Montag, 10. Januar 2022

Quit like a Woman

Wieso soll ich mir ein Buch antun, dessen Titel mir schon klar macht, dass ich nicht das Zielpublikum bin? Und dann diese saublöde Mode, deutsche Bücher mit englischen Titeln zu versehen, eine Fantasielosigkeit sondergleichen; der Untertitel im englischen Original The Radical Choice To Not Drink In A Culture Obsessed With Alcohol hätte mich übrigens um einiges neugieriger gemacht als die irreführende deutsche Variante.

Ich verspreche mir von diesem Buch ein paar Gedanken und Einsichten, auf die ich selber wohl kaum gekommen wäre. Und ich komme auch durchaus auf meine Kosten, denn dieses Buch, so die Autorin, setzt sich auch „mit einer Gesellschaft auseinander, die uns im Falle einer Abhängigkeit dazu zwingt, männerdominierte Hilfsorganisationen wie die Anonymen Alkoholiker (AA) aufzusuchen, die den aufkeimenden feministischen und individualistischen Idealen nicht nur zuwiderlaufen, sondern aktiv dagegen vorgehen.“ Dass die Anonymen Alkoholiker (Männer und Frauen) gegen Ideale aktiv vorgehen, seien es feministische, individualistische und andere das Ego-fördernde, liegt daran, dass Ideale und Sucht/Abhängigkeit nicht nur nicht zusammengehen, sondern dass Ideale (also Wunschvorstellungen) für Sucht/Alkoholismus oft ursächlich sind.

Holly Whitaker sieht das entschieden anders, ihre kurze Zeit bei den AA erlebte sie als bedrückend. Sie habe kein Ego-Problem, wehrt sich ihr Ego. Von der Feministin und Meditationslehrerin Carol Lee Flinders lernt sie: „Die jahrtausendealte Tradition der Meditation, die in verschiedenen Religionen verankert ist, ist nicht genderneutral. Sie wurde vor allem in Klöstern praktiziert und zielt darauf ab, die Autonomie aufzugeben, die als männliches Privileg galt. Deshalb beschneidet sie unsere Freiheit, unsere Meinung zu äussern, eigene Weg zu gehen, Vergnügungen nachzugehen, vor allem, als Mensch bedeutsam zu sein.“

Zugegeben, so habe ich das noch nie gesehen, doch die Frauen, die ich bei AA-Meetings angetroffen habe, sahen dort nicht ihre Freiheit bedroht, sondern hatten erfahren, dass auf ihren eigenen Weg zu insistieren, der hauptsächliche Grund für ihren Alkoholismus war. „Wenn dir der Therapieansatz nicht gefällt, wähle einen anderen“, diese bei den AA häufig gebrauchte Formel befindet Holly Whitaker als zu einfach (!). Wie kommt sie zu dieser Auffassung? „Der von den Anonymen Alkoholikern entwickelte Ansatz ist seit über 100 Jahren beim Umgang mit Abhängigen erste Wahl“, schreibt sie, dabei hat sie ein paar Seiten zuvor das Gründungsdatum der AA mit dem 10. Juni 1935 angegeben, das wären dann doch etwas weniger als 100 Jahre. Nun gut, auch wenn Zahlen offenbar nicht ihre Stärke sind, ihr geht es darum, dass das AA-Gedankengut die ganze Gesellschaft durchzieht. „Alkoholabhängige werden nicht nur von den AA als egozentrische, selbstsüchtige Lügner angesehen, die zu Bescheidenheit und Demut erzogen werden müssen.“ Man merkt, dass sie nur kurze Zeit bei den AA war und offenbar wenig verstanden hat, denn wäre das wirklich das Weltbild der AA (ist es nicht, überhaupt nicht), hätte ich mich ganz sicher auch dagegen gewehrt und wäre bestimmt nicht seit nunmehr über 31 Jahren trocken.

Quit Like A Woman ist aus einer nordamerikanischen Perspektive geschrieben, wo „mindestens 73 Prozent aller Behandlungseinrichtungen mit dem Zwölf-Schritte-Programm“ arbeiten. Damit es nicht ungesagt bleibt: Ich tue das auch. Doch in der Schweiz, wo ich lebe, ist der Einfluss der AA eher gering, die Psychoindustrie weit einflussreicher. Und es hat sicher noch Platz für Holly Whitakers Tempest Sobriety School, für die sie mit diesem Buch Werbung macht.

Whitakers Ablehnung der AA ist ziemlich umfassend. So lehnt sie vollständige Abstinenz ab, zieht es vor, „sich Abstinenz langsam anzutrainieren“, denn: „Für Menschen, die versuchen, mit dem Trinken aufzuhören, sind Stress und Druck fatal.“ Es ist so recht eigentlich umgekehrt. Ich jedenfalls hätte ohne Stress und Druck wohl nie aufgehört zu saufen. Und Nein, natürlich unterscheide ich nicht zwischen innerem und äusserem Druck, das sind Pseudo-Unterscheidungen, die nur für die funktionieren, die daran glauben. Man kann vieles glauben und dazu gehört auch viel Unsinn wie, zum Beispiel, dass Frauen, so die Autorin, aus anderen Gründen suchtkrank werden als Männer. So blödsinnig diese Behauptung auch ist (suchtkrank wird man, wenn man nicht fühlen will, was man fühlt – gender-übergreifender geht kaum), offenbar lässt sich darauf ein Geschäft gründen. „Who profits?“, fragt man in Amerika, wenn wieder einmal jemand mit einer angeblich neuen Idee auf den Markt drängt. Das Zwölf-Schritte-Programm ist übrigens gratis.

Und wo bleibt das Positive? Besonders die Aufklärungen zur Tabak- und Alkoholindustrie fand ich ausgesprochen hilfreich. Und das Kapitel „Alkohol und körperliche Gesundheit“ sollte Pflichtlektüre sein.

Holly Whitaker
Quit Like A Woman
Nüchtern und glücklich in einer Welt voll Alkohol
mvgverlag, München 2021 

Montag, 20. Dezember 2021

Der Stoff, aus dem die Gefühle sind

So recht eigentlich hätte mich ja bereits der Titel, Der Stoff, aus dem die Gefühle sind, skeptisch machen sollen. Tat es aber nicht. Auch der Untertitel, der noch mehr Uneinlösbares versprach – Über den Ursprung der Emotionen – tat es nicht. Leitend war stattdessen die Hoffnung, über die der Autor nüchtern und treffend notiert: „… die Hoffnung ist ein Gut, das sorgfältig reguliert und so sparsam dosiert werden sollte, dass es vernünftiges Handeln motivieren kann“, was bei mir eindeutig nicht der Fall gewesen ist, denn ich bin auf die Werbeversprechen des Verlages reingefallen, die da suggerieren, es gebe tatsächlich Antworten auf Fragen wie „Warum fühlen wir? Wie entstanden unsere Emotionen? Welche Geheimnisse birgt das ganze Spektrum unserer Gefühlswelten?“

Karl Deisseroth, Professor für Biotechnik und Psychiatrie, ist vor allem bekannt geworden durch seine Entwicklung der Optogenetik, bei welcher Gene von Mikroben, Bakterien und einzelligen Algen in ausgewählte Hirnzellen von Wirbeltieren (etwa Mäusen oder Fischen) verpflanzt werden.

„Das mag befremdlich klingen, hat aber seinen Sinn, denn in ihrem neuen Umfeld bewirken die geborgten Gene (sogenannte Opsine) die Produktion von bemerkenswerten Proteinen, die Licht in elektrischen Strom verwandeln (…) Mithilfe von Laserlicht, das wir durch dünne Faserkabel oder Hologramme ins Gehirn einbrachten, konnten wir in diesen modifizierten Zellen die elektrischen Signale verändern und das Verhalten der Tiere damit auf erstaunliche spezifische Weise manipulieren.“ Da gehen bei mir zahlreiche Warnlampen an, es klingt in meinen Ohren nach Doktor Frankenstein.

„Projections – A Story of Human Emotions“ heisst der englische Originaltitel. Das ist etwas ganz anderes als was der deutsche Titel (fälschlicherweise) behauptet. Was der Autor in diesem Werk versucht, ist, drei unterschiedliche Perspektiven, „die Erfahrungen eines Psychiaters, die Ursprünge der Emotionen und die aktuelle Hirnforschung“ zu einem Bild zusammenzufügen. Er erzählt von seinen Begegnungen mit Patienten, Frauen wie Männern, auf der psychiatrischen Notaufnahme und macht dabei deutlich, wie stark da mit Annahmen, Vermutungen und Interpretationen operiert wird.

Eindrücklich ist dabei, wie er auch seine eigenen Empfindungen schildert. „Als ich mit ihm sprach, spürte ich, wie sich der Raum mit seiner aufgestauten Energie auflud. Während Alexander in seiner Verärgerung und Erregung vor mir sass, stiegen in meiner Vorstellung unwillkürlich Szenen aus seinem Leben auf, die sich in meinem Kopf festsetzten wie die Bilder aus dem Flugzeug in seinem – unausgesprochen, aber sonderbar klar und detailliert. Ich liess diese Bilder wachsen und sah ihn, wie er nach der Rückkehr von seiner Odyssee in seinem Wohnzimmer sass und die Augen öffnete.“

Karl Deisseroth „studierte in Harvard, u.a. Creative Writing“, informiert der Klappentext. Leider, habe ich immer mal wieder gedacht, denn sein bildungsgesättigter Stil, ist gar nicht mein Ding. Ein Beispiel: Als er einmal zum Opfer eines Raubüberfalls wird, notiert er: „Ich händigte meinen Rucksack aus und wartete, während der grosse Schatten ihn ausleerte. Dabei hielt ich den Blick fest auf die Klinge in der Hand des anderen gerichtet. Meine süsse Misericordia, das feine Stilett, mit dem man nach mittelalterlichen Schlachten wie den von Orléans oder Azincourt den Sterbenden den Gnadenstoss gab. Im unwirklichen Licht des Bahnsteigs schien die Klinge zu pulsieren und jede Zelle meines Körpers fiel in ihren Rhythmus ein.“ Meine eigenen Assoziationen, stelle ich mir vor, wären in einer solchen Situation wohl etwas anders ausgefallen.

Trotzdem: Am Aufschlussreichsten fand ich des Professors Selbst-Offenbarungen, in der Regel als Reaktion auf Verhaltensweisen der Patienten. „Er war ein menschliches Säugetier aus einem zerstörten Bau, im Alter von drei Jahren hatte er sein Nest verloren und war dann als Borderliner zur Welt gekommen – fixiert in der Zeit, mit kindischen Abwehrreaktionen, doch mit den Waffen, um meine Grenzen zu überwinden, mir unter die Haut zu gehen und meine tiefsten, ältesten Reaktionen anzurühren.“

Ist es ihm gelungen, die drei eingangs erwähnten Perspektiven zusammenzuführen? Mich haben seine Ausführungen oft ratlos gelassen, obwohl ich seine Herangehensweise speziell und anregend gefunden habe. Zu ungewohnt war mir sein Denken. Und seine Sprache. Doch was wir im Augenblick nicht verstehen, kann sich uns ja auch zu einem späteren Zeitpunkt offenbaren. „Tiefere Einsichten dürfen mehr Zeit beanspruchen und sehr viel später erfolgen, nachdem alle Informationen gesammelt sind und über Wochen und Monate reifen …“. Es ist dies eines der Phänomene, das mich immer wieder staunen macht: Dass viele Erkenntnisse, die wir mit uns herumtragen, Jahre brauchen können, um sich in Handlungen zu manifestieren – oder auch nicht.

PS: Unter dem Titel „Weiterführende Literatur“ finden sich Links auf frei verfügbare Hintergrundartikel zu den jeweiligen Themen. Das ist höchst hilfreich und für mich eine Premiere.

Karl Deisseroth
Der Stoff, aus dem die Gefühle sind
Über den Ursprung der Emotionen
Blessing, München 2021

Donnerstag, 4. November 2021

Bauchentscheidungen

Würde ich auf meinen Bauch hören, würde ich Bauchentscheidungen nicht lesen. Wenn mich nämlich der Klappentext informiert, dass der Autor ein weltweit renommierter Psychologe ist und das Gottlieb Duttweiler Institut ihn „als einen der 100 einflussreichsten Denker der Welt“ bezeichnet habe, sagt mir meine Intuition, dass wer mit solch eitlen Zuschreibungen hausieren geht, in einer Welt lebt, die mich nicht interessiert. Wer, um Himmels Willen, glaubt bloss, was ein paar Institutsangestellte in Rüschlikon (wo das Gottlieb Duttweiler Institut seinen Sitz hat) behaupten?

Soviel zu meinen Voreingenommenheiten. Doch wovon sind diese beeinflusst? Von meinen Ahnungen oder Überlegungen, von meinem bewussten oder unbewussten Denken? Ja, gibt es überhaupt unbewusstes Denken?

Ich erhoffe mir von Bauchentscheidungen Aufklärung. Und bin gleichzeitig skeptisch, denn es liegt doch so recht eigentlich schon im Begriff des Unbewussten, dass man darüber – weil nicht bewusst – kaum etwas empirisch Belegbares aussagen kann.

Wie immer bei Akademikern, beginnt es mit der Eingrenzung des Themas bzw. der Begriffsklärung. „Intuition ist unbewusste Intelligenz, die – unabhängig vom Geschlecht – auf jahrelanger Erfahrung beruht. Man spürt sofort, was man tun soll, kann es aber nicht begründen.“ Das kennen wir alle; was es allerdings mit Intelligenz zu tun haben soll, ist mir schleierhaft. Und auch was es mit Erfahrung zu tun haben soll, erschliesst sich mir nicht – ich kenne jedenfalls Menschen jeden Alters mit aussergewöhnlich ausgeprägtem Gespür.

Gerd Gigerenzer verwendet „die Begriffe Bauchgefühl, Intuition und Ahnung austauschbar, um ein Urteil zu bezeichnen, 1. das rasch im Bewusstsein auftaucht, 2. dessen tiefere Gründe uns nicht ganz bewusst sind, 3. das stark genug ist, um danach zu handeln.“ Insbesondere Punkt 3 finde ich einigermassen problematisch. Anders gesagt: Ich bin froh, dass ich meiner Intuition nicht immer nachgebe, denn allzu oft hat sie mich nachweislich in die Irre geführt. Doch Professor Gigerenzer plädiert keineswegs für das Primat der Intuition; er weiss sehr wohl, dass Kopf und Bauch zusammengehören und die Welt für allzu simple Wahrheiten zu kompliziert ist. Ihm geht es darum, der Intuition die ihr gebührende Achtung entgegenzubringen, ihren Wert und ihre Bedeutung anzuerkennen, denn „ohne sie brächten wir wenig zustande.“

„Wir bewegen uns immer mehr weg von einer Leistungskultur und hin zu einer Rechtfertigungskultur. Eine Bauchentscheidung kann man nicht mit harten Fakten begründen und wird damit angreifbar. Doch mit einer Rechtfertigungskultur erstickt man Innovation in einer Flut von Dokumentation, um sich abzusichern statt etwas zu riskieren.“ Ich sehe das genauso, jedenfalls von der Tendenz her. Wenn ich mir jedoch den bekanntesten Bauchgefühl-Vertreter der letzten Jahre vor Augen führe, den Florida-Golfer, dann weiss ich auch, weshalb die Orientierung an Fakten wesentlich ist. Auch beim Fliegen, so haben mich Piloten instruiert, ist man schlecht beraten, sich auf seinen Bauch statt auf die Instrumente zu verlassen.

Bauchgefühle bestehen gemäss Gerd Gigerenzer aus einfachen Faustregeln, die sich evolvierte Fähigkeiten des Gehirns zunutze machen. Das Ziel des vorliegenden Buches ist es, „zunächst die verborgenen Faustregeln zu erläutern, die der Intuition zugrunde liegen, und an zweiter Stelle zu verstehen, wann Intuitionen zum Erfolg oder zum Scheitern führen können.“

Bauchentscheidungen ist reich an aufschlussreichen Fallbeispielen und illustrativen Geschichten, die sich zumeist spannend und amüsant lesen. Ganz speziell zugesagt hat mir Das Keine-Wahl-Dinner. Dann aber auch die Geschichte über Ungewissheit, die aufzeigt, dass bei der Zukunftsvorhersage Laien, Experten und Politiker gleich schlecht abschneiden (Überrascht das jemanden?) sowie die Geschichte über den Fall der Berliner Mauer. Bei allen drei (und auch bei anderen) war mir nicht immer klar, was sie mit Bauchentscheidungen zu tun haben. Eher unterstreichen sie des Autors Lieblingsthese: Zuviel Information überfordert uns; je weniger wir wissen, desto leichter gelingt die Entscheidungsfindung. Verwunderlich finde ich das nicht, über die Qualität des Entscheids sagt dies allerdings wenig aus.

Zu den Schlüsselsätzen in diesem Werk gehört für mich: „Ich denke, die meisten sozialen Interaktionen sind weniger das Ergebnis komplexer Kalkulationen als vielmehr das Resultat besonderer Bauchgefühle, die ich soziale Instinkte nenne.“ Woraus sich ableiten liesse, dass das Bild, das wir von uns Menschen – von der Vernunft geleitete Wesen – haben, weitestgehend auf einer Fehleinschätzung beruht. „Es irrt der Mensch, solang‘ er strebt“, meinte bekanntlich Goethe. Schön zeigt das Professor Gigerenzer am angeblich alles dominierenden Egoismus auf, den er mit dem Familien- und dem Stammesinstinkt ergänzt.

Der Autor beklagt, dass „die Intuition von göttlicher Gewissheit zum blossen Gefühl abgestiegen“ sei. Das mag bei den sogenannt Gebildeten so sein, in der breiten Bevölkerung ist das meiner Erfahrung nach nicht der Fall. Dazu kommt, dass wir weit mehr von Gefühlen, Impulsen, Instinkten regiert werden als uns lieb ist. Nur geben wir uns das nicht zu, wollen wir mehr als bloss Tiere sein. Hochmut kommt vor dem Fall, heisst es bekanntlich. Und im Falle unserer Zivilisation paart sich dieser Hochmut gerade mit Ignoranz – und fährt uns an die Wand.

Bauchentscheidungen ist eine Horizont-erweiternde Lektüre und lohnt vor allem der vielfältigen Beispiele wegen, von denen viele aus des Professors abwechslungsreichem Berufsleben stammen.

Gerd Gigerenzer
Bauchentscheidungen
Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition
Pantheon, München 2021

Mittwoch, 1. September 2021

Dass alles miteinander verbunden ist ...

Ein Sonntagnachmittag in Santa Cruz do Sul. Ich bin bei R und T zum Brunch eingeladen. R, vom Krebs geschwächt, hat sich zurückgezogen. T und ich sitzen im Garten und tun, was wir immer mal wieder tun: Wir sprechen über Gott und die Welt, das Leben und den Tod. Eigentlich seien wir doch Tiere, bemerkt sie und meint das nicht etwa abschätzend. Sie stellt es einfach fest. Oder Maschinen, ergänze ich, denn praktisch alles geschieht automatisch. Atmen, Reden, Sehen, Sprechen, Denken.

Ihr gefalle es, sechzig zu sein, sagt sie, sie müsse jetzt nicht mehr so viel. Und auch den Respekt vor grossen Namen habe sie verloren. Mir geht es auch so – diejenigen, die sich und der Welt dauernd beweisen müssen, wie toll sie sind, finde ich eigentlich nur noch lächerlich.

Wie eingeschüchtert und unsicher ich mich als Student fühlte, wie fremd ich mir an der Universität vorkam. Noch viele Jahre, nachdem ich solche höhere Bildungsstätten erfolgreich absolviert hatte (ohne das Gefühl zu haben, ich wüsste nun wirklich etwas), machten mir akademische Titel Eindruck, jagten mir Professoren Respekt ein. Heute ist das anders, sehr anders, kann ich sie überhaupt nicht mehr ernst nehmen, halte ich die meisten für eingebildete, schwache Figuren, die sich an ihrem meist willkürlichen Detailwissen festklammern, unfähig, sich mit ihrer Vergänglichkeit (und nur diese sollte uns leiten!) auseinanderzusetzen.

Du bist nichts, gar nichts. So wurde T in Japan der Zen Buddhismus beigebracht. Sie erlebe sich als Teil des Universums, sagt sie. Und das werde sie auch immer sein. In welcher Zusammensetzung von Atomen auch immer.

Solche Gedanken sind mir nicht fremd. Dass alles miteinander verbunden ist, predige ich schon lange. Doch an diesem sonnig heissen Nachmittag erreichen sie mich anders, empfinde ich sie als eigenartig neu, unvertraut und gleichzeitig sehr nahe. Ich fühle mich an Empedokles erinnert, der einen universellen Kreislauf der Dinge postulierte, in dem es weder Schöpfung noch Vernichtung gibt. Und an den römischen Dichter und Philosophen Lukrez, der der Auffassung war, dass das Universum keinen Schöpfer oder Designer hat, sondern als immerwährende Veränderung existiert. Hilfreiche Gedanken, die näher an meiner Welterfahrung sind als das gewohnte Ursache-Wirkung-Denken.

Beim Abendessen ereifert sich eine der beiden Töchter von R und T über gesundes Essen, das auch gegen Krebs helfe, worauf T trocken meint: Bei all der gesunden Nahrung, die die Affen so zu sich nehmen, müssten die eigentlich ewig leben.

Hans Durrer
Gregors Pläne
Eine Anleitung zum gelingenden Scheitern
neobooks, München 2021

Mittwoch, 25. August 2021

Der unangepasste Mensch

 Dass es mich gibt ist einem Zufall zu verdanken. Hätten sich nämlich Ei- und Samenzellen meiner Eltern nicht genau zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt getroffen und vereinigt, gäbe es mich nicht. Für diejenigen, die hinter Allem und Jedem einen geheimen Plan vermuten oder sich Bedeutsames erhoffen, ist das eine ziemlich ernüchternde Erkenntnis, auf mich selber wirkt sie jedoch vor allem (nein, nicht nur) befreiend. Auch natürlich weil sie nicht nur mich, sondern so recht eigentlich alle Lebewesen betrifft und so meine Ego-Fixiertheit relativiert.

Noch Einiges mehr ist dem Zufall zu verdanken, wie Martin Brüne, Jahrgang 1962, Professor für Psychiatrie, in Der unangepasste Mensch. Unsere Psyche und die blinden Flecken der Evolution ausführt, auch wenn es dem Menschen eignet, die Dinge entschieden anders zu sehen und die Tatsache, dass er überlebt, mehr seinem Geschick als der Natur zurechnet. Was das typisch Menschliche ausmacht, was uns von unseren nächsten Verwandten im Tierreich unterscheidet und was uns verbindet, darum geht es in diesem Buch, das überdies davon handelt, „welche psychischen und körperlichen Probleme uns begegnen, wenn wir versuchen, den Spagat zwischen Steinzeit und Moderne zu meistern“ und auch davon, „was uns unsere evolutionäre Vergangenheit lehren kann, Krankheiten besser zu verstehen und zu behandeln.“

So nachvollziehbar ein anthropozentrisches Weltbild auch ist (wie wir die Welt wahrnehmen, liegt schliesslich in uns begründet), es ist nachweislich falsch und führt letztlich zu einem nicht mehr rückgängig zu machenden Desaster. Auch die Aufforderung „Macht Euch die Erde untertan“ hat zu Corona und zur Klimakatastrophe geführt. Nichtsdestotrotz: wir haben uns als unglaublich erfolgreich erwiesen, sind aber nach wie vor extrem vulnerabel (und können daran wenig bis gar nichts ändern, meint Professor Brüne).

Es ist hilfreich, den Menschen in grösseren Zusammenhängen zu betrachten. „Wenn sich Umwelten so rasch ändern, dass Tier- und Pflanzenarten nicht die Flexibilität haben, sich daran anzupassen, sterben sie aus. Dies ist es, was wir heute geradezu in Echtzeit beobachten können. Jedes Jahr verschwinden geschätzte 20 000 Tier und Pflanzenarten unwiederbringlich von unserem Planeten.“ Bedauerlicherweise scheint es uns nicht gegeben, vorausschauend zu empfinden (vorausschauend zu denken geht schon, aber was nützt schon denken?), doch uns darum zu bemühen, unseren Erkenntnissen auch Taten folgen zu lassen, wäre überaus nützlich.

Es wäre nicht nur wünschenswert, sondern ist geradezu überlebenswichtig, dass wir lernen, „der Natur nicht zu sehr ins Handwerk zu pfuschen“. Dabei hilft es auch, sich zu vergegenwärtigen, dass unser Organismus ein eigentliches Ökosystem bildet, bestehend aus etwa 30 Billionen eigener Zellen „und mindestens noch einmal so viele Zellen in uns und auf uns, die nicht unser Erbgut tragen, sondern das von Bakterien, Pilzen und Viren – zusammengenommen ‚Mikrobiota‘ genannt.“ Es gibt Schätzungen, die von einem Verhältnis von 10 zu 1 ausgehen. Das Verhältnis von unseren etwa 25 000 Genen zu den etwa acht Millionen Gene des Mikrobioms ist noch drastischer. „Die nüchterne Bilanz ist daher, dass das meiste in und auf unserem Körper nicht uns gehört, sondern artfremd ist.“ Das wirklich zu verstehen, kann ehrfürchtig machen.

Martin Brüne widmet sich ganz unterschiedlichen Themen, von der Evolution zur Genetik, dem Darm zur Borderline-Störung, der Schizophrenie zum Mitgefühl mit Gefühl. Immer wieder stosse ich auf Sätze, die mich innehalten und sie bedenken lassen. Etwa dass Tiere, entgegen uns Menschen, einen Grossteil ihres Lebens tatsächlichen Gefahren ausgesetzt sind. „Anders als sie können nur wir Menschen uns bedroht fühlen, ohne dass dafür ein faktischer Grund dafür vorliegt.“ Daraus schliesse ich unter anderem: Eine gute Therapie (von griechisch ‚therapeia‘ für ‚Dienst, Pflege, Heilung’“) sollte sich an Fakten (und weniger an Interpretationen) orientieren.

Zu einer guten Behandlung gehörte früher auch immer die Einbettung der Massnahme in ritualisierte Abläufe. Davon gibt es in der modernen Medizin leider immer weniger, weil Rituale Zeit kosten.“ Und Krankenhäuser immer häufiger zu kranken Häusern werden, was damit zu tun hat, dass unsere Zeit sich der Profit-Maximierung verschrieben hat, der auch (verblendeter geht es kaum) das Gesundheitswesen unterworfen wird.

Fast schon seherisch (kurz vor der Drucklegung erschien Covid-19 auf der Bildfläche) weist Martin Brüne darauf hin, dass möglicherweise „irgendein fieser ‚Superbug‘ auftaucht, der die Welt in Atem hält. Mit dem Klimawandel ziehen nämlich, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, Tiere bei uns ein, die höchst unwillkommen sind.“

Fazit: Grundsätzlich, lehrreich und nützlich.

Martin Brüne
Der unangepasste Mensch
Unsere Psyche und die blinden Flecken der Evolution
Klett-Cotta, Stuttgart 2020

Mittwoch, 18. August 2021

Photographs & Memories

 


Copyright @ Blazenka Kostolna

I think it most baffling that, when discovering photos that my friend Blazenka took of me, I did not recall ever having laid eyes on them. Yet since they were sent to me on 28 December 2019, they surely must have been taken around Christmas 2019 at Blazenka's place in Zurich. Well, no, for I was then in Brazil and so it must have been Christmas 2018. However, despite that the photos prove that we had then met for our traditional Christmas dinner, I still do not remember anything from that encounter that, it needs to be stressed, happened not so long ago. And that, of course, begs the question whether memory can ever be trusted? Well, in regards to mine, I'm doubtful.

Mittwoch, 11. August 2021

Vom Adel der menschlichen Seele

Herausgegeben und eingeleitet wird dieser Band von Gerhard Wehr, der nicht nur die Lebensspuren des 1260 als Eckhart von Hochheim in Thüringen geborenen, späteren Meisters nachzeichnet, sondern auch Hinweise auf wesentliche Punkte seiner Lehre gibt.

Eckhart tritt in den Dominikanerorden ein, einem Bettelorden, der die Armut lebt und einen asketischen Lebenswandel praktiziert. Eine Weltflucht ist dies jedoch nicht, ganz im Gegenteil – Gott soll in Allem und Jedem jederzeit gegenwärtig sein. Es ist dies eine Lehre, die auch der Chassidismus pflegt.

Im Alter von 40 wird Eckhart zum Magisterstudium nach Paris geschickt, dem damaligen Zentrum scholastischer Gelehrsamkeit. Seine Predigten gehen weit über das Übliche hinaus, seine Spiritualität verträgt sich nur schlecht mit der offiziellen Kirche – so jedenfalls sahen es einige Vertreter dieser Kirche, die dann auch einen Ketzerprozess gegen ihn anstrengten. Es ist nicht ohne Ironie, dass der Papst diesen kirchentreuen Eckhart als Häretiker verurteilte.

"Man muss die einzelnen Aussagen auf sich wirken lassen. Man muss sich ihrer spirituellen Strahlkraft aussetzen, bis sich etwas von der Innenerfahrung mitteilt, die ihnen innewohnt." Sich mit dieser Einstellung mit diesem Werk zu befassen, bedeutet, sich Zeit zu nehmen. Zu den Sätzen, dir mir besonders nahestehen, gehören: "Wahrhaftig, mit wem es recht steht, dem ist es an allen Orten und bei allen Leuten recht. Mit wem es aber nicht stimmt, dem ist es an allen Orten und bei allen Leuten nicht recht."

Vom Adel der menschlichen Seele lese ich als eine Besinnung auf das Wesentliche, als eine Anleitung für ein Dasein als Teil eines grösseren Ganzen, als eine Aufforderung, sich selbst zuzulassen. Die Sucht, heisst es bei den Anonymen Alkoholikern, sei ein Ego-Problem. Unser Ego steht uns im Weg. Bei Eckhart liest es sich so: "Ob dir's bewusst oder unbewusst ist  – nie steht ein Unfriede in dir auf, der nicht vom Eigenwillen kommt, ob man es merkt oder nicht. Nicht das ist schuld, dass dich die Umstände oder die Dinge hindern; sondern du selbst bist es in den Dingen, der dich hindert. Denn du verhältst dich in ungeordneter Weise zu den Dingen. Darum beginne zuerst bei dir und lass dich."

Unsere Welterklärungen offenbaren nur eine Gewohnheit des Denkens. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehören zu den uns geläufigen Kategorien. Die Ewigkeit hat darin keinen Platz, sie ist zu absolut, uns aber ist alles relativ. Eckhart sieht das anders. "Die Tage, die seit sechs oder sieben Tagen vergangen sind, und die Tage, die vor sechstausend Jahren vergingen, sind dem Heute so nahe wie der gestrige Tag."

Nimm von mir, was mich hindert zu dir, hat Niklaus von Flüe Gott bekanntlich angefleht. Um wirklich zu leben, müsse man zuerst sterben, sagen andere. Eckhart sagt, man müsse die Menge verlassen und zu jenem Grund zurückkehren, aus dem man gekommen ist.  "Die 'Menge', das sind die (naturhaften) Kräfte der Seele und ihr Treiben, Gedächtnis, Verstand und Wille, die dich allesamt zerstreuen. Darum musst du sie alle lassen, die Sinnenhaftigkeit und das Hängen an den Bildern; kurz alles, in dem du dich selbst vorfindest und dich meinst. Dann erst kannst du die Geburt finden; wahrhaftig, anders nicht ...".

Fazit: Ein wesentliches und überaus hilfreiches Buch.

Meister Eckhart
Vom Adel der menschlichen Seele
Anaconda, München 2021