Die Sucht sei gebunden an Sprachlosigkeit, dies, so erfahre ich aus der Einleitung von Simon Scharf, sei der Denkansatz Roland Voigtels. Zudem: Das Unbewusste sei wie eine Sprache strukturiert. Und auch dies: Zu den Kernelementen von Voigtels Suchtkonzeption gehört "die missglückte Beziehungserfahrung des Kleinkindes" als "zentrales Moment der Suchtentwicklung".
Fremder könnten mir diese Vorstellungen kaum sein. Das Unbewusste ist wie eine Sprache strukturiert? Nun ja, man kann bekanntlich vieles glauben, vor allem über das Unbewusste, über das man bestenfalls Vermutungen anstellen kann. Wie auch über die Erfahrungswelt von Kleinkindern, von der man so recht eigentlich ebensowenig wissen kann.
Mein eigener Bezug zur Sucht besteht in meiner eigenen Suchterfahrung; meine Alkoholabhängigkeit ist vor mehr als 35 Jahren zum Stillstand gekommen. Wie das geschehen ist, weiss ich nicht; erlebt habe ich es als eine Gnade. Selbstverständlich könnte ich Gründe bzw. Erklärungen anführen (die selten mehr offenbaren, als wie ich denke), doch für mich ist das Rätselraten. Die Gewissheiten meines Bewusstseins halte ich für meinen eigenen Lebensweg für unbedeutend. Siehe auch hier
Auch Roland Voigtel verfügt über "Drogenerfahrungen als Jugendlicher oder Jungadoleszenter. Als ich nach dem Abitur frisch nach Berlin kam, sehr vereinsamt, haben Alkohol und Cannabis ein paar Jahre lang eine wichtige Rolle gespielt. Ich bin damals in eine psychoanalytische Gruppentherapie gegangen, die mir sehr geholfen hat, mich selbst zu verstehen. Sie sehen, dass bei der Beschäftigung mit dem Thema von vornherein meine subjektiven Erfahrungen miteingeflossen sind." Es ist bestens nachvollziehbar, dass er glaubt, was ihm geholfen hat, werde auch anderen helfen..
Aufschlussreich fand ich insbesondere, dass er nicht nicht die Sucht, sondern "den Zusammenhang von bürgerlicher bzw. kapitalistischer Gesellschaftsstuktur und psychicher Struktur der Individuen" als sein Lebensthema bezeichnet. Entdeckt hatte er das, als er zwei seine Aufsätze von Ende der 1980er Jahre wiedergelesen hatte. Aufschlussreich finde ich das, weil ich eine ganz ähnliche Erfahrung beim Lesen alter Texte gemacht habe. Mir scheint, was ich heute denke, habe ich schon immer so gedacht.
Wortreich beklagt Roland Voigtel das fehlende wissenschaftliche Selbstverständnis der Psychoanalyse. Da muss ich passen. Für mich sind historische Wissenschaften (inklusive der Rechtswissenwissenschaften. „Ein Federstrich des Gesetzgebers und ganze Bibliotheken werden zu Makulatur.“ Julius Hermann von Kirchmann) keine Wissenschaften. Und die Medizin, die mit wissenschaftlichen Methoden operiert, auch nicht.
Therapie versteht Psychoanalytiker Voigtel als "eine Art Begegnung", bei der der kompetente Therapeut sich mit der hilfesuchenden Person wechselseitig austauscht. Und versucht, "sie aus der Sprachlosigkeit herauszuholen."
Die Sucht sei primär "etwas, das hilft und 'die 'Not wendet'." Er führt aus: "Ich finde, dass die Begriffe der Abwehr- und des Abwehrsystems in diesem Zusammenhanng manchmal zu negativ, zu pathologisch gerahmt sind. Es geht hier um einen Schutz des Ich oder des Selbst, wo ein Mensch in einer bestimmten Situation keine anderen Möglichkeiten hatte, als zu diesem Schutz zu greifen – auch hier: 'not-wenig.'" Nur eben: Woher will er wissen, dass "ein Mensch in einer bestimmten Situation keine anderen Möglichkeiten hatte"? Wobei: Ein Süchtiger glaubt in der Tat nicht an die Möglichkeit der Wahl. Und sein Glaube bestimmt sein Verhalten. Ich selber finde gut, dass man eine schlechte, selbstschädigende Wahl negativ bewertet.
Bei seinen Ausführungen über Mütter und frühkündliche Erfahrungen muss ich wiederum passen. Für derartige Glaubensspekulationen fehlt mir die Energie. Einig (Simon Scharfs Fragen sind immer mal wieder ausgesprochen hilreich) gehe ich hingegen mit der Folgerung, dass "keine neurotische oder persönlichkeitsgestörte, überhaupt keine psychische Grundstruktur beseitigbar ist. Sie wurde erlebt, ist innerlich abgebildet, hat die Person geformt und kann nicht rückgängig gemacht werden. Das Einzige, das gemacht werden kann, ist etwas Ergänzendes zu entwickeln ...".
Auch wenn ich Roland Voigtels Auffassung, dass die unbewusst entwickelten Abwehr- und Schutzmechanismen, "etwas Gutes und Wichtiges sind, dem Selbst der Person in einer bestimmten Situation geholfen haben und auf eine gewisse Art repektiert werden müssen", nicht einmal ansatzweise teile (eine destruktive Wahl schönzureden, ist schlicht keine Option), finde ich die Auseinandersetzung mit diesem Buch lohnenswert. Weil viel und erfreulich Unterschiedliches (nichts, wozu der Mann keine Meinung hat) überaus reflektiert zur Sprache kommt. Und auch, weil "die Lösung", die ich für mich gefunden habe, für viele wohl nicht in Frage kommen wird.
Sich vor unsäglichen Gefühlen schützen
Ein Gespräch über Sucht, die Rolle der Sprache
und eine politische Psychoanalyse
Psychosozial-Verlag, Giessen 2026














