Mittwoch, 17. August 2022

Welt der Wunder

Diesem sehr schön gestalteten Buch ist ein Zitat von Rabindranath Tagore vorangestellt, das eine Lebenseinsicht vermittelt, die von tiefer Weisheit zeugt. "Der Schmetterling zählt nicht Monate, sondern Momente. Und er hat genug Zeit."

Welt der Wunder handelt von wilden Pflanzen und Kreaturen, mit denen die Autorin Aimee Nezhukumatathil während ihrer Kindheit im Mittleren Westen Bekanntschaft machte und die sie seither begleiten. Dazu gehört auch der Catalpa, ein Laubbaum, der bis zu achtzehn Meter in die Höhe schiesst und an dessen Ästen lange Bohnenschoten herunterbaumeln. "Diese Schoten brachten die Menschen dazu, sie 'Zigarrenbäume', 'Trompetenbäume' oder 'Catawba' zu nennen."

Sie berichtet von Glühwürmchen, von denen es welche gibt, die synchron blinken können, ohne dass jemand wirklich weiss warum. Und von Indigofinken, die immer ihren Weg nach Hause finden. Und von Pfauen, den indischen Nationalvögeln, die sie in der amerikanischen Grundschule nicht zeichnen durfte, obwohl es sie auch in Amerika gibt. 

Als sie vier Jahre alt ist, schickt ihr ihre Grossmutter Armreifen aus Glas. "Als Erwachsene fühle ich mich immer noch von lichtdurchfluteten Farbspielen angezogen." Welt der Wunder ist wesentlich eine Reise in die Kindheit von Aimee Nezhukumatathil, in der unsere Beziehung zur Realität geformt wird. Sich daran zu erinnern, was in jungen Jahren von Bedeutung war, lässt einen auch erkennen, dass diese Prägungen unser Leben bestimmen.

Es ist bereichernd, an den Entdeckungen der Autorin teilzunehmen, auch wenn ich gelegentlich das Gefühl nicht los wurde, es gehe ihr eigentlich vor allem darum, von ihrer Familie und ihrem wunderbaren Mann zu schwärmen, was für mich in die Kategorie klingt etwas zu schön, um wahr zu sein gehört.

Welt der Wunder ist auch ein höchst lehrreiches Werk. So lerne ich etwa, "dass Pflanzen eine Temperatur haben und je nach Notwendigkeit kalt oder warm werden, dass sie Signale an andere Pflanzen schicken, die ihnen helfen, anstatt ihnen Schaden zuzufügen." Und ich erfahre, dass es Tanzfrösche gibt und sie als gefährdete Art klassifiziert sind. Und dass Hutaffen typisch für Indien sind. Allerdings fand ich den Satz: "Die Hutaffen erinnerten mich daran, wie gut es tat zu lachen." ziemlich befremdend: Muss man daran wirklich erinnert werden?

Schmunzeln machte mich die Schilderung eines Stromausfalls anlässlich eines Besuchs bei der Grossmutter im ländlichen Indien. "Meine Grossmutter nennt sie Stromlücken. Zum Beispiel: "Wir müssen die Wäsche am Vormittag waschen, vor der Stromlücke." Oder: "Iss dein Eis, sonst schmilzt es in der Stromlücke." Oder: "Es gibt zu viele Babys in diesem Ort wegen der Stromlücke."

Irritierend waren für mich die Bemühungen um die korrekte Sprache. Warum ein Mädchen mit einem indischen Vater und einer philippinischen Mutter als Mädchen of Color bezeichnet wird, da ihre Hautfarbe doch braun ist, entzieht sich mir. Eine differenzierte Sichtweise findet sich in den Ausführungen der Übersetzerin Anna von Rath am Schluss des Buches.

Fazit: Gut geschrieben und vielfältigst anregend.

Aimee Nezhukumatathil
Welt der Wunder
Über Glühwürmchen, Walhaie und andere Erstaunlichkeiten
btb, München 2022

Mittwoch, 10. August 2022

Shunmyo Masuno: Don't Worry

90 Prozent deiner Befürchtungen treten gar nicht ein! behauptet der Untertitel. Ich habe nicht den geringsten Zweifel, dass dem so ist, doch weshalb soll ich ein Buch über etwas lesen, das man offenbar auch in einem Satz sagen kann? Zum Einen, weil der Mensch es gerne ausführlich hat, zum Andern, weil wir Botschaften und Anregungen besser anhand von Geschichten als von programmatischen Aussagen begreifen, denn Geschichten erzeugen Bilder im Kopf und transportieren Emotionen. Understanding is a feeling hat mich meine Auseinandersetzung mit Fotografie gelehrt.

Das Vorwort wird mit diesen überaus einfachen und deswegen hilfreichen Sätzen eingeleitet. Rangiere die Dinge aus, die du nicht brauchst. Lebe ein unendlich einfaches Leben, frei von unnötigen Ängsten und Sorgen, ohne dich von den Werten anderer umstimmen zu lassen. Es sind dies Sätze, die man in jedem beliebigen Selbsthilfebuch finden kann; was hat das also mit Zen zu tun?

Beim Zen, wie ich ihn verstehe, geht es um eine Grundhaltung. Zu dieser gehört die Dankbarkeit. Und diese gilt es zu üben. "Ich beginne jeden Morgen, indem ich meine Hände zusammenlege und sage: 'Ich bin dankbar dafür, dass ich einen weiteren Tag bei guter Gesundheit begrüssen kann.' Und jeden Abend lege ich erneut die Hände zusammen und spreche meine Dankbarkeit aus: 'Ich bin dankbar dafür, dass ich einen weiteren Tag überstanden habe.'"

Don't Worry ist kein Buch, das man von Anfang bis Ende liest. Sicher, wer will, der kann das natürlich, doch sinnvoller scheint mir, diesen Band von Zeit zu Zeit hervorzuholen, irgendwo aufzuschlagen und das dort Gelesene wirken zu lassen. Je öfter, desto besser, denn die Ratschläge, die der Zen-Mönch Shunmyo Masuno gibt, sollten verinnerlicht werden, um wirksam  sein zu können.

So recht eigentlich dreht sich alles um Akzeptanz, also darum, das Leben so zu nehmen wie es nun mal ist. Und das meint unter anderem: Nicht zu vergleichen, denn das, was andere tun, hat nichts mit mir zu tun. "Es gibt keinen Vergleich. Wenn wir versuchen, Dinge zu vergleichen, die sich nicht vergleichen lassen, wird unser Geist von etwas eingenommen, was irrelevant ist, und das ist es, was Angst, Sorgen und Furcht erzeugt."

Im Umkehrschluss bedeutet das: Wer sich mit Relevantem beschäftigt, hat weder Angst, Sorgen noch Furcht. Doch was ist relevant? Sich selber wertzuschätzen. Loszulassen. Sich nicht auf Dinge konzentrieren, auf die man keinen Einfluss hat. Shunmyo Masuno zählt noch viele weitere Beispiele auf, die uns helfen können, gelassen zu werden. Zu den für mich wichtigsten gehört, nichts als selbstverständlich zu betrachten sowie das Leben ohne Hast und Eile anzugehen.

Ekiho Myazaki wurde einhundertsechs Jahre alt. Zu den Ratschlägen, die er hinterlassen hat, gehört auch dieser: "Die Menschen fragen sich, wann der richtige Zeitpunkt zum Sterben ist, und sie denken: 'Wenn ich erleuchtet bin'. Aber das ist falsch. Friedlich und mit Gelassenheit zu leben, das ist Erleuchtung. Es ist nicht schwer, friedlich und mit Gelassenheit zu leben. Wenn es an der Zeit ist zu sterben, ist es das Beste zu sterben. Solange es an der Zeit ist zu leben, ist es am besten, friedlich und mit Gelassenheit zu leben."

Fazit: Eine überaus hilfreiche Anleitung, sich auf das wirkliche Leben einzulassen.

Shunmyo Masuno
Don't Worry
90 Prozent deiner Befürchtungen treten gar nicht ein!
48 Impulse eines Zen-Mönchs für ein gelassenes Leben
Lotos, München 2022

Mittwoch, 3. August 2022

Werde der, der du bist

 Schon mein ganzes Leben begleitet mich ein unterschwelliges Wut-Gefühl. Vielleicht, muss ich hinzufügen, denn wirklich wissen kann ich das nicht. Als Philosophen des ‚Vielleicht‘ habe sich Nietzsche immer wieder gerne bezeichnet, so Sue Prideaux in ihrer grandiosen Biografie dieses Zertrümmerers herkömmlicher Gewissheiten.

Das geht doch nicht, meldet sich eine der zahlreichen Stimmen in meinem Kopf. Sowas zu schreiben suggeriert doch, Du würdest Dich als Philosophen sehen, gar als einen Geistesbruder von Nietzsche? Und überhaupt: Ganz am Anfang eines Buches auf eine vielgepriesene Biografie Bezug nehmen, das geht gar nicht. Schreib von Dir! Zitiere nicht andere! Wenn Du das nicht kannst, dann lass es sein!

Genau so habe ich mich ein Leben lang in meine Schranken verwiesen. Mich braucht niemand zu zensurieren, ich tue es selber. Und selbst in meinem 66sten Altersjahr bin ich grösstenteils meinen Konditionierungen ausgeliefert. Doch das akzeptiere ich nicht mehr, ich will hochkommen lassen, was in mir lodert und heraus will. Es ist nicht nur nötig, es ist meine Pflicht, das weiss ich nicht nur, das spüre ich auch. Schwierig? Sowieso. Nietzsche soll übrigens von Pindars Werde der, der du bist geleitet worden sein. Es ist so recht eigentlich das Einzige, was mich interessiert. Und es ist mehr als schwierig und vielleicht unmöglich. Meine diesbezüglichen Anstrengungen haben sich als zermürbend erwiesen, doch wenn mich überhaupt etwas zu motivieren vermag, dann das. Bei allem Anderen steht die Sinnlosigkeit schon von Anfang an fest. „Jedes Mal, wenn man dachte, man hätte es geschnallt, zeigte einem die Welt eine lange Nase und wechselte auf ihre eigene Spur zurück, wurde wieder unergründlich.“ (James Sallis: Driver).

Kam ich mit schlechten Noten nach Hause, war klar, dass der Fehler bei mir lag und nicht am möglicherweise unfähigen Lehrer. Und da das häufig auch stimmte („Fauler Hund“, schmunzelte mein Vater immer mal wieder – und hatte meist nicht Unrecht), war ich auf dem besten Weg, mich nahtlos in die Gesellschaft zu integrieren. Die Schule lehrte mich, dass meine Meinung nicht zählte, konnte ich hingegen eine anerkannte Grösse (Goethe eignete sich immer) mit derselben Meinung zitieren, war das in den Augen der Lehrer natürlich etwas anderes.

Unter den Dingen, auf die ich beim Aufräumen stosse, befinden sich auch Fotos und Notizen von V. Sie litt unter einem Herzklappenfehler, wusste, dass sie nicht mehr lange leben würde und betäubte sich mit Drogen. Sie berührte mich tief und natürlich wollte ich sie retten. Sie war 26 als sie auf der Strasse tot zusammenbrach.

Ich predigte ihr, es sei wichtig, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen (ich selber war weit entfernt davon). Als es ihr zuviel wurde, sagte sie: Also, wenn Du Verantwortung so toll findest, kannst Du die für mich gleich mit übernehmen.

Ich lege wahllos eine Kassette in den Recorder als ich die Bilder von ihr betrachte. Ein Film läuft in meinem Kopf ab – wie wir durch den meterhohen Schnee durch Zürichs Strassen stapften, im Zug nach München Koks schnupften und viel miteinander lachten – und plötzlich merke ich, dass die Musik, die aus den Lautsprechern tönt, aus der Zeit stammt, in der wir zusammen waren. Zufall? Höchstens in dem Sinn, dass uns fast alles ohne unser bewusstes Tun zufällt.

Ich habe V. gegooglet. Natürlich fand ich nichts – ihr Tod liegt 35 Jahre zurück – , doch ich stiess auf eine Frau mit demselben Namen, eine Amerikanerin, die ihr verblüffend ähnlich sah und 2019 im Alter von 60 Jahren gestorben ist (was in etwa dem heutigen Alter von V entspräche).

In alten Sachen zu wühlen ist mehr als nur eigenartig. Unwirklich trifft es besser. Je mehr ich ausgrabe, desto verwirrender erlebe ich mein Leben, je weniger verstehe ich es. Ein Brief von einem englischen AA-Freund, den ich kaum kannte, der mich in Durban erreichte – ich google ihn und stosse auf seine Todesanzeige. Auch C google ich, einen Kanadier chinesischer Abstammung, der mich in Quanzhou darüber aufklärte, dass in jeder meiner Klassen ein Regierungsspion sitze (es sei der, der verstehe, was ich sage). Er ist vor zwei Jahren gestorben.

C und ich lasen beide gleichzeitig „Krieg und Frieden“ und als wir uns in der Folge darüber austauschten, stellten wir fest, dass wir genau die gleiche Stelle, in der Fürst Andrej verletzt auf dem Schlachtfeld liegt, am beeindruckendsten fanden: “Über ihm war nichts als der Himmel, der hohe Himmel, der zwar nicht klar, aber trotzdem unermesslich hoch schien. Graue Wolken glitten ruhig dahin. Wie still, wie ruhig, wie feierlich, dachte Fürst Andrej, gar nicht so, wie ich eben dahergestürmt bin, gar nicht so, wie wir rennen und schreien und kämpfen, und wie sich der Franzose und der Artillerist mit wütenden, entsetzten Gesichtern den Wischer zu entwinden suchten – ganz anders ziehen die Wolken über diesen hohen, unendlichen Himmel dahin. Wie kommt es, dass ich früher niemals diesen Himmel gesehen habe? Wie glücklich bin ich, dass ich ihn endlich sehe. Ja! Alles ist eitel, alles ist Lug und Trug, ausser diesem unendlichen Himmel. Es gibt nichts, nichts ausser ihm … Und auch er ist wohl nicht … nichts ist … ausser der Stille … der Ruhe … Gott sei Dank!”

Aus: Hans Durrer: Gregors Pläne, neobooks 2021

Mittwoch, 27. Juli 2022

On spirituality

The spiritual life has always attracted me  in theory, not in practice. I do associate it with monks, Thoreau's Walden, simplicity, and wisdom. 

The other day, when starting to reread Pico Iyer's The Lady and the Monk. Four Seasons in Kyoto, I came across this. "... the vision I had always cherished of living simply and alone, in some foreign land, unknown. A life alone was the closest thing to faith I knew, and a life of Thoreauvian quiet seemed most practicable abroad."

"The readiness is all", says Horatio in Hamlet. Readiness for the spiritual life, it seems to me, is only possible once the capitalist options (to have, to possess – including books, ideas as well as knowledge) are exhausted or have become irrelevant. When to simply be sounds attractive.

When the actor Billy Murray was asked: "You're rich, you're famous, what do you still want from life?", he replied (I quote from memory): "To be more consistently here, or differently put: to be also mentally where I am physically." 

Mittwoch, 20. Juli 2022

Diplomierte Experten für die Seele

 Die Frau war sympathisch, offen und witzig. Wir befanden uns in einer Bar am Kata Karon Beach auf Phuket und unterhielten uns bestens. Als sie dann aber sagte, sie sei Psychologin, konnte ich nicht mehr an mich halten und übergoss sie mit  meinem ganzen Widerwillen gegen diese diplomierten Experten für die Seele, von der ich glaubte, wesentlich mehr zu verstehen, weil ich doch so sehr am Leben litt und mir so viele Gedanken über dieses Leiden machte. Erst als Linda, so hiess die Frau aus dem australischen Melbourne, schliesslich lachend sagte: I’m only working part-time, liess ich von meinen Tiraden ab.

Psychologinnen (Männer sind mitgemeint), so meine damalige Sicht der Dinge, konterten jede Kritik mit: Was ist Dein Problem?; Du verdrängst da etwas; Mit Dir stimmt etwas nicht. Jedes Nicht-Einverstanden-Sein mit Irgendetwas wurde als persönliches Problem gesehen. Positiv formuliert: Eigenverantwortung wurde gefordert. Und so sehr ich diese auch befürworte, so sehr gingen mir diese Psychos auf die Nerven. Weil sie Recht hatten? Vielleicht auch, wahrscheinlicher scheint mir jedoch, weil ich sie als Systemerhalter begriff und ich selber voller Wut auf dieses System war. Mit System meinte ich damals die Schule, die für mich nur einen Zweck hatte: uns Schüler in die herrschende Ordnung einzugliedern. Ich empfand sie als Unterdrückungsapparat und war bass erstaunt, als mir einmal ein mir sympathischer Pfarrer erläuterte, dass sie für ihn genau das Gegenteil gewesen sei, nämlich die Möglichkeit, sich aus den beengten sozialen Verhältnissen seiner Herkunft zu befreien (meine eigene soziale Herkunft, mein Vater war ein angesehener Arzt, war privilegiert).

Für die meisten Psychologen gilt, was der Jurist Ludwig Thoma einmal über die Juristen gesagt hat: „Der königliche Landgerichtsrat Alois Eschenberger war ein guter Jurist und auch sonst von mässigem Verstande.“ Shakespeare  sagt es so: „Es gibt mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.“

Denke ich an meine Schulzeit, erinnere ich mich vor allem an Charaktereigenschaften meiner Lehrer. Und insbesondere an den zutiefst menschenfreundlichen Pater Giulio Haas und die unkonventionelle Christine Wunderli, die eine Lebensfreude ausstrahlte, die mir im Gymnasium – die Sensiblen litten! – zuwider war. Ich habe Dich damals gar nicht gemocht, erzählte ich ihr Jahre später. Ich weiss, ich Dich aber, lachte sie.

In jeder Schule gibt es gute Lehrer und auch unter den Psychologen gibt es welche, die wissen, wovon sie reden. Aus reflektierter Erfahrung, nicht wegen der Anpassung ans System, die mit einem Diplom belohnt wurde.

Nachdem ich sechs Jahre lang keinen Alkohol mehr getrunken hatte, begab ich mich nach Hazelden, der berühmten 12-Schritte-Therapie-Einrichtung in Minnesota, um zu sehen, ob die Ausbildung zum addiction counsellor etwas für mich wäre. Nachdem ich zehn Tage erlebt hatte, wie der Laden so lief (und mich wenig überzeugt hatte), fragte mich der Chef-Therapeut, was meine Motivation sei, um counsellor zu werden. Ich sei immer an existenziellen, philosophischen Fragen interessiert gewesen, darum ginge es mir, antwortete ich. Dann sei ich bei ihnen ganz falsch, erwiderte der Chef-Therapeut, bei ihnen gehe es darum, die Patienten wieder fit fürs Arbeitsleben und die Familie zu machen. Das war und ist in der Tat nicht, was mir vorschwebte, denn in meiner Vorstellung ist Sucht nicht einfach ein persönliches Problem. Das Nicht-Genug-Kriegen, das Immer-Mehr-Mehr-Mehr (und genau das ist Sucht) ist geradezu die Grundlage „unseres“ Systems.

Gibt es denn eine Alternative? Sicher, Eckhard Schiffer hat sie in Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde beschrieben. „Am Anfang aller Aufklärung stünden die Selbstaufklärung über die suchtartige Verschreibung an das Leistungsprinzip unter Eltern und Lehrern und Schulbürokraten sowie das Wissen darum, dass das Spielen im Sinne von ‚play‘ und die dazugehörigen Freiräume die wirksamste Immunisierung gegen Suchtgefährdung darstellen.“

Und was tut man, wenn man schon süchtig ist? Selber denken; lernen, bei sich zu sein; nach seinen eigenen Werten zu leben; Meister seiner selbst zu sein. Übung macht den Meister, hiess es einmal. Es gilt noch immer.

Was dem Selber-Denken im Wege steht, hat Immanuel Kant gemeint, seien Faulheit und Feigheit. Das war 1784; es  gilt noch immer.

Mittwoch, 13. Juli 2022

Die Zwölf Seelen-Vögel

"Wir sind unserer natürlichen Umgebung entfremdet. Diese Entwurzelung ist, so glaube ich, einer der Hauptgründe, warum es uns heute so schwerfällt, die Schläge, die uns treffen, zu bewältigen. Wir haben die Perspektive verloren, die uns die Natur bietet", schreibt Charlie Corbett in der Einleitung zu Die Zwölf Seelen-Vögel. Als seine Mutter stirbt, findet er Trost beim Beobachten von Vögeln. Dabei stellt er unter anderem fest, dass die Lerche zu den wenigen Vögeln gehört, die im Flug singen.

Wir sehen selten, was vor unserer Nase liegt, gehen meist achtlos daran vorbei. "Ich bin immer noch verblüfft, wie viel Neues ich immer wieder bei Spaziergängen entdecke, obwohl ich jetzt seit Jahren schaue, suche und lerne." Das liegt daran, dass wir zumeist auf Autopilot unterwegs sind de-automatize hat Osho uns geraten. Wie jeder wirklich gute Rat, so zeichnet sich auch dieser dadurch aus, dass er nicht so einfach umgesetzt werden kann.

Charlie Corbett macht die Erfahrung, dass nur schon still unter einem Baum zu sitzen, sich als überraschend schwierig erweist, denn es kann beängstigend sein, mit den eigenen Gedanken allein zu sein. "Ich wollte instinktiv vor diesen Augenblicken der Stille fliehen (oder mich aus ihnen wegsaufen), weil ich Angst davor hatte, was mir in ihnen begegnen würde, und deshalb scheiterten viele meiner Versuche, mich einfach hinzusetzen und dem Gras beim Wachsen zuzuschauen und zuzuhören, völlig."

So recht eigentlich handelt es sich bei Die Zwölf Seelen-Vögel um ein Heranführen an die Natur, von der wir ein Teil sind, auch wenn uns das selten wirklich bewusst ist, da wir gelernt haben in Gegensätzen zu denken. "Oben auf dem Hügel kam ich mir vor, als sei ich Teil von etwas Grösserem als meinem begrenzten Verstand und meiner kurzen Verweildauer auf Erden. Ich versuchte, mir intensiv die Menschen und Tiere vorzustellen, die vor mir diese alte Kulturlandschaft bevölkert hatten. Ich fragte mich, wie viele Tausende Menschen in den vergangenen Jahrhunderten dieses schöne Fleckchen Erde ihr Zuhause genannt hatten. Es mussten viele gewesen sein, und dennoch kam es einem so unberührt vor mit seinen endlosen Hügelketten und gewundenen Bächen mit kalkig weissem Wasser."

Bei seiner Entdeckungsreise stösst Charlie Corbett auch auf Edward Grey, den britischen Aussenminister zu Beginn des Ersten Weltkrieges, der sich als Vogelfreund herausstellte, und sich in einer Art und Weise über den Zaunkönig ausliess, dass Charlie das Gefühl hatte, auf eine verwandte Seele gestossen zu sein. Was wieder einmal zeigt, dass es zu allen Zeiten und in allen Berufen Menschen gab, die sich mit der Natur verbunden fühlten.

Auch der britische Witz kommt nicht zu kurz in diesem gut geschriebenen Werk. Etwa wenn man darauf hingewiesen wird, dass Paul McCartney offenbar kein Vogelkenner ist, sonst hätte er kaum eine Amsel (Blackbird) mitten in der Nacht singen lassen. Amseln tun das nämlich nicht, Singdrosseln tun das. Übrigens nicht nur mitten in der Nacht, "sondern auch mitten im Winter, wenn sich kein anderer Vogel hören lässt."

Die Zwölf Seelen-Vögel ist auch eine Auseinandersetzung mit dem Sterben von Charlie Corbetts Mutter. Vor allem der Vater will nicht wahrhaben, dass das Leben seiner Frau zu Ende geht; ihr Tod lässt ihn als gebrochenen Mann zurück. "Trauer ist eine seltsame Sache. Das Wort selbst ist ein schwacher Versuch, eine Legion von Gefühlen zu beschreiben, die sich auf hunderterlei Art manifestieren, ähnlich wie Liebe wohl, aber negativ."

Was Die Zwölf Seelen-Vögel auszeichnet, sind die persönlichen Geschichten. So beobachtete der Autor etwa einen Buchfink, der mit seinem Spiegelbild kämpft, das er für einen Rivalen hält. Und auf ein Mal dämmert ihm, dass er selber genau so mit seinem Vater kämpft. "Manchmal zeigen einem die Tiere so deutlich, was mit dem eigenen Leben nicht stimmt, dass es wehtut."

Fazit: Nützlich und anregend.

Charlie Corbett
Die Zwölf Seelen-Vögel
Wie sie uns Trost, Ruhe und neue Kraft schenken
Kailash, München 2022

Mittwoch, 6. Juli 2022

Ohne Alkohol

David Nutt war einmal Drogenberater der britischen Regierung, fiel dann aber in Ungnade, weil seine Forschungen anderes ergaben als was die Regierung wollte. Nathalie Stüben zitiert ihn mit dem Satz: "The only difference between alcohol and any other drugs, I've always argued, is that alcohol is legal." Man sollte diese Aussage auf sich wirken lassen, und zwar lange genug, auf dass sich einem erschliessen möge, was sie alles impliziert. Im Wesentlichen dies: Dass wir uns in Sachen Drogen genau so verhalten wie mit allem anderen auch, das uns nicht passt. Kurz und gut: Der Selbstbetrug ist die Fähigkeit, die mehr Menschen verbindet als alles andere zusammengenommen. Kann ich das belegen? Das ist nicht nötig, Just look and see genügt.

Ich mache mir das zu einfach? Sie wollen mehr und Genaueres? Lesen Sie Nathalie Stübens Ohne Alkohol, worin sie unter anderem detailliert und an konkreten Beispielen ausführt, weshalb die Behörden in Sachen Drogen untätig bleiben bzw. mit Eigenverantwortung argumentieren. Was, so recht bedacht,  ziemlich hirnrissig ist, denn der Zweck des Saufens (jedenfalls für Säufer) ist der Blackout. Elmore Leonard hat es in Callgirls auf den Punkt gebracht: "Man hat ihr wieder den Führerschein abgenommen, sie ist das dritte Mal in den letzten anderthalb Jahren mit Alkohol am Steuer erwischt worden. Ich sag zu ihr: 'Herr im Himmel, kannst du nicht was trinken, ohne jedes Mal stockbesoffen zu werden?' Sagt sie: 'Was soll denn das für 'nen Sinn haben?'"

Nathalie Stüben erzählt in diesem Buch auch ihre eigene Geschichte, zu der auch gehört, dass sie mit Alkohol zunächst nur Gutes verband, auch weil er zu 'unserer' Kultur gehört. "Mein Denkfehler lag darin, Kultur mit Kultiviertheit zu verwechseln. Für mich verbarg sich hinter 'Kultur' etwas Schönes, Wünschenswertes. Ich verstand nicht, wie stark dieses Wort schillert. Ich erkannte nicht, dass diese feierlichen Bräuche einen Massenmord nach sich ziehen." Es gehört zu den Stärken dieses Buches, dass die Autorin Sucht nicht auf ein rein persönliches Problem (das sie natürlich auch ist) reduziert.

Sie macht sich beim Suchtforscher Michael Soyka kundig, der wie alle, die wirklich etwas verstehen, einfach und klar zu formulieren weiss. "Für mich gibt es ein paar Kernsymptome der Abhängigkeit: Das ist zum einen der Kontrollverlust – ich kann nicht aufhören, wenn ich einmal anfange. Das ist zum andern das süchtige Verlangen, Neudeutsch 'Craving', als Suchtdruck, als ein Verlangen, Alkohol zu trinken. Das sind die Kernsymptome einer Abhängigkeit."

Nathalie Stüben weiss, dass sie zu viel trinkt und trinkt dann dieses Wissen weg. Ein Alkoholproblem habe sie ganz bestimmt nicht, erklärt ihr eine Freundin, schliesslich sei sie erfolgreich, kriege ihr Leben geregelt, funktioniere also bestens. Nicht alle ihre Bekannten sehen das so, doch die meisten sind eben mit dem eigenen Funktionieren beschäftigt. Wie schrieb doch Flore Vasseur in Kriminelle Bande: "Es ist kein Zeichen geistiger Gesundheit, gut angepasst an eine kranke Gesellschaft zu sein." Oder wie es ein mittlerweile trockener Manager einmal formulierte: "Als ich noch gesoffen habe, fiel mir mein Job entschieden leichter." Zugespitzt gesagt: Den-Hals-nicht-voll-zu-kriegen (und das ist Sucht – jedenfalls für mich) ist die Grundlage 'unseres' Wirtschaftssystems. 

"Ich will nicht zu den Anonymen Alkoholikern" ist ein Kapitel überschrieben, in dem sie sich auch positiv (und differenziert) zu Holly Whitaker äussert, die ihren Blick auf Sucht und Genesung erweitert hat. Auch der AA-Kritiker Lance Dodes wird erwähnt und Veronica Valli, die unter anderem schreibt: "Humility is not thinking less of ourselves – it is thinking of ourselves less." Zu den Anonymen Alkoholikern nur soviel: Da gibt es so viele dumme und sture Besserwisser wie auch überaus schlaue und vernünftige Leute wie überall, wo sich Menschen zusammenfinden. Mein Rat: "Take what you need and leave the rest." Das gilt meines Erachtens für so ziemlich jedes freiwillige Programm.

Nathalie Stüben bezeichnet sich nicht als Alkoholikerin. Auch nicht als genesene Alkoholikerin. "Ich hatte ein Alkoholproblem, ja. Ich war alkoholsüchtig, ja. Ich werde in diesem Leben besser keinen Alkohol mehr anrühren, ja. Aber ich bin deshalb nicht kaputt, tief in mir drin (...) Ich liebe es, nüchtern zu sein. Ich bin gesund. Ich bin selbstbestimmt, Ich bin unabhängig. Und, allem voran: Ich bin frei." Mein Gefühl ist auch nicht viel anders, mein Verstand mahnt mich jedoch zur Vorsicht, denn die Probleme, die nach dem Saufen-Aufhören hervorbrachen, machten mir vor allem klar, dass mein Saufen ein Lebensproblem zugedeckt hatte, dem ich mich jetzt stellen konnte/durfte/musste. Und daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn das über 32 Jahre zurückliegt.

Eine der erhellendsten Sätze in Ohne Alkohol ist für mich: "Die Art und Weise, wie ich meine Sucht definiere, beeinflusst ganz entscheidend, wie ich meine Abstinenz angehe." Bei Nathalie Stüben hat ein Perspektivenwechsel stattgefunden, sie hat ihren Blick auf die Welt korrigiert, sieht heute, was vor ihrer Nase liegt, und lernt, damit umzugehen. Die Lebensfreude, die einem gegen Ende dieses Buches entgegenspringt, ist so recht eigentlich das Schönste an Ohne Alkohol.

Fazit: Eine Lektüre, die lohnt! Gut geschrieben, überaus hilfreich, sehr zu empfehlen.

Nathalie Stüben
Ohne Alkohol
Die beste Entscheidung meines Lebens
Erkenntnisse, die ich gern früher gehabt hätte
Kailash, München 2021