Sonntag, 2. August 2026

Das wahre Leben

Dieser Roman spielt zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Aristokratie ist in Auflösung begriffen. Die Geschwister Kazuko und Naoji versuchen auf ihre je eigene Weise sich in dieser neuen Welt zurechtzufinden. Naoji versucht, sich von der Aristokratie zu befreien. Erfolglos. Kazuko nimmt Bezug auf Jesus, der ein Revolutionär ist, nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Im Zentrum dieses Romans stehen existenzielle Sinnfragen.

Die junge Aristokratin Kazuko zieht aus finanziellen Gründen mit ihrer kränkelnden Mutter von Tokyo auf die Halbinsel Izu. Ihr Bruder Naoji, der eingezogen worden war, gilt im Pazifik für verschollen, taucht jedoch unverhofft wieder auf, ist allerdings wiederum dem Opium verfallen.

"'Oh scheusslich! Was für ein grässlich geschmackloses Haus! Ihr solltet draussen ein Schild anbringen: 'Chinesisches Restaurant. Nudeln und Fleisch'!'
Das waren Naojis Begrüssungsworte als ich in nach langen Jahren zum ersten Mal wiedersah."
Besser kann man die Unsensibilität Süchtiger ihren Angehörigen gegenüber kaum beschreiben.

Wie alle Süchtigen, so hadet auch Naoji mit der Welt. "Gerechtigkeit? Die Idee des sogenannten Klassenkampfes hat damit nichts zu tun. Menschlichkeit? Nichts als törichter Wahn. Ich weiss Bescheid."

Naojis Meister, der Schriftsteller Uehara, lebt in Tokyo, und säuft. Und, so sagt er zu Kazuko, als diese ihn aufsucht, er versuche ihren Bruder vom Opium weg zum Alkohol zu bringen, da letzterer akzeptabler sei. Besoffenes Denken par excellence! Auf die Briefe, die Kazuko Uehara nach ihrem Treffen schreibt, antwortet dieser nicht.

Kazuko liest Rosa Luxemburg. Ganz anders als gemeinhin üblich. "Der eigenttliche Gegenstand ihres Buches ist die Wissenschaft der Nationalökonomie, und wenn man es als volkswirtschaftliches Traktat liest, ist es wahrhaftig langweilig. Es enthält nur eintönige Binsenweisheiten. (...) Eine Wissenschaft, welche auf der Voraussetzung beruht, dass die Menschen ihrer Natur nach geizig sind und in alle Ewigkeit geizig bleiben werden, ist für jemanden, der nicht geizig ist, vollkommen uninteressant." Doch es gibt etwas an diesem Buch, das Kazuko sehr anspricht: Rosa Luxemburgs Mut, alle konventionellen Ideen beiseite zu stossen.

So gilt etwa unter klugen und erwachsenen Menschen als ausgemacht, "dass Revolution und Liebe  etwas sehr Törichtes und Hässliches seien," was jedoch Kazuko ganz und gar nicht finden kann. Ganz im Gegenteil: "Wir Menschen sind für die Liebe und die Revolution auf Erden da."

Dann erhält die Mutter die Diagnose, dass sie wohl bald sterben werde. Sie ahnt es. Eine Schlange sieht sie als Vorboten. Überhaupt scheinen Ahnungen ("Man sagt, dass Leute, die Sommerblumen lieben, auch im Sommer sterben ...) wichtiger als Wissen. "Ob es überhaupt Menschen gibt, die dieses Leben begreifen?"

Was Die sinkende Sonne wesentlich ausmacht, ist das Japanische. Und das meint: Eine Haltung dem Leben bzw. seinem Schicksal gegenüber, das so recht eigentlich aristokratisch ist. "Vornehmheit und gespreiztes Getue haben wirklich nichts miteinander zu schaffen." Am Beispiel des Suppe-Löffelns beschreibt Osamu Dazai den vornehmen Stil. "Sitzt man aufrecht da und lässt die Suppe von der Löffelspitze in den Mund fliessen, schmeckt sie erstaunlicherweise viel besser, als wenn man sie, ängstlich über den Teller gebeugt, von dem seitlich herangefühten Löffel mit dem Lippen abnimmt."

Fazit: Eine gelungene Meditation über die Frage, ob man seiner Herkunft bzw. seinem Schicksal entgehen kann sowie ein Plädoyer für einen Aufbruch, der sich an revolutionären Werten orientiert.

Osamu Dazai
Die sinkende Sonne
Reclam, Ditzingen 2026

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