Mittwoch, 17. August 2022
Welt der Wunder
Mittwoch, 10. August 2022
Shunmyo Masuno: Don't Worry
Mittwoch, 3. August 2022
Werde der, der du bist
Schon mein ganzes Leben begleitet mich ein unterschwelliges Wut-Gefühl. Vielleicht, muss ich hinzufügen, denn wirklich wissen kann ich das nicht. Als Philosophen des ‚Vielleicht‘ habe sich Nietzsche immer wieder gerne bezeichnet, so Sue Prideaux in ihrer grandiosen Biografie dieses Zertrümmerers herkömmlicher Gewissheiten.
Das geht doch nicht, meldet sich eine der zahlreichen Stimmen in meinem Kopf. Sowas zu schreiben suggeriert doch, Du würdest Dich als Philosophen sehen, gar als einen Geistesbruder von Nietzsche? Und überhaupt: Ganz am Anfang eines Buches auf eine vielgepriesene Biografie Bezug nehmen, das geht gar nicht. Schreib von Dir! Zitiere nicht andere! Wenn Du das nicht kannst, dann lass es sein!
C und ich lasen beide gleichzeitig „Krieg und Frieden“ und als wir uns in der Folge darüber austauschten, stellten wir fest, dass wir genau die gleiche Stelle, in der Fürst Andrej verletzt auf dem Schlachtfeld liegt, am beeindruckendsten fanden: “Über ihm war nichts als der Himmel, der hohe Himmel, der zwar nicht klar, aber trotzdem unermesslich hoch schien. Graue Wolken glitten ruhig dahin. Wie still, wie ruhig, wie feierlich, dachte Fürst Andrej, gar nicht so, wie ich eben dahergestürmt bin, gar nicht so, wie wir rennen und schreien und kämpfen, und wie sich der Franzose und der Artillerist mit wütenden, entsetzten Gesichtern den Wischer zu entwinden suchten – ganz anders ziehen die Wolken über diesen hohen, unendlichen Himmel dahin. Wie kommt es, dass ich früher niemals diesen Himmel gesehen habe? Wie glücklich bin ich, dass ich ihn endlich sehe. Ja! Alles ist eitel, alles ist Lug und Trug, ausser diesem unendlichen Himmel. Es gibt nichts, nichts ausser ihm … Und auch er ist wohl nicht … nichts ist … ausser der Stille … der Ruhe … Gott sei Dank!”
Aus: Hans Durrer: Gregors Pläne, neobooks 2021
Mittwoch, 27. Juli 2022
On spirituality
The other day, when starting to reread Pico Iyer's The Lady and the Monk. Four Seasons in Kyoto, I came across this. "... the vision I had always cherished of living simply and alone, in some foreign land, unknown. A life alone was the closest thing to faith I knew, and a life of Thoreauvian quiet seemed most practicable abroad."
"The readiness is all", says Horatio in Hamlet. Readiness for the spiritual life, it seems to me, is only possible once the capitalist options (to have, to possess – including books, ideas as well as knowledge) are exhausted or have become irrelevant. When to simply be sounds attractive.
When the actor Billy Murray was asked: "You're rich, you're famous, what do you still want from life?", he replied (I quote from memory): "To be more consistently here, or differently put: to be also mentally where I am physically."
Mittwoch, 20. Juli 2022
Diplomierte Experten für die Seele
Die Frau war sympathisch, offen und witzig. Wir befanden uns in einer Bar am Kata Karon Beach auf Phuket und unterhielten uns bestens. Als sie dann aber sagte, sie sei Psychologin, konnte ich nicht mehr an mich halten und übergoss sie mit meinem ganzen Widerwillen gegen diese diplomierten Experten für die Seele, von der ich glaubte, wesentlich mehr zu verstehen, weil ich doch so sehr am Leben litt und mir so viele Gedanken über dieses Leiden machte. Erst als Linda, so hiess die Frau aus dem australischen Melbourne, schliesslich lachend sagte: I’m only working part-time, liess ich von meinen Tiraden ab.
Psychologinnen (Männer sind mitgemeint), so meine damalige Sicht der Dinge, konterten jede Kritik mit: Was ist Dein Problem?; Du verdrängst da etwas; Mit Dir stimmt etwas nicht. Jedes Nicht-Einverstanden-Sein mit Irgendetwas wurde als persönliches Problem gesehen. Positiv formuliert: Eigenverantwortung wurde gefordert. Und so sehr ich diese auch befürworte, so sehr gingen mir diese Psychos auf die Nerven. Weil sie Recht hatten? Vielleicht auch, wahrscheinlicher scheint mir jedoch, weil ich sie als Systemerhalter begriff und ich selber voller Wut auf dieses System war. Mit System meinte ich damals die Schule, die für mich nur einen Zweck hatte: uns Schüler in die herrschende Ordnung einzugliedern. Ich empfand sie als Unterdrückungsapparat und war bass erstaunt, als mir einmal ein mir sympathischer Pfarrer erläuterte, dass sie für ihn genau das Gegenteil gewesen sei, nämlich die Möglichkeit, sich aus den beengten sozialen Verhältnissen seiner Herkunft zu befreien (meine eigene soziale Herkunft, mein Vater war ein angesehener Arzt, war privilegiert).
Für die meisten Psychologen gilt, was der Jurist Ludwig Thoma einmal über die Juristen gesagt hat: „Der königliche Landgerichtsrat Alois Eschenberger war ein guter Jurist und auch sonst von mässigem Verstande.“ Shakespeare sagt es so: „Es gibt mehr Ding‘ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.“
Denke ich an meine Schulzeit, erinnere ich mich vor allem an Charaktereigenschaften meiner Lehrer. Und insbesondere an den zutiefst menschenfreundlichen Pater Giulio Haas und die unkonventionelle Christine Wunderli, die eine Lebensfreude ausstrahlte, die mir im Gymnasium – die Sensiblen litten! – zuwider war. Ich habe Dich damals gar nicht gemocht, erzählte ich ihr Jahre später. Ich weiss, ich Dich aber, lachte sie.
In jeder Schule gibt es gute Lehrer und auch unter den Psychologen gibt es welche, die wissen, wovon sie reden. Aus reflektierter Erfahrung, nicht wegen der Anpassung ans System, die mit einem Diplom belohnt wurde.
Nachdem ich sechs Jahre lang keinen Alkohol mehr getrunken hatte, begab ich mich nach Hazelden, der berühmten 12-Schritte-Therapie-Einrichtung in Minnesota, um zu sehen, ob die Ausbildung zum addiction counsellor etwas für mich wäre. Nachdem ich zehn Tage erlebt hatte, wie der Laden so lief (und mich wenig überzeugt hatte), fragte mich der Chef-Therapeut, was meine Motivation sei, um counsellor zu werden. Ich sei immer an existenziellen, philosophischen Fragen interessiert gewesen, darum ginge es mir, antwortete ich. Dann sei ich bei ihnen ganz falsch, erwiderte der Chef-Therapeut, bei ihnen gehe es darum, die Patienten wieder fit fürs Arbeitsleben und die Familie zu machen. Das war und ist in der Tat nicht, was mir vorschwebte, denn in meiner Vorstellung ist Sucht nicht einfach ein persönliches Problem. Das Nicht-Genug-Kriegen, das Immer-Mehr-Mehr-Mehr (und genau das ist Sucht) ist geradezu die Grundlage „unseres“ Systems.
Gibt es denn eine Alternative? Sicher, Eckhard Schiffer hat sie in Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde beschrieben. „Am Anfang aller Aufklärung stünden die Selbstaufklärung über die suchtartige Verschreibung an das Leistungsprinzip unter Eltern und Lehrern und Schulbürokraten sowie das Wissen darum, dass das Spielen im Sinne von ‚play‘ und die dazugehörigen Freiräume die wirksamste Immunisierung gegen Suchtgefährdung darstellen.“
Und was tut man, wenn man schon süchtig ist? Selber denken; lernen, bei sich zu sein; nach seinen eigenen Werten zu leben; Meister seiner selbst zu sein. Übung macht den Meister, hiess es einmal. Es gilt noch immer.
Was dem Selber-Denken im Wege steht, hat Immanuel Kant gemeint, seien Faulheit und Feigheit. Das war 1784; es gilt noch immer.


.jpg)

