Mittwoch, 26. August 2026

Hegel. Der Weltphilosoph

Dass ein Buch zur gerade rechten Zeit komme, kann man immer mal wieder hören. Im Falle von Sebastian Ostritschs Hegel. Der Weltphilosoph trifft das in ganz besonderem Masse auf die ersten Seiten des Prologs zu. Da wird nämlich geschildert, dass zu der Zeit als Georg Wilhelm Friedrich Hegel starb, die Cholera herrschte und der Philosoph am Nachmittag des 14. November 1831 nach gerade mal anderthalbtägiger Krankheit ein „schmerzfreies, sanftes, seliges Ende“ gefunden hatte. Der Totenschein wies als Todesursache die Cholera aus; ein bestens vernetzter Freund Hegels bewirkte, dass die Vorschriften für die Bestattung von Choleratoten für Hegel ausgesetzt wurden. „Die Beisetzung am 16. November 1831 wurde zu einem Massenereignis.“ In den heutigen Corona-Zeiten wäre das so in Berlin wohl kaum möglich.

Einen packenderen Einstieg in ein Sachbuch habe ich selten gelesen – und in die Biografie eines Philosophen noch gar nie (wobei: so viele Philosophen-Biografien habe ich nun auch nicht gelesen). Da ich kaum etwas von Hegel und seiner Zeit weiss, ist dieses Buch auch eine willkommene Geschichtslektion. So lerne ich etwa, dass nach dem Massenmord im September 1792 die liberal gesinnten Intellektuellen in Deutschland sich von der Revolution zu distanzieren begannen und Schiller wenige Wochen nach der Hinrichtung des französischen Königs im Januar 1793 an einen Freund schrieb: „Ich kann seit vierzehn Tagen keine französische Zeitung mehr lesen, so ekeln diese elenden Schindersknechte mich an.“

Einen Menschen in seiner Zeit zu schildern, heisst natürlich auch von seinen Vorgängern und Weggefährten zu erzählen. Und so erfährt man dann auch einiges vom Denken von Kant, Spinoza, Schiller, Fichte, Schelling und Hölderlin. Der Autor Sebastian Ostritsch, der am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart lehrt, verfügt über viel pädagogisches Geschick, was sich unter anderem darin zeigt, wie er aus Humes Skepsis an der Kausalität folgert, dass wir uns von dem Gedanken lösen müssen, „dass der Mensch der Natur ihre Gesetzmässigkeiten ablesen könnte.“

Hegel sei in seinem Denken und Verhalten sehr schwäbisch gewesen, so sein Biograf. Das meint, dass ihm eine recht behäbige und joviale Mentalität eignete, die nicht mit Entweder-oder, sondern mit Weder-noch und Sowohl-als-auch operiert und sich vornimmt, den Dualismus Kants und die All-Einheit Spinozas zusammenzubringen. „Allen Reduktionismen und Einseitigkeiten, die uns nur einen verzerrten Blick auf uns selbst und das Ganze erlauben, stellt Hegel die grandiose Vision eines von der Vernunft beherrschten Universums entgegen, in dem alle Gegensätze in der Einheit des Geistes – des wahrhaft Absoluten – aufgehoben sind.“

Eigenartig, ja geradezu befremdend fand ich Hegels Reaktion auf die Schweizer Bergwelt, die er „als kalt, schroff und tot“ erlebte: „Der Anblick dieser ewigen toten Massen gab mir nichts als die einförmige und in die Länge langweilige Vorstellung: es ist so.“ Den Gegensatz totes Gestein/belebte Natur halte ich für einen vermeintlichen. So schildert der Geologe William E. Glassley in Eine wildere Zeit wie er einmal mit einem Stahlhammer kräftig auf ein besonders hartes Gestein einschlug und plötzlich etwas „wie nach versengtem Haar, heiss gewordenem Metall oder Wüstenstaub“ roch – seine Hammerschläge hatten die chemischen Verbindungen im Gestein aufgebrochen. „Das Gestein, zerbrochen durch einen von Neugier motivierten Gewaltakt, entliess Kohlenstoff-, Calcium- und Magnesiumatome in die Welt.“

Mit Erstaunen nahm ich zur Kenntnis, dass Schelling mit gerade mal 23 Jahren (durch die Unterstützung Fichtes und Goethes – einem Strippenzieher par excellence) zum ausserordentlichen Professor in Jena berufen wurde und Hegel bereits in recht jungen Jahren „echte Jünger“ um sich zu scharen vermochte.

Hegel. Der Weltphilosoph ist auch reich an Anekdoten. Bevor er es schaffte, eine Universitätsstelle antreten zu können, verbrachte Hegel einige Jahre als Hauslehrer bei der Patrizierfamilie Steiger in Bern, während Studienkollege Hölderlin bei der Schiller-Gönnerin Charlotte von Kalb als Hofmeister im Einsatz war, was diesem jedoch zu schaffen machte, gehörte es doch zu seinen Aufgaben, Frau Kalbs Sohn, einen „talentbefreiten Nichtsnutz mit einem Hang zur Daueronanie“, von diesem Zwang abzubringen. Leider erfährt man nicht, wie er dabei vorgegangen ist ...

Hegel ist bereits über vierzig Jahre alt, als er am 15. September 1811 heiratet. Im Gegensatz zu Kant, so Ostrisch, der die Ehe als Vertrag zwischen zwei Individuen sah, war Hegels Vorstellung, dass die Ehepartner „aufhören, voneinander isolierte Individuen zu sein“ und gleichsam eins werden. „Die lebenslange 'seelische Zufriedenheit', von der Hegel allein zu träumen wagte, sollte ihm und Marie aber dann auch tatsächlich beschieden sein.“ Es versteht sich: Das kann niemand wirklich wissen, ist also Spekulation – doch das ist letztendlich jede Biografie, auch wenn nicht jede so fundiert ist wie die vorliegende.

Hegel. Der Weltphilosoph ist gleichzeitig klar argumentierte, gut geschriebene Biografie, spannende Geschichtsstunde sowie lehrreiche Einführung in das philosophische Werk. Überzeugend führt Sebastian Ostritsch aus, dass wir auch heute von Hegel lernen können. Dass der Vernunftpluralismus ein Schmarren ist, zum Beispiel. Oder dass die Überwindung der Gegensätze das zentrale Ziel des Denkens (und damit des Seins) sein sollte.

Sebastian Ostritsch
Hegel
Der Weltphilosoph
Propyläen, Berlin 2020

Sonntag, 23. August 2026

Lebenshilfen

 Die hier aufgeführten Zitate drücken Wahrheiten aus, die mir teuer sind und mich leiten. Damit ich sie nicht vergesse, habe ich sie aufgeschrieben (in der Sprache, in der ich auf sie gestossen bin): Als Gedankenstützen, auf die ich immer wieder zurückkomme, denn sie konfrontieren mich mit der Realität und machen mir so das Leben erträglich und gelegentlich auch leicht.

Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild:
ein armer Komödiant, der eine Stunde lang
sich spreizt und fuchtelt auf der Bühne, dann
nicht mehr gehört wird; eines Toren Fabel nur,
voll Schall und Wahn, jedweden Sinnes bar.
William Shakespeare
Macbeth, V. Akt, 5. Szene

Existence with all its horrors is endurable only as an aesthetic fact.
Richard Rorty

Im Grunde sind alle Ideen falsch und absurd. Es bleiben nur die Menschen, so wie sie sind.
Émile Michel Cioran

Caminante, son tus huellas
el camino y nada más;
caminante, no hay camino,
se hace camino al andar.
Antonio Machado

Wenn Du hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du hervorbringst, Dich retten. Wenn Du nicht hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du nicht hervorbringst, Dich zerstören.
Thomas Evangelium

Wear the world as a loose garment, which touches us in a few places and there lightly
St. Francis of Assisi

Was Sie nämlich wirklich glauben (nicht, was Sie zu glauben meinen), wird man nur herausfinden, wenn man sich ihr Verhalten ansieht. Davor wissen Sie selbst nicht, was Sie glauben. Sie sind viel zu komplex, um sich selbst zu begreifen.
J
ordan B. Peterson
12 Rules for Life

Quelle que soit la durée de votre séjour sur cette petite planète, et quoi qu’il vous advienne, le plus important c’est que vous puissiez – de temps en temps – sentir la caresse exquise de la vie.
Jean-Baptiste Charbonneau
Avis de Passage (1957)

Spezialität ist mir unmöglich. Ich werde belächelt. Sie sind kein Dichter. Sie sind kein Philosoph. Sie sind weder Geometer noch sonst etwas. Sie betreiben nichts gründlich. Mit welchem Recht sprechen Sie von dieser Sache, da Sie sich ihr nicht mit Ausschliesslichkeit widmen? Ach ja, – ich bin wie das Auge, welches sieht, was es sieht. Es braucht sich nur ein klein wenig zu bewegen, und die Mauer verwandelt sich in eine Wolke; die Wolke in eine Uhr; die Uhr in Buchstaben, die sprechen. – Vielleicht ist das meine Spezialität. Meine Spezialität, das ist mein Geist.
Paul Valéry

Liberdade é pouco. O que eu desejo ainda não tem nome.
Clarice Lispector

Erst im späten Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich das horazische nil admirari, d.h. die unmittelbare, aufrichtige und feste Überzeugung von der Eitelkeit aller Dinge und der Hohlheit aller Herrlichkeiten der Welt: die Chimären sind verschwunden.
Arthur Schopenhauer
Aphorismen über Alter und Tod

Die Welt ist ein Betätigungsfeld und weiter nichts.
Hans Albrecht Moser
Vineta

the emphasis falls less on knowing than on imagining, more on freeing oneself up than on getting something right.
Richard Rorty

Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weisst gleich, was an dir ist. Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.
Johann Wolfgang von Goethe
Maximen und Reflexionen

Santa Cruz do Sul, 17. Februar 2024

Mittwoch, 19. August 2026

Was wir wissen können

Die Frage ist natürlich, was wir wissen können“, sagte Emma, als sie wieder einmal miteinander telefonierten.

„Du meinst eindeutig wissen können?“, fragte Hugo.

„Ja, genau. Diese hirnlosen Attacken auf das sogenannte Schwarz/Weiss-Denken nerven mich. Zum Einen, weil wir ums Simplifizieren gar nicht herum kommen, dann aber auch, weil nicht Weniges eindeutig schwarz und weiss ist.“

„Woran denkst du gerade?“

„Also, du bist entweder schwanger oder nicht. Oder aus dem Gebiet der Sucht: Du trinkst oder du trinkst nicht. Ein Dazwischen gibt es für Alkoholiker nicht.“

„Auch die Regeln, denen das Universum gehorcht, sind auf dem grundlegendsten Niveau nicht verhandelbar sind, habe ich letzthin gelesen.“

„Ihr Gefühl sage ihr etwas anderes, hat mir letzthin eine Patientin gesagt, worauf ich antwortete: Ihr Gefühl irrt. Sie ist dann nicht mehr gekommen.“

„Der Kunde ist König! Kann man das überhaupt noch sagen. Oder heisst es heute: Die Kundin ist Königin?“

„Ich kann nicht behaupten, dass mich das wahnsinnig beschäftigt.“

„Diese Ego-Zentriertheit – ich denke, ich fühle, ich sehe – ist zwar nachvollziehbar, schliesslich erlebt sich jeder und jede als Zentrum des Universums, aber schon auch ziemlich hirnrissig, angesichts der Millionen von Galaxien.“

„Du sagst es.“

 Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession, Ahrensburg 2025

Sonntag, 16. August 2026

Über das Älterwerden

 "Er wusste es, er wusste es … man stirbt an Lebensschwäche, lange bevor man an Altersschwäche stirbt, ja, noch war er Kohner, aber das ist er jeden Tag weniger. Das Gefühl des Alleinseins hatte ihn erreicht. Selbst die Freunde zogen sich von ihm zurück, seit er ihnen predigte, was er als Quintessenz seines Lebens empfand - dass sie nichts Besonderes sind und Probleme haben wie alle anderen Menschen auch … dass sie dieselben Fehler bis an ihr Lebensende wiederholen werden … dass alles im Leben Zufall ist und alles, das heisst alles … dass sie eines Tages entdecken werden, nicht derjenige zu sein, für den sie sich halten … dass sie alles im Leben tun, nur um nicht allein zu sein … dass sie bald jeden Tag wünschen werden, der Tag wäre schon vorbei … dass kein Mensch der Herr seines Schicksals ist … dass niemand ihnen sagen kann, wie sie leben sollen … dass das grösste Glück darin besteht, an nichts, an gar nichts zu denken."

Rainer Fabian: Das Rauschen der Welt, 2003

Santa Cruz do Sul, 30 Dezember 2023

Mittwoch, 12. August 2026

Die Schönheit der Distanz


Ein Mann besucht seine Frau fast täglich im Spital. Sie ist Anfang vierzig, Diagnose Krebs. Mit einer Prognose hat sie der Arzt verschont. Der Mann ist froh drum, ihm ist eh klar, dass seine Frau wohl nicht mehr viel Zeit hat. "Für die, die die Krankheit behandeln oder erforschen, mögen Statistiken wichtig sein, aber wie ist das für die Patienten? Man kann ihnen doch nicht das Gefühl geben, sie seien Teil einer Lotterie."

Er steht ihr zur Seite, hilft, so gut er kann. "Sie will nicht fragen. Es entweder selbst machen, eine nahestehende Person bitten oder aushalten. Verstehen kann er das schon, aber der Versuch, den Profis Arbeit abzunehmen, hat inzwischen schon etliche Male dazu geführt, dass sie den Profis schlussendlich mehr Arbeit gemacht haben." Es sind solch aufmerksame Beobachtungen, die dieses Buch wesentlich auszeichnen.

Wie viel Zeit bleibt uns auf dieser Welt? Restlebenszeit, lese ich. Ein für mich gewöhnungsbedürftiger Begriff, allerdings einer, mit dem sich auseinanderzusetzen lohnt, auf dass einem bewusst werde, dass es jederzeit zu Ende sien kann. Auch bei Krebs, bei dem eine kurzzeitige Besserung allzu oft mit einer Genesung verwechselt wird

"Jeder hat eine begrenzte Zeit. Wie viel genau, weiss niemand. Heutzutage sehen die meisten das allerdings anders. Sie sind der Auffassung, dass jeder das Recht habe, ein der durchschnittlichen Lebenserwartung entsprechendes Alter zu erreichen." Schon eigenartig, wie der Mensch denkt bzw. was er glaubt, dass ihm zustehe. Vergegenwärtigt man sich, dass wir alle unser Dasein einem Zufall verdanken (wäre die Samenzelle eine Millisekunde später auf die Eizelle getroffen, gäbe es uns nicht), sind unsere Vorstellungen, wir seien zu irgendetwas berechtigt, mehr als nur abstrus.

Eindrücklich zeigt Die Schönheit der Distanz auf, wie unsere gängige Denkensart, die von Gewinnen und Verlieren geprägt ist, so recht eigentlich lebensfeindlich ist. Nicht für alle, doch definitiv für die Frau des Ich-Erzählers. "Es gibt Menschen,. die sich gerne anstrengen, Menschen, die im Streben imit anderen wachsen. Für seine Frau gilt das allerdings nicht."

In der heutigen Zeit begreifen viele den Krebs als Feind und kämpfen gegen ihn. Die Autorin Nao-Cola Yamazaki zeigt, dass es auch anders geht. "Ich versuche, es als Übung vor dem Tod zu betrachten, weisst du ... Mich nicht mit anderen oder meinem früheren Selbst zu vergleichen. Nicht an die Zukunft zu denken. Mich nur auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. So fällt es mir auch leichter, den Schmerz zu akzeptieren. Schmerz gibt es nun mal im Leben. Manchmal habe ich Schmerzen und bin gleichzeitig glücklich." Selten, dass ich Hilfreicheres, ja, Lebensbejahenderes gelesen habe.

Die Schönheit der Distanz ist eine erfreulich unaufgeregte und sehr unübliche Art und Weise, sich mit Sterben und Tod, und speziell dem Krebstod, auseinanderzusetzen. "Dank seiner Frau weiss er, eine Krankheit, die es einem erlaubt, sich auf den Tod vorzubereiten, nunmehr zu schätzen. An Krebs zu sterben, ist gar nicht so schlecht."

Der Zeitgeist sieht es anders, denn dieser behauptet und verlangt, dass wir Herr über unser Schicksal seien, selber bestimmen, wie und wann wir sterben. Nur eben: "Im Leben geht es nicht nach Wunsch. Seine Frau hatte keine Wahl. Sie ist ihren Weg gegangen. Sie konnte sich nicht für den eines anderen Menschen entscheiden."

Die Schönheit der Distanz lehrt uns, wahrzunehmen, was ist. Und sich dem, was ist, hinzugeben.

Nao-Cola Yamazaki
Die Schönheit der Distanz
Roman
DuMont, Köln 2026

Sonntag, 9. August 2026

Sucht & Akzeptanz

Sargans, am 26. März 2025

Dass alles zur Sucht werden kann, ist keine Auffassung, die von vielen Suchtspezialisten geteilt wird. Nein, ich habe das nicht recherchiert, doch ich beschäftige mich seit mehr als 35 Jahren mit dem Thema und bin mir dabei bewusst geworden, dass viele, wenn nicht gar die meisten sogenannten Suchtexperten, Sucht mit einer Substanz in Verbindung bringen. Für viele meint Sucht nichts anderes als Substanzabhängigkeit.

Ich selber halte Sucht für ein Persönlichkeitsmerkmal. Süchtig kann man nach allem und jedem sein: Essen, Sex, Aufmerksamkeit, you name it. Kennzeichnend für die Sucht ist, dass es nie reicht, nie genug ist, man immer mehr-mehr-mehr haben will und muss. Viele Süchtige, die es schaffen, eine Sucht aufzugeben (etwa Alkohol), ersetzen sie oft durch eine andere, meist eine ihnen weniger schadende (etwa Bücher).

Natürlich ist nicht jede Abhängigkeit eine Sucht. Wir alle brauchen gute Luft, können ohne sie nicht sein; wir alle brauchen Eltern, die uns lieben und uns unterstützen; wir alle sind bedürftig der Zuneigung. Damit eine Abhängigkeit zur Sucht wird, muss sie destruktiv sein. Ab wann sie das wird, ab wann man diese unsichtbare Linie überschritten hat, merkt man erst in der Rückschau.

Nachdem die Kriegsberichterstatterin Janine di Giovanni zwei oder drei Jahre versucht hatte, ein normales Leben in Paris zu führen, erhält sie eines Tages einen Anruf von einer Ärztin aus dem Val-de-Grace, einem Militärkrankenhaus: „'Ich wollte Ihnen sagen, dass ihr Mann hier in der Klinik ist und ich ihn einige Wochen zur Beobachtung auf der Station behalten möchte'. Als ich fragte, warum, sagte sie, ihrer Ansicht nach sei er erschöpft und selbstmordgefährdet.“ Bruno findet Hilfe bei den Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA), Janine setzt sich mit Abhängigkeitsfragen auseinander. „Ich bemühte mich, die Beziehung eines Menschen zu Drogen, zu Alkohol oder irgendetwas anderem, das ihn in eine andere Welt versetzt – in Abhängigkeit – zu verstehen. Ich habe in meinem Leben schon alles Mögliche ausprobiert, aber nichts konnte mich süchtig machen.“ Mit der Zeit hatte sie den Eindruck, die AAs nähmen ihr ihren Mann weg. „Ich wusste, dass er dadurch trocken blieb, aber ich war mir nicht sicher, ob er nicht eine Sucht durch eine andere ersetzte, wie mir einmal jemand von den AA-Sitzungen gesagt hatte.“ Und wenn dem so wäre? Die eine Sucht bringt einen um, die andere hält einen am Leben. Zudem: Als ihr Sohn sechs Monate alt war, ging Janine wieder nach Bagdad und liess Luca bei seinem Vater und seiner Kinderfrau in Paris zurück. „Aus meinen Brüsten quoll noch Milch, und ich vermisste mein Kind mit einer Vehemenz, die mir unbegreiflich war.“ Sie fliegt zurück nach Paris. Und, nachdem einige Zeit verstrichen war, nach Afghanistan ... Im Juli 2012 berichtete sie für den 'Daily Beast' vom Krieg in Syrien. Für mich klingt das sehr nach Abhängigkeit von Kriegsgebieten. Nach Sucht. Und zwar keiner lebensbejahenden.

Bei meinen eigenen Versuchen, mit meinen verschiedenen Abhängigkeiten klarzukommen, bin ich oft auf den Begriff der Akzeptanz gestossen., Und so recht eigentlich immer, wenn ich mich mit dieser Akzeptanz auseinandersetzte, war mir klar, dass es genau darum ging.

In den letzten Tagen erreichten mich zwei ganz unterschiedliche Beschreibungen von Akzeptanz. Die eine vom Zen-Lehrer Jack Kornfield. "Paradoxically, when I let go and accept life on life’s terms, I discover 'a peace that passes all understanding,' and I find the power and wisdom to deal with whatever challenge or unforeseen turn of events life throws at me." (Paradoxerweise entdecke ich, wenn ich loslasse und das Leben so akzeptiere, wie es ist, 'einen Frieden, der alles Verstehen übersteigt', und ich finde die Kraft und Weisheit, mit allen Herausforderungen und unvorhergesehenen Wendungen fertig zu werden, die das Leben für mich bereithält.); die andere aus dem Blauen Buch der Anonymen Alkoholiker, das mir auch hilft Portugiesisch zu lernen. "Lembra-nos constantemente de que não estamos mais dirigindo o espectáculo, repetindo para nós mesmos, com humildade e várias vezes por dia: 'Seja feita a Tua vontade.'" ("Erinnern wir uns ständig daran, dass wir nicht mehr die Kontrolle haben, indem wir uns selbst mehrmals täglich demütig sagen: ‚Dein Wille geschehe.´") Für mich bedeuten beide Aussagen dasselbe, auch wenn viele wohl betonen werden, dass die erste Variante ohne Gott auskommt, mit dem bekanntlich viele sogenannt religiös Augewachsene so ihre liebe Mühe haben. Weshalb denn auch die AA so clever waren, nicht von Gott zu sprechen, sondern von einer höheren Macht, von der jeder und jede eine eigene Vorstellung haben darf.

Die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind, setzt voraus, zu verstehen, wie die Dinge sind. Ich sehe es so: Wir sind Gefässe oder Behälter, in denen das Leben sich manifestiert. Einatmen und Ausatmen geschieht ohne mein Dazutun, auch mein Herz schlägt, ohne dass ich etwas dazu beitrage. Es sind automatische Vorgänge, die ohne mein bewusstes Ich ablaufen. Es brauch keine Kontrolle meinerseits, es reicht vollkommen, mich diesem Prozess zu überlassen. Mich dagegen zu wehren, stört diesen Vorgang. Mir dies immer wieder vor Augen zu führen, hat das Potential, mich ruhig, friedlich und gelassen zu machen.  

Mittwoch, 5. August 2026

Der heilige Raum deiner Seele


Hildegard von Bingen und Meister Eckhart, so Jennie Appelt und Dirk Grosser, "hatten diese unbestimmte (?) Ahnung in sich (ja wo denn sonst?), dass da noch mehr sei, dass manche überlieferten Lehren nicht gänzlich trugen, und dass das Geheimnis des Lebens nur unzureichend oder aber zu vorschnell beschrieben worden war." Nun ja, es ist so recht eigentlich das Wesen des Geheimnisses, dass es sich der Beschreibung entzieht.

Der heilige Raum deiner Seele löst bei mir ganz Unterschiedliches aus. Einerseits gibt es da ganz viele, überaus wertvolle Einsichten, andererseits kommt das alles so überaus pädagogisch positiv daher, damit man es sich ja mit niemandem vergibt (schliesslich soll das Buch auch das Geschäftsmodell der beiden – Seminare, Meditationskurse – fördern), dass man (zugegeben, ich spreche von mir) unverzüglich das Weite suchen will. Hier will ich mich jedoch ausschliesslich auf Aspekte beschränken, die ich aufschluss- und hilfreich gefunden habe.

Hildegard von Bingen trat mit 10 Jahren ins Kloster ein, wurde mit 14 Jahren, zusammen mit zwei anderen Frauen, Inklusin, "wozu die Zugänge zu ihren Klosterzellen feierlich vermauert wurden." Die Autoren weisen überdies daraufhin, dass man zu dieser Zeit Jesus nicht als blutenden Mann am Kreuz darstellte, sondern aufrecht stehend, als lebendige, leuchtende Christusgestalt. Ihre Einsichten gewann Hildegard in visionärer Schau und nicht etwa vermittelt durch Lehrer und Denker.

Auch Eckhart, hochgebildet und in vielerlei kirchlichen Funktionen aktiv, glaubte, dass "die Gottheit" persönlich erfahren werden müsse, weshalb er mit der offiziellen Kirche in Konflikt geriet. Er predigte das Loslassen von unseren Vorstellungen, und die Hingabe an das, was ist, wobei dieses nicht in Worten ausgedrückt werden kann. Am ehesten, so die Autoren, entspricht  es wohl dem Tao des Laotse. "Das Tao, das mitgeteilt werden kann, ist nicht das ewige Tao. Der Name, der genannt werden kann, ist nicht der ewige Name. Das Unnennbare ist das ewig Wirkliche."

Sowohl Hildegard als auch Eckhart stehen für ein Leben, das von der persönlichen Anschauung und Erfahrung geleitet wird. Um "die Gottheit" oder "das ewig Wirkliche" erleben zu können, ist kein aktives Tun vonnöten, stattdessen "das reine Empfangen in absoluter Passivität". Das bedeutet eine vollständige Abkehr vom "religiösen Leistungsdenken". Mit anderen Worten: "Eine gute Tat sollte um ihrer selbst willen bzw. um des anderen Menschen willen geschehen und nicht, weil man sich damit Verdienste bei Gott erwerben möchte."

Immer mal wieder wird auch auf den Zen-Buddhismus hingewiesen. Wie dieser, so lehrt auch Eckhart nicht alleine das Ruhen im Sein, denn das Leben verlangt, "dass du dich sorgsam und achtsam dem Bereich der Welt widmest, in den du gestellt wurdest."

Man muss/sollte seinen eigenen Weg gehen. Das sagt heute zwar so recht eigentlich jeder und jede, auch wenn sich das in der Konsumgesellschaft darin zeigt, dass alle dasselbe wie alle anderen wollen. Dieses Buch meint jedoch etwas anderes und macht deutlich, indem es etwa Buddha oder Angelus Silesius zitiert, dass wirklich seinen eigenen Weg zu gehen, schon immer die Ausnahme und nicht die Regel gewesen ist.

Es ist übrigens nicht ohne Ironie, dass man aus diesem Buch auch lernt, dass man seinen eigenen Weg nicht in Büchern findet ...

Jennie Appel & Dirk Grosser
Der heilige Raum deiner Seele
Die Botschaft Hildegards und Meister Eckharts für die Vision deines Lebens
nymphenburger, Stuttgart 2026

Sonntag, 2. August 2026

Das wahre Leben

Dieser Roman spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Aristokratie ist in Auflösung begriffen. Die Geschwister Kazuko und Naoji versuchen auf ihre je eigene Weise sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Naoji versucht, sich von der Aristokratie zu befreien. Erfolglos. Kazuko nimmt Bezug auf Jesus, der ein Revolutionär ist, nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Im Zentrum dieses Romans stehen existenzielle Sinnfragen.

Die junge Aristokratin Kazuko zieht aus finanziellen Gründen mit ihrer kränkelnden Mutter von Tokyo auf die Halbinsel Izu. Ihr Bruder Naoji, der eingezogen worden war, gilt im Pazifik für verschollen, taucht jedoch unverhofft wieder auf, ist allerdings wiederum dem Opium verfallen.

"'Oh scheusslich! Was für ein grässlich geschmackloses Haus! Ihr solltet draussen ein Schild anbringen: 'Chinesisches Restaurant. Nudeln und Fleisch'!'
Das waren Naojis Begrüssungsworte als ich in nach langen Jahren zum ersten Mal wiedersah."
Besser kann man die Unsensibilität Süchtiger ihren Angehörigen gegenüber kaum beschreiben.

Wie alle Süchtigen, so hadet auch Naoji mit der Welt. "Gerechtigkeit? Die Idee des sogenannten Klassenkampfes hat damit nichts zu tun. Menschlichkeit? Nichts als törichter Wahn. Ich weiss Bescheid."

Naojis Meister, der Schriftsteller Uehara, lebt in Tokyo, und säuft. Und, so sagt er zu Kazuko, als diese ihn aufsucht, er versuche ihren Bruder vom Opium weg zum Alkohol zu bringen, da letzterer akzeptabler sei. Besoffenes Denken par excellence! Auf die Briefe, die Kazuko Uehara nach ihrem Treffen schreibt, antwortet dieser nicht.

Kazuko liest Rosa Luxemburg. Ganz anders als gemeinhin üblich. "Der eigenttliche Gegenstand ihres Buches ist die Wissenschaft der Nationalökonomie, und wenn man es als volkswirtschaftliches Traktat liest, ist es wahrhaftig langweilig. Es enthält nur eintönige Binsenweisheiten. (...) Eine Wissenschaft, welche auf der Voraussetzung beruht, dass die Menschen ihrer Natur nach geizig sind und in alle Ewigkeit geizig bleiben werden, ist für jemanden, der nicht geizig ist, vollkommen uninteressant." Doch es gibt etwas an diesem Buch, das Kazuko sehr anspricht: Rosa Luxemburgs Mut, alle konventionellen Ideen beiseite zu stossen.

So gilt etwa unter klugen und erwachsenen Menschen als ausgemacht, "dass Revolution und Liebe  etwas sehr Törichtes und Hässliches seien," was jedoch Kazuko ganz und gar nicht finden kann. Ganz im Gegenteil: "Wir Menschen sind für die Liebe und die Revolution auf Erden da."

Dann erhält die Mutter die Diagnose, dass sie wohl bald sterben werde. Sie ahnt es. Eine Schlange sieht sie als Vorboten. Überhaupt scheinen Ahnungen ("Man sagt, dass Leute, die Sommerblumen lieben, auch im Sommer sterben ...) wichtiger als Wissen. "Ob es überhaupt Menschen gibt, die dieses Leben begreifen?"

Was Die sinkende Sonne wesentlich ausmacht, ist das Japanische. Und das meint: Eine Haltung dem Leben bzw. seinem Schicksal gegenüber, das so recht eigentlich aristokratisch ist. "Vornehmheit und gespreiztes Getue haben wirklich nichts miteinander zu schaffen." Am Beispiel des Suppe-Löffelns beschreibt Osamu Dazai den vornehmen Stil. "Sitzt man aufrecht da und lässt die Suppe von der Löffelspitze in den Mund fliessen, schmeckt sie erstaunlicherweise viel besser, als wenn man sie, ängstlich über den Teller gebeugt, von dem seitlich herangefühten Löffel mit dem Lippen abnimmt."

Fazit: Eine gelungene Meditation über die Frage, ob man seiner Herkunft bzw. seinem Schicksal entgehen kann sowie ein Plädoyer für einen Aufbruch, der sich an revolutionären Werten orientiert.

Osamu Dazai
Die sinkende Sonne
Reclam, Ditzingen 2026

Mittwoch, 29. Juli 2026

Nicht jeder Erfolg adelt

Santa Cruz do Sul, 6 März 2025

In letzter Zeit habe ich immer mal wieder gestutzt, wenn ich in sogenannt renommierten Blättern las, dieser oder jener Rockmusiker, diese oder jene Popsängerin sei gestorben.

Für mich waren Rock- und Popmusiker einst der Inbegriff des Protestes gegen die etablierte Ordnung; heutzutage werden sie als Ehrengäste zum Staatsbankett geladen.

Mich stört das nicht, doch ich wundere mich, dass ich mich darüber wundere, denn nichts bedeutet in unseren eitlen Zeiten mehr als der Erfolg, auf welchem Gebiet auch immer.

Gemeint ist hier der gesellschaftliche Erfolg, den ich stets als leicht peinlich empfinde. Aufmerksamkeit, Gefeiert-Werden, Applaus – die meisten können doch gut ohne sein. Und die, denen das nicht gelingt, sollten an sich arbeiten, denn sich vom Urteil anderer („Followern“) abhängig zu machen, ist nicht gerade ein Zeichen der Stärke, auch wenn diese Abhängigkeit so recht eigentlich das kapitalistische System garantiert, das in der Gier des Menschen gründet und genau deshalb so erfolgreich ist.

Doch es gibt auch noch ein ganz andere Art des Erfolgs, die darin besteht, sich selber zu überwinden. Genauer: Seine Faulheit und seine Feigheit. Dieser Erfolg adelt.

Man müsse lernen, sich selber zu geben, was man sich von anderen erhoffe, habe ich von der Psychotherapeutin Margalis Fjelstad aus Colorado gelernt. Kein Rat, der besser geeignet wäre, einen ein Leben lang aktiv zu halten.

Sonntag, 26. Juli 2026

Trinkerbelle

Mir war Mimi Fiedler kein Begriff, als ich dieses Buch zur Hand nahm. Dass sie aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt, und als Schauspielerin bekannt wurde, wusste ich nicht. Mein Interesse angestachelt hatte der Untertitel "Mein Leben im Rauch", wovon allerdings erst nach gut 100 Seiten die Rede ist, dann jedoch sehr ausführlich. 

Der erste Teil von Trinkerbelle handelt von der Familie der Autorin bzw. ihrem Aufwachsen. Dabei stach für mich eine Geschichte hervor, die so unwahrscheinlich ist, dass sie so recht eigentlich schon ganz für sich allein die Lektüre lohnt. Hier nur soviel: Ihr überaus pünktlicher Vater verpasst einen Flug, der in der Folge abstürzt ... Doch das ist nur gerade der Anfang ... Selber Lesen!

Mimi trinkt anders als Normalos, am liebsten allein, und immer zuviel. Normale Trinker haben irgendwann genug. Mimi nicht. Sie hört nicht auf. Sie trinkt weiter, auch wenn sie bereits mehr als genug hat. Objektiv gesehen genug hat. Sie sieht es subjektiv. Für sie bedeutet Alkohol: Es ist nie genug.

Sie versteckt ihr Trinken, dabei hilft, dass Alkohol in ihren Zwanzigern einfach dazu gehörte. Von anderen darauf angesprochen wird sie nicht. Kein Wunder, denn Nicht-Alkoholiker verstehen vom Saufen in der Regel nichts, und die, die saufen, sind mit dem eigenen Saufen beschäftigt. Wie Mimi ihren damaligen Lebensgefährten zu täuschen vermag (auch eine dieser Geschichten, die man sich wirklich nicht ausdenken kann), ist eine Meisterleistung und echt filmreif!

"Er weiss nicht mal dass ich trinke, niemand weiss das, jedenfalls nicht in aller Wucht und Dimension", schreibt sie über den Vater ihrer Tochter. Dass die anderen vom eigenen Trinken nichts mitkriegen, ist ein Aberglaube, dem so ziemlich alle Alkoholiker huldigen. Als sie zu einem Entzug in einer Klinik weilt, und der Arzt sie zu ihrem Trinkverhalten befragt, redet sie dieses schön. "Die Darstellung der ganzen Wahrheit übernimmt dafür meine Mutter. Zu meinem Erstaunen kennt sie selbst die kleinsten Details."

Zu den weiteren Charakteristika der Trinker gehört, dass sie sich nicht helfen lassen wollen/können. Als Mimi bei einem Essen mit einem Mann, mit dem sie sich nüchtern bestens versteht, sich total zuschüttet und entsprechend benimmt, stellt dieser sie zur Rede und bietet an, zu helfen. Sie flüchtet. Natürlich ist das nicht zu verstehen, auch für sie nicht. Dazu kommt: Verstehen hilft wenig (an Einsichten fehlt es ihr nicht), allein entscheidend ist, zu handeln. 

Die Auswegslosigkeit, die sie empfindet, ist überaus eindrücklich geschildert. Während des Klinikaufenthalts besucht sie im Keller der Klinik auch Treffen der Anonymen Alkoholiker, wo sie unter anderem lernt, dass sie "nicht die einzige Lügnerin, nicht die einzige Betrügerin, nicht die einzige Versagerin, nicht die Einzige (ist), die es nicht schafft, nur bei einem Glas zu bleiben. Und vor allem bin ich nicht die Einzige, die eine ganze Armada von Verletzungen und Traumata im Gepäck hat. Ich bin eine von vielen, Ich bin nicht allein."

Sollte das zum Schluss führen, es brauche einen Grund, um zu trinken ... Nein, braucht es nicht. Wir wissen schlicht nicht, weshalb einige Alkoholiker werden und andere nicht. Die Gründe, die einen zum Saufen bewegen, können ebensogut die Gründe sein, um mit dem Saufen aufzuhören.

Die Ärztin auf der Notfallstation sieht das anders, auch Mimi sieht das anders. Sie wurde als Kind missbraucht und will jetzt ihren Peiniger konfrontieren, wird aber von dessen Frau abgewimmelt. Was sie sich von einer solchen Konfrontation versprochen hat, entzieht sich mir. Die einzige Konfrontation, die sie meines Erachtens braucht, ist die mit ihrer Sucht.

Alkoholismus ist eine Sucht, in die sich die flüchten, die nicht fühlen wollen, was sie fühlen. Alkohol ist Medizin, allerdings die falsche. "Dann ist die falsche Medizin wie ein böser Zaubertrank, oder?", fragt die Tochter. "Es ist der Klassiker (....)", so der Arzt in der Klinik. "Nichts Ungewöhnliches. Ein gescheiterter Selbsttherapieversuch mit Alkohol."

Lässt man das einmal wirklich einsinken (Selbsttherapie), versteht man auch, dass der Alkoholiker (Frau oder Mann), dem Gefühl, etwas stimme nicht (mit ihm, mit der Welt), etwas glaubt, entgegensetzen zu müssen. Und mit Alkohol (aber auch mit anderen Drogen) kann das für eine gewisse Zeit durchaus gelingen. Bis man schliesslich eine unsichtbare Linie überschreitet, und der Alkohol zum (oft tödlichen) Feind wird, gegen den man chancenlos ist.

Der Klinikaufenthalt und die Treffen der AA machen ihr klar, "wie sehr ich mich nach Klarheit sehne." Nur will die Krankenkasse nicht weiter zahlen, da sie keine Medikamente (Xanax oder Valium) nehmen will (aus der bestens nachvollziehbaren Angst, süchtig danach zu werden), also so krank gar nicht sein kann. Eine verquere Logik, von angeblich Gesunden ersonnen. Sie verlässt die Klinik, zwei Tage später trinkt sie bereits wieder. Sie will zwar nach wie vor aufhören, weiss aber einfach nicht wie.

Eine AA-Freundin, über zwanzig Jahre trocken, hatte einen Rückfall und stirbt. Erschüttert beschliesst Mimi, die Abstinenz jetzt wirklich ernst zu nehmen – und scheitert. Ihr Niedergang gestaltet sich dramatisch (und müsste wirklich jeder und jedem klar machen, dass sie schwerstens alkoholkrank ist). Sie lernt Otto kennen, gesteht ihm (nein, nicht sofort), Alkoholikerin zu sein. Kurz darauf haben sie geheiratet.

Fazit: Man leidet mir ihr, verzweifelt an ihr, und freut sich mit ihr, dass sie nicht aufgegeben und es doch noch geschafft hat, auf das zu hören, was sie sich zu sagen hatte.

Mimi Fiedler
Trinkerbelle
Mein Leben im Rausch
Knaur, München 2026

Mittwoch, 22. Juli 2026

Probleme als Geschäftsmodell

 Der folgende Text erschien in Die Welt (am 18. Oktober 2024) und bezieht sich auf die Talkshow von Maybrit Illner, die ich mir schon lange nicht mehr antue (zu selbstgefällig): „Wir haben derzeit zwei der größten Flüchtlingskrisen der letzten Jahrzehnte weltweit an den Toren der Europäischen Union“, führte Gerald Knaus aus, dessen trockene Zahlen wenig Raum für die von Dunz geforderte Humanität ließen. In der Ukraine herrsche die größte Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg. Drei Millionen syrische Geflüchtete befänden sich in der Türkei, eine weitere im Libanon. Viele Libanesen wiederum flüchten in den türkisch kontrollierten Norden Syriens. Der Krieg in Gaza setze sich fort, ein weiterer könnte zwischen Israel und dem Iran ausbrechen. „Wir stehen vor einer katastrophalen Entwicklung, auf die wir keine Antworten haben“, warnte der Sozialwissenschaftler eindringlich.

Was nützen mir eigentlich solche Informationen? Wobei: Keine Angabe, woher diese Zahlen stammen. Ob es zu einem Krieg zwischen Israel und Iran kommen wird, weiss bis heute niemand, auch nicht die, die sich bestens informiert wähnen, da sich die Zukunft noch immer nicht voraussagen lässt. Zudem: Dass wir auf katastrophale Entwicklungen (wenn es denn dazu kommen sollte) keine Antworten haben, ist keine Warnung, sondern die Feststellung einer Tatsache, schliesslich liegt es in der Natur der Sache, dass der Mensch auf katastrophale Entwicklungen keine Antworten hat. Woher auch?

Dem Menschen ist es schlicht nicht gegeben, sich über seine Nasenspitze hinaus gross Gedanken zu machen. Sicher, zu Gedankenspielen reicht's, doch zum Handeln leider nicht (und nur im Handeln zeigt sich, wie jemand wirklich denkt).

Solche Talkshows sind für die Katz bzw. dienen der Ablenkung, denn niemand ist an einem Austausch der Ideen interessiert, nur an der Zurschaustellung seiner/ihrer Person. Ausser selbstgefälliger Wichtigtuerei ist da nichts, und auch wenn hin und wieder ein gescheiter Satz fällt (und das geschieht natürlich, denn einige der Teilnehmenden sind gescheit), Meinungen ändern sich deswegen nicht.

Menschen verfügen über Überzeugungen, woher die kommen ist zwar nicht wirklich klar, doch erklärt werden sie sich mit Mama und Papa. Von diesen Überzeugungen, deren sie sich meist gar nicht bewusst sind, lassen sich die Menschen steuern. Es kommt vor, dass sie die eine oder andere über Bord werfen, nicht freiwillig natürlich, denn wer verliert schon gerne seinen Halt.

Worte decken eher zu als dass sie erhellen; das Bereden von Problemen dient in erster Linie dazu, sie zu begraben. Das tut man, indem man sie grösser macht bzw. differenziert. Geht man zu einem Anwalt oder einer Psychologin, lautet die Frage: Was ist das Problem? Die Antwort: Es ist komplex. Anschliessend gehen sie mit einigen Problemen mehr von dannen, von denen sie gar nicht gewusst hatten, dass es sie geben könnte. Zu verdanken ist das den Juristen und Psychologinnen, die das Kreieren von Problemen als Geschäftsmodell betreiben.

 "Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Sie etwas über Tagoona, den Eskimo, erfahren. Im vergangenen Jahr sagte einer von unseren weissen Leuten zu ihm: Wir freuen uns sehr darüber, dass Sie als erster Ihres Volkes zum Priester geweiht worden sind. Jetzt können Sie uns dabei helfen, die Probleme der Eskimos zu lösen. Tagoona fragte: Was ist ein Problem? Und der Weisse sagte: Tagoona, wenn ich Sie an den Füssen aus einem Fenster im dritten Stock hinaushielte, so wäre das für Sie ein Problem. Tagoona dachte lange und eingehend darüber nach. Dann sagte er: Das glaube ich nicht. Wenn Sie mich verschonen, so wäre alles gut. Wenn Sie mich fallen liessen, wäre sowieso alles egal. Dann hätten Sie das Problem." Margaret Craven: Ich hörte die Eule, sie rief meinen Namen.
Santa Cruz do Sul, 5. Januar 2024

Sonntag, 19. Juli 2026

Der kleine Herr Jakob

Bei diesem Band handle es sich um "die besten Bildergeschichten eines grossen kleinen Alltagsphilosophen", lässt mich der Verlag wissen. Das erweckt meine Neugier, da die Alltagsphilosophie so recht eigentlich die einzig brauchbare Philosophie darstellt (jedenfalls für mich). Dazu kommt, dass der Autor Hans Jürgen Press ganz offensichtlich über einen mir sympathischen Humor verfügt.

Herr Jakob ist klein, trägt Melone und Ringelpulli, eine nicht gerade alltägliche Kombination. Darüber hinaus ist ihm eine Knollennase eigen, was mich unvermittelt an Ursula von Kardorff denken lässt, die vor vielen Jahren für die Süddeutsche schrieb und deren ausgewählten Texten ich einst zu einem Buch verhalf. Als es um die Umschlaggestaltung ging, sagte sie, es gebe da eine Zeichnung von Loriot, wo er sie allerdings mit Knollennase verewigt habe. Andererseits, lachte sie, eine solche habe sie ja auch. Die Zeichnung ziert jetzt den Umschlag von "Schön wie eine Seifenblase".

Das Nachwort zu Der kleine Herr Jakob wirft unter anderem die Frage auf, ob dieser kleine Mann wirklich ein Mann und nicht eher ein Kind sei. Nun ja, einen gesetzten Mann (und das ist Herr Jakob definitiv nicht) verbindet man eher mit Ernst, denn mit Freude, doch diese ist dem kleinen Mann, mit seinen Rundungen, nicht nur eigen, sondern macht ihn geradezu aus.

Herr Jakob schreitet frohgemut und unvoreingenommen durch die Welt, ist den Menschen zugewandt und ausgesprochen praktisch veranlangt. Man schaue sich etwa an, wie er im Warteraum einer Arztpraxis die Herausforderung meistert, dass es für drei Patienten nur zwei Stühle gibt. Oder wie er eine Leiter zur Wippe umbaut, damit auch der Nachbar auf der anderen Seite des Zauns zu seinen Äpfeln kommt.

Der kleine Herr Jakob ist ein Büchlein voller Überraschungen, die naturgemäss dann eintreten, wenn wir nicht mit ihnen rechnen. Und anders als wir es uns vorstellen. Mein Tipp: Lesen Sie zum Einstieg "Eine wahre Geschichte" auf den Seiten 68 und 69.

Fazit: Bildergeschichten, die zum Schmunzeln einladen und der Seele gut tun.

Hans Jürgen Press
Der kleine Herr Jakob
Reclam, Ditzingen 2026

Mittwoch, 15. Juli 2026

Die Kunst der Hingabe

Seiltanz rechnet man gemeinhin nicht zur Kunst. Die gehört in den Zirkus, ist also Show, und damit der ernsthaften Kunst nicht würdig. Zugegeben, mich beschäftigt das wenig, doch Paul Auster greift in seinem Vorwort solche Fragen auf, allerdings nur, um zu befinden: "... der Reiz der Aktion besteht letzten Endes in ihrer völligen Sinnlosigkeit." Davon angetan, ja fasziniert zu sein, erscheint mir so recht eigentlich als das höchste der Gefühle überhaupt, nicht zuletzt, da es die quälende Sinnsuche durch Ästhetik ersetzt. Diese Ästhetik wiederum braucht die erlebte Gefahr, damit sie uns erreichen kann. Anders gesagt: Philippe Petit demonstriert und macht nachvollziehbar, dass das Leben zugleich ein ästhetischer Genuss und eine Gratwanderung ist.

So hat Paul Auster die Essenz des Tuns von Philippe Petit beschrieben: "Mir scheint, dass jeder, der jemals versucht hat, etwas gut zu machen, jeder, der jemals für die Kust oder für eine Idee persönliche Opfer gebracht hat, mühelos verstehen wird, worum es hier geht."

Dass sich ein Hochseilartist intensiv mit der Beschaffenheit des Drahtseils auseinandersetzt, ist zwar naheliegend, wäre mir selber allerdings nie in den Sinn gekommen. Und so lernt man in diesem dünnen Band auch etwas über das Seil. Und über Gangarten. "Der Rückwärtsgang ist keine übliche Gangart. Es sei denn, sie ist für euch besonders angenehm." Woraus auch zu schliessen wäre, dass das Zurückschauen bzw. das Sich-Beschäftigen-mit-der-Vergangenheit dem Leben so recht eigentlich entgegen steht.

Bei der Meditation geht es darum, die wildgewordenen Affen in unserem Hirn zu beruhigen. Die Erforschung des Stillstands, nennt Philippe Petiti das. Dabei folgt man dem Atem, "bis er am Ende des Seils auf dieselbe Weise entweicht, wie er gekommen ist." Ein zerbrechliches Gleichgewicht stellt sich ein. "Solange kein Gedanke dieses Wunder trübt, wird es immer fortbestehen."

Er berichtet vom Üben, von den Proben, dem Auftritt, dem Wind. "Nichts und niemand ist stärker als der Wind. Auch kein mutiger Vogel."

Auf dem Hochseil ist ein Werk über eine Lebenshaltung, die sich an der selbst gestellten Aufgabe, der Überquerung auf dem Seil, orientiert. Philippe Petit tut, was er tut, und nichts als das, ohne Wenn und Aber.  "Jedem Gedanken auf dem Seil folgt ein Sturz."

Ich fühlte mich an den Zen-Buddhismus erinnert. Als ein Zen-Meister gefragt wurde, was er tue, um zur Erleuchtung zu gelangen, erwiderte er: Wenn ich esse, dann esse ich; wenn ich schlafe, dann schlafe ich; wenn ich gehe, dann gehe ich. Das tut doch jeder, meinte daraufhin der Fragesteller. Nein, antwortete der Zen-Meister. Die meisten denken bereits ans nächste Essen, wenn sie essen; träumen, wenn sie schlafen; unterhalten sich mit einem Freund, während des Gehens.

Erforderlich für ein gelingendes Überquren ist Perfektion. Dazu gehört, der auf den Horizont gerichtete Blick. Und ebenso, dass der Hochseilartist sich wohl fühlt, wo er ist.

"Nach langen Stunden des Trainings kommt der Augenblick, in dem es keine Schwierigkeiten mehr gibt."

Und was ist mit der Angst, verspürt der Mann denn keine Angst? Er sei ohne jede Angst, behauptet er. Das mag zwar schwer vorstellbar sein, doch dass jemand voller Angst sich zu einer Seilüberquerung anschickt, scheint irgendwie noch schwerer vorstellbar.

Fazit: Aussergewöhnlich und inspirierend.

Philippe Petit
Auf dem Hochseil
Die Kunst der Hingabe
Unionsverlag, Zürich 2026

Sonntag, 12. Juli 2026

Mein Gehirn, das Denken & Ich

Seit ich mich vor nunmehr 25 Jahren einer Hirnoperation (der rechte Facialis-Nerv war beschädigt) unterzogen habe, hat mein Interesse an Hirnforschung nicht mehr nachgelassen. Als sich etwa drei Monate nach dem Eingriff zeigte, dass dieser offenbar doch nicht so optimal gewesen war, wie der operierende Professor zunächst angenommen hatte, erklärte mir dieser, er selber habe das zwar noch nie erlebt, doch wisse er aus der Literatur, dass sich der behandelte Nerv manchmal nach vier Jahren erholt habe. Und genau das trat auch bei mir ein, allerdings nach sechs Jahren.

Was hier geschehen ist, nennt sich Neuroplastizität und meint die Fähigkeit der Gehirns, sich selber zu reparieren. Das bedeutet jedoch nicht, so der Neuropsychologe Jens Foell, dass unser Denkorgan jede Verletzung so ausgleichen kann, dass der ursprüngliche Zustand einfach wieder hergestellt wird, doch sind die Selbstheilungskräfte erstaunlich.

Wie wir unser komplexestes Organ besser verstehen und benutzen, verspricht dieses Werk. Und das ist nicht zuviel versprochen, auch weil der Autor seinen Erläuterungen jeweils ein Kapitel, das mit "Was bedeutet das für Sie?" überschrieben ist, folgen lässt, worin er nüchtern und sachlich ausführt, dass wir uns von Tatsachen und nicht von unseren Wunschvorstellungen leiten lassen sollten. Und so bedindet er: "Es lässt sich wissenschaftlich nicht nachweisen, dass Sport beim Denken hilft." Was jedoch nicht heisst, dass Sie keinen Sport treiben sollten!

Das Hirn weiss sich zu schützen, so lerne ich. Es tut dies unter anderem mittels einer Blut-Hirn-Schranke, die aus Zellen besteht, "die in den Gefässen sitzen, die vom Blutkreislauf zum Gehirn führen." Bedeutsam ist dies etwa für die Entwicklung medikamentöser Therapien, da nur kleine, fettlösliche Stoffe durchgelassen werden. "Aber wissen Sie, was ein kleines, fettlösliches Molekül ist? Alkohol zum Beispiel. Ebenso Nikotin und Heroin." Sofern Sie die Plastizität Ihres Gehirns nicht beeinträchtigen wollen, sollten Sie sich von diesen Stoffen fernhalten.

Wie ruht sich das Hirn eigentlich aus? Grundsätzlich: Regelmässigkeit tut gut. Zwischen sieben und neun Stunden Schlaf, lautet die Empfehlung der Wissenschaft. Nein, auch der Wissenschaftler Jens Foell hält sich nicht daran, zitiert jedoch einen absurd-witzigen Kommentar von Arnold Schwarzenegger, der berühmt geworden ist, weil er Gewichte vom Boden hochhob, sie dann wieder hinlegte, und sich anschliessend im Spiegel bewunderte.

Mein Gehirn, das Denken & Ich ist ein enorm vielseitiges Buch, das sich unter anderem (kritisch natürlich! Nichts, das Wissenschaftler mehr motivieren könnte, als sogenannte Ikonen zu stürzen) mit Daniel Kahnemans Klassiker 'Schnelles Denken, langsames Denken' auseinandersetzt. Das schnelle Denken (System 1) erfolgt automatisch, das langsame (System 2) verlangt eine mentale Anstrengung und geht häufig mit (möglicherweise eingebildeter) Handlungsmacht einher. "Der Vorwurf lautet, dass sich die klare Trennung von System 1 und System 2, die Kahneman als zwei Charaktere in einem Drama beschrieben hat, nicht mit experimentell erhobenen Daten vereinbaren lässt." 

Aufschlussreich lesen sich auch die Ausführungen zu 'Besser denken in der Medizin', wo etwa auf den Verfrühten diagnostischen Schluss und den Affektiven Bias hingewiesen wird. Auch die Wichtigkeit medizinischer Checklisten wird erwähnt, die, so Jens Foell, durch die Frage 'Fühle ich mich gerade müde?' ergänzt werden müsste. Übrigens: Piloten halten sich weit strikter an Checklisten als etwa Chefärzte (kein Wunder, Piloten sind bei einem Versagen weit gravierender betroffen).

Auch auf Chatbots geht Jens Foell ein – für mich einer der interessantesten Aspekte dieses gut geschriebenen Werkes. "Je mehr KI-generierte Inhalte es gibt, desto mehr lernt die KI von ihren eigenen, selbst erzeugten Daten. Dadurch potenzieren sich alle Fehler, die sie produziert, und die Wahrscheinlichkeiten, mit denen sie arbeitet, entfernen sich von denen in der Realität." Am Rande: Wer schon als Kind sich auf KI verlässt, kommt gar nie in Kontakt mit eigenständigem Denken

Auch mit der Frage, ob es einen freien Willen gibt, setzt sich der Autor auseinander. "Man stelle sich vor, was los wäre, wenn wir alle dem Determinismus anhingen und fänden, niemand sei für seine Taten wirklich verantwortlich. In dieser schrecklichen Welt müsste man einem jede Gewalttat gnädig nachsehen. Andererseits mag denkbar sein, dass ohne den Glauben an einen freien Willen mehr Gerechtigkeit herrscht. Schliesslich sollte es weniger drakonische Strafen geben. Rein konzeptuell könnte man sich beides vorstellen."

"Man is made by his belief. As he believes, so he is.", heisst es in der Bhagavad Gita. In diesem Sinne gibt es die Willensfreiheit. Weil wir sie wollen, wir ohne sie nicht sein können. Das kann übrigens erfreuliche Konsequenzen haben, wie Jens Foell am Beispiel des Eingreifens zeigt. Statt einer Person in Not beizustehen, bevorzugt das Hirn zwar die sogenannte Bystander-Apathie, insbesondere wenn andere Personen zugegen sind, doch lässt sich diese überwinden, so man denn will.

Fazit: Anregend, vielfältig und erhellend.

Jens Foell
Mein Gehirn, das Denken & Ich
Wie wir unser komplexestes Organ besser verstehen und benutzen
Droemer, München 2026

Mittwoch, 8. Juli 2026

Zeit und Mensch

Als Vielleser und an Alltagsphilosophie (damit meine ich: Philosophie, die meinen Alltag bereichert bzw. erträglicher macht) interessierter Zeitgenosse, stösst man selten auf Werke, für die man sofort warm wird. Zu diesen gehört für mich Mensch und Zeit. Das liegt nicht nur an des Autors unprätentiöser Sprache, es liegt auch daran, dass die hier präsentierten Gedanken von praktischer Relevanz sind, was bei akademisch geschulten Leuten doch eher selten ist.

Mein Ausgangspunkt: Für mich ist Zeit eine Illusion, eine manchmal nützliche und dann wieder eine, die uns terrorisiert. Sie dient wesentlich der Orientierung, ohne sie scheinen wir nicht auszukommen. Dazu kommt: Wir scheinen ein Zeitgefühl in uns zu haben, die einzelnen Mitglieder eines Orchesters könnten sonst nicht zusammen musizieren.

Gibt es nur eine Zeit oder viele Zeiten?, fragt Autor Udo Marquardt, und führt dann ein Experiment an, das zeigt, dass wir uns nicht auf unser Zeitgefühl verlassen können, doch dass unser Körper zuverlässig wie eine Uhr tickt. Was mir wieder einmal in Erinnerung ruft, was alle Piloten wissen: Sich nicht auf sein Gefühl, sondern auf die Instrumente verlassen (in der Hoffnung natürlich, dass diese auch verlässlich funktionieren).

Udo Marquardt, der über die aristotelische Zeittheorie promovierte (weshalb diese denn auch prominent vorkommt), schreibt seit fast 30 Jahren für den Hörfunk über Philosophie, was Verständlichkeit erfordert und diesem Buch zugute kommt. Ich werde hier nicht Struktur und Inhalt wiedergeben, sondern auf Aspekte hinweisen, die mich Neues gelehrt haben bzw. über die ich noch gar nie nachgedacht habe.

Die Vorsokratiker (am Rande: Herausgeber Wather Kranz wurde 1884 geboren, nicht 1848) haben den Kosmos als im ständigen Werden begriffen. Dahinter liege eine Welt der Dauer, und nur diese sei wirklich, argumentierten sie. "Hinter der Bewegung liegt das Bewegungslose, hinter der Veränderung das Bleibende, hinter der Zeit die Ewigkeit." Und von Platon erfahre, dass seine Ideenlehre im Kern eine Erkenntnistheorie sei, "die erklären soll, wie wir in der Lage sind, etwas über die Welt zu erfahren. Wie gelingt es uns, Hunde als Hunde zu identifizieren, obwohl sie doch teilweise sehr unterschiedlich aussehen? Und wie unterscheiden wir sie von Katzen? Eben dadurch, dass wir mit unserem Geist in der Lage sind, die Idee hinter dem einzelnen Kläffer zu entdecken. Die Theorie erklärt auch, wie das Neue in die Welt kommt. Wir stossen sozusagen auf eine Idee, die bis dahin unentdeckt war." Solcher  Einsichten wegen lese ich Bücher.

Im Gegensatz zur Ideenlehre Platons, verortete Aristoteles das Denken in der Erfahrung. Er argumentierte, "das Jetzt sei kein Teil der Zeit, weil man mit Teilen das Ganze messen könne (....) Jetzt+Jetzt+Jetzt ergibt weder Vergangenheit noch Zukunft." Es wird dann noch weit komplizierter. Jedenfalls: Die praktische Relevanz hat sich mir entzogen. Zudem: "Unsere Sprache ist darauf angewiesen, die Dinge, die wir sagen wollen, zeitlich zu ordnen und zu strukturieren. Mehr noch: Das Sprechen selbst braucht Zeit. Sprache ist deshalb nur ein unzureichendes Werkzeug, um die Ewigkeit zu beschreiben." Ich staune wieder einmal, wie wenig uns unsere Einsichten beeinflussen, denn nichtsdestotrotz versuchen wir mit der Sprache zu fassen, was mit der Sprache gar nicht erfasst werden kann.

Da ich nicht den Anspruch erhebe, die Absichten des Autors zu ergründen, konzentriere ich mich darauf, wie Zeit und Mensch auf mich wirkt bzw. was es bei mir auslöst. Ich lese es als eine Geschichte der Ideen, auch natürlich, weil ich mir unter einer Kulturgeschichte nichts Rechtes vorstellen kann, Diese Ideen sind eingebettet in viel Biografisches, was dieses Werk wunderbar lesbar macht, wobei ich mich allerdings immer mal wieder gefragt habe, woher man wirklich wissen kann, was vor ganz, ganz vielen Jahren geschehen sein soll. Nicht, dass ich daran Anstoss nehmen würde, doch allzu ernst kann ich es eben auch wieder nicht nehmen. Das ist auch gar nicht nötig, denn ich erlebe Zeit und Mensch höchst stimulierend.

 "Die kopernikanische Wende .... war die Abkehr vom Augenschein hin zu von der Vernunft geleiteten Erkenntnisprinzipien." Eine Einsichts, die unser Selbstverständnis so recht eigentlich erschüttern müsste, sagt sie uns doch, dass die Welt bzw. das Universum weit mehr und anders ist, als uns unser Sehen und Fühlen vermitteln kann. Beobachten lassen sich jedoch sowohl die Gedanken als auch die Anschauung.

Viele der in diesem Werk aufgeführten Denker sind mir meist nur dem Namen nach geläufig (etwa Zenon oder Plotin), von einigen weiss ich ein wenig (Kant und Einstein), von anderen habe ich noch gar nie gehört, wie John McTaggart Ellis McTaggart (John McTaggart ist der Vorname!), der eine sprachliche Unterscheidung machte, die von der Position des Sprechers in der Zeit handelt. Dieser Auffassung stehen die Vertreter des Eternalismus entgegen, für die eine Aussage für alle Ewigkeit entweder wahr oder falsch ist. Womit wir bei einer grundsätzlichen Frage angelangt sind: Ist alles bereits vorbestimmt? In diesem Falle wäre der freie Wille eine Illusion, was natürlich die meisten nicht wahrhaben wollen, auch weil das etwas zu arg an unserem Selbstbild rüttelt.

Udo Marquardt lässt sicht jedoch nicht von abstrakten Gedanken gefangen nehmen, sondern kommt zu einem praktisch-pragmatischern Schluss. "Zeit, das ist meine These, ist Leben, und zwar das Leben jedes einzelnen Menschen. Ich habe meine Zeit. Und Sie, liebe Leserin, lieber Leser, haben ihre Zeit. Es gibt so viele Zeiten, wie es Menschen gibt (...) Solange wir Zeit haben, leben wir. So lange wir leben, haben wir Zeit."

Fazit: Vielfältig anregend, erfreulich persönlich und von praktischer Relevanz.

Udo Marquardt
Zeit und Mensch
Facetten einer Kulturgeschichte
Schwabe Verlag, Basel 2024