Mittwoch, 14. Oktober 2026

Das digitale Kind

Mit "Das Kind in dir hat eine technologische Heimat gefunden" ist die Einleitung überschrieben. Die beiden Autoren (ein Kinderneurologe und ein Philosoph) vertreten in diesem Buch diese These: "Unsere Annahme lautet also, dass digitale Technologien deshalb so rasant zu unserer Lebensrealität werden konnten, weil sie sich auf die Neurobiologie der Kindheit stützen." Das sei kein Problem, da die Kinder sehr robust seien, behaupten sie.

Dass Kinder robust sind und nicht vor Allem und Jedem geschützt werden müssen, keine Frage. Da jedoch die Technik (und die dahinter stehenden wirtschaftlichen Interessen) nicht einmal ansatzweise vom Wohlergehen der Menschen geleitet werden (Genug gehört nicht zum Wortschatz der profitgetriebenen Kräfte), stellt sich die Frage, ob die Kindheit den Profitgierigen ausgeliefert werden soll.

Florian Heinen und Jörg Noller sind keine Anhänger der verbreiteten kulturpessimistischen Auffassung, dass Smartphones süchtig machen können. Sie bestreiten es allerdings auch nicht, doch ihr Ausgangspunkt ist ein anderer. "Die Digitalisierung unserer Lebenswelt lässt sich nicht verbieten, sondern nur gestalten." So argumentiert natürlich auch die Techindustrie, als deren Sprachrohr die Autoren manchmal aufzutreten scheinen. Sie fragen: "Warum greifen die vielfachen Ausschluss- und Verbots-Rezepte so wenig?" Weil die Sucht attrakiv ist, was alle, die davon profitieren, auch wissen.

Gibt es wirklich "eine tiefere, biologische Verbindung" zwischen Kindheit und Digitaltechnik? Gut möglich, doch auch wenn: Soll man wirklich alles, was in uns angelegt ist, auch füttern? Menschen, die eine Sucht zum Stillstand gebracht haben, sehen das definitiv anders. Den anderen ist es egal, sie interessiert nur der eigene Vorteil.

Jedoch: Wer glaubt, eine Entwicklung liesse sich aufhalten, irrt. "Ob wir Digitalisierung zulassen oder verändern wollen, diese Alternative ist passé. Die Frage lautet, wie wir in unserer digitalen Welt leben wollen, wie wir sie gestalten, wie wir ihre Chancen und Gefahren begreifen und bewältigen, wie wir uns ihr anpassen." Genau so argumentieren auch Politiker, die üblichen Sprachrohre wirtschaftlicher Interessen.

Es bleibt uns also nur, uns anzupassen, denn die Welt, die die beiden Autoren beschreiben, ist real. Und so recht eigentlich auch deshalb nicht aufzuhalten, weil sich Mensch und Technik im Wechselspiel entwickeln. Je mehr der Mensch die Digitalisierung perfektioniert, desto mehr macht er sich zu ihrem Opfer. Florian Heinen und Jörg Noller konzentrieren sich auf die positiven Seiten dieser Entwicklung, sie loben den Fortschritt. Zugegeben, der ist in der Tat beeindruckend, auch wenn mich selber vor allem beschäftigt, so wenig wie möglich daran teilzuhaben.

Die beiden Apologeten der Digitalisierung auf Sprachrohre der Wirtschaft zu reduzieren, wird ihnen jedoch nicht gerecht. Sie machen uns nämlich auf viel Faszinierendes aufmerksam, etwa auf ein Phänomen, das selten gebührend gewürdigt wird. "Was zunächst als Option beginnt, verfestigt sich rasch zu einer neuen Selbstverständlichkeit. Praktiken, die gestern noch neu und fremd waren, erscheinen uns heute allgegenwärtig". Die Technik, derer wir uns bedienen, ist uns zur zweiten Natur geworden, "weil menschliche Technik und Kultur die Begrenztheiten der Biologie überwinden konnten."

Die Gefahren der Digitalisierung werden von den beiden Autoren durchaus ernstgenommen (schreiben sie, dem Text merkt man es weniger an), ihr Akzent liegt jedoch nicht auf den Ängsten, sondern dem Verstehen. "Die Bücher, Massenmedien des 18. Jahrhunderts, sind in unsere Welt hineingekommen und nicht mehr aus ihr wegzudenknen." Echt jetzt? Es ist doch offensichtlich, dass das nicht stimmt, es immer weniger Buchhandlungen gibt. Auch die Digitalisierung werde nicht mehr verschwinden, behaupten sie. Na ja, es genügt, den Stecker zu ziehen. Wahlweise kann man natürlich auch die nächste Naturkatastrophe abwarten.

Es ist ein sehr dichter, sehr differenzierter und sehr aufschlussreicher Text, der mich viel gelehrt hat. Etwa, dass das Gehirn, im Gegensatz zu Michelangelo, der seinen berühmten David schuf, indem er von einem riesigen Marmorblock Stück für Stück abtrug und ihn so von allem Überflüssigen befreite, sich nur "in sozialen, menschlichen Beziehungsgefügen, entlang von Rückkoppelungen, Zustimmungen und Regeln" entwickelt. Oder, dass, wer ein Smartphone im Zimmer hat, ob ausgeschaltet,oder nicht, von dessen Präsenz beeinflusst ist. Oder, wie die Wisch-, Zeige- und Touch-Welt auf die frühkindlichen Hirnfuntionen abgestimmt ist.

"Digitale Medien lösen reale Probleme und schaffen reale Probleme." Was den beiden Autoren vorschwebt, ist "digitale Mündigkeit".Mich hat das Buch einigermassen ratlos zurückgelassen, vielfältig erhellend, überzeugend argumentiert (und deshalb wohl in die Irre führend; denn, wenn uns etwas überzeugt, zeigt das nur, wie wir denken, nicht, ob es konstruktiv oder destruktiv ist, und schon gar nicht, ob es uns gut tut.). Irritierend (wenn auch durchaus einleuchtend) fand ich auch die Behauptung, eine technische Entwicklung sei nie rückgängig zu machen, weshalb es denn auch darauf komme, sich damit intelligent zu arrangieren. Eine definitiv mehrheitsfähige Überzeugung!

Florian Heinen
Jörg Noller
Das digitale Kind
Die unheimliche Verwandtschaft
zwischen den neuen Medien und
dem kindlichen Gehirn
C.H. Beck, München 2026

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