Es gehört zur Standardüberzeugung von Medienleuten (sowie der Juristen), dass immer auch die andere Seite anzuhören sei, ganz so, als ob es nur zwei gäbe und diese beiden als gleichwertig zu betrachten seien. Und die Medien neutral zu sein hätten. Als Schweizer, dem die Neutralität ein Leben lang eingebleut worden ist, weiss ich, dass sie vor allem ein Geschäftsmodell ist. Die viel zitierte Auffassung von Hanns Joachim Friedrichs, man dürfe sich mit einer Sache, auch einer guten, nicht gemein machen, war schon immer falsch, heute aber ganz besonders, denn wir leben in Zeiten, in denen die Vernunft weitestgehend abgedankt hat.
Als belesener Verleger kann Klaus Bittermann auch immer wieder auf von ihm verlegte Bücher zurückgreifen, um seine Haltung zu illustrieren. Etwa auf Wiglaf Droste, der bereits 1995 darauf hingewiesen hat, dass mit Rechtsradikalen das Gespräch zu suchen, so recht eigentlich die dümmste aller Anbiederungen sei. So isses! Mit Nazis diskutiert man nicht, Nazis bekämpft man.
Die Mainstreammedien ticken anders, die Mainstreammedien geben allen eine Plattform, von denen sich profitieren lässt. Im Kapitalismus gebe es keine Demokratie, so der ehemaige BKA.Chef Horst Herold. Im Kapitalismus herrsche das Geld, nicht das Volk. Ohne die Mainstreammedien gäbe es keine AfD, und auch keinen Golfer aus Queens im Weissen Haus. Das hat wesentlich damit zu tun, dass Dummheit die Geissel der Menschheit ist, und Aufklärung erstaunlich wenig dagegen tun kann. man muss es trotzdem versuchen. Und Klaus Bittermann führt vor, wie man das macht. Sehnsucht nach dem Untergang ist ein erhellender, exzellent argumentierender Essay.
Doch vielleicht ist die Tatsache, dass viele Menschen bei Wahlen gegen ihre eigenen Interessen stimmen, nicht primär ihrer politischen Dummheit, sondern der mangelnden Selbsterkenntnis geschuldet. Sie wollen sich nicht als Zu-Kurz-Gekommene sehen, wollen sich nicht mit den sozial Schwachen identifizieren, da das an ihrem Selbstverständnis kratzen würde. Socialism never took root in America because the poor see themselves not as an exploited proletariat but as temporarily embarrased millionaires. (John Steinbeck). Nun ja, Selbsterkenntnis ist den wenigsten gegeben.
Haben sich die Rechten wirklich "die Abschaffung des demokratischen Systems vorgenommen", wollen sie wirklich "die Abschaffung des alten Parteiensystems und der rechtsstaatlichen Verfassung"? Von den Medien hofierte Autorinnen wie Julie Zeh wiegeln ab, und Marieke Reimann, "die als erste und jüngste Chefredakteurin aus dem Osten dem SWR vorstand", weist den Westparteien die Schuld für den rasanten Aufstieg der AfD zu. Ob diese Wiedervereinigung wirklich eine so gute Idee war?
Hunter S. Thompson schrieb bereits in den 1970ern, dass die Republikaner stets den Staat bekämpften. Wären die Politiker an der Macht so vernünftig wie sie sich gerne geben (das ist nirgends der Fall; man denke an die greisen Präsidentschaftskandidaten in den USA und Brasilien, die offenbar ausschliesslich an sich selber denken, und deswegen für das rechtsextreme politische Heute eindeutig Mitverantwortung tragen), würde die Demokratie (die es, wohlverstanden, nirgendwo wirklich gibt, man lese Fritz R. Glunks Schattenmächte), die gegenwärtigen Angriffe wohl problemlos überstehen. Nur eben: die Demokratie setzt den mündigen Bürger voraus, und der ist eher selten. Doch möglicherweise bringt ihn ja das demokratische System dazu, doch noch einer zu werden.
Am Rande: Ich finde den Titel, Sehnsucht nach dem Untergang, eine unglückliche Wahl, da rein interpretativ. Besonders im Gegensatz zum nüchternen, unaufgeregten und überzeugenden Text. Auch dass der Autor seine Schrift als Psychogramm des rechten Wählers bezeichnet, halte ich für verfehlt. Nicht etwa, weil sie das nicht ist, sondern weil sie weit darüber hinausgeht und so recht eigentlich eine luzide Analyse unserer Gegenwarts-Befindlichkeit darstellt.
"Die Gründe, die AfD zu wählen, sind zahlreich, aber keinem einzigen Grund lässt sich mit guten Zureden beikommen. Die Gründe heissen Neid, Ressentiment, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Minderwertigkeitskomplex, Rachsucht, Verwahrlosung, Dummheit, aber auch Kulturpessimismus und die Sehnsucht nach Untergang, in den man alle hineinziehen will, um sich an den vermeintlich oder tatsächlich Privilegierten zu rächen." Für mich sind das keine speziell politischen Gründe, sondern bezeichnen das dumpfe und unreflektierte Gefühlsleben vieler, und vor allem derjenigen, die die heutige Informationsflut, die rasante Entwicklung der Technik und der überall sichtbare Klimawandel, völlig überfordert, weshalb sie in ihre Emotionen flüchten. Wenn Piloten die Orientierung verlieren, ist das das Allerdümmste, was sie tun können.
Dass sich vieles verändert hat, ist vor allem zur Zeit der Flüchtlingskrise und von Covid-19 manifest geworden, als jeder und jede vermeinte, nicht nur eine Meinung haben zu müssen, sondern auch gehört zu werden. Das beste Argument gegen die Demokratie, meinte einst Churchill, sei ein zehnminütiges Gespräch mit einem Durchschnittswähler. Es ist bedaiuerlich, dass wir bisher kein System zustande gebracht haben, dass besser ist als der rein numerische Mehrheitsentscheid. Oder bei Rechtsstreitigkeiten: Das bessere Argument. Das ist, wenn man es recht bedenkt, fast genau so irre wie die Wähler, die Psychopathen im Amt möglich machen.
Dass heutzutage in allen Lebensbereichen das Primat der Gefühle (von How do you feel, Mr President bis zur Glorifizierung des Bauchgefühls) dominiert, erachte ich übrigens für weit problematischer als alle der Politik zugeschriebenen Vorgänge. Die Absenz jeglichen Schamgefühls bei vielen, die eigenartige Vorstellung von Rechten ohne die dazugehörigen Pflichten, die zunehmende Infantilisierung, zeigen, dass die sogenannte Zivilisation bestenfalls eine Wunschvorstellung ist.
Hannah Arendt wird unter anderem mit folgender Aussage zitiert: "Die Ideologieanfälligkeit der modernen Menschen wächst genau in dem Mass, wie gesunder Menchenverstand offenbar nicht mehr zureicht, die öffentlich politische Welt und ihre Ereignisse zu verstehen." Zutreffenderweise kommentiert Klaus Bittermann, "heute sieht es so aus, als ob von Ideologieanfälligkeit gar nicht mehr gesprochen werden kann, weil die modernen Massen völlig ideologiefrei sind und kein Interesse haben, überhaupt etwas begreifen zu wollen, sie sind geleitet vom blinden Ressentiment." Weshalb er Hannah Arendt trotzdem aktuell findet, hat sich mir nicht erschlossen, auch natürlich, da mir das Heute weit mehr von der Digitalisierung dominiert scheint (die auch zur Folge hat, dass das Gemeinschaftliche verschwindet), als von der Politik. Zudem: Arendts Ideal vom gesunden Menschenverstand (ohne den es keine wirkliche Demokratie geben kann) ist weiter weg denn je. Dazu kommt, dass der gesunde Menschenverstand keine universelle Kategorie ist. Die Sicht eines Herrschenden ist zwangsläufig verschieden von der Sicht eines Beherrschten.(Noam Chomsky).
Wir leben in völlig durchgeknallten Zeiten, in denen Vernunft und Verstand weitestgehend abgedankt haben. Und das Selber-Denken exotisch geworden ist. Doch es gibt auch Ausnahmen. Eine davon ist dieser gut geschriebene Essay, der sich nicht um den ständig geforderten Kompromiss mit Leuten bemüht, die dafür nur Verachtung übrig haben, sondern eine klare Haltung zeigt. Nein, wir sind nicht alle gleich. Viktor Frankl hat gemeint, es gebe nur zwei Rassen. Die Anständigen und die Unanständigen. Und da die Anständigen in der Minderheit sind, gilt es sie zu stärken.
Fazit: Überaus erfrischende Aufklärung, sollte zur Pflichtlektüre für Kompromiss-Enthusiasten werden. Sofort!
Klaus Bittermann
Sehnsucht nach dem Untergang
Über die wahnhafte Entwicklung der Wirklichkeit
Psychogramm des rechten Wählers
Edition Tiamat, Berlin 2026

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