Mittwoch, 24. Juni 2026

Familienalbum

Mein erstes Buch von Penelope Lively war „Moon Tiger“, für das sie 1987 den Booker-Preis erhielt und in dem so treffende Sätze zu finden sind wie: „In life as in history the unexpected lies waiting, grinning from around corners. Only with hindsight are we wise about cause and effect.“

Ihr neuestes Buch, „Familienalbum“, beginnt so:
 „Gina bog von der Strasse ab, in die Auffahrt von Allersmead. Da war ihr, als liefe im Zeitraffer ihr ganzes Leben noch einmal vor ihren Augen ab. Wie es von Ertrinkenden heisst. Das gab ihr zu denken, aber auch, dass noch niemand einen Ertrinkenden dazu hat befragen könne.“

Wer so ein Buch beginnt, hat meine ganze Sympathie. Denn was wissen wir schon, was können wir überhaupt wissen? Hätten unsere Leben, wenn nur ein kleines Detail anders gewesen wäre, nicht auch ganz anders verlaufen können?“

Alison hat sich immer eine grosse Familie gewünscht, und ein grosses Haus. Beides hat sie bekommen. Zusammen mit dem skandinavischen Au-Pair Ingrid zieht sie eine Kinderschar gross, während ihr Mann, Charles, populäre Bücher schreibt.

Der Besuch von Corinna, Charles' Schwester, und ihrem Mann Martin, der an der Uni einen Lehrstuhl innehat, liest sich so: „Martin hat Charles gefragt, woran er gerade arbeitet, und damit ausgedehnte Erläuterungen über irgendein Buch zum Thema Aufklärung provoziert. Nach Martins Meinung ist Charles ein Mann für die breite Masse, der Reisser schreibt, Stoff für die Sonntagsbeilage. Martin selbst produziert Werke, die bei ungefähr einem Dutzend Menschen intensive Diskussionen auslösen und ausschliesslich von akademischen Bibliotheken erworben werden. Charles' Projekte wecken bei ihm, warum auch immer, sowohl Neugier als auch Erbitterung; wie unter Zwang muss er jedes Mal nachfragen, mit zusammengebissenen Zähnen. Vor ein paar Jahren hat er entdeckt, dass die Auflage von Charles' Buch über den Jugendkult in die Zehntausende ging; von diesem Schlag hat er sich nie erholt.“
Besser kann man eigentlich die akademische Welt kaum beschreiben.

Scharfsinnig und witzig, einfühlsam und mit Nachsicht für ihre Schwächen, beschreibt Penelope Lively die Freuden und Nöte der einzelnen Familienmitglieder, die verschiedener voneinander gar nicht sein könnten. Und dann ist da noch das Familiengeheimnis, das erst zum Schluss gelüftet wird, auch wenn der aufmerksame Leser so etwa ab der Mitte des Buches zu erahnen beginnt, dass es wohl etwas mit Ingrid, dem Au-Pair, zu tun haben wird, denn so recht eigentlich mutet es ja schon ein wenig seltsam an (nun gut, in England, wo die Geschichte spielt, vielleicht nicht), dass das Au-Pair zum festen Familienbestandteil wird.

„Niemand hat je von so etwas wir einem Au-pair-Mädchen gehört, schon gar nicht von einem, das vierzig Jahre bleibt und Spargel anbaut. Vierzig Jahre?“
  „So ungefähr?“
  „Hast du sie gemocht?“
  „Gemocht?“ Gina sieht ihn an. „Keine Ahnung. Sie war einfach da, und fertig. Gehörte zum Mobiliar.“
Genau. So dass es auffiel, wenn sie nicht da war. Jenes eine Mal.

Fazit: ein intelligenter Lesegenuss. Auch wegen so hellsichtigen Einsichten wie dieser: „Er ist jetzt ein ganzes Stück älter, womöglich nicht viel klüger, aber doch zu einem klarsichtigen Rückblick fähig.“

Penelope Lively
Familienalbum
C. Bertelsmann, München 2012

Sonntag, 21. Juni 2026

Wu Wei

 Literally, Wu Wei means "without doing, causing or making." But practically speaking, it means without meddlesome, combative, or egotistical effort. It seems rather significant that the character Wei developed from the symbols for a clawing hand and a monkey, since the term Wu Wei means no going against the nature of things; no clever tampering; no Monkeying Around."

Benjamin Hoff: The Tao of Pooh

Santa Cruz do Sul, Brazil, 18 January 2023

Mittwoch, 17. Juni 2026

So nicht mehr!

 Mein Aufwachen am Morgen geschieht ohne mein Dazutun: Nicht ich wache auf, sondern das Leben erwacht in mir. Solange ich nicht eingreife, nicht in meine Routinen verfalle, ist alles bestens. Das Leben gehorcht seinen eigenen Gesetzen; ich fahre am besten, wenn ich ihnen folge, mich ihnen nicht in den Weg stelle. Ich bin übrigens froh, dass für alles wirklich Wesentliche (das Ein- und Ausatmen) mein Ego überflüssig ist.

An diesem südbrasilianischen Morgen gebe ich meiner Lust nach Kaffee, Toast, Doce de Leite und Requeijão Cremoso nach. Mir geht es gut, ich folge meinem Unbewussten, das besser als mein Verstand zu wissen scheint, was mir bekommt.

Mein Verstand führt mich oft in die Irre. Beobachte ich aufmerksam, was er so alles macht, zeigt sich mir, wo ich aufpassen muss, um mich nicht selber zu betrügen.

Als ich mich kurz darauf an meinem PC setze, um die politische Weltlage zur erkunden, ist es mit meiner Seelenruhe vorbei. Und wieder einmal wundere ich mich, weshalb ich mir all diese machthungrigen Idioten jeden Tag antue. Weshalb ich glaube, wissen zu müssen, was Durchgeknallte, die sich ungemein wichtig nehmen, tun oder nicht tun, sei relevant für mich, verstehe ich selber nicht.

Dass ich mich über die Weltlage informiere ist reine Gewohnheit. Und da Gewohnheiten Halt und Sicherheit vermitteln (nichts, was uns Menschen wichtiger ist), gebe ich viel zu oft nach und mich hin. Allerdings um den Preis meines Seelenfriedens.

Mein Verstand weiss schon lange, dass mir die Weltlage gestohlen bleiben kann und es wichtiger ist, sich um das zu kümmern, was vor der eigenen Nase liegt. Schulen, Medien und Gesellschaft behaupten zwar das Gegenteil. Das müssen sie auch, schliesslich ist es ihre Geschäftsgrundlage. Für mich hingegen gilt: So nicht mehr!

Santa Cruz do Sul, Brasil, 2 Março 2025

Die Sonne scheint, ich habe den ganzen Tag zur freien Verfügung. Ich werde ihn nicht den medialen Aufgeregtheiten widmen, die mich noch rastloser machen als ich eh schon bin. Und so schaue ich aus "meinem" Fenster im neunten Stock auf die Stadt, durch die der Morgenverkehr rollt. Ich höre die Vögel zirpen und verstehe in diesem Moment: This is the first day of the rest of your life.

Der Moment, wie das Momente so an sich haben, hat sich schnell verflüchtigt. Ich bin zwar an diesem Tag einige Male darauf zurückgekommen, allerdings nur um zu erkennen: Momente bleiben flüchtig. Das ist eben ihr Ding. Es gibt Momente, ab und zu, in denen ich das begreife. ...

Sonntag, 14. Juni 2026

Von den Erwartungen

Lange nicht gesehen! Wie geht es Dir?“, fragt mich mein Bekannter. „Es gibt zwei Antworten darauf“, antworte ich, obwohl es natürlich noch ganz viele mehr gäbe. „Die erste: Ich bin total frustriert; die zweite: ich habe immer mal wieder Super-Momente.“ Mein Bekannter zeigt sich ob der ersten Antwort bestürzt, die zweite scheint ihn nicht zu interessieren. „Frustriert?! So kenne ich Dich gar nicht, auf mich wirkst Du überhaupt nicht so. Wieso frustriert?“ „Weil so ziemlich alles im Leben nicht so ist, wie es meiner Meinung nach sein sollte.“ „Geht es auch konkreter?“ „In meiner Vorstellung sollten die Anständigen an der Spitze stehen, in der Realität ist das überhaupt nicht so. Auch finde ich, dass Lügner und Inkompetente aus dem Amt gejagt werden sollen, doch auch das ist nicht der Fall.“ „Du scheinst ganz unrealistische Vorstellungen von der Welt zu haben“, sagt mein Bekannter, der glaubt, sein Direktorengehalt sei seinen Fähigkeiten geschuldet.

Doch wie gesagt: Ich habe immer mal wieder Super-Momente. Sie treten meist dann ein, wenn ich meine Erwartungen vergessen habe, wenn ich nicht denke, wenn ich einfach wahrnehme, was ist. Doch kann man seine Erwartungen eigentlich vergessen? Nur für Momente, denn unser Gehirn ist antizipierend eingestellt, ist also immer schon bei dem, was kommt oder kommen könnte, es flieht das Hier und Jetzt.

Seit ich das Fotografieren entdeckt habe, gehe ich anders durch die Welt. Aufmerksamer. Letzthin, in Marseille, in einer engen Gasse entdeckte ich am Himmel über mir ein Stück Stoff, das sich in Stromleitungen verfangen hatte und nun vom Wind durch die Luft gewirbelt wurde, so dass immer wieder neue, nicht vorherzusehende Formationen entstanden. Ich blieb stehen und versuchte das Schauspiel mit meiner Kamera einzufangen. Jede Aufnahme zeigte one moment in time, mein Fotografieren wurde zur Meditation – ich tat, was ich tat, nicht mehr, nicht weniger, nur gerade das. Das trifft auch auf die untenstehende Aufnahme zu, die mir einiges an Geduld abforderte.

Die meiste Zeit gehe ich jedoch mit einer mir selten bewussten Erwartungshaltung durch die Gegend. So erwarte ich etwa, dass, wenn ich jemanden anständig behandle, mir ebenfalls anständig begegnet wird. Auch erwarte ich, dass ich nicht angelogen werde, dass die Menschen sagen, was sie denken, dass diejenigen, die die Steuerzahler viel Geld kosten, sich ihres Amtes fähig und würdig erweisen. Meines Erachtens sind dies absolut berechtigte Erwartungen, doch meine Erfahrung zeigt, dass ihnen eher selten entsprochen wird.

Das liegt unter anderem daran, dass unsere Kultur von uns verlangt, Heuchler zu sein. Das ist notwendig, um „unser“ System, das im Kosten-Nutzen-Denken gefangen ist, am Laufen zu halten. Gibt es eigentlich etwas Fantasieloseres als alles unter dem Aspekt von Kosten und Nutzen zu betrachten? Sollte es im Leben darum gehen, möglichst an dem Wunder teilzuhaben, dass wir für eine gewisse Zeit auf diesem Planeten unterwegs sein dürfen, dann eher nicht.

Santa Cruz do Sul, 20. Dezember 2023

Mittwoch, 10. Juni 2026

Redirect your thinking

 Stop thinking about the difficulty, whatever it is, and think about God instead.

This is the complete rule, and if only you will do this, the trouble, whatever it is, will disappear.

It makes no difference what kind of trouble it is. It may be a big thing or a little thing: it may concern health, finance, a lawsuit, a quarrel, an accident, or anything else conceivable: but whatever it is, stop thinking about it and think of God instead–that is all you have to do.

It could not be simpler, could it? God could scarcely have made it simpler, and yet it never fails to work when given a fair trial.

Do not try to form a picture of God, which is impossible.

Work by rehearsing anything or everything that you know about God. God is wisdom, truth, inconceivable love.

God is present everywhere, has infinite power, knows everything, and so on.

It matters not how well you may think you understand these things: go over them repeatedly.

But you must stop thinking of the trouble, whatever it is.

Emmet Fox

Santa Cruz do Sul, 9 December 2023

Sonntag, 7. Juni 2026

Das Hirn leeren

Santa Cruz do Sul, 15. Dezember 2022

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich mir Bildung angeeignet. Traditionelle Bildung, also wer hat was wann und in welchem Zusammenhang gesagt. Schulweisheiten. So sei es, wurde mir vermittelt, und nicht etwa, alles könnte durchaus auch ganz anders sein.

Gebildeten Menschen, die die Dinge historisch einzuordnen verstanden, brachte ich Hochachtung, ja Bewunderung entgegen. Auch dass andere Kulturen die Dinge anders bewerteten, gehörte zur Bildung. Dass alle damit nur Aussagen über ihr Denken machten, war mir die meiste Zeit meines Lebens nicht klar.

Wer gut argumentieren konnte, hatte meinen Respekt, wer zu differenzieren wusste ebenso. Dass das bessere Argument vor Gericht obenaus schwingt, kommt mir erst seit Kurzem ziemlich abartig vor, das mir solch ein Vetrauen in unser Denken abgeht.

Unserem Hirn erschliesst sich viel zu viel ganz und gar nicht. Und so will ich denn meinem Hirn nicht weiteres Wissen hinzufügen, will ich es leeren, so gut ich es vermag, denn mein Wissen verstellt mir den Blick auf die Welt.

Mich auf meine Gedanken zu verlassen, ist keine gute Idee. Zu oft haben sie mich in die Irre geführt. Neuerdings versuche ich zu beobachten anstatt zu denken. Meine Gedanken und Gefühle zu beobachten. Dabei mache ich die Erfahrung, dass Nicht-Denken mir gut tut. Auch weil mein Denken mir suggeriert, ich verstünde die Welt, mehr oder weniger. Das ist ein Irrtum. Auch das hat mich mein Denken gelehrt. Das Denken hat also durchaus Positives.

Doch alles hat bekanntlich seine Zeit. Jetzt ist für mich die Zeit des Nicht-Denkens gekommen. Weil mir das gewohnte Denken nicht mehr genügt, es sich erledigt hat, ich Neues erfahren will.

Das ist natürlich eine Wunschvorstellung, obwohl: ich bemühe mich drum. Nur eben: Gewohnheiten sind stark.

Mittwoch, 3. Juni 2026

Tag für Tag

Azmoos, am 8. August 2024

So wie es auch Zeit und Willenskraft kostete,
den Drogen abzuschwören, der Flucht, nach der man süchtig war.

Es war möglich, wenn man Tag für Tag erledigte, was zu tun war.
Dann würden irgendwann vielleicht auch wieder die Züge fahren.

Jo Nesbø: Macbeth

Sonntag, 31. Mai 2026

Die Geschichte eines Herzens

Bei einem Autounfall erleidet die neunjährige Keira tödliche Verletzungen, der gleichalterige Max benötigt zur selben Zeit ein neues Herz. Rachel Clarke, früher Journalistin und heute Ärztin für Palliativmedizin, schreibt diese Geschichte einer Transplantation, indem sie das Herz selbst in den Mittelpunkt stellt, auf unvergleichliche Art: bewegend, empathisch und realistisch. "Kurz gesagt habe ich versucht, einen möglichst vollständigen Bericht über das Wunder und die Qual, die Wissenschaft und die Seele eines Herzens und seiner Reise zu schreiben." Das ist ihr meisterhaft gelungen.

"Die Organtransplantation ist nicht nur ein Wunderwerk der modernen Medizin, sondern auch eine der reinsten Ausdrucksformen menschlicher Selbstlosigkeit." Es dauerte seine Zeit bis es soweit war. Insbesondere ans Herz traute man sich lange Jahre nicht heran. "Doch nichts treibt medizinische Innovation so sehr wie Verzweiflung." Die Kriegschirurgie war ein Vorreiter der Herzchirurgie,

Die Geschichte eines Herzens ist ein bewegendes, ein ausserordentliches Buch, da Rachel Clarke wunderbar aufzuzeigen versteht, was und wie alles zusammenspielen muss, damit es überhaupt zu einer Transplantation kommen kann. "Vor weniger als einem Jahrhundert war die Vorstellung, ein menschliches Organ chirurgisch zu entnehmen, es auf Eis zu transportieren und in den Körper eines anderen lebenden Menschen einzupflanzen, reine Science-Fiction."

Im Grunde ist dies die Biografie von Keiras Herz. Ganz viele Personen spielten dabei eine Rolle. Eltern, Geschwister, Chirurgen, Pflegefachkräfte, Sanitäterinnen, Polizisten, Organspendekoordinatorinnen, Piloten, Umstehende, Psychologinnen, Kardiologen. Sie alle wurden befragt. Was die Autorin vorlegt ist keine Fiktion, sondern ein Bericht darüber, was tatsächlich vorgefallen ist. Darüber hinaus ist es eine überaus lehrreiche Schilderung des Umgangs mit Kindern in englischen Spitälern.

Die Geschichte eines Herzens erklärt auch ganz viel Medizinisches. So etwa die für Laien weitestgehend unverständliche Sprache der Mediziner. "Die Sprache ist stakkatoartig – das atemlose Rattern von Fachjargon und Abkürzungen, mit dem Mediziner maximale Informationsmengen mit minimaler Mehrdeutigkeit in möglichst wenigen Sekunden übermitteln." Oder die Revolution Anfang der 1960er Jahre, als der Herztod vom Hirntod abgelöst wurde.

Von der Unfallstelle ins Krankenhaus, und da in die Intensivstation, wo sehr spezielle Menschen im Einsatz sind. "Das Intensivpersonal gibt offen zu, aus Grüblern, Pedantinnen und Zwangshaften zu bestehen, die dazu neigen, Dinge zu überanalysieren – und das ist auch gut so. Es ist ihre unnachlässige Aufmerksamkeit für Details, die schwer verletzten Patienten die besten Überlebenschancen gibt." Dazu kommt, wie eine Pflegefachkraft sagt, sie emotional abschalten, die Mama (die sie auch ist) vor der Tür lassen, sie auf Autopilot funktionieren müsse.

Die Geschichte eines Herzens klärt auf über die eindrückliche Logistik, "die sicherstellt, dass kein verwertbares Organ verloren geht", erläutert wie ein Herz funktioniert ("Etwas 100,000 Mal am Tag ... ziehen sich alle vier Kammern wie eine Einheit zusammen und bringen unser Blut dazu, unsere Arterien zu durchfluten."), gibt Einblicke in die Entstehung der Intensivmedizin, und macht deutlich, dass die hochspezialisierte Medizin nur möglich ist, weil ganz viele Teile ineinandergreifen und sich ergänzen müssen.

Für eine Organentnahme gibt es Standardprotokolle. Bei Kindern suchen speziell ausgebildete Fachkräfte das Gespräch mit den Eltern. Im Falle von Keira war es ihre Schwester Katelyn (dass Kinder häufig weit mehr verstehen, als ihren Eltern bewusst ist, auch dies zeigt dieses Buch), die zu ihrem Vater sagte. "Papa, wir müssen das tun, weil sie das gewollt hätte. Ich weiss, dass sie das gewollt hätte." Wobei: Eine Herztransplantation sollte "nicht wirklich als Heilung betrachtet werden, sondern eher als palliative Behandlung."

Eine Transplantation ist vielfältigst herausfordernd und umfasst Immunologie, Intensivmedizin und Immunsuppression. Chirurgen, die sich darauf spezialisieren, wiesen, so die Autoren einer einschlägigen Studie (deren Verfasser beide selber Chirurgen sind), "überdurchschnittliche Psychopathie-Werte" auf, insbesondere "Stressimmunität", was allerdings positiv zu vermerken ist, da sogenannte Normalos sich wohl kaum wagen würden, eine Brust aufzuschneiden und ein Herz zu reparieren. "Vielleicht ist der einzig klare Schluss, dass Psychopathie so wie die menschliche Natur überhaupt kompliziert ist und man sich vor allzu einseitigen Behauptungen hüten sollte.

Das grösste Verdienst gehört jedoch nicht den Chirurgen, sondern den Spendern, denn ohne sie gäbe es keine Transplantationen. Unverzüglich habe ich mich um eine Spenderkarte bemüht!

Die Geschichte eines Herzens ist eines dieser seltenen Bücher, die einen spüren lassen, wie fragil und kostbar das Leben ist. Eine überzeugendere Anleitung, das Leben zu schätzen, ja, dafür dankbar zu sein, ist schwer vorstellbar.

Rachel Clarke
Die Geschichte eines Herzens
Eichborn, Köln 2026

Mittwoch, 27. Mai 2026

Die schöpferische Kraft der Blumen

Womit auch immer wir uns beschäftigen, die Erkenntnisse, die wir dabei gewinnen ähneln sich, geht mir durch den Kopf, als ich lese: "Innovationen entstehen durch Zusammenarbeit und Zusammenführung, nicht durch einsame Genies. Oder vielleicht kann man sagen, Genie heisst, wie ein geschickter Weber zu erkennen, welche Fäden verknüpft und verbessert werden müssen. Genau das träfe auf die Evolution der Blütenpflanzen zu. Es gibt nicht die eine biologische Erfindung, die die Pflanzenwelt revolutioniert hat. Vielmehr wurden die vorhandenen Strukturen und ökologischen Beziehungen zu neuen Mustern verwebt und mit ein paar Stickereien aufgepeppt."

Auf diesem Hintergrund sind unsere Zuschreibungen, die einzelnen Personen aussergewöhnliche, ja geradezu einzigartige Fähigkeit andichten, nicht nur absurd, sondern geradezu lebensfeindlich. Als ein japanischer Physiker, der zusammen mit einem amerikanischen Kollegen, den Nobelpreis gewonnen hatte, gefragt wurde, ob er stolz darauf sei, antwortete er sinngemäss. Nein, sei er nicht, denn was sie beide entdeckt hätten, habe der Entdeckung geharrt und hätte von irgendjemandem entdeckt werden können. Und als der Astronaut Matthias Maurer instruiert wurde, wie man Gesteinsbrocken auswählt, lernte er, dass sowohl die aussergewöhnlichen wie auch die gewöhnlichen und nicht zuletzt die Übergänge, wo sie gefunden werden, wichtig seien.

Wie bei Akademikern üblich (der Autor ist Professor für Biologie und Umweltwissenschaften) werden zuerst einmal Begriffe geklärt: Unter Blütenpflanzen versteht er die, welche ihre Samen mit einem Fruchtknoten schützen. "Die Blüten sind die Fortpflanzungsorgane der Blütenpflanzen und perfekt ausgestattet. Sie locken Bestäuber an, sorgen dafür, dass sich Ei- und Spermazellen vereinen und schenken dem Embryo die notwendige Fürsorge. Blütenblätter. Pollen. Einzellen. Frucht. All das gehört zu einer Blüte."

Mein eigener Bezug zu Pflanzen besteht darin, dass ich fast jeden Tag  die eine oder die andere fotografiere, in den  meisten Fällen, ohne zu wissen, um was für Blumen es sich handelt. Mich fasziniert die Schönheit, die Ästhetik. Die schöpferische Kraft der Blumen  deshalb fotografiere ich sie. Laut Alain de Botton handelt es sich hierbei um eine Alterserscheinung; jungen Männern würden Blumen nicht auffallen.

Ich verspreche mir von diesem Buch eine Horizonterweiterung – und die kriege ich auch. So habe ich mir über den Duft der Blumen bisher keine Gedanken gemacht. "Für die Pflanzen sind die Aromen wie eine Sprache." Und wie jede andere Sprache auch, können sie je nachdem einladen oder vertreiben, sich anbieten oder sich wehren, täuschen, verführen ... die ganze Palette eben.

Dass auch Gräser Blumen sind, war mir neu. "... statt in die Höhe zu steigen und sich wie die Bäume mit Holz zu verkleiden, bleiben die Gräser mit ihren mageren Körpern am Boden kleben." Ich bin mir gewiss, dass ich Gräser fortan mit anderen Augen betrachten werde.

Die schöpferische Kraft der Blumen ist einerseits Aufklärung über Biologie, geht andererseits jedoch weit darüber hinaus und wird grunsätzlich. Gemäss dem vorherrschenden Narrativ unserer westlichen Kultur ist die Individualität das höchste Gut. David George Haskell macht deutlich, dass der Glaube, der dieses Narrativ informiert, falsch ist.

"Die Fokussierung auf das Individuum verschleiert die Tatsache, dass Individuen ihr Leben und Überleben Beziehungen verdanken. Auch Innovation und Produktivität sind die Frucht von Zusammenarbeit. Es ist unmöglich, eine Grenze zwischen 'ich' und 'wir' zu ziehen. Ohne Gemeinschaft gibt es keine Individuen – es braucht zusammenwirkende Gene, den permanenten Austausch der Zellen im Körper, Energie, die durch Nahrungsnetze fliesst, die Interaktion der Arten."

Im Anhang gibt David George Haskell Anregungen für unseren Umgang mit Blumen. Das reicht vom 'Spielen mit Blumen' über 'Ein Tagebuch mit Blumen' bis zu 'Mit Blumen sitzen'. Mit Letzterem ist gemeint, regelmässig Blütenpflanzen zu beobachten, etwa die Kommunikation zwischen Blüten und Insekten. "Lauschen Sie auf die Geräusche, wenn Insekten oder andere Tiere die Blume besuchen (...) Die Blume verankert sich durch die achtsame Erkundung in unseren Sinnen und unserem Gedächtnis. Wenn Sie das nächste Mal die gleiche Art betrachten, wird ihr Erleben tiefer sein. Dann versenken Sie sich in die einzigartige Persönlichkeit der Blume."

Fazit: Eine überaus hilfreiche Wahrnehmungserweiterung!

David George Haskell
Die schöpferische Kraft der Blumen
Eine Geschichte über die schönsten 
Revolutionärinnen der Evolution
Kunstmann, München 2026

Sonntag, 24. Mai 2026

Cosmic Kiss

Wie wird man eigentlich Astronaut? Was für Eigenschaften und Fähigkeiten muss man da mitbringen? "Was auch passiert, sie müssen negative Emotionen sofort abhaken und sich mit freiem Kopf auf das Bevorstehende konzentrieren." Es sind solch simple, praktische Anleitungen, die mir dieses Buch vor allem wertvoll machen.

Das Auswahlprozedere ist rigoros, "denn der wahre Charakter eines Menschen zeigt sich erst ausserhalb seiner Komfortzone." Eine italienische Höhle, ein Unterwasserhabitat vor der Küste von Key Largo, Winter in der Wildnis in Schwedens Norden, Überleben im Meer an der Südküste Koreas, zusammengewürfelt mit Menschen, die man nicht kennt. Umfassende Gesundheitschecks, bei denen einige auf der Strecke bleiben, unter ihnen auch Maurers Freund Dirk, in dessen Kopf ein bösartiger Tumor entdeckt wurde.

Einmal ausserhalb des 'Raumschiffs Erde' spielt es keine Rolle, ob man Chinese oder Deutscher ist, hingegen zeigen sich bei der Vorbereitung, wie sehr diese auch von politischen und kulturellen Bedingungen geprägt ist. So "werden in China Raumfahrtziele über Jahrzehnte weg definiert. Politischer und wirtschaftlicher Rückhalt sind für eine beschlossene Mission in der Regel garantiert." Davon können Forschende und Astronauten in westlichen Demokratien nur träumen.

Wo auf der Erde könnte man sich am besten für eine Mondmission vorbereiten? Im Nördlinger Ries in Bayern, das schon den Apollo-Astronauten als Testgelände diente, da dort vor 15 Millionen Jahren ein Meteoriteneinschlag eine fast kreisförmige Vertiefung hinterlassen hat, die sich als Studiengelände anbietet, und auf Lanzarote, der Insel der hundert Vulkane. Die Astronauten sollen unter anderem Gesteinsproben zur Erde zurückbringen. "Wenn du Steine von den auffälligen und unauffälligen Stellen sowie von deren Übergängen sammelst, hast du Proben, die repräsentativ für das ganze Gebiet sind", erläutert ein Geologe.

Nach jahrelanger Vorbereitung sind die Astronauten "mehr als entschlossen, die Erde zu verlassen." In der Praxis geht das minutiös durchgeplant vonstatten. "Eine letzte irdische Dusche, ein finaler Snack, ein abschliessender Medizincheck und schon erhielten wir die Anweisung, unsere fensterlosen Schlafräume aufzusuchen, und die Flugunterwäsche inklusive Windel anzuziehen." Der Reiz von Cosmic Kiss liegt nicht zuletzt in des Autors detaillierter Schilderung der Abäufe. Sitzen die Gurte ordnungsgemäss, sind die Stiefel fest in der Halterung eingeklickt? Nichts wird dem Zufall überlassen.

In 400 Kilometer Höhe docken sie dann an die ISS, die internationale Raumstation, welche die Erde dauerhaft umkreist. Dieses Andocken geschieht zwar automatisch, doch es kann immer etwas schiefgehen. Dass Matthias Maurer gerade in diesem Moment immer wieder die Augenlider zufallen und er sich wie kurz vor dem Einschlafen fühlt, "wenn Realität und Traum miteinander verschwimmen", ist nicht gerade ideal, doch als der SpaceX-Fluglotse meldet "Capture confirmed!", ist er plötzlich hellwach.

Auf der ISS ist Maurer dann sehr beschäftigt, 150 internationale Experimente hat er zu bewältigen. So sollen etwa die Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems in der Schwerelosgkeit oder die Strahlenbelastung innerhalb der Raumstation gemessen werden. "Mein Tagesablauf ist so minutiös durchgeplant, dass ich mich wie ein Hamster im Laufrad fühle."

Die wohl grösste Herausforderung war, mit der Schwerelosigkeit klarzukommen. Doch wie so oft macht auch hier die Übung den Meister. "Orbit für Orbit gingen mir die Tätigkeiten leichter von der Hand." Auch lernte er, dass die Schwerelosigkeit Vorzüge hat. "Gehen ist out! Wo der Kopf ist, ist oben, und die Füsse weisen immer zum Boden." 

Faszinierend sind auch die körperlichen Veränderungen, da der Organismus sich von Tag zu Tag "wie durch Geisterhand" besser an das Leben ohne Schwerkraft anpasst. So hat etwa die Flüssigkeitsumlagerung einen dicken Kopf und dünne Beinchen zur Folge, die einstmals s-förmige Wirbelsäule ist jetzt kerzengerade, auch bauen sich Muskeln ab, die nicht gebraucht werden.

Der Autor erinnert sich, dass der erfahrene Astronaut Thomas Reiter ihm den Hinweis gegeben hat, ab und zu mal aus dem Fenster zu schauen, und das tut er jetzt auch. "Aus dem Weltraum betrachtet scheint es, als hätte nie ein Mensch dieses Paradies je betreten. Alles sieht so unberührt und intakt aus." Doch da er weiss, dass dem nicht so ist, sieht er es auch. Er kann die schwarzen Rauchsäulen der Feuer in den Regenwäldern erkennen; auch die Narben, die Abräummaschinen am Boden hinterlassen, sind durch die Fenster der Cupola zu sehen.

Wie würde wohl ein kosmischer Besucher die Erde wahrnehmen? "Bestimmt wäre ich nicht in der Lage, mir auch nur ansatzweise die Varietät der irdischen Flora und Fauna auszumalem. Ebenso wenig das Spektrum der menschlichen Fähigkeiten in all ihrer bunten Vielfalt bis hin zu den extremen Exzessen." Cosmic Kiss ist auch eine Lektion in Demut.

Fazit: Eine höchst informative Einladung zum Staunen.

Matthias Maurer
mit Sarah Konrad
Cosmic Kiss
Sechs Monate auf der ISS
Eine Liebeserklärng an den Weltraum
Droemer, München 2025

Mittwoch, 20. Mai 2026

Das fühlende Gedächtnis

Er lügt wie ein Augenzeuge, besagt ein russisches Sprichwort. Ciara Greene und Gillian Murphy, die beiden Autorinnen dieses Buches sehen das zwar etwas, aber eben doch nicht so ganz anders, und zwar aufgrund der aktuellen Gedächtnisforschung. 

"Wenn Fehlleistungen unseres Gedächtnisses fatale Folgen haben, dann oft nicht deshalb, weil unser Erinnerungsvermögen so schlecht ist, sondern weil wir ihm unrealistische Erwartungen entgegenbringen und meinen, dass es wie eine Videokamera funktioniert, und nicht wie eine Rekonstruktion. Zeugen, Polizeibeamte oder Gerichte haben oft zu viel Vertrauen in das menschliche Gedächtnis, und verlangen ihm völlig unrealistische Dinge ab."

Was unser Gedächtnis zu leisten imstande ist (und was nicht) erläutern die Psychologinnen Ciara Greene und Gillian Murphy in diesem faszinierenden und nützlichen Werk. Wie wir das Gedächtnis verstehen, hängt nicht zuletzt vom Stand der Forschung ab, und diese geschieht nicht einem luftleeren Raum, sondern in einem sich verändernden sozialen Umfeld. "Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie Erinnerungen erlebt werden und wie sie das menschliche Verhalten beeinflussen." Dabei nehmen sie Bezug auf ganz viele Studien, machen ganz viele Unterscheidungen und weisen uns auf psychologische Begriffe hin, wie etwa die Quellenamnesie. "Wenn andere uns ein Ereignis beschreiben, kann es schwierig sein, uns an die Quelle der Information (unsere eigene Erfahrung, die Schilderung anderer, unsere Phantasie?) zu erinnern."

Die Vorstellung, wir würden aufmerksam durchs Leben gehen, führt zu Fehlschlüssen. Zu den Phänomema, die psychologische Untersuchungen zu Tage gefördert haben, gehört auch die sogenannte "Aufmerksamkeitsblindheit", was meint, dass wir nur wahrnehmen, worauf wir uns konzentrieren und alles andere nicht. Das Gegenstück dazu bildet das "Aufmerksamkeitsdefizit", bei dem die vielen  Nebensächlichkeiten die Konzentration auf die Hauptsache erschweren. Das fühlende Gedächtnis liefert ganz viele solcher Informationen und trägt somit dazu bei, den gängigen Selbstbetrug (von dem wir allzu oft gar nichts wissen) zu verringern.

Meist sind wir auf Autopilot unterwegs, folgen also einem vertrauten Schema. So nützlich das auch ist, es kann auch zu fatalen Fehlern führen. Dass Eltern ihr Kind im überhitzten Auto sitzen lassen, weil sie mit etwas anderem beschäftigt sind, erklären sich Gedächtnisforscher mit einer falschen Erinnerung gemäss welcher "sie ihr Kind an diesem Tag im Kindergarten abgeliefert haben."

Vom derzeitigen amerikanischen Präsidenten wissen wir (so wir den einschlägigen Medien vertrauen), dass er zumeist mit dem einig geht, was ihm der letzte Besucher erzählt hat. Damit ist (oder wäre) er allerdings keine Ausnahme. Der Fall des Australiers Donald Thomson, der eine Frau vergewaltigt haben sollte, jedoch zur Tatzeit einen Fernsehauftritt hatte, welchen die vergewaltigte Frau gesehen hatte, zeigt wieder einmal, dass die Realität viel aberwictziger ist als was man sich vorstellen kann.

Unser Hirn wählt aus, füllt Leerstellen aufgrund von Annahmen über das, was passiert ist. Anders gesagt: Unser Hirn ist höchst kreativ, seine Funktionsweise steht im Dienst unseres Überlebens. Und genau deshalb ist Das fühlende Gedächtnis zu empfehlen: es erlaubt uns einen nüchternen Blick auf die Realität. Und macht darüber hinaus deutlich, wie wenig wir eigentlich wissen

Man kann es nicht genug betonen: Unser Gedächtnis ist kein perfektes Archiv, es ist nicht statisch, sondern in dauernder Bewegung und kann sich auch an Ereignisse erinnern, die gar nie passiert sind. Ein überaus dramatisches Beispiel ist Billy Wayne Cope, der 2001 bechuldigt wurde, seine 12jährige Tocher vergewaltigt und getötet zu haben, obwohl er es nachweislich nicht gewesen war. Doch der nicht immer so gesunde Menschenverstand insistierte, dass niemand ein Verbrechen gesteht, das er nicht begangen hat. Man hüte sich vor dem gesunden Menschenverstand!

Fazit: Eine überaus hilfreiche und sympathische Einführung in die Funktionsweise unseres Gedächtnis, dazu geeignet, unser Selbstbild der Realität anzupassen.

Ciara Greene & Gillian Murphy
Das fühlende Gedächtnis
Wie unser Gehirn Erinnerungen überschreibt 
– und warum das lebenswichtig ist
C.H. Beck, München 2026

Sonntag, 17. Mai 2026

Our explanations

 I guess we're all, or most of us, the wards of that nineteenth-century science which denied existence to anything it could not measure or explain. The things we couldn't explain went right on but surely not with pour blessing. We did not see what we couldn't explain, and meanwhile a great part of the world was abandoned to children, insane people, fools, and mystics, who were more interested in what is than in why it is. So many old and lovely things are stored in the world's attic, because we don't want them around us and we don't dare throw them out.

John Steinbeck: The Winter of Discontent

Santa Cruz do Sul, 27. Februar 2021

Mittwoch, 13. Mai 2026

Was einem zufällt

Nancy, Frankreich, 15. November 2024

Dass ich seit einigen Jahren viele Blumen, die ich meist heranzoome, fotografiere, erkläre ich mir damit, dass meine Augen plötzlich sehen, was sie viele Jahre nicht wahrgenommen haben. Sie fallen mir neuerdings einfach zu.

Nicht nur bei Blumen, auch bei Buchpassagen ist das so. War mir fast ein Leben lang der Imperativ, ein Buch müsse von Cover zu Cover gelesen werden, selbstverständlich, so ist das heute gänzlich anders. Ein Buch zur Hand zu nehmen, ob gelesen oder nicht spielt keine Rolle, darin zu blättern und aufs Geratewohl Sätze zu lesen, führte in letzter Zeit dazu, dass ich mir einigem Erstaunen konstatieren konnte, dass mir immer mal wieder Sätze bzw. Einsichten zufielen, die ich als enorm hilfreich empfand. 

"The Buddhist premise is that by reflecting, by contemplating, and by understanding that common human experience, we can transcend all the mental delusions that create human suffering." (Ajahn Sumedho: The Mind and the Way).

"Wenn du dich im Kontext der gesamten Schöpfung betrachtest, bist du ein Nichts. Wenn du verstehst, dass du ein Nichts bist, wirst du heilfroh sein, dass die Dinge überhaupt so geschehen, wie sie es tun (...) dann wird dir heilfroh sein, dass du zumindest atmest, dass dein Herz schlägt, dass du am Leben bist und soweit alles klappt." (Sadhguru: Death).

"Die meisten Erfindungen menschlicher Zivilisation entspringen der Todesangst, die Todesangst wiederum entsteht dem Menschen aus der unverstandenen Natur." (Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969).

Sonntag, 10. Mai 2026

Sokrates

"Wie man durch ein philosophisches Leben die Angst vor fast allem verliert", so der Untertitel, und in mir denkt es: Schön wär's. Und: Wer's glaubt, wird selig. Der englische Originaltitel lautet übrigens ganz anders: Open Socrates. The Case for a Philosophical Life. Damit kann ich mich weit besser anfreunden als mit der Verlagswerbung, die vom Inhalt des Buches gänzlich unberührt ist.

 Agnes Callard ist Professorin für Philosophie an der Universität Chicago. Laut Klappentext forscht sie insbesondere zur antiken Philosophie und Ethik. "Sie verbindet dabei die philosophische Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Lebenspraxis", erfahre ich und bin nun gespannt, ob die Lektüre von Sokrates sich auch auf meine Lebenspraxis auswirken wird. Positiv eingestimmt bin ich jedenfalls, da ich Sokrates' Maxime, dass das ungeprüfte Leben nicht lebenswert sei, teile.

Ich weiss kaum etwas von Sokrates, ausser, dass er seine Zeitgenossen ständig im Gespräch herausforderte, was mir gefällt, da, jedenfalls gemäss meiner eigenen Erfahrung, grundsätzliche Fragen in aller Regel vermieden werden, was mit ein Grund ist, weshalb die Welt so aussieht wie es nun mal tut. Kein Mensch, der sich mit grundlegenden ethischen Fragen auseinandersetzt (und dazu ermuntert dieses Buch), käme auf die Idee, einen empathielosen rachsüchtigen Impulstäter in ein Amt zu wählen, das Verantwortungsgefühl und rationales Handeln verlangt.

"Tolstoi fand, dass die 'Warum'-Frage das Dasein unerträglich machte: 'Aber es war kein Leben.' Sokrates bezeichnete die Aussicht darauf, sich für alle Zeit mit dieser Frage zu beschäftigen, als 'ein unfassbares Glück'." Mir steht Tolstois Auffassung nahe, Sokrates Begeisterung fürs menschliche Denken ist für mich, angesichts unseres Hangs zum Selbstbetrug, nicht wirklich nachvollziehbar. Nichtsdestotrotz halte ich die Konfrontation mit den fundamentalen Fragen des Lebens nicht nur für wichtig, sondern für notwendig. Die Warum-Frage zähle ich allerdings nicht dazu.

Sokrates hat keine Aufzeichnungen hinterlassen. Dass es von ihm zum Teil ausführliche Zitate gibt, finde ich irritierend, doch das wäre eine andere Geschichte (detailliertes Wissen aus der Zeit um 400 vor Christus?). Was in ihnen zum Ausdruck gebracht wird, lohnt die Auseinandersetzung jedoch ganz unbedingt.

Gemäss dem römischen Staatsmann und Philosophen Cicero (106-43 v.Chr.) kritisierte Sokrates ständig seine selbstgewissen Mitbürger, verfügte selber aber über keine Antworten. Agnes Callard sieht das anders. "Das sokratische Motto lautet nicht: 'Alles infrage stellen', sondern: 'Überzeugen oder überzeugt werden.'" Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, dass wir die richtigen Gespräche führen. Damit wäre Sokrates so recht eigentlich der erste Psychotherapeut gewesen, bei dem es allerdings nicht um das Funktionieren in der Gesellschaft, sondern um das Erkennen der Wahrheit geht.

Agnes Callard versteht ihr Buch als "eine Erzählung, die aufrüttelt und Mut macht.". Es ist ein Plädoyer dafür, sich ernsthaft mit der Philosophie zu beschäftigen. Und das meint: Sich der Frage zu stellen, wie wir leben sollen. Mit Standardantworten, die uns ohne Nachdenken über die Lippen kommen, ist uns nicht gedient. "Verlassen Sie sich nicht auf vorgefertigte Antworten (...) erforschen Sie die Fragen mit einem offenen Geist, suchen Sie nach der Wahrheit und vermeiden Sie Irrtümer."

Tolstoi geht der Autorin gehörig auf die Nerven. "Obwohl Tolstoi wiederholt davon spricht, dass er sich mit den grundlegenden Fragen auseinandersetzt, gibt es in seinem Text keinerlei Anzeichen dafür, dass diese Auseinandersetzung tatsächlich stattgefunden hat: Philosophische Überlegungen und Argumenten glänzen durch Abwesenheit." Ich wähnte mich in die Schule zurückversetzt: Der Mann soll zuerst einmal anständig denken lernen, bevor er behauptet, dass das Leben sinnlos und Selbstmord daher geboten sei.

Nun gut, dass eine Philosophieprofessorin an die Kraft des Denkens glaubt, ist naheliegend, doch dass sie Tolstoi vorwirft, dass er "in all den Kenntnissen absolut nichts gefunden hat, das die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten könnte? Haben sämtliche geistigen Anstrengungen der Menschheit überhaupt nichts gefruchtet?", finde ich derart verwunderlich allerdings nicht. Schaut man sich die gegenwärtige Politik der amerikanischen Regierung an, liegt die Antwort auf der Hand. Andererseits: Die Wertschätzung des menschlichen Geistes, die sich in der Fragestellung von Agnes Callard zeigt, empfinde ich einerseits als rührend, erinnert mich andererseits aber auch an strenge Lehrer.

Ich will noch auf einen anderen Aspekt dieses gut lesbaren Werkes eingehen, das Zeugnis liefert von der intensiven und erfreulich persönlichen Auseinandersetzung mit grundlegenden Lebensfragen: den Tod. Ein befreundeter Philosoph war gestorben. Und sie notiert: "Es mag sich absurd anhören, wenn ich sage, dass ich Schuldgefühle hatte, weil ich traurig war, aber so war es. Ich war trauriger, als es mir zustand. Ich war weder mit ihm verwandt noch eine Kollegin von ihm Unsere Beziehung reichte nicht in die Jugend oder zu Studienzeiten zurück. Wir gehörten keinem engen Freundeskreis an. Und wir erzählten einander nicht viel über unser Privatleben oder unsere Gefühle. Das Einzige, was wir zu tun pflegten, war miteinander zu philosophieren."

Die Vorstellung, Gefühle müssten irgendwie berechtigt sein, liegt mir fern. Als sie dann noch schreibt: "Es ist nicht schwer, Gründe zu finden, weshalb mich Steves Tod traurig macht.", frage ich mich, weshalb sie dafür Gründe braucht. Für mich jedenfalls stellt es sich ganz anders dar: Gefühle sind einfach, sie kommen und gehen, wie es ihnen passt. Agnes Callards Sicht auf die Welt ist ganz anders. "Wo bleiben (angesichts des Todes) die Ruhe und Gelassenheit, die Sokrates mir versprochen hat?" Er verbingt seine letzten Stunden, wie er gelebt hat – philosphierend.

Sokrates waren die Argumentenhasser zuwider, "denn nicht Schlimmeres kann einem widerfahren, als Argumente zu hassen." Agnes Callard teilt diese Auffassung nicht nur, sie unterstreicht den Wert der Argumentation mit diesem Werk aufs Schönste.

Fazit: Vielfältigst anregend, auch zum Widerspruch.

Agnes Callard
Sokrates
Wie man durch ein philosophisches Leben
die Angst vor fast allem verliert.
C.H. Beck. München 2026

Mittwoch, 6. Mai 2026

Denken versus Erfahrung

Himeji, Japan, 4. Oktober 2025

Zuerst das Geständnis, dass Denken mir nichts bringt. Ich bin auf Erfahrung angewiesen. Leider. Erfahren geht ja viel langsamer als denken. Denken kann man schnell. Denken ist leicht. Denken ist keine Kunst. Denken ist grossartig. Durch denken wird man Herr der Bedingungen, unter denen man sonst litte. All das ist Erfahrung nicht (... ) Erfahrungen sind nicht so leicht beherrschbar wie das Denken. Durch Denken herrscht man ja selber. Erfahrungen ist man eher ausgeliefert. Aber sie aufzuzeichnen hilft. Das ist auch einer Erfahrung.

Martin Walser: Tod eines Kritikers

Sonntag, 3. Mai 2026

On arguments & reality

The importance that arguments is given, I do find bewildering. Think of the law, think of history, think of pretty much everything that sails under the label humanities. It's all about arguments. Differently put: Much of our reality is man-made, it only exists because we believe in it.

This, however, is not the reality that was once so aptly described by Philip K. Dick as "that which when you stop believing in it doesn't go away." Sharon Cameron once put it thus: "Without reference points there is meaninglessness. But I wish you'd understand that without reference points you are in the real."

We human beings are far from facing reality, we prefer illusions that we like to call beliefs. As the Bhagavad Gita says: "Man is made by his belief. As he believes, so he is."

Torres, Brazil, 27 February 2026

Mittwoch, 29. April 2026

EGO - Das Spiel des Lebens

„Wir sollten nicht zu entdecken versuchen, wer wir sind, sondern was wir uns weigern zu sein.“ Der Satz stammt von Michel Foucault und ist Frank Schirrmachers „EGO. Das Spiel des Lebens“ vorangestellt. Aus gutem Grund, denn wir sind ausgesprochen schlecht beraten, wenn wir dem gegenwärtigen Diktat der Ökonomie, das uns nur noch als „homo oeconomicus“ sieht, angetrieben von Profitinteressen, Opfer unserer Egos, deren vordringliches Interesse angeblich im Eigennutz liegt, nachgeben und ihm uns ausliefern.

Es versteht sich: der Mensch ist um einiges vielschichtiger, seine Motive sehr viel komplexer als dass er auf eine so simple Formel wie Eigennutz reduziert werden könnte. „Seit Jahrhunderten hatten Leute herausfinden wollen, wie der Mensch tickt, und sie alle, ob Wahrsager, Philosophen, Psychologen, waren letztlich gescheitert. Wie sollten ausgerechnet Ökonomen die menschliche Unberechenbarkeit auf eine Formel bringen können?“

Indem sie mit einer zündenden Idee aufwarteten: „Sie fragten nicht mehr, wie der Mensch tickt. Sie fragten, wie der Mensch ticken müsste, damit ihre Formeln funktionierten. Und die Antwort lag auf der Hand: Alle Probleme mit dem Unsicherheitsfaktor 'Mensch' lösen sich in Wohlgefallen auf, wenn man zwingend annimmt, dass er bei dem, was er denkt und tut, immer nur an seinen eigenen Vorteil denkt. Diese Theorie hatte den Vorteil, dass sie immer funktionierte und alles berechenbar machte. Das Gegenüber ist undurchsichtig? Es wird durchsichtig wie Glas, wenn man annimmt, dass es nur seinen Profit vergrössern will. Menschen helfen andern Menschen? Sie tun es, weil sie sich selbst etwas Gutes tun wollen.“

Ist doch klar, dass jeder zuerst an sich selber denkt – dieses Menschenbild ist heutzutage nicht nur gang und gäbe, es wird auch selten angezweifelt. Obwohl doch eine Mutter fast immer zuerst an ihre Kinder und erst dann an sich selber denkt. Das tut sie nur, weil sie sich deswegen besser fühlt als wenn sie zuerst an sich selber denken würde, werden die Anhänger des profitmaximierenden Credos jetzt entgegnen. Nur sagt das mehr über die Anhänger dieses Denkens aus, als über die Dinge, wie sie sind. Denn das Menschenbild, das die Anhänger der Profitmaximierung predigen, ist nichts als Ideologie, ein Glaube. Und was der Mensch glaubt, das ist er. „Man is made by his belief. As he believes, so he is", heisst es in der "Bhagavad Gita". Und das meint: Wir können auch etwas anderes glauben, als was uns gepredigt wird. Vor allem, wenn es sich um solchen Unsinn handelt wie diesen: „Will Gott, dass du reich bist?“, fragte das „Time Magazine“ in einer Titelgeschichte im Jahre 2006. Die Antwort? Er will. Und das impliziert: Wer es nicht schafft, ist selber schuld.

Der Mensch erfindet sich die Welt, indem er sich Systeme schafft, die ihm Orientierung, Sicherheit und häufig auch finanzielle Vorteile verschaffen. Die Juristerei wurde deswegen erfunden, die Bürokratie oder eben diverse Finanzinstrumente. Leider haben es nun diese Systeme so an sich, dass sie sich verselbständigen, die Herrschaft übernehmen und wir zu ihren Opfern werden. Frank Schirrmacher zeigt dies mit vielen historischen Herleitungen an der Figur des egoistischen „homo oeconomicus“ auf, auch wenn er zu einem weit weniger radikalen Schluss kommt: „Vieles spricht dafür, dass im Inneren der gegenwärtigen Finanz- und Europakrise ein viel grundlegenderer Konflikt schwelt, in dem es im Kern um die Implementierung der neoklassischen und neoliberalen Ideologie in die Gesellschaften, Mikro-Märkte und sogar in die konstitutionellen Ordnungen des europäischen Westens geht.“

Die Staaten würden von der Ökonomie, und ohne dass es die Politiker merkten, schon längst als reine Mitspieler im Markt behandelt werden, behauptet Schirrmacher, und „nicht mehr als marktüberwölbende konstitutionelle Gebilde“. In der Schweiz hatte man in den letzten Jahren den Eindruck, der Staat, in dem er die Banken mit Steuergeldern rettete, müsse den Finanzmarkt so recht eigentlich um jeden Preis am Laufen halten. Zugespitzt gesagt: der Staat ist für die Wirtschaft da, einerseits als Mitspieler, andererseits als Garant und Retter des sogenannten Marktes. „Bürger und Staat haben keine Souveränität mehr, sondern 'spielen' sie nur.“

Sinn und Zweck jeden System ist, sich selbst zu erhalten.
Im ökonomischen Imperialismus ist der Mensch, was er will. Warum er will, was er will, ist nicht relevant. Denn solange er etwas will, kann man es ihm verkaufen. Blöder, ja gefährlich wird es, wenn er sich weigert, mitzuspielen. Damit jeder will, was alle wollen, muss der Mensch zum Automaten werden. Und die Konsumideologie ist auf dem besten Weg, ihn dahin zu bringen. Doch da gibt es eben noch das Ich, das Widerstand leistet: „Es zeigt sich, das zwischen dem, wie sie sein sollen, und dem, wie sie sind, ein fast unüberbrückbarer Abgrund klafft.“ Manchmal hat das Ego auch ganz erfreuliche Seiten.

Frank Schirrmacher
EGO - Das Spiel des Lebens
Blessing, München 2013

Sonntag, 26. April 2026

Als Freiwillige für ein unerprobtes Vakzin

Rasend schnell breitet sich ein Virus aus, die Menschen verlieren ihr Gedächtnis. Die junge Meeresbiologin Neffy braucht Geld, muss Schulden zahlen, und stellt sich als Freiwillige zur Verfügung, die bereit ist, ein Vakzin auszuprobieren. Natürlich hat sie Bedenken, doch es ist eben auch so, "weil ich mich grundsätzlich für etwas entscheide, wenn mir jemand davon abrät, was idiotisch ist."

Die Teilnehmenden an der Studie werden gut bezahlt, das Verfahren ist entsprechend aussergewöhnlich bzw. risikoreich. "Keine Placebos, keine Doppelblindversuche, nein, wir alle bekommen den Impfstoff, wir alle werden mit dem Virus infiziert."

Das Gedächtnis der Tiere mutet gleichzeitig futuristisch wie auch realistisch an, auch weil Claire Fuller, wie sie im Nachwort schreibt, immer schon gern Geschichten gelesen hat, die von Pandemien und Endzeitthemen handeln. Als sie 2019 mit der Arbeit an diesem Roman begann, war die Corona-Pandemie noch nicht ausgebrochen. umso erstaunlicher ist, wie wirklichkeitsnah sich das hier geschilderte Geschehen über weite Strecken zeigt. Nur schon wie einsilbig und nichtssagend bei Beginn der Studie auf die Fragen der Probandin geantwortet wird (Vorschriften!), macht deutlich, dass die Autorin über einschlägiges Fachwissen verfügt.

Als Neffy, von der wir auch viel Interessantes über das Verhalten der Oktopus erfahren, nach sieben Tagen im Institut wieder zu sich kommt, erfährt sie, dass nur wenige das Experiment überlebt haben, die Pandemie viele Tote gefordert hat und auf den Strassen der Mob wütet. Die Apokalypse ist ausgebrochen. "Strassenschlachten. Aufstände in Supermärkten, völlig überlaufene Krankenhäuser, die keine Patienten oder Leichen oder Leute mehr aufnehmen konnten, die alles vergessen hatten."

Von den überlebenden Probanden lernt Neffy, dass man ihnen weder das Virus noch den Impfstoff gegeben hat. Also gibt es kein Geld, denkt Neffy, und so hat sie auch keine Schulden mehr. Dass sie noch am Leben ist, schreibt sie dem Impfstoff zu. Da sie Angst davor haben, was sie ausserhalb der dicken Mauern des Instituts erwarten wird, bleiben sie wo sie sind. Wo sollten sie auch hin?

Doch obwohl die Gewissheiten weg sind, glaubt der Mensch (vermutlich nicht alle, doch wohl die meisten), dass alles wieder so wie früher werden wird, also Internet und Apps zurückkehren werden. Neffy ist skeptischer, und Leon, ein anderer Überlebender, meint: "Vielleicht sollten wir einen Neustart wagen und alles miteinander teilen?" Doch natürlich sagt er das nur so, um zu rechtfertigen, dass er Neffys Papier geklaut hat.

Wie der Mensch tickt, die menschliche Psyche funktioniert, lässt sich nirgendwo besser beobachten als während einer Pandemie. Man sehnt sich nach dem Vertrauten. Angeleitet von Leon begibt sich Neffy auf Erinnerunsgreisen. Schliesslich erfährt sie von einem grossen Plan, in den sie nicht eingeweiht ist und bei dem eine wesentliche Rolle spielt, dass sie für immun gehalten wird ...

Claire Fuller
Das Gedächtnis der Tiere
Kjona Verlag, München 2026

Mittwoch, 22. April 2026

Empty your brain

Santa Cruz do Sul, 4 March 2025

To be an educated person I've always thought attractive.
I still do yet something has changed. Not suddenly, I've seen it coming.

For many years I thought the idea that we humans need explanations,
that we cannot do without them, spot on. Nowadays I'm not so sure anymore,
nowadays it seems to me that all the knowledge that I've acquired during a lifetime stands in the way of experiencing the world as it is.

Not all knowledge, of course. What scientists have discovered I consider useful
despite the fact that much of it I do not understand because it is outside my line of thinking.

My line of thinking has mostly been in the humanities or, differently put, in the world of ideas. As interesting and entertaining this world is, it is mostly a distraction. Take history, psychology or sociology, disciplines that arbitrarily divide and simplify the world according to their belief-system. Needless to say, there are excellent arguments for doing that.

Nowadays, the importance that arguments are given is beyond me. That the better argument  should decide a court case or an academic debate, I find preposterous. That journalists and thinkers try to make sense of clearly irrational politics, is simply nuts.

At my age, I'm 72, I'm privileged to try something new. I try as best as I can to empty my brain for what I have learned has nothing to do with what is going on. People are neither rational nor civilised. Just look and see! Our way of thinking is at best a distraction.

I see it like this: I'm a container in which my heart beats. I'm not contributing anything to it; the same applies to my respiration, my digestion, even my thinking (my brain is active around the clock without me being conscious of it). Things just happen (think of the stream of thoughts that crosses your brain), I do not make them happen. To observe this, to be a witness, I consider a privilege. My best moments are the ones in which I forget myself.