Mittwoch, 5. August 2026

Der heilige Raum deiner Seele


Hildegard von Bingen und Meister Eckhart, so Jennie Appelt und Dirk Grosser, "hatten diese unbestimmte (?) Ahnung in sich (ja wo denn sonst?), dass da noch mehr sei, dass manche überlieferten Lehren nicht gänzlich trugen, und dass das Geheimnis des Lebens nur unzureichend oder aber zu vorschnell beschrieben worden war." Nun ja, es ist so recht eigentlich das Wesen des Geheimnisses, dass es sich der Beschreibung entzieht.

Der heilige Raum deiner Seele löst bei mir ganz Unterschiedliches aus. Einerseits gibt es da ganz viele, überaus wertvolle Einsichten, andererseits kommt das alles so überaus pädagogisch positiv daher, damit man es sich ja mit niemandem vergibt (schliesslich soll das Buch auch das Geschäftsmodell der beiden – Seminare, Meditationskurse – fördern), dass man (zugegeben, ich spreche von mir) unverzüglich das Weite suchen will. Hier will ich mich jedoch ausschliesslich auf Aspekte beschränken, die ich aufschluss- und hilfreich gefunden habe.

Hildegard von Bingen trat mit 10 Jahren ins Kloster ein, wurde mit 14 Jahren, zusammen mit zwei anderen Frauen, Inklusin, "wozu die Zugänge zu ihren Klosterzellen feierlich vermauert wurden." Die Autoren weisen überdies daraufhin, dass man zu dieser Zeit Jesus nicht als blutenden Mann am Kreuz darstellte, sondern aufrecht stehend, als lebendige, leuchtende Christusgestalt. Ihre Einsichten gewann Hildegard in visionärer Schau und nicht etwa vermittelt durch Lehrer und Denker.

Auch Eckhart, hochgebildet und in vielerlei kirchlichen Funktionen aktiv, glaubte, dass "die Gottheit" persönlich erfahren werden müsse, weshalb er mit der offiziellen Kirche in Konflikt geriet. Er predigte das Loslassen von unseren Vorstellungen, und die Hingabe an das, was ist, wobei dieses nicht in Worten ausgedrückt werden kann. Am ehesten, so die Autoren, entspricht  es wohl dem Tao des Laotse. "Das Tao, das mitgeteilt werden kann, ist nicht das ewige Tao. Der Name, der genannt werden kann, ist nicht der ewige Name. Das Unnennbare ist das ewig Wirkliche."

Sowohl Hildegard als auch Eckhart stehen für ein Leben, das von der persönlichen Anschauung und Erfahrung geleitet wird. Um "die Gottheit" oder "das ewig Wirkliche" erleben zu können, ist kein aktives Tun vonnöten, stattdessen "das reine Empfangen in absoluter Passivität". Das bedeutet eine vollständige Abkehr vom "religiösen Leistungsdenken". Mit anderen Worten: "Eine gute Tat sollte um ihrer selbst willen bzw. um des anderen Menschen willen geschehen und nicht, weil man sich damit Verdienste bei Gott erwerben möchte."

Immer mal wieder wird auch auf den Zen-Buddhismus hingewiesen. Wie dieser, so lehrt auch Eckhart nicht alleine das Ruhen im Sein, denn das Leben verlangt, "dass du dich sorgsam und achtsam dem Bereich der Welt widmest, in den du gestellt wurdest."

Man muss/sollte seinen eigenen Weg gehen. Das sagt heute zwar so recht eigentlich jeder und jede, auch wenn sich das in der Konsumgesellschaft darin zeigt, dass alle dasselbe wie alle anderen wollen. Dieses Buch meint jedoch etwas anderes und macht deutlich, indem es etwa Buddha oder Angelus Silesius zitiert, dass wirklich seinen eigenen Weg zu gehen, schon immer die Ausnahme und nicht die Regel gewesen ist.

Es ist übrigens nicht ohne Ironie, dass man aus diesem Buch auch lernt, dass man seinen eigenen Weg nicht in Büchern findet ...

Jennie Appel & Dirk Grosser
Der heilige Raum deiner Seele
Die Botschaft Hildegards und Meister Eckharts für die Vision deines Lebens
nymphenburger, Stuttgart 2026

Sonntag, 2. August 2026

Das wahre Leben

Dieser Roman spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Aristokratie ist in Auflösung begriffen. Die Geschwister Kazuko und Naoji versuchen auf ihre je eigene Weise sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Naoji versucht, sich von der Aristokratie zu befreien. Erfolglos. Kazuko nimmt Bezug auf Jesus, der ein Revolutionär ist, nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Im Zentrum dieses Romans stehen existenzielle Sinnfragen.

Die junge Aristokratin Kazuko zieht aus finanziellen Gründen mit ihrer kränkelnden Mutter von Tokyo auf die Halbinsel Izu. Ihr Bruder Naoji, der eingezogen worden war, gilt im Pazifik für verschollen, taucht jedoch unverhofft wieder auf, ist allerdings wiederum dem Opium verfallen.

"'Oh scheusslich! Was für ein grässlich geschmackloses Haus! Ihr solltet draussen ein Schild anbringen: 'Chinesisches Restaurant. Nudeln und Fleisch'!'
Das waren Naojis Begrüssungsworte als ich in nach langen Jahren zum ersten Mal wiedersah."
Besser kann man die Unsensibilität Süchtiger ihren Angehörigen gegenüber kaum beschreiben.

Wie alle Süchtigen, so hadet auch Naoji mit der Welt. "Gerechtigkeit? Die Idee des sogenannten Klassenkampfes hat damit nichts zu tun. Menschlichkeit? Nichts als törichter Wahn. Ich weiss Bescheid."

Naojis Meister, der Schriftsteller Uehara, lebt in Tokyo, und säuft. Und, so sagt er zu Kazuko, als diese ihn aufsucht, er versuche ihren Bruder vom Opium weg zum Alkohol zu bringen, da letzterer akzeptabler sei. Besoffenes Denken par excellence! Auf die Briefe, die Kazuko Uehara nach ihrem Treffen schreibt, antwortet dieser nicht.

Kazuko liest Rosa Luxemburg. Ganz anders als gemeinhin üblich. "Der eigenttliche Gegenstand ihres Buches ist die Wissenschaft der Nationalökonomie, und wenn man es als volkswirtschaftliches Traktat liest, ist es wahrhaftig langweilig. Es enthält nur eintönige Binsenweisheiten. (...) Eine Wissenschaft, welche auf der Voraussetzung beruht, dass die Menschen ihrer Natur nach geizig sind und in alle Ewigkeit geizig bleiben werden, ist für jemanden, der nicht geizig ist, vollkommen uninteressant." Doch es gibt etwas an diesem Buch, das Kazuko sehr anspricht: Rosa Luxemburgs Mut, alle konventionellen Ideen beiseite zu stossen.

So gilt etwa unter klugen und erwachsenen Menschen als ausgemacht, "dass Revolution und Liebe  etwas sehr Törichtes und Hässliches seien," was jedoch Kazuko ganz und gar nicht finden kann. Ganz im Gegenteil: "Wir Menschen sind für die Liebe und die Revolution auf Erden da."

Dann erhält die Mutter die Diagnose, dass sie wohl bald sterben werde. Sie ahnt es. Eine Schlange sieht sie als Vorboten. Überhaupt scheinen Ahnungen ("Man sagt, dass Leute, die Sommerblumen lieben, auch im Sommer sterben ...) wichtiger als Wissen. "Ob es überhaupt Menschen gibt, die dieses Leben begreifen?"

Was Die sinkende Sonne wesentlich ausmacht, ist das Japanische. Und das meint: Eine Haltung dem Leben bzw. seinem Schicksal gegenüber, das so recht eigentlich aristokratisch ist. "Vornehmheit und gespreiztes Getue haben wirklich nichts miteinander zu schaffen." Am Beispiel des Suppe-Löffelns beschreibt Osamu Dazai den vornehmen Stil. "Sitzt man aufrecht da und lässt die Suppe von der Löffelspitze in den Mund fliessen, schmeckt sie erstaunlicherweise viel besser, als wenn man sie, ängstlich über den Teller gebeugt, von dem seitlich herangefühten Löffel mit dem Lippen abnimmt."

Fazit: Eine gelungene Meditation über die Frage, ob man seiner Herkunft bzw. seinem Schicksal entgehen kann sowie ein Plädoyer für einen Aufbruch, der sich an revolutionären Werten orientiert.

Osamu Dazai
Die sinkende Sonne
Reclam, Ditzingen 2026

Mittwoch, 29. Juli 2026

Nicht jeder Erfolg adelt

Santa Cruz do Sul, 6 März 2025

In letzter Zeit habe ich immer mal wieder gestutzt, wenn ich in sogenannt renommierten Blättern las, dieser oder jener Rockmusiker, diese oder jene Popsängerin sei gestorben.

Für mich waren Rock- und Popmusiker einst der Inbegriff des Protestes gegen die etablierte Ordnung; heutzutage werden sie als Ehrengäste zum Staatsbankett geladen.

Mich stört das nicht, doch ich wundere mich, dass ich mich darüber wundere, denn nichts bedeutet in unseren eitlen Zeiten mehr als der Erfolg, auf welchem Gebiet auch immer.

Gemeint ist hier der gesellschaftliche Erfolg, den ich stets als leicht peinlich empfinde. Aufmerksamkeit, Gefeiert-Werden, Applaus – die meisten können doch gut ohne sein. Und die, denen das nicht gelingt, sollten an sich arbeiten, denn sich vom Urteil anderer („Followern“) abhängig zu machen, ist nicht gerade ein Zeichen der Stärke, auch wenn diese Abhängigkeit so recht eigentlich das kapitalistische System garantiert, das in der Gier des Menschen gründet und genau deshalb so erfolgreich ist.

Doch es gibt auch noch ein ganz andere Art des Erfolgs, die darin besteht, sich selber zu überwinden. Genauer: Seine Faulheit und seine Feigheit. Dieser Erfolg adelt.

Man müsse lernen, sich selber zu geben, was man sich von anderen erhoffe, habe ich von der Psychotherapeutin Margalis Fjelstad aus Colorado gelernt. Kein Rat, der besser geeignet wäre, einen ein Leben lang aktiv zu halten.

Sonntag, 26. Juli 2026

Trinkerbelle

Mir war Mimi Fiedler kein Begriff, als ich dieses Buch zur Hand nahm. Dass sie aus dem ehemaligen Jugoslawien stammt, und als Schauspielerin bekannt wurde, wusste ich nicht. Mein Interesse angestachelt hatte der Untertitel "Mein Leben im Rauch", wovon allerdings erst nach gut 100 Seiten die Rede ist, dann jedoch sehr ausführlich. 

Der erste Teil von Trinkerbelle handelt von der Familie der Autorin bzw. ihrem Aufwachsen. Dabei stach für mich eine Geschichte hervor, die so unwahrscheinlich ist, dass sie so recht eigentlich schon ganz für sich allein die Lektüre lohnt. Hier nur soviel: Ihr überaus pünktlicher Vater verpasst einen Flug, der in der Folge abstürzt ... Doch das ist nur gerade der Anfang ... Selber Lesen!

Mimi trinkt anders als Normalos, am liebsten allein, und immer zuviel. Normale Trinker haben irgendwann genug. Mimi nicht. Sie hört nicht auf. Sie trinkt weiter, auch wenn sie bereits mehr als genug hat. Objektiv gesehen genug hat. Sie sieht es subjektiv. Für sie bedeutet Alkohol: Es ist nie genug.

Sie versteckt ihr Trinken, dabei hilft, dass Alkohol in ihren Zwanzigern einfach dazu gehörte. Von anderen darauf angesprochen wird sie nicht. Kein Wunder, denn Nicht-Alkoholiker verstehen vom Saufen in der Regel nichts, und die, die saufen, sind mit dem eigenen Saufen beschäftigt. Wie Mimi ihren damaligen Lebensgefährten zu täuschen vermag (auch eine dieser Geschichten, die man sich wirklich nicht ausdenken kann), ist eine Meisterleistung und echt filmreif!

"Er weiss nicht mal dass ich trinke, niemand weiss das, jedenfalls nicht in aller Wucht und Dimension", schreibt sie über den Vater ihrer Tochter. Dass die anderen vom eigenen Trinken nichts mitkriegen, ist ein Aberglaube, dem so ziemlich alle Alkoholiker huldigen. Als sie zu einem Entzug in einer Klinik weilt, und der Arzt sie zu ihrem Trinkverhalten befragt, redet sie dieses schön. "Die Darstellung der ganzen Wahrheit übernimmt dafür meine Mutter. Zu meinem Erstaunen kennt sie selbst die kleinsten Details."

Zu den weiteren Charakteristika der Trinker gehört, dass sie sich nicht helfen lassen wollen/können. Als Mimi bei einem Essen mit einem Mann, mit dem sie sich nüchtern bestens versteht, sich total zuschüttet und entsprechend benimmt, stellt dieser sie zur Rede und bietet an, zu helfen. Sie flüchtet. Natürlich ist das nicht zu verstehen, auch für sie nicht. Dazu kommt: Verstehen hilft wenig (an Einsichten fehlt es ihr nicht), allein entscheidend ist, zu handeln. 

Die Auswegslosigkeit, die sie empfindet, ist überaus eindrücklich geschildert. Während des Klinikaufenthalts besucht sie im Keller der Klinik auch Treffen der Anonymen Alkoholiker, wo sie unter anderem lernt, dass sie "nicht die einzige Lügnerin, nicht die einzige Betrügerin, nicht die einzige Versagerin, nicht die Einzige (ist), die es nicht schafft, nur bei einem Glas zu bleiben. Und vor allem bin ich nicht die Einzige, die eine ganze Armada von Verletzungen und Traumata im Gepäck hat. Ich bin eine von vielen, Ich bin nicht allein."

Sollte das zum Schluss führen, es brauche einen Grund, um zu trinken ... Nein, braucht es nicht. Wir wissen schlicht nicht, weshalb einige Alkoholiker werden und andere nicht. Die Gründe, die einen zum Saufen bewegen, können ebensogut die Gründe sein, um mit dem Saufen aufzuhören.

Die Ärztin auf der Notfallstation sieht das anders, auch Mimi sieht das anders. Sie wurde als Kind missbraucht und will jetzt ihren Peiniger konfrontieren, wird aber von dessen Frau abgewimmelt. Was sie sich von einer solchen Konfrontation versprochen hat, entzieht sich mir. Die einzige Konfrontation, die sie meines Erachtens braucht, ist die mit ihrer Sucht.

Alkoholismus ist eine Sucht, in die sich die flüchten, die nicht fühlen wollen, was sie fühlen. Alkohol ist Medizin, allerdings die falsche. "Dann ist die falsche Medizin wie ein böser Zaubertrank, oder?", fragt die Tochter. "Es ist der Klassiker (....)", so der Arzt in der Klinik. "Nichts Ungewöhnliches. Ein gescheiterter Selbsttherapieversuch mit Alkohol."

Lässt man das einmal wirklich einsinken (Selbsttherapie), versteht man auch, dass der Alkoholiker (Frau oder Mann), dem Gefühl, etwas stimme nicht (mit ihm, mit der Welt), etwas glaubt, entgegensetzen zu müssen. Und mit Alkohol (aber auch mit anderen Drogen) kann das für eine gewisse Zeit durchaus gelingen. Bis man schliesslich eine unsichtbare Linie überschreitet, und der Alkohol zum (oft tödlichen) Feind wird, gegen den man chancenlos ist.

Der Klinikaufenthalt und die Treffen der AA machen ihr klar, "wie sehr ich mich nach Klarheit sehne." Nur will die Krankenkasse nicht weiter zahlen, da sie keine Medikamente (Xanax oder Valium) nehmen will (aus der bestens nachvollziehbaren Angst, süchtig danach zu werden), also so krank gar nicht sein kann. Eine verquere Logik, von angeblich Gesunden ersonnen. Sie verlässt die Klinik, zwei Tage später trinkt sie bereits wieder. Sie will zwar nach wie vor aufhören, weiss aber einfach nicht wie.

Eine AA-Freundin, über zwanzig Jahre trocken, hatte einen Rückfall und stirbt. Erschüttert beschliesst Mimi, die Abstinenz jetzt wirklich ernst zu nehmen – und scheitert. Ihr Niedergang gestaltet sich dramatisch (und müsste wirklich jeder und jedem klar machen, dass sie schwerstens alkoholkrank ist). Sie lernt Otto kennen, gesteht ihm (nein, nicht sofort), Alkoholikerin zu sein. Kurz darauf haben sie geheiratet.

Fazit: Man leidet mir ihr, verzweifelt an ihr, und freut sich mit ihr, dass sie nicht aufgegeben und es doch noch geschafft hat, auf das zu hören, was sie sich zu sagen hatte.

Mimi Fiedler
Trinkerbelle
Mein Leben im Rausch
Knaur, München 2026

Mittwoch, 22. Juli 2026

Probleme als Geschäftsmodell

 Der folgende Text erschien in Die Welt (am 18. Oktober 2024) und bezieht sich auf die Talkshow von Maybrit Illner, die ich mir schon lange nicht mehr antue (zu selbstgefällig): „Wir haben derzeit zwei der größten Flüchtlingskrisen der letzten Jahrzehnte weltweit an den Toren der Europäischen Union“, führte Gerald Knaus aus, dessen trockene Zahlen wenig Raum für die von Dunz geforderte Humanität ließen. In der Ukraine herrsche die größte Fluchtbewegung seit dem Zweiten Weltkrieg. Drei Millionen syrische Geflüchtete befänden sich in der Türkei, eine weitere im Libanon. Viele Libanesen wiederum flüchten in den türkisch kontrollierten Norden Syriens. Der Krieg in Gaza setze sich fort, ein weiterer könnte zwischen Israel und dem Iran ausbrechen. „Wir stehen vor einer katastrophalen Entwicklung, auf die wir keine Antworten haben“, warnte der Sozialwissenschaftler eindringlich.

Was nützen mir eigentlich solche Informationen? Wobei: Keine Angabe, woher diese Zahlen stammen. Ob es zu einem Krieg zwischen Israel und Iran kommen wird, weiss bis heute niemand, auch nicht die, die sich bestens informiert wähnen, da sich die Zukunft noch immer nicht voraussagen lässt. Zudem: Dass wir auf katastrophale Entwicklungen (wenn es denn dazu kommen sollte) keine Antworten haben, ist keine Warnung, sondern die Feststellung einer Tatsache, schliesslich liegt es in der Natur der Sache, dass der Mensch auf katastrophale Entwicklungen keine Antworten hat. Woher auch?

Dem Menschen ist es schlicht nicht gegeben, sich über seine Nasenspitze hinaus gross Gedanken zu machen. Sicher, zu Gedankenspielen reicht's, doch zum Handeln leider nicht (und nur im Handeln zeigt sich, wie jemand wirklich denkt).

Solche Talkshows sind für die Katz bzw. dienen der Ablenkung, denn niemand ist an einem Austausch der Ideen interessiert, nur an der Zurschaustellung seiner/ihrer Person. Ausser selbstgefälliger Wichtigtuerei ist da nichts, und auch wenn hin und wieder ein gescheiter Satz fällt (und das geschieht natürlich, denn einige der Teilnehmenden sind gescheit), Meinungen ändern sich deswegen nicht.

Menschen verfügen über Überzeugungen, woher die kommen ist zwar nicht wirklich klar, doch erklärt werden sie sich mit Mama und Papa. Von diesen Überzeugungen, deren sie sich meist gar nicht bewusst sind, lassen sich die Menschen steuern. Es kommt vor, dass sie die eine oder andere über Bord werfen, nicht freiwillig natürlich, denn wer verliert schon gerne seinen Halt.

Worte decken eher zu als dass sie erhellen; das Bereden von Problemen dient in erster Linie dazu, sie zu begraben. Das tut man, indem man sie grösser macht bzw. differenziert. Geht man zu einem Anwalt oder einer Psychologin, lautet die Frage: Was ist das Problem? Die Antwort: Es ist komplex. Anschliessend gehen sie mit einigen Problemen mehr von dannen, von denen sie gar nicht gewusst hatten, dass es sie geben könnte. Zu verdanken ist das den Juristen und Psychologinnen, die das Kreieren von Problemen als Geschäftsmodell betreiben.

 "Ich glaube, es ist an der Zeit, dass Sie etwas über Tagoona, den Eskimo, erfahren. Im vergangenen Jahr sagte einer von unseren weissen Leuten zu ihm: Wir freuen uns sehr darüber, dass Sie als erster Ihres Volkes zum Priester geweiht worden sind. Jetzt können Sie uns dabei helfen, die Probleme der Eskimos zu lösen. Tagoona fragte: Was ist ein Problem? Und der Weisse sagte: Tagoona, wenn ich Sie an den Füssen aus einem Fenster im dritten Stock hinaushielte, so wäre das für Sie ein Problem. Tagoona dachte lange und eingehend darüber nach. Dann sagte er: Das glaube ich nicht. Wenn Sie mich verschonen, so wäre alles gut. Wenn Sie mich fallen liessen, wäre sowieso alles egal. Dann hätten Sie das Problem." Margaret Craven: Ich hörte die Eule, sie rief meinen Namen.
Santa Cruz do Sul, 5. Januar 2024

Sonntag, 19. Juli 2026

Der kleine Herr Jakob

Bei diesem Band handle es sich um "die besten Bildergeschichten eines grossen kleinen Alltagsphilosophen", lässt mich der Verlag wissen. Das erweckt meine Neugier, da die Alltagsphilosophie so recht eigentlich die einzig brauchbare Philosophie darstellt (jedenfalls für mich). Dazu kommt, dass der Autor Hans Jürgen Press ganz offensichtlich über einen mir sympathischen Humor verfügt.

Herr Jakob ist klein, trägt Melone und Ringelpulli, eine nicht gerade alltägliche Kombination. Darüber hinaus ist ihm eine Knollennase eigen, was mich unvermittelt an Ursula von Kardorff denken lässt, die vor vielen Jahren für die Süddeutsche schrieb und deren ausgewählten Texten ich einst zu einem Buch verhalf. Als es um die Umschlaggestaltung ging, sagte sie, es gebe da eine Zeichnung von Loriot, wo er sie allerdings mit Knollennase verewigt habe. Andererseits, lachte sie, eine solche habe sie ja auch. Die Zeichnung ziert jetzt den Umschlag von "Schön wie eine Seifenblase".

Das Nachwort zu Der kleine Herr Jakob wirft unter anderem die Frage auf, ob dieser kleine Mann wirklich ein Mann und nicht eher ein Kind sei. Nun ja, einen gesetzten Mann (und das ist Herr Jakob definitiv nicht) verbindet man eher mit Ernst, denn mit Freude, doch diese ist dem kleinen Mann, mit seinen Rundungen, nicht nur eigen, sondern macht ihn geradezu aus.

Herr Jakob schreitet frohgemut und unvoreingenommen durch die Welt, ist den Menschen zugewandt und ausgesprochen praktisch veranlangt. Man schaue sich etwa an, wie er im Warteraum einer Arztpraxis die Herausforderung meistert, dass es für drei Patienten nur zwei Stühle gibt. Oder wie er eine Leiter zur Wippe umbaut, damit auch der Nachbar auf der anderen Seite des Zauns zu seinen Äpfeln kommt.

Der kleine Herr Jakob ist ein Büchlein voller Überraschungen, die naturgemäss dann eintreten, wenn wir nicht mit ihnen rechnen. Und anders als wir es uns vorstellen. Mein Tipp: Lesen Sie zum Einstieg "Eine wahre Geschichte" auf den Seiten 68 und 69.

Fazit: Bildergeschichten, die zum Schmunzeln einladen und der Seele gut tun.

Hans Jürgen Press
Der kleine Herr Jakob
Reclam, Ditzingen 2026

Mittwoch, 15. Juli 2026

Die Kunst der Hingabe

Seiltanz rechnet man gemeinhin nicht zur Kunst. Die gehört in den Zirkus, ist also Show, und damit der ernsthaften Kunst nicht würdig. Zugegeben, mich beschäftigt das wenig, doch Paul Auster greift in seinem Vorwort solche Fragen auf, allerdings nur, um zu befinden: "... der Reiz der Aktion besteht letzten Endes in ihrer völligen Sinnlosigkeit." Davon angetan, ja fasziniert zu sein, erscheint mir so recht eigentlich als das höchste der Gefühle überhaupt, nicht zuletzt, da es die quälende Sinnsuche durch Ästhetik ersetzt. Diese Ästhetik wiederum braucht die erlebte Gefahr, damit sie uns erreichen kann. Anders gesagt: Philippe Petit demonstriert und macht nachvollziehbar, dass das Leben zugleich ein ästhetischer Genuss und eine Gratwanderung ist.

So hat Paul Auster die Essenz des Tuns von Philippe Petit beschrieben: "Mir scheint, dass jeder, der jemals versucht hat, etwas gut zu machen, jeder, der jemals für die Kust oder für eine Idee persönliche Opfer gebracht hat, mühelos verstehen wird, worum es hier geht."

Dass sich ein Hochseilartist intensiv mit der Beschaffenheit des Drahtseils auseinandersetzt, ist zwar naheliegend, wäre mir selber allerdings nie in den Sinn gekommen. Und so lernt man in diesem dünnen Band auch etwas über das Seil. Und über Gangarten. "Der Rückwärtsgang ist keine übliche Gangart. Es sei denn, sie ist für euch besonders angenehm." Woraus auch zu schliessen wäre, dass das Zurückschauen bzw. das Sich-Beschäftigen-mit-der-Vergangenheit dem Leben so recht eigentlich entgegen steht.

Bei der Meditation geht es darum, die wildgewordenen Affen in unserem Hirn zu beruhigen. Die Erforschung des Stillstands, nennt Philippe Petiti das. Dabei folgt man dem Atem, "bis er am Ende des Seils auf dieselbe Weise entweicht, wie er gekommen ist." Ein zerbrechliches Gleichgewicht stellt sich ein. "Solange kein Gedanke dieses Wunder trübt, wird es immer fortbestehen."

Er berichtet vom Üben, von den Proben, dem Auftritt, dem Wind. "Nichts und niemand ist stärker als der Wind. Auch kein mutiger Vogel."

Auf dem Hochseil ist ein Werk über eine Lebenshaltung, die sich an der selbst gestellten Aufgabe, der Überquerung auf dem Seil, orientiert. Philippe Petit tut, was er tut, und nichts als das, ohne Wenn und Aber.  "Jedem Gedanken auf dem Seil folgt ein Sturz."

Ich fühlte mich an den Zen-Buddhismus erinnert. Als ein Zen-Meister gefragt wurde, was er tue, um zur Erleuchtung zu gelangen, erwiderte er: Wenn ich esse, dann esse ich; wenn ich schlafe, dann schlafe ich; wenn ich gehe, dann gehe ich. Das tut doch jeder, meinte daraufhin der Fragesteller. Nein, antwortete der Zen-Meister. Die meisten denken bereits ans nächste Essen, wenn sie essen; träumen, wenn sie schlafen; unterhalten sich mit einem Freund, während des Gehens.

Erforderlich für ein gelingendes Überquren ist Perfektion. Dazu gehört, der auf den Horizont gerichtete Blick. Und ebenso, dass der Hochseilartist sich wohl fühlt, wo er ist.

"Nach langen Stunden des Trainings kommt der Augenblick, in dem es keine Schwierigkeiten mehr gibt."

Und was ist mit der Angst, verspürt der Mann denn keine Angst? Er sei ohne jede Angst, behauptet er. Das mag zwar schwer vorstellbar sein, doch dass jemand voller Angst sich zu einer Seilüberquerung anschickt, scheint irgendwie noch schwerer vorstellbar.

Fazit: Aussergewöhnlich und inspirierend.

Philippe Petit
Auf dem Hochseil
Die Kunst der Hingabe
Unionsverlag, Zürich 2026

Sonntag, 12. Juli 2026

Mein Gehirn, das Denken & Ich

Seit ich mich vor nunmehr 25 Jahren einer Hirnoperation (der rechte Facialis-Nerv war beschädigt) unterzogen habe, hat mein Interesse an Hirnforschung nicht mehr nachgelassen. Als sich etwa drei Monate nach dem Eingriff zeigte, dass dieser offenbar doch nicht so optimal gewesen war, wie der operierende Professor zunächst angenommen hatte, erklärte mir dieser, er selber habe das zwar noch nie erlebt, doch wisse er aus der Literatur, dass sich der behandelte Nerv manchmal nach vier Jahren erholt habe. Und genau das trat auch bei mir ein, allerdings nach sechs Jahren.

Was hier geschehen ist, nennt sich Neuroplastizität und meint die Fähigkeit der Gehirns, sich selber zu reparieren. Das bedeutet jedoch nicht, so der Neuropsychologe Jens Foell, dass unser Denkorgan jede Verletzung so ausgleichen kann, dass der ursprüngliche Zustand einfach wieder hergestellt wird, doch sind die Selbstheilungskräfte erstaunlich.

Wie wir unser komplexestes Organ besser verstehen und benutzen, verspricht dieses Werk. Und das ist nicht zuviel versprochen, auch weil der Autor seinen Erläuterungen jeweils ein Kapitel, das mit "Was bedeutet das für Sie?" überschrieben ist, folgen lässt, worin er nüchtern und sachlich ausführt, dass wir uns von Tatsachen und nicht von unseren Wunschvorstellungen leiten lassen sollten. Und so bedindet er: "Es lässt sich wissenschaftlich nicht nachweisen, dass Sport beim Denken hilft." Was jedoch nicht heisst, dass Sie keinen Sport treiben sollten!

Das Hirn weiss sich zu schützen, so lerne ich. Es tut dies unter anderem mittels einer Blut-Hirn-Schranke, die aus Zellen besteht, "die in den Gefässen sitzen, die vom Blutkreislauf zum Gehirn führen." Bedeutsam ist dies etwa für die Entwicklung medikamentöser Therapien, da nur kleine, fettlösliche Stoffe durchgelassen werden. "Aber wissen Sie, was ein kleines, fettlösliches Molekül ist? Alkohol zum Beispiel. Ebenso Nikotin und Heroin." Sofern Sie die Plastizität Ihres Gehirns nicht beeinträchtigen wollen, sollten Sie sich von diesen Stoffen fernhalten.

Wie ruht sich das Hirn eigentlich aus? Grundsätzlich: Regelmässigkeit tut gut. Zwischen sieben und neun Stunden Schlaf, lautet die Empfehlung der Wissenschaft. Nein, auch der Wissenschaftler Jens Foell hält sich nicht daran, zitiert jedoch einen absurd-witzigen Kommentar von Arnold Schwarzenegger, der berühmt geworden ist, weil er Gewichte vom Boden hochhob, sie dann wieder hinlegte, und sich anschliessend im Spiegel bewunderte.

Mein Gehirn, das Denken & Ich ist ein enorm vielseitiges Buch, das sich unter anderem (kritisch natürlich! Nichts, das Wissenschaftler mehr motivieren könnte, als sogenannte Ikonen zu stürzen) mit Daniel Kahnemans Klassiker 'Schnelles Denken, langsames Denken' auseinandersetzt. Das schnelle Denken (System 1) erfolgt automatisch, das langsame (System 2) verlangt eine mentale Anstrengung und geht häufig mit (möglicherweise eingebildeter) Handlungsmacht einher. "Der Vorwurf lautet, dass sich die klare Trennung von System 1 und System 2, die Kahneman als zwei Charaktere in einem Drama beschrieben hat, nicht mit experimentell erhobenen Daten vereinbaren lässt." 

Aufschlussreich lesen sich auch die Ausführungen zu 'Besser denken in der Medizin', wo etwa auf den Verfrühten diagnostischen Schluss und den Affektiven Bias hingewiesen wird. Auch die Wichtigkeit medizinischer Checklisten wird erwähnt, die, so Jens Foell, durch die Frage 'Fühle ich mich gerade müde?' ergänzt werden müsste. Übrigens: Piloten halten sich weit strikter an Checklisten als etwa Chefärzte (kein Wunder, Piloten sind bei einem Versagen weit gravierender betroffen).

Auch auf Chatbots geht Jens Foell ein – für mich einer der interessantesten Aspekte dieses gut geschriebenen Werkes. "Je mehr KI-generierte Inhalte es gibt, desto mehr lernt die KI von ihren eigenen, selbst erzeugten Daten. Dadurch potenzieren sich alle Fehler, die sie produziert, und die Wahrscheinlichkeiten, mit denen sie arbeitet, entfernen sich von denen in der Realität." Am Rande: Wer schon als Kind sich auf KI verlässt, kommt gar nie in Kontakt mit eigenständigem Denken

Auch mit der Frage, ob es einen freien Willen gibt, setzt sich der Autor auseinander. "Man stelle sich vor, was los wäre, wenn wir alle dem Determinismus anhingen und fänden, niemand sei für seine Taten wirklich verantwortlich. In dieser schrecklichen Welt müsste man einem jede Gewalttat gnädig nachsehen. Andererseits mag denkbar sein, dass ohne den Glauben an einen freien Willen mehr Gerechtigkeit herrscht. Schliesslich sollte es weniger drakonische Strafen geben. Rein konzeptuell könnte man sich beides vorstellen."

"Man is made by his belief. As he believes, so he is.", heisst es in der Bhagavad Gita. In diesem Sinne gibt es die Willensfreiheit. Weil wir sie wollen, wir ohne sie nicht sein können. Das kann übrigens erfreuliche Konsequenzen haben, wie Jens Foell am Beispiel des Eingreifens zeigt. Statt einer Person in Not beizustehen, bevorzugt das Hirn zwar die sogenannte Bystander-Apathie, insbesondere wenn andere Personen zugegen sind, doch lässt sich diese überwinden, so man denn will.

Fazit: Anregend, vielfältig und erhellend.

Jens Foell
Mein Gehirn, das Denken & Ich
Wie wir unser komplexestes Organ besser verstehen und benutzen
Droemer, München 2026

Mittwoch, 8. Juli 2026

Zeit und Mensch

Als Vielleser und an Alltagsphilosophie (damit meine ich: Philosophie, die meinen Alltag bereichert bzw. erträglicher macht) interessierter Zeitgenosse, stösst man selten auf Werke, für die man sofort warm wird. Zu diesen gehört für mich Mensch und Zeit. Das liegt nicht nur an des Autors unprätentiöser Sprache, es liegt auch daran, dass die hier präsentierten Gedanken von praktischer Relevanz sind, was bei akademisch geschulten Leuten doch eher selten ist.

Mein Ausgangspunkt: Für mich ist Zeit eine Illusion, eine manchmal nützliche und dann wieder eine, die uns terrorisiert. Sie dient wesentlich der Orientierung, ohne sie scheinen wir nicht auszukommen. Dazu kommt: Wir scheinen ein Zeitgefühl in uns zu haben, die einzelnen Mitglieder eines Orchesters könnten sonst nicht zusammen musizieren.

Gibt es nur eine Zeit oder viele Zeiten?, fragt Autor Udo Marquardt, und führt dann ein Experiment an, das zeigt, dass wir uns nicht auf unser Zeitgefühl verlassen können, doch dass unser Körper zuverlässig wie eine Uhr tickt. Was mir wieder einmal in Erinnerung ruft, was alle Piloten wissen: Sich nicht auf sein Gefühl, sondern auf die Instrumente verlassen (in der Hoffnung natürlich, dass diese auch verlässlich funktionieren).

Udo Marquardt, der über die aristotelische Zeittheorie promovierte (weshalb diese denn auch prominent vorkommt), schreibt seit fast 30 Jahren für den Hörfunk über Philosophie, was Verständlichkeit erfordert und diesem Buch zugute kommt. Ich werde hier nicht Struktur und Inhalt wiedergeben, sondern auf Aspekte hinweisen, die mich Neues gelehrt haben bzw. über die ich noch gar nie nachgedacht habe.

Die Vorsokratiker (am Rande: Herausgeber Wather Kranz wurde 1884 geboren, nicht 1848) haben den Kosmos als im ständigen Werden begriffen. Dahinter liege eine Welt der Dauer, und nur diese sei wirklich, argumentierten sie. "Hinter der Bewegung liegt das Bewegungslose, hinter der Veränderung das Bleibende, hinter der Zeit die Ewigkeit." Und von Platon erfahre, dass seine Ideenlehre im Kern eine Erkenntnistheorie sei, "die erklären soll, wie wir in der Lage sind, etwas über die Welt zu erfahren. Wie gelingt es uns, Hunde als Hunde zu identifizieren, obwohl sie doch teilweise sehr unterschiedlich aussehen? Und wie unterscheiden wir sie von Katzen? Eben dadurch, dass wir mit unserem Geist in der Lage sind, die Idee hinter dem einzelnen Kläffer zu entdecken. Die Theorie erklärt auch, wie das Neue in die Welt kommt. Wir stossen sozusagen auf eine Idee, die bis dahin unentdeckt war." Solcher  Einsichten wegen lese ich Bücher.

Im Gegensatz zur Ideenlehre Platons, verortete Aristoteles das Denken in der Erfahrung. Er argumentierte, "das Jetzt sei kein Teil der Zeit, weil man mit Teilen das Ganze messen könne (....) Jetzt+Jetzt+Jetzt ergibt weder Vergangenheit noch Zukunft." Es wird dann noch weit komplizierter. Jedenfalls: Die praktische Relevanz hat sich mir entzogen. Zudem: "Unsere Sprache ist darauf angewiesen, die Dinge, die wir sagen wollen, zeitlich zu ordnen und zu strukturieren. Mehr noch: Das Sprechen selbst braucht Zeit. Sprache ist deshalb nur ein unzureichendes Werkzeug, um die Ewigkeit zu beschreiben." Ich staune wieder einmal, wie wenig uns unsere Einsichten beeinflussen, denn nichtsdestotrotz versuchen wir mit der Sprache zu fassen, was mit der Sprache gar nicht erfasst werden kann.

Da ich nicht den Anspruch erhebe, die Absichten des Autors zu ergründen, konzentriere ich mich darauf, wie Zeit und Mensch auf mich wirkt bzw. was es bei mir auslöst. Ich lese es als eine Geschichte der Ideen, auch natürlich, weil ich mir unter einer Kulturgeschichte nichts Rechtes vorstellen kann, Diese Ideen sind eingebettet in viel Biografisches, was dieses Werk wunderbar lesbar macht, wobei ich mich allerdings immer mal wieder gefragt habe, woher man wirklich wissen kann, was vor ganz, ganz vielen Jahren geschehen sein soll. Nicht, dass ich daran Anstoss nehmen würde, doch allzu ernst kann ich es eben auch wieder nicht nehmen. Das ist auch gar nicht nötig, denn ich erlebe Zeit und Mensch höchst stimulierend.

 "Die kopernikanische Wende .... war die Abkehr vom Augenschein hin zu von der Vernunft geleiteten Erkenntnisprinzipien." Eine Einsichts, die unser Selbstverständnis so recht eigentlich erschüttern müsste, sagt sie uns doch, dass die Welt bzw. das Universum weit mehr und anders ist, als uns unser Sehen und Fühlen vermitteln kann. Beobachten lassen sich jedoch sowohl die Gedanken als auch die Anschauung.

Viele der in diesem Werk aufgeführten Denker sind mir meist nur dem Namen nach geläufig (etwa Zenon oder Plotin), von einigen weiss ich ein wenig (Kant und Einstein), von anderen habe ich noch gar nie gehört, wie John McTaggart Ellis McTaggart (John McTaggart ist der Vorname!), der eine sprachliche Unterscheidung machte, die von der Position des Sprechers in der Zeit handelt. Dieser Auffassung stehen die Vertreter des Eternalismus entgegen, für die eine Aussage für alle Ewigkeit entweder wahr oder falsch ist. Womit wir bei einer grundsätzlichen Frage angelangt sind: Ist alles bereits vorbestimmt? In diesem Falle wäre der freie Wille eine Illusion, was natürlich die meisten nicht wahrhaben wollen, auch weil das etwas zu arg an unserem Selbstbild rüttelt.

Udo Marquardt lässt sicht jedoch nicht von abstrakten Gedanken gefangen nehmen, sondern kommt zu einem praktisch-pragmatischern Schluss. "Zeit, das ist meine These, ist Leben, und zwar das Leben jedes einzelnen Menschen. Ich habe meine Zeit. Und Sie, liebe Leserin, lieber Leser, haben ihre Zeit. Es gibt so viele Zeiten, wie es Menschen gibt (...) Solange wir Zeit haben, leben wir. So lange wir leben, haben wir Zeit."

Fazit: Vielfältig anregend, erfreulich persönlich und von praktischer Relevanz.

Udo Marquardt
Zeit und Mensch
Facetten einer Kulturgeschichte
Schwabe Verlag, Basel 2024

Sonntag, 5. Juli 2026

Die Intelligenz des Universums

Die materialistische Weltsicht, gemäss der wir in einem Maschinenuniversum leben, kann vieles nicht erklären. Etwa, dass es auf der Erde intelligentes Leben gibt. Ja, dass es überhaupt Leben gibt. Dazu kommt, dass unser Universum "für die Existenz von Leben geradezu optimiert" worden zu sein scheint.
Die Physik, so der emeritierte Professor Gerd Ganteför, könne viele der Warum-Fragen, mit denen sie sich beschäftige, nicht lösen. Dazu gehört auch die Frage, warum es zum Urknall kam. Allerdings setzt das voraus, dass es diesen auch wirklich gab, es also das Universum nicht schon immer gegeben hat, wie etwa Lukrez meinte.

Dass die Zeit nur durch unsere Wahrnehmung entsteht (mithin Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft Illusionen sind), wie einige glauben, mag Professor Ganteför nicht finden, denn dann gäbe es auch keine Willensfreiheit mehr, da die Zukunft ja bereits festliegt. Nun ja, ob es diese wirklich gibt, ist in der Tat fraglich, doch auch wenn es sie nicht geben sollte, brauchen wir sie, denn ohne Fiktionen können wir offenbar nicht leben.

Die Intelligenz des Universums ist ein vielfältig anregendes Werk, das das gängige Denken, das glaubt, alles verstehen zu können, als das erkennt, was es ist: ein ungemein limitiertes Denken. "In diesem Buch geht es also um die Existenz einer höheren geistigen Ebene, die wir bisher noch nicht wahrgenommen haben oder – im Sinne des Zeitgeistes – nicht wahrnehmen wollen."

Gerd Ganteför hat Hinweise und Indizien ausgemacht, "die uns auf die Spur des 'rätselhaft Immateriellen' bringen." Dabei hält er unter anderem fest: "Leben basiert auf Information und Information kann es nur in der belebten Natur geben. So jedenfalls die Lehrmeinung des Materialismus. Insofern sind belebte und unbelebte Natur in diesem Weltbild streng voneinander getrennt."

Automatisch stellen sich in meinem Kopf Bilder ein, die ich den Worten des Geologen William E. Glassley ("Eine wildere Zeit", München 2018) verdanke. Als er im Grönland-Eis „einmal mit einem Stahlhammer kräftig auf ein besonders hartes Gestein einschlägt, riecht er plötzlich etwas. 'wie nach versengtem Haar, heiss gewordenem Metall oder Wüstenstaub' – seine Hammerschläge hatten die chemischen Verbindungen im Gestein aufgebrochen. 'Das Gestein, zerbrochen durch einen von Neugier motivierten Gewaltakt, entliess Kohlenstoff-, Calcium- und Magnesiumatome in die Welt.'“ Die unbelebte Natur, so scheint mir, ist keineswegs so unbelebt wie wir uns das zurechtgelegt haben.

Wissen und Erleben sind verschiedene Dinge. Auch erfahren wir vieles in unserem Leben, für das wir keine Erklärung haben. Was Gerd Ganteför in diesem höchst aufschlussreichen Buch darlegt, ist unter anderem eine Erweiterung unseres Horizontes mittels Information, einem Begriff, den er nicht klassisch versteht, also als Wissensvermittlung von einem Sender zu einem Empfänger. Stattdessen: "Information ist ähnlich wie Energie und Entropie eine immaterielle Grösse, die aber ohne Träger nicht existiert."
Doch was genau ist eigentlich Information? Es sei naheliegend, lese ich, "dass alles, was existiert, Information enthält und sich in dieser Form darstellen lässt." Zugegeben, das klingt einigermassen abstrakt, doch die zahlreichen Beispiele, die in diesem Werk angeführt werden, sind einleuchtend und bestens nachvollziehbar.

Einer der Schlüsse, die Gerd Ganteför aus seinen Überlegungen zieht, ist, dass die Trennlinie zwischen belebter und unbelebter Natur verschwimmt. Es ist dies eine Erkenntnis, die ich gelegentlich zu erfahren imstande bin. Und es ist eine, die unser herkömmliches Denken als das entlarvt, was es letztlich ist: Eine Gewohnheit zu denken, die notwendigerweise mehr über uns als über die Realität aussagt.

Fazit: Eine nützliche und überaus willkommene Horizonterweiterung.

Gerd Ganteför
Die Intelligenz des Universums
Die immaterielle Komponente der Wirklichkeit
Westend, Neu-Isenburg 2026

Mittwoch, 1. Juli 2026

Freddie Berchtolds Alterseinsichten

Freddie Berchtolds Vater war Arzt gewesen, kompetent und warmherzig. Freddies Freunde fanden ihn cool. Als er seine Mutter einmal fragte, was sie bewogen habe, ihn zu heiraten, meinte sie, er sei kein Angeber gewesen, das habe ihr gefallen.

Waren die Patienten des Vaters Hundebesitzer, forderte er sie auf, den Vierbeiner beim nächsten Mal mitzubringen, sie müssten dann nicht im Wartezimmer Platz nehmen, sondern würden von seiner Frau, in der über der Praxis gelegenen Wohnung, bei einem Tee unterhalten werden. Freddies Mutter, die die Vorliebe des Vaters für Hunde nicht teilte (sie verdränge das nur, meinte er), fügte sich schulterzuckend.

Santa Cruz do Sul, 19 Januar 2021

Jetzt, im Alter, dachte er immer öfter an seine Eltern. Sein Vater hatte ihm einst schmunzelnd erzählt, er stelle sich seinen Lebensabend in seiner Privatbibliothek vor, wo ihm ein Butler Cognac kredenzen würde. Gelassen und kultiviert, so stellte sich auch Freddie sein Alter vor.

Freddies Vater starb, bevor seine Altersfantasie Wirklichkeit werden konnte, mit noch nicht einmal 53 Jahren. Er selber war mittlerweile zwanzig Jahre älter als sein Vater geworden war, doch auch seine Vorstellung vom Alter, die der seines Vaters entsprach, hatte sich nicht eingestellt. Statt gelassen war er ungeduldiger geworden, und kultiviert zu sein, war ihm kein Ziel mehr.

Auch wurde er zunehmend ungehalten. Mit der Welt sowieso (dass es derart viele Idioten gab, haute ihn regelrecht um), doch auch mit sich selber, Dass der Selbstbetrug zu den dominierendsten Talenten des Menschen gehörte, war ihm schon lange klar. Sich selber hatte er dabei allerdings weitgehendst ausgenommen. Mittlerweile konnte er sich der Erkenntnis jedoch nicht mehr verschliessen, dass er selber auch ein ziemlicher Trottel war, hauptsächlich deswegen, weil er sich so lange davon ausgenommen gewähnt hatte.

Sonntag, 28. Juni 2026

Vermeintlich gleicher als andere

Aus George Orwells Roman "Farm der Tiere" stammt der Satz „Alle Tiere sind gleich, aber manche Tiere sind gleicher als andere.“

Die Briten, deren Demokratie problemlos Lords, Dames, Sirs sowie King und Queen integriert, tut sich ganz besonders hervor, wenn es darum geht, zu zeigen, wer man wirklich ist: Eine Klassengesellschaft sondergleichen, von den Massen bejubelt, notabene.

So titelte etwa der "Daily Telegraph" in seiner Online-Ausgabe vom 13. Juni 2026:
Dame Helen Mirren and Sir Don McCullin made Companions of Honour
Prime Suspect actress and war photographer join elite group of 65 members
that includes David Attenborough and Shirley Bassey.

Wenig verwunderlich ist, dass die durchs Band eitlen Geehrten sich freuen. Mehr als verwunderlich ist, dass wohl die Mehrheit applaudiert.

***

Nichts, absolut gar nichts finde ich widerlicher als Heldenverehrung.
Nichts, absolut gar nichts achte ich mehr als Menschen, die Außergewöhnliches geleistet haben und sich bewusst sind, dass dabei wohl mehr glückliche Umstände im Spiel waren als die eigene Leistung. 

***

Sich auf einzelne Personen einzuschiessen, sie hochzujubeln und dann wieder
runterzuholen, ist auch das Kerngeschäft der Medien, die (wie wir alle) von der Komplexität der Welt völlig überfordert sind.

Doch die Welt können wir nur verstehen, wenn wir die Massen und ihr Verhalten verstehen. Diejenigen, denen sie zujubeln, sind wie sie: sie jubeln sich selbst zu.

Mittwoch, 24. Juni 2026

Familienalbum

Mein erstes Buch von Penelope Lively war „Moon Tiger“, für das sie 1987 den Booker-Preis erhielt und in dem so treffende Sätze zu finden sind wie: „In life as in history the unexpected lies waiting, grinning from around corners. Only with hindsight are we wise about cause and effect.“

Ihr neuestes Buch, „Familienalbum“, beginnt so:
 „Gina bog von der Strasse ab, in die Auffahrt von Allersmead. Da war ihr, als liefe im Zeitraffer ihr ganzes Leben noch einmal vor ihren Augen ab. Wie es von Ertrinkenden heisst. Das gab ihr zu denken, aber auch, dass noch niemand einen Ertrinkenden dazu hat befragen könne.“

Wer so ein Buch beginnt, hat meine ganze Sympathie. Denn was wissen wir schon, was können wir überhaupt wissen? Hätten unsere Leben, wenn nur ein kleines Detail anders gewesen wäre, nicht auch ganz anders verlaufen können?“

Alison hat sich immer eine grosse Familie gewünscht, und ein grosses Haus. Beides hat sie bekommen. Zusammen mit dem skandinavischen Au-Pair Ingrid zieht sie eine Kinderschar gross, während ihr Mann, Charles, populäre Bücher schreibt.

Der Besuch von Corinna, Charles' Schwester, und ihrem Mann Martin, der an der Uni einen Lehrstuhl innehat, liest sich so: „Martin hat Charles gefragt, woran er gerade arbeitet, und damit ausgedehnte Erläuterungen über irgendein Buch zum Thema Aufklärung provoziert. Nach Martins Meinung ist Charles ein Mann für die breite Masse, der Reisser schreibt, Stoff für die Sonntagsbeilage. Martin selbst produziert Werke, die bei ungefähr einem Dutzend Menschen intensive Diskussionen auslösen und ausschliesslich von akademischen Bibliotheken erworben werden. Charles' Projekte wecken bei ihm, warum auch immer, sowohl Neugier als auch Erbitterung; wie unter Zwang muss er jedes Mal nachfragen, mit zusammengebissenen Zähnen. Vor ein paar Jahren hat er entdeckt, dass die Auflage von Charles' Buch über den Jugendkult in die Zehntausende ging; von diesem Schlag hat er sich nie erholt.“
Besser kann man eigentlich die akademische Welt kaum beschreiben.

Scharfsinnig und witzig, einfühlsam und mit Nachsicht für ihre Schwächen, beschreibt Penelope Lively die Freuden und Nöte der einzelnen Familienmitglieder, die verschiedener voneinander gar nicht sein könnten. Und dann ist da noch das Familiengeheimnis, das erst zum Schluss gelüftet wird, auch wenn der aufmerksame Leser so etwa ab der Mitte des Buches zu erahnen beginnt, dass es wohl etwas mit Ingrid, dem Au-Pair, zu tun haben wird, denn so recht eigentlich mutet es ja schon ein wenig seltsam an (nun gut, in England, wo die Geschichte spielt, vielleicht nicht), dass das Au-Pair zum festen Familienbestandteil wird.

„Niemand hat je von so etwas wir einem Au-pair-Mädchen gehört, schon gar nicht von einem, das vierzig Jahre bleibt und Spargel anbaut. Vierzig Jahre?“
  „So ungefähr?“
  „Hast du sie gemocht?“
  „Gemocht?“ Gina sieht ihn an. „Keine Ahnung. Sie war einfach da, und fertig. Gehörte zum Mobiliar.“
Genau. So dass es auffiel, wenn sie nicht da war. Jenes eine Mal.

Fazit: ein intelligenter Lesegenuss. Auch wegen so hellsichtigen Einsichten wie dieser: „Er ist jetzt ein ganzes Stück älter, womöglich nicht viel klüger, aber doch zu einem klarsichtigen Rückblick fähig.“

Penelope Lively
Familienalbum
C. Bertelsmann, München 2012

Sonntag, 21. Juni 2026

Wu Wei

 Literally, Wu Wei means "without doing, causing or making." But practically speaking, it means without meddlesome, combative, or egotistical effort. It seems rather significant that the character Wei developed from the symbols for a clawing hand and a monkey, since the term Wu Wei means no going against the nature of things; no clever tampering; no Monkeying Around."

Benjamin Hoff: The Tao of Pooh

Santa Cruz do Sul, Brazil, 18 January 2023

Mittwoch, 17. Juni 2026

So nicht mehr!

 Mein Aufwachen am Morgen geschieht ohne mein Dazutun: Nicht ich wache auf, sondern das Leben erwacht in mir. Solange ich nicht eingreife, nicht in meine Routinen verfalle, ist alles bestens. Das Leben gehorcht seinen eigenen Gesetzen; ich fahre am besten, wenn ich ihnen folge, mich ihnen nicht in den Weg stelle. Ich bin übrigens froh, dass für alles wirklich Wesentliche (das Ein- und Ausatmen) mein Ego überflüssig ist.

An diesem südbrasilianischen Morgen gebe ich meiner Lust nach Kaffee, Toast, Doce de Leite und Requeijão Cremoso nach. Mir geht es gut, ich folge meinem Unbewussten, das besser als mein Verstand zu wissen scheint, was mir bekommt.

Mein Verstand führt mich oft in die Irre. Beobachte ich aufmerksam, was er so alles macht, zeigt sich mir, wo ich aufpassen muss, um mich nicht selber zu betrügen.

Als ich mich kurz darauf an meinem PC setze, um die politische Weltlage zur erkunden, ist es mit meiner Seelenruhe vorbei. Und wieder einmal wundere ich mich, weshalb ich mir all diese machthungrigen Idioten jeden Tag antue. Weshalb ich glaube, wissen zu müssen, was Durchgeknallte, die sich ungemein wichtig nehmen, tun oder nicht tun, sei relevant für mich, verstehe ich selber nicht.

Dass ich mich über die Weltlage informiere ist reine Gewohnheit. Und da Gewohnheiten Halt und Sicherheit vermitteln (nichts, was uns Menschen wichtiger ist), gebe ich viel zu oft nach und mich hin. Allerdings um den Preis meines Seelenfriedens.

Mein Verstand weiss schon lange, dass mir die Weltlage gestohlen bleiben kann und es wichtiger ist, sich um das zu kümmern, was vor der eigenen Nase liegt. Schulen, Medien und Gesellschaft behaupten zwar das Gegenteil. Das müssen sie auch, schliesslich ist es ihre Geschäftsgrundlage. Für mich hingegen gilt: So nicht mehr!

Santa Cruz do Sul, Brasil, 2 Março 2025

Die Sonne scheint, ich habe den ganzen Tag zur freien Verfügung. Ich werde ihn nicht den medialen Aufgeregtheiten widmen, die mich noch rastloser machen als ich eh schon bin. Und so schaue ich aus "meinem" Fenster im neunten Stock auf die Stadt, durch die der Morgenverkehr rollt. Ich höre die Vögel zirpen und verstehe in diesem Moment: This is the first day of the rest of your life.

Der Moment, wie das Momente so an sich haben, hat sich schnell verflüchtigt. Ich bin zwar an diesem Tag einige Male darauf zurückgekommen, allerdings nur um zu erkennen: Momente bleiben flüchtig. Das ist eben ihr Ding. Es gibt Momente, ab und zu, in denen ich das begreife. ...

Sonntag, 14. Juni 2026

Von den Erwartungen

Lange nicht gesehen! Wie geht es Dir?“, fragt mich mein Bekannter. „Es gibt zwei Antworten darauf“, antworte ich, obwohl es natürlich noch ganz viele mehr gäbe. „Die erste: Ich bin total frustriert; die zweite: ich habe immer mal wieder Super-Momente.“ Mein Bekannter zeigt sich ob der ersten Antwort bestürzt, die zweite scheint ihn nicht zu interessieren. „Frustriert?! So kenne ich Dich gar nicht, auf mich wirkst Du überhaupt nicht so. Wieso frustriert?“ „Weil so ziemlich alles im Leben nicht so ist, wie es meiner Meinung nach sein sollte.“ „Geht es auch konkreter?“ „In meiner Vorstellung sollten die Anständigen an der Spitze stehen, in der Realität ist das überhaupt nicht so. Auch finde ich, dass Lügner und Inkompetente aus dem Amt gejagt werden sollen, doch auch das ist nicht der Fall.“ „Du scheinst ganz unrealistische Vorstellungen von der Welt zu haben“, sagt mein Bekannter, der glaubt, sein Direktorengehalt sei seinen Fähigkeiten geschuldet.

Doch wie gesagt: Ich habe immer mal wieder Super-Momente. Sie treten meist dann ein, wenn ich meine Erwartungen vergessen habe, wenn ich nicht denke, wenn ich einfach wahrnehme, was ist. Doch kann man seine Erwartungen eigentlich vergessen? Nur für Momente, denn unser Gehirn ist antizipierend eingestellt, ist also immer schon bei dem, was kommt oder kommen könnte, es flieht das Hier und Jetzt.

Seit ich das Fotografieren entdeckt habe, gehe ich anders durch die Welt. Aufmerksamer. Letzthin, in Marseille, in einer engen Gasse entdeckte ich am Himmel über mir ein Stück Stoff, das sich in Stromleitungen verfangen hatte und nun vom Wind durch die Luft gewirbelt wurde, so dass immer wieder neue, nicht vorherzusehende Formationen entstanden. Ich blieb stehen und versuchte das Schauspiel mit meiner Kamera einzufangen. Jede Aufnahme zeigte one moment in time, mein Fotografieren wurde zur Meditation – ich tat, was ich tat, nicht mehr, nicht weniger, nur gerade das. Das trifft auch auf die untenstehende Aufnahme zu, die mir einiges an Geduld abforderte.

Die meiste Zeit gehe ich jedoch mit einer mir selten bewussten Erwartungshaltung durch die Gegend. So erwarte ich etwa, dass, wenn ich jemanden anständig behandle, mir ebenfalls anständig begegnet wird. Auch erwarte ich, dass ich nicht angelogen werde, dass die Menschen sagen, was sie denken, dass diejenigen, die die Steuerzahler viel Geld kosten, sich ihres Amtes fähig und würdig erweisen. Meines Erachtens sind dies absolut berechtigte Erwartungen, doch meine Erfahrung zeigt, dass ihnen eher selten entsprochen wird.

Das liegt unter anderem daran, dass unsere Kultur von uns verlangt, Heuchler zu sein. Das ist notwendig, um „unser“ System, das im Kosten-Nutzen-Denken gefangen ist, am Laufen zu halten. Gibt es eigentlich etwas Fantasieloseres als alles unter dem Aspekt von Kosten und Nutzen zu betrachten? Sollte es im Leben darum gehen, möglichst an dem Wunder teilzuhaben, dass wir für eine gewisse Zeit auf diesem Planeten unterwegs sein dürfen, dann eher nicht.

Santa Cruz do Sul, 20. Dezember 2023

Mittwoch, 10. Juni 2026

Redirect your thinking

 Stop thinking about the difficulty, whatever it is, and think about God instead.

This is the complete rule, and if only you will do this, the trouble, whatever it is, will disappear.

It makes no difference what kind of trouble it is. It may be a big thing or a little thing: it may concern health, finance, a lawsuit, a quarrel, an accident, or anything else conceivable: but whatever it is, stop thinking about it and think of God instead–that is all you have to do.

It could not be simpler, could it? God could scarcely have made it simpler, and yet it never fails to work when given a fair trial.

Do not try to form a picture of God, which is impossible.

Work by rehearsing anything or everything that you know about God. God is wisdom, truth, inconceivable love.

God is present everywhere, has infinite power, knows everything, and so on.

It matters not how well you may think you understand these things: go over them repeatedly.

But you must stop thinking of the trouble, whatever it is.

Emmet Fox

Santa Cruz do Sul, 9 December 2023

Sonntag, 7. Juni 2026

Das Hirn leeren

Santa Cruz do Sul, 15. Dezember 2022

Die meiste Zeit meines Lebens habe ich mir Bildung angeeignet. Traditionelle Bildung, also wer hat was wann und in welchem Zusammenhang gesagt. Schulweisheiten. So sei es, wurde mir vermittelt, und nicht etwa, alles könnte durchaus auch ganz anders sein.

Gebildeten Menschen, die die Dinge historisch einzuordnen verstanden, brachte ich Hochachtung, ja Bewunderung entgegen. Auch dass andere Kulturen die Dinge anders bewerteten, gehörte zur Bildung. Dass alle damit nur Aussagen über ihr Denken machten, war mir die meiste Zeit meines Lebens nicht klar.

Wer gut argumentieren konnte, hatte meinen Respekt, wer zu differenzieren wusste ebenso. Dass das bessere Argument vor Gericht obenaus schwingt, kommt mir erst seit Kurzem ziemlich abartig vor, das mir solch ein Vetrauen in unser Denken abgeht.

Unserem Hirn erschliesst sich viel zu viel ganz und gar nicht. Und so will ich denn meinem Hirn nicht weiteres Wissen hinzufügen, will ich es leeren, so gut ich es vermag, denn mein Wissen verstellt mir den Blick auf die Welt.

Mich auf meine Gedanken zu verlassen, ist keine gute Idee. Zu oft haben sie mich in die Irre geführt. Neuerdings versuche ich zu beobachten anstatt zu denken. Meine Gedanken und Gefühle zu beobachten. Dabei mache ich die Erfahrung, dass Nicht-Denken mir gut tut. Auch weil mein Denken mir suggeriert, ich verstünde die Welt, mehr oder weniger. Das ist ein Irrtum. Auch das hat mich mein Denken gelehrt. Das Denken hat also durchaus Positives.

Doch alles hat bekanntlich seine Zeit. Jetzt ist für mich die Zeit des Nicht-Denkens gekommen. Weil mir das gewohnte Denken nicht mehr genügt, es sich erledigt hat, ich Neues erfahren will.

Das ist natürlich eine Wunschvorstellung, obwohl: ich bemühe mich drum. Nur eben: Gewohnheiten sind stark.