Mittwoch, 12. August 2026

Die Schönheit der Distanz


Ein Mann besucht seine Frau fast täglich im Spital. Sie ist Anfang vierzig, Diagnose Krebs. Mit einer Prognose hat sie der Arzt verschont. Der Mann ist froh drum, ihm ist eh klar, dass seine Frau wohl nicht mehr viel Zeit hat. "Für die, die die Krankheit behandeln oder erforschen, mögen Statistiken wichtig sein, aber wie ist das für die Patienten? Man kann ihnen doch nicht das Gefühl geben, sie seien Teil einer Lotterie."

Er steht ihr zur Seite, hilft, so gut er kann. "Sie will nicht fragen. Es entweder selbst machen, eine nahestehende Person bitten oder aushalten. Verstehen kann er das schon, aber der Versuch, den Profis Arbeit abzunehmen, hat inzwischen schon etliche Male dazu geführt, dass sie den Profis schlussendlich mehr Arbeit gemacht haben." Es sind solch aufmerksame Beobachtungen, die dieses Buch wesentlich auszeichnen.

Wie viel Zeit bleibt uns auf dieser Welt? Restlebenszeit, lese ich. Ein für mich gewöhnungsbedürftiger Begriff, allerdings einer, mit dem sich auseinanderzusetzen lohnt, auf dass einem bewusst werde, dass es jederzeit zu Ende sien kann. Auch bei Krebs, bei dem eine kurzzeitige Besserung allzu oft mit einer Genesung verwechselt wird

"Jeder hat eine begrenzte Zeit. Wie viel genau, weiss niemand. Heutzutage sehen die meisten das allerdings anders. Sie sind der Auffassung, dass jeder das Recht habe, ein der durchschnittlichen Lebenserwartung entsprechendes Alter zu erreichen." Schon eigenartig, wie der Mensch denkt bzw. was er glaubt, dass ihm zustehe. Vergegenwärtigt man sich, dass wir alle unser Dasein einem Zufall verdanken (wäre die Samenzelle eine Millisekunde später auf die Eizelle getroffen, gäbe es uns nicht), sind unsere Vorstellungen, wir seien zu irgendetwas berechtigt, mehr als nur abstrus.

Eindrücklich zeigt Die Schönheit der Distanz auf, wie unsere gängige Denkensart, die von Gewinnen und Verlieren geprägt ist, so recht eigentlich lebensfeindlich ist. Nicht für alle, doch definitiv für die Frau des Ich-Erzählers. "Es gibt Menschen,. die sich gerne anstrengen, Menschen, die im Streben imit anderen wachsen. Für seine Frau gilt das allerdings nicht."

In der heutigen Zeit begreifen viele den Krebs als Feind und kämpfen gegen ihn. Die Autorin Nao-Cola Yamazaki zeigt, dass es auch anders geht. "Ich versuche, es als Übung vor dem Tod zu betrachten, weisst du ... Mich nicht mit anderen oder meinem früheren Selbst zu vergleichen. Nicht an die Zukunft zu denken. Mich nur auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren. So fällt es mir auch leichter, den Schmerz zu akzeptieren. Schmerz gibt es nun mal im Leben. Manchmal habe ich Schmerzen und bin gleichzeitig glücklich." Selten, dass ich Hilfreicheres, ja, Lebensbejahenderes gelesen habe.

Die Schönheit der Distanz ist eine erfreulich unaufgeregte und sehr unübliche Art und Weise, sich mit Sterben und Tod, und speziell dem Krebstod, auseinanderzusetzen. "Dank seiner Frau weiss er, eine Krankheit, die es einem erlaubt, sich auf den Tod vorzubereiten, nunmehr zu schätzen. An Krebs zu sterben, ist gar nicht so schlecht."

Der Zeitgeist sieht es anders, denn dieser behauptet und verlangt, dass wir Herr über unser Schicksal seien, selber bestimmen, wie und wann wir sterben. Nur eben: "Im Leben geht es nicht nach Wunsch. Seine Frau hatte keine Wahl. Sie ist ihren Weg gegangen. Sie konnte sich nicht für den eines anderen Menschen entscheiden."

Die Schönheit der Distanz lehrt uns, wahrzunehmen, was ist. Und sich dem, was ist, hinzugeben.

Nao-Cola Yamazaki
Die Schönheit der Distanz
Roman
DuMont, Köln 2026

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