Mittwoch, 25. Dezember 2019

Zum Zeugen werden

Mir schwebte etwas Neues vor. Nur was?

Fündig wurde ich bei „Zen im Alltag“ von Charlotte Joko Beck, das ich vor über zwanzig Jahren zum ersten Mal gelesen habe. Angestrichen habe ich mir damals unter anderem: „… wenn wir wirklich beobachten, was in unseren Köpfen passiert, dann sehen wir, dass wir ständig um Wunschträume kreisen, wie wir sein sollten oder nicht sein sollten, oder wie jemand anders zu sein hätte; wie wir in der Vergangenheit waren, wie wir in der Zukunft sein werden oder wie wir die Dinge hinbiegen können, dass wir bekommen, was wir haben wollen.“

Eine neue Lebenseinstellung, bei der das Üben zum Zeugen zu werden im Vordergrund steht, ist also gefragt. Bei diesem Üben geht es darum, „uns die Angst bewusst zu machen, anstatt in unserer Zelle der Angst aufgeregt herumzulaufen und zu versuchen, sie zu verschönern und uns dabei besser zu fühlen. Alle unsere Bemühungen im Leben sind solche Fluchtversuche – wir versuchen, dem Leiden zu entfliehen, dem Schmerz darüber, was wir sind. Selbst Schuldgefühle sind eine Flucht. Die Wahrheit jedes Augenblicks ist immer die, dass wir einfach sind, was wir sind. Das bedeutet, dass wir unsere Unfreundlichkeit spüren, wenn wir unfreundlich sind. Aber das wollen wir ja nicht. Wir wollen uns für freundliche Menschen halten. Oft aber sind wir es nun einmal nicht.“

Es geht also um Akzeptanz, uneingeschränkte Akzeptanz. Wenn wir diese erlangen, werden wir ein anderer Mensch sein. In diesem Abschnitt meines Lebens, so nehme ich mir vor, will ich das versuchen. „Wenn wir uns selbst erleben, wie wir sind, dann entspriesst aus diesem Tod des Ich, aus diesem verdorrten Baum, eine Blüte – ein Bild aus dem wunderschönen Vers des Shōyō Rōku. Die Blüte blüht nicht aus einem geschmückten, sondern einem verdorrten Baum. Wenn wir von unseren Idealen Abstand nehmen und sie genau betrachten, indem wir Zeugen sind, dann kehren wir zu dem zurück, was wir sind, und das ist die Klugheit des Lebens selbst.“

Hans Durrer, 2019

Mittwoch, 18. Dezember 2019

Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern

Dieses Buch erschien zuerst im Jahre 2007, erfuhr seither zahlreiche Neuauflagen und ist jetzt vollständig überarbeitet worden. Mit anderen Worten: Es ist ein Klassiker und solche werden, wie wir alle wissen, selten gelesen. In diesem Falle wäre das bedauerlich, denn nur schon die Kapitelüberschriften lassen erahnen, dass man hier umfassend informiert wird.

Die insgesamt 17 Kapitel  und 3 Exkurse befassen sich unter anderem mit den Bausteinen des Gehirns, der Verankerung der Persönlichkeit in diesem, dem Bewusstsein und dem Unbewussten, unterschiedlichen Aspekten der Neurobiologie sowie mit Fragen der Motivation, der Steuerung von Willenshandlungen und und und.

Hier will ich das Kapitel etwas näher  betrachten, das mir am nächsten steht. "Über die Möglichkeit, sich selbst zu verstehen und zu verändern." Es beginnt mit diesem höchst  wesentlichen Satz: "Die Frage 'Wer bin ich?' ist zentral für unser westliches Denken, das man im Gegensatz zu vielen anderen Kulturen ich-zentriert genannt hat." Fragt sich nur, ob es dieses Ich überhaupt gibt – für den Buddhismus und einige wenige Philosophen (David Hume etwa) jedenfalls nicht. Nun gut, Sokrates hat trotzdem für Selbsterkenntnis plädiert, Goethe von ihr abgeraten. 

Gerhard Roths Position ist diese: "Wir sind nicht ein Ich, sondern mehrere Iche, die irgendwie miteinander zusammenhängen (....) Wir sind uns letztlich selber undurchdringlich. Das Ich kann sich nicht oder nicht gründlich, d.h. auf den Grund durchschauen." Feststellen können wir: Manchmal dominiert die körperliche Empfindung, ein andermal das denkende Ich, dann wieder das furchtsame – er herrscht ein ständiges Hin und Her, Rauf und Runter in unserem Bewusstsein.

Roth unterscheidet zwischen  dem Bewusstsein und dem Vorbewussten einerseits (das sind grösstenteils die gesellschaftlichen Konditionierungen, die wir jedoch als eigene Überzeugungen ansehen) und dem Unbewussten andererseits, das per definitionem nicht erkannt werden kann. Das Vorbewusstsein entscheidet, welche Botschaften aus dem unbewussten Teil bewusst werden sollen und die wir dann als unsere Gefühle, Wünsche, Gedanken, Motive und Ziele erleben. Das bewusste Ich glaubt – fälschlicherweise – diese Zustände selbst hervorgebracht zu haben. "Das ist die Illusion der Urheberschaft des bewussten Ich."

Der Mensch, da nicht Herr im eigenen Haus, schätzt sich selten richtig ein. Nicht zuletzt ist er ein Meister der Selbsttäuschung. "The first principle", sagte der Physiker Richard Feinman einmal, "is not to fool yourself. And you are the easiest person to fool." Was dagegen helfen kann ist genaues Hinschauen, nüchternes Betrachten sowie die Dinge aus Distanz einschätzen.

Obwohl wir keinen Zugang zu unserem Unbewussten haben (In uns ist viel mehr angelegt als wir wissen können, man denke etwa ans Temperament), ist es durchaus möglich, sich zu verändern. In Grenzen. Vorausgesetzt, man schafft es, sich selber zu motivieren. "Man kann es lernen, seine Impulse und seine Ungeduld zu zügeln, Durststrecken zu überstehen, sich selbst zurückzunehmen, selbstgenügsam zu werden, aber auch mehr Ehrgeiz, mehr Ordnung, mehr Pünktlichkeit zu entwickeln. Allerdings funktioniert all das nur, wenn die eigene Persönlichkeitsstruktur dies unterstützt. Die haben wir leider nicht in der Hand", schreibt Gerhard Roth. 

Fazit: Ein überaus nützliches Werk.

Gerhard Roth
Warum es so schwierig ist, sich und andere zu ändern
Persönlichkeit, Entscheidung und Verhalten
Klett-Cotta, Stuttgart 2019

Mittwoch, 11. Dezember 2019

Wagnis und Verzicht

In Dharamsala trafen sich der Religionswissenschaftler Michael von Brück (Jahrgang 1949) und der Dalai Lama (Jahrgang 1935) und unterhielten sich ausführlich über persönliche Erfahrungen, Bildung, Erziehung, Politik, Religion, Medien, Ökologie und Technologie sowie anderes mehr. Diese höchst aufschlussreichen Gespräche liegen nun unter dem Titel Wagnis und Verzicht als Buch vor.

Wer denn ein besonderer Mensch in seinem Leben gewesen sei, fragte Michael von Brück einleitend, worauf der Dalai Lama meint, jeder Mensch solle sein eigener Lehrer sein. "Es kommt auf selbstständiges Denken und gültige Argumente an, und nicht auf autoritäre Botschaften, die einige für wichtig halten, die für andere jedoch irrelevant sind."

Nicht nur eine überaus vielfältige Palette an Themen wird in diesen Gesprächen angesprochen – im Gegensatz zu vielen anderen Büchern, geht es in diesem sehr praktisch zu und her. So plädiert der Dalai Lama nicht nur für gute Bildung, sondern erläutert auch konkret, was er darunter versteht.

"Der richtige Gebrauch der Vernunft muss erlernt werden. Menschen müssen so erzogen werden, dass sie sich der Komplexität der Welt bewusst werden, und auch der Tatsache, dass Lösungen, ganz gleich auf welchem Gebiet, ebenfalls komplex sind. Nur auf der Basis von Wissen lassen sich Ängste überwinden und Mut entwickeln." 

Bildung bedeutet die Schulung der inneren Werte und des inneren Friedens, die heutigen Schulen sind hingegen Orte der Ausbildung für das materialistisch ausgerichtete Leben.

Von der Vernunft Gebrauch zu machen heisst auch "unsere Wahrnehmung zu schulen und dann die tatsächlichen Wahrnehmungen korrekt zu interpretieren. Die meisten unserer negativen Emotionen sind Reaktionen auf das, was vermeintlich passiert, doch beruhen sie nicht auf der Wirklichkeit, wie sie ist, sondern auf Unwissenheit."

Als Kind habe er seinen aufbrausenden Vater gehasst, sagt der Dalai Lama. "Wie hast Du diesen Hass überwunden?", fragt Michael von Brück. "Die Zeit hat ihn geheilt." (sie hatten keine grundlegenden Meinungsverschiedenheiten). Es sind diese klaren und unprätentiösen Antworten, die mir dieses Buch speziell teuer machen. Auch auf die Frage: "Hast Du Angst vor dem Tod?", antwortet der Dalai Lama simpel und direkt. "Nein." Und führt dann aus: "Da ich weiss, dass ich dem Tod nicht entgehen kann, hat es in meinen Augen keinen Sinn, Angst davor zu haben. Ich sehe den Tod so, als würde man abgetragene Kleider wechseln, doch ist das nicht das Ende aller Dinge."

Besonders beeindruckt haben mich die Ausführungen über Leerheit und Verbunden-Sein. Leerheit meint, dass Lebewesen und Objekte nicht aus sich selbst beziehungsweise aus eigener Kraft entstehen. Anders gesagt: Ein klares getrenntes Ich gibt es nicht, denn alles ist miteinander verbunden, existiert nur in Abhängigkeit voneinander. Nichts exisitert so, wie es scheint. "Dinge und Ereignisse sind nicht unabhängig voneinander, vielmehr ist alles miteinander verknüpft. Ein beliebiges Etwas ist das, was es ist, nur in Beziehung zu etwas anderem."

Wie kann man also gegen seine egoistische, selbstbezogene Haltung angehen? Durch Reflexion, die uns erlaubt, zu erkennen, dass dem Ego nachzugeben meist zu Angst, Isolation und Unglücklichsein führt. Falls man diesem krank machenden Separatismus entgehen will, empfiehlt sich als logische Konsequenz die Nächstenliebe. Das geduldige Einüben einer altruistischen Einstellung wird uns zufriedener machen. 

"Mein Erkennen geht in Erleben über" zitiert Michael von Brück Albert Schweitzer und  kommentiert das so:  "Damit sagt er doch Folgendes: Ich weiss, dass alle Dinge miteinander verbunden sind. Sowohl die modernen Naturwissenschaften als auch unsere je eigene Lebenserfahrung lehren uns genau das. Doch auch wenn ich dies weiss und vielleicht auch eine tiefere Einsicht in solche Zusammenhänge gewinne, folgt daraus für das Leben meist nichts, wenn nicht eine emotionale Empfindung und das Gefühl von Ehrfurcht hinzukommen, erst dann nämlich wird dieses Wissen um die Einheit der Dinge zur prägenden Erfahrung. Eine solche Erfahrung verbindet Herz und Verstand, sie verändert meine Motivation wirklich."

Fazit: Differenziert, anregend und ausgesprochen hilfreich.

Dalai Lama
Michael von Brück
Wagnis und Verzicht
Kösel, München 2019

Mittwoch, 4. Dezember 2019

Die psychotische Gesellschaft

"Diese Welt verschlägt mir den Atem. Man kommt gar nicht mehr hinterher mit dem Mitdenken und Mitfühlen, und doch beginnt jede Veränderung mit dem Annehmen und Beschreiben dessen, was ist", hält Ariadne von Schirach treffend fest. Nur hält sie sich selber nicht dran und beginnt stattdessen mit einer Zuschreibung. Konkret: Sie behauptet, die gegenwärtige "Auflösung des Allgemeinen" erinnere "stark an das Krankheitsbild einer Psychose." Ich sehe das zwar ähnlich, doch "Annehmen und Beschreiben dessen, was ist", ist das nicht, sondern Denken in gängigen psychiatrisch-akzeptierten Kategorien.

Nun gut, warum auch nicht? Psychotisch meint primär Realitätsverlust. Grundsätzlich gilt: "Der psychotische Mensch hat seinen Geist und sein Urteilsvermögen verloren, sein Leben ist ihm fremd geworden." Dazu kommen – das psychiatrisch-diagnostische Feld arbeitet zwar mit wissenschaftlichen Methoden, ist jedoch keine Wissenschaft – Wahnideen, Ängste, Störungen des Ich-Erlebens, Ohnmachtsgefühle sowie mangelnde Krankheitseinsicht. Für die psychotische Gesellschaft bedeutet das, dass sie sich nicht mehr begreifen und deswegen auch nicht bewusst verändern kann. Das beschreibt meines Erachtens die gegenwärtige Situation, in der zunehmend auch Aberwitziges wie etwa  Verschwörungstheorien an Boden gewinnen, recht gut.

Die Autorin arbeitet als freie Journalistin und Kritikerin und lehrt Philosophie und chinesisches Denken und behauptet unter anderem: "Alles, was geschieht, hat einen Grund, doch es ist nicht unbedingt sinnvoll – schon gar nicht auf eine Weise, die sich uns Menschen mit unserer beschränkten Wahrnehmungskapazität erschliessen würde." Ein Satz, der unsere beschränkte Wahrnehmungskapazität treffend illustriert, denn schliesslich ist auch ein Denken vorstellbar, in dem es keine Gründe gibt.

Ariadne von Schirach geht ihr Thema Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden so an, wie das alle, die an Hochschulen unterrichten, tun – sie erzählt von ihrem Fachgebiet. Und so erfahren wir, dass Platons und Aristoteles' Denken das Trennende (und den Einzelnen) betonte, während das Denken des alten China den Einzelnen in seinem Bezug zum Ganzen sah. Und wir lesen von Kierkegaard, der meinte, der Mensch solle der werden, der er sei. "Zu werden, der man ist, heisst, sowohl ein Gefühl für seine eigenen Beschränkungen als auch für seine Potenziale zu entwickeln und Letztere zu verwirklichen", hält die Autorin fest, die mit diesem Buch eine weltanschauliche Ideengeschichte (von Martin Heidegger über Eugen Bleuler zu Naomi Klein) vorlegt..

Obwohl ich diesen Ansatz dem psychologischen, der sich häufig in recht banalen Allerweltsweisheiten erschöpft, vorziehe, habe ich mich gefragt, was denn nun praktisch zu tun sei, um Angst und Ohnmacht zu überwinden. Sich dem eigenen Dasein bewusst zu stellen, meint Ariadne von Schirach. "Angst und Ohnmacht zu überwinden heisst, sich ihnen endlich zu stellen." Nur eben: das erfordert Mut – und der fehlt den meisten

Nichtsdestotrotz: wir brauchen ihn nicht nur, diesen Mut – er ist unabdingbar, damit wir nicht noch kränker werden, denn wir leben in einer Zeit, "die das Eitle, Bequeme und Gierige im Menschen fördert und bestärkt." Das Resultat ist eine kranke Gesellschaft, die auf den eigenen Untergang zusteuert.

Es spricht sehr für dieses Buch, dass sich die Autorin auch die wirtschaftlichen Bedingungen, die eine psychotische Gesellschaft ermöglichen und befördern, vornimmt. Sie tut das unter anderem unter Bezugnahme auf Ayn Rand, die gemeinhin als glühende Verfechterin des Kapitalismus gilt. Ariadne von Schirach geht sie wesentlich differenzierter an und schält Wesentliches heraus: "Rands Figuren sind emotionslos, kompetent und kontrolliert." Und: "Wer nur für sich lebt, ist durch ebendieses Selbst begrenzt ...".  Die Folge ist das generelle Abgetrennt-Sein, von sich, den anderen und überhaupt allem, womit wir verbunden sind.

Gemäss Ariadne von Schirach gibt es einen Ausweg. "Kann ein Mensch, der verrückt war, wieder normal werden? Meistens. Wenn er Hilfe bekommt. Und sie annehmen kann. Heilung ist das Finden eines neuen Sinns."  Einverstanden. Das Problem ist nur, dass der Mensch sich nicht ändern will. Keiner. Ausser er muss.

Ariadne von Schirach
Die psychotische Gesellschaft
Wie wir Angst und Ohnmacht überwinden
Tropen, Stuttgart 2019

Mittwoch, 27. November 2019

Heilen aus eigener Kraft

Alles hängt mit allem zusammen, das ist ein Gemeinplatz. Was es konkret bedeutet, in Bezug auf unseren Körper, erfährt man in diesem Buch. Mehr noch: "Das Gros der Leiden, die uns befallen, wird von den natürlichen Verteidigungsmechanismen des Körpers geheilt. Diese zu verstehen und zu lernen, wie wir sie uns zunutze machen können, wird womöglich eines der wichtigsten Zukunftsgeschenke der Wissenschaft an den Menschen und seine Gesundheit sein."

Daniel M. Davis, Professor für Immunologie, der Lehre von den Abwehrmechanismen gegen Krankheitserreger wie Bakterien, Viren und Pilzen sowie andere körperfremde Stoffe, berichtet in Heilen aus eigener Kraft davon, "wie und warum das Immunsystem so und nicht anders arbeitet." Und erzählt dabei auch, wie aufregend und schwierig die wissenschaftliche Forschung ist.

Das Immunsystem des Körpers reagiert auf Zeug, mit dem der Körper zuvor nicht in Kontakt gekommen ist. Er erkennt es als Gefahr und wehrt sich dagegen. Bis 1989 galt dies als allgemein akzeptiert. Doch dann begannen Charles Janeway und seine Frau Kim Bottomly sich zu fragen, weshalb etwa Nahrungsmittel, Staub oder harmlose Darmbakterien (die alle keine Gefahr darstellten) keine Immunreaktion auslösten. Verfügten menschliche Immunzellen über Mustererkennungsrezeptoren, die imstande waren, charakteristische Strukturen von Erregern zu erkennen? Ja, das tun sie und dieses Buch erzählt, wie man ihnen beziehungsweise einigen von ihnen auf die Spur gekommen ist.

Das war gar nicht so einfach, denn es galt vielerlei Hindernisse zu überwinden. "Es liegt in unserem Wesen, dass wir versuchen, Problemen mit Strategien beizukommen, die in der Vergangenheit funktioniert haben. Doch zu wissen, was vormals funktioniert hat, kann uns auch blind für Erkenntnisse machen, die nötig sind, um wichtige Schritte vorwärts zu tun." Klar, Professor Davis bezieht sich hier auf  die wissenschaftliche Forschung, doch diese Sätze gelten auch ganz allgemein für die Lösung von Problemen.

Zu beachten galt zudem auch dies: "Wir sehen weniger mit unseren Augen, als vielmehr mit unseren Gehirnen. Unser Gehirn filtert und interpretiert alles, was die Sinnesorgane unseres Körpers wahrnehmen, und aus diesem Grund sehen wir häufig nur, was wir suchen und bemerken das Unerwartete nicht ....". Doch nicht nur diese Unaufmerksamkeitsblindheit steht der Erkenntnis im Weg, auch unsere Annahmen und Interpretationen erweisen sich oft als Hîndernisse.

Daniel M. Davis ist ein ausgesprochen begabter Erzähler, der unter anderem deutlich macht, dass die Art der Pionierforschung, die in der Immunologie stattfindet, keine 'Plan-Wissenschaft' ist, der Fortschritt verdankt sich vielmehr einigen wenigen Individuen. "Der kreative Prozess für Künstler und Wissenschaftler kann sich unter Umständen in vieler Hinsicht bemerkenswert ähneln. Genau wie Schriftsteller schlagen auch Wissenschaftler mit den Flügeln, jammern herum und sind nahe am Verzweifeln, wenn sie versuchen, einen  Plot und eine Struktur zu finden, die hinhaut." Und natürlich gibt es auch Neid, Konkurrenz-Denken und Missgunst.

Die Komplexität des Immunsystems ist atemberaubend, die Aufgabe des Wissenschaftlers, so Davis, vergleichbar einem Mann (ja klar, es kann auch eine Frau sein), dem ein Ball gegeben wurde, und der jetzt herausfinden musste, was überhaupt gespielt wird. ".... was passiert, wenn dendritische Zellen mit diesen oder jenen anderen Zellen in unterschiedlichen Konstellationen zusammengebracht werden: Vermehren sie sich, sterben sie oder schütten sie dieses oder jenes Proteinmolekül aus? Macht es einen Unterschied, ob man sie eine Stunde oder über Nacht zusammenlässt'? Verändern sie ihre Gestalt, werden sie abgestossen oder angezogen, bewegen sie sich langsamer oder schneller, werden sie grösser oder kleiner, entwickeln sie mehr oder weniger Fortsätze, schalten sie dieses oder jenes Gen an  oder ab?"

Heilen aus eigener Kraft zeigt eindrücklich auf, dass unser Immunsystem  kein statisches Gebilde, sondern dauernd in Bewegung ist, beeinflusst unter anderem von Stress, Alter, Tageszeit und unserer seelischen Verfassung. Doch auch wenn die neuesten Erkenntnisse bahnbrecend sind, bleibt das Immunsystem  (wie jedes grosse System, vom Sonnensystem bis zum Finanzsystem) ein Rätsel. Dieses zu entschlüsseln, dazu liefert dieses Buch wesentliche Erkenntnisse. Darüber hinaus trägt das Ergründen von Einzelheiten dazu bei, uns als das zu sehen, "war wir wirklich sind, und das befreit uns aus dem Gefängnis der Engstirnigkeit."

Fazit: Ein gut geschriebenes, spannendes Buch, das uns viel über die Immunologie und noch mehr über den Menschen lehrt.

PS: Wer sich wundert, ein Buch über Immunologie auf einem Sucht-Blog zu finden - dieses Werk lehrt einen das Staunen, eines der besten Mittel gegen die Sucht.

Daniel M. Davis
Heilen aus eigener Kraft
Wie ein neues Verständnis unseres
Immunsystems die Medizin revolutioniert
DVA, München 2019

Mittwoch, 20. November 2019

Wie ein Wunder

Am 6. Mai 2015 erlitt der Arzt und Moderator Dierk Heimann, Jahrgang 1968, einen Schlaganfall. Er zitiert dazu seinen Lieblingssatz aus dem Musical "Cinderella": "Unmögliche Dinge passieren jeden Tag." Sowohl sein Schlaganfall (er gehörte nicht zu einer Risikogruppe) wie auch seine (fast gänzliche) Wiederherstellung sind statistische Ausnahmen.

"Das Leben ist nicht fair. Im Guten wie im Schlechten. Es gibt nicht immer einen erkennbaren Sinn. Medizin ist Statistik, und Statistiken haben keinerlei Aussagekraft für den Einzelnen", schreibt er. Und: Er habe es oft vermisst, dass seine Therapeuten mit ihm redeten und so nimmt er sich vor, es in diesem Buch anders zu halten – und er tut es dann auch, offen und persönlich. Nur schon deswegen lohnt die Lektüre.

Wie hat er es geschafft, wieder gesund zu werden? Indem er den Schlaganfall als eine weitere Herausforderung des Lebens begriff. "Sie haben sich immer etwas vorgenommen, das hat dann nicht geklappt – also haben Sie es anders gemacht. Das war Ihr Erfolgsrezept", sagte ihm einmal ein Kollege. Ein gutes Rezept für alle Lebenslagen, wie ich meine.

Wie ein Wunder beginnt mit einem eindrücklichen Prolog, der einem vor Augen führt, dass ärztliches Wissen, wenn man selbst Patient ist, nicht immer hilft. So ist Dierk Heimann auf die mit dem Schlaganfall einhergehende Sprachlosigkeit nicht vorbereitet. "Obwohl ich das von Berufs wegen doch eigentlich können müsste. Auch meiner Frau fiel es schwer. Sie ist Psychiaterin und in  Fragen der Kommunikation noch besser ausgebildet als ich." Woraus man lernt: eine Ausbildung in Kommunikation (Anlage und Talent sind entscheidender) wird generell überbewertet.

Etwas studiert oder etwas erfahren zu haben, ist nicht dasselbe. Deutlicher als bei Dierk Heimann habe ich das selten so gelesen: "Für mich kann ich sagen: Obwohl ich als Arzt viel über Schlaganfälle und ihre Auslöser, Ursachen, Beschwerden, Diagnostik und Therapie wusste – was ich hier gerade erlebe, ist etwas völlig Neues. Ich weiss jetzt, wie es sich anfühlt – und es ist mehr, als ich vorher auch nur erahnen konnte. Es ist anders. Es ist schlimmer."

Das Gehen bereitet ihm Mühe. Das Spechen, Lesen und Schreiben ebenso. Seine Wahrnehmung inklusive der Selbstwahrnehmung ist massiv beeinträchtigt. Er zwingt sich, er lügt, er schindet sich – er tut, was viele erfolgreiche Menschen tun, die nicht wissen, wie man pfleglich mit sich selber umgeht. Und da seine Anstrengungen nicht ohne Erfolg bleiben, fühlt er sich bestätigt.

Seine Lage zu akzeptieren ist nicht sein Ding. Sich helfen lassen auch nicht. Erst im Nachhinein merkt er, dass ihn das viel Kraft gekostet hat. Er wehrt sich, er kämpft. Seine  Willenskraft ist beeindruckend, seine Sturheit trägt Früchte. "Mir gelingt es, einen Grossteil von Frust, Ärger und Wut in Trotz zu verwandeln. Trotz gegen das Schicksal. Trotz gegen alle Prognosen. Ich nenne es meinen Genesungstrotz."

"Will ich zuviel?", fragt er sich. Das ist doch offensichtlich, denkt es in mir, doch Dierk Heimann sieht das anders. "Ich bin es gewohnt, mir selbst viel zuzumuten. So möchte ich sein. Mich hat das immer nach vorne gebracht." Er will auch kein neues Leben, er will sein altes zurück. Und er tut dafür, was er kann. "Bewegung ist mein Weg."
.
Sein Bemühen um Aufrichtigkeit ist beeindruckend. Nicht nur schreibt er über Sex, sondern offenbart auch seine Wut, Verzweiflung und Hilflosigkeit – und wie er verbissen dagegen angeht. Gelassenheit gehört nicht zu seinen Charakterzügen, er will die Kontrolle behalten, seine Fassade aufrecht zu erhalten, ist ihm enorm wichtig. Dass er das zugibt, nötigt mir Respekt ab.

Sein Verarbeitungsmuster ist narzisstisch, auch weiss er, dass er für die meisten der Prototyp des Horrorpatienten ist: "ein besserwissender, bislang gesunder Arzt, der sein Schicksal noch nicht angenommen hat." Dieses Wissen nützt ihm nicht viel. Als er von einem Oberarzt die Einschätzung kriegt, sein Schlaganfall sei auf seinen vielen Stress zurückzuführen, verbittet er sich diese "Küchenpsychologie in 15 Sekunden". Da er ein gescheiter Mann ist, gelingt es ihm auch ohne Weiteres plausible Gegen-Argumente zu finden. "He was so smart, he missed the point completely", ist mir da durch den Kopf gegangen..

Dierk Heimann ist seinen eigenen Weg gegangen. Dabei hat er auch eine Lebensschule durchgemacht, die ihn ganz viel über sich selber sowie Geschäfts-Freundschaften, Ärzte und Krankenkassen gelehrt hat. Und auch über die Familie und echte Freunde. Verstehen gelernt hat er nicht zuletzt auch das Wesentlichste, was es im Leben zu verstehen gilt: "Meine Zeit ist die des Lebens. Jetzt." 

Aufrichtigkeit befreit. Wie ein Wunder legt davon eindrücklich Zeugnis ab.

Dr. med. Dierk Heimann
Wie ein Wunder
bene! Verlag, München 2019

Mittwoch, 13. November 2019

Living in the Present

The present moment is all we have. Yes, we have plans and goals, a vision for tomorrow. But now is the only time we possess. And it is enough.

We can clear our mind of the residue of yesterday. We can clear our mind of fears of tomorrow. We can be present, now. We can make ourselves available to this moment, this day. It is by being fully present now that we reach the fullness of tomorrow.

Have no fear, child, a voice whispers. Have no regrets. Relinquish your resentments. Let Me take your pain. All you have is the present moment. Be still. Be here. Trust. All you have is now. It is enough.