Mittwoch, 22. April 2026

Empty your brain

Santa Cruz do Sul, 4 March 2025

To be an educated person I've always thought attractive.
I still do yet something has changed. Not suddenly, I've seen it coming.

For many years I thought the idea that we humans need explanations,
that we cannot do without them, spot on. Nowadays I'm not so sure anymore,
nowadays it seems to me that all the knowledge that I've acquired during a lifetime stands in the way of experiencing the world as it is.

Not all knowledge, of course. What scientists have discovered I consider useful
despite the fact that much of it I do not understand because it is outside my line of thinking.

My line of thinking has mostly been in the humanities or, differently put, in the world of ideas. As interesting and entertaining this world is, it is mostly a distraction. Take history, psychology or sociology, disciplines that arbitrarily divide and simplify the world according to their belief-system. Needless to say, there are excellent arguments for doing that.

Nowadays, the importance that arguments are given is beyond me. That the better argument  should decide a court case or an academic debate, I find preposterous. That journalists and thinkers try to make sense of clearly irrational politics, is simply nuts.

At my age, I'm 72, I'm privileged to try something new. I try as best as I can to empty my brain for what I have learned has nothing to do with what is going on. People are neither rational nor civilised. Just look and see! Our way of thinking is at best a distraction.

I see it like this: I'm a container in which my heart beats. I'm not contributing anything to it; the same applies to my respiration, my digestion, even my thinking (my brain is active around the clock without me being conscious of it). Things just happen (think of the stream of thoughts that crosses your brain), I do not make them happen. To observe this, to be a witness, I consider a privilege. My best moments are the ones in which I forget myself.
 

Sonntag, 19. April 2026

Die Parallelwelten des Philip K. Dick

Emmanuel Carrères  Roman über das Doppelleben von Jean-Claude Romand gehört zu meinen intensivsten Leseerlebnissen überhaupt, und Philip K. Dicks Definition der Realität ("Reality is that which, when you stop believing in it, doesn't go away") hat sich in meinem Gedächtnis eingebrannt. Eine bessere Ausgangslage, um mir Emmanuel Carrères Biografie von Philip K. Dick vorzunehmen, ist schwer vorstellbar.

"Die Parallelwelten des Philip K. Dick" zeigten sich bereits im Alter von 14, als seine Mutter zum Schluss kam, "dass der Schulfrust, die Introvertiertheit und die Angstattacken ihres Sohnes wohl der Dienste eines Psychiaters bedurften." Diese Behandlung riss bis zu seinem Lebensnede nicht mehr ab, wobei die amerikanische Sichtweise des Freudianismus auf die Anpassung an die sozialen Normentisch abzielte und "weniger auf Selbsterkenntnis und Selbstannahme einschliesslich persönlicher Absonderlichkeiten." Es sind nicht zuletzt solch erhellende Erkenntnisse (europäische und amerikanische Therapieauffassungen differieren zum Teil erheblich), die die Lektüre lohnen.

Philip K. Dick scheint schon früh zweigeleisig unterwegs. "So wie jeder war Phil während des Kriegs Patriot gewesen, doch die Propaganda von Goebbels hatte ihn ebenso fasziniert." Carrère charakterisiert ihn als glänzenden Unterhalter, der "mit derselben Überzeugung radikal entgegengesetzte Meinungen" vertreten konnte. "Nichts stand je fest, nichts war endgültig oder sicher." Es mutet eigenartig an, dass Dick angesichts dieser Erkenntnis, in seiner binären Logik gefangen blieb.

In unseren durchgeknallten Zeiten, wo jedem und jeder klar sein dürfte, dass der Mensch kein zivilisiertes Wesen ist (man schaue sich unser "Führungspersonal" an), vergisst man allzu leicht, dass wir schon immer von den absolut Ungeeignetsten angeführt wurden, wie auch Carrères Schilderung von Nixon deutlich macht. Überdies waren auch die damaligen Zeiten nicht so verschieden von den heutigen. "In dem Polizeistaat, den er in den USA schleichend entstehen sah, war Widerstand seiner Meinung nach nur von den Freaks zu erwarten. Die politische Opposition steckte wie immer unter derselben Decke und liess sich manipulieren."

Philip las viel in jungen Jahren, und querbeet. "Dostojewski, Lukrez, die Protokolle der Nürnberger Prozesse, deutsche Lyrik, deutsche Philosophie, Science Fiction und Psychoanalyse, dabei vor allem Jung, dessen gesammelte Werke er mit jedem Einzelband zusammenkaufte, der in der grossen Bollingen-Ausgabe erschien." Begeistert war er offenbar auch von Thomas Manns Doktor Faustus, den ich mir unverzüglich herauslege, obwohl meine bisherigen Versuche damit wenig gefruchtet hatten.

Zu den für mich aufschlussreichsten Passagen dieses ungemein detaillierten Buches, das auch eine immense Fleissarbeit darstellt, gehören Carrères Ausführungen über das I Ging, auch Das Buch der Wandlungen genannt. "Es beschreibt keine fixen Zustände, sondern die in ihnen wirkenden Tendenzen. Es weiss, dass jeder Augenblick vorübergeht, dass jeder Höhepunkt schon den Niedergang ankündigt und jedes Scheitern den künftigen Sieg. Den, der im Dunkeln tappt, lehrt es, dass das Licht wiederkehrt, den, der unter der Mittagssonne jubelt, dass die Dämmerung schon eingesetzt hat, und den weisen Mann die feinsinnige Kunst, sich vom Lauf der Dinge tragen zu lassen wie ein leeres Boot vom Fluss."

Man könne, so Carrère, das I Ging auf zwei Arten benutzen – als Weisheitsliteratur oder als Wahrsagetechnik. Dick trachtete nicht nach Weisheit, er wollte das Passwort für die Erlösung. Amerikaner sind praktische, pragmatische Leute; geduldiges Üben scheint nicht so ihr Ding. Wesentliche Einsichten hatte Dick gleichwohl. "Ich glaube, dass sich uns unmittelbar nach dem Tod endlich die höchste Wirklichkeit zeigt. Wenn das Spiel vorbei ist, werden die Karten endlich umgedreht werden, und wir werden erkennen, was wir bis dahin nur geahnt oder verschwommen im Spiegel gesehen haben. Genau das sagt Paulus. Genau das sagt das Bardo Thödröl. Genau das sagt auch Pu der Bär: Wir sehen uns in einer anderen Ecke des Waldes wieder, und er wird immer noch einen kleinen Jungen und einen Bären geben, die miteinander spielen."

Dick litt unter Ängsten und Panikattacken und war ein Kontrollfreak erster Güte, was auch seine Ehefrauen in die Flucht trieb. Dass er dachte wie er dachte,  empfand wie er empfand, war wohl nicht zuletzt der Abhängigkeit von diversen Pillen geschuldet. "Serpasil gegen Herzrasen, Semoxydrin gegen seine Platzangst, Benzedrin, um sein Gehirn zu stimulieren, und noch ein paar Kleinigkeiten, um die Nebenwirkungen der Hauptmedikamente zu behandeln." Dass ein solcher Drogencocktail die Wahrnehmung verändert, weiss jeder, dem Drogen nicht unvertraut sind. Ob zum Guten oder Nicht-So-Guten ist natürlich eine andere Frage. Jedenfalls: Dicks Visionen paralleler Wirklichkeiten scheinen auch drogenfreien Köpfen plausibel.

Ich lebe und ihr seid tot zeigt auch, dass Dick vieles vorweg nahm, das heute ganz besonders aktuell ist, wie etwa die Diskussion über die künstliche Intelligenz. An deren Anfang stand der englische Mathematiker Alan Turing, einer der Erfrinder der modernen Informatik, der vorschlug, "sich bei der Frage, ob eine Maschine wie ein Mensch denken kann. auf ein einziges Kriterium zu beschränken: Ist sie in der Lage, einem Menschen vorzumachen, dass sie denkt wie er, oder nicht?"

Eien Biografie ist letztlich immer auch eine Biografie des Biografen, da sich dieser (und ganz speziell im Fall von Emmanuel Carrère) auch differenziert mit sich selber bzw. seiner eigenen Art und Weise, die Dinge des Lebens zu sehen, auseinandersetzt. Der Autor praktiziert in diesem frühen Buch (als die französische Originalausgabe 1993 erschien, war der heute 69Jährige 36 Jahre alt), was er in all seinen Büchern praktiziert: Eine überaus intensive, existenzielle Selbst- und Lebenserfoschung.

Fazit: Hoch reflektiert, überzeugend dargestellt sowie vielfältig anregend.

Emmanuel Carrère
Ich lebe und ihr seid tot
Die Parallelwelten des Philip K. Dick
Matthes und Seitz Berlin 2025

Mittwoch, 15. April 2026

How Ricardo portrayed me



These photos were taken by the late Ricardo Schütz in Southern Brazil in 2008 and 2009 respectively, whether in Santa Cruz do Sul or at some other place in the state of Rio Grande do Sul, I do not know for I see these pics in 2026 {Elsa, Ricardo's daughter, sent them to me}, for the first time.

All three pics radiate an attentiveness that I rarely see in photos of myself. Needless to say, I feel pleased for this is precisely how I like to see myself.

Sonntag, 12. April 2026

Wie soll ich leben?

Hugo hatte so recht eigentlich keine Zweifel, dass frühkindliche Erfahrungen entscheidend seinen Lebensweg bestimmt hatten. Und weil er das glaubte, fand er auch problemlos die entsprechenden Belege dafür.

Doch wieso glaubte er das eigentlich? Weil es die vorherrschende Ideologie war. Es war der Zeitgeist, und diesem war nur schwer zu entkommen.

Im 16ten Jahrhundert, in dem Michel de Montaigne lebte, herrschte ein ganz anderer Geist. Montaigne hatte sieben jüngere Brüder und Schwestern und wurde bereits nach der Geburt zu einer einfachen Bauernfamilie im Nachbardorf zur Pflege gegeben. Dazu Sarah Bakewell in Wie soll ich leben?: „Wenn wir von den entwicklungspsychologischen Ideen des 20. und 21. Jahrhunderts ausgehen (die sich vielleicht bald als fragwürdig erweisen werden: vielleicht ist die Mutter-Kind-Bindung ein ebenso kurzlebiges, kulturell bedingtes Phänomen wie das Gestilltwerden durch eine Amme), so muss der mangelnde Kontakt zu den Eltern in den entscheidenden ersten Lebensmonaten Montaignes Beziehung zu seiner Mutter tiefgreifend geprägt haben. Montaignes eigener Einschätzung nach jedoch funktionierte der Plan perfekt, und er empfahl seinen Lesern, mit ihren Kindern möglichst dasselbe zu tun.“

Es versteht sich: Wir sind Kinder unserer Zeit. Heisst das, dass wir zu einer bestimmten Art Leben und Denken verdammt sind? Zum grössten Teil ist dem wohl so. Zu bedenken ist allerdings, was Benoîte Groult in ihrer Autobiografie Meine Befreiung notierte: „Das Beruhigende bei den alten Griechen und Römern wie bei den Klassikern oder Romantikern ist, dass sie uns ihre Kindheit erspart haben. War Corneille ein geschlagenes Kind? Hat Platon mit zehn masturbiert? Hat Musset viel geweint, weil seine Mutter ihm abends im Bett keinen Gutenachtkuss gegeben hat?“

Hugos Fühlen und Denken hatte sich immer an Ewigem orientiert, ihm war das Relative stets fremd und zuwider. Die Grundüberzeugung dabei: Wenn du weisst, wer du bist, und dein Schicksal annimmst, kann dir so recht eigentlich gar nichts passieren.

Natürlich gehören die Dinge – auch – im Zusammenhang gesehen. Doch wer so argumentiert, meint eigentlich fast immer in dem von ihm vorgegebenen Zusammenhang, denn ein Kontext ist immer konstruiert, existiert nicht einfach so. Man stelle sich nur einmal vor, wie Zukünftige auf uns Heutige zurückschauen werden, wie unwissend und naiv sie uns wohl wahrnehmen werden.

Mächtig bzw. einflussreich ist, wer den Kontext vorzugeben vermag. Hugo hatten die vorgegebenen Kontexte nie recht zu überzeugen vermocht, ständig dachte es so in ihm: Aber das ist doch total willkürlich, das kann man auch ganz anders sehen. Stimmt, antworteten daraufhin die, die das Sagen hatten. Und überhaupt: Leute, die quer denken können, brauchen wir. Hugo wollte das gerne glauben, merkte dann aber, dass quer bzw. anders zu denken nur dann gefragt war, wenn es sich im Interesse derjenigen, die das Sagen haben, zu ihrem Vorteil nutzen liess.

Was also war zu tun? Du gehst deinen Weg, ich gehe meinen. Das klingt einfach, ist es aber nicht, denn die gesellschaftlichen Prägungen gehen nicht einfach so weg. Warum kannst du dich nicht anpassen? Glaubst du, du seist etwas Besonderes? Und so weiter … Man verglich sich, war gelegentlich eifersüchtig und neidisch, zweifelte an seinen Entscheiden. Und ging weiter auf seinem Weg, auf dem man, je länger man ihn ging, sich allmählich begann, wohl zu fühlen, sofern das nicht das Ziel war.

Aus: Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession

https://shop.tredition.com/booktitle/Heute_Nicht/W-822-472-257

Mittwoch, 8. April 2026

Antoine will Alkoholiker werden

Als Kind wollte Antoine Bugs Bunny werden, später dann wurde Vasco da Gama sein Idol. "Doch die Studienberaterin bat ihn, Fächer zu wählen, die auf den Dokumenten des Ministeriums aufgelistet waren. (...) Antoine hatte nie die willkürliche Trennung der Fächer begreifen können: Er nahm an Vorlesungen teil, die ihn – ganz gleich, in welcher Disziplin – interessierten, und gab die auf, deren Professoren inkompetent waren." Wunderbar! Genau wie es so recht eigentlich normal sein müsste ...

Antoines Leben in einer Welt, "in der die öffentliche Meinung auf Antworten zu Meinungsumfragen eingeengt wird", ist mehr als nur unbefriedigend. Schliesslich hat er den Verstand als Ursache seines Unglücks ausgemacht. Folgerichtig entschliesst er sich, aufs Denken zu verzichten. Doch wie soll er das bewerkstelligen?

Alkohol könnte die Lösung sein, denkt es so in ihm, da ihm das Denken betrunkener Menschen (er selber hat noch nie einen Tropfen Alkohol angerührt), "leicht und unbekümmert gegenüber der Realität" vorkommt. "Der Rausch schien ihm das ideale Mittel zur Unterbindung jeder Anwandlung von Reflexion." Er will lernen, wie man Alkoholiker wird, beschliesst, sich kundig zu machen, sucht eine Bar auf, wo er auf einschlägige Profis hofft.

Er trifft auf Léonard, den er mit einem bescheuerten Zitat von Malcom Lowry ("Die Ursache des Alkoholismus sind die Hässlichkeit und die verwirrende Sterilität der Existenz.") zu beeindrucken sucht, doch Léonard macht damit  kurzen Prozess und fordert Antoine auf, selber zu reden als mit Zitaten um sich zu schmeissen. Viel mehr, als dass er dauernd deprimiert ist, weiss Antoine allerdings nicht zu sagen, fügt dann aber hinzu: "Ich will ein banales Gespenst werden. Ich bin es satt, Gedankenfreiheit zu haben, Wissen zu besitzen, mit meinem Bewusstsein herumzuspringen!"

Nur eben: Alkoholiker wird man nicht per Beschluss. Genauso wenig wie man abstinent wird, indem man sich das einfach so vornimmt. "Ersatzweise entschloss er sich, Selbstmord zu begehen." Dass daraus nichts werden wird, ergibt sich jedoch bereits aus der Existenz dieses Romans, trotz berühmter Vorbilder, die er auflistet, wie Virginia Woolf, Seneca, Debord, Cato Uticensis, Sylvia Plath, Demosthenes, Kleopatra, Lafargue ...".

Nach dem Genuss eines halben Glases Bier erleidet Antoine ein Alkoholkoma, wird ins Hospital eingeliefert, wor er mit einer Frau ins Gespräch kommt, die unzählige fehlgeschlagene Selbstmordversuche hinter sich hat und ihn mit einer Telefonnummer versorgt, die ihn zu einer Adresse führt (in einem Haus, das Arztpraxen sowie die Anonymen Alkoholiker beherbergt), wo man unter kundiger Führung zum Selbstmord angeleitet wird. Dabei geht ihm auf, dass er zwar nicht leben, aber eben auch nicht sterben will.

Antoine oder die Idiotie handelt jedoch nicht allein vom vergeblichen Versuch, Alkoholiker zu werden, sondern davon, dass Intelligenz nicht unbedingt hilfreich ist, wenn man ein gutes Leben leben möchte. "Diejenigen, die glauben, dass die Intelligenz etwas Nobles darstelle, besitzen davon mit Sicherheit nicht genug, um zu begreifen, dass sie ein Fluch ist." und so versucht er, seinen Verstand loszuwerden. Und so wird er Börsenmakler ...

Mein Lieblingsstelle handelt von Antoines Freund Aslee, einem Samoaner, der von Antoine As genannt wird, was auf samoanisch 'Wasser von den Bergen' heisst. As "hatte einen erstaunlichen Charakter. Die Gründe dafür lagen in seiner Kindheit." Die Firma Nestlé hatte sich bei der Babynahrung vertan, und ein Mikrogramm mit einem Kilogramm verwechselt ...

Fazit: Sehr lustig und sehr clever. Ein Lesegenuss erster Güte!

Martin Page
Antoine oder die Idiotie
Roman,
Wagenbach, Berlin 2026

Sonntag, 5. April 2026

Reusch rettet die Welt!

"Philosoph oder Kabarettist? – Im Falle von Stefan Reusch würde ich zwischen Kabarettist und Philosoph ein Gleichheitszeichen setzen!", so Siegfried Reusch, Chefredakteur des Journals für Philosophie der blaue reiter sowie Verleger des gleichnamigen Verlags, der mit Stefan Reusch "weder verwandt noch verschwägert" ist, wohl eine von Juristen erfundene Kategorie, die den Schluss nahelegt, das unabhängige Urteil sei bei familiären Verbindungen nicht gewährleistet. Ganz so, als ob es das sonst wäre ... Wie auch immer: Siegfried Reuschs Urteil hat meine Sympathie.

Am Rande: Juristen, um ihr Geschäft zu beleben, erfinden häufig überaus Abstruses, wie etwa den mutmasslichen Verdächtigen, und behaupten entgegen aller Lebenserfahrung, jemand habe als unschuldig zu gelten, bevor Juristen ihre Wichtigkeit demonstrieren können. Wer sich die Bedingungen einer Untersuchungshaft ins Bewusstsein ruft, weiss, dass das unrealistischer kaum sein könnte.

Für Schopenhauer, lese ich, soll der Humor die einzige göttliche Eigenschaft des Menschen gewesen sein. Wie mit vielem anderen, so liegt er auch mit dieser Einschätzung richtig, jedenfalls für mich, der ich mit humorlosen Zeitgenossen (und Zeitgenossinnen) partout nichts anzufangen weiss. Mit anderen Worten: Ich gehe Reusch rettet die Welt! positivst eingestimmt an.

Der Kabarettist lebt von Pointen, er muss originell sein, das ist bei diesen Texten nur allzu offensichtlich. Vorgetragen, so stelle ich mir vor, wirken sie bestimmt besser als wenn man sie wiederholt lesen kann. Allerdings gibt es nicht wenige, denen wiederholtes Lesen bestens bekommt. 

Abgründig und tiefsinnig philosophisch, wie der Verlag diese Texte charakterisiert, wirkten sie auf mich zwar nicht, was vermutlich auch darin liegt, dass ich mir darunter nicht viel vorstellen kann. Humorvoll und satirisch, auch dies die Worte des Verlags, trifft es hingegen gut. Und unbedingt zum Nachdenken und zum  Verweilen anregend, wie ich hinzufügen möchte.

Stefan Reusch fällt auf, was vielen vermutlich gar nicht auffällt. 
"Was es nicht alles gibt: Harndrang. 
Im Fernsehen, in aller Hergottsfrühe, sagt die Kanzlerin\:
'Es geht um mehr Freiheit auf dem Niedriglohnsektor.'"

Es fällt ihm jedoch nicht nur auf, er befasst sich damit und denkt darüber nach. Das ist selten, und so recht eigentlich das, was ein Philosoph tun sollte, so er denn begreifen würde, dass die Quelle unseres Nachdenkens der Alltag sein müsste, denn nur in dem, was wir tagein tagaus tun, zeigt sich, wie wir und was wir wirklich denken.

 Philosophieren bedeutet, Fragen zu stellen, die man eigentlich nicht beantworten kann, da unser Hirn dafür nicht gemacht ist. Philosophieren heisst aber auch, unser Hirn in Gang zu bringen (Geh-irn, in der Schreibweise von Stefan Reusch) und was wäre dafür geeigneter als Fragen. Etwa: "Haben Tiere Vernunft? Haben Tiere Seele? Oder sind die genauso wie wir? Gute Fragen." Auf gute Fragen, das wissen wir, gibt es keine Antworten. Stefan Reusch weiss es besser: Gute Fragen sind Antworten.

Wie es so meine Art ist, markiere ich die Stellen, die mir besonders gefallen. Bei Reusch rettet die Welt! merke ich jedoch schon bald, dass sich das nicht empfiehlt, da ich so Gefahr laufe, fast das ganze Buch zu unterstreichen. Erwähnen will ich deshalb nur gerade zwei meiner vielen Highlights, die mich nicht nur Tränen lachen machen (ganz besonders "Luxus ist geil!" – "Die drei Säulen der katholischen Kîrche sind Pomp, Protz und Prunk. Katholische Kirhce ohne das nennt man evangelische Kirche." – und "In Hessen fühlt sich jeder fremd."), sondern auch aufmerken lassen, da sie mir noch gar nie Bedachtes ins Bewusstsein rücken. "Und wie alles Geschützte ist Heimat als Ort wie als Begriff humorlos, aufmerksam, überwach."

Nicht wenige von Reuschs Sätzen sind preiswürdig ("Wir sind mit Angela Merkel auf der Suche nach der verlorenen Mundwinkelkonstante."), doch was diese Texte für mich vor allem ausmachen, ist das reflektierte Neben- und Miteinander von ganz Unterschiedlichem. Etwa von der digitalen Idiotie zum Wesen des Lachens. "Der Lachende hat ja keine Kontrolle, das Lachen bricht förmlich aus ihm heraus, er selbst lacht eigentlich gar nicht, er ist nur der Schauplatz, das Gefäss, aus dem es lacht   er ist kein Täter, er ist Tatwerkzeug. Da, wo er ganz nah bei sich ist   das sagt man heute so  , ist er am wenigsten zurechnungsfähig. Da bleibt ihm nur zu hoffen, dass das Lachen gesund ist."

Die meistenTexte in diesem Band sind erschienen in der blaue reiter Journal für Philosophie. Bessere Werbung für dieses Journal kann man sich eigentlich nicht vorstellen!

Reusch rettet die Welt! handelt von den verschiedenartigen Weltanschauungen des Homo Sapiens, der entschieden mehr Homo als Sapiens ist, sich selber zwar für zivilisiert hält, die meisten anderen jedoch nicht. Was Zivilisation sein müsste, um den Namen zu verdienen? "Die eigene Meinung zu überdenken. Sich von ihr zu trennen. Falls nötig."

Fazit: Sehr lustig, sehr smart; ein Mann, der eindrücklich vorzuführen versteht, que c'est le ton qui fait la musique. Und nicht zuletzt: Erfrischend selbstironisch.

Stefan Reusch
Reusch rettet die Welt!
Philosophie für alle und keinen
der blaue reiter, Hannover 2025

Mittwoch, 1. April 2026

Letzte Tage mit Teresa von Ávila

Ihr sei aufgegeben, ihr Leben für die Schriftgelehrten aufzuzeichnen, und sie selber habe sich den Auftrag erteilt, "mein Leben für mich selbst aufzuschreiben, und so sammle ich mehr Leben zusammen als eine Katze.", notiert Teresa von Ávila bzw. Cristina Morales.

Doch wozu schreiben, wenn das, was man schreibt, von niemandem gelesen wird? "Ich kann mich der Welt nicht zeigen, und kann auch Euch die Welt nicht zeigen, wie ich sie meinem Verständnis nach beschreiben sollte; soll aber etwas gelesen werden, so muss es nach dem Geschmack des Lesers sein und nicht der Autorin. Ist das nicht merkwürdig?" Doch zu schweigen ist keine Option, da dies bedeutet, vor dem Teufel zu kuschen, "denn der möchte uns fein still haben, um uns bei sich zu halten, still und stumm will er uns, damit jedwedes Einflüstern von ihm uns entzücke. Still, stumm und eingesperrt, so sind wir Vieh auf direktemn Weg zum Schlachthaus."

Cristina Morales, 1985 in Granada geboren, zeichnet Teresa von Ávila als höchst eigenwillige Frau, als  Kämpferin mit Humor und viel Sinn für Ironie. So findet sie ihren Vetter schlauer als den Teufel, doch das kann man nicht sagen, denn dafür könnte man bei lebendigen Leib verbrannt werden, "und darum werde ich sagen, María de Ocampo ist schlauer als eine Teufelin. Über Teufelinnen gibt es meines Wissens keine Theologie."

Die als Mystikerin bekannte Teresa gründete Klöster, schrieb wesentliche Werke, und hatte dauernd gegen Widerstände anzurennen, da in der damaligen Zeit (sie lebte von 1515 bis 1582) von den Frauen erwartet wurde zu schweigen. Doch sie wehrt sich: "Verdammte Mässigung, Vater! War Jesus etwa massvoll, als er verkündete, die Götter der Römer seien falsche Götter, war er massvoll, als er die andere Wange hinhielt, war er massvoll, als er die Händler aus dem Tempel vertrieb?"

Wer wie ich sich von diesem Werk Aufschlüsse über die Mystikerin Tersea erwartet bzw. erhofft hat, wird wohl etwas enttäuscht sein, doch dafür lernt man eine politische Teresa kennen, die vermutlich vor allem mit der Weltsicht der Autorin zu tun hat, schliesslich sehen wir die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.

Die politische Teresa beweist Mut. Und sie ist radikal. "Nicht Armut, Pater Garcia. Radikale Armut. Nicht Verzicht auf Privateigentum, Verzicht auf jegliches, auch gemeinschaftliches Eigentum. Nicht um Almosen betteln, sondern hoffen, dass jemand zum Kloster kommt, um sie zu geben. Und wenn nichts kommt oder wenn nicht genug kommt, dann und nur dann arbeiten und diese Arbeit verkaufen, und der erhaltene Lohn geht an die Gemeinschaft, ohne Ansicht, von wem das Werkstück war."

Diese radkilae Sicht der Dinge steht einer Mystikerin wohl an, deren Einsichten ihr vor Augen geführt haben, dass die Welt, wie sie sie erlebt, falschen Autoritäten gehorcht. Die logische Folge ist, und davon handelt dieses Werk hauptsächlich, gegen die herrschenden Konventionen und für eine andere, gerechtere Welt zu kämpfen.

Revolutionäre unterscheiden sich bekanntlich selten von den Diktatoren, die sie bekämpfen. Teresa von Ávila ist anders. "Ich will niemandes Königin sein, nur von mir selbst. Mich so zu wollen, ist mich ganz zu wollen, Diego. Ganz und besser."

Cristina Morales
Letzte Tage mit Teresa von Ávila
Matthes & Seitz Berlin 2026

Sonntag, 29. März 2026

The Power of the Mind

Abgesehen von der Unsitte, ein deutsches Buch mit einem englischen Titel zu versehen, ist dies ein verständlich geschriebenes, gelungenes Werk. Einleitend legt die Autorin, die im schwedischen Linköping lehrt, Grundlegendes dar: Die Politik ist "zum grössten Teil eine Inszenierung geworden." Dank der Medien, wie ich gleich hinzufügen will. So neu ist das übrigens nicht: Mein eigenes Werk Inszenierte Wahrheiten erschien bereits 2011. Zu dieser Inszenierung gehören wesentlich die Gefühle. "Emotionen sind in der modernen Welt weniger ein innerer Kompass als vielmehr ein Marktwert. Emotionen werden dargestellt, geteilt und gezielt manipuliert."

Der Mensch wusste zwar noch nie, wer er ist, doch seit die Unübersichtlichkeit täglich zunimmt, weiss er es noch weniger, was sich auch darin manifestiert, dass psychische Erkrankungen und Störungen auf dem Vormarsch sind. Was Rebecca Böhme angesichts dieser Situation beschäftigt, ist die Frage, "wie wir erkennen, was aus dem Lot geraten ist, und wie wir mit eigener Kraft gegensteuern können. Nicht allein, um unser eigenes Wohlbefinden zu steigern, sondern auch, um Kräfte freizusetzen, die das Leben vieler verbessern – unser eigenes ebenso wie das unserer Mitmenschen." Ein ziemlich hoher Anspruch!

Die meiste Zeit unseres Lebens sind wir auf Autopilot unterwegs. Es gibt allerdings einen kleinen Zwischenraum zwischen Reiz und Reaktion, in dem wir Entscheide treffen können. Zur Illustration: Für den Alkoholiker ist dies die Zeitspanne zwischen dem Ergreifen des Glases und dem ersten Schluck. Rebecca Böhme: "Wenn wir diesen Raum erkennen, dann können wir wirklich wählen, dann können wir wirklich wirksam sein und etwas tun."     

Sehr schön arbeitet die Autorin heraus, dass das Hirn kein neutraler Beobachter der Wirklichkeit, sondern ein Vorhersageorgan ist. Es ist antizipatorisch unterwegs, rennt uns dauernd davon, was auch dazu beiträgt, dass wir selten geistig da sind, wo wir uns physisch gerade befinden. Vorhersageorgan meint konkret: Das Gehirn nutzt sein Vorwissen und seine Erwartungen über die Welt, um sie zu verstehen. Anders gesagt: Wie wir die Welt sehen, wird bestimmt von dem, was wir wissen und erwarten. We do not see things as they are, we see things as we are, heisst es im Talmud.

"Wir können innere Autonomie und geistige Unabhängigkeit nur erreichen, wenn wir lernen, die Inhalte unserer Aufmerksamkeit bewusst wahrzunehmen, zu erkennen, und zu sortieren." Rebecca Böhme nennt dies Bewusstseinskultivierung, also "deine innere Landkarte aktiv und zielgerichtet zu gestalten." Das verlangt Übung, viel Übung.

Mich erinnert das übrigens an Sherlock Holmes, der der Auffassung war, dass das Aufnahmevermögen unseres Hirns begrenzt ist, weshalb wir denn auch gut überlegen sollten, welches Wissen uns dienlich und welches vollkommen unnütz ist.

Rebecca Böhme erläutert Begriffe wie Priming oder Framing, zitiert Studien, setzt sich kritisch mit den sozialen Medien, NLP oder dem Hype des maschinellen Gedankenlesens auseinander. Sie tut, was man an Universitäten eben so tut. Erfreulich und erfrischend ist, dass sie sich auch mit ihren persönlichen Erfahrungen einbringt.The Power of the Mind ist ein nützliches Buch.

In Anlehnung an Shunryu Suzukis Beginner's Mind weist die Autorin unter anderem darauf hin, dass es wesentlich auf die Geisteshaltung ankommt. Wer Offenheit anstrebt, muss lernen, seinen Geist zu leeren. "Es beginnt damit, jedem Moment frisch zu begenen, auch wenn du glaubst, ihn schon tausendmal erlebt zu haben. Doch in Wirklichkeit hast du das nicht, selbst, wenn es schon viele ähnliche Momente gab. Etwas ist immer anders, du bist immer anders."

Kognitives Verstehen genügt jedoch nicht, wir müssen erfahren, dass alles (inklusive unser Ich) in ständigem Fluss ist. Erfahren lässt sich etwa Atmung, Herzschlag und Verdauung, die alle ohne unsere bewusste Einflussnahme funktionieren. Sich dessen bewusst zu werden, hat das Potential unsere Wahrnehmung (von uns selbst, dem Leben und der Welt) zu verändern.

Die Autorin meint: "Gönne dir regelmässig einen Moment, in dem du dich fühlst, in dich hineinspürst. Deinen inneren Vorgängen folgst, spürst, wie du atmest, wo sich alle deine Glieder befinden, wie dein Herz von sich aus schlägt." So sinnvoll ich das auch finde, es ist eine Folgerung, die niemandem weh tut, niemanden aufstört und wohl kaum Konsequenzen haben wird. Mir ist das zu wenig. Ich will mehr als nur ein paar Momente. Deshalb übe ich.

Hier noch mein Lieblingssatz: "Die Natur, die wir selbst sind, in sich spüren, sagt mein Vater, der Philosoph Gernot Böhme." Je öfter desto besser.

Fazit: Ein gutes Buch, reich an vielfältigen Einsichten, die allerdings nur hilfreich sind, wenn sie auch umgesetzt werden. Und das geschieht, jedenfalls gemäss meiner Erfahrung, eher selten ...

Rebecca Böhme 
The Power of the Mind
Was die Kraft unseres Denkens bewirken kann
C.H. Beck, München 2026

Mittwoch, 25. März 2026

Die Kunst des metaphysischen Trinkens

Ivo Murcks, Sachbuchautor mit Spezialgebiet Biografien, sagt von sich: "Nein, Hegel bin ich nicht. Ich könnte es aber sein ...", schliesslich ähnelt er ihm: "Grämlicher Gesichtsausdruck, trüber, spähender Blick, die Augen hervorquellend vom Genuss zu vieler alkoholischer Getränke, die ihm explosive Blähungen einbrachten ...". Dazu kommt: "Hegel wollte das Leben mit einer Ordnung überziehen, in der alles an seinem Platz war und sich selbst genügte. Das wollte ich auch, hatte aber nicht die Mittel dazu."

Was tut der Mensch, wenn er nicht mehr weiter weiss? Er besinnt sich auf seine Stärken, so er denn welche hat, und gibt sich in der Folge seinen Gewohnheiten hin, zu denen im Falle von Ivo Murcks das Schreiben von Biografien gehört. Eines Morgens ("Ich fühlte mich auf befremdliche Weise energiegeladen.") nimmt er die Arbeit an Hegels Biografie auf.

"Egal wie man aussieht, egal wie man heisst – man wird sich nicht los. An dieser profunden Einsicht, für die andere zwanzig Semester studieren müssen, um sie dann doch knapp zu verfehlen, merkte ich, dass ich noch gut in Form war." Es sind solche Sätze (und es gibt viele davon), die mir dieses Werk zu einem Lesegenuss erster Güte machen.

Es  gab offenbar zwei Hegel. Einerseits den Abenteurer des Geistes, andererseits den biederen Bürger, dem der massvolle Umgang mit Alkohol nicht gegeben war, was natürlich durchaus einleuchtend (was uns nicht alles einleuchtet!) rationalisiert wird. "Alle wirklich edlen Getränke, ausser dem unverzichtbaren Quellwasser, haben Alkohol in sich; ich weiss das zu schätzen, besonders wenn die Stunde vorgerückt ist."

 Autor Böhmer bringt uns jedoch nicht nur Hegel näher, sondern klärt auch über allerlei Grundsätzliches auf, wie etwa, dass Psychiater sich ja nicht nur um die Schäden ihrer Patienten, sondern auch um ihre eigenen kümmern müssen, oder dass es Universitäten aufgegeben ist, Berufsleute heranzubilden wie "Lehrer, Pfarrer, Ärzte und Juristen, die sich nicht mehr Gedanken machen als nötig."

Und so nebenbei erfahren wir auch, dass dem Autor die Meditation dasselbe bedeutet wie Nichtstun, und sich seine Achtung vor der Psychotherapie in überschaubaren Grenzen hält. "Erwähnte ich schon, dass ich es nicht mag, wenn man sich die Seele wie eine benutzerdefinierte Apparatur vorstellt, auf der man nur die richtigen Knöpfe drücken muss, und sie erbringt ihre Leistung?" Sehr schön, diese wohl kaum mehrheitsfähigen Auffassungen.

Konträr zur damals gängigen Auffassung auch Hegel. "Die Wirklichkeit ist das Denken, zumindest macht das Denken ihr Wesentliches aus. Ohne das Denken ist die Wirklichkeit zwar vorhanden, aber sie wird nicht gewusst und zählt eigentlich nicht. Erst die vom Geist durchdrungene Wirklichkeit ist wahre und vernünftige Wirklichkeit."

Hegel, einst Hauslehrer in Bern, war wenig beeindruckt von den Schweizer Alpen, fühlte sich eingeengt, obwohl er durchaus erkannte, "dass es eine Grossartigkeit in der Natur gibt, die das gewöhnliche Auffassungsvermögen übersteigt."  Nur eben: Er ist für die Natur nicht geschaffen. "Der Anblick dieser ewig toten Massen, gab mir nichts als die einförmige und langweilige Vorstellung: Es ist so." Was bescheideneren und nüchterneren Geistern genügen mochte, reichte dem Philosophen Hegel jedoch nicht, dessen Geist "erst im Denken, endgültig, zu sich selbst kommt."

Eloquent und sehr, sehr lustig, reich an erhellenden Einsichten, gescheit und selbstironisch, versetzt Otto A. Böhmer Hegels Leben und Werk in die Gegenwart, die vor allem dadurch auffällt, dass sie der Demut Adieu gesagt hat und glaubt, sich selber zu genügen. Darein passt auch bestens der ein Leben lang schwäbelnde Weintrinker Hegel, der "nach eigener Einschätzung zum einflussreichsten deutschen Philosophen wird" und dessen Hegel-Prinzip "über das Wirkliche das Denkbare setzt."

Das Leben zu verstehen, bedeutet, es leicht und mit Humor zu nehmen. Das finde ich vielfältigst dargestellt in diesem lebensweisen Buch.

Otto A. Böhmer
Lebt denn der alte Hegel noch?
Die Kunst des metaphysischen Trinkens
der blaue reiter, Hannover 2026

Sonntag, 22. März 2026

I'd rather not

 
Zurich, Rieterpark, June 2012

Integration has become one of these terms that are rarely questioned. Most of us think it normal that foreigners who wish to live in the country we grew up in need to adapt to "our" system. As far as I'm concerned, 'though not a foreigner in this country, I'd rather not.

As a young man I could never imagine to become a valuable member of a social system that I deemed not only unfair (it favoured the ruthless, the inconsiderate, the indecent) but totally unattractive (it rewarded the vain, the egomaniacs, the spiritually empty).

The heroes of my youth were sportsmen, rock musicians, underground poets, the ones that I then perceived as outsiders. I never imagined them to become valued members of society ... but they did and nowadays hold opinions about pretty much everything that prevents us from having a life of our own.

Societal pressure was strong and not without promise. Why I did not succumb to it like most of the sportsmen, rock musicians, and underground poets of my youth. I guess it's to do with personality.

Personality is what we come to life with. It is not something we choose and thus not something we can be proud of. What makes us the ones we are we are not responsible for. Nevertheless, we do have the ability to go along with it or to fight it.

Most people, it seems to me, do not indulge in such ponderings. I do not have the foggiest idea why I do so but I'm very much in tune with it.

Mittwoch, 18. März 2026

On Gratitude

Santa Cruz do Sul, 13 February 2026

The understanding that to practise gratefulness is necessary for living a good life came to me late for I had misused my intellect to prevent myself from true and simple insights that, it seemed to me, did not  do justice to my complex and complicated nature.

Yet when, finally, I started to identify what I could be grateful for something inside me changed profoundly. I'm, for instance, immensely grateful  for having had my parents, for having survived brain surgery, for having fallen in love etc.  I'm however also grateful for being a container for a heart that beats, for breathing in and breathing out, for having thoughts and emotions that hardly ever make sense (and they don't have to, they only need to be experienced).

To see life this way only became possible once I let go of my old ideas that insisted on understanding and making sense according to my cause-and-effect way of thinking. This thinking is fine for organising your daily chores, for going through the day. It is however less than useful when trying to experience reality.

I'm particularly grateful for the moments that are not dominated by my conditioned self.

It's all a miracle. Thank you for this delightful dream!

Sonntag, 15. März 2026

Finally, ready for the now

Porto Alegre, 13 March 2026

There is a Shakespeare sentence I'm very fond of: The readiness is all. On Friday, 13 of March 2026, in the Brazilian town of Porto Alegre, I became even more fond of this insight for I realised that you can be ready without being aware of it. 

I've always been convinced that the right time to live is right now. That wasn't however what I practised, what I practised was almost always (with the exception of sex): Not now!

Friday, 13 of March 2026, was my last full day in Porto Alegre before returning to Switzerland. I went into a bookstore with the intention to buy a thriller in Portuguese that would help to improve my language skills. Instead, I ended up with a tome by Kathleen Norris (O caminho do Claustro) I had thought to have once read in English (it was however another one [Dakota: a spiritual geography] that also happened to take place in a Benedictine monastery.)

Back in my hotelroom, I started to read (with the help of Deepl). After a while it dawned on me that this was extraordinary (for me, that is) for it is incredibly rare that I'm reading a book right away, and it is even more rare to make an attempt to improve my Portuguese a day before departing Brasil, this time probably for good.

What I find most remarkable about all this seemingly banal occurence: I'm doing this, it seems to me, because I enjoy learning, I'm not doing it with any goal in mind. I've always thought that the process is all that matters. Finally, I can feel it.

No, this is not entirely new to me. I remember it from playing football in my youth, from singing in a rock band, from playing guitar, from skiing, from being in love. What is however new, or so it seems, is my awareness of being present. And, to enjoy it.

Porto Alegre, 13 March 2026

Mittwoch, 11. März 2026

Sabedorias Brasileiras

Santa Cruz do Sul, Brasil, 26 Janeiro 2026

Cada um no seu quadrado

Venha o que viera

O que tiver que ser, será

Sonntag, 8. März 2026

Von der Wut

Ich war wütend auf das Leben, auf viele Menschen und überhaupt auf diese ganzen Lebensumstände. Ich war wütend, dass ich überhaupt geboren worden bin und deshalb eines Tages sterben muss. Ich fand das einfach unfair! Ich war auch wütend, weil meine Mutter so früh starb, als ich noch so klein war ... Auch heutzutage bin ich immer noch auf mich selbst wütend, wenn ich an alle die Versuche denke, meine innere Wut zu verleugnen und zu verdrängen, nur weil ich soviel Angst vor dieser Wut hatte ...“, zitierte Emma einen von ihr geschätzten Therapeuten. „Schon mal von einem Arzt oder Therapeuten derart Persönliches gehört? Ich nicht. Doch wozu soll das gut sein? Weil viele Süchtige erst dann bereit sind, zuzuhören, wenn sie merken, dass da einer weiss, wovon er spricht. Aus eigener Erfahrung, nicht nur aus Büchern. Das meint nicht, dass man Alkoholiker sein muss, um Alkoholikern helfen zu können (Veterinäre wären sonst arbeitslos), das meint, dass Klienten/Patienten spüren müssen, dass emotionale Identifikation (einer der Schlüssel für eine Genesung) möglich ist.“

„Singst du jetzt das Lied der Gefühle?“
„Tue ich nicht, denn allzu oft führen sie einen auch in die Irre. Doch ich misstraue intellektuellem Wissen, es ist gefühllos. Es kann einem den emotionalen Schmerz nicht nehmen.“

„Und was hilft deiner Meinung nach gegen den emotionalen Schmerz?“
„Für mich hat es der gerade zitierte Therapeut am besten gesagt; 'Was mir noch am ehesten geholfen hat, mich wohl zu fühlen, ist das simple Akzeptieren aller Höhen und Tiefen, die mein Leben so mit sich gebracht hat. Ich bin wie das Wetter da draussen, wie die Natur. Ich gehe durch meine Jahreszeiten und wenn ich einfach akzeptiere, welche Jahreszeit da gerade auf meinem Herzen liegt, dann kann ich mich damit abfinden und mich damit arrangieren. Ich musste lernen, den Versuch aufzugeben, aus einem grauen Wintertag ein Sommererlebnis zu machen – und zulassen und aushalten lernen, dass das manchmal wehtut.'“

Mittwoch, 4. März 2026

Die Schnecke ist langsam, aber nie zu spät

"Im Zentrum dieses Buches steht eine schlichte Botschaft:
Kämpfe nicht gegen dich selbst an.
Kämpfe nicht gegen andere an."

Voraussetzung dafür ist, die Dinge und Menschen so zu sehen wie sie sind. Dies wiederum meint, unsere selbstsüchtige Brille, mit der wir falsch interpretieren, abzulegen. Wie das geht, zeigt die südkoreanische Nonne Jung-mok in diesem Buch.

Für diejenigen, die mit dem Buddhismus nicht unvertraut sind, bieten diese Aufzeichnungen kaum Neues, doch die einfache, unprätentiöse Art und Weise, wie die Autorin sich ausdrückt, ist nicht nur sympathisch, sondern bewirkt eine Klarheit, die wohltuend ist. Zudem gilt: Wir sind vergesslich. Man kann uns nicht genug auf Wesentliches aufmerksam machen.

"Warum tun wir uns so schwer damit, Krankheit und Tod auf dieselbe Weise zu akzeptieren, wie wir akzeptieren, dass frische, strahlende Blumen mit der Zeit verwelken?", fragt Jung-mok. "Im Buddhismus wird der Tod als die Trennung von Körper und Geist angesehen. Daher ist der Tod also nicht das Ende von etwas oder der letzte Vorhang, der fällt, sondern einfach die Verwandlung in eine andere Form. Unser Unbehagen in Bezug auf Altern, Krankheit und Tod stammt aus der Unwissenheit, die diese Wahrheit verleugnet."

Uns mangelt es daran, die Dinge zu sehen wie sie sind. Daher leiden wir, lehrt der Buddhismus. Daraus folgt, dass, um die Welt erleben zu können, wie sie ist, wir zuallererst unsere Unwissenheit überwinden müssen. Wir sind Teil der Natur, wir existieren nicht separariert von ihr. 

Die Gedanken von Jung-mok sind überaus hilfreich, weil sie nicht langfädige, gelehrte Erklärungen liefert, sondern Wesentliches herausschält. "Wenn das, was man sagt, wahr ist, werde ich akzeptieren, was kommt. Wenn nicht, wird es an mir vorübergehen. Sich an jedes Wort zu klammern, das wir hören, stört den natürlichen Fluss, verstrickt unsere Herzen in Leid und gebiert Unglück." Wunderbar!

Die Schnecke ist langsam, aber nie zu spät ist reich an nützlichen Ratschlägen. Wohlmeinende Pädagogen, die behaupten Ratschäge seien auch Schläge, irren wie es viele, die es gut meinen, oft tun. Siehe auch hier.

Es gibt auch Ratschläge, die mich schmunzeln machen. "Klopfe sanft mit den Fingerspitzen gegen deinen Kopf nicht mit den Fingernägeln, sondern mit den Fingerspitzen. Klopfe um deine Stirn und deine Augen herum. Das wird deinen Geist klären." Probieren geht über studieren. Das gilt auch für Anregungen, denen ich mit Skepsis begegne. "Wenn wir
Gegenstände mit Respekt behandeln, werden sie auf ihre eigene Weise auf uns reagieren."

Die Schnecke ist langsam, aber nie zu spät ist ein Buch von praktischer Relevanz. Jung-mok sagt, was zu tun ist, wenn man Wut empfindet oder wenn einem der Geist dauernd davonrennt. Wer in der Gegenwart sein will, muss verstehen, dass die Vergangenheit allein in unseren Köpfen  existiert.

Wir sind uns meist nicht bewusst, wie voreingenommen wir die Welt sehen. Es ist selten, dass wir an unserer Logik zweifeln, die allerdings nichts anderes ist als eine Gewohnheit zu denken. Jung-mok lenkt den Akzent auf die Anschauung: Je unvoreingenommener diese ist, desto eher erfahren wir die Welt wie sie wirklich ist.

So recht eigentlich ist dieses Buch ein Plädoyer für die Achtsamkeit. Und das impliziert, uns von unseren Denkgewohnheiten zu befreien und neue Gewohnheiten einzuüben. "Wenn wir uns daran gewöhnen, andere so zu betrachten wie uns selbst, beginnen wir, ihr Leiden als unser eigenes zu empfinden."

"Buddhistische Geschichten und Meditationen für mehr Freude und Klarheit" verspricht der Untertitel. Und er hält, was er verspricht: Freude und Klarhheit stellen sich in der Tat ein, wenn man die Gedanken in diesem Buch auf sich wirken lässt.

Jung-mok
Die Schnecke ist langsam, aber nie zu spät
Buddhistische Geschichten und Meditationen für mehr Freude und Klarheit
O.W. Barth, München 2026

Sonntag, 1. März 2026

The most important relationship

 

Zurich 27 Oktober 2007

The most important relationship we can all have is the one you have with yourself, the most important journey you can take is one of self-discovery. To know yourself, you must spend time with yourself, you must not be afraid to be alone. Knowing yourself is the beginning of all wisdom.

Aristotle

Mittwoch, 25. Februar 2026

Selbstbeweihräucherung

Selbstporträt am 28. Januar 2026 in Santa Cruz do Sul

Ich weiss es vermutlich schon länger, doch jetzt im Alter scheint es mir offensichtlicher bzw. nehme ich es deutlicher wahr: Was mir das Fernsehen zeigt, ist zumeist Selbstbeweihräucherung. Und diese ist bekanntlich typisch für unsere Zeit, in der positiv gesehen wird, dass es jemand versteht, für sich selber zu trommeln. Der Inhalt ist dabei vollkommen egal, nur die Aufmerksamkeit zählt.

Das ist kein neues Phänomen. In einer Churchill-Biografie lese ich, dass Winstons Vater sich ebenso an der Aufmerksamkeit bzw. der Mehrheit orientierte, „Seine Meinung bildete er sich nach Taxierung der Frage, was ihm am meisten Publizität verschaffen würde.“

Ob das Mehrheitsprinzip, sei es in Form von 'likes' oder im sogenannt demokratischen Prozess, wirklich so eine gute Idee ist? Sieht man sich die Resultate an, bin ich mir nicht so sicher. Nun ja, mundus vult decipi, wussten schon die alten Römer: Die Welt will betrogen sein.

Worauf ich meine Aufmerksamkeit richten will, kann ich beeinflussen. Und so habe ich mich vom Fernsehen weitestgehend verabschiedet, da sein Hauptzweck darin zu bestehen scheint, den Aufmerksamkeitsbedürftigen eine Plattform zu geben und mich von dem abzulenken, was gerade ist.

Sicher, es gibt Ausnahmen. Als ich letzthin bei 'Hardtalk', einer Sendung der BBC, hängen geblieben bin, wurde da ein mir nicht bekannter Schauspieler interviewt, der auf die Frage nach seinen Werten antwortete, für ihn seien nicht die Meinungen der Leute entscheidend, sondern wer sie äussere. So komme es vor, dass er mit Gesinnungsgenossen überhaupt nicht klarkomme, doch Menschen, die für Werte einstünden, die er überhaupt nicht teile, manchmal sympathisch finde.

Was schliesse ich daraus? Dass wir unseren Überzeugungen nicht zu viel Bedeutung beimessen und uns stattdessen aufs Beobachten und Betrachten verlegen sollten. Konkret: Unsere Aufmerksamkeit auf das Beobachten und Betrachten unserer Gedanken und Gefühle zu richten, bewirkt (jedenfalls bei mir; nein, nicht immer), dass ich das alles (das Leben, unsere Existenz und unsere Sinngebungsversuche) eigenartig, komisch, faszinierend, angstauslösend und vor allem unerklärlich finde.

Kein Wunder ziehen wir die Selbstbeweihräucherung vor. Allerdings nicht immer ...

Sonntag, 22. Februar 2026

The addictive personality

 An addictive personality is not a diagnosable disease or condition. There isn't one single trait that leads to addiction. Instead, this term is used to informally describe a collection of characteristics, environmental factors and health conditions that make a person more prone to developing an addiction“, the website of the Mayo Clinic says.

I use the term "addictive personality" to describe people who believe that too much of a good (or a bad) thing is never enough, as well as people, such as myself, for whom an all or nothing or black and white approach respectively is often liberating.

I drink or I don't, there is nothing in between that I'm able to handle. Most recently, it often happened that when consuming the news I felt strangely incapable of keeping up an inner balance – it made me so angry that I now believe I have to totally abstain from the news.

For most of my life I did regularly consult the news, several times a day. I felt it important to know what is going on in the world. I occasionally wondered why I should know what happened in Syria, Great Britain or in LA yet that didn't change anything. I continued to fill myself up with information that had never a direct impact on my life. Or so I thought …

The present world situation changed that. To watch on a daily basis the primitive spectacle called politics performed by men and women without convictions (only interests) made me feel like constantly throwing up. Until, one night, I simply could not stand it anymore. I stopped surfing internet sites dealing with politics. When inadvertently I click on such a site, I quickly leave  I do not permit myself to spend time with what many (including me, for a very, very long time) consider important things to know.

How was it possible, I wondered, that for most of my life I had paid attention to attention seeking addicts, so spiritually empty that it hurts? What the hell made me follow people who only fought for privileges and money? It is beyond me that I had been fooling myself for most of my lifetime.

Things that aren't good for me, I have to discard. Completely. Yes, but is not an option. Instead it's black and white. Needless to say, this was difficult to accept for I had always believed that things aren't black and white. Sure, many aren't. Some however are. To accept that feels liberating.

Two days into my newsless life, the voice in my head said you're exaggerating. By now I do however know that the voice in my head is not interested in my well-being but has a life of its own. It is not a life that I understand. What I however do understand is that the responsibility for my life lies with me. 

I'm deciding now how to spend my time. It is quite a challenge to let go of lifelong habits  I do not shy away from it. Moreover, and to my surprise, it is also exciting. I listen to music, I look at plants, I listen to podcasts of thinkers. I believe it definitely preferable to reading about self-serving psychopaths who can't get enough of whatever. Although I've often preached this to others, it is only now I'm practising it myself.

Santa Cruz do Sul, Brazil, 21 January 2026

Mittwoch, 18. Februar 2026

Everything in life is art

Rio Pardo, Brazil, 17 January 2026

I think everything in life is art. What you do. How you dress. The way you love someone, and how you talk. Your smile and your personality. What you believe in, and all your dreams. The way you drink your tea. How you decorate your home. Or party. Your grocery list. The food you make. How your writing looks. And the way you feel. Life is art.

Helena Bonham Carter