Freitag, 1. Januar 2021

Das tibetische Buch vom Leben und Sterben

 
"Der Tod ist ein natürlicher Teil des Lebens, und wir alle müssen uns ihm früher oder später stellen. Ich sehe zwei Möglichkeiten, wie wir mit dem Tod umgehen können, so lange wir noch leben. Wir können ihn entweder ignorieren, oder wir können uns der Aussicht auf unseren eigenen Tod stellen und beginnen  –indem wir uns eingehend mit ihm befassen – , das Leiden, das er uns bringen kann, zu vermindern. Wir können ihn aber in keinem Falle umgehen", schreibt der  XIV. Dalai Lama im Vorwort.

Mich selber haben Gedanken an den Tod mein Leben lang umgetrieben, dass ich mich ihnen ernsthaft gestellt hätte, kann ich jedoch nicht behaupten. Mich jetzt erneut mit diesem Buch zu befassen (die englische Originalausgabe habe ich Mitte der 1990er Jahre erworben und auch gelesen, doch habe ich, wie bei ganz vielen Büchern, keine wirkliche Erinnerung daran), hat damit zu tun, dass ich es höchste Zeit finde, mich mit dem, was der Titel anzeigt, ernsthaft zu befassen gewillt bin.

"Warum leben wir in solch panischer Angst vor dem Tod? Weil es unser tiefstes Verlangen ist, zu leben und am Leben zu bleiben, und weil wir den Tod für das grausame Ende all dessen halten, was uns so vertraut ist." Könnte es sein, fragt Sogyal Rinpoche, dass die eigentliche Ursache unserer Angst darin liegt, dass wir nicht wissen, wer wir wirklich sind, dass wir eine falsche Vorstellung vom Leben haben, das wir so leben als ob es beständig und dauerhaft sei, obwohl wir doch eigentlich wissen, dass es das gerade nicht ist?

Alles ist vergänglich. Und dagegen wehren wir uns. Wir wollen die Dinge nicht sehen wie sie sind, wir ignorieren "die Wahrheit der Vergänglichkeit." Sich wirklich damit auseinanderzusetzen, bedeutet, sich ständig zu vergegenwärtigen, dass wir sterben werden, wir alle, und uns darum zu bemühen, von unserem falschen und zerstörerischen Glauben sowie von unserer verzweifelten Gier nach Sicherheit abzulassen. Wir müssen eine Haltung des Loslassens entwickeln.

Entscheidend ist, dass das Loslassen gelernt und geübt wird, ständig, dass unser stets wandernder Geist auf den Kerngedanken, das Wesen der Vergänglichkeit, zurückgeführt wird. Selten war das schwieriger als in der heutigen Zeit, die sich "dem Kult des Ich mit all seinen traurigen Fantasien von Erfolg und Macht verschrieben" hat sowie Gier und Ignoranz fördert und damit genau die Kräfte feiert, die letztlich unseren Planeten zerstören werden.

"Du gehst und erfüllst hundert wichtige Aufgaben", steht in den 'Tafelgesprächen' des Sufi-Meisters Rumi, "wenn du jedoch die eine Angelegenheit, derentwegen du geschickt wurdest, unerledigt lässt, ist es, als hättest du gar nichts erreicht. Genauso kommt der Mensch auf die Welt, um eine ganz bestimmte Aufgabe zu erfüllen, das ist sein Lebenszweck. Erfüllt er sie nicht, hat er versagt."

Wir ahnen das, doch wir wissen meist nicht, was denn unsere Aufgabe sein könnte. Gemäss Sogyal Rinpoche besteht sie darin, "unser wahres Wesen zu erkennen und zu verkörpern." Dazu muss man den Weg nicht nur finden, sondern ihm auch folgen.

In Tibet wird grosser Wert auf die Übertragung von Meister zu Meister gelegt. Dies garantiert Authentizität und Reinheit der Lehren. Wahre Lehrer, so Sogyal Rinpoche, seien "mitfühlend und unermüdlich in ihrem Wunsch, alle Weisheit weiterzugeben, die sie von ihren eigenen Meistern erfahren haben. Sie bleiben stets bescheiden, lassen ihr Schüler niemals im Stich, beuten sie unter keinen Umständen aus oder manipulieren sie womöglich. Sie haben nicht ihren eigenen Vorteil im Sinn, sondern die Grösse und den Wert der Lehren." Er selber hat diesem Ideal offenbar nicht entsprochen wie die vielen Anschuldigungen von Missbrauch, die 2018 von Rigpa veröffentlicht und bestätigt wurden, gezeigt haben

Diese Vorkommnisse machen jedoch die Einsichten und Lehren, die in diesem Werk dargeboten werden, nicht weniger wertvoll. Nicht, dass Sogyal Rinpoche seine Vergehen nachgesehen werden sollten, doch dass jemand nicht lebt, was er predigt, ist generell eher die Regel als die Ausnahme. Unser ständiges Personalisieren empfinde ich nicht als hilfreich, die Einsichten und Lehren in diesem Buch hingegen schon. Als ein japanischer Physiker, der gerade den Nobelpreis gewonnen hatte, gefragt wurde, ob er stolz auf seine Entdeckung sei, meinte er, dass er sie nicht als persönliche Leistung sehe. Was er und sein amerikanischer Kollege entdeckt hätten, hätte auch früher oder später von jemand anderem entdeckt werden können. Es sei ganz einfach da gewesen, um entdeckt zu werden.

Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben lässt mich oft innehalten und bedenken, was ich da eigentlich lese – und mir wird bewusst, dass ich nicht einfach ein Buch voller tiefgründiger Einsichten lese, sondern eine Art Offenbarung erlebe. Immer mal wieder, für Momente, erfahre ich, dass wirkliches Verstehen befreiend ist. Zum Zeugen zu werden, lässt sich üben.

Rigpa
Das tibetische Buch vom Leben und vom Sterben
Ein Schlüssel zum tieferen Verständnis von Leben und Tod
Knaur Taschenbuch, München 2020

Dienstag, 15. Dezember 2020

Bird Therapy

Joe Harkness arbeitet als Lehrer für Jugendliche, "die aufgrund ihrer Verhaltensprobleme ausgeschult wurden und bis zu einem gewissen Grad besondere Bildungsbedürfnisse haben. Eine dicke Haut ist eine Voraussetzung für die Bewältigung solcher Aufgaben und unerlässlich, um sich gegen unflätige Verbalattacken und überbordende Kritik zur Wehr zu setzen ...". Mit anderen Worten: Das ist ein Job, der auch für super-ausgeglichene Leute nicht gerade einfach ist.

In einer besonders schwierigen Phase seines Lebens entwickelt Joe Harkness Ängste, "die schon beim Aufwachen begannen und den ganzen Tag anhielten, und zwar Tag für Tag." Auch mit Alkohol hat er ein Problem. Zwangserkrankung (OCD=obsessive-compulsive disorder) sowie Generalisierte Angststörung  (GAS) lautete die Diagnose. Er versucht seine Ängste mit Ritualen in den Griff zu bekommen, die ihn entspannen. Und er nimmt Antidepressiva. Und dann macht er Erfahrungen, in denen die Bird-Therapie wurzelt.

Als er eines Tages aus einer besonders anstrengenden und belastenden Schulsituation flieht und auf Autopilot in die Natur fährt, werden seine Gedanken "jäh unterbrochen, als ein kleiner Vogel mit gestreiftem Federkleid aus einem Baum in der Nähe aufstieg, mit ausgebreiteten reglosen Flügeln, abwärts segelte. Er glich einem gefiederten Fallschirmspringer, der langsam zur Erde gleitet. Dabei erfolgte ein fröhliches, melodisches Gezwitscher, das die Heidelandschaft überflutete und einen Widerhall erzeugte. Wirbelnde Töne, die meinen Gedankentornado verdrängten."

Taucht er in die Welt der Vögel ein, erlebt er sich als positiv gestimmt. "Meine Ängste und Sorgen schienen bis zur Bedeutungslosigkeit zu verblassen, und wenn ich gestresst war und  einige Zeit unter freiem Himmel verbrachte, um Vögel zu beobachten, drifteten sie davon, wie Vögel in einer steifen Brise."

Joe Harkness hat Glück gehabt, dass er das Bird-Watching für sich entdeckt und eine Passion dafür entwickelt hat, die seine Lebensgeister reaktiviert hat. Bird Therapy erzählt von dem, was ihm geholfen hat. "Ich habe gelernt und akzeptiert, dass wir alle Teile der Schöpfung und dadurch miteinander verbunden sind."

Doch Bird Therapy berichtet nicht nur von Joe Harkness' Genesung, es gibt auch viele praktische Tipps und Anregungen. Etwa dazu wie wir die Natur und die Vogelbeobachtung bei jedem Wetter geniessen können. "Begrüssen und verbinden Sie sich mit dem Wetter als Teil ihrer Naturerfahrung. Das kann dazu beitragen, sich der Schöpfung näher zu fühlen und die Natur in einer alles umfassenden Weise zu erleben. Oder: "Behalten Sie im Winter die Gewässer ihrer Umgebung im Auge, da der Frost dazu beitragen kann, dass sich eine grosse Anzahl von Federwild in den kleinen eisfreien Bereichen einfindet."

Bird Therapy ist ein Augenöffner und eine hilfreiche Anleitung fürs Leben.

Joe Harkness
Bird Therapy
nymphenburger, Stuttgart 2020

Dienstag, 1. Dezember 2020

Wenn der Körper Nein sagt

Schon wieder einer, der es nötig hat, mit seinem Titel auf dem Buchumschlag zu hausieren, ist eine meiner ersten Reaktionen auf dieses Buch. Solche Leute machen mich vor allem skeptisch. Der Untertitel "Wie verborgener Stress krank macht – und was Sie dagegen tun können" macht mich hingegen neugierig,.

Dass Körper, Seele und Geist eine Einheit bilden, finde ich selbstverständlich. Als der britische Autor Tim Parks auf der Suche nach Hilfe für sein Prostata-Leiden bei einem indischen Ärzteehepaar in Indien landete und fragte, ob sein Leiden möglicherweise psychische Ursachen haben könnte, wurde ihm erwidert: Nur wenn man an die Trennung von Psyche und Körper glaubt.

Der Autor Gabor Maté ist praktizierender Arzt und erzählt in diesem Buch viele bewegende Fall-Geschichten und zitiert unter anderen aus einem der Dialoge Platons mit Sokrates, der illustriert, dass die Körper-Geist-Idee auch bei einigen im Westen schon lange bekannt ist.  "Aus diesem Grund vermögen die Ärzte von Hellas viele Krankheiten nicht zu heilen, weil sie von dem Zusammenhang nichts wissen. Denn das ist der grosse Irrtum unserer Zeit, dass die Ärzte bei der Behandlung des menschlichen Körpers die Seele vom Körper trennen."

Ich schätze dieses Buch und es nervt mich gleichzeitig. Ich schätze es, weil es auf vielfältige Art deutlich macht, wie alles miteinander zusammenhängt und verbunden ist, mich nervt, dass es bei aller Differenziertheit oft sehr pauschal daherkommt. So  lese ich etwa von einem 'universell menschlichen Bedürfnis nach Kontakt' oder davon, dass viele Menschen mit chronischen Krankheiten glauben, nicht liebenswert zu sein. Woraus der Autor schliesst: "Die Suche nach Kontakten ist eine Notwendigkeit für die Heilung." Wieso mich das nervt? Weil es Leute gibt, die nun einmal nicht liebenswert sind. Weil es Kontakte gibt, die einem schlicht nicht gut tun.

Trotzdem: Dies ist ein differenziertes Buch. "Wenn ich also darlege, dass Verdrängung eine Hauptursache von Stress ist und massgeblich zu Krankheiten beiträgt, zeige ich nicht mit dem Finger  auf andre, weil sie 'sich selber krank machen'. Ich möchte mit diesem Buch das  Lernen und die Heilung fördern, nicht den Quotienten aus Schuld und Scham erhöhen, die in unserer Kultur bereits im Übermass vorhanden sind."

Zu den "sieben Prinzipien der  Heilung" gehören neben Akzeptanz und Achtsamkeit, die man in jedem Buch findet, das sich mit dem gesunden Leben auseinandersetzt, auch die Wut, die ja nichts anderes als Energie und zudem der Selbstbehauptung förderlich ist sowie auch ein exzellenter Motivator sein kann.

"Gesundheit ruht auf drei Pfeilern: dem Körper, der Psyche und der spirituellen Verbindung", schreibt Gabor Maté. Es geht darum, diese drei im Gleichgewicht zu halten. Anregungen dazu  liefert dieses Buch zuhauf.

Der Autor hat dieses Buch  Dr. Hans Selye gewidmet, den er als "einen Mann der  Renaissance im 20. Jahrhundert" bezeichnet und mit diesen weisen und wegweisenden Worten zitiert: "Was in uns ist, muss heraus, sonst explodieren wir vielleicht an den falschen Stellen oder werden durch Frustrationen eingeengt. Die grosse Kunst besteht darin, unsere Vitalität auf den besonderen Wegen und in der besonderen Geschwindigkeit, die von der Natur für uns vorgesehen ist, Ausdruck verleihen."

Dr. Gabor Maté
Wenn der Körper Nein sagt
Wie verborgener Stress krank macht – und was Sie dagegen tun können
Narayana Verlag, Kandern 2020

Sonntag, 15. November 2020

Xiu Yang

Das Motto von Xiu Yang, dem chinesischen Harmoniekompass, lautet: Kultiviere den Geist, trainiere den Körper und liebe dich selbst. Die Yoga-Lehrerin Donna Farhi erläutert in ihrem Vorwort, "dass unsere Gesundheit und unser Glück in hohem Grad unserer eigenen Kontrolle liegen" und dass es einen wesentlichen Unterschied zwischen Selbstkultivierung und Selbstfürsorge gibt. Während Selbstfürsorge darin besteht, uns von Zeit zu Zeit einen Gefallen zu tun (zum Beispiel ein heisses Bad nehmen oder einen Wochenendausflug unternehmen), geht es bei der Selbstkultivierung um eine Lebensweise, die sich dadurch auszeichnet, "in uns, mit anderen und mit der Welt ein besseres Gleichgewicht zu finden."

Was mich ganz besonders für Xiu Yang einnimmt, ist die Orientierung an Grundsätzlichem, also der  weltanschauliche Ansatz. "Wie befinden uns in keiner linearen Entwicklung, sondern eher in einem Prozess sich weitender Kreise und Quadrate, bei denen alles mit dem Zentrum verbunden ist."

Es sind einfache Weisheiten, die man in diesem Buch finde. Und eben deshalb auch hilfreich, denn nichts zeichnet unsere moderne Zeit mehr aus, als dass wir in selbst geschaffener Komplexität ersaufen. Klar, das Leben ist komplex und es ist auch schwierig, doch die Informationsflut, die täglich über uns kommt, macht es noch komplexer und noch schwieriger. Zumindest kommt es uns so vor.

Die Autorin Mimi Kuo-Deemer stammt ursprünglich auch Tucson (Arizona), arbeitete 14 Jahre als Yogalehrerin in China und unterrichtet heute Gesundheit und Wohlbefinden in London. Mit "Xiu Yang" legt sie ein Buch vor, das Orientierung bietet, indem es sich an Wesentlichem ausrichtet und dabei unter anderem auch Bezug nimmt auf Lehrer wie Jiddu Krishnamurti und Thich Nhat Hanh, der "lehrt, dass in unserem Bewusstsein gute wie schlechte Samen aufgehen. Wir tragen beides in uns. Geben wir den Samen Wasser, die gesund für uns sind, wie zum Beispiel den Samen der Liebenswürdigkeit, Grosszügigkeit und des Mitgefühls, dann wird mehr von genau diesen keimen und wachsen. Entsprechend können auch die Samen destruktiver Emotionen und Gedanken wachsen und uns einnehmen, wenn wir ihnen Wasser geben. Auf der anderen Seite können die guten Samen ermüden, wenn wir sie vernachlässigen."

Mit "Achtsamkeit: Die Kultivierung adäquater Reaktionen auf konkrete Lebenssituationen" ist ein Kapitel überschrieben, das unter anderem hilfreiche Hinweise auf die Ausrichtung der Achtsamkeitspraxis gibt wie etwa die drei R: Recognise, Release, Return. Achtsamkeit lässt sich überall üben, bei allem, was man tut. Von den Tipps für die Praxis, gefällt mir vor allem diese Faustregel: "Trainieren Sie Ihre Aufmerksamkeit mithilfe von Geduld, Übung und der Bereitschaft, immer wieder von vorn anzufangen."

Bei einem Meditations-Retreat fragte der Lehrer: 'Wonach sehnt sich euer Herz?' Worauf die erste Antwort aus der Gruppe lautete: 'Nach Weite.' Sofort stellten sich in meinem Kopf Bilder ein – von den Weiten der Dakotas, des nördlichen Argentinien und des südlichen Brasilien. Damit verbunden ist ein Gefühl von Leichtigkeit , es ist als ob ich anders atmen würde, freier.  "Wenn das Herz sich weit anfühlt, sind wir inspiriert, beseelt und mit unserem wahren Selbst verbunden. Wir umarmen das Leben und entspannen uns in das Wissen hinein, dass uns ein Platz in der Welt zusteht."

Es gelte, ein weites Herz und einen weiten Geist zu kultivieren, schreibt Mimi Kuo-Deemer. Wie man das praktisch bewerkstelligen kann, dazu gibt dieses Buch vielfältige Anregungen. Es sei wärmstens empfohlen.

Mimi Kuo-Deemer
Xiu Yang
Der chinesische Harmoniekompass
Kultiviere den Geist, trainiere den Körper und liebe dich selbst
O.W. Barth, München 2020

Sonntag, 1. November 2020

Depression - und jetzt?

"Wegweiser einer Erfahrungsexpertin" heisst es im Untertitel. "Erfahrungsexpertin"? Der Begriff ist neu für mich und gewöhnungsbedürftig, doch was damit gemeint ist, ist mir sympathisch. Ja, mehr als sympathisch, denn ich halte diejenigen, die etwas aus eigener Erfahrung kennen für kompetenter als diejenigen, die etwas nur studiert haben. Genauer: Ich habe studierte Fachleute, die keine einschlägige Leidensgeschichte hinter sich hatten, viele Jahre schlicht für aufgeblasene Wichtigtuer gehalten. Das sehe ich heute zwar differenzierter (persönliche Betroffenheit ist nicht immer ein guter Ratgeber, eine empathische Aussensicht häufig hilfreich), doch reflektierte Erfahrung (Erfahrung allein genügt bei Weitem nicht) scheint mir nach wie vor das A und O. Und vor allem: Offenheit – auch gegenüber Fachpersonen, die ja auch nicht alle gleich sind.

Das Vorwort des Facharztes für Psychiatrie und Psychotherapie, Gerhard Peters, bildet einen gelungenen Einstieg, da er nicht zuletzt klar macht, dass es sich bei der Autorin nicht gerade um den einfachsten Menschen auf dem Planeten handelt, was jedoch auch ihm selber gut tut  ich musste sehr schmunzeln.

Als junge Frau kriegt Nora Fieling die Diagnose "Emotional-instabile Persönlichkeitsstörung Typ Borderline" und "Depressive Episode". Jetzt weiss sie zwar, dass sie an einer Krankheit leidet, "dass weder ich noch meine Gefühle falsch sind", doch dies zu akzeptieren fällt ihr schwer. Doch Akzeptanz lässt sich üben, ist ein Prozess. "The readiness is all", sagt Horatio in Hamlet.

Was ist eigentlich eine Depression? "Es bedarf nicht der eigenen Erfahrung, um eine Depression zu verstehen. Das Wissen über Fakten beugt Vorurteilen und Verständnislosigkeit vor." Und dieses Faktenwissen bietet dieses Buch. Nora Fieling hat nicht nur vielfältige Informationen zusammengetragen und leserfreundlich aufbereitet, sondern auch Fachpersonen befragt. "Beim ersten Auftreten einer Depression ist es nach evidenzbasierten Leitlinien immer notwendig, organische Ursachen auszuschliessen", so die Berliner Chefärztin Iris Hauth. Ob das auch wirklich so gemacht wird?

Ein Gespräch mit dem bereits erwähnten Gerhard Peters über Psychopharmaka und mehr, macht unter anderem deutlich, dass die Medizin zwar mit wissenschaftlichen Methoden arbeitet. jedoch keine Wissenschaft ist, also auf der Basis von "trial and error" operiert. Je mehr dies auch Nicht-Medizinern klar ist, desto besser, denn solches Wissen wappnet einen gegen falsche Hoffnungen und überzogene Erwartungen.

In einem weiteres Gespräch erläutert die Heilpraktikerin für Psychotherapie Jessica Exner ihre tiergestützte Therapie, die sie als Ergänzung zur Psychotherapie versteht. So sehr mir dieser Ansatz  gefällt, ihre Aussagen zur intrinsischen Motivation  teile ich  überhaupt nicht. Wer glaubt, zwischen innerem und äusserem Druck unterscheiden zu können, irrt nicht nur, sondern überschätzt meines Erachtens seine Fähigkeiten gewaltig. Woher der Druck auch immer kommt, die Herausforderung ist, herauszufinden, wann er uns nützlich ist. Nicht, was ich will, sollte leitend sein, sondern was mir gut tut.

Einer der für mich hilfreichsten Gedanken in diesem Buch führt die Autorin unter dem Titel "Du musst mich nicht verstehen!" aus: "Man kann Verständnis  für die Situation und die Depression aufbringen, ohne dabei das Gefühl, das der Betroffene hat, zu verstehen. Und ich kann Mitgefühl mit der Situation des Betroffenen haben, ohne selbst genauso wie er zu fühlen. Insofern kann ich auch Verständnis aufbringen, ohne mein Gegenüber konkret zu verstehen."

"Depression - und jetzt?" ist, wie es der Untertitel verspricht, ein Wegweiser und führt aus, weshalb der Austausch im Internet helfen kann, welcher Arzt sich als Ansprechpartner eignet, was für Therapien es gibt, liefert Tipps zu Therapeutensuche und klärt auf über Peer-Beratung und Ex-In (Experienced Involvement), eine Fortbildung, die sich an Psychiatrie- und Krisenerfahrene wendet. So löblich ich es finde, dass einschlägig Erfahrene therapeutisch tätig werden, die Einbindung ins System (eine formale Ausbildung ist nie etwas anderes), finde ich mehr als problematisch, denn jedes gesellschaftliche Nicht-Funktionieren ist auch (und zwar wesentlich) ein Zeichen von seelischer Gesundheit. Nora Fieling  geht unter dem Titel "Depression - eine gesunde Reaktion auf einen  kranken Zustand!?" ebenfalls darauf ein. Siehe auch hier.

Wie von einer Erfahrungsexpertin nicht anders zu erwarten, werden wir auch darüber aufgeklärt, wie es ihr unter anderem in voll- und teilstationären psychiatrischen Einrichtungen ergangen ist. Ihr Urteil ist überwiegend positiv, auch wenn sie am Anfang vielen Massnahmen sehr kritisch gegenüber stand. "Im Nachhinein betrachtet war der Aufenthalt in der Psychiatrie für mich hilfreich, weil ich aus meine gewohnten Umgebung herauskam und so Abstand vom negativ belastenden Alltag  erlangte." Und dies ermöglichte ihr, zu lernen, was wir alle zu lernen haben (und für einige entschieden schwieriger ist als für andere): Selbst-Akzeptanz.

Nora Fieling
Depression - und jetzt?
Wegweiser einer Erfahrungsexpertin
Starks-Sture Verlag, München 2020

Donnerstag, 15. Oktober 2020

Über Psychotherapie

Die Frage, Was hilft Psychotherapie?, geht implizit davon aus, dass sie messbar ist. Das bezweifle ich. Umso gespannter bin ich, was der  Mediziner und Psychoanalytiker Otto Kernberg (geboren 1928) auf die Fragen des Psychiaters und Theologen Manfred Lütz (geboren 1954) antworten wird. Der Einstieg, der davon erzählt, wie sich die beiden kennenlernen, liest sich spannend und vielversprechend. Mich fasziniert vor allem wie herzlich, vital und voll ansteckender Begeisterung der Jüngere den Älteren erlebt. Wunderbar!

Otto Kernberg gilt zusammen mit Marsha M. Linehan als führende Autorität der Borderline-Störung. Was die beiden denn auszeichne, wurde John G. Gunderson, selber eine einschlägige Autorität, gefragt. Sie hätten beide "charismatische Ausstrahlung" und verkörperten "Zuversicht, Klarheit, Kraft und Sicherheit", erwiderte er. Daran fühlte ich mich erinnert, als ich nun las, was Kernberg  als die Kriterien definiert, die einen guten Psychotherapeuten ausmachen: "Wissen, Ehrlichkeit, authentische Wärme, Interesse für Menschen, Empathie und die Fähigkeit, sich anzupassen, und die eigenen Fehler zu erkennen und von ihnen zu lernen."

So charakterisiert Otto Kernberg die Borderline-Störung: "Eîn Borderline-Patient versteht sich in schwerwiegender Weise selbst nicht, nicht seine eigenen Interessen, nicht seine eigenen Pläne, und zugleich versteht er wichtige andere Personen nicht, mit dem Resultat chaotischer menschlicher Beziehungen, weil er das eigene und das Verhalten anderer Personen nicht vorhersagen kann." Und worin liegt der Unterschied zu einem launischen Menschen?, fragt Manfred Lütz.. "Der grösste Unterschied ist, dass dem Borderline-Patienten das Gefühl für eine innere Kontinuität in der Zeit fehlt, er empfindet sich im Extremfall morgen völlig anders als gestern oder vor einer Stunde, und wer weiss, was in zwei Stunden ist ...". Schade, dass Manfred Lütz nicht nachgebohrt hat, wie denn eine Therapie in einem solchen Falle ausschaut.

Aufgestossen ist mir Manfred Lütz' Bemerkung, dass der Ausdruck "narzisstisch" nur benutzt werden dürfe, "wenn die wissenschaftlichen Kriterien erfüllt sind", denn ich halte die Vorstellung, Medizin, Psychiatrie oder gar Psychoanalyse seien Wissenschaften, für einen Irrglauben. Siehe dazu Gesetze der Medizin

"Würden Sie Herrn Trump behandeln, Herr Kernberg?" gehört zu den Fragen, auf deren Beantwortung ich ganz besonders gespannt war. Die Antwort enttäuschte mich – er sprach sich gegen Ferndiagnosen aus, die Gründe sind nachvollziehbar, ich teile sie nicht. Interessanter fand ich Manfred Lütz' Einschätzung von Trump, der ihn nicht für einen Narzissten hält, denn ein Leidensdruck ist bei dem Mann nun wirklich nicht auszumachen. Meines Erachtens erübrigt sich eine Diagnose, sie tut ihm zuviel Ehre an; gescheiter wäre, sich nicht mit ihm, sondern den Auswirkungen seiner Politik zu beschäftigen.

Der Sinn des Lebens, der Glaube an Gott, Freud, Jung und Thomas Mann, die Frage, was Liebe und was  Heimat ist, und und und ... – es geht um die grossen Fragen bei diesem Gespräch zwischen zwei neugierigen, und engagierten Zeitgenossen. Herausgekommen ist überaus hilfreiche Aufklärung.

Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg? überzeugt wesentlich durch die vielen praktischen Beispiele, die aufzeigen, wie Otto Kernberg arbeitet. Es überzeugt aber auch deswegen, weil es kein Interview-Buch, sondern ein echtes Gespräch ist. Die beiden tauschen sich  unter anderem über die Irrwege der Psychotherapie, Kernbergs jüdische Kindheit in Wien und seine Zeit in Chile aus sowie über die von der Pharmaindustrie und von unkritischen Medien (die meisten Medien sind, entgegen ihrem Selbstverständnis, eigentliche Systemstützen) geförderte Inflation von psychischen Erkrankungen aus – mit gesundem Menschenverstand liesse sie sich ohne weiteres eindämmen.

In unseren Corona-Zeiten ist mir unter anderem aufgefallen, wie  wenig inspirierend etwa Fernsehinterviews sind, die sich häufig in der Frage erschöpfen: Wie fühlen Sie sich, Herr Präsident? Und wie spannend und anregend ich die Auskünfte von Fachleuten finde. Kurz und gut: Es ist höchst bereichernd, wenn sich zwei Fachleute verständlich über Grundsätzliches austauschen – und genau dies zeichnet das vorliegende Buch aus.

Manfred Lütz
Was hilft Psychotherapie, Herr Kernberg?
Erfahrungen eines berühmten Psychotherapeuten
Herder, Freîburg im Breisgau 2020

Donnerstag, 1. Oktober 2020

Hochsensibilität: Wenn die Haut zu dünn ist

"Hochsensible müssen einen grösseren mentalen Aufwand treiben und brauchen ein gewisses Know-how, wenn sie sich seelisch gesund erhalten, sich privat und beruflich entfalten wollen", schreibt Rolf Sellin, selbst hochsensibel, in Wenn die Haut zu dünn ist. Doch was macht eigentlich Menschen zu  Hochsensiblen? Sie nehmen mehr Reize auf als andere, werden von Reizen geradezu überflutet. Einschlägige Forschungen legen den Schluss nahe, dass dieses Temperament angeboren ist und sich wie ein roter Faden durch das ganze Leben zieht. Doch auch Umwelteinflüsse spielen eine Rolle. 

"Wahrnehmung ist der zentrale Punkt im Leben eines Hochsensiblen. Sie ist seine grösste Stärke und Begabung und kann zugleich sein grösster Schwachpunkt sein, wenn er nicht gelernt hat, damit umzugehen." Mehr, intensiver und differenzierter wahrzunehmen ist für eine gewisse Zeit höchst bereichernd (wie etwa Drogenkonsumenten wissen), doch wenn dies ständig der Fall ist, laugt es einen Menschen energetisch aus. 

Es gilt also zu lernen, mit dieser Reizüberflutung umzugehen. Und dazu bietet dieses gut aufgebaute Buch praktische Anregungen. Da finden sich Selbsttests, Begriffserklärungen (hochsensibel und hochbegabt sind nicht deckungsgleich), Übungen und kurze, prägnante Zusammenfassungen. Rolf Sellin erläutert die Entstehung des Hochsensibel-Seins in drei Stufen. 1) Das Kind lernt, seinen Körper und seine Empfindsamkeit nicht zu beachten. Anders gesagt: Es lernt, gegen die eigene Komplexität vorzugehen 2) Widersprüchlichkeit ist in unserem Denken nicht vorgesehen.  Anders gesagt: Unsere Welt funktioniert nach Entweder/oder beziehungsweise Schwarz/Weiss 3) Das Kind übernimmt die Perspektive der anderen. Anders gesagt: Weil sie gelernt haben, nicht auf sich selber zu hören, müssen sie sich andere als Referenz-Personen suchen.

Rolf Sellin legt mit Wenn die Haut zu dünn ist eine veritable Wahrnehmungsschulung vor, die nicht zuletzt deswegen überzeugt, weil sie auf die Praxis ausgerichtet ist. Wie alles, ist auch Wahrnehmung relativ. Wir wissen nicht, was andere genau wahrnehmen, ja, wir wissen meist selber nicht, was wir wahrnehmen, da es sich dabei um einen automatischen Prozess handelt. Doch: "Wahrnehmen ist ein aktiver Akt, er kann durch bewusste Entscheidungen verändert werden." Nicht notwendigerweise durch Achtsamkeit (die ist für den Hochsensiblen problematisch, wie der Autor ausführt), sondern durch bessere Selbstzentrierung: "Wer sich selbst nicht wahrnimmt und seine Aufmerksamkeit überwiegend nach aussen richtet, ist energetisch nicht bei sich."

Ich selber bin nicht hochsensibel, doch einige der hier geschilderten Phänomene sind mir durchaus vertraut und Rolf Sellins Ratschläge willkommen. Insbesondere das Kapitel "Kraft, Energie und Wachstum durch Abgrenzung" empfand ich als überaus hilfreich. Seine eigenen Grenzen zu kennen, ist nicht nur für Hochsensible entscheidend, denn Grenzen geben Sicherheit, bieten Schutz und erlauben Kontrolle. "An unseren Grenzen wachsen wir", schreibt Rolf Sellin, denn das meint letztlich: Wir  können (und sollen) verantwortlich sein für das, was innerhalb unserer Grenzen passiert.

"Die Grundvoraussetzung für gelungene Abgrenzung besteht zunächst einmal darin, überhaupt bei sich zu sein und sich selbst körperlich wahrzunehmen." Den eigenen Körper wahrzunehmen kann (und soll) man üben. Anregungen dazu finden sich in diesem Buch zuhauf. 

Wir haben die Wahl, müssen uns entscheiden, ob wir uns als Opfer oder als Gestalter unserer Wahrnehmung verstehen. Die Verantwortung für die Steuerung und Dosierung unserer Wahrnehmung und für die Verarbeitung der Reize und Informationen selbst zu übernehmen, eröffnet die Möglichkeit, dass Hochsensibilität zum Segen werden kann. 

Fazit: Ein überaus hilfreiches Buch!

Rolf Sellin
Wenn die Haut zu dünn ist
Hochsensibilität - vom Manko zum Plus
Kösel, München 2020