Mittwoch, 8. Juli 2026

Zeit und Mensch

Als Vielleser und an Alltagsphilosophie (damit meine ich: Philosophie, die meinen Alltag bereichert bzw. erträglicher macht) interessierter Zeitgenosse, stösst man selten auf Werke, für die man sofort warm wird. Zu diesen gehört für mich Mensch und Zeit. Das liegt nicht nur an des Autors unprätentiöser Sprache, es liegt auch daran, dass die hier präsentierten Gedanken von praktischer Relevanz sind, was bei akademisch geschulten Leuten doch eher selten ist.

Mein Ausgangspunkt: Für mich ist Zeit eine Illusion, eine manchmal nützliche und dann wieder eine, die uns terrorisiert. Sie dient wesentlich der Orientierung, ohne sie scheinen wir nicht auszukommen. Dazu kommt: Wir scheinen ein Zeitgefühl in uns zu haben, die einzelnen Mitglieder eines Orchesters könnten sonst nicht zusammen musizieren.

Gibt es nur eine Zeit oder viele Zeiten?, fragt Autor Udo Marquardt, und führt dann ein Experiment an, das zeigt, dass wir uns nicht auf unser Zeitgefühl verlassen können, doch dass unser Körper zuverlässig wie eine Uhr tickt. Was mir wieder einmal in Erinnerung ruft, was alle Piloten wissen: Sich nicht auf sein Gefühl, sondern auf die Instrumente verlassen (in der Hoffnung natürlich, dass diese auch verlässlich funktionieren).

Udo Marquardt, der über die aristotelische Zeittheorie promovierte (weshalb diese denn auch prominent vorkommt), schreibt seit fast 30 Jahren für den Hörfunk über Philosophie, was Verständlichkeit erfordert und diesem Buch zugute kommt. Ich werde hier nicht Struktur und Inhalt wiedergeben, sondern auf Aspekte hinweisen, die mich Neues gelehrt haben bzw. über die ich noch gar nie nachgedacht habe.

Die Vorsokratiker (am Rande: Herausgeber Wather Kranz wurde 1884 geboren, nicht 1848) haben den Kosmos als im ständigen Werden begriffen. Dahinter liege eine Welt der Dauer, und nur diese sei wirklich, argumentierten sie. "Hinter der Bewegung liegt das Bewegungslose, hinter der Veränderung das Bleibende, hinter der Zeit die Ewigkeit." Und von Platon erfahre, dass seine Ideenlehre im Kern eine Erkenntnistheorie sei, "die erklären soll, wie wir in der Lage sind, etwas über die Welt zu erfahren. Wie gelingt es uns, Hunde als Hunde zu identifizieren, obwohl sie doch teilweise sehr unterschiedlich aussehen? Und wie unterscheiden wir sie von Katzen? Eben dadurch, dass wir mit unserem Geist in der Lage sind, die Idee hinter dem einzelnen Kläffer zu entdecken. Die Theorie erklärt auch, wie das Neue in die Welt kommt. Wir stossen sozusagen auf eine Idee, die bis dahin unentdeckt war." Solcher  Einsichten wegen lese ich Bücher.

Im Gegensatz zur Ideenlehre Platons, verortete Aristoteles das Denken in der Erfahrung. Er argumentierte, "das Jetzt sei kein Teil der Zeit, weil man mit Teilen das Ganze messen könne (....) Jetzt+Jetzt+Jetzt ergibt weder Vergangenheit noch Zukunft." Es wird dann noch weit komplizierter. Jedenfalls: Die praktische Relevanz hat sich mir entzogen. Zudem: "Unsere Sprache ist darauf angewiesen, die Dinge, die wir sagen wollen, zeitlich zu ordnen und zu strukturieren. Mehr noch: Das Sprechen selbst braucht Zeit. Sprache ist deshalb nur ein unzureichendes Werkzeug, um die Ewigkeit zu beschreiben." Ich staune wieder einmal, wie wenig uns unsere Einsichten beeinflussen, denn nichtsdestotrotz versuchen wir mit der Sprache zu fassen, was mit der Sprache gar nicht erfasst werden kann.

Da ich nicht den Anspruch erhebe, die Absichten des Autors zu ergründen, konzentriere ich mich darauf, wie Zeit und Mensch auf mich wirkt bzw. was es bei mir auslöst. Ich lese es als eine Geschichte der Ideen, auch natürlich, weil ich mir unter einer Kulturgeschichte nichts Rechtes vorstellen kann, Diese Ideen sind eingebettet in viel Biografisches, was dieses Werk wunderbar lesbar macht, wobei ich mich allerdings immer mal wieder gefragt habe, woher man wirklich wissen kann, was vor ganz, ganz vielen Jahren geschehen sein soll. Nicht, dass ich daran Anstoss nehmen würde, doch allzu ernst kann ich es eben auch wieder nicht nehmen. Das ist auch gar nicht nötig, denn ich erlebe Zeit und Mensch höchst stimulierend.

 "Die kopernikanische Wende .... war die Abkehr vom Augenschein hin zu von der Vernunft geleiteten Erkenntnisprinzipien." Eine Einsichts, die unser Selbstverständnis so recht eigentlich erschüttern müsste, sagt sie uns doch, dass die Welt bzw. das Universum weit mehr und anders ist, als uns unser Sehen und Fühlen vermitteln kann. Beobachten lassen sich jedoch sowohl die Gedanken als auch die Anschauung.

Viele der in diesem Werk aufgeführten Denker sind mir meist nur dem Namen nach geläufig (etwa Zenon oder Plotin), von einigen weiss ich ein wenig (Kant und Einstein), von anderen habe ich noch gar nie gehört, wie John McTaggart Ellis McTaggart (John McTaggart ist der Vorname!), der eine sprachliche Unterscheidung machte, die von der Position des Sprechers in der Zeit handelt. Dieser Auffassung stehen die Vertreter des Eternalismus entgegen, für die eine Aussage für alle Ewigkeit entweder wahr oder falsch ist. Womit wir bei einer grundsätzlichen Frage angelangt sind: Ist alles bereits vorbestimmt? In diesem Falle wäre der freie Wille eine Illusion, was natürlich die meisten nicht wahrhaben wollen, auch weil das etwas zu arg an unserem Selbstbild rüttelt.

Udo Marquardt lässt sicht jedoch nicht von abstrakten Gedanken gefangen nehmen, sondern kommt zu einem praktisch-pragmatischern Schluss. "Zeit, das ist meine These, ist Leben, und zwar das Leben jedes einzelnen Menschen. Ich habe meine Zeit. Und Sie, liebe Leserin, lieber Leser, haben ihre Zeit. Es gibt so viele Zeiten, wie es Menschen gibt (...) Solange wir Zeit haben, leben wir. So lange wir leben, haben wir Zeit."

Fazit: Vielfältig anregend, erfreulich persönlich und von praktischer Relevanz.

Udo Marquardt
Zeit und Mensch
Facetten einer Kulturgeschichte
Schwabe Verlag, Basel 2024

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