Mein Aufwachen am Morgen geschieht ohne mein Dazutun: Nicht ich wache auf, sondern das Leben erwacht in mir. Solange ich nicht eingreife, nicht in meine Routinen verfalle, ist alles bestens. Das Leben gehorcht seinen eigenen Gesetzen; ich fahre am besten, wenn ich ihnen folge, mich ihnen nicht in den Weg stelle. Ich bin übrigens froh, dass für alles wirklich Wesentliche (das Ein- und Ausatmen) mein Ego überflüssig ist.
An diesem südbrasilianischen Morgen gebe ich meiner Lust nach Kaffee, Toast, Doce de Leite und Requeijão Cremoso nach. Mir geht es gut, ich folge meinem Unbewussten, das besser als mein Verstand zu wissen scheint, was mir bekommt.
Mein Verstand führt mich oft in die Irre. Beobachte ich aufmerksam, was er so alles macht, zeigt sich mir, wo ich aufpassen muss, um mich nicht selber zu betrügen.
Als ich mich kurz darauf an meinem PC setze, um die politische Weltlage zur erkunden, ist es mit meiner Seelenruhe vorbei. Und wieder einmal wundere ich mich, weshalb ich mir all diese machthungrigen Idioten jeden Tag antue. Weshalb ich glaube, wissen zu müssen, was Durchgeknallte, die sich ungemein wichtig nehmen, tun oder nicht tun, sei relevant für mich, verstehe ich selber nicht.
Dass ich mich über die Weltlage informiere ist reine Gewohnheit. Und da Gewohnheiten Halt und Sicherheit vermitteln (nichts, was uns Menschen wichtiger ist), gebe ich viel zu oft nach und mich hin. Allerdings um den Preis meines Seelenfriedens.
Mein Verstand weiss schon lange, dass mir die Weltlage gestohlen bleiben kann und es wichtiger ist, sich um das zu kümmern, was vor der eigenen Nase liegt. Schulen, Medien und Gesellschaft behaupten zwar das Gegenteil. Das müssen sie auch, schliesslich ist es ihre Geschäftsgrundlage. Für mich hingegen gilt: So nicht mehr!
Die Sonne scheint, ich habe den ganzen Tag zur freien Verfügung. Ich werde ihn nicht den medialen Aufgeregtheiten widmen, die mich noch rastloser machen als ich eh schon bin. Und so schaue ich aus "meinem" Fenster im neunten Stock auf die Stadt, durch die der Morgenverkehr rollt. Ich höre die Vögel zirpen und verstehe in diesem Moment: This is the first day of the rest of your life.
Der Moment, wie das Momente so an sich haben, hat sich schnell verflüchtigt. Ich bin zwar an diesem Tag einige Male darauf zurückgekommen, allerdings nur um zu erkennen: Momente bleiben flüchtig. Das ist eben ihr Ding. Es gibt Momente, ab und zu, in denen ich das begreife. ...

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