Mittwoch, 17. September 2014

Wie wir die Angst vor dem Sterben überwinden

Der 1957 geborene Bernard Jakoby gilt, so der Klappentext, "im deutschsprachigen Raum als der Experte für Sterben und Trauerarbeit". Zudem: "Er führte im Februar 2000 in Phoenix, Arizona, ein Interview mit Elisabeth Kübler-Ross und gilt als ihr Nachfolger." Was ein Interview nicht alles bewirken kann!

Wir leben bekanntlich in einer Welt, in der es von Experten wimmelt, doch dass es nun auch Experten für Sterben und Trauerarbeit gibt, war mir neu. "Nichts, nichts, nichts ist unverstehbarer als der Tod", hat der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer einmal geschrieben." Das gilt jedoch nicht für Bernard Jakoby, der über Gewissheiten verfügt, die Normalsterblichen abgehen. So weiss er etwa, dass die Seele unsterblich ist. Und woher weiss er das? Von der wissenschaftlichen Erforschung von Nahtoderfahrungen. Nun ja, der Glaube an die Wissenschaft ist eben vor allem dies: ein Glaube. Und der hilft bekanntlich, wogegen ja wirklich nichts eingewendet werden kann.

Bernard Jakoby plädiert dafür, sich mit dem Sterben, dem Tod und der Angst davor auseinanderzusetzen. "Wenn wir, ganz gleich in welchem Alter, den Mut aufbringen, uns der Todesangst zu stellen, wird das Leben mitfühlender und ausgeglichener und als Bereicherung im Hier und Jetzt empfunden." Ich halte das für möglich, wenn auch nicht für zwingend, denn es gibt nicht wenige, denen die Auseinandersetzung mit der eigenen Sterblichkeit gar nicht gut tut, ja, sie lähmt und lebensunfähig macht.

Ich habe durchaus Sympathie für viele Aussagen in diesem Buch (insbesondere der zentrale Gedanke der Aussöhnung mit uns selber sowie die Überzeugung, dass es gilt, die Dinge anzunehmen, wie sie sind) oder stehe ihnen zumindest nicht ablehnend gegenüber, doch finde ich Jakobys apodiktische Formulierungsweise ausgesprochen befremdend. Etwa: "Verurteilung ist immer eine Form von Aggression. Gewalt beginnt im eigenen Herzen und in unserem Geist." Wenn das stimmt, dann sind Richter allesamt Gewalttäter. Oder: "Erwartungen sind mangelndes Vertrauen in das Leben und führen dazu, andere nicht wahrzunehmen oder anzunehmen, wie sie wirklich sind." Nicht die Erwartungen sind das Problem, sondern die Bedeutung, die wir ihnen zumessen.

Bernard Jakoby ist es um die Überwindung des Egos zu tun, denn damit "werden SEIN Wille und dein Wille eins und du bist immer geborgen." Und was ist "SEIN Wille"? Bedingungslos zu lieben, so Jakoby. Vielfältige Anleitungen dazu finden sich unter dem Titel "Meditationen zum Verwandeln der Angst" im 4. Teil dieses Buches.

Bernard Jakoby
Wie wir die Angst vor dem Sterben überwinden
nymphenburger, München 2014

Mittwoch, 10. September 2014

Panikattacken mit Happy End

Silvia Aeschbach, geboren 1960, von Beruf Journalistin, berichtet in Leonardo DiCaprio trifft keine Schuld von ihren Panikattacken und wie sie gelernt hat, mit ihnen umzugehen.

Die erste dieser Attacken hatte sie mit siebzehn, während eines Aufenthalts in Korsika. Sie beschreibt sie so: "Die Farben des Himmels und der Bäume erschienen mir unerträglich grell, die Grillen zirpten nicht mehr melodisch, sie kreischten richtiggehend. Der Waldboden, der eben noch so gut nach Moos gerochen hatte, stank plötzlich nach Moder. Ich nahm alles wie durch einen Filter wahr, einen Filter, der die Umgebung nicht in ein angenehmes, weiches Licht tauchte, sondern die Bilder verzerrte. Eine Kälte, wie ich sie vorher nicht kannte, erfasste mich. Noch vor fünf Minuten war mir der Schweiss in Strömen heruntergelaufen, und jetzt hatte ich das Gefühl, in einem Eisblock zu stecken. Für einen Moment schien mein Herz stehen zu bleiben, doch dann begann es noch wilder zu rasen. Meine Gedanken taten dasselbe: Ich wusste plötzlich nicht mehr, wo ich war und, noch schlimmer, wer ich war."

Angst hat Silvia Aeschbach nicht nur vor den Attacken, sondern auch davor, dass die Mitschüler ihr etwas anmerken könnten. "Die Vorstellung, dass jemand etwas von meiner Panik mitbekam, war fast so schlimm wie die Panik selber."

Wie alle, die mit unangenehmen, irritierenden, Angst auslösenden Gefühlen geschlagen sind, versucht sie die Orte und Situationen, in denen solche hochkommen könnten, zu vermeiden. Die Vorstellung, sie könne irgendwo nicht wegkommen, führte dazu, dass sie etwa Tunnels grosszügig umfuhr und bei Gebäuden automatisch checkte, wo es für den Notfall Ausgänge gab. Doch: "Die Sicherheit, die ich mir aufgebaut hatte, war trügerisch, das Leben liess sich letztlich nicht kontrollieren."

Als ihr ein Arzt die Diagnose "Panikattacke" mitteilt, ist sie erleichtert. "Zum ersten Mal fühlte ich mich in meiner Not verstanden. Die Panik war nicht Ausdruck einer Geisteskrankheit wie ich immer befürchtet hatte, sondern das Resultat meines überbordenden vegetativen Nervensystems und einer Übersensibilität aufgrund seelischer Überforderung und vielleicht war auch eine genetische Prägung mitschuldig."

Die Panik wird zu einem ihrer Lebensthemen. Sie macht sich auf die Suche, sie will wissen, woher ihre Ängste kommen. Sie identifiziert einiges: die Angst vor dem Verlassenwerden, dass auch ihre Mutter unter der Angstkrankheit litt, dass Angstgefühle anderen Gefühlen (etwa Verliebtheit oder Erfolgserlebnissen) weichen konnten. Sie hält sich für übersensibel, kontrollsüchtig, hypochondrisch. Und konstatiert: "Gefühlsmässig ging es wie immer um Leben oder Tod. Schwarz oder Weiss. Alles oder nichts."

Geholfen haben ihr letztlich, schreibt sie, Antidepressiva sowie die kognitiv-therapeutische Behandlung bei einem Psychiater, dem sie vertraute. Mein Eindruck hingegen war, dass eine Besserung eintrat, als Silvia Aeschbach begann, sich nicht mehr gegen das Leben, so wie es nun einmal ist, zu wehren, sondern es (inklusive der Ängste) hinzunehmen: "Inzwischen weiss ich, dass Flucht keine Lösung ist. Ich muss die Panik kommen lassen, dann geht sie von selber vorbei. Es klingt paradox, aber je mehr ich mich wehre, desto erbarmungsloser schlägt sie zu."

Es erfordert Mut, gegen die Hauptsorge von uns allen, "Was werden bloss die anderen denken?", anzugehen. "Leonardo Di Caprio trifft keine Schuld" zeugt von diesem Mut.

Silvia Aeschbach
Leonardo DiCaprio trifft keine Schuld
Panikattacken mit Happy End
Wörterseh Verlag, Gockhausen 2014

Mittwoch, 3. September 2014

Von der Hingabe

Lob des ungesicherten Lebens von Alexandre Jollien ist ein irreführender Titel, denn davon handelt dieses Buches nicht. Der französische Originaltitel trifft es besser: Petit traité de l'abandon, wobei so richtig trifft es auch dieser nicht, denn es ist ein ziemliches Sammelsurium von sehr unterschiedlichen Gedanken, das Autor und Verlag hier versammelt haben und ein gemeinsamer Nenner dafür nicht so ganz einfach zu finden.

Alexandre Jollien wurde 1975 mit einer infantilen Zerebralparese (dabei handelt es sich um Bewegungsstörungen, die sich zumeist in Spasmen äussern) geboren, verbrachte 17 Jahre in einem Behindertenheim, hat Philosophie studiert und mehrere Bücher veröffentlicht. Wenn jemand mit einem solchen Hintergrund sich zu Hingabe und Akzeptanz äussert, werde ich hellhörig.

Für mich Neues habe ich in Lob des ungesicherten Lebens allerdings kaum gefunden, dafür ganz Vieles, an das erinnert zu werden, mir wertvoll ist. Etwa die Aufforderung des chinesischen Zen-Meisters Yunmen: "Wenn du sitzt, dann sitze; wenn du stehst, dann stehe; wenn du gehst, dann gehe. Vor allem: zögere nicht." Oder Spinozas Satz: "Unter Realität und Vollkommenheit verstehe ich ein und dasselbe." Oder das wunderbare Gedicht von Angelus Silesius: "Die Ros ist ohn warum; sie blühet, weil sie blühet, / sie acht nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet."

Vor allem der Zen-Buddhismus scheint es Alexandre Jollien angetan zu haben. "Für mich bedeutet Zen, dass man damit zufrieden ist, da zu sein. Es geht nicht um den Versuch, irgendetwas zu sein." Das knüpft an die buddhistische Überzeugung an, dass wir alle bereits Buddhas (Erleuchtete) sind und so recht eigentlich nichts anderes üben sollen, als die zu werden, die wir bereits sind. Wie man das praktisch angehen kann, zeigt der Autor anhand von Beispielen aus seinem Alltag. Besonders hilfreich fand ich die Schilderung seiner täglichen Meditationsstunde.

PS: Die vorliegenden Texte wurden offenbar zuerst auf einer CD veröffentlicht, ein Lektorat hat es nicht gegeben, anders ist der erste Satz der Einleitung zu diesem Werk nicht zu erklären: "Guten Tag und herzlich willkommen, Sie alle. Es ist mir eine grosse Freude, Ihnen diese CD vorlegen zu können."

Alexandre Jollien
Lob des ungesicherten Lebens
Edition Spuren, Winterthur 2014

Mittwoch, 27. August 2014

Porträt eines Süchtigen

Bill Clegg arbeitet als Literaturagent in New York und erzählt in diesem Buch die Geschichte seiner Crack-Abhängigkeit. Sein Bericht ist ebenso faszinierend wie ermüdend.

Ermüdend sind die immer gleichen Schilderungen von Cleggs Taxifahrten, Hotelaufenthalten, Drogendeals sowie seinem Alkohol- und Crack-Konsum: "Der Wodka kommt umgehend, und ich schütte Eis in ein grosses Glas und fülle es bis zum Rand. Brian schüttelt auf die Frage, ob er auch was will, den Kopf und sagt, Nein, danke. Ich kippe zwei Drinks hintereinander und schenke mir einen dritten ein. Dann frage ich Brian, ob ich duschen kann, und er hat nichts dagegen. Ich nehme den Drink mit ins Bad, sperre die Tür ab und drehe die Dusche auf. Das Bad ist klein und hat keine Lüftung. Über der Dusche befindet sich jedoch ein kleines quadratisches Fenster, und schon stehe ich nackt in der Dusche und rauche, wie ich dachte, eine kleine Dosis, aber es stellt sich heraus, dass immer noch zwei, drei grosse Hits da sind. Plötzlich wünsche ich mir, ich hätte die Flasche Wodka mitgenommen. Ich stopfe die Pfeife, blase den Rauch aus dem kleinen Fenster in einen Luftschacht, lasse den Dampf aufsteigen, und bald bin ich locker."

Faszinierend sind die Beschreibungen von Cleggs Wahnvorstellungen. Ständig wähnt er sich verfolgt. Im Flieger nach Amsterdam glaubt er, dass seine Verhaftung unmittelbar bevorstehe. Zu einer Stewardess sagt er: Finden Sie nicht, dass das hier ein reichlich kompliziertes Theater ist wegen einer einzigen Person? Wenig später kommt die Stewardess mit dem Kapitän zurück. "Aber verhaftet werde ich nicht. Stattdessen erklärt mir der Kapitän dass sie seit dem Anschlag auf das World Trade Center vorsichtig sein müssen und dass ich die Stewardess mit meiner Äusserung so beunruhigt hatte, dass ihnen beim Gedanken, mich an Bord zu haben, nicht ganz wohl ist." Clegg darf nicht mitfliegen.

Was Porträt eines Süchtigen als junger Mann (trotz der Anspielung auf Joyce: ein literarisches Werk ist dieses Buch nicht) auszeichnet, ist die eindringliche Darstellung des völligen Absorbiertseins von der Drogenwelt. Während des Anschlags auf das World Trade Center geht Clegg zum Friseur.

Immer wieder und immer wieder gibt er der Sucht nach. Und immer wieder hat er Momente, wo ihm klar ist, was mit ihm los ist. "Ich bin nirgends und gehöre nirgends hin. Was passiert, seht mir jetzt klar vor Augen – das langsame Abrutschen, das Erreichen des jeweils nächsten unmöglichen Stadiums – Crackhöhle, Entzug, Knast, Strafe, Obdachlosenasyl, ein kurzer Schock, dass die Anpassung an die neue Realität. Bin ich jetzt im Fegefeuer zwischen Bürger und Niemand jungem Gentleman und Penner?"

Seine Einsichten nützen ihm nichts. Die Rettungsversuche seines Freundes Noah (den er ständig mit anderen Männern betrügt) und seiner Familie ebenso wenig und dann schliesslich doch. In einer Klinik in White Plains, NY, lässt er sich helfen. Sogar die Rückkehr ins Verlagswesen gelingt.

Bill Clegg
Porträt eines Süchtigen als junger Mann
S. Fischer, Frankfurt am Main 2012

Mittwoch, 20. August 2014

Nur strikte Abstinenz hilft

Der einzige Weg aus der Sucht, darin sind sich Experten inzwischen einig, ist deshalb strikte Abstinenz. Und zwar nicht nur deshalb, weil das Suchtgedächtnis auch noch nach Jahren bereits durch kleinste Mengen Alkohol oder den Anblick von einem frisch gezapften Glas Bier wieder stark aktiviert wird. Sondern auch, weil Abstinenz bewirkt, dass sich die Sucht auslösenden Reize nach und nach von der Stimulation des Belohnungssystems entkoppeln: Je häufiger der Patient die Erfahrung macht, dass sich problematische Situationen auch ohne Alkohol bewältigen lassen, desto schneller schwindet die automatisierte Reaktion auf die klassischen Schlüsselreize.

Für mehr, siehe hier

Mittwoch, 13. August 2014

Jeder Augenblick kann dein Lehrer sein

Die Achtsamkeit zu pflegen und zwar durch regelmässige und systematische Meditationsübung, dazu will dieses Buch anregen, denn solche Übung könne eine erhebliche Auswirkung auf die Lebensqualität haben, schreibt Jon Kabat-Zinn, der Gründer des Center for Mindfulness in der Medical School der University of Massachusetts.

"Da ihr Leben nur aus Augenblicken besteht, warum diese also nicht voll ausschöpfen und herausfinden, was es bedeuten kann, ihrem tiefsten und wahrsten Wesen immer häufiger treu sein?" Es ist dies nicht wirklich eine Frage, sondern so recht eigentlich das Motto dieses schön gestalteten Werkes.

Jeder Augenblick kann dein Lehrer sein ist auf vielfältige Art und Weise inspirierend. Man müsse wissen, weshalb man meditiere, lese ich. Und das meint: ohne genügende Motivation wird man kaum die Energie dazu finden, "die Praxis des achtsamen Nicht-Tuns" zu praktizieren.

Wie überhaupt im Leben: worauf es ankommt, ist das Tun. "Wenn Sie in ein Restaurant gehen, werden Sie kaum davon satt werden, dass Sie die Karte studieren oder sich die Gerichte vom Kellner beschreiben lassen. Sie müssen die Nahrung selbst zu sich nehmen, erst dann wird sie Ihrem Körper zugute kommen." Das gilt auch für die Achtsamkeit: es gilt sie wirklich auszuführen, damit sie ihre Wirkung entfalten kann.

Achtsam zu sein setzt Offenheit und Aufgeschlossenheit voraus. Und das bedeutet, sich auf das einzulassen, was ist. Und dafür braucht man die richtige Einstellung. Wer mit Vorbehalten meditiere und glaube, dass es doch nichts nütze, werde vermutlich keinen Erfolg haben, lese ich da. Und erinnere mich an Placebo-Studien, wo der Glaube ebenfalls eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Jeder Augenblick kann dein Lehrer sein ist ein nützliches Buch. Weil es praktische Anregungen, Hinweise und Anleitungen gibt, wie man den Augenblick erleben kann. Es ist kein Buch, dass man von Cover zu Cover liest, sondern eines, bei dem man sinnvollerweise ein, zwei Seiten liest und diese dann auf sich wirken lässt. Auch das ist eine Form der Meditation.

Jeder Augenblick kann dein Lehrer sein ist überdies ein sehr schön gemachtes Buch, die Anordnung von Bild und Text ansprechend und gelungen.

Jon Kabat-Zinn
Jeder Augenblick kann dein Lehrer sein
100 Momente der Achtsamkeit
O.W.Barth Verlag, München 2014

Mittwoch, 6. August 2014

Die Treffen der Anonymen Alkoholiker

Stephen Kings Doctor Sleep handelt unter anderem von Dan Torrance, der die Suchtkrankheit seines Vaters geerbt hat und deswegen an Treffen der Anonymen Alkoholiker (AA) teilnimmt. Und von diesen soll hier die Rede sein.

Die Bibel der AA ist das Blaue Buch und ein alter AA-Spruch lautet: "Wenn du etwas vor einem Alkoholiker verstecken willst, steck es ins Blaue Buch."

Ein Kapitel im Blauen Buch heisst 'An die Ehefrauen' und ist "voll veralteter Klischees, die bei den jüngeren Frauen im Raum fast immer scharfe Reaktionen auslösten. Die Teilnehmerinnen wollten wissen (zu Recht, wie Dan dachte), wieso niemand in den gut fünfundsechzig Jahren seit der ersten Veröffentlichung des Blauen Buchs ein Kapitel mit dem Titel 'An die Ehemänner' hinzugefügt hatte."

Wir lesen unter anderem von der Alkoholikerin Gemma, einer Frau in den Dreissigern, "die nur über zwei Gefühlszustände zu verfügen schien: wütend und total angepisst" und die, nachdem sie an einem Treffen ihre Geschichte mit der vom AA-Programm geforderten 'absoluten Ehrlichkeit' erzählt hatte, schluchzend zusammengebrochen war. Wir erfahren, dass bei den AAs Ratschläge verpönt sind, denn sie gelten als Einmischung. Und dass Alkoholiker oft aus total geringfügigen Gründen Ehe und Job hinschmeissen.

Beim 12-Schritte Programm der AA geht es darum, seine destruktiven Zwänge abzulegen und sich eine lebensbejahende Haltung anzueignen. Das ist alles andere als einfach. "Weiss Gott, er wollte nicht wie sein Vater sein, der sich auch in seinen nüchternen Phasen nur mit grösster Mühe hatte beherrschen können. Das AA-Programm sollte dabei helfen, mit der eigenen Wut umzugehen, und meistens tat es das auch, aber es gab Zeiten wie diese Nacht, in denen Dan bewusst wurde, wie wacklig die Barriere war. Zeiten, in denen er sich wertlos fühlte, und dann kam es ihm so vor, als wäre Schnaps das Einzige, was er verdiente. In solchen Zeiten fühlte er sich seinem Vater ganz nah."

"Es gab nachsichtige AA-Sponsoren, strenge AA-Sponsoren, und dann gab es noch solche wie Casey Kingsley, die sich von ihren Schützlingen nicht den geringsten Scheiss bieten liessen. Als die Beziehung der beiden noch am Anfang gestanden hatte, hatte Casey Dan aufgetragen, neunzig Treffen in neunzig Tagen zu absolvieren und ihn jeden Morgen um sieben anzurufen. 'Wenn du zu früh anrufst, lege ich auf. Wenn du zu spät anrufst, sage ich dir, du sollst morgen wieder anrufen ... aber nur falls du bis dahin noch trocken bist. Und wenn du besoffen oder verkatert anrufst, merke ich das, sobald dir drei Wörter aus dem Mund gekommen sind.'" Kein Wunder funktionieren die AAs nicht für alle!

Bei den AAs wird nicht versucht, dem Saufen einen Sinn zu geben. Stattdessen geht es darum, zu akzeptieren, dass man dem Alkohol gegenüber machtlos ist. Treffend illustriert das dieser Dialog zwischen Casey und Dan:
"'Sag mir jetzt mal, wieso du früher gesoffen hast.'
'Weil ich ein Säufer bin.'
'Nicht weil deine Mama dich nicht geliebt hat?'
'Nein.' Wendy hatte ihre Fehler gehabt, aber ihre Liebe zu ihm - und seine zu ihr - war nie ins Wanken geraten.
''Oder weil dein Daddy dich nicht geliebt hat?'
'Nein.' Obwohl er mir einmal den Arm gebrochen und mich am Ende fast umgebracht hat.
'Weil es erblich ist?'
'Nein.' Dan nippte an seinem Kaffee. 'Aber das ist es. Das weisst du doch, oder?'
'Klar. Ich weiss aber auch, dass das belanglos ist. Wir haben gesoffen, weil wir Säufer sind. Davon genesen wir nie. Auf der Basis unseres spirituellen Zustands erhalten wir täglich eine Bewährungsfrist, und damit hat sich's.'"

Stephen King
Doctor Sleep
Heyne Verlag, München 2014