Sonntag, 24. Mai 2026

Cosmic Kiss

Wie wird man eigentlich Astronaut? Was für Eigenschaften und Fähigkeiten muss man da mitbringen? "Was auch passiert, sie müssen negative Emotionen sofort abhaken und sich mit freiem Kopf auf das Bevorstehende konzentrieren." Es sind solch simple, praktische Anleitungen, die mir dieses Buch vor allem wertvoll machen.

Das Auswahlprozedere ist rigoros, "denn der wahre Charakter eines Menschen zeigt sich erst ausserhalb seiner Komfortzone." Eine italienische Höhle, ein Unterwasserhabitat vor der Küste von Key Largo, Winter in der Wildnis in Schwedens Norden, Überleben im Meer an der Südküste Koreas, zusammengewürfelt mit Menschen, die man nicht kennt. Umfassende Gesundheitschecks, bei denen einige auf der Strecke bleiben, unter ihnen auch Maurers Freund Dirk, in dessen Kopf ein bösartiger Tumor entdeckt wurde.

Einmal ausserhalb des 'Raumschiffs Erde' spielt es keine Rolle, ob man Chinese oder Deutscher ist, hingegen zeigen sich bei der Vorbereitung, wie sehr diese auch von politischen und kulturellen Bedingungen geprägt ist. So "werden in China Raumfahrtziele über Jahrzehnte weg definiert. Politischer und wirtschaftlicher Rückhalt sind für eine beschlossene Mission in der Regel garantiert." Davon können Forschende und Astronauten in westlichen Demokratien nur träumen.

Wo auf der Erde könnte man sich am besten für eine Mondmission vorbereiten? Im Nördlinger Ries in Bayern, das schon den Apollo-Astronauten als Testgelände diente, da dort vor 15 Millionen Jahren ein Meteoriteneinschlag eine fast kreisförmige Vertiefung hinterlassen hat, die sich als Studiengelände anbietet, und auf Lanzarote, der Insel der hundert Vulkane. Die Astronauten sollen unter anderem Gesteinsproben zur Erde zurückbringen. "Wenn du Steine von den auffälligen und unauffälligen Stellen sowie von deren Übergängen sammelst, hast du Proben, die repräsentativ für das ganze Gebiet sind", erläutert ein Geologe.

Nach jahrelanger Vorbereitung sind die Astronauten "mehr als entschlossen, die Erde zu verlassen." In der Praxis geht das minutiös durchgeplant vonstatten. "Eine letzte irdische Dusche, ein finaler Snack, ein abschliessender Medizincheck und schon erhielten wir die Anweisung, unsere fensterlosen Schlafräume aufzusuchen, und die Flugunterwäsche inklusive Windel anzuziehen." Der Reiz von Cosmic Kiss liegt nicht zuletzt in des Autors detaillierter Schilderung der Abäufe. Sitzen die Gurte ordnungsgemäss, sind die Stiefel fest in der Halterung eingeklickt? Nichts wird dem Zufall überlassen.

In 400 Kilometer Höhe docken sie dann an die ISS, die internationale Raumstation, welche die Erde dauerhaft umkreist. Dieses Andocken geschieht zwar automatisch, doch es kann immer etwas schiefgehen. Dass Matthias Maurer gerade in diesem Moment immer wieder die Augenlider zufallen und er sich wie kurz vor dem Einschlafen fühlt, "wenn Realität und Traum miteinander verschwimmen", ist nicht gerade ideal, doch als der SpaceX-Fluglotse meldet "Capture confirmed!", ist er plötzlich hellwach.

Auf der ISS ist Maurer dann sehr beschäftigt, 150 internationale Experimente hat er zu bewältigen. So sollen etwa die Leistungsfähigkeit des Herz-Kreislauf-Systems in der Schwerelosgkeit oder die Strahlenbelastung innerhalb der Raumstation gemessen werden. "Mein Tagesablauf ist so minutiös durchgeplant, dass ich mich wie ein Hamster im Laufrad fühle."

Die wohl grösste Herausforderung war, mit der Schwerelosigkeit klarzukommen. Doch wie so oft macht auch hier die Übung den Meister. "Orbit für Orbit gingen mir die Tätigkeiten leichter von der Hand." Auch lernte er, dass die Schwerelosigkeit Vorzüge hat. "Gehen ist out! Wo der Kopf ist, ist oben, und die Füsse weisen immer zum Boden." 

Faszinierend sind auch die körperlichen Veränderungen, da der Organismus sich von Tag zu Tag "wie durch Geisterhand" besser an das Leben ohne Schwerkraft anpasst. So hat etwa die Flüssigkeitsumlagerung einen dicken Kopf und dünne Beinchen zur Folge, die einstmals s-förmige Wirbelsäule ist jetzt kerzengerade, auch bauen sich Muskeln ab, die nicht gebraucht werden.

Der Autor erinnert sich, dass der erfahrene Astronaut Thomas Reiter ihm den Hinweis gegeben hat, ab und zu mal aus dem Fenster zu schauen, und das tut er jetzt auch. "Aus dem Weltraum betrachtet scheint es, als hätte nie ein Mensch dieses Paradies je betreten. Alles sieht so unberührt und intakt aus." Doch da er weiss, dass dem nicht so ist, sieht er es auch. Er kann die schwarzen Rauchsäulen der Feuer in den Regenwäldern erkennen; auch die Narben, die Abräummaschinen am Boden hinterlassen, sind durch die Fenster der Cupola zu sehen.

Wie würde wohl ein kosmischer Besucher die Erde wahrnehmen? "Bestimmt wäre ich nicht in der Lage, mir auch nur ansatzweise die Varietät der irdischen Flora und Fauna auszumalem. Ebenso wenig das Spektrum der menschlichen Fähigkeiten in all ihrer bunten Vielfalt bis hin zu den extremen Exzessen." Cosmic Kiss ist auch eine Lektion in Demut.

Fazit: Eine höchst informative Einladung zum Staunen.

Matthias Maurer
mit Sarah Konrad
Cosmic Kiss
Sechs Monate auf der ISS
Eine Liebeserklärng an den Weltraum
Droemer, München 2025

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