Hannes Råstams Quick. Die Erschaffung eines Serienkillers lesend, wird mir wieder einmal bewusst, dass unsere Versuche, in dem Durcheinander, in dem wir uns vorfinden, Ordnung zu schaffen, auf einer völlig irrigen Grundlage, auf einem falschen Denken gründen. Wir gehen nämlich davon aus, dass es so etwas wie gesichertes Wissen geben könnte, obwohl wir doch wissen, dass alles ständig im Fluss ist. Nichts ist stabil, auch das Gedächtnis nicht. Nur eben: Was wir wissen, beeinflusst uns weit weniger als wir gemeinhin annehmen.
Historiker wissen, dass die Geschichte sich wiederholt und dass trotzdem nicht alles beim alten bleiben muss. Nicht etwa, weil wir aus der Geschichte lernen, sondern weil unsere Vorstellung der Geschichte, ja vom Leben, eine Fiktion ist. Zugegeben, eine beständige.
Tolstoi hat es in Für alle Tage. Ein Lebensbuch auf den Punkt gebracht: „Es gibt keine Zeit. Es gibt nur die unendlich kleine Gegenwart. In ihr vollzieht sich das Leben. Deshalb sollte der Mensch all seine geistigen Kräfte auf die Gegenwart richten.“
In diesem Buch bin ich auch auf diesen Eintrag gestossen: „Unterweise dein Herz. Lass dich nicht von ihm unterweisen.“ (Buddhistischer Spruch). Und habe gestockt: Weiss denn nicht das Herz am besten, wo es lang gehen sollte? Nein, nicht immer, denn wir glauben, was immer uns passt und oft nicht, was uns gut tut. Und woher weiss man, was einem gut tut? Mir selber helfen diese Zeilen aus Johann Wolfgang von Goethes Wahlverwandtschaften: „Charlotte stand betroffen. Sie war geistreich genug, um schnell einzusehen, dass jene Recht hatten; aber das Getane widersprach, es war nun einmal so gemacht; sie hatte es recht, sie hatte es wünschenswert gefunden, […] sie verteidigte ihre kleine Schöpfung […]. Sie war bewegt, verletzt, verdriesslich; sie konnte das Alte nicht fahren lassen, das Neue nicht ganz abweisen; aber entschlossen wie sie war, stellte sie sogleich die Arbeit ein und nahm sich Zeit, die Sache zu bedenken und bei sich reif werden zu lassen.“
Lese ich Artikel aus einem Gebiet, mit dem ich nicht unvertraut bin, staune ich immer mal wieder darüber, wie wenig Substanzielles mir als angeblich neu verkauft wird. Befriedigender sind Texte aus Gebieten, von denen ich kaum etwas verstehe. Virologie, Immunologie und Pandemien, zum Beispiel. À propos Pandemie: Für einen, der noch nie besonders viel von Politikern gehalten hat (und von Beamten noch weniger) und glaubte, die Realität einigermassen nüchtern zu sehen, ist die Inkompetenz derer, die uns regieren sollten, erschütternd. Kein Wunder: Die Politik verlangt nach Mehrheiten; eine Pandemie zu bekämpfen, so lese ich bei Leuten, die mehr davon verstehen als ich, erfordert schnelles, entschiedenes Handeln.

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