Sonntag, 13. September 2026

Shitfluencer

"Wie Social Media Deutschlands Demokratie zerstören wird  – oder retten kann", kündigt der Untertitel vollmundig an, was unterstellt, dass es in Deutschland eine funktionierende Demokratie gibt. Ich empfehle Fritz R. Glunks Schattenmächte und verweise auf Greg Palasts The Best Democracy Money Can Buy, das anhand der nordamerikanischen Variante klar macht, dass echte Demokratie eine Illusion ist.

Die Welt ist komplex. Viel zu komplex, als dass wir sie verstehen könnten. Und so vereinfacht unser Hirn die Dinge. Wie wir noch mehr vereinfachen können, führt Philipp Jessen in diesem Buch vor, das auf so ziemlich alles einfache und klare Antworten hat. Und damit wohl richtig liegt. Denn der Mensch braucht einfache und klare Antworten. Und Philipp Jessen liefert sie.

Die Zeiten, als die traditionellen Medien eine Gatekeeper-Funktion hatten (und es daran auch wohlbegründete, fundierte und meist linke Kritik gab), ist vorbei. Ihre Glaubwürdigkeit habe gelitten, so Jessen, sie seien an ihrem Vertrauens- und Bedeutungsverlust selber Schuld. Verdienstvollerweise führt er auf, wodurch die Sozialen Medien sich unterscheiden (unmoderiert, schnell, chronologisch, cooles Branding). Bedeutsamer scheint mir hingegen. "Sie alle waren fortan nicht nur noch Empfänger politischer Botschaften. Sondern Sender. Konnten mitdiskutieren. Gegen die Mächtigen austeilen. Auf Augenhöhe. Sich an Tische setzen, an die sie niemand eingeladen hatte ...". Das geht einher mit dem dem, was den Mensch wesentlich ausmacht: Ich, Ich, Ich. Und wäre dann so recht eigentlich echte Demokratie, wo jeder und jede seine/ihre Stimme hat. Ein Desaster sondergleichen!

Autor Philipp Jessen, geboren 1977 in Hamburg, "eine herausragende Persönlichkeit in der deutschen Medien und Kommunikationsbranche", argumentiert traditionell, und fragt: Was macht die AfD besser als die etablierten Parteien? Auch seine Antworten sind traditionell. "Alice Weidel und ihr Team kennen und bedienen die Mechanismen von Social Media bestens. Sie emotionalisiert, und sie attackiert. Das mögen die Algorithmen, und das mögen AfD-Anhänger." Nicht nur AfD-Anhänger, wage ich zu behaupten. Zudem: Wer Emotionen nicht zu kontrollieren weiss, hat rational abgedankt. Shitfluencer macht sich stattdessen dafür stark, die Menschen emotional abzuholen. So funktioneren Propaganda und Werbung.

Apropos "traditionell argumentiert": Muss man wirklich wissen, wie die AfD funktioniert? Genügt es nicht, ihre Ziele zur Kenntnis zu nehmen, sich ihre Repräsentanten anzuschauen, und sich dann dafür oder dagegen zu entscheiden? Sich mit der AfD zu beschäftigen, bedeutet, ihr eine Plattform zu geben. Daran kranken alle sogenannt kritischen Darstellungen. Doch das wäre eine andere Geschichte ...

Shitfluencer ist ein überaus informatives Werk. So erfährt man etwa. dass es das Desinformationsinstrument TikTok in seinem Herkunftsland China so nicht gibt. Stattdessen ein Netzwerk namens Douyin, das sich in Form und Inhalt von TikTok unterscheidet. Und auch Russland ist mit seiner Desinformation äusserst aktiv (und so recht eigentlich immer schon gewesen). Wer sich gegen Propaganda gefeit fühlt, sollte sich Jacques Elluls Propaganda zu Gemüte führen, wo man unter anderem lernen kann, dass vor allem Intellektuelle anfällig für Propaganda sind.

Philipp Jessen weist auch immer mal wieder auf Überraschendes hin (zugegeben, ich spreche von mir). Und er macht auch ein einleuchtendes Gedankenspiel. Falls man Jugendlichen den Zugang zu Social-Media versperren sollte, müsste dies auch für Männer über 50. "Denn von deren allgemeiner digitaler Manipulierbarkeit, Naivität und selbstzerstörerischer Lust, sich von Russland vor den antidemokratischen Karren spannen zu lassen, geht derzeit die grösste Gefahr für unser Land und die Demokratie aus." 

Er ist gegen ein Social-Verbot. "Stattdessen müssen Eltern digitale Vorbilder sein, aufklären und erziehen. Schulen sollten, statt Handys zu verbieten, den richtigen Umgang mit digitalen Medien lehren." Weniger überzeugend geht kaum, denn Wissen hilft kaum gegen Emotionen. Das Einzige, was gegen Emotionen helfen kann, sind andere bzw. stärkere Emotionen.

Shitfluencer ist gut geschrieben und bestens nachvollziehbar, auch wenn ich der Behauptung, die AfD nutze "eine bewusste, hochprofessionelle Strategie" wenig abgewinnen kann. Zudem ist die Vorstellung von Trump als einem genialen Strategen lachhaft, da dieser von Emotionen gesteuerte Mann definitiv nicht weiss, was er tut bzw. was er anrichtet. Das vorherrschende kulturelle Phänomen ist vielmehr die Infantilisierung unserer Gesellschaft.

Philipp Jessen will sein Buch als Weckruf verstanden haben. Mehr noch: Als Aufruf, sich zu wehren, zu kämpfen. "Besser zu ballern als die Feinde der Demokratie." Shitfluencer liefert die Munition dazu. Und argumentiert überzeugend. Das herrschende System wird dabei nicht infrage gestellt. Wieso auch? Der Autor lebt offenbar gut davon.

Wer an die Wirksamkeit von Aufklärung glaubt, ist mit diesem Buch bestens bedient. Für alle anderen gäbe es die Möglichkeit (gar nicht im Sinne des Autors), sich (fast) gänzlich von den Medien zu verabschieden (Schlagzeilen und Vorspann genügen). Siehe hier

Fazit: Vielfältig aufklärend, nützlich und anregend.

Philipp Jessen
Shitfluencer
Wie Social Media Deutschlands Demokratie zerstören wird
  – oder retten kann
Westend, Neu-Isenburg 2026

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