Sonntag, 10. Mai 2026

Sokrates

"Wie man durch ein philosophisches Leben die Angst vor fast allem verliert", so der Untertitel, und in mir denkt es: Schön wär's. Und: Wer's glaubt, wird selig. Der englische Originaltitel lautet übrigens ganz anders: Open Socrates. The Case for a Philosophical Life. Damit kann ich mich weit besser anfreunden als mit der Verlagswerbung, die vom Inhalt des Buches gänzlich unberührt ist.

 Agnes Callard ist Professorin für Philosophie an der Universität Chicago. Laut Klappentext forscht sie insbesondere zur antiken Philosophie und Ethik. "Sie verbindet dabei die philosophische Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Lebenspraxis", erfahre ich und bin nun gespannt, ob die Lektüre von Sokrates sich auch auf meine Lebenspraxis auswirken wird. Positiv eingestimmt bin ich jedenfalls, da ich Sokrates' Maxime, dass das ungeprüfte Leben nicht lebenswert sei, teile.

Ich weiss kaum etwas von Sokrates, ausser, dass er seine Zeitgenossen ständig im Gespräch herausforderte, was mir gefällt, da, jedenfalls gemäss meiner eigenen Erfahrung, grundsätzliche Fragen in aller Regel vermieden werden, was mit ein Grund ist, weshalb die Welt so aussieht wie es nun mal tut. Kein Mensch, der sich mit grundlegenden ethischen Fragen auseinandersetzt (und dazu ermuntert dieses Buch), käme auf die Idee, einen empathielosen rachsüchtigen Impulstäter in ein Amt zu wählen, das Verantwortungsgefühl und rationales Handeln verlangt.

"Tolstoi fand, dass die 'Warum'-Frage das Dasein unerträglich machte: 'Aber es war kein Leben.' Sokrates bezeichnete die Aussicht darauf, sich für alle Zeit mit dieser Frage zu beschäftigen, als 'ein unfassbares Glück'." Mir steht Tolstois Auffassung nahe, Sokrates Begeisterung fürs menschliche Denken ist für mich, angesichts unseres Hangs zum Selbstbetrug, nicht wirklich nachvollziehbar. Nichtsdestotrotz halte ich die Konfrontation mit den fundamentalen Fragen des Lebens nicht nur für wichtig, sondern für notwendig. Die Warum-Frage zähle ich allerdings nicht dazu.

Sokrates hat keine Aufzeichnungen hinterlassen. Dass es von ihm zum Teil ausführliche Zitate gibt, finde ich irritierend, doch das wäre eine andere Geschichte (detailliertes Wissen aus der Zeit um 400 vor Christus?). Was in ihnen zum Ausdruck gebracht wird, lohnt die Auseinandersetzung jedoch ganz unbedingt.

Gemäss dem römischen Staatsmann und Philosophen Cicero (106-43 v.Chr.) kritisierte Sokrates ständig seine selbstgewissen Mitbürger, verfügte selber aber über keine Antworten. Agnes Callard sieht das anders. "Das sokratische Motto lautet nicht: 'Alles infrage stellen', sondern: 'Überzeugen oder überzeugt werden.'" Der Schlüssel zum Erfolg liegt darin, dass wir die richtigen Gespräche führen. Damit wäre Sokrates so recht eigentlich der erste Psychotherapeut gewesen, bei dem es allerdings nicht um das Funktionieren in der Gesellschaft, sondern um das Erkennen der Wahrheit geht.

Agnes Callard versteht ihr Buch als "eine Erzählung, die aufrüttelt und Mut macht.". Es ist ein Plädoyer dafür, sich ernsthaft mit der Philosophie zu beschäftigen. Und das meint: Sich der Frage zu stellen, wie wir leben sollen. Mit Standardantworten, die uns ohne Nachdenken über die Lippen kommen, ist uns nicht gedient. "Verlassen Sie sich nicht auf vorgefertigte Antworten (...) erforschen Sie die Fragen mit einem offenen Geist, suchen Sie nach der Wahrheit und vermeiden Sie Irrtümer."

Tolstoi geht der Autorin gehörig auf die Nerven. "Obwohl Tolstoi wiederholt davon spricht, dass er sich mit den grundlegenden Fragen auseinandersetzt, gibt es in seinem Text keinerlei Anzeichen dafür, dass diese Auseinandersetzung tatsächlich stattgefunden hat: Philosophische Überlegungen und Argumenten glänzen durch Abwesenheit." Ich wähnte mich in die Schule zurückversetzt: Der Mann soll zuerst einmal anständig denken lernen, bevor er behauptet, dass das Leben sinnlos und Selbstmord daher geboten sei.

Nun gut, dass eine Philosophieprofessorin an die Kraft des Denkens glaubt, ist naheliegend, doch dass sie Tolstoi vorwirft, dass er "in all den Kenntnissen absolut nichts gefunden hat, das die Frage nach dem Sinn des Lebens beantworten könnte? Haben sämtliche geistigen Anstrengungen der Menschheit überhaupt nichts gefruchtet?", finde ich derart verwunderlich allerdings nicht. Schaut man sich die gegenwärtige Politik der amerikanischen Regierung an, liegt die Antwort auf der Hand. Andererseits: Die Wertschätzung des menschlichen Geistes, die sich in der Fragestellung von Agnes Callard zeigt, empfinde ich einerseits als rührend, erinnert mich andererseits aber auch an strenge Lehrer.

Ich will noch auf einen anderen Aspekt dieses gut lesbaren Werkes eingehen, das Zeugnis liefert von der intensiven und erfreulich persönlichen Auseinandersetzung mit grundlegenden Lebensfragen: den Tod. Ein befreundeter Philosoph war gestorben. Und sie notiert: "Es mag sich absurd anhören, wenn ich sage, dass ich Schuldgefühle hatte, weil ich traurig war, aber so war es. Ich war trauriger, als es mir zustand. Ich war weder mit ihm verwandt noch eine Kollegin von ihm Unsere Beziehung reichte nicht in die Jugend oder zu Studienzeiten zurück. Wir gehörten keinem engen Freundeskreis an. Und wir erzählten einander nicht viel über unser Privatleben oder unsere Gefühle. Das Einzige, was wir zu tun pflegten, war miteinander zu philosophieren."

Die Vorstellung, Gefühle müssten irgendwie berechtigt sein, liegt mir fern. Als sie dann noch schreibt: "Es ist nicht schwer, Gründe zu finden, weshalb mich Steves Tod traurig macht.", frage ich mich, weshalb sie dafür Gründe braucht. Für mich jedenfalls stellt es sich ganz anders dar: Gefühle sind einfach, sie kommen und gehen, wie es ihnen passt. Agnes Callards Sicht auf die Welt ist ganz anders. "Wo bleiben (angesichts des Todes) die Ruhe und Gelassenheit, die Sokrates mir versprochen hat?" Er verbingt seine letzten Stunden, wie er gelebt hat – philosphierend.

Sokrates waren die Argumentenhasser zuwider, "denn nicht Schlimmeres kann einem widerfahren, als Argumente zu hassen." Agnes Callard teilt diese Auffassung nicht nur, sie unterstreicht den Wert der Argumentation mit diesem Werk aufs Schönste.

Fazit: Vielfältigst anregend, auch zum Widerspruch.

Agnes Callard
Sokrates
Wie man durch ein philosophisches Leben
die Angst vor fast allem verliert.
C.H. Beck. München 2026

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