Sonntag, 5. April 2026

Reusch rettet die Welt!

"Philosoph oder Kabarettist? – Im Falle von Stefan Reusch würde ich zwischen Kabarettist und Philosoph ein Gleichheitszeichen setzen!", so Siegfried Reusch, Chefredakteur des Journals für Philosophie der blaue reiter sowie des gleichnamigen Verlags, der mit Stefan Reusch "weder verwandt noch verschwägert" ist, wohl eine von Juristen erfundene Kategorie, die den Schluss nahelegt, das unabhängige Urteil sei bei familiären Verbindungen nicht gewährleistet. Ganz so, als ob es das sonst wäre ... Wie auch immer: Siegfried Reuschs Urteil hat meine Sympathie.

Am Rande: Juristen, um ihr Geschäft zu beleben, erfinden häufig überaus Abstruses, wie etwa den mutmasslichen Verdächtigen, und behaupten entgegen aller Lebenserfahrung, jemand habe als unschuldig zu gelten, bevor Juristen ihre Wichtigkeit demonstrieren können. Wer sich die Haftbedingungen einer Untersuchungshaft zu vergegenwärtigen versucht, weiss, dass das unrealistischer kaum sein könnte.

Für Schopenhauer, lese ich, soll der Humor die einzige göttliche Eigenschaft des Menschen gewesen sein. Wie mit vielem anderen, so liegt er auch mit dieser Einschätzung richtig, jedenfalls für mich, der ich mit humorlosen Zeitgenossen (und Zeitgenossinnen) partout nichts anzufangen weiss. Mit anderen Worten: Ich gehe Reusch rettet die Welt! positivst eingestimmt an.

Der Kabarettist lebt von Pointen, er muss originell sein, das ist bei diesen Texten nur allzu offensichtlich. Vorgetragen, so stelle ich mir vor, wirken sie bestimmt besser als wenn man sie wiederholt lesen kann. Allerdings gibt es nicht wenige, denen wiederholtes Lesen bestens bekommt. 

Abgründig und tiefsinnig philosophisch, wie der Verlag diese Texte charakterisiert, wirkten sie auf mich zwar nicht, was vermutlich auch darin liegt, dass ich mir darunter nicht viel vorstellen kann. Humorvoll und satirisch, auch dies die Worte des Verlags, trifft es hingegen gut. Und unbedingt zum Nachdenken und zum  Verweilen anregend, wie ich hinzufügen möchte.

Stefan Reusch fällt auf, was vielen vermutlich gar nicht auffällt. 
"Was es nicht alles gibt: Harndrang. 
Im Fernsehen, in aller Hergottsfrühe, sagt die Kanzlerin\:
'Es geht um mehr Freiheit auf dem Niedriglohnsektor.'"

Es fällt ihm jedoch nicht nur auf, er befasst sich damit und denkt darüber nach. Das ist selten, und so recht eigentlich das, was ein Philosoph tun sollte, so er denn begreifen würde, dass die Quelle unseres Nachdenkens der Alltag sein müsste, denn nur in dem, was wir tagein tagaus tun, zeigt sich, wie wir und was wir wirklich denken.

 Philosophieren bedeutet, Fragen zu stellen, die man eigentlich nicht beantworten kann, da unser Hirn dafür nicht gemacht ist. Philosophieren heisst aber auch, unser Hirn in Gang zu bringen (Geh-irn, in der Schreibweise von Stefan Reusch) und was wäre dafür geeigneter als Fragen. Etwa: "Haben Tiere Vernunft? Haben Tiere Seele? Oder sind die genauso wie wir? Gute Fragen." Auf gute Fragen, das wissen wir, gibt es keine Antworten. Stefan Reusch weiss es besser: Gute Fragen sind Antworten.

Wie es so meine Art ist, markiere ich die Stellen, die mir besonders gefallen. Bei Reusch rettet die Welt! merke ich jedoch schon bald, dass sich das nicht empfiehlt, da ich so Gefahr laufe, fast das ganze Buch zu unterstreichen. Erwähnen will ich deshalb nur gerade zwei meiner vielen Highlights, die mich nicht nur Tränen lachen machen (ganz besonders "Luxus ist geil!" – "Die drei Säulen der katholischen Kîrche sind Pomp, Protz und Prunk. Katholische Kirhce ohne das nennt man evangelische Kirche." – und "In Hessen fühlt sich jeder fremd."), sondern auch aufmerken lassen, da sie mir noch gar nie Bedachtes ins Bewusstsein rücken. "Und wie alles Geschützte ist Heimat als Ort wie als Begriff humorlos, aufmerksam, überwach."

Nicht wenige von Reuschs Sätzen sind preiswürdig ("Wir sind mit Angela Merkel auf der Suche nach der verlorenen Mundwinkelkonstante."), doch was diese Texte für mich vor allem ausmachen, ist das Neben- und Miteinander von ganz Unterschiedlichem. Etwa von der digitalen Idiotie zum Wesen des Lachens. "Der Lachende hat ja keine Kontrolle, das Lachen bricht förmlich aus ihm heraus, er selbst lacht eigentlich gar nicht, er ist nur der Schauplatz, das Gefäss, aus dem es lacht   er ist kein Täter, er ist Tatwerkzeug. Da, wo er ganz nah bei sich ist   das sagt man heute so  , ist er am wenigsten zurechnungsfähig. Da bleibt ihm nur zu hoffen, dass das Lachen gesund ist."

Die meistenTexte in diesem Band sind erschienen in der blaue reiter Journal für Philosophie. Bessere Werbung für dieses Journal kann man sich eigentlich nicht vorstellen!

Reusch rettet die Welt! handelt von den verschiedenartigen Weltanschauungen des Homo Sapiens, der entschieden mehr Homo als Sapiens ist, sich selber zwar für zivilisiert hält, die meisten anderen jedoch nicht. Was Zivilisation sein müsste, um den Namen zu verdienen? "Die eigene Meinung zu überdenken. Sich von ihr zu trennen. Falls nötig."

Fazit: Scharfsinnig, unterhaltsam, erhellend und wunderbar selbstironisch.

Stefan Reusch
Reusch rettet die Welt!
Philosophie für alle und keinen
der blaue reiter, Hannover 2025

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