Mittwoch, 14. September 2022
Vita Contemplativa
Mittwoch, 7. September 2022
Vor dem Denken
Auch das Geburtsdatum hat vielfältigen Einfluss. Etwa auf die Wahl des Ehepartners. „Menschen heiraten unverhältnismässig oft jemanden, der oder die Ziffern ihres Geburtsdatums teilt.“ Zuneigung kann sich auch darauf gründen, am selben Kalendertag im selben Monat Geburtstag zu haben. Der Led Zeppelin-Fan John Bargh empfindet „ein seltsames und offensichtlich unverdientes Gefühl von Stolz, dass er seinen Geburtstag mit Led Zeppelin Leadgitarrist Jimmy Page teilt“ und ich selber fühle mich seit je Brigitte Bardot zugetan, die am selben Tag Geburtstag feiern kann wie ich auch.
Obwohl wir entscheidend von der Evolution geprägt sind, haben wir keine Erinnerung daran. „Bereits bei unserer Geburt sind wir mit fundamentalen inneren Antrieben ausgestattet, die sich in einer völlig anderen Periode der Menschheitsgeschichte herausgebildet haben.“ Zudem sind wir bis vor nicht allzu langer Zeit davon ausgegangen, es gäbe einen Primat des Bewusstseins. Mittlerweile wissen wir, dass dem nicht so ist und wir weitestgehend unbewusst funktionieren. „Unser primärer, ultimativer und evolutionär am stärksten ausgeprägter Drang – zu überleben und körperlich geschützt zu sein – ist die Grundlage vieler unserer Haltungen und Überzeugungen.“
Wir treffen unsere Entscheidungen meist in Sekundenbruchteilen, aus dem Bauch heraus. Sollen wir solchen Eingebungen trauen? Wie immer, es kommt drauf an, denn unbewusstes Denken hat auch Schwächen. John Bargh empfiehlt acht Grundregeln, die ersten beiden lauten wie folgt: Regel Nr. 1: Sichern Sie Ihr Bauchgefühl zumindest mit ein wenig bewusster Überlegung ab, sofern dafür Zeit bleibt. Regel Nr. 2: Bleibt Ihnen keine Zeit zum Nachdenken, dann lassen Sie sich von Ihrem Bauchgefühl nicht verleiten, für mindere Ziele grosse Risiken einzugehen.
Interessant und hilfreich finde ich vor allem Regel Nummer 6: Wir sollten unserer Einschätzung anderer Menschen allein anhand ihres Gesichts oder von Fotos nicht trauen, solange wir nicht mit ihnen direkt zu tun hatten. Der Grund? Die Evolution „hat uns nicht mit der Fähigkeit ausgestattet, Persönlichkeitsmerkmale aus statischen Abbildungen oder allein aus Gesichtszügen herauszulesen. Wir sind vielmehr von der Entwicklung her darauf angelegt, sehr sensibel auf den emotionalen Ausdruck einer Person zu achten – ob sie zum Beispiel traurig, angewidert oder panisch dreinschaut – , wenn sie in Aktion ist, das heisst mit uns oder anderen interagiert.“
Vor dem Denken. Wie das Unbewusste uns steuert macht unter anderem deutlich, wie entscheidend und grundlegend das Vertrauen für unser Handeln ist. So zeigen bereits Kleinkinder spontan Hilfsbereitschaft, ohne dass man sie darum bittet oder sie dazu auffordert, sofern „die Vorstellung eines persönlichen Vertrauensverhältnisses bei ihnen aktiv war.“ Und wir lernen sehr früh, ob unser Vertrauen gerechtfertigt war.
Doch wir sind unserem Unbewussten nicht einfach ausgeliefert, wir können es auch steuern. So wurden etwa Alkoholikern Bilder von alkoholbezogenen Objekten wie Flaschen, Korkenzieher, Krüge oder Weingläser gezeigt und sie aufgefordert, diese Objekte mittels eines Hebels von sich zu schieben. Das machten sie zwei Wochen lang regelmässig. In der Folge konnotierten sie Alkohol nicht mehr positiv, sondern negativ. Zudem: „Die Patienten zeigten eine signifikant niedrigere Rückfallquote (46 Prozent) gegenüber den Teilnehmern der Kontrollgruppe, die keine alkoholbezogenen Fotos gesehen hatten (59 Prozent).“
Wenn wir akzeptieren, dass wir keinen komplett freien Willen und auch keine allumfassende bewusste Kontrolle besitzen, so John Bargh, nimmt der Grad unseres wirklich vorhandenen freien Willens und unserer wirklich vorhandenen Kontrolle zu. Und das meint: Wir können lernen, die unbewussten Kräfte des Geistes effizient zu nutzen. Indem wir zum Beispiel unsere Vorsätze einhalten. Und unsere Umgebung verändern.
Vor dem Denken. Wie das Unbewusste uns steuert (Droemer Verlag, München 2018) ist ein spannendes, lehrreiches und überaus nützliches Buch.
Mittwoch, 31. August 2022
Gehirn, weiblich
Seit ich mich vor zwanzig Jahren einer Hirnoperation unterzogen habe, habe ich einige Bücher über das Gehirn gelesen, zuletzt dieses. Trotzdem ist mir die Funktionsweise des Gehirns nach wie vor ein Rätsel, und so mache ich immer wieder einen neuen Anlauf, um etwas besser zu verstehen, was da in meinem Oberstübchen abläuft.
Mein erster Eindruck von Iris Sommers Gehirn, weiblich: Das liest sich verständlich. Dazu kommt: Der Untertitel Unterschiede wahrnehmen, Stereotype überwinden zeigt die Stossrichtung an – und die ist mir sympathisch, denn sie verspricht ein genaues, nicht von Ideologie getränktes Hinschauen.
Dass wir von Gefühlen und nicht von der Vernunft regiert werden, ist für mich keine Diskussion wert. Doch Gefühle lassen sich bis zu einem gewissen Grad steuern, zum Beispiel durch Informationen. Sofern man bereit ist, sich von Fakten – ob sie uns passen oder nicht – leiten zu lassen.
Fakt ist: "Das Gehirn einer Frau ist im Durchschnitt deutlich kleiner als das eines Mannes." Fakt ist auch, "dass die Leben und Herzen von Frauen und Männern keineswegs identisch ist." Ich finde es sehr beruhigend, dass Kardiologen und Pharmakologen dem Rechnung tragen.
Je grösser, desto besser? Je grösser das Gehirn, desto intelligenter? Ja und Nein, denn ein kleineres Gehirn ist imstande ebenso viel zu leisten wie ein grösseres. Denken Sie an amerikanische und europäische Fahrzeuge – die amerikanischen sind um einiges grösser, doch sind sie auch besser? Solche und ähnliche Hinweise finden sich in diesem aufschlussreichen Buch.
Iris Sommer, Professorin für Psychiatrie am Universitätsklinikum Groningen, macht deutlich, dass neben den genetischen Faktoren auch Umgebung und Erfahrung den IQ und die Gehirngrösse beeinflussen. So wächst zum Beispiel das Gehirn, wenn man eine anspruchsvolle Ausbildung durchläuft oder sich mit komplexen Problemen auseinandersetzt. Anders gesagt: Intelligenz lässt sich trainieren.
Wie von akademisch Lehrenden nicht anders zu erwarten, zitiert Iris Sommer ganz viele Studien, die über ganz Unterschiedliches Aufschluss geben. Zu den für mich faszinierendsten gehört, wie sich bestimmen lässt, über wie viele Nervenzellen unser Hirn verfügt – im Durchschnitt etwa 83 Milliarden. Und die kann man wirklich zählen? Kann man. Eine Gruppe von Neurowissenschaftlern in Rio de Janeiro, angeführt von Suzana Herculano-Houzel, hat gezeigt wie das geht.
Besonders spannend fand ich, dass sich funktionale Netzwerke identifizieren lassen. "Das bekannteste Netzwerk ist das Default-Mode-Netzwerk (DMN). Es ist aktiv, wenn wir nichts Besonderes tun und unseren Gedanken freien Lauf lassen." Mit anderen Worten: Das DMN ist unser Autopilot, der immer dann zum Einsatz kommt, wenn die anderen Netzwerke (etwa das visuelle Netzwerk, das kognitive Kontrollnetzwerk, das auditive Netzwerk oder das sensomotorische Netzwerk) zur Ruhe kommen. "Je besser man zwischen der Aktivität des DMN und der Aktivität der anderen Netzwerke hin und her wechseln kann, und je weniger es dabei zu Überschneidungen kommt, desto effizienter nutzt man sein Gehirn." So einleuchtend das ist, mich selber faszinieren und irritieren die Überschneidungen mehr.
Gehirn, weiblich informiert zwar hauptsächlich über das Gehirn und seine Funktionsweise, befasst sich jedoch auch mit der Frage, wie man Stereotype überwinden kann. Das ist weit schwieriger als man sich das gemeinhin vorstellt, denn der Mensch will sich nun mal nicht ändern, ausser er muss. In Sachen Gender meint das: "Wir mögen es nicht, wenn sich ein Mann oder eine Frau nicht genderstereotyp verhält." Was nicht heisst, dass alles beim Alten bleiben soll. "Immer mehr Menschen haben den Mumm, von ihrer stereotypen Genderrolle abzuweichen. Frauen, die darauf pfeifen, ob man sie als Schreckschraube bezeichnet, und Männer, die es prima finden, ein Softie zu sein." Noch schöner wäre allerdings, wenn der Mensch generell nicht so viel darauf geben würde, was andere denken und sagen.
Fazit: Gut geschriebene, nützliche Aufklärung.
Mittwoch, 24. August 2022
Versager
Wer in "unserem" System erfolgreich ist, ist ein Versager.
Aus dir spricht der Neid bzw. die Wut darüber, dass du es nicht geschafft hast, erfolgreich zu sein, sagt Lorenz, der viel Geld damit macht, Kriminelle erfolgreich vor dem Gefängnis zu bewahren.
Mittwoch, 17. August 2022
Welt der Wunder
Mittwoch, 10. August 2022
Shunmyo Masuno: Don't Worry
Mittwoch, 3. August 2022
Werde der, der du bist
Schon mein ganzes Leben begleitet mich ein unterschwelliges Wut-Gefühl. Vielleicht, muss ich hinzufügen, denn wirklich wissen kann ich das nicht. Als Philosophen des ‚Vielleicht‘ habe sich Nietzsche immer wieder gerne bezeichnet, so Sue Prideaux in ihrer grandiosen Biografie dieses Zertrümmerers herkömmlicher Gewissheiten.
Das geht doch nicht, meldet sich eine der zahlreichen Stimmen in meinem Kopf. Sowas zu schreiben suggeriert doch, Du würdest Dich als Philosophen sehen, gar als einen Geistesbruder von Nietzsche? Und überhaupt: Ganz am Anfang eines Buches auf eine vielgepriesene Biografie Bezug nehmen, das geht gar nicht. Schreib von Dir! Zitiere nicht andere! Wenn Du das nicht kannst, dann lass es sein!
C und ich lasen beide gleichzeitig „Krieg und Frieden“ und als wir uns in der Folge darüber austauschten, stellten wir fest, dass wir genau die gleiche Stelle, in der Fürst Andrej verletzt auf dem Schlachtfeld liegt, am beeindruckendsten fanden: “Über ihm war nichts als der Himmel, der hohe Himmel, der zwar nicht klar, aber trotzdem unermesslich hoch schien. Graue Wolken glitten ruhig dahin. Wie still, wie ruhig, wie feierlich, dachte Fürst Andrej, gar nicht so, wie ich eben dahergestürmt bin, gar nicht so, wie wir rennen und schreien und kämpfen, und wie sich der Franzose und der Artillerist mit wütenden, entsetzten Gesichtern den Wischer zu entwinden suchten – ganz anders ziehen die Wolken über diesen hohen, unendlichen Himmel dahin. Wie kommt es, dass ich früher niemals diesen Himmel gesehen habe? Wie glücklich bin ich, dass ich ihn endlich sehe. Ja! Alles ist eitel, alles ist Lug und Trug, ausser diesem unendlichen Himmel. Es gibt nichts, nichts ausser ihm … Und auch er ist wohl nicht … nichts ist … ausser der Stille … der Ruhe … Gott sei Dank!”
Aus: Hans Durrer: Gregors Pläne, neobooks 2021




