Mittwoch, 27. Mai 2026

Die schöpferische Kraft der Blumen

Womit auch immer wir uns beschäftigen, die Erkenntnisse, die wir dabei gewinnen ähneln sich, geht mir durch den Kopf, als ich lese: "Innovationen entstehen durch Zusammenarbeit und Zusammenführung, nicht durch einsame Genies. Oder vielleicht kann man sagen, Genie heisst, wie ein geschickter Weber zu erkennen, welche Fäden verknüpft und verbessert werden müssen. Genau das träfe auf die Evolution der Blütenpflanzen zu. Es gibt nicht die eine biologische Erfindung, die die Pflanzenwelt revolutioniert hat. Vielmehr wurden die vorhandenen Strukturen und ökologischen Beziehungen zu neuen Mustern verwebt und mit ein paar Stickereien aufgepeppt."

Auf diesem Hintergrund sind unsere Zuschreibungen, die einzelnen Personen aussergewöhnliche, ja geradezu einzigartige Fähigkeit andichten, nicht nur absurd, sondern geradezu lebensfeindlich. Als ein japanischer Physiker, der zusammen mit einem amerikanischen Kollegen, den Nobelpreis gewonnen hatte, gefragt wurde, ob er stolz darauf sei, antwortete er sinngemäss. Nein, sei er nicht, denn was sie beide entdeckt hätten, habe der Entdeckung geharrt und hätte von irgendjemandem entdeckt werden können. Und als der Astronaut Matthias Maurer instruiert wurde, wie man Gesteinsbrocken auswählt, lernte er, dass sowohl die aussergewöhnlichen wie auch die gewöhnlichen und nicht zuletzt die Übergänge, wo sie gefunden werden, wichtig seien.

Wie bei Akademikern üblich (der Autor ist Professor für Biologie und Umweltwissenschaften) werden zuerst einmal Begriffe geklärt: Unter Blütenpflanzen versteht er die, welche ihre Samen mit einem Fruchtknoten schützen. "Die Blüten sind die Fortpflanzungsorgane der Blütenpflanzen und perfekt ausgestattet. Sie locken Bestäuber an, sorgen dafür, dass sich Ei- und Spermazellen vereinen und schenken dem Embryo die notwendige Fürsorge. Blütenblätter. Pollen. Einzellen. Frucht. All das gehört zu einer Blüte."

Mein eigener Bezug zu Pflanzen besteht darin, dass ich fast jeden Tag  die eine oder die andere fotografiere, in den  meisten Fällen, ohne zu wissen, um was für Blumen es sich handelt. Mich fasziniert die Schönheit, die Ästhetik. Die schöpferische Kraft der Blumen  deshalb fotografiere ich sie. Laut Alain de Botton handelt es sich hierbei um eine Alterserscheinung; jungen Männern würden Blumen nicht auffallen.

Ich verspreche mir von diesem Buch eine Horizonterweiterung – und die kriege ich auch. So habe ich mir über den Duft der Blumen bisher keine Gedanken gemacht. "Für die Pflanzen sind die Aromen wie eine Sprache." Und wie jede andere Sprache auch, können sie je nachdem einladen oder vertreiben, sich anbieten oder sich wehren, täuschen, verführen ... die ganze Palette eben.

Dass auch Gräser Blumen sind, war mir neu. "... statt in die Höhe zu steigen und sich wie die Bäume mit Holz zu verkleiden, bleiben die Gräser mit ihren mageren Körpern am Boden kleben." Ich bin mir gewiss, dass ich Gräser fortan mit anderen Augen betrachten werde.

Die schöpferische Kraft der Blumen ist einerseits Aufklärung über Biologie, geht andererseits jedoch weit darüber hinaus und wird grunsätzlich. Gemäss dem vorherrschenden Narrativ unserer westlichen Kultur ist die Individualität das höchste Gut. David George Haskell macht deutlich, dass der Glaube, der dieses Narrativ informiert, falsch ist.

"Die Fokussierung auf das Individuum verschleiert die Tatsache, dass Individuen ihr Leben und Überleben Beziehungen verdanken. Auch Innovation und Produktivität sind die Frucht von Zusammenarbeit. Es ist unmöglich, eine Grenze zwischen 'ich' und 'wir' zu ziehen. Ohne Gemeinschaft gibt es keine Individuen – es braucht zusammenwirkende Gene, den permanenten Austausch der Zellen im Körper, Energie, die durch Nahrungsnetze fliesst, die Interaktion der Arten."

Im Anhang gibt David George Haskell Anregungen für unseren Umgang mit Blumen. Das reicht vom 'Spielen mit Blumen' über 'Ein Tagebuch mit Blumen' bis zu 'Mit Blumen sitzen'. Mit Letzterem ist gemeint, regelmässig Blütenpflanzen zu beobachten, etwa die Kommunikation zwischen Blüten und Insekten. "Lauschen Sie auf die Geräusche, wenn Insekten oder andere Tiere die Blume besuchen (...) Die Blume verankert sich durch die achtsame Erkundung in unseren Sinnen und unserem Gedächtnis. Wenn Sie das nächste Mal die gleiche Art betrachten, wird ihr Erleben tiefer sein. Dann versenken Sie sich in die einzigartige Persönlichkeit der Blume."

Fazit: Eine überaus hilfreiche Wahrnehmungserweiterung!

David George Haskell
Die schöpferische Kraft der Blumen
Eine Geschichte über die schönsten 
Revolutionärinnen der Evolution
Kunstmann, München 2026

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen