Er lügt wie ein Augenzeuge, besagt ein russisches Sprichwort. Ciara Greene und Gillian Murphy, die beiden Autorinnen dieses Buches sehen das zwaretwas, aber eben doch nicht so ganz anders, und zwar aufgrund der aktuellen Gedächtnisforschung.
"Wenn Fehlleistungen unseres Gedächtnisses fatale Folgen haben, dann oft nicht deshalb, weil unser Erinnerungsvermögen so schlecht ist, sondern weil wir ihm unrealistische Erwartungen entgegenbringen und meinen, dass es wie eine Videokamera funktioniert, und nicht wie eine Rekonstruktion. Zeugen, Polizeibeamte oder Gerichte haben oft zu viel Vertrauen in das menschliche Gedächtnis, und verlangen ihm völlig unrealistische Dinge ab."
Was unser Gedächtnis zu leisten imstande ist (und was nicht) erläutern die Psychologinnen Ciara Greene und Gillian Murphy in diesem faszinierenden und nützlichen Werk. Wie wir das Gedächtnis verstehen, hängt nicht zuletzt vom Stand der Forschung ab, und diese geschieht nicht einem luftleeren Raum, sondern in einem sich verändernden sozialen Umfeld. "Wir beschäftigen uns mit der Frage, wie Erinnerungen erlebt werden und wie sie das menschliche Verhalten beeinflussen." Dabei nehmen sie Bezug auf ganz viele Studien, machen ganz viele Unterscheidungen und weisen uns auf psychologische Begriffe hin, wie etwa die Quellenamnesie. "Wenn andere uns ein Ereignis beschreiben, kann es schwierig sein, uns an die Quelle der Information (unsere eigene Erfahrung, die Schilderung anderer, unsere Phantasie?) zu erinnern."
Die Vorstellung, wir würden aufmerksam durchs Leben gehen, führt zu Fehlschlüssen. Zu den Phänomema, die psychologische Untersuchungen zu Tage gefördert haben, gehört auch die sogenannte "Aufmerksamkeitsblindheit", was meint, dass wir nur wahrnehmen, worauf wir uns konzentrieren und alles andere nicht. Das Gegenstück dazu bildet das "Aufmerksamkeitsdefizit", bei dem die vielen Nebensächlichkeiten die Konzentration auf die Hauptsache erschweren. Das fühlende Gedächtnis liefert ganz viele solcher Informationen und trägt somit dazu bei, den gängigen Selbstbetrug (von dem wir allzu oft gar nichts wissen) zu verringern.
Meist sind wir auf Autopilot unterwegs, folgen als einem vertrauten Schema. So nützlich das auch ist, es kann auch zu fatalen Fehlern führen. Dass Eltern ihr Kind im überhitzten Auto sitzen lassen, weil sie mit etwas anderem beschäftigt sind, erklären sich Gedächtnisforscher mit einer falschen Erinnerung gemäss welcher "sie ihr Kind an diesem Tag im Kindergarten abgeliefert haben."
Vom derzeitigen amerikanischen Präsidenten wissen wir (so wir den einschlägigen Medien vertrauen), dass er zumeist mit dem einig geht, was ihm der letzte Besucher erzählt hat. Damit ist (oder wäre) er allerdings keine Ausnahme. Der Fall des Australiers Donald Thomson, der eine Frau vergewaltigt haben sollte, jedoch zur Tatzeit einen Fernsehauftritt hatte, welchen die vergewaltigte Frau gesehen hatte, zeigt wieder einmal, dass die Realität viel aberwictziger ist als was man sich vorstellen kann.
Unser Hirn wählt aus, füllt Leerstellen aufgrund von Annahmen über das, was passiert ist. Anders gesagt: Unser Hirn ist höchst kreativ, seine Funktionsweise steht im Dienst unseres Überlebens. Und genau deshalb ist Das fühlende Gedächtnis zu empfehlen: es erlaubt uns einen nüchternen Blick auf die Realität. Und macht darüber hinaus deutlich, wie wenig wir eigentlich wissen
Man kann es nicht genug betonen: Unser Gedächtnis ist kein perfektes Archiv, es ist nicht statisch, sondern in dauernder Bewegung und kann sich auch an Ereignisse erinnern, die gar nie passiert sind. Ein überaus dramatisches Beispiel ist Billy Wayne Cope, der 2001 bechuldigt wurde, seine 12jährige Tocher vergewaltigt und getötet zu haben, obwohl er es nachweislich nicht gewesen war. Doch der nicht immer so gesunde Menschenverstand insistierte, dass niemand ein Verbrechen gesteht, das er nicht begangen hat. Man hüte sich vor dem gesunden Menschenverstand!
Fazit: Eine überaus hilfreiche und sympathische Einführung in die Funktionsweise unseres Gedächtnis, dazu geeignet, unser Selbstbild der Realität anzupassen.
Ciara Greene & Gillian Murphy
Das fühlende Gedächtnis
Wie unser Gehirn Erinnerungen überschreibt
– und warum das lebenswichtig ist
C.H. Beck, München 2026

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