Als
ich vor einiger Zeit las, dass Goethe die Weltgeschichte für eine
idealistische Überhöhung disparater Ereignisse hielt, fühlte ich
mich in meinem Mich-Wundern darüber, dass uns absolut Willkürliches
als uns leitend beigebracht wird, bestätigt. Und wunderte mich, dass
ich offenbar solcher Bestätigung bedarf. Wenn nun einer daherkommt
und andere Akzente, als die gemeinhin üblichen, setzt. ist das
natürlich ähnlich willkürlich wie die sogenannt reguläre
Geschichte, doch sie hat den Vorteil, viel unterhaltsamer zu sein.
Und, so man denn bereit dazu ist, unseren Horizont zu erweitern.
Autor
Ralf Höller studierte Geschichte und Anglistik und denkt so, wie
solche Leute gemeinhin denken, glaubt also an schriftliche Belege,
unterscheidet sich jedoch von den gängigen Überzeugungen, weil er
anders gewichtet. Die von ihm in diesem Band geschilderten Figuren
eint zweierlei: "Alle haben Grosses geleistet, alle sind in
Vergessenheit geraten, sozusagen aus dem Geschichtsbuch gefallen."
Herausgekommen ist dabei wunderbart Amüsantes und höchst Lehrreiches. Speziell hinweisen möchte ich auf Daniel Defoes Robinson Crusoe bzw. auf Alexander Selkirk, dem Mann, "der Robinson Crusoe wurde". Der Grund, weshalb diese Geschichte mein ganz besonderers Interesse geweckt hat, liegt einerseits darin, dass ich letzthin Daniel Defoes Roman gelesen habe; der andere, weil ich fasziniert davon gewesen bin, was Markus Gasser aus dem Material gemacht hat.
"Am
11. September 1703 war Selkirk von Irland aus zu einer Kapermission
aufgebrochen ...", geriet jedoch mit dem 21-jährigen (!)
Kapitän in Streit und wurde in der Folge auf eigenen Wunsch auf der
Insel Más a Tierra ausgesetzt. Im Alter von 33 wurde er gerettet. Ob
Selkirk die einzige Vorlage für Robinson Crusoe gewesen ist, wird
von Experten abgelehnt. "Vielmehr sei die Geschichte hinter dem
Roman 'eine komplexe Mischung sämtlicher damals kursierender
Überlebensberichte von Freibeutern'". Damit wird wieder einmal
bestätigt, was der Mythenforscher Joseph Campbell über Mythen
generell herausgefunden hat: Dass sie sich weltweit und zu allen
Zeiten ähnlich sind.
"Die
Insel. auf der Selkirk vier Jahre und vier Monate gelebt hatte, wurde
1966 in Isla Robinson Crusoe umbenannt - zu Ehren Defoes. Der 1.
Februar, an dem Selkirk 1709 gefunden wurde, wird jedes Jahr weltweit
als Robinson-Crusoe-Tag begangen. Name und Datum scheinen stärker
der Fiktion als der Realität verhaftet zu sein, der imaginäre zählt
offenbar mehr als der reale Held."
Auch
wenn für mich Geschichte weitestgehend Fiktion ist, sie orientiert
sich so gut wie möglich an Fakten. Und zu diesen gehört, dass die
meeresstrasse zwischen Sibirien und Alaska zwar den namen Bering
trägt, obowhl er sie gar nicht durchquert hat. "Derschnew, der
sie bis dato als Einziger durchsegelt hatte, geriet hingegen in
Vergessenheit."
Aus
dem Geschichtsbuch gefallen ist ein trefflicher Titel für
Ralf Höllers Erzählungen von Leuten, die (jedenfalls mir) gänzlich
unbekannt gewesen sind, sei es die Peruanerin Micaela Batidas, der
französische Revolutionär François Noël Babeuf, der Paraguyaner
José Francia und und und ... Was mir bei diesen Schilderungen
besonders gut gefallen hat, sind die vielen aufschlussreichen
Details, von denen der Autor zu berichten weiss. "Während
Francia der Staatskasse für seine Bedürfnisse und die Bezahlung
einer Handvoll Diener 7.000 Pesos entnahm, benötigte Bolívar die
zehnfache Summe. darüber hinaus erhielt Letzterer jährlich
Geschenke im Wert von 50.000 Pesos. Nicht eingerechnet sind die 2.000
Pesos, die Bolívars Verbrauch an teuer importiertem Eau de Cologne
jedes Jahr verschlang." Die Kenntnis solcher Details inbezug auf
"unsere" heutigen Anführer hätte wohl ein grösseres
Potential für Veränderung als staatliche Abstimmungsunterlagen.
Ralf
Höller setzt mit diesem Werk nicht nur vergessenen Persönlichkeiten
ein Denkmal, er zeigt auch, dass Geschichte viel bunter ist, als wir
gemeinhin annehmen (zugegeben, ich spreche von mir). was sich
eindrücklich in der Themenauswahl zeigt: Der Traum von einer
russischen Kolonie in Kalifornien; das progressive Pendant zu Jeanne
d'Arc; Das Attentat, das Lenin ruinierte; Der Erfinder der
Negativzinsen; Die Juden, die sich nichts mehr gefallen liessen; Das,
was bleibt, ist ein Fluch (über den ungarischen Fussballer Béla
Guttmann).
Ralf
Höller
Aus dem Geschichtsbuch gefallen
Wagenbach, Berlin 2026

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