Sonntag, 19. April 2026

Die Parallelwelten des Philip K. Dick

Emmanuel Carrères  Roman über das Doppelleben von Jean-Claude Romand gehört zu meinen intensivsten Leseerlebnissen überhaupt, und Philip K. Dicks Definition der Realität ("Reality is that which, when you stop believing in it, doesn't go away") hat sich in meinem Gedächtnis eingebrannt. Eine bessere Ausgangslage, um mir Emmanuel Carrères Biografie von Philip K. Dick vorzunehmen, ist schwer vorstellbar.

"Die Parallelwelten des Philip K. Dick" zeigten sich bereits im Alter von 14, als seine Mutter zum Schluss kam, "dass der Schulfrust, die Introvertiertheit und die Angstattacken ihres Sohnes wohl der Dienste eines Psychiaters bedurften." Diese Behandlung riss bis zu seinem Lebensnede nicht mehr ab, wobei die amerikanische Sichtweise des Freudianismus auf die Anpassung an die sozialen Normentisch abzielte und "weniger auf Selbsterkenntnis und Selbstannahme einschliesslich persönlicher Absonderlichkeiten." Es sind nicht zuletzt solch erhellende Erkenntnisse (europäische und amerikanische Therapieauffassungen differieren zum Teil erheblich), die die Lektüre lohnen.

Philip K. Dick scheint schon früh zweigeleisig unterwegs. "So wie jeder war Phil während des Kriegs Patriot gewesen, doch die Propaganda von Goebbels hatte ihn ebenso fasziniert." Carrère charakterisiert ihn als glänzenden Unterhalter, der "mit derselben Überzeugung radikal entgegengesetzte Meinungen" vertreten konnte. "Nichts stand je fest, nichts war endgültig oder sicher." Es mutet eigenartig an, dass Dick angesichts dieser Erkenntnis, in seiner binären Logik gefangen blieb.

In unseren durchgeknallten Zeiten, wo jedem und jeder klar sein dürfte, dass der Mensch kein zivilisiertes Wesen ist (man schaue sich "unser" Führungspersonal an), vergisst man allzu leicht, dass wir schon immer von den absolut Ungeeignetsten angeführt wurden, wie auch Carrères Schilderung von Nixon deutlich macht. und auch die damaligen Zeiten waren nicht so verschieden von den heutigen. "In dem Polizeistaat, den er in den USA schleichend entshehen sah, war Widerstand seiner Meinung nach nur von den Freaks zu erwarten. Die politische Opposition steckte wie immer unter derselaben decke und liess sich manipulieren."

Philip las viel in jungen Jahren, und querbeet. "Dostojewski, Lukrez, die Protokolle der Nürnberger Prozesse, deutsche Lyrik, deutsche Philosophie, Science Fiction und Psychoanalyse, dabei vor allem Jung, dessen gesammelte Werke er mit jedem Einzelband zusammenkaufte, der in der grossen Bollingen-Ausgabe erschien." Begeistert war er offenbar auch von Thomas Manns Doktor Faustus, den ich mir unverzüglich herauslege, obwohl meine bisherigen Versuche damit wenig gefruchtet hatten.

Zu den für mich aufschlussreichsten Passagen dieses ungemein detaillierten Buches, das auch eine immense Fleissarbeit darstellt, gehören Carrères Ausführungen über das I Ging, auch Das Buch der Wandlungen genannt. "Es beschreibt keine fixen Zustände, sondern die in ihnen wirkenden Tendenzen. Es weiss, dass jeder Augenblick vorübergeht, dass jeder Höhepunkt schon den Niedergang ankündigt und jedes Scheitern den künftigen Sieg.. Den, der im Dunkeln tappt, lehrt es, dass das Licht wiederkehrt, den, der unter der Mittagssonne jubelt, dass die Dämmerung schon eingesetzt hat, und den weisen Mann die feinsinnige Kunst, sich vom Lauf der Dinge tragen zu lassen wie ein leeres Boot vom Fluss."

Man könne, so Carrère, das I Ging auf zwei Arten benutzen – als Weisheitsliteratur oder als Wahrsagetechnik. Dick trachtete nicht nach Weisheit, er wollte das Passwort für die Erlösung. Amerikaner sind praktische, pragmatische Leute; geduldiges Üben scheint nicht so ihr Ding. Wesentliche Einsichten hatte Dick gleichwohl. "Ich glaube, dass sich uns unmittelbar nach dem Tod endlich die höchste Wirklichkeit zeigt. Wenn das Spiel vorbei ist, werden die Karten endlich umgedreht werden, und wir werden erkennen, was wir bis dahin nur geahnt oder verschwommen im Spiegel gesehen haben. Genau das sagt Paulus. Genau das sagt das Bardo Thödröl. Genau das sagt auch Pu der Bär: Wir sehen uns in einer anderen Ecke des Waldes wieder, und er wird immer noch einen kleinen Jungen und einen Bären geben, die miteiander spielen."

Dick litt unter Ängsten und Panikattacken und war ein Kontrollfreak erster Güte, was auch seine Ehefrauen in die Flucht trieb. Dass er dachte wie er dachte,  empfand wie er empfanwar wohl nicht zuletzt der Abhängigkeit von diversen Pillen geschuldet. "Serpasil gegen Herzrasen, Semoxydrin gegen seine Platzangst, Benzedrin, um sein Gehirn zu stimulieren, und noch ein paar Kleinigkeiten, um die Nebenwirkungen der Hauptmedikamente zu behandeln." Dass ein solcher Drogencocktail die Wahrnehmung verändert, weiss jeder, dem Drogen nicht unvertraut sind. Ob zum Guten oder Nicht-So-Guten ist natürlich eine andere Frage. Jedenfalls: Dicks Visionen paralleler Wirklichkeiten scheinen auch drogenfreiern Köpfen plausibel.

Ich lebe und ihr seid tot zeigt auch, dass Dick vieles vorweg nahm, das heute ganz besonders aktuell ist, wie etwa die Diskussion über die künstliche Intelligenz. An deren Anfang stand der englische Mathematiker Alan Turing, einer der Ertfrinder der modernen Informatik, der vorschlug, "sich bei der Frage, ob eine Maschine wie ein Mensch denken kann. auf ein einziges Kritewrium zu beschränken: Ist sie in der Lage, einem Menschen vorzumachen, dass sie denkt wie er, oder nicht?"

Eien Biografie ist letztlich immer auch eine Biografie des Biografen, da sich dieser (und ganz speziell im Fall von Emmanuel Carrère) auch differenziert mit sich selber bzw. seiner eigenen Art und Weise, die Dinge des Lebens zu sehen, auseinandersetzt. Der Autor praktiziert in diesem frühen Buch (als die französische Originalausgabe 1993 erschien, war der heute 69Jährige 36 Jahre alt), was er in all seinen Büchern praktiziert: Eine überaus intensive, existenzielle Selbst- und Lebenserfoschung.

Fazit: Hoch reflektiert, überzeugend dargestellt sowie vielfältig anregend.

Emmanuel Carrère
Ich lebe und ihr seid tot
Die Parallelwelten des Philip K. Dick
Matthes und Seitz Berlin 2025

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