Sonntag, 4. Oktober 2026

Hier und Jetzt? Heiliger Bimbam!

Stets galt es, etwas zu erledigen, ständig sagte er sich, wenn, dann, und wenn er sich dann zu beruhigen suchte (Jetzt mach doch kein solches Drama daraus, es leben doch alle, als ob sie ewig leben würden), wurde er ungehalten mit sich. Das Leben musste gelebt werden! Doch wie oft er sich das auch sagte und sich ermahnte, seine Zeit nicht zu vergeuden, es gelang ihm nicht. Dass es daran liegen könnte, dass er zu hohe Ansprüche hatte, zog er durchaus in Betracht (jedenfalls theoretisch), doch es änderte nichts.

Man muss doch was tun, sich eine Aufgabe suchen, sagte eine Stimme in ihm. Ob die aus dem Kopf oder aus dem Bauch kam, wusste er nicht. Egal. Doch musste man das wirklich? War das nicht einfach eine Ablenkung, eine Flucht vor dem Hier und Jetzt? Hier und Jetzt! Heiliger Bimbam! Und wenn Ort und Zeit Erfindungen waren? Möglich, aber unwahrscheinlich. Nicht im philosophischen Sinn, doch wie käme man sonst bloss durch den Alltag? Man musste doch wissen, wo man Brot und Butter kaufen konnte.

Hugo hatte schon längere Zeit keine Lust auf gar nichts. Es lag nicht an den Umständen, die waren ideal. Es war Sommer, sonnig und warm. Viele klagten zwar über die Hitze, er gehörte nicht dazu. Für ihn war alles bestens. Er könnte an den See, könnte spazieren gehen, könnte ein Buch lesen. Er könnte, aber er mochte nicht.

Er fühlte sich ohne Ziel und Zweck, was seinen Freund Frieder auf den Plan rief. Das gehe so nicht, meinte er, dann müsse er sich eben ein Ziel suchen, weil der Mensch ohne nicht sein könne, doch Hugo wies das von sich, er versuche jetzt (was für andere gelten mochte, gelte für ihn noch lange nicht), einfach nur zu sein. Er legte sich aufs Bett, hing seinen Gedanken nach, was ihn umgehend erschöpfte, rasten doch diese wie üblich von hier nach dort, nach vorn und zurück und auch seitwärts. Ganz offenbar war ihnen die Vorstellung, dass der Mensch, um halbwegs dem Geschehen folgen zu können, einer Struktur bedurfte, unbekannt.

Im Fernsehen antwortete ein sogenannter Experte auf die Frage, ob er jetzt dafür oder dagegen sei, mit: Einerseits, ja und nein.

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Auf einem seiner Bücherregale standen zwei Postkarten unter Glas. Die eine zeigte einen vielleicht dreijährigen Jungen mit Lockenkopf und in Lederhosen, der dem jungen Hugo nicht unähnlich sah, und worauf zu lesen stand: „Egal, was es ist, ich bin dagegen!“ Das war Hugos männliche Seite, doch er hatte auch eine weibliche, die von der zweiten Postkarte illustriert wurde. Darauf war ein etwa drei- oder vierjähriges Mädchen in einem hellen Kleidchen und mit Stiefeln abgebildet, das sich auf eine Schaufel stützte. Der Text dazu lautete: „Ich kann, ich will, ich muss es tun. Basta!“

Aus: Hans Durrer: Heute Nicht! Dir Geschichte einer Obsession, Tredition, Ahrensburg 2025