Mittwoch, 13. Mai 2026

Was einem zufällt

Nancy, Frankreich, 15. November 2024

Dass ich seit einigen Jahren viele Blumen, die ich meist heranzoome, fotografiere, erkläre ich mir damit, dass meine Augen plötzlich sehen, was sie viele Jahre nicht wahrgenommen haben. Sie fallen mir neuerdings einfach zu.

Nicht nur bei Blumen, auch bei Buchpassagen ist das so. War mir fast ein Leben lang der Imperativ, ein Buch müsse von Cover zu Cover gelesen werden, selbstverständlich, so ist das heute gänzlich anders. Ein Buch zur Hand zu nehmen, ob gelesen oder nicht spielt keine Rolle, darin zu blättern und aufs Geratewohl Sätze zu lesen, führte in letzter Zeit dazu, dass ich mir einigem Erstaunen konstatieren konnte, dass mir immer mal wieder Sätze bzw. Einsichten zufielen, die ich als enorm hilfreich empfand. 

"The Buddhist premise is that by reflecting, by contemplating, and by understanding that common human experience, we can transcend all the mental delusions that create human suffering." (Ajahn Sumedho: The Mind and the Way).

"Wenn du dich im Kontext der gesamten Schöpfung betrachtest, bist du ein Nichts. Wenn du verstehst, dass du ein Nichts bist, wirst du heilfroh sein, dass die Dinge überhaupt so geschehen, wie sie es tun (...) dann wird dir heilfroh sein, dass du zumindest atmest, dass dein Herz schlägt, dass du am Leben bist und soweit alles klappt." (Sadhguru: Death).

"Die meisten Erfindungen menschlicher Zivilisation entspringen der Todesangst, die Todesangst wiederum entsteht dem Menschen aus der unverstandenen Natur." (Frank Witzel: Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969).

Sonntag, 10. Mai 2026

Sokrates

"Wie man durch ein philosophisches Leben die Angst vor fast allem verliert", so der Untertitel, und in mir denkt es: Schön wär's. Und: Wer's glaubt, wird selig. Der englische Originaltitel lautet übrigens ganz anders: Open Socrates. The Case for a Philosophical Life. Damit kann ich mich weit besser anfreunden als mit der Verlagswerbung, die vom Inhalt des Buches gänzlich unberührt ist.

 Agnes Callard ist Professorin für Philosophie an der Universität Chicago. Laut Klappentext forscht sie insbesondere zur antiken Philosophie und Ethik. "Sie verbindet dabei die philosophische Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Lebenspraxis", erfahre ich und bin nun gespannt, ob die Lektüre von Sokrates sich auch auf meine Lebenspraxis auswirken wird. Positiv eingestimmt bin ich jedenfalls, da ich Sokrates' Maxime, dass das ungeprüfte Leben nicht lebenswert sei, teile.

Ich weiss kaum etwas von Sokrates, ausser, dass er seine Zeitgenossen ständig im Gespräch herausforderte, was mir gefällt, da, jedenfalls gemäss meiner eigenen Erfahrung, grundsätzliche Fragen in aller Regel vermieden werden, was mit ein Grund ist, weshalb die Welt so aussieht wie es nun mal tut. Kein Mensch, der sich mit grundlegenden ethischen Fragen auseinandersetzt (und dazu ermuntert dieses Buch), käme auf die Idee, einen empathielosen rachsüchtigen Impulstäter in ein Amt zu wählen, das Verantwortungsgefühl und rationales Handeln verlangt.

"Tolstoi fand, dass die 'Warum'-Frage das Dasein unerträglich machte: 'Aber es war kein Leben.' Sokrates bezeichnete die Aussicht darauf, sich für alle Zeit mit dieser Frage zu beschäftigen, als 'ein unfassbares Glück'." Mir steht Tolstois Auffassung nahe, Sokrates Begeisterung fürs menschliche Denken ist für mich, angesichts unseres Hangs zum Selbstbetrug, nicht wirklich nachvollziehbar. Nichtsdestotrotz halte ich die Konfrontation mit den fundamentalen Fragen des Lebens nicht nur für wichtig, sondern für notwendig. Die Warum-Frage zähle ich allerdings nicht dazu.

Sokrates hat keine Aufzeichnungen hinterlassen. Dass es von ihm zum Teil ausführliche Zitate gibt, finde ich irritierend, doch das wäre eine andere Geschichte (detailliertes Wissen aus der Zeit um 400 vor Christus?). Was in ihnen zum Ausdruck gebracht wird, lohnt die Auseinandersetzung jedoch ganz unbedingt.

Gemäss dem römischen Staatsmann und Philosophen Cicero (106-43 v.Chr.) kritisierte Sokrates ständig seine selbstgewissen Mitbürger, verfügte selber aber über keine Antworten. Agnes Callard sieht das anders. "Das sokratische Motto lautet nicht: 'Alles infrage stellen', sondern: 'Überzeugen oder überzeugt werden.'" Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, dass wir die richtigen Gespräche führen. Damit wäre Sokrates so recht eigentlich der erste Psychotherapeut gewesen, bei dem es allerdings nicht um das Funktionieren in der Gesellschaft, sondern um das Erkennen der Wahrheit geht.

Agnes Callard versteht ihr Buch als "eine Erzählung, die aufrüttelt und Mut macht.". Es ist ein Plädoyer dafür, sich ernsthaft mit der Philosophie zu beschäftigen. Und das meint: Sich der Frage zu stellen, wie wir leben sollen. Mit Standardantworten, die uns ohne Nachdenken über die Lippen kommen, ist uns nicht gedient. "Verlassen Sie sich nicht auf vorgefertigte Antworten (...) erforschen Sie die Fragen mit einem offenen Geist, suchen Sie nach der Wahrheit und vermeiden Sie Irrtümer."

Tolstoi geht der Autorin gehörig auf die Nerven. "Obwohl Tolstoi wiederholt davon spricht, dass er sich mit den grundlegenden Fragen auseinandersetzt, gibt es in seinem Text keinerlei Anzeichen dafür, dass diese Auseinandersetzung tatsächlich stattgefunden hat: Philosophische Überlegungen und Argumenten glänzen durch Abwesenheit." Ich wähnte mich in die Schule zurückversetzt: Der Mann soll zuerst einmal anständig denken lernen, bevor er behauptet, dass das Leben sinnlos und Selbstmord daher geboten sei.

Nun gut, dass eine Philosophieprofessorin an die Kraft des Denkens glaubt, ist naheliegend, doch dass sie Tolstoi vorwirft, dass er "in all den Kenntnissen absolut nichts gefunden hat, das die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten könnte? Haben sämtliche geistigen Anstrengungen der Menschheit überhaupt nichts gefruchtet?", finde ich derart verwunderlich allerdings nicht. Schaut man sich die gegenwärtige Politik der amerikanischen Regierung an, liegt die Antwort auf der Hand. Andererseits: Die Wertschätzung des menschlichen Geistes, die sich in der Fragestellung von Agnes Callard zeigt, empfinde ich einerseits als rührend, erinnert mich andererseits aber auch an strenge Lehrer.

Ich will noch auf einen anderen Aspekt dieses gut lesbaren Werkes eingehen, das Zeugnis liefert von der intensiven und erfreulich persönlichen Auseinandersetzung mit grundlegenden Lebensfragen: den Tod. Ein befreundeter Philosoph war gestorben. Und sie notiert: "Es mag sich absurd anhören, wenn ich sage, dass ich Schuldgefühle hatte, weil ich traurig war, aber so war es. Ich war trauriger, als es mir zustand. Ich war weder mit ihm verwandt noch eine Kollegin von ihm Unsere Beziehung reichte nicht in die Jugend oder zu Studienzeiten zurück. Wir gehörten keinem engen Freundeskreis an. Und wir erzählten einander nicht viel über unser Privatleben oder unsere Gefühle. Das Einzige, was wir zu tun pflegten, war miteinander zu philosophieren."

Die Vorstellung, Gefühle müssten irgendwie berechtigt sein, liegt mir fern. Als sie dann noch schreibt: "Es ist nicht schwer, Gründe zu finden, weshalb mich Steves Tod traurig macht.", frage ich mich, weshalb sie dafür Gründe braucht. Für mich jedenfalls stellt es sich ganz anders dar: Gefühle sind einfach, sie kommen und gehen, wie es ihnen passt. Agnes Callards Sicht auf die Welt ist ganz anders. "Wo bleiben (angesichts des Todes) die Ruhe und Gelassenheit, die Sokrates mir versprochen hat?" Er verbingt seine letzten Stunden, wie er gelebt hat – philosphierend.

Sokrates waren die Argumentenhasser zuwider, "denn nicht Schlimmeres kann einem widerfahren, als Argumente zu hassen." Agnes Callard teilt diese Auffassung nicht nur, sie unterstreicht den Wert der Argumentation mit diesem Werk aufs Schönste.

Fazit: Vielfältigst anregend, auch zum Widerspruch.

Agnes Callard
Sokrates
Wie man durch ein philosophisches Leben
die Angst vor fast allem verliert.
C.H. Beck. München 2026

Mittwoch, 6. Mai 2026

Denken versus Erfahrung

Himeji, Japan, 4. Oktober 2025

Zuerst das Geständnis, dass Denken mir nichts bringt. Ich bin auf Erfahrung angewiesen. Leider. Erfahren geht ja viel langsamer als denken. Denken kann man schnell. Denken ist leicht. Denken ist keine Kunst. Denken ist grossartig. Durch denken wird man Herr der Bedingungen, unter denen man sonst litte. All das ist Erfahrung nicht (... ) Erfahrungen sind nicht so leicht beherrschbar wie das Denken. Durch Denken herrscht man ja selber. Erfahrungen ist man eher ausgeliefert. Aber sie aufzuzeichnen hilft. Das ist auch einer Erfahrung.

Martin Walser: Tod eines Kritikers

Sonntag, 3. Mai 2026

On arguments & reality

The importance that arguments is given, I do find bewildering. Think of the law, think of history, think of pretty much everything that sails under the label humanities. It's all about arguments. Differently put: Much of our reality is man-made, it only exists because we believe in it.

This, however, is not the reality that was once so aptly described by Philip K. Dick as "that which when you stop believing in it doesn't go away." Sharon Cameron once put it thus: "Without reference points there is meaninglessness. But I wish you'd understand that without reference points you are in the real."

We human beings are far from facing reality, we prefer illusions that we like to call beliefs. As the Bhagavad Gita says: "Man is made by his belief. As he believes, so he is."

Torres, Brazil, 27 February 2026

Mittwoch, 29. April 2026

EGO - Das Spiel des Lebens

„Wir sollten nicht zu entdecken versuchen, wer wir sind, sondern was wir uns weigern zu sein.“ Der Satz stammt von Michel Foucault und ist Frank Schirrmachers „EGO. Das Spiel des Lebens“ vorangestellt. Aus gutem Grund, denn wir sind ausgesprochen schlecht beraten, wenn wir dem gegenwärtigen Diktat der Ökonomie, das uns nur noch als „homo oeconomicus“ sieht, angetrieben von Profitinteressen, Opfer unserer Egos, deren vordringliches Interesse angeblich im Eigennutz liegt, nachgeben und ihm uns ausliefern.

Es versteht sich: der Mensch ist um einiges vielschichtiger, seine Motive sehr viel komplexer als dass er auf eine so simple Formel wie Eigennutz reduziert werden könnte. „Seit Jahrhunderten hatten Leute herausfinden wollen, wie der Mensch tickt, und sie alle, ob Wahrsager, Philosophen, Psychologen, waren letztlich gescheitert. Wie sollten ausgerechnet Ökonomen die menschliche Unberechenbarkeit auf eine Formel bringen können?“

Indem sie mit einer zündenden Idee aufwarteten: „Sie fragten nicht mehr, wie der Mensch tickt. Sie fragten, wie der Mensch ticken müsste, damit ihre Formeln funktionierten. Und die Antwort lag auf der Hand: Alle Probleme mit dem Unsicherheitsfaktor 'Mensch' lösen sich in Wohlgefallen auf, wenn man zwingend annimmt, dass er bei dem, was er denkt und tut, immer nur an seinen eigenen Vorteil denkt. Diese Theorie hatte den Vorteil, dass sie immer funktionierte und alles berechenbar machte. Das Gegenüber ist undurchsichtig? Es wird durchsichtig wie Glas, wenn man annimmt, dass es nur seinen Profit vergrössern will. Menschen helfen andern Menschen? Sie tun es, weil sie sich selbst etwas Gutes tun wollen.“

Ist doch klar, dass jeder zuerst an sich selber denkt – dieses Menschenbild ist heutzutage nicht nur gang und gäbe, es wird auch selten angezweifelt. Obwohl doch eine Mutter fast immer zuerst an ihre Kinder und erst dann an sich selber denkt. Das tut sie nur, weil sie sich deswegen besser fühlt als wenn sie zuerst an sich selber denken würde, werden die Anhänger des profitmaximierenden Credos jetzt entgegnen. Nur sagt das mehr über die Anhänger dieses Denkens aus, als über die Dinge, wie sie sind. Denn das Menschenbild, das die Anhänger der Profitmaximierung predigen, ist nichts als Ideologie, ein Glaube. Und was der Mensch glaubt, das ist er. „Man is made by his belief. As he believes, so he is", heisst es in der "Bhagavad Gita". Und das meint: Wir können auch etwas anderes glauben, als was uns gepredigt wird. Vor allem, wenn es sich um solchen Unsinn handelt wie diesen: „Will Gott, dass du reich bist?“, fragte das „Time Magazine“ in einer Titelgeschichte im Jahre 2006. Die Antwort? Er will. Und das impliziert: Wer es nicht schafft, ist selber schuld.

Der Mensch erfindet sich die Welt, indem er sich Systeme schafft, die ihm Orientierung, Sicherheit und häufig auch finanzielle Vorteile verschaffen. Die Juristerei wurde deswegen erfunden, die Bürokratie oder eben diverse Finanzinstrumente. Leider haben es nun diese Systeme so an sich, dass sie sich verselbständigen, die Herrschaft übernehmen und wir zu ihren Opfern werden. Frank Schirrmacher zeigt dies mit vielen historischen Herleitungen an der Figur des egoistischen „homo oeconomicus“ auf, auch wenn er zu einem weit weniger radikalen Schluss kommt: „Vieles spricht dafür, dass im Inneren der gegenwärtigen Finanz- und Europakrise ein viel grundlegenderer Konflikt schwelt, in dem es im Kern um die Implementierung der neoklassischen und neoliberalen Ideologie in die Gesellschaften, Mikro-Märkte und sogar in die konstitutionellen Ordnungen des europäischen Westens geht.“

Die Staaten würden von der Ökonomie, und ohne dass es die Politiker merkten, schon längst als reine Mitspieler im Markt behandelt werden, behauptet Schirrmacher, und „nicht mehr als marktüberwölbende konstitutionelle Gebilde“. In der Schweiz hatte man in den letzten Jahren den Eindruck, der Staat, in dem er die Banken mit Steuergeldern rettete, müsse den Finanzmarkt so recht eigentlich um jeden Preis am Laufen halten. Zugespitzt gesagt: der Staat ist für die Wirtschaft da, einerseits als Mitspieler, andererseits als Garant und Retter des sogenannten Marktes. „Bürger und Staat haben keine Souveränität mehr, sondern 'spielen' sie nur.“

Sinn und Zweck jeden System ist, sich selbst zu erhalten.
Im ökonomischen Imperialismus ist der Mensch, was er will. Warum er will, was er will, ist nicht relevant. Denn solange er etwas will, kann man es ihm verkaufen. Blöder, ja gefährlich wird es, wenn er sich weigert, mitzuspielen. Damit jeder will, was alle wollen, muss der Mensch zum Automaten werden. Und die Konsumideologie ist auf dem besten Weg, ihn dahin zu bringen. Doch da gibt es eben noch das Ich, das Widerstand leistet: „Es zeigt sich, das zwischen dem, wie sie sein sollen, und dem, wie sie sind, ein fast unüberbrückbarer Abgrund klafft.“ Manchmal hat das Ego auch ganz erfreuliche Seiten.

Frank Schirrmacher
EGO - Das Spiel des Lebens
Blessing, München 2013

Sonntag, 26. April 2026

Als Freiwillige für ein unerprobtes Vakzin

Rasend schnell breitet sich ein Virus aus, die Menschen verlieren ihr Gedächtnis. Die junge Meeresbiologin Neffy braucht Geld, muss Schulden zahlen, und stellt sich als Freiwillige zur Verfügung, die bereit ist, ein Vakzin auszuprobieren. Natürlich hat sie Bedenken, doch es ist eben auch so, "weil ich mich grundsätzlich für etwas entscheide, wenn mir jemand davon abrät, was idiotisch ist."

Die Teilnehmenden an der Studie werden gut bezahlt, das Verfahren ist entsprechend aussergewöhnlich bzw. risikoreich. "Keine Placebos, keine Doppelblindversuche, nein, wir alle bekommen den Impfstoff, wir alle werden mit dem Virus infiziert."

Das Gedächtnis der Tiere mutet gleichzeitig futuristisch wie auch realistisch an, auch weil Claire Fuller, wie sie im Nachwort schreibt, immer schon gern Geschichten gelesen hat, die von Pandemien und Endzeitthemen handeln. Als sie 2019 mit der Arbeit an diesem Roman begann, war die Corona-Pandemie noch nicht ausgebrochen. umso erstaunlicher ist, wie wirklichkeitsnah sich das hier geschilderte Geschehen über weite Strecken zeigt. Nur schon wie einsilbig und nichtssagend bei Beginn der Studie auf die Fragen der Probandin geantwortet wird (Vorschriften!), macht deutlich, dass die Autorin über einschlägiges Fachwissen verfügt.

Als Neffy, von der wir auch viel Interessantes über das Verhalten der Oktopus erfahren, nach sieben Tagen im Institut wieder zu sich kommt, erfährt sie, dass nur wenige das Experiment überlebt haben, die Pandemie viele Tote gefordert hat und auf den Strassen der Mob wütet. Die Apokalypse ist ausgebrochen. "Strassenschlachten. Aufstände in Supermärkten, völlig überlaufene Krankenhäuser, die keine Patienten oder Leichen oder Leute mehr aufnehmen konnten, die alles vergessen hatten."

Von den überlebenden Probanden lernt Neffy, dass man ihnen weder das Virus noch den Impfstoff gegeben hat. Also gibt es kein Geld, denkt Neffy, und so hat sie auch keine Schulden mehr. Dass sie noch am Leben ist, schreibt sie dem Impfstoff zu. Da sie Angst davor haben, was sie ausserhalb der dicken Mauern des Instituts erwarten wird, bleiben sie wo sie sind. Wo sollten sie auch hin?

Doch obwohl die Gewissheiten weg sind, glaubt der Mensch (vermutlich nicht alle, doch wohl die meisten), dass alles wieder so wie früher werden wird, also Internet und Apps zurückkehren werden. Neffy ist skeptischer, und Leon, ein anderer Überlebender, meint: "Vielleicht sollten wir einen Neustart wagen und alles miteinander teilen?" Doch natürlich sagt er das nur so, um zu rechtfertigen, dass er Neffys Papier geklaut hat.

Wie der Mensch tickt, die menschliche Psyche funktioniert, lässt sich nirgendwo besser beobachten als während einer Pandemie. Man sehnt sich nach dem Vertrauten. Angeleitet von Leon begibt sich Neffy auf Erinnerunsgreisen. Schliesslich erfährt sie von einem grossen Plan, in den sie nicht eingeweiht ist und bei dem eine wesentliche Rolle spielt, dass sie für immun gehalten wird ...

Claire Fuller
Das Gedächtnis der Tiere
Kjona Verlag, München 2026

Mittwoch, 22. April 2026

Empty your brain

Santa Cruz do Sul, 4 March 2025

To be an educated person I've always thought attractive.
I still do yet something has changed. Not suddenly, I've seen it coming.

For many years I thought the idea that we humans need explanations,
that we cannot do without them, spot on. Nowadays I'm not so sure anymore,
nowadays it seems to me that all the knowledge that I've acquired during a lifetime stands in the way of experiencing the world as it is.

Not all knowledge, of course. What scientists have discovered I consider useful
despite the fact that much of it I do not understand because it is outside my line of thinking.

My line of thinking has mostly been in the humanities or, differently put, in the world of ideas. As interesting and entertaining this world is, it is mostly a distraction. Take history, psychology or sociology, disciplines that arbitrarily divide and simplify the world according to their belief-system. Needless to say, there are excellent arguments for doing that.

Nowadays, the importance that arguments are given is beyond me. That the better argument  should decide a court case or an academic debate, I find preposterous. That journalists and thinkers try to make sense of clearly irrational politics, is simply nuts.

At my age, I'm 72, I'm privileged to try something new. I try as best as I can to empty my brain for what I have learned has nothing to do with what is going on. People are neither rational nor civilised. Just look and see! Our way of thinking is at best a distraction.

I see it like this: I'm a container in which my heart beats. I'm not contributing anything to it; the same applies to my respiration, my digestion, even my thinking (my brain is active around the clock without me being conscious of it). Things just happen (think of the stream of thoughts that crosses your brain), I do not make them happen. To observe this, to be a witness, I consider a privilege. My best moments are the ones in which I forget myself.
 

Sonntag, 19. April 2026

Die Parallelwelten des Philip K. Dick

Emmanuel Carrères  Roman über das Doppelleben von Jean-Claude Romand gehört zu meinen intensivsten Leseerlebnissen überhaupt, und Philip K. Dicks Definition der Realität ("Reality is that which, when you stop believing in it, doesn't go away") hat sich in meinem Gedächtnis eingebrannt. Eine bessere Ausgangslage, um mir Emmanuel Carrères Biografie von Philip K. Dick vorzunehmen, ist schwer vorstellbar.

"Die Parallelwelten des Philip K. Dick" zeigten sich bereits im Alter von 14, als seine Mutter zum Schluss kam, "dass der Schulfrust, die Introvertiertheit und die Angstattacken ihres Sohnes wohl der Dienste eines Psychiaters bedurften." Diese Behandlung riss bis zu seinem Lebensnede nicht mehr ab, wobei die amerikanische Sichtweise des Freudianismus auf die Anpassung an die sozialen Normentisch abzielte und "weniger auf Selbsterkenntnis und Selbstannahme einschliesslich persönlicher Absonderlichkeiten." Es sind nicht zuletzt solch erhellende Erkenntnisse (europäische und amerikanische Therapieauffassungen differieren zum Teil erheblich), die die Lektüre lohnen.

Philip K. Dick scheint schon früh zweigeleisig unterwegs. "So wie jeder war Phil während des Kriegs Patriot gewesen, doch die Propaganda von Goebbels hatte ihn ebenso fasziniert." Carrère charakterisiert ihn als glänzenden Unterhalter, der "mit derselben Überzeugung radikal entgegengesetzte Meinungen" vertreten konnte. "Nichts stand je fest, nichts war endgültig oder sicher." Es mutet eigenartig an, dass Dick angesichts dieser Erkenntnis, in seiner binären Logik gefangen blieb.

In unseren durchgeknallten Zeiten, wo jedem und jeder klar sein dürfte, dass der Mensch kein zivilisiertes Wesen ist (man schaue sich unser "Führungspersonal" an), vergisst man allzu leicht, dass wir schon immer von den absolut Ungeeignetsten angeführt wurden, wie auch Carrères Schilderung von Nixon deutlich macht. Überdies waren auch die damaligen Zeiten nicht so verschieden von den heutigen. "In dem Polizeistaat, den er in den USA schleichend entstehen sah, war Widerstand seiner Meinung nach nur von den Freaks zu erwarten. Die politische Opposition steckte wie immer unter derselben Decke und liess sich manipulieren."

Philip las viel in jungen Jahren, und querbeet. "Dostojewski, Lukrez, die Protokolle der Nürnberger Prozesse, deutsche Lyrik, deutsche Philosophie, Science Fiction und Psychoanalyse, dabei vor allem Jung, dessen gesammelte Werke er mit jedem Einzelband zusammenkaufte, der in der grossen Bollingen-Ausgabe erschien." Begeistert war er offenbar auch von Thomas Manns Doktor Faustus, den ich mir unverzüglich herauslege, obwohl meine bisherigen Versuche damit wenig gefruchtet hatten.

Zu den für mich aufschlussreichsten Passagen dieses ungemein detaillierten Buches, das auch eine immense Fleissarbeit darstellt, gehören Carrères Ausführungen über das I Ging, auch Das Buch der Wandlungen genannt. "Es beschreibt keine fixen Zustände, sondern die in ihnen wirkenden Tendenzen. Es weiss, dass jeder Augenblick vorübergeht, dass jeder Höhepunkt schon den Niedergang ankündigt und jedes Scheitern den künftigen Sieg. Den, der im Dunkeln tappt, lehrt es, dass das Licht wiederkehrt, den, der unter der Mittagssonne jubelt, dass die Dämmerung schon eingesetzt hat, und den weisen Mann die feinsinnige Kunst, sich vom Lauf der Dinge tragen zu lassen wie ein leeres Boot vom Fluss."

Man könne, so Carrère, das I Ging auf zwei Arten benutzen – als Weisheitsliteratur oder als Wahrsagetechnik. Dick trachtete nicht nach Weisheit, er wollte das Passwort für die Erlösung. Amerikaner sind praktische, pragmatische Leute; geduldiges Üben scheint nicht so ihr Ding. Wesentliche Einsichten hatte Dick gleichwohl. "Ich glaube, dass sich uns unmittelbar nach dem Tod endlich die höchste Wirklichkeit zeigt. Wenn das Spiel vorbei ist, werden die Karten endlich umgedreht werden, und wir werden erkennen, was wir bis dahin nur geahnt oder verschwommen im Spiegel gesehen haben. Genau das sagt Paulus. Genau das sagt das Bardo Thödröl. Genau das sagt auch Pu der Bär: Wir sehen uns in einer anderen Ecke des Waldes wieder, und er wird immer noch einen kleinen Jungen und einen Bären geben, die miteinander spielen."

Dick litt unter Ängsten und Panikattacken und war ein Kontrollfreak erster Güte, was auch seine Ehefrauen in die Flucht trieb. Dass er dachte wie er dachte,  empfand wie er empfand, war wohl nicht zuletzt der Abhängigkeit von diversen Pillen geschuldet. "Serpasil gegen Herzrasen, Semoxydrin gegen seine Platzangst, Benzedrin, um sein Gehirn zu stimulieren, und noch ein paar Kleinigkeiten, um die Nebenwirkungen der Hauptmedikamente zu behandeln." Dass ein solcher Drogencocktail die Wahrnehmung verändert, weiss jeder, dem Drogen nicht unvertraut sind. Ob zum Guten oder Nicht-So-Guten ist natürlich eine andere Frage. Jedenfalls: Dicks Visionen paralleler Wirklichkeiten scheinen auch drogenfreien Köpfen plausibel.

Ich lebe und ihr seid tot zeigt auch, dass Dick vieles vorweg nahm, das heute ganz besonders aktuell ist, wie etwa die Diskussion über die künstliche Intelligenz. An deren Anfang stand der englische Mathematiker Alan Turing, einer der Erfrinder der modernen Informatik, der vorschlug, "sich bei der Frage, ob eine Maschine wie ein Mensch denken kann. auf ein einziges Kriterium zu beschränken: Ist sie in der Lage, einem Menschen vorzumachen, dass sie denkt wie er, oder nicht?"

Eien Biografie ist letztlich immer auch eine Biografie des Biografen, da sich dieser (und ganz speziell im Fall von Emmanuel Carrère) auch differenziert mit sich selber bzw. seiner eigenen Art und Weise, die Dinge des Lebens zu sehen, auseinandersetzt. Der Autor praktiziert in diesem frühen Buch (als die französische Originalausgabe 1993 erschien, war der heute 69Jährige 36 Jahre alt), was er in all seinen Büchern praktiziert: Eine überaus intensive, existenzielle Selbst- und Lebenserfoschung.

Fazit: Hoch reflektiert, überzeugend dargestellt sowie vielfältig anregend.

Emmanuel Carrère
Ich lebe und ihr seid tot
Die Parallelwelten des Philip K. Dick
Matthes und Seitz Berlin 2025

Mittwoch, 15. April 2026

How Ricardo portrayed me



These photos were taken by the late Ricardo Schütz in Southern Brazil in 2008 and 2009 respectively, whether in Santa Cruz do Sul or at some other place in the state of Rio Grande do Sul, I do not know for I see these pics in 2026 {Elsa, Ricardo's daughter, sent them to me}, for the first time.

All three pics radiate an attentiveness that I rarely see in photos of myself. Needless to say, I feel pleased for this is precisely how I like to see myself.

Sonntag, 12. April 2026

Wie soll ich leben?

Hugo hatte so recht eigentlich keine Zweifel, dass frühkindliche Erfahrungen entscheidend seinen Lebensweg bestimmt hatten. Und weil er das glaubte, fand er auch problemlos die entsprechenden Belege dafür.

Doch wieso glaubte er das eigentlich? Weil es die vorherrschende Ideologie war. Es war der Zeitgeist, und diesem war nur schwer zu entkommen.

Im 16ten Jahrhundert, in dem Michel de Montaigne lebte, herrschte ein ganz anderer Geist. Montaigne hatte sieben jüngere Brüder und Schwestern und wurde bereits nach der Geburt zu einer einfachen Bauernfamilie im Nachbardorf zur Pflege gegeben. Dazu Sarah Bakewell in Wie soll ich leben?: „Wenn wir von den entwicklungspsychologischen Ideen des 20. und 21. Jahrhunderts ausgehen (die sich vielleicht bald als fragwürdig erweisen werden: vielleicht ist die Mutter-Kind-Bindung ein ebenso kurzlebiges, kulturell bedingtes Phänomen wie das Gestilltwerden durch eine Amme), so muss der mangelnde Kontakt zu den Eltern in den entscheidenden ersten Lebensmonaten Montaignes Beziehung zu seiner Mutter tiefgreifend geprägt haben. Montaignes eigener Einschätzung nach jedoch funktionierte der Plan perfekt, und er empfahl seinen Lesern, mit ihren Kindern möglichst dasselbe zu tun.“

Es versteht sich: Wir sind Kinder unserer Zeit. Heisst das, dass wir zu einer bestimmten Art Leben und Denken verdammt sind? Zum grössten Teil ist dem wohl so. Zu bedenken ist allerdings, was Benoîte Groult in ihrer Autobiografie Meine Befreiung notierte: „Das Beruhigende bei den alten Griechen und Römern wie bei den Klassikern oder Romantikern ist, dass sie uns ihre Kindheit erspart haben. War Corneille ein geschlagenes Kind? Hat Platon mit zehn masturbiert? Hat Musset viel geweint, weil seine Mutter ihm abends im Bett keinen Gutenachtkuss gegeben hat?“

Hugos Fühlen und Denken hatte sich immer an Ewigem orientiert, ihm war das Relative stets fremd und zuwider. Die Grundüberzeugung dabei: Wenn du weisst, wer du bist, und dein Schicksal annimmst, kann dir so recht eigentlich gar nichts passieren.

Natürlich gehören die Dinge – auch – im Zusammenhang gesehen. Doch wer so argumentiert, meint eigentlich fast immer in dem von ihm vorgegebenen Zusammenhang, denn ein Kontext ist immer konstruiert, existiert nicht einfach so. Man stelle sich nur einmal vor, wie Zukünftige auf uns Heutige zurückschauen werden, wie unwissend und naiv sie uns wohl wahrnehmen werden.

Mächtig bzw. einflussreich ist, wer den Kontext vorzugeben vermag. Hugo hatten die vorgegebenen Kontexte nie recht zu überzeugen vermocht, ständig dachte es so in ihm: Aber das ist doch total willkürlich, das kann man auch ganz anders sehen. Stimmt, antworteten daraufhin die, die das Sagen hatten. Und überhaupt: Leute, die quer denken können, brauchen wir. Hugo wollte das gerne glauben, merkte dann aber, dass quer bzw. anders zu denken nur dann gefragt war, wenn es sich im Interesse derjenigen, die das Sagen haben, zu ihrem Vorteil nutzen liess.

Was also war zu tun? Du gehst deinen Weg, ich gehe meinen. Das klingt einfach, ist es aber nicht, denn die gesellschaftlichen Prägungen gehen nicht einfach so weg. Warum kannst du dich nicht anpassen? Glaubst du, du seist etwas Besonderes? Und so weiter … Man verglich sich, war gelegentlich eifersüchtig und neidisch, zweifelte an seinen Entscheiden. Und ging weiter auf seinem Weg, auf dem man, je länger man ihn ging, sich allmählich begann, wohl zu fühlen, sofern das nicht das Ziel war.

Aus: Hans Durrer: Heute Nicht! Die Geschichte einer Obsession

https://shop.tredition.com/booktitle/Heute_Nicht/W-822-472-257

Mittwoch, 8. April 2026

Antoine will Alkoholiker werden

Als Kind wollte Antoine Bugs Bunny werden, später dann wurde Vasco da Gama sein Idol. "Doch die Studienberaterin bat ihn, Fächer zu wählen, die auf den Dokumenten des Ministeriums aufgelistet waren. (...) Antoine hatte nie die willkürliche Trennung der Fächer begreifen können: Er nahm an Vorlesungen teil, die ihn – ganz gleich, in welcher Disziplin – interessierten, und gab die auf, deren Professoren inkompetent waren." Wunderbar! Genau wie es so recht eigentlich normal sein müsste ...

Antoines Leben in einer Welt, "in der die öffentliche Meinung auf Antworten zu Meinungsumfragen eingeengt wird", ist mehr als nur unbefriedigend. Schliesslich hat er den Verstand als Ursache seines Unglücks ausgemacht. Folgerichtig entschliesst er sich, aufs Denken zu verzichten. Doch wie soll er das bewerkstelligen?

Alkohol könnte die Lösung sein, denkt es so in ihm, da ihm das Denken betrunkener Menschen (er selber hat noch nie einen Tropfen Alkohol angerührt), "leicht und unbekümmert gegenüber der Realität" vorkommt. "Der Rausch schien ihm das ideale Mittel zur Unterbindung jeder Anwandlung von Reflexion." Er will lernen, wie man Alkoholiker wird, beschliesst, sich kundig zu machen, sucht eine Bar auf, wo er auf einschlägige Profis hofft.

Er trifft auf Léonard, den er mit einem bescheuerten Zitat von Malcom Lowry ("Die Ursache des Alkoholismus sind die Hässlichkeit und die verwirrende Sterilität der Existenz.") zu beeindrucken sucht, doch Léonard macht damit  kurzen Prozess und fordert Antoine auf, selber zu reden als mit Zitaten um sich zu schmeissen. Viel mehr, als dass er dauernd deprimiert ist, weiss Antoine allerdings nicht zu sagen, fügt dann aber hinzu: "Ich will ein banales Gespenst werden. Ich bin es satt, Gedankenfreiheit zu haben, Wissen zu besitzen, mit meinem Bewusstsein herumzuspringen!"

Nur eben: Alkoholiker wird man nicht per Beschluss. Genauso wenig wie man abstinent wird, indem man sich das einfach so vornimmt. "Ersatzweise entschloss er sich, Selbstmord zu begehen." Dass daraus nichts werden wird, ergibt sich jedoch bereits aus der Existenz dieses Romans, trotz berühmter Vorbilder, die er auflistet, wie Virginia Woolf, Seneca, Debord, Cato Uticensis, Sylvia Plath, Demosthenes, Kleopatra, Lafargue ...".

Nach dem Genuss eines halben Glases Bier erleidet Antoine ein Alkoholkoma, wird ins Hospital eingeliefert, wor er mit einer Frau ins Gespräch kommt, die unzählige fehlgeschlagene Selbstmordversuche hinter sich hat und ihn mit einer Telefonnummer versorgt, die ihn zu einer Adresse führt (in einem Haus, das Arztpraxen sowie die Anonymen Alkoholiker beherbergt), wo man unter kundiger Führung zum Selbstmord angeleitet wird. Dabei geht ihm auf, dass er zwar nicht leben, aber eben auch nicht sterben will.

Antoine oder die Idiotie handelt jedoch nicht allein vom vergeblichen Versuch, Alkoholiker zu werden, sondern davon, dass Intelligenz nicht unbedingt hilfreich ist, wenn man ein gutes Leben leben möchte. "Diejenigen, die glauben, dass die Intelligenz etwas Nobles darstelle, besitzen davon mit Sicherheit nicht genug, um zu begreifen, dass sie ein Fluch ist." und so versucht er, seinen Verstand loszuwerden. Und so wird er Börsenmakler ...

Mein Lieblingsstelle handelt von Antoines Freund Aslee, einem Samoaner, der von Antoine As genannt wird, was auf samoanisch 'Wasser von den Bergen' heisst. As "hatte einen erstaunlichen Charakter. Die Gründe dafür lagen in seiner Kindheit." Die Firma Nestlé hatte sich bei der Babynahrung vertan, und ein Mikrogramm mit einem Kilogramm verwechselt ...

Fazit: Sehr lustig und sehr clever. Ein Lesegenuss erster Güte!

Martin Page
Antoine oder die Idiotie
Roman,
Wagenbach, Berlin 2026

Sonntag, 5. April 2026

Reusch rettet die Welt!

"Philosoph oder Kabarettist? – Im Falle von Stefan Reusch würde ich zwischen Kabarettist und Philosoph ein Gleichheitszeichen setzen!", so Siegfried Reusch, Chefredakteur des Journals für Philosophie der blaue reiter sowie Verleger des gleichnamigen Verlags, der mit Stefan Reusch "weder verwandt noch verschwägert" ist, wohl eine von Juristen erfundene Kategorie, die den Schluss nahelegt, das unabhängige Urteil sei bei familiären Verbindungen nicht gewährleistet. Ganz so, als ob es das sonst wäre ... Wie auch immer: Siegfried Reuschs Urteil hat meine Sympathie.

Am Rande: Juristen, um ihr Geschäft zu beleben, erfinden häufig überaus Abstruses, wie etwa den mutmasslichen Verdächtigen, und behaupten entgegen aller Lebenserfahrung, jemand habe als unschuldig zu gelten, bevor Juristen ihre Wichtigkeit demonstrieren können. Wer sich die Bedingungen einer Untersuchungshaft ins Bewusstsein ruft, weiss, dass das unrealistischer kaum sein könnte.

Für Schopenhauer, lese ich, soll der Humor die einzige göttliche Eigenschaft des Menschen gewesen sein. Wie mit vielem anderen, so liegt er auch mit dieser Einschätzung richtig, jedenfalls für mich, der ich mit humorlosen Zeitgenossen (und Zeitgenossinnen) partout nichts anzufangen weiss. Mit anderen Worten: Ich gehe Reusch rettet die Welt! positivst eingestimmt an.

Der Kabarettist lebt von Pointen, er muss originell sein, das ist bei diesen Texten nur allzu offensichtlich. Vorgetragen, so stelle ich mir vor, wirken sie bestimmt besser als wenn man sie wiederholt lesen kann. Allerdings gibt es nicht wenige, denen wiederholtes Lesen bestens bekommt. 

Abgründig und tiefsinnig philosophisch, wie der Verlag diese Texte charakterisiert, wirkten sie auf mich zwar nicht, was vermutlich auch darin liegt, dass ich mir darunter nicht viel vorstellen kann. Humorvoll und satirisch, auch dies die Worte des Verlags, trifft es hingegen gut. Und unbedingt zum Nachdenken und zum  Verweilen anregend, wie ich hinzufügen möchte.

Stefan Reusch fällt auf, was vielen vermutlich gar nicht auffällt. 
"Was es nicht alles gibt: Harndrang. 
Im Fernsehen, in aller Hergottsfrühe, sagt die Kanzlerin\:
'Es geht um mehr Freiheit auf dem Niedriglohnsektor.'"

Es fällt ihm jedoch nicht nur auf, er befasst sich damit und denkt darüber nach. Das ist selten, und so recht eigentlich das, was ein Philosoph tun sollte, so er denn begreifen würde, dass die Quelle unseres Nachdenkens der Alltag sein müsste, denn nur in dem, was wir tagein tagaus tun, zeigt sich, wie wir und was wir wirklich denken.

 Philosophieren bedeutet, Fragen zu stellen, die man eigentlich nicht beantworten kann, da unser Hirn dafür nicht gemacht ist. Philosophieren heisst aber auch, unser Hirn in Gang zu bringen (Geh-irn, in der Schreibweise von Stefan Reusch) und was wäre dafür geeigneter als Fragen. Etwa: "Haben Tiere Vernunft? Haben Tiere Seele? Oder sind die genauso wie wir? Gute Fragen." Auf gute Fragen, das wissen wir, gibt es keine Antworten. Stefan Reusch weiss es besser: Gute Fragen sind Antworten.

Wie es so meine Art ist, markiere ich die Stellen, die mir besonders gefallen. Bei Reusch rettet die Welt! merke ich jedoch schon bald, dass sich das nicht empfiehlt, da ich so Gefahr laufe, fast das ganze Buch zu unterstreichen. Erwähnen will ich deshalb nur gerade zwei meiner vielen Highlights, die mich nicht nur Tränen lachen machen (ganz besonders "Luxus ist geil!" – "Die drei Säulen der katholischen Kîrche sind Pomp, Protz und Prunk. Katholische Kirhce ohne das nennt man evangelische Kirche." – und "In Hessen fühlt sich jeder fremd."), sondern auch aufmerken lassen, da sie mir noch gar nie Bedachtes ins Bewusstsein rücken. "Und wie alles Geschützte ist Heimat als Ort wie als Begriff humorlos, aufmerksam, überwach."

Nicht wenige von Reuschs Sätzen sind preiswürdig ("Wir sind mit Angela Merkel auf der Suche nach der verlorenen Mundwinkelkonstante."), doch was diese Texte für mich vor allem ausmachen, ist das reflektierte Neben- und Miteinander von ganz Unterschiedlichem. Etwa von der digitalen Idiotie zum Wesen des Lachens. "Der Lachende hat ja keine Kontrolle, das Lachen bricht förmlich aus ihm heraus, er selbst lacht eigentlich gar nicht, er ist nur der Schauplatz, das Gefäss, aus dem es lacht   er ist kein Täter, er ist Tatwerkzeug. Da, wo er ganz nah bei sich ist   das sagt man heute so  , ist er am wenigsten zurechnungsfähig. Da bleibt ihm nur zu hoffen, dass das Lachen gesund ist."

Die meistenTexte in diesem Band sind erschienen in der blaue reiter Journal für Philosophie. Bessere Werbung für dieses Journal kann man sich eigentlich nicht vorstellen!

Reusch rettet die Welt! handelt von den verschiedenartigen Weltanschauungen des Homo Sapiens, der entschieden mehr Homo als Sapiens ist, sich selber zwar für zivilisiert hält, die meisten anderen jedoch nicht. Was Zivilisation sein müsste, um den Namen zu verdienen? "Die eigene Meinung zu überdenken. Sich von ihr zu trennen. Falls nötig."

Fazit: Sehr lustig, sehr smart; ein Mann, der eindrücklich vorzuführen versteht, que c'est le ton qui fait la musique. Und nicht zuletzt: Erfrischend selbstironisch.

Stefan Reusch
Reusch rettet die Welt!
Philosophie für alle und keinen
der blaue reiter, Hannover 2025

Mittwoch, 1. April 2026

Letzte Tage mit Teresa von Ávila

Ihr sei aufgegeben, ihr Leben für die Schriftgelehrten aufzuzeichnen, und sie selber habe sich den Auftrag erteilt, "mein Leben für mich selbst aufzuschreiben, und so sammle ich mehr Leben zusammen als eine Katze.", notiert Teresa von Ávila bzw. Cristina Morales.

Doch wozu schreiben, wenn das, was man schreibt, von niemandem gelesen wird? "Ich kann mich der Welt nicht zeigen, und kann auch Euch die Welt nicht zeigen, wie ich sie meinem Verständnis nach beschreiben sollte; soll aber etwas gelesen werden, so muss es nach dem Geschmack des Lesers sein und nicht der Autorin. Ist das nicht merkwürdig?" Doch zu schweigen ist keine Option, da dies bedeutet, vor dem Teufel zu kuschen, "denn der möchte uns fein still haben, um uns bei sich zu halten, still und stumm will er uns, damit jedwedes Einflüstern von ihm uns entzücke. Still, stumm und eingesperrt, so sind wir Vieh auf direktemn Weg zum Schlachthaus."

Cristina Morales, 1985 in Granada geboren, zeichnet Teresa von Ávila als höchst eigenwillige Frau, als  Kämpferin mit Humor und viel Sinn für Ironie. So findet sie ihren Vetter schlauer als den Teufel, doch das kann man nicht sagen, denn dafür könnte man bei lebendigen Leib verbrannt werden, "und darum werde ich sagen, María de Ocampo ist schlauer als eine Teufelin. Über Teufelinnen gibt es meines Wissens keine Theologie."

Die als Mystikerin bekannte Teresa gründete Klöster, schrieb wesentliche Werke, und hatte dauernd gegen Widerstände anzurennen, da in der damaligen Zeit (sie lebte von 1515 bis 1582) von den Frauen erwartet wurde zu schweigen. Doch sie wehrt sich: "Verdammte Mässigung, Vater! War Jesus etwa massvoll, als er verkündete, die Götter der Römer seien falsche Götter, war er massvoll, als er die andere Wange hinhielt, war er massvoll, als er die Händler aus dem Tempel vertrieb?"

Wer wie ich sich von diesem Werk Aufschlüsse über die Mystikerin Tersea erwartet bzw. erhofft hat, wird wohl etwas enttäuscht sein, doch dafür lernt man eine politische Teresa kennen, die vermutlich vor allem mit der Weltsicht der Autorin zu tun hat, schliesslich sehen wir die Dinge nicht, wie sie sind, sondern wie wir sind.

Die politische Teresa beweist Mut. Und sie ist radikal. "Nicht Armut, Pater Garcia. Radikale Armut. Nicht Verzicht auf Privateigentum, Verzicht auf jegliches, auch gemeinschaftliches Eigentum. Nicht um Almosen betteln, sondern hoffen, dass jemand zum Kloster kommt, um sie zu geben. Und wenn nichts kommt oder wenn nicht genug kommt, dann und nur dann arbeiten und diese Arbeit verkaufen, und der erhaltene Lohn geht an die Gemeinschaft, ohne Ansicht, von wem das Werkstück war."

Diese radkilae Sicht der Dinge steht einer Mystikerin wohl an, deren Einsichten ihr vor Augen geführt haben, dass die Welt, wie sie sie erlebt, falschen Autoritäten gehorcht. Die logische Folge ist, und davon handelt dieses Werk hauptsächlich, gegen die herrschenden Konventionen und für eine andere, gerechtere Welt zu kämpfen.

Revolutionäre unterscheiden sich bekanntlich selten von den Diktatoren, die sie bekämpfen. Teresa von Ávila ist anders. "Ich will niemandes Königin sein, nur von mir selbst. Mich so zu wollen, ist mich ganz zu wollen, Diego. Ganz und besser."

Cristina Morales
Letzte Tage mit Teresa von Ávila
Matthes & Seitz Berlin 2026

Sonntag, 29. März 2026

The Power of the Mind

Abgesehen von der Unsitte, ein deutsches Buch mit einem englischen Titel zu versehen, ist dies ein verständlich geschriebenes, gelungenes Werk. Einleitend legt die Autorin, die im schwedischen Linköping lehrt, Grundlegendes dar: Die Politik ist "zum grössten Teil eine Inszenierung geworden." Dank der Medien, wie ich gleich hinzufügen will. So neu ist das übrigens nicht: Mein eigenes Werk Inszenierte Wahrheiten erschien bereits 2011. Zu dieser Inszenierung gehören wesentlich die Gefühle. "Emotionen sind in der modernen Welt weniger ein innerer Kompass als vielmehr ein Marktwert. Emotionen werden dargestellt, geteilt und gezielt manipuliert."

Der Mensch wusste zwar noch nie, wer er ist, doch seit die Unübersichtlichkeit täglich zunimmt, weiss er es noch weniger, was sich auch darin manifestiert, dass psychische Erkrankungen und Störungen auf dem Vormarsch sind. Was Rebecca Böhme angesichts dieser Situation beschäftigt, ist die Frage, "wie wir erkennen, was aus dem Lot geraten ist, und wie wir mit eigener Kraft gegensteuern können. Nicht allein, um unser eigenes Wohlbefinden zu steigern, sondern auch, um Kräfte freizusetzen, die das Leben vieler verbessern – unser eigenes ebenso wie das unserer Mitmenschen." Ein ziemlich hoher Anspruch!

Die meiste Zeit unseres Lebens sind wir auf Autopilot unterwegs. Es gibt allerdings einen kleinen Zwischenraum zwischen Reiz und Reaktion, in dem wir Entscheide treffen können. Zur Illustration: Für den Alkoholiker ist dies die Zeitspanne zwischen dem Ergreifen des Glases und dem ersten Schluck. Rebecca Böhme: "Wenn wir diesen Raum erkennen, dann können wir wirklich wählen, dann können wir wirklich wirksam sein und etwas tun."     

Sehr schön arbeitet die Autorin heraus, dass das Hirn kein neutraler Beobachter der Wirklichkeit, sondern ein Vorhersageorgan ist. Es ist antizipatorisch unterwegs, rennt uns dauernd davon, was auch dazu beiträgt, dass wir selten geistig da sind, wo wir uns physisch gerade befinden. Vorhersageorgan meint konkret: Das Gehirn nutzt sein Vorwissen und seine Erwartungen über die Welt, um sie zu verstehen. Anders gesagt: Wie wir die Welt sehen, wird bestimmt von dem, was wir wissen und erwarten. We do not see things as they are, we see things as we are, heisst es im Talmud.

"Wir können innere Autonomie und geistige Unabhängigkeit nur erreichen, wenn wir lernen, die Inhalte unserer Aufmerksamkeit bewusst wahrzunehmen, zu erkennen, und zu sortieren." Rebecca Böhme nennt dies Bewusstseinskultivierung, also "deine innere Landkarte aktiv und zielgerichtet zu gestalten." Das verlangt Übung, viel Übung.

Mich erinnert das übrigens an Sherlock Holmes, der der Auffassung war, dass das Aufnahmevermögen unseres Hirns begrenzt ist, weshalb wir denn auch gut überlegen sollten, welches Wissen uns dienlich und welches vollkommen unnütz ist.

Rebecca Böhme erläutert Begriffe wie Priming oder Framing, zitiert Studien, setzt sich kritisch mit den sozialen Medien, NLP oder dem Hype des maschinellen Gedankenlesens auseinander. Sie tut, was man an Universitäten eben so tut. Erfreulich und erfrischend ist, dass sie sich auch mit ihren persönlichen Erfahrungen einbringt.The Power of the Mind ist ein nützliches Buch.

In Anlehnung an Shunryu Suzukis Beginner's Mind weist die Autorin unter anderem darauf hin, dass es wesentlich auf die Geisteshaltung ankommt. Wer Offenheit anstrebt, muss lernen, seinen Geist zu leeren. "Es beginnt damit, jedem Moment frisch zu begenen, auch wenn du glaubst, ihn schon tausendmal erlebt zu haben. Doch in Wirklichkeit hast du das nicht, selbst, wenn es schon viele ähnliche Momente gab. Etwas ist immer anders, du bist immer anders."

Kognitives Verstehen genügt jedoch nicht, wir müssen erfahren, dass alles (inklusive unser Ich) in ständigem Fluss ist. Erfahren lässt sich etwa Atmung, Herzschlag und Verdauung, die alle ohne unsere bewusste Einflussnahme funktionieren. Sich dessen bewusst zu werden, hat das Potential unsere Wahrnehmung (von uns selbst, dem Leben und der Welt) zu verändern.

Die Autorin meint: "Gönne dir regelmässig einen Moment, in dem du dich fühlst, in dich hineinspürst. Deinen inneren Vorgängen folgst, spürst, wie du atmest, wo sich alle deine Glieder befinden, wie dein Herz von sich aus schlägt." So sinnvoll ich das auch finde, es ist eine Folgerung, die niemandem weh tut, niemanden aufstört und wohl kaum Konsequenzen haben wird. Mir ist das zu wenig. Ich will mehr als nur ein paar Momente. Deshalb übe ich.

Hier noch mein Lieblingssatz: "Die Natur, die wir selbst sind, in sich spüren, sagt mein Vater, der Philosoph Gernot Böhme." Je öfter desto besser.

Fazit: Ein gutes Buch, reich an vielfältigen Einsichten, die allerdings nur hilfreich sind, wenn sie auch umgesetzt werden. Und das geschieht, jedenfalls gemäss meiner Erfahrung, eher selten ...

Rebecca Böhme 
The Power of the Mind
Was die Kraft unseres Denkens bewirken kann
C.H. Beck, München 2026

Mittwoch, 25. März 2026

Die Kunst des metaphysischen Trinkens

Ivo Murcks, Sachbuchautor mit Spezialgebiet Biografien, sagt von sich: "Nein, Hegel bin ich nicht. Ich könnte es aber sein ...", schliesslich ähnelt er ihm: "Grämlicher Gesichtsausdruck, trüber, spähender Blick, die Augen hervorquellend vom Genuss zu vieler alkoholischer Getränke, die ihm explosive Blähungen einbrachten ...". Dazu kommt: "Hegel wollte das Leben mit einer Ordnung überziehen, in der alles an seinem Platz war und sich selbst genügte. Das wollte ich auch, hatte aber nicht die Mittel dazu."

Was tut der Mensch, wenn er nicht mehr weiter weiss? Er besinnt sich auf seine Stärken, so er denn welche hat, und gibt sich in der Folge seinen Gewohnheiten hin, zu denen im Falle von Ivo Murcks das Schreiben von Biografien gehört. Eines Morgens ("Ich fühlte mich auf befremdliche Weise energiegeladen.") nimmt er die Arbeit an Hegels Biografie auf.

"Egal wie man aussieht, egal wie man heisst – man wird sich nicht los. An dieser profunden Einsicht, für die andere zwanzig Semester studieren müssen, um sie dann doch knapp zu verfehlen, merkte ich, dass ich noch gut in Form war." Es sind solche Sätze (und es gibt viele davon), die mir dieses Werk zu einem Lesegenuss erster Güte machen.

Es  gab offenbar zwei Hegel. Einerseits den Abenteurer des Geistes, andererseits den biederen Bürger, dem der massvolle Umgang mit Alkohol nicht gegeben war, was natürlich durchaus einleuchtend (was uns nicht alles einleuchtet!) rationalisiert wird. "Alle wirklich edlen Getränke, ausser dem unverzichtbaren Quellwasser, haben Alkohol in sich; ich weiss das zu schätzen, besonders wenn die Stunde vorgerückt ist."

 Autor Böhmer bringt uns jedoch nicht nur Hegel näher, sondern klärt auch über allerlei Grundsätzliches auf, wie etwa, dass Psychiater sich ja nicht nur um die Schäden ihrer Patienten, sondern auch um ihre eigenen kümmern müssen, oder dass es Universitäten aufgegeben ist, Berufsleute heranzubilden wie "Lehrer, Pfarrer, Ärzte und Juristen, die sich nicht mehr Gedanken machen als nötig."

Und so nebenbei erfahren wir auch, dass dem Autor die Meditation dasselbe bedeutet wie Nichtstun, und sich seine Achtung vor der Psychotherapie in überschaubaren Grenzen hält. "Erwähnte ich schon, dass ich es nicht mag, wenn man sich die Seele wie eine benutzerdefinierte Apparatur vorstellt, auf der man nur die richtigen Knöpfe drücken muss, und sie erbringt ihre Leistung?" Sehr schön, diese wohl kaum mehrheitsfähigen Auffassungen.

Konträr zur damals gängigen Auffassung auch Hegel. "Die Wirklichkeit ist das Denken, zumindest macht das Denken ihr Wesentliches aus. Ohne das Denken ist die Wirklichkeit zwar vorhanden, aber sie wird nicht gewusst und zählt eigentlich nicht. Erst die vom Geist durchdrungene Wirklichkeit ist wahre und vernünftige Wirklichkeit."

Hegel, einst Hauslehrer in Bern, war wenig beeindruckt von den Schweizer Alpen, fühlte sich eingeengt, obwohl er durchaus erkannte, "dass es eine Grossartigkeit in der Natur gibt, die das gewöhnliche Auffassungsvermögen übersteigt."  Nur eben: Er ist für die Natur nicht geschaffen. "Der Anblick dieser ewig toten Massen, gab mir nichts als die einförmige und langweilige Vorstellung: Es ist so." Was bescheideneren und nüchterneren Geistern genügen mochte, reichte dem Philosophen Hegel jedoch nicht, dessen Geist "erst im Denken, endgültig, zu sich selbst kommt."

Eloquent und sehr, sehr lustig, reich an erhellenden Einsichten, gescheit und selbstironisch, versetzt Otto A. Böhmer Hegels Leben und Werk in die Gegenwart, die vor allem dadurch auffällt, dass sie der Demut Adieu gesagt hat und glaubt, sich selber zu genügen. Darein passt auch bestens der ein Leben lang schwäbelnde Weintrinker Hegel, der "nach eigener Einschätzung zum einflussreichsten deutschen Philosophen wird" und dessen Hegel-Prinzip "über das Wirkliche das Denkbare setzt."

Das Leben zu verstehen, bedeutet, es leicht und mit Humor zu nehmen. Das finde ich vielfältigst dargestellt in diesem lebensweisen Buch.

Otto A. Böhmer
Lebt denn der alte Hegel noch?
Die Kunst des metaphysischen Trinkens
der blaue reiter, Hannover 2026

Sonntag, 22. März 2026

I'd rather not

 
Zurich, Rieterpark, June 2012

Integration has become one of these terms that are rarely questioned. Most of us think it normal that foreigners who wish to live in the country we grew up in need to adapt to "our" system. As far as I'm concerned, 'though not a foreigner in this country, I'd rather not.

As a young man I could never imagine to become a valuable member of a social system that I deemed not only unfair (it favoured the ruthless, the inconsiderate, the indecent) but totally unattractive (it rewarded the vain, the egomaniacs, the spiritually empty).

The heroes of my youth were sportsmen, rock musicians, underground poets, the ones that I then perceived as outsiders. I never imagined them to become valued members of society ... but they did and nowadays hold opinions about pretty much everything that prevents us from having a life of our own.

Societal pressure was strong and not without promise. Why I did not succumb to it like most of the sportsmen, rock musicians, and underground poets of my youth. I guess it's to do with personality.

Personality is what we come to life with. It is not something we choose and thus not something we can be proud of. What makes us the ones we are we are not responsible for. Nevertheless, we do have the ability to go along with it or to fight it.

Most people, it seems to me, do not indulge in such ponderings. I do not have the foggiest idea why I do so but I'm very much in tune with it.

Mittwoch, 18. März 2026

On Gratitude

Santa Cruz do Sul, 13 February 2026

The understanding that to practise gratefulness is necessary for living a good life came to me late for I had misused my intellect to prevent myself from true and simple insights that, it seemed to me, did not  do justice to my complex and complicated nature.

Yet when, finally, I started to identify what I could be grateful for something inside me changed profoundly. I'm, for instance, immensely grateful  for having had my parents, for having survived brain surgery, for having fallen in love etc.  I'm however also grateful for being a container for a heart that beats, for breathing in and breathing out, for having thoughts and emotions that hardly ever make sense (and they don't have to, they only need to be experienced).

To see life this way only became possible once I let go of my old ideas that insisted on understanding and making sense according to my cause-and-effect way of thinking. This thinking is fine for organising your daily chores, for going through the day. It is however less than useful when trying to experience reality.

I'm particularly grateful for the moments that are not dominated by my conditioned self.

It's all a miracle. Thank you for this delightful dream!