Sonntag, 20. September 2026

Lügen

Autor Michael Saller ist bestens ausgebildet, geschult und erfahren, und entsprechend zuversichtlich, sein in Titel und Untertitel (Lügen. Wie sie wirken und wie wir sie durchschauen) gegebenes Versprechen einzulösen. Und er tut es auch, allerdings ohne fundamental Wesentliches (etwa: Wieso haben Lügen so oft keine Konsequenzen? Wie kommt es, dass der Mensch sich selbst so oft belügt?) zu hinterfragen. Doch als praktische Anleitung eignet sich dieses Werk ausgezeichnet.

Lügen ist ein konventionelles Buch. Da werden grundsätzliche Fragen gestellt (Warum soll man eigentlich nicht lügen?) und dann Leute zitiert, die dazu Einschlägiges publiziert haben. Ein wenig überaschendes, doch redliches Vorgehen, das allerdings (für mein Empfinden) allzu oft bei, "die einen sagen dies, die anderen das" landet. Nichtsdestotrotz: Lügen ist informativ und unterhaltsam. Also das, was die meisten Menschen sich von einem Sachbuch erwarten.

Wer Lügen von Unternehmen aufdeckt, geht in der Regel ein hohes persönliches Risiko ein. Der Fall des Whistleblowers Stanley Adams, der einst die illegalen Praktiken von Roche und BASF enthüllte, ist mir noch bestens in Erinnerung. Mein Vertrauen in die Schweizer Politik hat seither mehr als nur arg gelitten.

Über Michael Sallers eigene Erfahrungen mit Whistleblowern, musste ich sehr lachen. "Die meisten, die ich kennenlernen durfte, waren eher verschrobene Typen: meist eigensinnig, teils egoistisch, oft rechthaberisch, nicht immer angenehm." Kein Wunder, die ans System Angepassten werden sich kaum wehren, warum auch?

Im Gegensatz zum Autor finde ich es wenig erstaunlich. dass extrovertierte Menschen öfter die Unwahrheit sagen als introvertierte, schliesslich ist ihnen besonders daran gelegen, gut rüberzukommen. Und: "In der Bevölkerung hält sich immer noch der Glaube, dass schöne Menschen keine hässlichen Dinge tun und auch seltener lügen." Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dass die Dummheit die Geissel der Menschheit ist, wäre das wieder mal einer.

Dem pessimistischen Weltbild, das William Golding in 'Herr der Fliegen' zeichnet, stellt Michael Saller ein Beispiel aus der realen Welt entgegen, das hoffen lässt. Ob der Mensch sein Weltbild aufgrund hoffnungsvoller Beispiele ändern wird, erachte ich jedoch als fraglich. Auch natürlich, weil ich davon ausgehe, dass das Unbewusste uns regiert, über das wir bestenfalls Vermutungen anstellen können, die allerdings höchstens zeigen, wie wir denken, doch nicht wie die Dinge in Wahrheit sind.

"Psychopathen sind gute Lügner", lautet eine der Überschriften. Man könnte allerdings auch argumentieren, dass wer einen Psychopathen erkennt, wohl nicht auf ihn reinfallen würde. Nur eben: In einer Welt, in der alles um den eigenen Vorteil geht, haben wir andere Prioritäten. Erfolgreiche Psychopathen werden in diesem unserem Wettbewerbssystem gefürchtet und bewundert.

Mehr als nur problematisch sind folgende Aussagen. "Laut Bella DePaulo sind mindestens 75 Prozent aller Lügen egozentrisch (...) Nur rund 25 Prozent aller Lügen gelten hingegen als altruistisch; bei schwerwiegenden Lügen liegt der Anteil sogar lediglich bei 10 Prozent." Ganz so, als ob egozentrisch und altruistisch klar fassbare Begriffe wären. Autor Saller setzt sich denn auch moderat kritisch mit solchen Aussagen auseinander.

 Auch den derzeitigen amerikanischen Präsidenten, einen notorischen Lügner sondergleichen (für Details wende man sich an KI) bringt er zur Sprache, und fragt, ob er ein guter Verhandler sei? "Fest steht, dass er nicht so irrational agiert, wie ihn viele deutsche Zeitungskommentatoren darstellen." Womit definitif geklärt wäre, dass des Autors Vorstellungen von irrational mit meinen eigenen nicht kompatibel sind.

Allein das Sammelsurium von Lügen, das Michael Saller zusammengetragen hat, lohnt die Lektüre. Irritiert hat mich allerdings die Bezugnahme auf Befragungen, die natürlich nur abrufen können, was den Menschen bewusst ist und sie preisgeben wollen (bei der Motivation bleibt uns nur zu rätseln.). Dazu kommt: "Selbst bei völlig anonymer Befragung wird gelogen." Darüber hinaus wird bei solchen Fragen stillschweigend eine klare Trennung zwischen Lüge und Wahrheit vorausgesetzt, was schlicht illusorisch ist. Und nicht zuletzt fällt das grösste Talent des Menschen, der Selbstbetrug, dabei gänzlich unter den Tisch.

Auch wenn ich auf mehr und anderes gehofft hatte, als "nur" klassisch gut informiert und bestens unterhalten zu werden, ist Lügen ein empfehlenswertes Werk, reich an faszinierenden Anekdoten, die ich aussagekräftiger fand als viele Erklärungsversuche, inklusive der Studien und Aussagen der Experten-

Michael Saller 
Lügen
Wie sie wirken und wie wir sie durchschauen.
Frankfurter Allgemeine Buch, Frankfurt am Main 2026

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