Donnerstag, 15. Juli 2021

Einsichten Ausblicke

Von den vielen Büchern, Essays und Artikeln, die ich gelesen habe, ist mir erstaunlich wenig hängengeblieben. Warum sich mir dennoch Einiges davon ins Hirn eingegraben hat und Anderes nicht, vermag ich nicht zu sagen. Zu dem Hängengebliebenen gehört eine Aussage von Albert Hofmann, dem Entdecker des LSD, auf die ich in einem Artikel der Weltwoche vom 15. Januar 1998 gestossen bin und worin es heisst: "Jeden Morgen lässt er seinen Wecker um sechs schellen, um zu erleben, wie der Morgen, wie der Tag kommt, und dem Herrgott seine Welt zu sehen."

Als ich zum ersten Mal seine Essays Einsichten Ausblicke durchblättere, fällt mein Blick auf:

Ist es nicht wunderbar.
dass wir nicht wissen,
woher wir kommen,
wohin wir gehen?
Das Wissen
würde das Wunder
zerstören.

So habe ich das noch nie gesehen. Und obwohl ich mit der Vorstellung, dass das Wissen das Wunder zerstört, nicht einig gehe, gefällt mir die Idee, dass es wunderbar sein kann, nicht zu wissen. Anstatt einen vermeintlichen Halt im Wissen zu suchen, wäre wichtiger, das Wunder des Lebens zu erfahren. So .interpretiere ich dieses Gedicht momentan.

Wobei: Das Eine schliesst das Andere ja nicht notwendigerweise aus. So hat etwa die wissenschaftliche Forschung "sichtbar werden lassen, wie der Mensch in das Ganze der Natur eingebettet ist und wie er ein unablösbarer Teil von ihr darstellt. Dieses Wissen steht in Übereinstimmung mit der emotionalen Erfahrung des Mystikers von der Einheit alles Lebendigen."

Für Kinder ist die Welt noch nicht selbstverständlich. "So erscheint sie erst den Erwachsenen mit ihrem durch Gewohnheit abgestumpften Empfinden." Albert Hofmann warnt: "An Selbstverständlichkeit könnte die Welt zugrundegehen." Um dies zu vermeiden, gilt es Gegensteuer zu geben. De-automatize, hat Osho vorgeschlagen.

Unsere Weltsicht hängt von unserem Standpunkt ab: Unten im Tal, oben auf dem Berg, in der Tiefe des Meeres, vom Weltall aus – die Perspektiven variieren, doch sie schliessen sich nicht aus, sie ergänzen sich. Und genau davon handeln diese Essays.

"Das Sender-Empfänger Modell der Wirklichkeit" heisst der erste, der aufzeigt, "dass Wirklichkeit kein fest umrissener Zustand ist, sondern das Ergebnis von kontinuierlichen Prozessen, bestehend aus einem kontinuierlichen Input von materiellen und energetischen Signalen aus dem äusseren Raum und ihrer kontinuierlichen Dechiffrierung, das heisst Umwandlung in psychische Erfahrungen, im inneren Raum." Wir sind also stetig dabei, unsere sehr persönliche Wirklichkeit zu erschaffen. Und zwar auf Grundlage dessen, was uns zur Verfügung steht, denn die menschlichen Sinne sind begrenzt. So kann etwa unser Sehapparat nur einen kleinen Ausschnitt der im Universum existierenden elektromagnetischen Wellen erkennen.

Der zweite Essay ist mit "Geborgenheit im naturwissenschaftlich-philosophischen Weltbild" überschrieben, und macht mir bewusst, wie informiertes Hinschauen das genaue Hinsehen ergänzt. "Wenn ich im Garten oder auf einem Spaziergang vor einer Pflanze stehe, sie meditierend betrachte, dann sehe ich nicht nur, was auch der Nichtchemiker sieht, ihre Gestalt, ihre Farbe, ihre Schönheit, sondern es drängen sich mir zudem Gedanken auf über ihren Bau, ihr inneres Leben und die chemischen und physikalischen Vorgänge, die ihm zugrundeliegen."

Mit "Über den Besitz" ("Der Herr sagte: Mein Garten ...– und sein Gärtner lächelte.") ist der dritte Essay überschrieben; mit "Atomkraftwerk Sonne" der vierte ("Es wurde errechnet, dass die an einem einzigen Tag auf die Erde einfallende Energiemenge ausreichen würde, um den heutigen Energiebedarf für einige hundert Jahre zu decken."). Abgerundet wird der Band mit "Gedanken und Bilder", aus dem das eingangs erwähnte Gedicht stammt. 

Diesen Einsichten Ansichten gemeinsam ist eine Grundhaltung der Ehrfurcht – und diese tut uns Not.

Albert Hofmann
Einsichten Ausblicke
Essays
Nachtschatten Verlag, Solothurn 2021

Mittwoch, 7. Juli 2021

Der König auf diesem Planeten

 Meiner Meinung nach ist das Virus der König auf diesem Planeten, und wir sollten uns nach ihm richten. Der Mensch existiert nur als Gast dieses Meisters der Quantensprünge, der sich so hervorragend an das anpasst, was er nicht vorhergesehen hat.

Pauline Melville: Der Bauchredner (2000)

Donnerstag, 1. Juli 2021

Bewölkt aber trocken

"Ein Roman-Debüt, in dem tiefer Ernst und überbordernder Witz auf grossartige Weise zusammenkommen", lese ich auf dem Buchumschlag. Da habe ich offenbar ein ganz anderes Buch gelesen. Auf mich wirkte die Lektüre extrem detailreich (jeder Gedanke, welcher der Protagonistin durch den Kopf geht, scheint ihr wert, aufgezeichnet zu werden – sogar was es in der Klinik zum Mittagessen gibt und dass man dabei Schlange stehen muss, erfährt man); ihre Rückblenden auf die Probleme mit Mann und Sohn waren mir schlicht zu viel. Doch dieses wortreiche Abschweifen von dem, worum es eigentlich gehen sollte – sich der Sucht zu stellen – ist natürlich typisch für Alkoholiker und insofern eben auch ausgesprochen realitätsnah.

Lucy, 35, fährt angetrunken in eine Leitplanke. Der zweijährige Sohn auf dem Rücksitz bleibt zwar unverletzt, doch sie selber kriegt einen gehörigen Schreck (Schuldgefühle inklusive). Auf Betreiben ihrer Freundin Marie geht sie in eine Entwöhnungsklinik. "Sie sind nicht sehr freundlich gewesen zu ihrem Körper", fasst die einweisende Ärztin den Alkoholismus schön zusammen.

Ein Klinikeintritt bedeutet nicht, dass man bereit ist, sich der Sucht zu stellen und das Nötige zu tun, um davon loszukommen bzw. sie zum Stillstand zu bringen. Lucys Widerstände sind mannigfaltig, ihr differenziertes. kritisches Denken, das sie vornehmlich zum Rationalisieren ihrer Skepsis einsetzt, stehen einer Genesung im Weg. Sie hat einen Rückfall, wird jedoch nicht rausgeschmissen.

Sie nimmt an Treffen der Anonymen Alkoholiker teil, hört Hilfreiches von der Therapeutin, die ihr rät, in den Körper, ins Hier und Jetzt zu kommen. "Der Körper kennt keine Vergangenheit. Und keine Zukunft. Er ist immer gegenwärtig. In jeder Sekunde sterben Zellen und es bilden sich neue. Je besser Sie lernen, sich in Ihrem Körper zu verankern, umso weniger kann die Angst Sie überfluten. Ihr Körper holt Sie zurück auf den Boden. Üben Sie, ihn zu spüren. einfach irgendwo anfangen. Bei den Händen zum Beispiel." Es sind vor allem solche Stellen, welche die Lektüre für mich lohnen.

Bewölkt aber trocken überzeugt vor allem als Dokument des Sich-Nicht-Ändern-Wollens. Nichts, das die Protagonistin nicht kritisiert. "Alles, was  in der Gruppe passiert, bleibt hier im Raum", sagt die Therapeutin nach einem Gruppentreffen. Ein Standardsatz, der bei den Meetings der Anonymen Alkoholiker regelmässig zu hören ist. Es ist eine Aufforderung an alle Teilnehmenden, doch Lucy, weit weg von jeder Eigenverantwortung, fragt sich, wie die Therapeutin das bloss garantieren will.

Therapeuten haben den Vorteil der Distanz und können so Muster erkennen, die denen, die zu nahe dran sind, meist entgehen. Lucy wollte nie so sein, wie ihre trinkende Mutter. "Kinder sind wie Spiegel", sagt die Therapeutin einmal. Möglicherweise habe ihre Mutter sich selbst gesehen.

Wie alle Alkoholiker ist Lucy feige, weicht aus, konfrontiert sich nicht mit der Lebenswirklichkeit. Bevor sie eine Entscheidung treffe, so die Therapeutin, müsse sie auch die Konsequenzen kennen. Ein Leben ohne Alkohol bedeute: "Kein Sicherheitsnetz mehr. Sie werden Angst haben. Sich einsam fühlen. Wütend sein. Alles, was zum Leben gehört." Kein Wunder, gelingt den wenigsten, der Sucht Paroli zu bieten.

Schlussendlich traut sich Lucy, zu fühlen, was sie fühlt und zu sagen, was sie denkt. Sie hat den Mut zur Eigenverantwortung. Und macht die Erfahrung, dass wenn sie sich ändert, auch die Menschen um sie herum sich ändern.

PS: Der Kondukteur im Zug wirft einen Blick auf den Buchumschlag und so frage ich ihn, was er glaube, wovon das Buch wohl handle. Offenbar vom Wetter, meint er. Ich nicke nur und denke so für mich: Jeder Kontext ist wieder anders, die Vorstellungen, die wir der Welt überstülpen, höchst individuell. 

Marion Zechner
Bewölkt aber trocken
Leykam Verlag, Wien 2021

Dienstag, 15. Juni 2021

Die Wurzeln des Glücks

Wie die Natur unsere Psyche schützt lautet der Untertitel und ist auch der Grund, weswegen ich mich für dieses Buch interessiere. Ich habe schon viel über das Verhältnis Natur und Mensch gelesen und darunter viel Anregendes, doch der Begriff der "Naturdefizit-Störung" von Richard Louv war für mich neu. "Er beschreibt den Preis, den der Mensch angesichts seiner mangelnden Verbindung zur Natur zahlt: eine Unterentwicklung der Sinne, Konzentrationsschwierigkeiten und die Zunahme von körperlichen und seelischen Krankheitsbildern." Diese Abspaltung, die auch in vielen anderen Bereichen charakteristisch für den modernen Menschen ist, scheint mir die Hauptkrankheit unserer Zeit.

"Doch trotz unserer Entfremdung beziehen wir uns noch immer auf die Natur. Sogar im Internet: 'Web' ('Netz'), 'Stream' ('Strom/Fluss'), 'Bug' (Käfer'). Linguistisch und mental sind wir stark mit der Natur verwoben ...". Dies auch praktisch zu erfahren, ist natürlich noch einmal etwas anderes. "Kein Arzt hatte mir 'Natur' verschrieben oder mir angeraten, Zeit im Freien zu verbringen. Ich war mehr oder weniger darüber gestolpert. Doch ich stellte zusehends fest, dass ich die Natur brauchte und ähnlich von ihr Gebrauch machte wie vom Alkohol, der mich früher benebelt hatte. Grosses Plus: Von der Natur bekommt man keinen Kater."

Bereits in den 1760ern habe man geglaubt, dass die Erde sich positiv auf psychisch Kranke auswirken würde. Dass Erde in der Tat wohltuend ist, wissen auch Kinder. "Alle Babys, die man sich selbst überlässt, essen Erde", so Graham Rook, emeritierter Professor und medizinischer Molekularbiologe vom University College London. Auch Erwachsene schätzen den erdigen Geruch nach einem Regenschauer, wenn die Pflanzen bestimmte Öle in die Luft abgeben. Geosmin heisst die organische Verbindung, die für den metallischen Geruch der Erde verantwortlich ist.

Dass sich die Natur positiv auf unser Wohlbefinden auswirkt, lässt sich übrigens messen. Roger Ulrich, Architekturprofessor des schwedischen Center for Healthcare Architecture Research der Chalmers University of Technology, hat herausgefunden, dass bei Patienten, die nach der OP auf Bäume blicken konnten, kürzere Krankenhausaufenthalte, weniger negative Vermerke der Pfleger sowie geringere Schmerzmitteldosen die Folge waren.

Schon einmal von E.O. Wilson gehört? Mir war er bislang als Sozialbiologe bekannt, der sich vor allem mit Insekten befasst hat. Jetzt lerne ich (und das ist höchst spannend erzählt), dass er als junger Teenager ein Auge verlor, so dass ihm nur noch ein kurzsichtiges Auge blieb und er deswegen seine Vogel-, Frösche- und Bären-Beobachtungen aufgeben und sich Wesen zuwenden musste, die sich aus der Nähe betrachten liessen. Und so begann seine Erforschung der Ameisen, die ihn weltberühmt machen sollte.

In seinem 1984 erschienen "Biophilia" befasste er sich mit der Frage, ob die Menschheit mit der Ausbeutung der Natur ihre geistige Gesundheit verliert. "Wenn eine unserer Hauptaufgaben darin bestand, so Wilson, geeigneten Lebenstraum zu finden, ist es sehr wahrscheinlich, dass unsere Gehirne und Sinne dafür hilfreiche Charakteristika herausgebildet haben. Der moderne Mensch – Sie, ich, wir alle – kommt nicht auf die Erde, als stiege er aus einem Zug. Unser Fleisch und Blut und unsere DNA und Gedanken und Vorlieben werden von der Vergangenheit geprägt." Sich auf diese Einsicht wirklich einzulassen, bedeutet, das Leben zu verstehen: Unsere Existenz ist eingebettet in ein grösseres Ganzes.

Es gibt ja heute kaum mehr ein Phänomen, zu dem nicht geforscht wird. Lucy F. Jones erwähnt auch den Psychologen Dacher Keltner von der University of California in Berkeley, der die Emotion des Staunens untersucht hat. "Wenig überraschend stellte Keltner fest, dass Staunen zu gesteigertem Glücksempfinden führt und Stress reduziert." Staunen, es versteht sich, kann man über das, was man wahrnimmt bzw. wahrnehmen kann. Schwinden die Lebensräume, schwinden auch die Möglichkeiten des Staunens und der Welterfahrung. Staunen hat auch das Potential, unser Interesse von uns selbst weg, zu anderen hin zu führen. Und ist damit ein Gegenmittel gegen den grassierenden Narzissmus, der sich auch oft in Süchten entlädt, bei denen das Kreisen ums eigene Ego zentral ist.
 
Die Forschung zeige, so Lucy F. Jones, dass wir alle zum Erhalt unserer geistigen Gesundheit in irgendeiner Form auf die Natur angewiesen sind. "Ohne Zugang zu naturbelassenen Landschaften und der gesamten Bandbreite an Biodiversität, zu Blumen, Pflanzen, Tieren und Bäumen, können wir uns sehr viel weniger effektiv erholen, Ruhe und psychische Nahrung finden." Es gilt einzuhalten und dies zu bedenken. Jetzt, denn uns rennt die Zeit davon, wie Klimaforscher und Wissenschaftler uns schon lange predigen.

Die Wurzeln des Glücks ist eine faszinierende, informative und überaus anregende Lektüre.

Lucy F. Jones
Die Wurzeln des Glücks
Wie die Natur unsere Psyche schützt
Blessing, München 2021

Dienstag, 1. Juni 2021

Borderline und Narzissmus

Von den vielen Büchern über Borderline, die ich gelesen habe, ist dies erst das zweite, das im Titel Borderline und Narzissmus zusammenbringt, obwohl die Verbindung doch, jedenfalls in meiner Vorstellung, offensichtlicher kaum sein könnte: Eine von Impulsen dirigierte Gefühlsachterbahn, gekoppelt mit einer Unfähigkeit zur Empathie, dabei süchtig nach Bestätigung, das jedes Mass sprengt. Und nicht zu vergessen: Wut, Hass und ein Sich-An-Schuldzuweisungen-Klammern, das einem den Schnauf abdreht.

Borderliner suchen hauptsächlich Liebe, Narzissten Bewunderung und Schizoide Sicherheit, so die Gestalttherapeutin Elinor Greenberg. Dass sie diese drei Störungen zusammen nimmt, erachte ich als sehr sinnvoll, ist doch für alle drei die Abspaltung charakteristisch. Wie unterschiedlich sich diese manifestiert, erfährt man in diesem Buch. Und auch wie man darauf sinnvoll regiert. Das Buch richtet sich an Therapeuten und Therapeutinnen. Wie sich Persönlichkeitsstörungen ausserhalb des geschützten Therapie-Raums manifestiert, ist noch einmal eine andere Geschichte.

Doch was ist eigentlich eine Persönlichkeitsstörung? Elinor Greenberg zieht den Begriff "Persönlichkeitsanpassung" vor "um zu betonen, dass der Ursprung dieser Schwierigkeiten in kreativen Anpassungen an eine schwierige Kindheitssituation liegt." Charakteristisch für die Betroffenen ist, dass sie sich selbst und andere durch eine extrem polarisierte Brille sehen, also entweder als rundum gut oder rundum schlecht. Auch fehlt ihnen die Objektkonstanz. "Ohne die Fähigkeit, gilt buchstäblich das Prinzip 'Aus den Augen, aus dem Sinn'." Überdies projizieren sie von den Eltern nicht erfüllte Bedürfnisse auf ihr Gegenüber, reagieren wütend, wenn diese die ihnen zugedachte Rolle nicht spielen wollen, lassen jedoch nicht davon ab, diesen besonderen Menschen zu suchen, den sie in der Kindheit entbehren mussten.

Die Behandlungsvorschläge, die Elinor Greenberg macht, richten sich daran aus, dass der Therapeut dem Klienten zu lernen hilft, "Freude an sich selbst zu haben." Borderliner sind gefühlsmässig in der Kindheit steckengeblieben, da sie in der Regel emotional dafür belohnt wurden, sich nicht von ihren Eltern abzulösen. Oder sie wurden mit Liebesentzug und Beschimpfungen bestraft, wenn sie es trotzdem versuchten. Und was macht nun der Therapeut oder die Therapeutin? Sie ermuntert sie (unter anderem), sich dem Schmerz zustellen. Ein trockener Alkoholiker gab dazu einmal diesen Rat: "Ich lasse es wehtun. Und mit jedem Mal ist der Schmerz ein wenig schwächer."

Schaffen Sie ein sicheres, verlässliches Umfeld, Finden Sie einen angemessenen Umgang mit Wut, Übernehmen Sie bei Bedarf Hilfs-Ich-Funktionen, Fördern Sie die Ich-Entwicklung, Ermutigen Sie zu Ablösung und Individuation, Selbstwertgefühl aufbauen, Ändern Sie allzu strafende Über-ichs und negative Introjekte, Nutzen Sie eine angemessene Art der Konfrontation, Finden Sie Ihren Klienten oder Ihre Klientin liebenswert. So lauten die 10 Punkte, die bei der Behandlung von Borderline-Patienten zur Anwendung kommen sollten. Es handelt sich hier nicht um eine abschliessende Liste. "Es wäre unmöglich, alles aufzulisten, was ich tue, zumal meine besten Interventionen spontan sind." Was die aufgeführten Punkte klar machen, ist vor allem, dass Elinor Greenberg auch nur mit Wasser kocht. Wie so recht eigentlich alle, die Borderliner zu therapieren versuchen.

"All das verlangt Therapeuten eine Menge ab", hält sie fest. Das ist zweifellos richtig, zutreffender wäre allerdings zu sagen, dass Borderliner Therapeuten schlicht überfordern. Übrigens nicht nur Therapeuten, sondern auch Partner, Freunde und Familienangehörige, und zwar in weit höheren Masse, also fast rund um die Uhr und nicht nur ein-, zweimal die Woche für eine Stunde. Die Borderline-Anpassung nimmt übrigens den weitaus grössten Teil dieses Buches ein. 

Elinor Greenberg unterscheidet den gesunden Narzissmus vom defensiven oder pathologischen Narzissmus, bei dem "das Selbstwertgefühl der Person von der Meinung anderer abhängt." Die Gründe werden wie üblich in der Kindheit verortet. Das Bemühen des Therapeuten sollte sich auf eine realistische Selbsteinschätzung des Klienten zubewegen. Dies geschieht wesentlich dadurch, dass seine Stärken und Erfolge betont und seine negativen Selbsteinschätzungen in Frage gestellt werden.

Sehr schön beschreibt die Autorin wie wir alle in einem Kontakt-Rückzug-Zyklus gefangen sind, der so charakterisiert werden kann: Gewahrwerden – Verlangen – Handlung – Kontakt – Übersättigung – Rückzug. "Aber was geschieht, wenn wir Angst vor dem haben, wonach es uns am meisten verlangt?" Und vor allem: Was tun wir dann? Aktiv in die Therapie eingebunden zu werden, stösst mitunter auf Widerstand, was die Therapeutin Greenberg schon mal dazu bewegt, das Handtuch zu werfen. An diesem Punkt jedoch geschieht manchmal Faszinierendes ...

Elinor Greenberg
Borderline und Narzissmus
Wie Menschen nach Liebe und Bewunderung streben
Kösel Verlag, München 2021

Samstag, 15. Mai 2021

Unter freiem Himmel

"Eine Anleitung für ein Leben in der Natur", so der Untertitel dieses sehr schön gestalteten Buches von Markus Torgeby, mit mich sehr ansprechenden Fotografien von Frida Torgeby. Doch wieso interessiert mich so ein Werk, da es mich selber überhaupt nicht danach verlangt, in der Natur zu leben? Neugier auf des Autors Motivation und auch darauf, was ihn dieses Leben lehrt.  "So lasst uns also unser Leben begreifend verbringen", habe ich als Jugendlicher in Henry David Thoreaus "Walden" gelesen. Es gilt für mich nach wie vor.

Draussen scheint Markus Torgeby alles einfach. "Mich plagten keine Zweifel, ich fühlte mich nicht komisch. Wenn ich im Meer schwamm und im Wind segelte, wurde mir klar, dass es etwas gab, das ich nie kontrollieren konnte: Ich konnte mich nur unterordnen, Die Natur war eine Schule, die ich mochte, mit anderen Fächern als Schwedisch, Mathematik und Religion."

Es sind solche Sätze, die mich innehalten lassen. Der Zweck der Schule ist es, uns zu nützlichen Gliedern der Gesellschaft werden zu lassen. Wir werden nicht gefragt, ob uns das passt oder entspricht oder ob wir uns wohlfühlen; von uns wird erwartet, dass wir uns ins System einfügen, dass wir gehorchen. 

Markus Torgeby liegt das nicht. Er verlässt die Insel, wo er aufgewachsen ist, geht weg von der Krankheit seiner Mutter, seinen spirituellen Zweifeln und dem ständigen Genörgel seiner Oma. Neunhundert Kilometer im Norden von Göteborg beginnt er eine Ausbildung zum Pfleger und entschliesst sich unter einem Baumwolltuch im Wald zu wohnen.

"Mir gefiel die Idee, vollständig auf mich allein gestellt zu sein, wenn viel auf dem Spiel stand und alles schief gehen konnte." Er lebt ohne Radio und Fernsehen, versucht, sich zuzulassen und merkt, dass es okay ist, wenn er nicht alles kontrollieren kann und dass es in seinem Kopf immer "einen Raum voller Angst, Furcht und Kleingeistigkeit" geben würde. "Das Nichtstun sorgte dafür, dass mein Kopf endlich auf meinem Körper landete."

Unter freiem Himmel ist ein Lehrstück in Sachen Akzeptanz. Seine Angst vor der Dunkelheit lässt sich nicht vertreiben, doch sich nicht gegen sie zu wehren, macht sie erträglich. Er lebt sehr körperlich: Läuft durch die Sümpfe, schwimmt, klettert auf Bäume; im Winter ist er auf breiten Tourenskiern unterwegs, spaltet Holz, holt Wasser. "Ich machte alles in gemächlichem Tempo, hatte viel Zeit zum Nachdenken." Ich fühlte mich an das buddhistische Slow down time erinnert. 

Wir streben nach Glück, anstatt nach Sinn und das sei das Problem, so Markus Torgeby. Doch was hindert  uns, dieses anzugehen? Und überhaupt: Was genau ist es? Für ihn sei es ein Zuviel von allem gewesen, schreibt er. Zu viel Unruhe, zu viele Eindrücke. "Die Lösung bestand darin, nahezu sämtliches Input aktiv zu beseitigen. Das war nicht einfach, und es hat einige Zeit gedauert, aber für manche Probleme gibt es einfach keine schnellen Lösungen."

Unter freiem Himmel ist auch praktische Anleitung und informiert über die richtige Fussbekleidung, Schlafsack, Messer, Wolle, Axt, essbare Pflanzen und anderes mehr. Markus und Frida Torgeby leben heute mit ihren drei Töchtern in zwei Welten, auf einer umgebauten Alm in Jämtland, wo sie Strom haben, aber mit Holz heizen, und einem kleinen Haus in Öckerö. "Das Leben ist keine gerade Autobahn, es ist ein Waldpfad mit Wurzeln und Steinen, bergauf, bergab, durch Sumpfgebiete und über Bäche."

Fazit: Berührend und inspirierend, mit höchst gelungenen Fotos.

Markus Torgeby
Unter freiem Himmel
Eine Anleitung für ein Leben in der Natur
Heyne Hardcore, München 2021

Samstag, 1. Mai 2021

Wir müssen alle sterben

Jasmin Schreiber, Jahrgang 1988, schreibt ein Buch "Über das Leben, das Sterben und den Tod – und was ein Hamster damit zu tun hat." Und in mir denkt es: Was will mir eine junge Frau darüber schon sagen, sie soll zuerst einmal leben, ein paar Erfahrungen machen und so weiter. Und dann steht im Klappentext noch "gefeierte Bestsellerautorin", was für mich gleichbedeutend ist mit Mainstream (und wer will da schon dazugehören?). Gleichzeitig denkt es aber auch dies in mir: Bin neugierig, wie sie das sieht, bestimmt anders als ich. Und dann beginne ich zu lesen und bin sofort ganz begeistert. Wegen der Sprache, dem Stil und dem Rhythmus. Und weil ich einiges lerne.

Die Autorin ist studierte Biologin und ihre Betrachtungsweise eine biologische. "In diesem Buch möchte ich zeigen, wieso der Tod unschön ist, wir ihn aber trotz allem brauchen." So habe ich es noch nie gesehen, was womöglich auch daran liegt, dass ich mich bislang nicht mit Biologie auseinandergesetzt habe. Übrigens: Hermine ist ein Zwerghamster, lebte 2,5 Jahre, musste dann wegen schwerer Krankheit eingeschläfert werden – sehr berührend, wie das geschildert wird – und eignet sich, so die Autorin, "hervorragend dazu, Leben und Tod zu erklären."

 Dass wir aus Zellen bestehen, wusste ich, dass diese sich teilen, ebenfalls, doch Zelldifferenzierung? Zellen unterscheiden sich, eine Nierenzelle hat eine andere Aufgabe als eine Blutzelle. Dass Zellen absterben, war mir auch bekannt, doch falsch sei, so erfahre ich, "dass sich der menschliche Körper alle sieben Jahre komplett erneuere." Wobei: Es ist so ähnlich. Wie genau, darüber gibt dieses Buch Auskunft.

Wir Menschen sind zwar Teil der Natur, doch erleben wir uns getrennt von ihr. Das liegt an unserem Denken, das in Kategorien von gut und böse, traurig und grausam operiert. Solche Zuordnungen kennt die Natur nicht. "Alles ist darauf ausgerichtet, ohne moralische Wertung und möglichst effizient, die jeweilige Aufgabe zu erfüllen, sodass ein gut funktionierendes ökologisches Gleichgewicht herrscht."

Doch obwohl der Tod eine biologische Notwendigkeit ist ("Gäbe es den Tod nicht, würden wir uns entweder mit uralten und kaum funktionierenden Zellen eher schlecht als recht herumschleppen, oder wir wären durch die Gegend suppende Zellhaufen, die immer grösser werden würden."), tun wir uns gleichwohl schwer, ihn zu akzeptieren. Jasmin Schreiber bringt das Dilemma auf den Punkt: "... habe ich keine Lust zu sterben. Und dennoch ist mir klar, dass ich in keiner Welt leben wollte, in der es keinen Tod gäbe." 

Jasmin Schreiber schreibt anschaulich und witzig: Und sie kennt ihre Grenzen, weiss, dass man nicht sagen kann, wie man stirbt, trotz aller Erkenntnisse. Doch sie denkt auch über den Tellerrand hinaus und weist etwa darauf hin, dass man früher Friedhöfe oft auf Anhöhen anlegte, weil man der Meinung war, Leichen würden giftige Ausdünstungen absondern. "Man glaubte, dass diese Leichengase Krankheiten übertragen könnten, von Bakterien, Viren oder Pilzsporen, hatte man damals noch nicht einmal eine unscharfe Ahnung." Händewaschen und Desinfektion hielt man  übrigens bis weit ins 19. Jahrhundert für "unseriösen Humbug."

Sich mit biologischen Prozessen vertraut zu machen – und darum geht es hauptsächlich in diesem Buch – , trägt dazu bei, Leben und Tod als das zu begreifen, was sie so recht eigentlich sind  natürliche Vorgänge. Sich dagegen zu wehren, ist nicht nur aussichtslos, sondern auch ziemlich blöd. Doch auch Blödheit gehört zum Menschen. Dies zu akzeptieren, hat durchaus das Potential, uns mit der eigenen Sterblichkeit zu versöhnen. Gelegentlich.

Jasmin Schreiber
Abschied von Hermine
Über das Leben, das Sterben und den Tod
 – und was ein Hamster damit zu tun hat
Goldmann, München 2021