluten."), gibt Einblicke in die Entstehung der Intensivmedizin, und macht deutlich, dass die hochspezialisierte Medizin nur möglich ist, weil ganz viele Teile ineinandergreifen und sich ergänzen müssen.

Für eine Organentnahme gibt es Standardprotokolle. Bei Kindern suchen speziell ausgebildete Fachkräfte das Gespräch mit den Eltern. Im Falle von Keira war es ihre Schwester Katelyn (dass Kinder häufig weit mehr verstehen, als ihren Eltern bewusst ist, auch dies zeigt dieses Buch), die zu ihrem Vater sagte. "Papa, wir müssen das tun, weil sie das gewollt hätte. Ich weiss, dass sie das gewollt hätte." Wobei: Eine Herztransplantation sollte "nicht wirklich als Heilung betrachtet werden, sondern eher als palliative Behandlung."

Eine Transplantation ist vielfältigst herausfordernd und umfasst Immunologie, Intensivmedizin und Immunsuppression. Chirurgen, die sich darauf spezialisieren, wiesen, so die Autoren einer einschlägigen Studie (deren Verfasser beide selber Chirurgen sind), "überdurchschnittliche Psychopathie-Werte" auf, insbesondere "Stressimmunität", was allerdings positiv zu vermerken ist, da sogenannte Normalos sich wohl kaum wagen würden, eine Brust aufzuschneiden und ein Herz zu reparieren. "Vielleicht ist der einzig klare Schluss, dass Psychopathie so wie die menschliche Natur überhaupt kompliziert ist und man sich vor allzu einseitigen Behauptungen hüten sollte.

Das grösste Verdienst gehört jedoch nicht den Chirurgen, sondern den Spendern, denn ohne sie gäbe es keine Transplantationen. Unverzüglich habe ich mich um eine Spenderkarte bemüht!

Die Geschichte eines Herzens ist eines dieser seltenen Bücher, die einen spüren lassen, wie fragil und kostbar das Leben ist. Eine überzeugendere Anleitung, das Leben zu schätzen, ja, dafür dankbar zu sein, ist schwer vorstellbar.

Rachel Clarke
Die Geschichte eines Herzens
Eichborn, Köln 2026

Mittwoch, 27. Mai 2026

Die schöpferische Kraft der Blumen

Womit auch immer wir uns beschäftigen, die Erkenntnisse, die wir dabei gewinnen ähneln sich, geht mir durch den Kopf, als ich lese: "Innovationen entstehen durch Zusammenarbeit und Zusammenführung, nicht durch einsame Genies. Oder vielleicht kann man sagen, Genie heisst, wie ein geschickter Weber zu erkennen, welche Fäden verknüpft und verbessert werden müssen. Genau das träfe auf die Evolution der Blütenpflanzen zu. Es gibt nicht die eine biologische Erfindung, die die Pflanzenwelt revolutioniert hat. Vielmehr wurden die vorhandenen Strukturen und ökologischen Beziehungen zu neuen Mustern verwebt und mit ein paar Stickereien aufgepeppt."

Auf diesem Hintergrund sind unsere Zuschreibungen, die einzelnen Personen aussergewöhnliche, ja geradezu einzigartige Fähigkeit andichten, nicht nur absurd, sondern geradezu lebensfeindlich. Als ein japanischer Physiker, der zusammen mit einem amerikanischen Kollegen, den Nobelpreis gewonnen hatte, gefragt wurde, ob er stolz darauf sei, antwortete er sinngemäss. Nein, sei er nicht, denn was sie beide entdeckt hätten, habe der Entdeckung geharrt und hätte von irgendjemandem entdeckt werden können. Und als der Astronaut Matthias Maurer instruiert wurde, wie man Gesteinsbrocken auswählt, lernte er, dass sowohl die aussergewöhnlichen wie auch die gewöhnlichen und nicht zuletzt die Übergänge, wo sie gefunden werden, wichtig seien.

Wie bei Akademikern üblich (der Autor ist Professor für Biologie und Umweltwissenschaften) werden zuerst einmal Begriffe geklärt: Unter Blütenpflanzen versteht er die, welche ihre Samen mit einem Fruchtknoten schützen. "Die Blüten sind die Fortpflanzungsorgane der Blütenpflanzen und perfekt ausgestattet. Sie locken Bestäuber an, sorgen dafür, dass sich Ei- und Spermazellen vereinen und schenken dem Embryo die notwendige Fürsorge. Blütenblätter. Pollen. Einzellen. Frucht. All das gehört zu einer Blüte."

Mein eigener Bezug zu Pflanzen besteht darin, dass ich fast jeden Tag  die eine oder die andere fotografiere, in den  meisten Fällen, ohne zu wissen, um was für Blumen es sich handelt. Mich fasziniert die Schönheit, die Ästhetik. Die schöpferische Kraft der Blumen  deshalb fotografiere ich sie. Laut Alain de Botton handelt es sich hierbei um eine Alterserscheinung; jungen Männern würden Blumen nicht auffallen.

Ich verspreche mir von diesem Buch eine Horizonterweiterung – und die kriege ich auch. So habe ich mir über den Duft der Blumen bisher keine Gedanken gemacht. "Für die Pflanzen sind die Aromen wie eine Sprache." Und wie jede andere Sprache auch, können sie je nachdem einladen oder vertreiben, sich anbieten oder sich wehren, täuschen, verführen ... die ganze Palette eben.

Dass auch Gräser Blumen sind, war mir neu. "... statt in die Höhe zu steigen und sich wie die Bäume mit Holz zu verkleiden, bleiben die Gräser mit ihren mageren Körpern am Boden kleben." Ich bin mir gewiss, dass ich Gräser fortan mit anderen Augen betrachten werde.

Die schöpferische Kraft der Blumen ist einerseits Aufklärung über Biologie, geht andererseits jedoch weit darüber hinaus und wird grunsätzlich. Gemäss dem vorherrschenden Narrativ unserer westlichen Kultur ist die Individualität das höchste Gut. David George Haskell macht deutlich, dass der Glaube, der dieses Narrativ informiert, falsch ist.

"Die Fokussierung auf das Individuum verschleiert die Tatsache, dass Individuen ihr Leben und Überleben Beziehungen verdanken. Auch Innovation und Produktivität sind die Frucht von Zusammenarbeit. Es ist unmöglich, eine Grenze zwischen 'ich' und 'wir' zu ziehen. Ohne Gemeinschaft gibt es keine Individuen – es braucht zusammenwirkende Gene, den permanenten Austausch der Zellen im Körper, Energie, die durch Nahrungsnetze fliesst, die Interaktion der Arten."

Im Anhang gibt David George Haskell Anregungen für unseren Umgang mit Blumen. Das reicht vom 'Spielen mit Blumen' über 'Ein Tagebuch mit Blumen' bis zu 'Mit Blumen sitzen'. Mit Letzterem ist gemeint, regelmässig Blütenpflanzen zu beobachten, etwa die Kommunikation zwischen Blüten und Insekten. "Lauschen Sie auf die Geräusche, wenn Insekten oder andere Tiere die Blume besuchen (...) Die Blume verankert sich durch die achtsame Erkundung in unseren Sinnen und unserem Gedächtnis. Wenn Sie das nächste Mal die gleiche Art betrachten, wird ihr Erleben tiefer sein. Dann versenken Sie sich in die einzigartige Persönlichkeit der Blume."

Fazit: Eine überaus hilfreiche Wahrnehmungserweiterung!

David George Haskell
Die schöpferische Kraft der Blumen
Eine Geschichte über die schönsten 
Revolutionärinnen der Evolution
Kunstmann, München 2026

Sonntag, 24. Mai 2026

Cosmic Kiss

Wie wird man eigentlich Astronaut? Was für Eigenschaften und Fähigkeiten muss man da mitbringen? "Was auch passiert, sie müssen negative Emotionen sofort abhaken und sich mit freiem Kopf auf das Bevorstehende konzentrieren." Es sind solch simple, praktische Anleitungen, die mir dieses Buch vor allem wertvoll machen.

Das Auswahlprozedere ist rigoros, "denn der wahre Charakter eines Menschen zeigt sich erst ausserhalb seiner Komfortzone." Eine italienische Höhle, ein Unterwasserhabitat vor der Küste von Key Largo, Winter in der Wildnis in Schwedens Norden, Überleben im Meer an der Südküste Koreas, zusammengewürfelt mit Menschen, die man nicht kennt. Umfassende Gesundheitschecks, bei denen einige auf der Strecke bleiben, unter ihnen auch Maurers Freund Dirk, in dessen Kopf ein bösartiger Tumor entdeckt wurde.

Einmal ausserhalb des 'Raumschiffs Erde' spielt es keine Rolle, ob man Chinese oder Deutscher ist, hingegen zeigen sich bei der Vorbereitung, wie sehr diese auch von politischen und kulturellen Bedingungen geprägt ist. So "werden in China Raumfahrtziele über Jahrzehnte weg definiert. Politischer und wirtschaftlicher Rückhalt sind für eine beschlossene Mission in der Regel garantiert." Davon können Forschende und Astronauten in westlichen Demokratien nur träumen.

Wo auf der Erde könnte man sich am besten für eine Mondmission vorbereiten? Im Nördlinger Ries in Bayern, das schon den Apollo-Astronauten als Testgelände diente, da dort vor 15 Millionen Jahren ein Meteoriteneinschlag eine fast kreisförmige Vertiefung hinterlassen hat, die sich als Studiengelände anbietet, und auf Lanzarote, der Insel der hundert Vulkane. Die Astronauten sollen unter anderem Gesteinsproben zur Erde zurückbringen. "Wenn du Steine von den auffälligen und unauffälligen Stellen sowie von deren Übergängen sammelst, hast du Proben, die repräsentativ für das ganze Gebiet sind", erläutert ein Geologe.

Nach jahrelanger Vorbereitung sind die Astronauten "mehr als entschlossen, die Erde zu verlassen." In der Praxis geht das minutiös durchgeplant vonstatten. "Eine letzte irdische Dusche, ein finaler Snack, ein abschliessender Medizincheck und schon erhielten wir die Anweisung, unsere fensterlosen Schlafräume aufzusuchen, und die Flugunterwäsche inklusive Windel anzuziehen." Der Reiz von Cosmic Kiss liegt nicht zuletzt in des Autors detaillierter Schilderung der Abäufe. Sitzen die Gurte ordnungsgemäss, sind die Stiefel fest in der Halterung eingeklickt? Nichts wird dem Zufall überlassen.

In 400 Kilometer Höhe docken sie dann an die ISS, die internationale Raumstation, welche die Erde dauerhaft umkreist. Dieses Andocken geschieht zwar automatisch, doch es kann immer etwas schiefgehen. Dass Matthias Maurer gerade in diesem Moment immer wieder die Augenlider zufallen und er sich wie kurz vor dem Einschlafen fühlt, "wenn Realität und Traum miteinander verschwimmen", ist nicht gerade ideal, doch als der SpaceX-Fluglotse meldet "Capture confirmed!", ist er plötzlich hellwach.

Auf der ISS ist Maurer dann sehr beschäftigt, 150 internationale Experimente hat er zu bewältigen. So sollen etwa die Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems in der Schwerelosgkeit oder die Strahlenbelastung innerhalb der Raumstation gemessen werden. "Mein Tagesablauf ist so minutiös durchgeplant, dass ich mich wie ein Hamster im Laufrad fühle."

Die wohl grösste Herausforderung war, mit der Schwerelosigkeit klarzukommen. Doch wie so oft macht auch hier die Übung den Meister. "Orbit für Orbit gingen mir die Tätigkeiten leichter von der Hand." Auch lernte er, dass die Schwerelosigkeit Vorzüge hat. "Gehen ist out! Wo der Kopf ist, ist oben, und die Füsse weisen immer zum Boden." 

Faszinierend sind auch die körperlichen Veränderungen, da der Organismus sich von Tag zu Tag "wie durch Geisterhand" besser an das Leben ohne Schwerkraft anpasst. So hat etwa die Flüssigkeitsumlagerung einen dicken Kopf und dünne Beinchen zur Folge, die einstmals s-förmige Wirbelsäule ist jetzt kerzengerade, auch bauen sich Muskeln ab, die nicht gebraucht werden.

Der Autor erinnert sich, dass der erfahrene Astronaut Thomas Reiter ihm den Hinweis gegeben hat, ab und zu mal aus dem Fenster zu schauen, und das tut er jetzt auch. "Aus dem Weltraum betrachtet scheint es, als hätte nie ein Mensch dieses Paradies je betreten. Alles sieht so unberührt und intakt aus." Doch da er weiss, dass dem nicht so ist, sieht er es auch. Er kann die schwarzen Rauchsäulen der Feuer in den Regenwäldern erkennen; auch die Narben, die Abräummaschinen am Boden hinterlassen, sind durch die Fenster der Cupola zu sehen.

Wie würde wohl ein kosmischer Besucher die Erde wahrnehmen? "Bestimmt wäre ich nicht in der Lage, mir auch nur ansatzweise die Varietät der irdischen Flora und Fauna auszumalem. Ebenso wenig das Spektrum der menschlichen Fähigkeiten in all ihrer bunten Vielfalt bis hin zu den extremen Exzessen." Cosmic Kiss ist auch eine Lektion in Demut.

Fazit: Eine höchst informative Einladung zum Staunen.

Matthias Maurer
mit Sarah Konrad
Cosmic Kiss
Sechs Monate auf der ISS
Eine Liebeserklärng an den Weltraum
Droemer, München 2025

Mittwoch, 20. Mai 2026

Das fühlende Gedächtnis

Er lügt wie ein Augenzeuge, besagt ein russisches Sprichwort. Ciara Greene und Gillian Murphy, die beiden Autorinnen dieses Buches sehen das zwar etwas, aber eben doch nicht so ganz anders, und zwar aufgrund der aktuellen Gedächtnisforschung. 

"Wenn Fehlleistungen unseres Gedächtnisses fatale Folgen haben, dann oft nicht deshalb, weil unser Erinnerungsvermögen so schlecht ist, sondern weil wir ihm unrealistische Erwartungen entgegenbringen und meinen, dass es wie eine Videokamera funktioniert, und nicht wie eine Rekonstruktion. Zeugen, Polizeibeamte oder Gerichte haben oft zu viel Vertrauen in das menschliche Gedächtnis, und verlangen ihm völlig unrealistische Dinge ab."

Was unser Gedächtnis zu leisten imstande ist (und was nicht) erläutern die Psychologinnen Ciara Greene und Gillian Murphy in diesem faszinierenden und nützlichen Werk. Wie wir das Gedächtnis verstehen, hängt nicht zuletzt vom Stand der Forschung ab, und diese geschieht nicht einem luftleeren Raum, sondern in einem sich verändernden sozialen Umfeld. "Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie Erinnerungen erlebt werden und wie sie das menschliche Verhalten beeinflussen." Dabei nehmen sie Bezug auf ganz viele Studien, machen ganz viele Unterscheidungen und weisen uns auf psychologische Begriffe hin, wie etwa die Quellenamnesie. "Wenn andere uns ein Ereignis beschreiben, kann es schwierig sein, uns an die Quelle der Information (unsere eigene Erfahrung, die Schilderung anderer, unsere Phantasie?) zu erinnern."

Die Vorstellung, wir würden aufmerksam durchs Leben gehen, führt zu Fehlschlüssen. Zu den Phänomema, die psychologische Untersuchungen zu Tage gefördert haben, gehört auch die sogenannte "Aufmerksamkeitsblindheit", was meint, dass wir nur wahrnehmen, worauf wir uns konzentrieren und alles andere nicht. Das Gegenstück dazu bildet das "Aufmerksamkeitsdefizit", bei dem die vielen  Nebensächlichkeiten die Konzentration auf die Hauptsache erschweren. Das fühlende Gedächtnis liefert ganz viele solcher Informationen und trägt somit dazu bei, den gängigen Selbstbetrug (von dem wir allzu oft gar nichts wissen) zu verringern.

Meist sind wir auf Autopilot unterwegs, folgen also einem vertrauten Schema. So nützlich das auch ist, es kann auch zu fatalen Fehlern führen. Dass Eltern ihr Kind im überhitzten Auto sitzen lassen, weil sie mit etwas anderem beschäftigt sind, erklären sich Gedächtnisforscher mit einer falschen Erinnerung gemäss welcher "sie ihr Kind an diesem Tag im Kindergarten abgeliefert haben."

Vom derzeitigen amerikanischen Präsidenten wissen wir (so wir den einschlägigen Medien vertrauen), dass er zumeist mit dem einig geht, was ihm der letzte Besucher erzählt hat. Damit ist (oder wäre) er allerdings keine Ausnahme. Der Fall des Australiers Donald Thomson, der eine Frau vergewaltigt haben sollte, jedoch zur Tatzeit einen Fernsehauftritt hatte, welchen die vergewaltigte Frau gesehen hatte, zeigt wieder einmal, dass die Realität viel aberwictziger ist als was man sich vorstellen kann.

Unser Hirn wählt aus, füllt Leerstellen aufgrund von Annahmen über das, was passiert ist. Anders gesagt: Unser Hirn ist höchst kreativ, seine Funktionsweise steht im Dienst unseres Überlebens. Und genau deshalb ist Das fühlende Gedächtnis zu empfehlen: es erlaubt uns einen nüchternen Blick auf die Realität. Und macht darüber hinaus deutlich, wie wenig wir eigentlich wissen

Man kann es nicht genug betonen: Unser Gedächtnis ist kein perfektes Archiv, es ist nicht statisch, sondern in dauernder Bewegung und kann sich auch an Ereignisse erinnern, die gar nie passiert sind. Ein überaus dramatisches Beispiel ist Billy Wayne Cope, der 2001 bechuldigt wurde, seine 12jährige Tocher vergewaltigt und getötet zu haben, obwohl er es nachweislich nicht gewesen war. Doch der nicht immer so gesunde Menschenverstand insistierte, dass niemand ein Verbrechen gesteht, das er nicht begangen hat. Man hüte sich vor dem gesunden Menschenverstand!

Fazit: Eine überaus hilfreiche und sympathische Einführung in die Funktionsweise unseres Gedächtnis, dazu geeignet, unser Selbstbild der Realität anzupassen.

Ciara Greene & Gillian Murphy
Das fühlende Gedächtnis
Wie unser Gehirn Erinnerungen überschreibt 
– und warum das lebenswichtig ist
C.H. Beck, München 2026

Sonntag, 17. Mai 2026

Our explanations

 I guess we're all, or most of us, the wards of that nineteenth-century science which denied existence to anything it could not measure or explain. The things we couldn't explain went right on but surely not with pour blessing. We did not see what we couldn't explain, and meanwhile a great part of the world was abandoned to children, insane people, fools, and mystics, who were more interested in what is than in why it is. So many old and lovely things are stored in the world's attic, because we don't want them around us and we don't dare throw them out.

John Steinbeck: The Winter of Discontent

Santa Cruz do Sul, 27. Februar 2021