Sonntag, 13. September 2026

Shitfluencer

"Wie Social Media Deutschlands Demokratie zerstören wird  – oder retten kann", kündigt der Untertitel vollmundig an, was unterstellt, dass es in Deutschland eine funktionierende Demokratie gibt. Ich empfehle Fritz R. Glunks Schattenmächte und verweise auf Greg Palasts The Best Democracy Money Can Buy, das anhand der nordamerikanischen Variante klar macht, dass echte Demokratie eine Illusion ist.

Die Welt ist komplex. Viel zu komplex, als dass wir sie verstehen könnten. Und so vereinfacht unser Hirn die Dinge. Wie wir noch mehr vereinfachen können, führt Philipp Jessen in diesem Buch vor, das auf so ziemlich alles einfache und klare Antworten hat. Und damit wohl richtig liegt. Denn der Mensch braucht einfache und klare Antworten. Und Philipp Jessen liefert sie.

Die Zeiten, als die traditionellen Medien eine Gatekeeper-Funktion hatten (und es daran auch wohlbegründete, fundierte und meist linke Kritik gab), ist vorbei. Ihre Glaubwürdigkeit habe gelitten, so Jessen, sie seien an ihrem Vertrauens- und Bedeutungsverlust selber Schuld. Verdienstvollerweise führt er auf, wodurch die Sozialen Medien sich unterscheiden (unmoderiert, schnell, chronologisch, cooles Branding). Bedeutsamer scheint mir hingegen. "Sie alle waren fortan nicht nur noch Empfänger politischer Botschaften. Sondern Sender. Konnten mitdiskutieren. Gegen die Mächtigen austeilen. Auf Augenhöhe. Sich an Tische setzen, an die sie niemand eingeladen hatte ...". Das geht einher mit dem dem, was den Mensch wesentlich ausmacht: Ich, Ich, Ich. Und wäre dann so recht eigentlich echte Demokratie, wo jeder und jede seine/ihre Stimme hat. Ein Desaster sondergleichen!

Autor Philipp Jessen, geboren 1977 in Hamburg, "eine herausragende Persönlichkeit in der deutschen Medien und Kommunikationsbranche", argumentiert traditionell, und fragt: Was macht die AfD besser als die etablierten Parteien? Auch seine Antworten sind traditionell. "Alice Weidel und ihr Team kennen und bedienen die Mechanismen von Social Media bestens. Sie emotionalisiert, und sie attackiert. Das mögen die Algorithmen, und das mögen AfD-Anhänger." Nicht nur AfD-Anhänger, wage ich zu behaupten. Zudem: Wer Emotionen nicht zu kontrollieren weiss, hat rational abgedankt. Shitfluencer macht sich stattdessen dafür stark, die Menschen emotional abzuholen. So funktioneren Propaganda und Werbung.

Apropos "traditionell argumentiert": Muss man wirklich wissen, wie die AfD funktioniert? Genügt es nicht, ihre Ziele zur Kenntnis zu nehmen, sich ihre Repräsentanten anzuschauen, und sich dann dafür oder dagegen zu entscheiden? Sich mit der AfD zu beschäftigen, bedeutet, ihr eine Plattform zu geben. Daran kranken alle sogenannt kritischen Darstellungen. Doch das wäre eine andere Geschichte ...

Shitfluencer ist ein überaus informatives Werk. So erfährt man etwa. dass es das Desinformationsinstrument TikTok in seinem Herkunftsland China so nicht gibt. Stattdessen ein Netzwerk namens Douyin, das sich in Form und Inhalt von TikTok unterscheidet. Und auch Russland ist mit seiner Desinformation äusserst aktiv (und so recht eigentlich immer schon gewesen). Wer sich gegen Propaganda gefeit fühlt, sollte sich Jacques Elluls Propaganda zu Gemüte führen, wo man unter anderem lernen kann, dass vor allem Intellektuelle anfällig für Propaganda sind.

Philipp Jessen weist auch immer mal wieder auf Überraschendes hin (zugegeben, ich spreche von mir). Und er macht auch ein einleuchtendes Gedankenspiel. Falls man Jugendlichen den Zugang zu Social-Media versperren sollte, müsste dies auch für Männer über 50. "Denn von deren allgemeiner digitaler Manipulierbarkeit, Naivität und selbstzerstörerischer Lust, sich von Russland vor den antidemokratischen Karren spannen zu lassen, geht derzeit die grösste Gefahr für unser Land und die Demokratie aus." 

Er ist gegen ein Social-Verbot. "Stattdessen müssen Eltern digitale Vorbilder sein, aufklären und erziehen. Schulen sollten, statt Handys zu verbieten, den richtigen Umgang mit digitalen Medien lehren." Weniger überzeugend geht kaum, denn Wissen hilft kaum gegen Emotionen. Das Einzige, was gegen Emotionen helfen kann, sind andere bzw. stärkere Emotionen.

Shitfluencer ist gut geschrieben und bestens nachvollziehbar, auch wenn ich der Behauptung, die AfD nutze "eine bewusste, hochprofessionelle Strategie" wenig abgewinnen kann. Zudem ist die Vorstellung von Trump als einem genialen Strategen lachhaft, da dieser von Emotionen gesteuerte Mann definitiv nicht weiss, was er tut bzw. was er anrichtet. Das vorherrschende kulturelle Phänomen ist vielmehr die Infantilisierung unserer Gesellschaft.

Philipp Jessen will sein Buch als Weckruf verstanden haben. Mehr noch: Als Aufruf, sich zu wehren, zu kämpfen. "Besser zu ballern als die Feinde der Demokratie." Shitfluencer liefert die Munition dazu. Und argumentiert überzeugend. Das herrschende System wird dabei nicht infrage gestellt. Wieso auch? Der Autor lebt offenbar gut davon.

Wer an die Wirksamkeit von Aufklärung glaubt, ist mit diesem Buch bestens bedient. Für alle anderen gäbe es die Möglichkeit (gar nicht im Sinne des Autors), sich (fast) gänzlich von den Medien zu verabschieden (Schlagzeilen und Vorspann genügen). Siehe hier

Fazit: Vielfältig aufklärend, nützlich und anregend.

Philipp Jessen
Shitfluencer
Wie Social Media Deutschlands Demokratie zerstören wird
  – oder retten kann
Westend, Neu-Isenburg 2026

Mittwoch, 9. September 2026

Von der Sucht

 
Santa Cruz do Sul, 2 Februar 2024

Süchtige kriegen den Hals nicht voll. Sie sind gierig. Nie haben sie genug, immer müssen sie mehr und Neues und Anderes haben. Bei Allem und Jedem. Ich zum Beispiel bei Büchern. Unsere Gesellschaft braucht Süchtige, sie werden Konsumenten genannt. Von was auch immer. Ohne sie würde „unser“ Wirtschaftssystem zusammenbrechen.

Gier macht abhängig. Den meisten scheint das egal und denen, die damit ein Problem haben, hilft die Einsicht wenig. Denn Gier ist ein Gefühl und dagegen kommt der Verstand nicht an, hingegen hilft häufig ein anderes, stärkeres Gefühl. Wer Veränderung will, muss ein solches hegen und pflegen. Es geht darum, sich in ein neues Gefühl hineinzuhandeln.

Seit einiger Zeit stelle ich mich immer mal wieder vor meine Regale, betrachte die Bücher, nehme einige zur Hand, blättere darin und lese mich gelegentlich fest. Zum Beispiel bei Rodney Smith: Frei von Selbsttäuschung: „Es ist unser Widerstand gegen die Realität, nicht die Realität selbst, was Leiden schafft.“ Und bei Hans Albrecht Moser: Auf der Suche: „Alles muss geübt sein, nicht nur Turnen, Klavierspielen, Reden … auch die Loslösung von dieser Welt. Es wäre eine härtere Welt denkbar, wo alle Übung vergebens wäre.

Ich merke, dass ich die Bücher bereits habe, die ich zu brauchen glaube. Und dazu noch ganz viele, die darauf warten entdeckt zu werden. Jetzt gilt es nur noch zu tun, was ich weiss, dass ich tun sollte: Mich auf das zu konzentrieren, was ich habe und vor meiner Nase liegt. Tue ich das, dann stellen sich auch die Gefühle ein, die der Gier Paroli bieten.

Übrigens: Zu den Büchern, die ich zwar gelesen, aber überhaupt keine Erinnerung an den Inhalt hatte, gehört Dainin Katagiris You have to say something. Manifesting Zen Insight. Ich hatte mir ein paar Stellen darin angestrichen und bin heute bass erstaunt, wie genau sie treffen, was mich mein Leben lang wichtig gedünkt hat und ich auch immer wieder gespürt, gemerkt und gefühlt habe. If you really want to please yourself, just forget your longing and attend to your daily life. In this we find goldenness. Ich habe das Buch auf meinen Tisch, also vor meine Nase, gelegt, als Erinnerungsstütze, denn mein Üben besteht darin, immer wieder auf diese mir den Alltag wertvoll machende Philosophie zurückzukommen.

Sonntag, 6. September 2026

Die amerikanische Krankheit

In meinen Augen wurde Amerika schon immer überbewertet und mit Hollywood verwechselt. Die Corona-Pandemie zeigt gerade, dass weit mehr als man sich hat vorstellen können, im Argen liegt. Ein nüchterner Blick tut schon lange Not, angesichts der jetzigen Regierung wird er dringend. Und Geschichtsprofessor Timothy Snyder liefert ihn und zwar so, wie man das am besten tut: Indem man konkret und grundsätzlich wird – seinen Anfang nimmt Die amerikanische Krankheit mit seinen eigenen Erfahrungen mit dem Gesundheitswesen.

Im Dezember 2019 stimmt einiges nicht mit seiner Gesundheit. In München wird eine Blinddarmentzündung übersehen, in Connecticut wird er operiert, in Florida kurz darauf wieder krank. Schliesslich landet er mit einer Sepsis („der Tod war nahe“) in einer überfüllten Notaufnahme in New Haven. Er schildert dies nüchtern und unaufgeregt, beschreibt in einfacher Sprache, was er wahrnimmt: Ein völlig überfordertes System – kein Wunder, denn es ist darauf angelegt, dass einige wenige davon profitieren. „Die Spezialisten in Sachen Profit sind in den physischen und mentalen Raum vorgedrungen, der einst von den Spezialisten in Sachen Medizin kontrolliert wurde.“

Zeit zu haben und sich in Geduld zu üben, gehört nicht zu den Wesensmerkmalen unseres modernen Lebens. Die Beobachtungen, die der Patient Snyder im amerikanischen Spital macht, bringen es auf den Punkt: „Menschen sind bei fast jeder Aufgabe viel schlechter, wenn sie in der Nähe eines Mobiltelefons sind; beide Ärzte hatten die ihren eingeschaltet und zur Hand.“ Und: „Die ständige Ablenkung der Ärzte und Krankenschwestern ist ein Symptom unserer Krankheit. Jeder Patient hat eine Geschichte, aber niemand geht der Geschichte nach.“

Am Rande: Einmal hört er zwei Krankenschwestern sich über eine Freundin, eine schwarze Ärztin, die sich für ihn einsetzt, unterhalten. „’Wer war sie?‘ ‚Sie hat gesagt, sie sei Ärztin.‘ Sie sprachen über meine Freundin. Sie lachten (…) Rassismus beschädigte in dieser Nacht meine Lebenschancen; er beschädigt die Lebenschancen anderer in jedem Augenblick ihres Lebens.“

Warum er keine einflussreichen Fürsprecher zu seinem Schutz herbeigerufen habe, als er in der Notaufnahme gewesen sei, wird er von Kollegen gefragt. Seine Antwort zeigt, weshalb die Gesundheitspolitik mitentscheidend dafür ist, ob wir in einer wirklichen Demokratie (und nicht einer solchen des Geldes) leben. „Wenn jeder Zugang zu angemessener Gesundheitsversorgung zu minimalen Kosten hat, wie dies für fast alle Menschen in der entwickelten Welt gilt, ist es einfacher, Mitbürger als gleichberechtigt zu betrachten.“

Timothy Snyder ist beruflich viel unterwegs und, da er unter heftiger Migräne leidet, auch zu einer Person geworden, „die nachts in fremden Ländern Krankenhäuser aufsuchte.“ Dabei machte er auch die Erfahrung, dass „die Ärzte in Europa Zeit haben, etwas zu tun, das über das Ausstellen von Rezepten hinausgeht „…Und mir ist klar geworden, dass sie in einem System arbeiten, dass all das ermöglicht und fördert.“ Er scheint also ausgesprochen gute Erfahrungen gemacht zu haben. Das geht allerdings nicht allen so, wie der Arzt Klaus Scheidtmann in Seitenwechsel berichtet.

Das Ehepaar Snyder hat zwei Kinder, das eine wurde in Wien geboren, das andere in den USA. Die Unterschiede sind eklatant – was in Österreich selbstverständlich ist, kostet in Amerika viel Geld. Doch Die amerikanische Krankheit stellt nicht einfach Gesundheitssysteme einander gegenüber, sondern wird grundsätzlich: Als Covid-19 die USA erreichte, wollte die US-Regierung die Wahrheit nicht wahrhaben, beschwichtigte, log und lügt immer noch. „Da die Wahrheit einen befreit, widersetzen sich die Menschen, die einen unterdrücken, der Wahrheit (…) Die Wahrheit erfordert Arbeit, Fakten stimmten oft nicht mit dem überein, was wir glauben, was wir glauben wollen oder was wir glauben sollen. Fakten sind das, was wir begreifen, wenn wir die richtige Distanz zwischen unseren Gefühlen und der Welt um uns herum feststellen.“

Fazit: Ein engagiertes und überzeugendes Plädoyer gegen die kommerzielle Medizin.

Timothy Snyder
Die amerikanische Krankheit
Vier Lektionen der Freiheit aus einem US-Hospital
C.H. Beck, München 2020

Mittwoch, 2. September 2026

Frei nach Schopenhauer

"Wenn man auch noch so alt wird", befand Schopenhauer, "so fühlt man doch im Innern sich ganz und gar als denselben, der man war, als man jung, ja, als man noch ein Kind war", lese ich in Otto A. Böhmers Frei nach Schopenhauer, einem philosophischen Roman, dessen Hauptdarsteller Egidius Fitzroy eine Philosophische Praxis betreibt, wo er Menschen rät, die sich mit Sinn- und Lebensfragen an ihn wenden. "Der Mensch, war seine Überzeugung, ist ein Empfänger, kein Sendbote, er hat im Rahmen insgesamt bescheidener Möglichkeiten hellhörig zu sein, weil ihm sonst etwas entgehen könnte, das wichtig für ihn ist."

Seien wir also so hellhörig wie möglich, denn es lohnt. Nicht nur weil Schopenhauer viel Schlaues, Hilfreiches und ausgesprochen Realistisches über den Menschen und die Welt geschrieben hat, sondern auch weil Otto A. Böhmer (wofür wohl das A steht? Ich entscheide mich für Aha) ein sehr differenzierter und ein sehr witziger Erzähler ist.

Frei nach Schopenhauer ist von einem ausgesprochen fantasievollen Mann geschrieben worden. Ich jedenfalls habe noch nie so anregend über eine Kreuzfahrt gelesen. "Das Meer war, höflich gesprochen, gänzlich unaufgeregt, der Wellengang bestenfalls zu ahnen, aber kaum zu spüren. Die Wolken, in undefinierbarer Ferne, konnte man für ein über Nacht entstandenes Gebirge halten, mit rauchigen Kegelköpfen, verschwimmenden Spalten und Schluchten, und die Entstehung dieser atlantischen Bergwelt war keineswegs abgeschlossen, sie zog weiter, pumpte sich auf, um gleich darauf an den Überhängen gekappt zu worden."

Frei nach Schopenhauer ist ein äusserst vergnügliches und höchst lehrreiches Buch. So wird der Leser etwa über die Zeit aufgeklärt, "ohnehin ein relatives Phänomen, das womöglich kaum mehr als ein Assistenzmedium des Menschen ist, der damit mehr Möglichkeiten bekommen hat, sich unter Druck zu setzen ...".

Als die Internationale Schopenhauer Gesellschaft Egidius Fitzroy auf ein Kreuzfahrtschiff schickt, wo er philosophische Sprechstunden abhalten soll, ist er gezwungen zu fliegen, was ihm gar nicht behagt.  Zu seinem Bedauern wird  der Frankfurter Flughafen ("Um ihn herum unerträglich gut gelaunte Urlauber, vorwiegend Familien mit verhaltensgestörten Kindern, dazu acht, neun muntere Greise und eine Ansammlung von Alkoholikern, die alle quergestreifte T-Shirts trugen, auf denen Werbung gemacht wurde für den  bekannten Männergesangsverein 'Halbe-Lunge WAF'.) nicht bestreikt und so muss er in die Luft ("Fitzroy kam in die Mitte einer Dreierreihe zu sitzen, die für ihn allein schon zu eng war. Wer dachte sich bloss solche Diätbestuhlungen aus ...").

In Lanzarote besteigt er dann zusammen mit dem Ehepaar Gantenbein ein Taxi, "dass etwas altersschwach aussah, was aber durch die vertrauenserweckende Erscheinung des Taxifahrers wettgemacht wurde, der seine Fahrgäste mit absolut treuherzigem Blick anschaute und in einer Sprache begrüsste, die sich als weitgehend unverständlich erwies. Spanisch war dabei, ein paar Brocken Englisch, dazu kam aus dem deutschen Sprachraum 'Grüss Gott' und 'gerne' sowie, ein wenig überraschend, 'Sie mich auch'; der Rest gehörte wohl einer einheimischen Mundart an, die nicht ganz zu Unrecht vom Aussterben bedroht war."

Immer wieder wird, es versteht sich, bei diesem Buchtitel, auf Schopenhauer Bezug genommen. Dabei erfahre ich unter anderem auch, dass Schopenhauer eher ein Mann des unnachgiebigen Dialogs war, als dass er auf Diskussionen aus gewesen wäre. "In seinen Schriften steckt vielleicht auch deswegen ein Quantum Weisheit, wie es die allermeisten seiner Kollegen nicht zusammenbekommen haben." Und ich lese, dass der Dichter Miguel de Unamuno seinerzeit angeblich Deutsch gelernt hatte, um Schopenhauer im Original lesen zu können.

Höchst aufschlussreich auch, dass Schopenhauer offenbar dem Blick in den Spiegel nicht über den Weg getraut hat. "Warum", so schrieb er, "warum trotz allen Spiegeln, weiss man eigentlich nicht, wie man aussieht und kann daher nicht die eigne Person wie die jedes Bekannten, der Phantasie vergegenwärtigen?, eine Schwierigkeit, welche dem 'Erkenne dich selbst' schon beim ersten Schritte entgegensteht. Ohne Zweifel liegt es zum Teil daran, dass man im Spiegel sich nie anders als mit gerade zugewendetem und unbeweglichem Blicke sieht, wodurch das so bedeutsame Spiel der Augen, mit ihm aber das eigentlich Charakteristische des Blickes, grossenteils verlorengeht."

Fitzroy bezeichnet sich "auch aufgrund der ihm zugeteilten Denkfaulheit" als Realist und Pragmatiker, den es nicht, wie einige Kollegen, danach drängt, "das Undenkbare zu denken" und der deshalb auch nicht "heilloser Verwirrung anheimgefallen" ist, "die durch psychotherapeutische Behandlung, in die man sich anschliessend begab, nur noch grösser wurde." Treffender kann man kaum für eine gesunde Bodenhaftung plädieren, zu der auch diese Feststellung gehört: "Fitzroy war traurig. Intellektuelle Einwände gegen ein solches Gefühl, das einfach nur da war und zu Herzen ging, standen ihm nicht zur Verfügung."

Ein ganz wunderbares Buch! Ich habe Tränen gelacht und viel gelernt – glänzender Witz und auf die Lebenspraxis ausgerichtete philosophische Gedanken, meine absolute Ideal-Kombination! Otto A. Böhmer beherrscht sie meisterhaft. Frei nach Schopenhauer ist intelligente Unterhaltung vom Feinsten!

Otto A. Böhmer
Frei nach Schopenhauer
Verlag Karl Alber, Freiburg/München 2018

Sonntag, 30. August 2026

Aus dem Geschichtsbuch gefallen

Als ich vor einiger Zeit las, dass Goethe die Weltgeschichte für eine idealistische Überhöhung disparater Ereignisse hielt, fühlte ich mich in meinem Mich-Wundern darüber, dass uns absolut Willkürliches als uns leitend beigebracht wird, bestätigt. Und wunderte mich, dass ich offenbar solcher Bestätigung bedarf. Wenn nun einer daherkommt und andere Akzente, als die gemeinhin üblichen, setzt. ist das natürlich ähnlich willkürlich wie die sogenannt reguläre Geschichte, doch sie hat den Vorteil, viel unterhaltsamer zu sein. Und, so man denn bereit dazu ist, unseren Horizont zu erweitern.

Autor Ralf Höller studierte Geschichte und Anglistik und denkt so, wie solche Leute gemeinhin denken, glaubt also an schriftliche Belege, unterscheidet sich jedoch von den gängigen Überzeugungen, weil er anders gewichtet. Die von ihm in diesem Band geschilderten Figuren eint zweierlei: "Alle haben Grosses geleistet, alle sind in Vergessenheit geraten, sozusagen aus dem Geschichtsbuch gefallen."

Herausgekommen ist dabei wunderbart Amüsantes und höchst Lehrreiches. Speziell hinweisen möchte ich auf Daniel Defoes Robinson Crusoe bzw. auf Alexander Selkirk, dem Mann, "der Robinson Crusoe wurde". Der Grund, weshalb diese Geschichte mein ganz besonderers Interesse geweckt hat, liegt einerseits darin, dass ich letzthin Daniel Defoes Roman gelesen habe; der andere, weil ich fasziniert davon gewesen bin, was Markus Gasser aus dem Material gemacht hat.


"Am 11. September 1703 war Selkirk von Irland aus zu einer Kapermission aufgebrochen ...", geriet jedoch mit dem 21-jährigen (!) Kapitän in Streit und wurde in der Folge auf eigenen Wunsch auf der Insel Más a Tierra ausgesetzt. Im Alter von 33 wurde er gerettet. Ob Selkirk die einzige Vorlage für Robinson Crusoe gewesen ist, wird von Experten abgelehnt. "Vielmehr sei die Geschichte hinter dem Roman 'eine komplexe Mischung sämtlicher damals kursierender Überlebensberichte von Freibeutern'". Damit wird wieder einmal bestätigt, was der Mythenforscher Joseph Campbell über Mythen generell herausgefunden hat: Dass sie sich weltweit und zu allen Zeiten ähnlich sind.

"Die Insel. auf der Selkirk vier Jahre und vier Monate gelebt hatte, wurde 1966 in Isla Robinson Crusoe umbenannt - zu Ehren Defoes. Der 1. Februar, an dem Selkirk 1709 gefunden wurde, wird jedes Jahr weltweit als Robinson-Crusoe-Tag begangen. Name und Datum scheinen stärker der Fiktion als der Realität verhaftet zu sein, der imaginäre zählt offenbar mehr als der reale Held."

Auch wenn für mich Geschichte weitestgehend Fiktion ist, sie orientiert sich so gut wie möglich an Fakten. Und zu diesen gehört, dass die meeresstrasse zwischen Sibirien und Alaska zwar den namen Bering trägt, obowhl er sie gar nicht durchquert hat. "Derschnew, der sie bis dato als Einziger durchsegelt hatte, geriet hingegen in Vergessenheit."

Aus dem Geschichtsbuch gefallen ist ein trefflicher Titel für Ralf Höllers Erzählungen von Leuten, die (jedenfalls mir) gänzlich unbekannt gewesen sind, sei es die Peruanerin Micaela Batidas, der französische Revolutionär François Noël Babeuf, der Paraguyaner José Francia und und und ... Was mir bei diesen Schilderungen besonders gut gefallen hat, sind die vielen aufschlussreichen Details, von denen der Autor zu berichten weiss. "Während Francia der Staatskasse für seine Bedürfnisse und die Bezahlung einer Handvoll Diener 7.000 Pesos entnahm, benötigte Bolívar die zehnfache Summe. darüber hinaus  erhielt Letzterer jährlich Geschenke im Wert von 50.000 Pesos. Nicht eingerechnet sind die 2.000 Pesos, die Bolívars Verbrauch an teuer importiertem Eau de Cologne jedes Jahr verschlang." Die Kenntnis solcher Details inbezug auf "unsere" heutigen Anführer hätte wohl ein grösseres Potential für Veränderung als staatliche Abstimmungsunterlagen.

Ralf Höller setzt mit diesem Werk nicht nur vergessenen Persönlichkeiten ein Denkmal, er zeigt auch, dass Geschichte viel bunter ist, als wir gemeinhin annehmen (zugegeben, ich spreche von mir). was sich eindrücklich in der Themenauswahl zeigt: Der Traum von einer russischen Kolonie in Kalifornien; das progressive Pendant zu Jeanne d'Arc; Das Attentat, das Lenin ruinierte; Der Erfinder der Negativzinsen; Die Juden, die sich nichts mehr gefallen liessen; Das, was bleibt, ist ein Fluch (über den ungarischen Fussballer Béla Guttmann).

Ralf Höller
Aus dem Geschichtsbuch gefallen
Wagenbach, Berlin 2026

Mittwoch, 26. August 2026

Hegel. Der Weltphilosoph

Dass ein Buch zur gerade rechten Zeit komme, kann man immer mal wieder hören. Im Falle von Sebastian Ostritschs Hegel. Der Weltphilosoph trifft das in ganz besonderem Masse auf die ersten Seiten des Prologs zu. Da wird nämlich geschildert, dass zu der Zeit als Georg Wilhelm Friedrich Hegel starb, die Cholera herrschte und der Philosoph am Nachmittag des 14. November 1831 nach gerade mal anderthalbtägiger Krankheit ein „schmerzfreies, sanftes, seliges Ende“ gefunden hatte. Der Totenschein wies als Todesursache die Cholera aus; ein bestens vernetzter Freund Hegels bewirkte, dass die Vorschriften für die Bestattung von Choleratoten für Hegel ausgesetzt wurden. „Die Beisetzung am 16. November 1831 wurde zu einem Massenereignis.“ In den heutigen Corona-Zeiten wäre das so in Berlin wohl kaum möglich.

Einen packenderen Einstieg in ein Sachbuch habe ich selten gelesen – und in die Biografie eines Philosophen noch gar nie (wobei: so viele Philosophen-Biografien habe ich nun auch nicht gelesen). Da ich kaum etwas von Hegel und seiner Zeit weiss, ist dieses Buch auch eine willkommene Geschichtslektion. So lerne ich etwa, dass nach dem Massenmord im September 1792 die liberal gesinnten Intellektuellen in Deutschland sich von der Revolution zu distanzieren begannen und Schiller wenige Wochen nach der Hinrichtung des französischen Königs im Januar 1793 an einen Freund schrieb: „Ich kann seit vierzehn Tagen keine französische Zeitung mehr lesen, so ekeln diese elenden Schindersknechte mich an.“

Einen Menschen in seiner Zeit zu schildern, heisst natürlich auch von seinen Vorgängern und Weggefährten zu erzählen. Und so erfährt man dann auch einiges vom Denken von Kant, Spinoza, Schiller, Fichte, Schelling und Hölderlin. Der Autor Sebastian Ostritsch, der am Institut für Philosophie der Universität Stuttgart lehrt, verfügt über viel pädagogisches Geschick, was sich unter anderem darin zeigt, wie er aus Humes Skepsis an der Kausalität folgert, dass wir uns von dem Gedanken lösen müssen, „dass der Mensch der Natur ihre Gesetzmässigkeiten ablesen könnte.“

Hegel sei in seinem Denken und Verhalten sehr schwäbisch gewesen, so sein Biograf. Das meint, dass ihm eine recht behäbige und joviale Mentalität eignete, die nicht mit Entweder-oder, sondern mit Weder-noch und Sowohl-als-auch operiert und sich vornimmt, den Dualismus Kants und die All-Einheit Spinozas zusammenzubringen. „Allen Reduktionismen und Einseitigkeiten, die uns nur einen verzerrten Blick auf uns selbst und das Ganze erlauben, stellt Hegel die grandiose Vision eines von der Vernunft beherrschten Universums entgegen, in dem alle Gegensätze in der Einheit des Geistes – des wahrhaft Absoluten – aufgehoben sind.“

Eigenartig, ja geradezu befremdend fand ich Hegels Reaktion auf die Schweizer Bergwelt, die er „als kalt, schroff und tot“ erlebte: „Der Anblick dieser ewigen toten Massen gab mir nichts als die einförmige und in die Länge langweilige Vorstellung: es ist so.“ Den Gegensatz totes Gestein/belebte Natur halte ich für einen vermeintlichen. So schildert der Geologe William E. Glassley in Eine wildere Zeit wie er einmal mit einem Stahlhammer kräftig auf ein besonders hartes Gestein einschlug und plötzlich etwas „wie nach versengtem Haar, heiss gewordenem Metall oder Wüstenstaub“ roch – seine Hammerschläge hatten die chemischen Verbindungen im Gestein aufgebrochen. „Das Gestein, zerbrochen durch einen von Neugier motivierten Gewaltakt, entliess Kohlenstoff-, Calcium- und Magnesiumatome in die Welt.“

Mit Erstaunen nahm ich zur Kenntnis, dass Schelling mit gerade mal 23 Jahren (durch die Unterstützung Fichtes und Goethes – einem Strippenzieher par excellence) zum ausserordentlichen Professor in Jena berufen wurde und Hegel bereits in recht jungen Jahren „echte Jünger“ um sich zu scharen vermochte.

Hegel. Der Weltphilosoph ist auch reich an Anekdoten. Bevor er es schaffte, eine Universitätsstelle antreten zu können, verbrachte Hegel einige Jahre als Hauslehrer bei der Patrizierfamilie Steiger in Bern, während Studienkollege Hölderlin bei der Schiller-Gönnerin Charlotte von Kalb als Hofmeister im Einsatz war, was diesem jedoch zu schaffen machte, gehörte es doch zu seinen Aufgaben, Frau Kalbs Sohn, einen „talentbefreiten Nichtsnutz mit einem Hang zur Daueronanie“, von diesem Zwang abzubringen. Leider erfährt man nicht, wie er dabei vorgegangen ist ...

Hegel ist bereits über vierzig Jahre alt, als er am 15. September 1811 heiratet. Im Gegensatz zu Kant, so Ostrisch, der die Ehe als Vertrag zwischen zwei Individuen sah, war Hegels Vorstellung, dass die Ehepartner „aufhören, voneinander isolierte Individuen zu sein“ und gleichsam eins werden. „Die lebenslange 'seelische Zufriedenheit', von der Hegel allein zu träumen wagte, sollte ihm und Marie aber dann auch tatsächlich beschieden sein.“ Es versteht sich: Das kann niemand wirklich wissen, ist also Spekulation – doch das ist letztendlich jede Biografie, auch wenn nicht jede so fundiert ist wie die vorliegende.

Hegel. Der Weltphilosoph ist gleichzeitig klar argumentierte, gut geschriebene Biografie, spannende Geschichtsstunde sowie lehrreiche Einführung in das philosophische Werk. Überzeugend führt Sebastian Ostritsch aus, dass wir auch heute von Hegel lernen können. Dass der Vernunftpluralismus ein Schmarren ist, zum Beispiel. Oder dass die Überwindung der Gegensätze das zentrale Ziel des Denkens (und damit des Seins) sein sollte.

Sebastian Ostritsch
Hegel
Der Weltphilosoph
Propyläen, Berlin 2020

Sonntag, 23. August 2026

Lebenshilfen

 Die hier aufgeführten Zitate drücken Wahrheiten aus, die mir teuer sind und mich leiten. Damit ich sie nicht vergesse, habe ich sie aufgeschrieben (in der Sprache, in der ich auf sie gestossen bin): Als Gedankenstützen, auf die ich immer wieder zurückkomme, denn sie konfrontieren mich mit der Realität und machen mir so das Leben erträglich und gelegentlich auch leicht.

Leben ist nur ein wandelnd Schattenbild:
ein armer Komödiant, der eine Stunde lang
sich spreizt und fuchtelt auf der Bühne, dann
nicht mehr gehört wird; eines Toren Fabel nur,
voll Schall und Wahn, jedweden Sinnes bar.
William Shakespeare
Macbeth, V. Akt, 5. Szene

Existence with all its horrors is endurable only as an aesthetic fact.
Richard Rorty

Im Grunde sind alle Ideen falsch und absurd. Es bleiben nur die Menschen, so wie sie sind.
Émile Michel Cioran

Caminante, son tus huellas
el camino y nada más;
caminante, no hay camino,
se hace camino al andar.
Antonio Machado

Wenn Du hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du hervorbringst, Dich retten. Wenn Du nicht hervorbringst, was in Dir ist, wird das, was Du nicht hervorbringst, Dich zerstören.
Thomas Evangelium

Wear the world as a loose garment, which touches us in a few places and there lightly
St. Francis of Assisi

Was Sie nämlich wirklich glauben (nicht, was Sie zu glauben meinen), wird man nur herausfinden, wenn man sich ihr Verhalten ansieht. Davor wissen Sie selbst nicht, was Sie glauben. Sie sind viel zu komplex, um sich selbst zu begreifen.
J
ordan B. Peterson
12 Rules for Life

Quelle que soit la durée de votre séjour sur cette petite planète, et quoi qu’il vous advienne, le plus important c’est que vous puissiez – de temps en temps – sentir la caresse exquise de la vie.
Jean-Baptiste Charbonneau
Avis de Passage (1957)

Spezialität ist mir unmöglich. Ich werde belächelt. Sie sind kein Dichter. Sie sind kein Philosoph. Sie sind weder Geometer noch sonst etwas. Sie betreiben nichts gründlich. Mit welchem Recht sprechen Sie von dieser Sache, da Sie sich ihr nicht mit Ausschliesslichkeit widmen? Ach ja, – ich bin wie das Auge, welches sieht, was es sieht. Es braucht sich nur ein klein wenig zu bewegen, und die Mauer verwandelt sich in eine Wolke; die Wolke in eine Uhr; die Uhr in Buchstaben, die sprechen. – Vielleicht ist das meine Spezialität. Meine Spezialität, das ist mein Geist.
Paul Valéry

Liberdade é pouco. O que eu desejo ainda não tem nome.
Clarice Lispector

Erst im späten Alter erlangt der Mensch ganz eigentlich das horazische nil admirari, d.h. die unmittelbare, aufrichtige und feste Überzeugung von der Eitelkeit aller Dinge und der Hohlheit aller Herrlichkeiten der Welt: die Chimären sind verschwunden.
Arthur Schopenhauer
Aphorismen über Alter und Tod

Die Welt ist ein Betätigungsfeld und weiter nichts.
Hans Albrecht Moser
Vineta

the emphasis falls less on knowing than on imagining, more on freeing oneself up than on getting something right.
Richard Rorty

Wie kann man sich selbst kennen lernen? Durch Betrachten niemals, wohl aber durch Handeln. Versuche, deine Pflicht zu tun, und du weisst gleich, was an dir ist. Was aber ist deine Pflicht? Die Forderung des Tages.
Johann Wolfgang von Goethe
Maximen und Reflexionen

Santa Cruz do Sul, 17. Februar 2024

Mittwoch, 19. August 2026

Was wir wissen können

Die Frage ist natürlich, was wir wissen können“, sagte Emma, als sie wieder einmal miteinander telefonierten.

„Du meinst eindeutig wissen können?“, fragte Hugo.

„Ja, genau. Diese hirnlosen Attacken auf das sogenannte Schwarz/Weiss-Denken nerven mich. Zum Einen, weil wir ums Simplifizieren gar nicht herum kommen, dann aber auch, weil nicht Weniges eindeutig schwarz und weiss ist.“

„Woran denkst du gerade?“

„Also, du bist entweder schwanger oder nicht. Oder aus dem Gebiet der Sucht: Du trinkst oder du trinkst nicht. Ein Dazwischen gibt es für Alkoholiker nicht.“

„Auch die Regeln, denen das Universum gehorcht, sind auf dem grundlegendsten Niveau nicht verhandelbar sind, habe ich letzthin gelesen.“

„Ihr Gefühl sage ihr etwas anderes, hat mir letzthin eine Patientin gesagt, worauf ich antwortete: Ihr Gefühl irrt. Sie ist dann nicht mehr gekommen.“

„Der Kunde ist König! Kann man das überhaupt noch sagen. Oder heisst es heute: Die Kundin ist Königin?“

„Ich kann nicht behaupten, dass mich das wahnsinnig beschäftigt.“

„Diese Ego-Zentriertheit – ich denke, ich fühle, ich sehe – ist zwar nachvollziehbar, schliesslich erlebt sich jeder und jede als Zentrum des Universums, aber schon auch ziemlich hirnrissig, angesichts der Millionen von Galaxien.“

„Du sagst es.“

 Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession, Ahrensburg 2025

Sonntag, 16. August 2026

Über das Älterwerden

 "Er wusste es, er wusste es … man stirbt an Lebensschwäche, lange bevor man an Altersschwäche stirbt, ja, noch war er Kohner, aber das ist er jeden Tag weniger. Das Gefühl des Alleinseins hatte ihn erreicht. Selbst die Freunde zogen sich von ihm zurück, seit er ihnen predigte, was er als Quintessenz seines Lebens empfand - dass sie nichts Besonderes sind und Probleme haben wie alle anderen Menschen auch … dass sie dieselben Fehler bis an ihr Lebensende wiederholen werden … dass alles im Leben Zufall ist und alles, das heisst alles … dass sie eines Tages entdecken werden, nicht derjenige zu sein, für den sie sich halten … dass sie alles im Leben tun, nur um nicht allein zu sein … dass sie bald jeden Tag wünschen werden, der Tag wäre schon vorbei … dass kein Mensch der Herr seines Schicksals ist … dass niemand ihnen sagen kann, wie sie leben sollen … dass das grösste Glück darin besteht, an nichts, an gar nichts zu denken."

Rainer Fabian: Das Rauschen der Welt, 2003

Santa Cruz do Sul, 30 Dezember 2023

Mittwoch, 12. August 2026

Die Schönheit der Distanz


Ein Mann besucht seine Frau fast täglich im Spital. Sie ist Anfang vierzig, Diagnose Krebs. Mit einer Prognose hat sie der Arzt verschont. Der Mann ist froh drum, ihm ist eh klar, dass seine Frau wohl nicht mehr viel Zeit hat. "Für die, die die Krankheit behandeln oder erforschen, mögen Statistiken wichtig sein, aber wie ist das für die Patienten? Man kann ihnen doch nicht das Gefühl geben, sie seien Teil einer Lotterie."

Er steht ihr zur Seite, hilft, so gut er kann. "Sie will nicht fragen. Es entweder selbst machen, eine nahestehende Person bitten oder aushalten. Verstehen kann er das schon, aber der Versuch, den Profis Arbeit abzunehmen, hat inzwischen schon etliche Male dazu geführt, dass sie den Profis schlussendlich mehr Arbeit gemacht haben." Es sind solch aufmerksame Beobachtungen, die dieses Buch wesentlich auszeichnen.

Wie viel Zeit bleibt uns auf dieser Welt? Restlebenszeit, lese ich. Ein für mich gewöhnungsbedürftiger Begriff, allerdings einer, mit dem sich auseinanderzusetzen lohnt, auf dass einem bewusst werde, dass es jederzeit zu Ende sien kann. Auch bei Krebs, bei dem eine kurzzeitige Besserung allzu oft mit einer Genesung verwechselt wird

"Jeder hat eine begrenzte Zeit. Wie viel genau, weiss niemand. Heutzutage sehen die meisten das allerdings anders. Sie sind der Auffassung, dass jeder das Recht habe, ein der durchschnittlichen Lebenserwartung entsprechendes Alter zu erreichen." Schon eigenartig, wie der Mensch denkt bzw. was er glaubt, dass ihm zustehe. Vergegenwärtigt man sich, dass wir alle unser Dasein einem Zufall verdanken (wäre die Samenzelle eine Millisekunde später auf die Eizelle getroffen, gäbe es uns nicht), sind unsere Vorstellungen, wir seien zu irgendetwas berechtigt, mehr als nur abstrus.

Eindrücklich zeigt Die Schönheit der Distanz auf, wie unsere gängige Denkensart, die von Gewinnen und Verlieren geprägt ist, so recht eigentlich lebensfeindlich ist. Nicht für alle, doch definitiv für die Frau des Ich-Erzählers. "Es gibt Menschen,. die sich gerne anstrengen, Menschen, die im Streben imit anderen wachsen. Für seine Frau gilt das allerdings nicht."

In der heutigen Zeit begreifen viele den Krebs als Feind und kämpfen gegen ihn. Die Autorin Nao-Cola Yamazaki zeigt, dass es auch anders geht. "Ich versuche, es als Übung vor dem Tod zu betrachten, weisst du ... Mich nicht mit anderen oder meinem früheren Selbst zu vergleichen. Nicht an die Zukunft zu denken. Mich nur auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. So fällt es mir auch leichter, den Schmerz zu akzeptieren. Schmerz gibt es nun mal im Leben. Manchmal habe ich Schmerzen und bin gleichzeitig glücklich." Selten, dass ich Hilfreicheres, ja, Lebensbejahenderes gelesen habe.

Die Schönheit der Distanz ist eine erfreulich unaufgeregte und sehr unübliche Art und Weise, sich mit Sterben und Tod, und speziell dem Krebstod, auseinanderzusetzen. "Dank seiner Frau weiss er, eine Krankheit, die es einem erlaubt, sich auf den Tod vorzubereiten, nunmehr zu schätzen. An Krebs zu sterben, ist gar nicht so schlecht."

Der Zeitgeist sieht es anders, denn dieser behauptet und verlangt, dass wir Herr über unser Schicksal seien, selber bestimmen, wie und wann wir sterben. Nur eben: "Im Leben geht es nicht nach Wunsch. Seine Frau hatte keine Wahl. Sie ist ihren Weg gegangen. Sie konnte sich nicht für den eines anderen Menschen entscheiden."

Die Schönheit der Distanz lehrt uns, wahrzunehmen, was ist. Und sich dem, was ist, hinzugeben.

Nao-Cola Yamazaki
Die Schönheit der Distanz
Roman
DuMont, Köln 2026

Sonntag, 9. August 2026

Sucht & Akzeptanz

Sargans, am 26. März 2025

Dass alles zur Sucht werden kann, ist keine Auffassung, die von vielen Suchtspezialisten geteilt wird. Nein, ich habe das nicht recherchiert, doch ich beschäftige mich seit mehr als 35 Jahren mit dem Thema und bin mir dabei bewusst geworden, dass viele, wenn nicht gar die meisten sogenannten Suchtexperten, Sucht mit einer Substanz in Verbindung bringen. Für viele meint Sucht nichts anderes als Substanzabhängigkeit.

Ich selber halte Sucht für ein Persönlichkeitsmerkmal. Süchtig kann man nach allem und jedem sein: Essen, Sex, Aufmerksamkeit, you name it. Kennzeichnend für die Sucht ist, dass es nie reicht, nie genug ist, man immer mehr-mehr-mehr haben will und muss. Viele Süchtige, die es schaffen, eine Sucht aufzugeben (etwa Alkohol), ersetzen sie oft durch eine andere, meist eine ihnen weniger schadende (etwa Bücher).

Natürlich ist nicht jede Abhängigkeit eine Sucht. Wir alle brauchen gute Luft, können ohne sie nicht sein; wir alle brauchen Eltern, die uns lieben und uns unterstützen; wir alle sind bedürftig der Zuneigung. Damit eine Abhängigkeit zur Sucht wird, muss sie destruktiv sein. Ab wann sie das wird, ab wann man diese unsichtbare Linie überschritten hat, merkt man erst in der Rückschau.

Nachdem die Kriegsberichterstatterin Janine di Giovanni zwei oder drei Jahre versucht hatte, ein normales Leben in Paris zu führen, erhält sie eines Tages einen Anruf von einer Ärztin aus dem Val-de-Grace, einem Militärkrankenhaus: „'Ich wollte Ihnen sagen, dass ihr Mann hier in der Klinik ist und ich ihn einige Wochen zur Beobachtung auf der Station behalten möchte'. Als ich fragte, warum, sagte sie, ihrer Ansicht nach sei er erschöpft und selbstmordgefährdet.“ Bruno findet Hilfe bei den Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA), Janine setzt sich mit Abhängigkeitsfragen auseinander. „Ich bemühte mich, die Beziehung eines Menschen zu Drogen, zu Alkohol oder irgendetwas anderem, das ihn in eine andere Welt versetzt – in Abhängigkeit – zu verstehen. Ich habe in meinem Leben schon alles Mögliche ausprobiert, aber nichts konnte mich süchtig machen.“ Mit der Zeit hatte sie den Eindruck, die AAs nähmen ihr ihren Mann weg. „Ich wusste, dass er dadurch trocken blieb, aber ich war mir nicht sicher, ob er nicht eine Sucht durch eine andere ersetzte, wie mir einmal jemand von den AA-Sitzungen gesagt hatte.“ Und wenn dem so wäre? Die eine Sucht bringt einen um, die andere hält einen am Leben. Zudem: Als ihr Sohn sechs Monate alt war, ging Janine wieder nach Bagdad und liess Luca bei seinem Vater und seiner Kinderfrau in Paris zurück. „Aus meinen Brüsten quoll noch Milch, und ich vermisste mein Kind mit einer Vehemenz, die mir unbegreiflich war.“ Sie fliegt zurück nach Paris. Und, nachdem einige Zeit verstrichen war, nach Afghanistan ... Im Juli 2012 berichtete sie für den 'Daily Beast' vom Krieg in Syrien. Für mich klingt das sehr nach Abhängigkeit von Kriegsgebieten. Nach Sucht. Und zwar keiner lebensbejahenden.

Bei meinen eigenen Versuchen, mit meinen verschiedenen Abhängigkeiten klarzukommen, bin ich oft auf den Begriff der Akzeptanz gestossen., Und so recht eigentlich immer, wenn ich mich mit dieser Akzeptanz auseinandersetzte, war mir klar, dass es genau darum ging.

In den letzten Tagen erreichten mich zwei ganz unterschiedliche Beschreibungen von Akzeptanz. Die eine vom Zen-Lehrer Jack Kornfield. "Paradoxically, when I let go and accept life on life’s terms, I discover 'a peace that passes all understanding,' and I find the power and wisdom to deal with whatever challenge or unforeseen turn of events life throws at me." (Paradoxerweise entdecke ich, wenn ich loslasse und das Leben so akzeptiere, wie es ist, 'einen Frieden, der alles Verstehen übersteigt', und ich finde die Kraft und Weisheit, mit allen Herausforderungen und unvorhergesehenen Wendungen fertig zu werden, die das Leben für mich bereithält.); die andere aus dem Blauen Buch der Anonymen Alkoholiker, das mir auch hilft Portugiesisch zu lernen. "Lembra-nos constantemente de que não estamos mais dirigindo o espectáculo, repetindo para nós mesmos, com humildade e várias vezes por dia: 'Seja feita a Tua vontade.'" ("Erinnern wir uns ständig daran, dass wir nicht mehr die Kontrolle haben, indem wir uns selbst mehrmals täglich demütig sagen: ‚Dein Wille geschehe.´") Für mich bedeuten beide Aussagen dasselbe, auch wenn viele wohl betonen werden, dass die erste Variante ohne Gott auskommt, mit dem bekanntlich viele sogenannt religiös Augewachsene so ihre liebe Mühe haben. Weshalb denn auch die AA so clever waren, nicht von Gott zu sprechen, sondern von einer höheren Macht, von der jeder und jede eine eigene Vorstellung haben darf.

Die Dinge zu akzeptieren, wie sie sind, setzt voraus, zu verstehen, wie die Dinge sind. Ich sehe es so: Wir sind Gefässe oder Behälter, in denen das Leben sich manifestiert. Einatmen und Ausatmen geschieht ohne mein Dazutun, auch mein Herz schlägt, ohne dass ich etwas dazu beitrage. Es sind automatische Vorgänge, die ohne mein bewusstes Ich ablaufen. Es brauch keine Kontrolle meinerseits, es reicht vollkommen, mich diesem Prozess zu überlassen. Mich dagegen zu wehren, stört diesen Vorgang. Mir dies immer wieder vor Augen zu führen, hat das Potential, mich ruhig, friedlich und gelassen zu machen.  

Mittwoch, 5. August 2026

Der heilige Raum deiner Seele


Hildegard von Bingen und Meister Eckhart, so Jennie Appelt und Dirk Grosser, "hatten diese unbestimmte (?) Ahnung in sich (ja wo denn sonst?), dass da noch mehr sei, dass manche überlieferten Lehren nicht gänzlich trugen, und dass das Geheimnis des Lebens nur unzureichend oder aber zu vorschnell beschrieben worden war." Nun ja, es ist so recht eigentlich das Wesen des Geheimnisses, dass es sich der Beschreibung entzieht.

Der heilige Raum deiner Seele löst bei mir ganz Unterschiedliches aus. Einerseits gibt es da ganz viele, überaus wertvolle Einsichten, andererseits kommt das alles so überaus pädagogisch positiv daher, damit man es sich ja mit niemandem vergibt (schliesslich soll das Buch auch das Geschäftsmodell der beiden – Seminare, Meditationskurse – fördern), dass man (zugegeben, ich spreche von mir) unverzüglich das Weite suchen will. Hier will ich mich jedoch ausschliesslich auf Aspekte beschränken, die ich aufschluss- und hilfreich gefunden habe.

Hildegard von Bingen trat mit 10 Jahren ins Kloster ein, wurde mit 14 Jahren, zusammen mit zwei anderen Frauen, Inklusin, "wozu die Zugänge zu ihren Klosterzellen feierlich vermauert wurden." Die Autoren weisen überdies daraufhin, dass man zu dieser Zeit Jesus nicht als blutenden Mann am Kreuz darstellte, sondern aufrecht stehend, als lebendige, leuchtende Christusgestalt. Ihre Einsichten gewann Hildegard in visionärer Schau und nicht etwa vermittelt durch Lehrer und Denker.

Auch Eckhart, hochgebildet und in vielerlei kirchlichen Funktionen aktiv, glaubte, dass "die Gottheit" persönlich erfahren werden müsse, weshalb er mit der offiziellen Kirche in Konflikt geriet. Er predigte das Loslassen von unseren Vorstellungen, und die Hingabe an das, was ist, wobei dieses nicht in Worten ausgedrückt werden kann. Am ehesten, so die Autoren, entspricht  es wohl dem Tao des Laotse. "Das Tao, das mitgeteilt werden kann, ist nicht das ewige Tao. Der Name, der genannt werden kann, ist nicht der ewige Name. Das Unnennbare ist das ewig Wirkliche."

Sowohl Hildegard als auch Eckhart stehen für ein Leben, das von der persönlichen Anschauung und Erfahrung geleitet wird. Um "die Gottheit" oder "das ewig Wirkliche" erleben zu können, ist kein aktives Tun vonnöten, stattdessen "das reine Empfangen in absoluter Passivität". Das bedeutet eine vollständige Abkehr vom "religiösen Leistungsdenken". Mit anderen Worten: "Eine gute Tat sollte um ihrer selbst willen bzw. um des anderen Menschen willen geschehen und nicht, weil man sich damit Verdienste bei Gott erwerben möchte."

Immer mal wieder wird auch auf den Zen-Buddhismus hingewiesen. Wie dieser, so lehrt auch Eckhart nicht alleine das Ruhen im Sein, denn das Leben verlangt, "dass du dich sorgsam und achtsam dem Bereich der Welt widmest, in den du gestellt wurdest."

Man muss/sollte seinen eigenen Weg gehen. Das sagt heute zwar so recht eigentlich jeder und jede, auch wenn sich das in der Konsumgesellschaft darin zeigt, dass alle dasselbe wie alle anderen wollen. Dieses Buch meint jedoch etwas anderes und macht deutlich, indem es etwa Buddha oder Angelus Silesius zitiert, dass wirklich seinen eigenen Weg zu gehen, schon immer die Ausnahme und nicht die Regel gewesen ist.

Es ist übrigens nicht ohne Ironie, dass man aus diesem Buch auch lernt, dass man seinen eigenen Weg nicht in Büchern findet ...

Jennie Appel & Dirk Grosser
Der heilige Raum deiner Seele
Die Botschaft Hildegards und Meister Eckharts für die Vision deines Lebens
nymphenburger, Stuttgart 2026

Sonntag, 2. August 2026

Das wahre Leben

Dieser Roman spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Aristokratie ist in Auflösung begriffen. Die Geschwister Kazuko und Naoji versuchen auf ihre je eigene Weise sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Naoji versucht, sich von der Aristokratie zu befreien. Erfolglos. Kazuko nimmt Bezug auf Jesus, der ein Revolutionär ist, nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Im Zentrum dieses Romans stehen existenzielle Sinnfragen.

Die junge Aristokratin Kazuko zieht aus finanziellen Gründen mit ihrer kränkelnden Mutter von Tokyo auf die Halbinsel Izu. Ihr Bruder Naoji, der eingezogen worden war, gilt im Pazifik für verschollen, taucht jedoch unverhofft wieder auf, ist allerdings wiederum dem Opium verfallen.

"'Oh scheusslich! Was für ein grässlich geschmackloses Haus! Ihr solltet draussen ein Schild anbringen: 'Chinesisches Restaurant. Nudeln und Fleisch'!'
Das waren Naojis Begrüssungsworte als ich in nach langen Jahren zum ersten Mal wiedersah."
Besser kann man die Unsensibilität Süchtiger ihren Angehörigen gegenüber kaum beschreiben.

Wie alle Süchtigen, so hadet auch Naoji mit der Welt. "Gerechtigkeit? Die Idee des sogenannten Klassenkampfes hat damit nichts zu tun. Menschlichkeit? Nichts als törichter Wahn. Ich weiss Bescheid."

Naojis Meister, der Schriftsteller Uehara, lebt in Tokyo, und säuft. Und, so sagt er zu Kazuko, als diese ihn aufsucht, er versuche ihren Bruder vom Opium weg zum Alkohol zu bringen, da letzterer akzeptabler sei. Besoffenes Denken par excellence! Auf die Briefe, die Kazuko Uehara nach ihrem Treffen schreibt, antwortet dieser nicht.

Kazuko liest Rosa Luxemburg. Ganz anders als gemeinhin üblich. "Der eigenttliche Gegenstand ihres Buches ist die Wissenschaft der Nationalökonomie, und wenn man es als volkswirtschaftliches Traktat liest, ist es wahrhaftig langweilig. Es enthält nur eintönige Binsenweisheiten. (...) Eine Wissenschaft, welche auf der Voraussetzung beruht, dass die Menschen ihrer Natur nach geizig sind und in alle Ewigkeit geizig bleiben werden, ist für jemanden, der nicht geizig ist, vollkommen uninteressant." Doch es gibt etwas an diesem Buch, das Kazuko sehr anspricht: Rosa Luxemburgs Mut, alle konventionellen Ideen beiseite zu stossen.

So gilt etwa unter klugen und erwachsenen Menschen als ausgemacht, "dass Revolution und Liebe  etwas sehr Törichtes und Hässliches seien," was jedoch Kazuko ganz und gar nicht finden kann. Ganz im Gegenteil: "Wir Menschen sind für die Liebe und die Revolution auf Erden da."

Dann erhält die Mutter die Diagnose, dass sie wohl bald sterben werde. Sie ahnt es. Eine Schlange sieht sie als Vorboten. Überhaupt scheinen Ahnungen ("Man sagt, dass Leute, die Sommerblumen lieben, auch im Sommer sterben ...) wichtiger als Wissen. "Ob es überhaupt Menschen gibt, die dieses Leben begreifen?"

Was Die sinkende Sonne wesentlich ausmacht, ist das Japanische. Und das meint: Eine Haltung dem Leben bzw. seinem Schicksal gegenüber, das so recht eigentlich aristokratisch ist. "Vornehmheit und gespreiztes Getue haben wirklich nichts miteinander zu schaffen." Am Beispiel des Suppe-Löffelns beschreibt Osamu Dazai den vornehmen Stil. "Sitzt man aufrecht da und lässt die Suppe von der Löffelspitze in den Mund fliessen, schmeckt sie erstaunlicherweise viel besser, als wenn man sie, ängstlich über den Teller gebeugt, von dem seitlich herangefühten Löffel mit dem Lippen abnimmt."

Fazit: Eine gelungene Meditation über die Frage, ob man seiner Herkunft bzw. seinem Schicksal entgehen kann sowie ein Plädoyer für einen Aufbruch, der sich an revolutionären Werten orientiert.

Osamu Dazai
Die sinkende Sonne
Reclam, Ditzingen 2026

Mittwoch, 29. Juli 2026

Nicht jeder Erfolg adelt

Santa Cruz do Sul, 6 März 2025

In letzter Zeit habe ich immer mal wieder gestutzt, wenn ich in sogenannt renommierten Blättern las, dieser oder jener Rockmusiker, diese oder jene Popsängerin sei gestorben.

Für mich waren Rock- und Popmusiker einst der Inbegriff des Protestes gegen die etablierte Ordnung; heutzutage werden sie als Ehrengäste zum Staatsbankett geladen.

Mich stört das nicht, doch ich wundere mich, dass ich mich darüber wundere, denn nichts bedeutet in unseren eitlen Zeiten mehr als der Erfolg, auf welchem Gebiet auch immer.

Gemeint ist hier der gesellschaftliche Erfolg, den ich stets als leicht peinlich empfinde. Aufmerksamkeit, Gefeiert-Werden, Applaus – die meisten können doch gut ohne sein. Und die, denen das nicht gelingt, sollten an sich arbeiten, denn sich vom Urteil anderer („Followern“) abhängig zu machen, ist nicht gerade ein Zeichen der Stärke, auch wenn diese Abhängigkeit so recht eigentlich das kapitalistische System garantiert, das in der Gier des Menschen gründet und genau deshalb so erfolgreich ist.

Doch es gibt auch noch ein ganz andere Art des Erfolgs, die darin besteht, sich selber zu überwinden. Genauer: Seine Faulheit und seine Feigheit. Dieser Erfolg adelt.

Man müsse lernen, sich selber zu geben, was man sich von anderen erhoffe, habe ich von der Psychotherapeutin Margalis Fjelstad aus Colorado gelernt. Kein Rat, der besser geeignet wäre, einen ein Leben lang aktiv zu halten.

Sonntag, 26. Juli 2026

Trinkerbelle

Mir war Mimi Fiedler kein Begriff, als ich dieses Buch zur Hand nahm. Dass sie aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt, und als Schauspielerin bekannt wurde, wusste ich nicht. Mein Interesse angestachelt hatte der Untertitel "Mein Leben im Rauch", wovon allerdings erst nach gut 100 Seiten die Rede ist, dann jedoch sehr ausführlich. 

Der erste Teil von Trinkerbelle handelt von der Familie der Autorin bzw. ihrem Aufwachsen. Dabei stach für mich eine Geschichte hervor, die so unwahrscheinlich ist, dass sie so recht eigentlich schon ganz für sich allein die Lektüre lohnt. Hier nur soviel: Ihr überaus pünktlicher Vater verpasst einen Flug, der in der Folge abstürzt ... Doch das ist nur gerade der Anfang ... Selber Lesen!

Mimi trinkt anders als Normalos, am liebsten allein, und immer zuviel. Normale Trinker haben irgendwann genug. Mimi nicht. Sie hört nicht auf. Sie trinkt weiter, auch wenn sie bereits mehr als genug hat. Objektiv gesehen genug hat. Sie sieht es subjektiv. Für sie bedeutet Alkohol: Es ist nie genug.

Sie versteckt ihr Trinken, dabei hilft, dass Alkohol in ihren Zwanzigern einfach dazu gehörte. Von anderen darauf angesprochen wird sie nicht. Kein Wunder, denn Nicht-Alkoholiker verstehen vom Saufen in der Regel nichts, und die, die saufen, sind mit dem eigenen Saufen beschäftigt. Wie Mimi ihren damaligen Lebensgefährten zu täuschen vermag (auch eine dieser Geschichten, die man sich wirklich nicht ausdenken kann), ist eine Meisterleistung und echt filmreif!

"Er weiss nicht mal dass ich trinke, niemand weiss das, jedenfalls nicht in aller Wucht und Dimension", schreibt sie über den Vater ihrer Tochter. Dass die anderen vom eigenen Trinken nichts mitkriegen, ist ein Aberglaube, dem so ziemlich alle Alkoholiker huldigen. Als sie zu einem Entzug in einer Klinik weilt, und der Arzt sie zu ihrem Trinkverhalten befragt, redet sie dieses schön. "Die Darstellung der ganzen Wahrheit übernimmt dafür meine Mutter. Zu meinem Erstaunen kennt sie selbst die kleinsten Details."

Zu den weiteren Charakteristika der Trinker gehört, dass sie sich nicht helfen lassen wollen/können. Als Mimi bei einem Essen mit einem Mann, mit dem sie sich nüchtern bestens versteht, sich total zuschüttet und entsprechend benimmt, stellt dieser sie zur Rede und bietet an, zu helfen. Sie flüchtet. Natürlich ist das nicht zu verstehen, auch für sie nicht. Dazu kommt: Verstehen hilft wenig (an Einsichten fehlt es ihr nicht), allein entscheidend ist, zu handeln. 

Die Auswegslosigkeit, die sie empfindet, ist überaus eindrücklich geschildert. Während des Klinikaufenthalts besucht sie im Keller der Klinik auch Treffen der Anonymen Alkoholiker, wo sie unter anderem lernt, dass sie "nicht die einzige Lügnerin, nicht die einzige Betrügerin, nicht die einzige Versagerin, nicht die Einzige (ist), die es nicht schafft, nur bei einem Glas zu bleiben. Und vor allem bin ich nicht die Einzige, die eine ganze Armada von Verletzungen und Traumata im Gepäck hat. Ich bin eine von vielen, Ich bin nicht allein."

Sollte das zum Schluss führen, es brauche einen Grund, um zu trinken ... Nein, braucht es nicht. Wir wissen schlicht nicht, weshalb einige Alkoholiker werden und andere nicht. Die Gründe, die einen zum Saufen bewegen, können ebensogut die Gründe sein, um mit dem Saufen aufzuhören.

Die Ärztin auf der Notfallstation sieht das anders, auch Mimi sieht das anders. Sie wurde als Kind missbraucht und will jetzt ihren Peiniger konfrontieren, wird aber von dessen Frau abgewimmelt. Was sie sich von einer solchen Konfrontation versprochen hat, entzieht sich mir. Die einzige Konfrontation, die sie meines Erachtens braucht, ist die mit ihrer Sucht.

Alkoholismus ist eine Sucht, in die sich die flüchten, die nicht fühlen wollen, was sie fühlen. Alkohol ist Medizin, allerdings die falsche. "Dann ist die falsche Medizin wie ein böser Zaubertrank, oder?", fragt die Tochter. "Es ist der Klassiker (....)", so der Arzt in der Klinik. "Nichts Ungewöhnliches. Ein gescheiterter Selbsttherapieversuch mit Alkohol."

Lässt man das einmal wirklich einsinken (Selbsttherapie), versteht man auch, dass der Alkoholiker (Frau oder Mann), dem Gefühl, etwas stimme nicht (mit ihm, mit der Welt), etwas glaubt, entgegensetzen zu müssen. Und mit Alkohol (aber auch mit anderen Drogen) kann das für eine gewisse Zeit durchaus gelingen. Bis man schliesslich eine unsichtbare Linie überschreitet, und der Alkohol zum (oft tödlichen) Feind wird, gegen den man chancenlos ist.

Der Klinikaufenthalt und die Treffen der AA machen ihr klar, "wie sehr ich mich nach Klarheit sehne." Nur will die Krankenkasse nicht weiter zahlen, da sie keine Medikamente (Xanax oder Valium) nehmen will (aus der bestens nachvollziehbaren Angst, süchtig danach zu werden), also so krank gar nicht sein kann. Eine verquere Logik, von angeblich Gesunden ersonnen. Sie verlässt die Klinik, zwei Tage später trinkt sie bereits wieder. Sie will zwar nach wie vor aufhören, weiss aber einfach nicht wie.

Eine AA-Freundin, über zwanzig Jahre trocken, hatte einen Rückfall und stirbt. Erschüttert beschliesst Mimi, die Abstinenz jetzt wirklich ernst zu nehmen – und scheitert. Ihr Niedergang gestaltet sich dramatisch (und müsste wirklich jeder und jedem klar machen, dass sie schwerstens alkoholkrank ist). Sie lernt Otto kennen, gesteht ihm (nein, nicht sofort), Alkoholikerin zu sein. Kurz darauf haben sie geheiratet.

Fazit: Man leidet mir ihr, verzweifelt an ihr, und freut sich mit ihr, dass sie nicht aufgegeben und es doch noch geschafft hat, auf das zu hören, was sie sich zu sagen hatte.

Mimi Fiedler
Trinkerbelle
Mein Leben im Rausch
Knaur, München 2026