Mittwoch, 8. April 2026

Antoine will Alkoholiker werden

Als Kind wollte Antoine Bugs Bunny werden, später dann wurde Vasco da Gama sein Idol. "Doch die Studienberaterin bat ihn, Fächer zu wählen, die auf den Dokumenten des Ministeriums aufgelistet waren. (...) Antoine hatte nie die willkürliche Trennung der Fächer begreifen können: Er nahm an Vorlesungen teil, die ihn – ganz gleich, in welcher Disziplin – interessierten, und gab die auf, deren Professoren inkompetent waren." Wunderbar! Genau wie es so recht eigentlich normal sein müsste ...

Antoines Leben in einer Welt, "in der die öffentliche Meinung auf Antworten zu Meinungsumfragen eingeengt wird", ist mehr als nur unbefriedigend. Schliesslich hat er den Verstand als Ursache seines Unglücks ausgemacht. Folgerichtig entschliesst er sich, aufs Denken zu verzichten. Doch wie soll er das bewerkstelligen?

Alkohol könnte die Lösung sein, denkt es so in ihm, da ihm das Denken betrunkener Menschen (er selber hat noch nie einen Tropfen Alkohol angerührt), "leicht und unbekümmert gegenüber der Realität" vorkommt. "Der Rausch schien ihm das ideale Mittel zur Unterbindung jeder Anwandlung von Reflexion." Er will lernen, wie man Alkoholiker wird, beschliesst, sich kundig zu machen, sucht eine Bar auf, wo er auf einschlägige Profis hofft.

Er trifft auf Léonard, den er mit einem bescheuerten Zitat von Malcom Lowry ("Die Ursache des Alkoholismus sind die Hässlichkeit und die verwirrende Sterilität der Existenz.") zu beeindrucken sucht, doch Léonard macht damit  kurzen Prozess und fordert Antoine auf, selber zu reden als mit Zitaten um sich zu schmeissen. Viel mehr, als dass er dauernd deprimiert ist, weiss Antoine allerdings nicht zu sagen, fügt dann aber hinzu: "Ich will ein banales Gespenst werden. Ich bin es satt, Gedankenfreiheit zu haben, Wissen zu besitzen, mit meinem Bewusstsein herumzuspringen!"

Nur eben: Alkoholiker wird man nicht per Beschluss. Genauso wenig wie man abstinent wird, indem man sich das einfach so vornimmt. "Ersatzweise entschloss er sich, Selbstmord zu begehen." Dass daraus nichts werden wird, ergibt sich jedoch bereits aus der Existenz dieses Romans, trotz berühmter Vorbilder, die er auflistet, wie Virginia Woolf, Seneca, Debord, Cato Uticensis, Sylvia Plath, Demosthenes, Kleopatra, Lafargue ...".

Nach dem Genuss eines halben Glases Bier erleidet Antoine ein Alkoholkoma, wird ins Hospital eingeliefert, wor er mit einer Frau ins Gespräch kommt, die unzählige fehlgeschlagene Selbstmordversuche hinter sich hat und ihn mit einer Telefonnummer versorgt, die ihn zu einer Adresse führt (in einem Haus, das Arztpraxen sowie die Anonymen Alkoholiker beherbergt), wo man unter kundiger Führung zum Selbstmord angeleitet wird. Dabei geht ihm auf, dass er zwar nicht leben, aber eben auch nicht sterben will.

Antoine oder die Idiotie handelt jedoch nicht allein vom vergeblichen Versuch, Alkoholiker zu werden, sondern davon, dass Intelligenz nicht unbedingt hilfreich ist, wenn man ein gutes Leben leben möchte. "Diejenigen, die glauben, dass die Intelligenz etwas Nobles darstelle, besitzen davon mit Sicherheit nicht genug, um zu begreifen, dass sie ein Fluch ist." und so versucht er, seinen Verstand loszuwerden. Und so wird er Börsenmakler ...

Mein Lieblingsstelle handelt von Antoines Freund Aslee, einem Samoaner, der von Antoine As genannt wird, was auf samoanisch 'Wasser von den Bergen' heisst. As "hatte einen erstaunlichen Charakter. Die Gründe dafür lagen in seiner Kindheit." Die Firma Nestlé hatte sich bei der Babynahrung vertan, und ein Mikrogramm mit einem Kilogramm verwechselt ...

Fazit: Sehr lustig und sehr clever. Ein Lesegenuss erster Güte!

Martin Page
Antoine oder die Idiotie
Roman,
Wagenbach, Berlin 2026

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