Mein erstes Buch von Penelope Lively war „Moon Tiger“, für das sie 1987 den Booker-Preis erhielt und in dem so treffende Sätze zu finden sind wie: „In life as in history the unexpected lies waiting, grinning from around corners. Only with hindsight are we wise about cause and effect.“
Ihr neuestes Buch, „Familienalbum“, beginnt so:
„Gina bog von der Strasse ab, in die Auffahrt von Allersmead. Da war ihr, als liefe im Zeitraffer ihr ganzes Leben noch einmal vor ihren Augen ab. Wie es von Ertrinkenden heisst. Das gab ihr zu denken, aber auch, dass noch niemand einen Ertrinkenden dazu hat befragen könne.“
Wer so ein Buch beginnt, hat meine ganze Sympathie. Denn was wissen wir schon, was können wir überhaupt wissen? Hätten unsere Leben, wenn nur ein kleines Detail anders gewesen wäre, nicht auch ganz anders verlaufen können?“
Alison hat sich immer eine grosse Familie gewünscht, und ein grosses Haus. Beides hat sie bekommen. Zusammen mit dem skandinavischen Au-Pair Ingrid zieht sie eine Kinderschar gross, während ihr Mann, Charles, populäre Bücher schreibt.
Der Besuch von Corinna, Charles' Schwester, und ihrem Mann Martin, der an der Uni einen Lehrstuhl innehat, liest sich so: „Martin hat Charles gefragt, woran er gerade arbeitet, und damit ausgedehnte Erläuterungen über irgendein Buch zum Thema Aufklärung provoziert. Nach Martins Meinung ist Charles ein Mann für die breite Masse, der Reisser schreibt, Stoff für die Sonntagsbeilage. Martin selbst produziert Werke, die bei ungefähr einem Dutzend Menschen intensive Diskussionen auslösen und ausschliesslich von akademischen Bibliotheken erworben werden. Charles' Projekte wecken bei ihm, warum auch immer, sowohl Neugier als auch Erbitterung; wie unter Zwang muss er jedes Mal nachfragen, mit zusammengebissenen Zähnen. Vor ein paar Jahren hat er entdeckt, dass die Auflage von Charles' Buch über den Jugendkult in die Zehntausende ging; von diesem Schlag hat er sich nie erholt.“
Besser kann man eigentlich die akademische Welt kaum beschreiben.
Scharfsinnig und witzig, einfühlsam und mit Nachsicht für ihre Schwächen, beschreibt Penelope Lively die Freuden und Nöte der einzelnen Familienmitglieder, die verschiedener voneinander gar nicht sein könnten. Und dann ist da noch das Familiengeheimnis, das erst zum Schluss gelüftet wird, auch wenn der aufmerksame Leser so etwa ab der Mitte des Buches zu erahnen beginnt, dass es wohl etwas mit Ingrid, dem Au-Pair, zu tun haben wird, denn so recht eigentlich mutet es ja schon ein wenig seltsam an (nun gut, in England, wo die Geschichte spielt, vielleicht nicht), dass das Au-Pair zum festen Familienbestandteil wird.
„Niemand hat je von so etwas wir einem Au-pair-Mädchen gehört, schon gar nicht von einem, das vierzig Jahre bleibt und Spargel anbaut. Vierzig Jahre?“
„So ungefähr?“
„Hast du sie gemocht?“
„Gemocht?“ Gina sieht ihn an. „Keine Ahnung. Sie war einfach da, und fertig. Gehörte zum Mobiliar.“
Genau. So dass es auffiel, wenn sie nicht da war. Jenes eine Mal.
Fazit: ein intelligenter Lesegenuss. Auch wegen so hellsichtigen Einsichten wie dieser: „Er ist jetzt ein ganzes Stück älter, womöglich nicht viel klüger, aber doch zu einem klarsichtigen Rückblick fähig.“
Penelope Lively
Familienalbum
C. Bertelsmann, München 2012

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen